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Die maskierte Stadt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. HANDBUCH FÜR DEN BIBLIOTHEKARSSTUDENTEN
    1. EINFÜHRUNG
    2. DIE ELFEN – IHRE AUSRICHTUNG AUF DAS CHAOS UND IHRE KRÄFTE
    3. DIE ELFEN – IHRE WELTEN
    4. ELFEN ODER DRACHEN – DAS FÜR UND WIDER
    5. DRACHEN – IHRE AUSRICHTUNG AUF DIE ORDNUNG UND IHRE KRÄFTE
    6. DIE BIBLIOTHEK – WIE SIE DAS GLEICHGEWICHT AUFRECHTERHÄLT
  7. PROLOG
  8. ERSTES KAPITEL
  9. ZWEITES KAPITEL
  10. DRITTES KAPITEL
  11. VIERTES KAPITEL
  12. FÜNFTES KAPITEL
  13. SECHSTES KAPITEL
  14. Erstes Intermezzo – Kai gefangen gesetzt
  15. SIEBTES KAPITEL
  16. ACHTES KAPITEL
  17. NEUNTES KAPITEL
  18. ZEHNTES KAPITEL
  19. ELFTES KAPITEL
  20. ZWÖLFTES KAPITEL
  21. Zweites Intermezzo – Kai im Turm
  22. DREIZEHNTES KAPITEL
  23. VIERZEHNTES KAPITEL
  24. FÜNFZEHNTES KAPITEL
  25. SECHZEHNTES KAPITEL
  26. SIEBZEHNTES KAPITEL
  27. ACHTZEHNTES KAPITEL
  28. NEUNZEHNTES KAPITEL
  29. ZWANZIGSTES KAPITEL
  30. EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  31. ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  32. DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  33. VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  34. FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  35. SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  36. SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
  37. Geheimnisse der Bibliothek - Insider-Informationen über die unsichtbare Bibliothek und ihre Agenten
  38. IRENES BUCHDIEBSTÄHLE
    1. Agamemnon von William Shakespeare
    2. Die Skjöldunga saga
    3. Der Leuchtturm von Edgar Allan Poe
    4. Eine Geschichte von loyalen Helden und rechtschaffenen Kavalieren von Shi Yukun
    5. Lady Catherines Verweigerung von Jane Austen
  39. DIE LEGENDEN DER BIBLIOTHEK
  40. EIN INTEVIEW MIT DER AUTORIN
  41. DANKSAGUNGEN

Über dieses Buch

Irene Winters ist Agentin der unsichtbaren Bibliothek, die jenseits von Raum und Zeit als Tor zwischen den Welten existiert. Sie hat gerade auf einer zwielichtigen Auktion ein seltenes Buch erworben, als sie und ihr Assistent Kai überfallen werden. Zu spät erkennt Irene, dass es nicht um das Buch, sondern um Kai geht. Er wird entführt, ohne dass Irene es verhindern kann. Die Spur der Verbrecher führt in ein dunkles Venedig des immerwährenden Karnevals. Ein Ort der Masken und Geheimnisse. Und des Todes …

SPANNEND WIE BEN AARONOVITCH, ORIGINELL WIE JASPER FFORDE UND RAFFINIERT WIE KAI MEYER

Über die Autorin

Genevieve Cogman hat sich schon in früher Jugend für Tolkien und Sherlock Holmes begeistert. Sie absolvierte ihren Master of Science (Statistik) und arbeitete bereits in diversen Berufen, die primär mit Datenverarbeitung zu tun hatten. Mit ihrem Debüt Die unsichtbare Bibliothek sorgte sie in der englischen Buchbranche für großes Aufsehen. Genevieve lebt im Norden Englands.

GENEVIEVE COGMAN

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HANDBUCH FÜR DEN BIBLIOTHEKARSSTUDENTEN

Auszug aus einem Unterrichtsdokument über die Orientierung in den verschiedenartigen Welten

Abteilung 2.1, Version 4.13

Autorin: Coppelia; Redakteur: Koschtschei;
Gutachter: Gervase und Ntikuma

Nur für autorisierte Mitarbeiter bestimmt

EINFÜHRUNG

Inzwischen werden Sie die Grundausbildung absolviert haben und entweder zusammen mit einem erfahreneren Bibliothekar im Außendienst tätig sein oder sich auf einen solchen Einsatz in der Praxis vorbereiten. Dieses vertrauliche Dokument stellt eine tiefergehende Untersuchung zur Position der Bibliothek sowohl die Elfen als auch die Drachen betreffend dar. Es wird Ihnen helfen, zu verstehen, weshalb wir uns keiner der beiden Seiten anschließen.

DIE ELFEN – IHRE AUSRICHTUNG AUF DAS CHAOS UND IHRE KRÄFTE

Sie werden sich der Gefahr bewusst sein, welche die Elfen für die Menschheit darstellen. Sie gewinnen ihre Lebenskraft aus den emotionalen Interaktionen mit Menschen, durch die wir sie nähren. Und sie nehmen jeden anderen als sich selbst – Menschen, aber tatsächlich auch andere Elfen – als bloße Mitwirkende in ihrer eigenen persönlichen Lebensgeschichte wahr, die lediglich Hintergrundrollen ausfüllen. Genau hier haben wir eine interessante Feedbackschleife. Je dramatischer die Elfen ihre persönliche Lebensgeschichte zu gestalten vermögen (indem sie beispielsweise die Rolle eines Bösewichts, Schurken oder Helden spielen), desto mehr Macht können sie – als Individuum – gewinnen. Und je mächtiger sie sind, desto stereotypischer wird dieses Rollenspielverhalten. Als Resultat all dessen ist zu beobachten, dass die Sichtweise eines Elfen im Verlaufe der Zeit immer soziopathischer* wird.

Hinsichtlich anderer Gefahren lässt sich sagen, dass die Elfen bestimmte Kräfte aufweisen: Diese reichen von der Begabung, sich selbst in einen einfachen Glanz-Zauber zu kleiden (um die menschliche Wahrnehmung ihrer Person zu beeinflussen), bis hin zu der Fähigkeit, diejenigen emotional zu manipulieren, die sich in ihrer Nähe befinden. Darüber hinaus zeigen mächtige Elfen gelegentlich spezielle magische oder körperliche Kräfte, die von dem persönlichen Archetypus oder Stereotyp abhängen, für dessen Übernahme sie sich entschieden haben.

DIE ELFEN – IHRE WELTEN

Die bekannten Welten werden anhand einer Skala klassifiziert, die von völliger Ordnung bis zum absoluten Chaos reicht. Und je weiter wir in die Welten hineinreisen, die vom Chaos beeinflusst sind, desto mehr Elfen können dort angetroffen werden. In den vom Chaos beeinflussten Welten besteht natürlich das Risiko, dass Menschen einer Chaos-Kontamination ausgesetzt sind. Diese kann die Kräfte eines Bibliothekars beeinträchtigen oder ihn sogar daran hindern, wieder in die Bibliothek einzutreten. In solchen Welten, in denen Elfen vorherrschen, fungieren Menschen als Darsteller im Hintergrund. Deren Rollen reichen von Haustieren bis hin zu Nahrungsmitteln; und sie werden nur als Requisiten für die Psychodramen, Liebesgeschichten oder Rachefeldzüge betrachtet, denen sich die Elfen um sie herum hingeben – Körper und Geist dieser Elfen sind ganz und gar mit Chaos kontaminiert. Eigenwillige oder schwächere Elfen können imstande sein, mit einzelnen Bibliothekaren auf einer relativ »menschlichen« Ebene zu kommunizieren. Die mächtigeren Elfen werden dies entweder nicht wollen oder erst gar nicht dazu fähig sein. Hüten Sie sich davor, Bündnisse zu schließen, wenn allem Anschein nach freundliche Annäherungsversuche gemacht werden, da die Betreffenden trotzdem sehr elfenhafte Beweggründe für ihr Verhalten haben werden.

ELFEN ODER DRACHEN – DAS FÜR UND WIDER

Und weshalb, so fragen Sie sich vielleicht, verbünden wir uns dann nicht gleich mit den Drachen? Die Drachen stehen für die Ordnung – genauso wie die Elfen für das Chaos stehen. Sie repräsentieren die Wirklichkeit in der gleichen Weise, wie die Elfen Konzepte der Fiktion und Unwirklichkeit umarmen und von diesen gestärkt werden. Somit schätzen die Drachen das »Wirkliche« und die materielle Welt über alles andere und haben wenig Geduld, wenn es um Angelegenheiten und Gebilde der Fantasie geht. Warum also sollten wir nicht die materielle Wirklichkeit umarmen** wollen? Die Antwort darauf lautet, dass die Drachen auf ihre eigene Art genauso voreingenommen und nichtmenschlich in ihrer Sichtweise sind wie die Elfen.

DRACHEN – IHRE AUSRICHTUNG AUF DIE ORDNUNG UND IHRE KRÄFTE

Drachen mögen die materielle Welt repräsentieren – die Welt, die wir berühren können, wenn man es so ausdrücken will –, doch die materielle Wirklichkeit ist nicht freundlich.*** Sie ist rau, grausam und erbarmungslos. Die Kräfte der Drachen wurzeln im Reich des Materiellen: Sie können das Wetter, die Gezeiten, die Erde und so weiter kontrollieren. Drachen sind zudem äußerst pragmatisch in ihrer Denkweise und sehen es als unnötig an, über Demokratie, menschliche Selbstbestimmung oder vergleichbare Fantasiegebilde zu diskutieren – was darin begründet liegt, dass sie sich selbst nachweislich für die mächtigsten Geschöpfe in ihrem jeweiligen Umkreis halten. Sie glauben, dass sie dies automatisch dazu berechtigt, sich ihre Einflussbereiche zu unterwerfen. Das führt dazu, dass diejenigen Welten, in denen ein hohes Maß an Ordnung vorliegt, von den Drachen beherrscht werden – entweder offen oder hinter den Kulissen.

DIE BIBLIOTHEK – WIE SIE DAS GLEICHGEWICHT AUFRECHTERHÄLT

Die Bibliothek hilft, mittels ihrer Verbindungsstellen – den Türen zu den mannigfaltigen Parallelwelten – das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Diese Verbindungsstellen wurden durch die Entnahme von grundlegenden Büchern aus jenen Welten aufgebaut. Die Verknüpfungen der Bibliothek zu anderen Welten verhindern, dass diese zu schnell in Richtung Chaos oder Ordnung treiben; und eine in vernünftiger Weise stabile Umgebung für Menschen ist irgendwo in der Mitte realisierbar.**** Junior-Bibliothekare können schwer bestraft werden, wenn man sie dabei beobachtet, nicht autorisierte Abkommen mit den Elfen zu schließen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn diese Abkommen so zu verstehen sind, dass sie die äußerst wichtige Neutralität der Bibliothek untergraben – eine Unparteilichkeit, die um jeden Preis bewahrt werden muss. An dieser Stelle ist hervorzuheben, dass wir nicht hier sind, um Urteile darüber zu fällen, was »das Beste für die Menschen« ist. Den Menschen sollte es überlassen werden, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Der Zweck der Bibliothek ist es, die Menschen entweder vor der absoluten Wirklichkeit oder vor der absoluten Unwirklichkeit zu bewahren.

Und Sie werden diese Aufgabe erfüllen, indem Sie die nominierten Bücher einsammeln, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.

* Der Frage nachzugehen, ob es sich um eine Form der Soziopathie oder eine der Psychopathie handelt, würde den Rahmen des vorliegenden Unterrichtsdokuments sprengen.

** Im übertragenen Sinne gesprochen. Das Privatleben der Bibliothekare ist ihre eigene Angelegenheit.

*** Bibliothekare, die andere theologische Meinungen vertreten, werden darauf hingewiesen, dass ihre persönlichen Glaubensvorstellungen ebenfalls ihre eigenen Angelegenheiten sind.

**** Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass dies eine extrem simplifizierende Darstellung ist. Eine tiefgehende Erörterung würde jedoch den Rahmen des vorliegenden Unterrichtsdokuments sprengen und ein hohes Maß an Fachkenntnis in der Sprache erfordern.

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PROLOG

Smog und Schmutz hingen in der Londoner Luft. Zwar waren Kais Sinne besser als die eines Menschen – auch wenn er versuchte, sich nicht zu viel darauf einzubilden –, aber selbst er konnte nicht genauer als der durchschnittliche Londoner erkennen, was sich in den dunklen Gassen alles abspielte, die er gerade hinabblickte. Und sogar einheimische Londoner spazierten heute vorsichtig durch die engen Straßen hinter dem Bahnhof King’s Cross.

Aber wo das Verbrechen gedieh, erlebten auch die Detektive eine Blütezeit. Und er war hier, um sich mit Peregrine Vale zu treffen, einem Freund – und einem Streiter gegen das Verbrechen.

Er hielt inne, um das Fenster eines Pfandhauses zu studieren. Tatsächlich versuchte er die Vorgänge auf der Straße hinter ihm einzuschätzen. Obgleich er niemanden sehen konnte, der ihn gezielt verfolgte, war da etwas in der Luft, das ihn nervös machte – ein Vorgeschmack von Gefahr. Doch es gab nur sehr wenige Menschen, die in der Lage waren, einen Drachen, selbst in seiner menschlichen Gestalt, herauszufordern; und Kai rechnete nicht damit, auf irgendeinen von ihnen hier in den Hintergassen zu stoßen.

Vale hielt sich in einem Lagerhaus direkt um die Ecke auf. Kai war beinahe dort – und gleich würde er herausfinden, welche Art von Unterstützung Vale bei seinem Fall benötigte.

Auf einmal schrie jemand in der Nähe. Es war das Kreischen einer Frau, das echtes Entsetzen ausdrückte und urplötzlich mit einem jaulenden Husten abgeschnitten wurde. Kai drehte sich jählings um und spähte in den wabernden Nebel hinein.

Zwei Männer und eine Frau standen zusammengedrängt an einem Ende eines besonders feuchtkalten Durchgangs. Die Frau war von einem der Angreifer gepackt worden, der ihre Arme hinter ihrem Rücken festhielt, während der andere Kerl mit seiner Faust ausholte, um abermals zuzuschlagen.

»Lasst sie los«, befahl Kai mit ruhiger Stimme. Er konnte ohne Schwierigkeiten mit zwei Menschen fertigwerden. Selbst wenn sie Werwölfe sein sollten, wären sie keine wesentliche Gefahr. Allerdings würde das dazu führen, dass er sich verspätete.

»Verschwinde!«, knurrte einer der Männer wütend und wandte sich von der Frau ab, um Kai ins Gesicht zu schauen. »Das hier geht dich nichts an, und es ist auch nicht dein Stadtteil.«

»Es geht mich etwas an, wenn ich mich dafür entscheide, dass es mich etwas angeht.« Kai schritt durch die Gasse auf die kleine Gruppe zu und schätzte automatisch die zwei Kerle ein, so wie es die Waffenmeister seines Vaters ihn gelehrt hatten. Die Männer waren im Schulterbereich muskulös und insgesamt kräftig gebaut. Doch beide zeigten auch Anzeichen wachsender Leibesfülle und andere Folgeerscheinungen eines ausschweifenden Lebens. Er konnte es mit ihnen aufnehmen, genauso wie er es ein paar Tage zuvor mit anderen ihres Schlages aufgenommen hatte.

Während der eine Kerl die Frau weiter festhielt, kam der andere näher auf Kai zu; die Fäuste hatte er in einer plumpen Boxerhaltung gehoben. Er war leichtfüßiger, als Kai erwartet hatte, aber trotzdem nicht schnell genug. Mit seiner rechten Faust täuschte er einen Schlag an und versuchte dann, mit einer linken Geraden das Kinn von Kai zu treffen, der jedoch seitlich nach vorne auswich. Damit stand er genau richtig, um dem Mann seine Hand seitlich in die Niere zu knallen. Dann trat er ihm in die Kniekehle, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, und rammte seinen Kopf gegen die Mauer. Der Kerl ging zu Boden.

»Jetzt hab dich nicht so«, sagte der andere Mann und ging rückwärts tiefer in die Gasse hinein, wobei er die Frau wie einen Schild vor sich hielt. In seinen Augen begann sich Panik zu zeigen. »Du gehst einfach weg, und niemand wird verletzt …«

»Lass du einfach diese Frau los, und du wirst nicht verletzt«, korrigierte ihn Kai. Er schritt nach vorn und überlegte, wie er seinen Angriff eröffnen sollte. Ein Sprung zur Seite mit einem Schlag gegen den Hals des Mannes könnte die Angriffsoption sein, die das geringste Risiko für die Frau darstellte, und doch …

»Jetzt«, sagte eine Stimme von oben.

Zu beiden Seiten und hinter ihm knallten Türen auf, und im selben Augenblick fiel etwas von oben herab und stürzte in einem Knäuel von Schatten auf ihn ein. Instinktiv hechtete Kai zur Seite, doch dann war er von zu vielen Männern umringt. Ein Dutzend von diesen Kerlen, wie der im Nahkampftraining geschulte Teil seines Verstandes bemerkte, und noch mehr hinter den offen stehenden Türen. Er hatte keinen Platz, um ihnen auszuweichen, und die Männer zögerten nicht. Keiner von ihnen überließ es seinem Nebenmann, die ersten Hiebe einzustecken, wie es bei Schlägertypen normalerweise üblich war. Eine Falle! Sie kamen herangestürmt, die meisten von ihnen mit bloßen Händen; einige trugen aber auch Schlagringe oder unauffällige Totschläger.

Er musste irgendwie hier herauskommen. Flucht war in diesem Fall keine Schande. Es war Bestandteil der Ausbildung eines Kriegers, eine überlegene Macht zu erkennen und in geeigneter Weise darauf zu reagieren.

Da schlang sich von hinten ein Arm um seinen Hals. Kai packte ihn, ging hinab auf ein Knie und schleuderte den Mann über seinen Kopf hinweg – in die Kerle hinein, die von vorne auf ihn eindrangen. Er blieb geduckt, drehte sich um die eigene Achse, wobei er ein Bein ausgestreckt hielt, und senste einem der Kämpfer die Füße weg. Die Schwungkraft nutzte er, um sich in einer Drehbewegung zu erheben. Vier Männer befanden sich noch zwischen ihm und dem Weg zur Gasse hinaus. Vier Hindernisse, die zu beseitigen waren.

Vales Fall musste wichtig sein, um diese Form von Einmischung zu rechtfertigen.

Kai bemerkte das Netz, das ihn knapp verfehlt hatte und nun verheddert auf der Straße lag. Es war eine abscheuliche Arbeit – mit Metall, das in die Seile geflochten war. Seltsam! Weshalb machte man sich solche Mühe, ihm eine Falle zu stellen und ihn persönlich zu fangen? Wenn diese Kerle bereits Vale geschnappt hatten, dann würden sie das noch bedauern.

Er rammte seinen Ellenbogen nach hinten und spürte den harten Stoß, als der Arm gegen ein Kinn prallte; dann setzte er mit schwingenden Körperbewegungen dazu an, vorwärtszulaufen. Zumindest einer der Männer vor ihm sollte zurückweichen …

Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie alle gleichzeitig – wie eine menschliche Flutwelle – über ihn herfielen. Er schlug nach oben gegen eine Kehle und dann nach unten in eine Leistenbeuge – Hiebe, die Gegner normalerweise kampfunfähig machten. Aber diese Männer gingen nicht zu Boden. Sie spürten den Schmerz, sie stöhnten, sie taumelten; aber sie standen ihm immer noch im Weg.

In einer plötzlichen Explosion von Schmerz traf ihn ein Hieb am Hinterkopf, und sein vernichtender Schlag verlor alle Wucht, als er auf eines seiner Knie sank. Er wusste, dass er jetzt eine leichte Beute war, doch für den Moment gehorchten ihm seine Muskeln nicht mehr.

Ein anderer Mann schlug ihm ins Gesicht. Kai spuckte Blut.

Ein Kerl hinter Kai warf sich von oben auf ihn und drückte ihn auf den schmutzigen Bürgersteig. Kai rang nach Atem, und Funken tanzten ihm vor den Augen. Er konnte fühlen, wie die reine Wut jetzt durch seine Adern strömte. Wie konnten die Menschen es wagen, ihn auf diese Weise anzugreifen?

In ihm gab es keinerlei Raum für Furcht. Es war einfach nicht möglich, dass dieser Abschaum gewann.

Er spürte, wie sich sein natürlicher Körper durchsetzte: Seine Hände wurden zu Klauen, und Schuppen begannen sich auf seiner Haut abzuzeichnen, als sich seine wahre Natur im Gefolge dieser Wut erhob. Er würde den Fluss gegen diese Kerle heraufbeschwören, er würde sie aus diesem London wegspülen, er würde sie für diese Unverschämtheit bezahlen lassen.

Quer durch London fühlte er, wie sich die Themse und all ihre Nebenflüsse in Erwiderung seines Zorns regten. Er mochte der geringste und jüngste der Söhne seines Vaters sein, aber er war immer noch ein Drache aus dem königlichen Haus. Mit einem Ruck streckte er sich aus und warf sich nach hinten, wodurch er den Schläger von seinem Rücken zwang und ihn wegbeförderte; dann drückte er sich hoch und fletschte knurrend die Zähne.

Weitere Körper stürzten sich auf ihn und drückten ihn wieder zu Boden; starke Hände pressten seine Gelenke fest auf den Bürgersteig. Seine Klauen hinterließen Spuren im Boden, während er darum kämpfte, die Arme zu befreien und sich hochzudrücken. Zum ersten Mal spürte er einen Stachel des Zweifels. Vielleicht wäre es klüger, seine wahre Gestalt vollständig anzunehmen – die sie unmöglich würden bändigen können. Das würde freilich ganz London darauf aufmerksam machen, dass in seiner Mitte ein Drache spazieren ging. Doch ehe er diesen Kampf hier verlor …

Eine Hand verhedderte sich in seinem Haar, zerrte seinen Kopf nach hinten, und Kai spürte, wie kaltes Metall sich mit einem schnappenden Geräusch um seinen Hals schloss. Und jetzt lag unvermittelt der ebenso bösartige wie spannungsgeladene und penetrante Geruch von Elfenmagie in der Luft. Sie war um ihn herum eingerastet – und band ihn. In plötzlichem Erschrecken schrie er auf, während die fernen Flüsse verblassten und ganz aus seinen Sinnen verschwanden – und während seine Finger, die nunmehr wieder rein menschlicher Natur waren, über den Beton kratzten.

»Das dürfte reichen«, sagte eine kalte Stimme. Es war das erste Mal, dass irgendjemand während des ganzen Überfalls gesprochen hatte. Und es war das Letzte, was Kai hörte. Er bekam einen letzten Schlag gegen seinen Kopf, und dann ergab er sich der Bewusstlosigkeit.

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ERSTES KAPITEL

Die Nacht zuvor …

Wirklich schade, dass da Gift in meinem Weinglas ist, fuhr es Irene durch den Kopf. In dem unterirdischen Raum war es heiß, und ein Glas von dem gekühlten Wein wäre erfrischend gewesen.

Kais hinter ihrer Schulter gemurmelte Warnung wäre nicht nötig gewesen. Sie hatte den Mann mit der Krähenmaske im Spiegel beobachtet. Sein richtiger Name war Charles Melancourt; und sie hatten beide während der letzten paar Wochen Jagd auf ein und dasselbe Buch gemacht. Er war der Agent eines russischen Käufers und Irene eine Agentin der Bibliothek. Sie waren beide oft genug aufeinandergestoßen, während sie dieselben Quellen erforschten, und er hatte sie trotz ihrer Maske mit Sicherheit wiedererkannt – genauso wie sie ihn.

Die Versteigerung des aktuellen Postens endete – ein Satz vergoldeter Spielwürfel mit Rubinen als Punkten –, und es gab einen leise dahinplätschernden Applaus. Jeder war maskiert, sogar die Kellner, die Tabletts mit Häppchen und Wein herumtrugen. Diese Auktion war nicht wirklich illegal, doch sie war mit Sicherheit zwielichtig. Zur Besucherschar gehörten Sonderlinge, die sehr Reichen und eine große Anzahl von Personen, die Rechtsanwälte zur Hand hatten, nur um zu beweisen, wie absolut unschuldig sie waren. (An allem.) Ätherlampen brannten an den Wänden und erhellten den Raum mit einem weißen, blendenden Licht. Es ließ die Perlenstickerei auf den kostbaren Kleidern und die militärischen Auszeichnungen ebenso sehr funkeln wie die zu versteigernden Gegenstände. Irene hatte auch einige der Londoner Elfen hinter ihren Masken wiedererkannt. Lord Silver, der inoffizielle Anführer der Elfen in dieser Stadt, war allerdings nicht anwesend – wofür sie selbst äußerst dankbar war.

Irene hatte sich mit Vales Hilfe Zutritt verschafft. Es schadete nicht, mit Londons größtem Detektiv persönlich befreundet zu sein. Im Gegenzug hatte sie versprochen, darauf zu achten, dass sie und Kai diesen Ort vor Mitternacht verlassen würden – bevor eine geplante Polizeirazzia stattfinden sollte. Ein Versprechen, das sie einzuhalten beabsichtigte. Sie hatte die letzten paar Monate in dieser Parallelwelt damit zugebracht, sich eine Tarnidentität als freiberufliche Übersetzerin aufzubauen, und ein Vorstrafenregister zu unterhalten wäre diesem Zweck nicht dienlich.

»Nächstes Objekt«, verkündete die Auktionatorin mit leiernder Stimme. »Ein Exemplar von Abraham – oder ›Bram‹ – Stokers La Sorcière, ein Werk, das auf dem gleichnamigen Buch von Jules Michelet basiert. Wir sind sicher, dass unsere Gäste nicht daran erinnert werden müssen, dass dieses Buch von der britischen Regierung verboten wurde. Und die Kirche brandmarkte es wegen seiner unverhohlenen Anstößigkeit und Ketzerei. Zweifellos wird es dem Käufer etwas Unterhaltsames zum Lesen bieten, haha.« Ihrem Lachen mangelte es an etwas, das Humor auch nur im Entferntesten ähnelte. »Verkauft als Teil einer anonymen Vermögensmasse. Das Einstiegsgebot liegt bei eintausend Pfund. Höre ich irgendwelche Gebote?«

Irene hob ihre Hand in die Höhe. Melancourt ebenfalls.

»Die Lady in dem schwarzen Domino: eintausend Pfund«, intonierte die Auktionatorin.

»Eintausendfünfhundert!«, rief Melancourt.

Er würde also beim Bieten große Sprünge machen, anstatt sich darauf zu verlegen, stufenweise vorzugehen. Na gut. Zumindest schienen sie beide die einzigen Personen zu sein, die an diesem Posten interessiert waren. »Zweitausend«, sagte Irene klar und deutlich.

»Zweitausendfünfhundert!«, verkündete Melancourt.

Das rief einiges Geflüster seitens der anderen Besucher der Versteigerung hervor. Das Buch war selten, aber keine wirklich außerordentliche Rarität. Bestimmte Museen besaßen Exemplare davon, und daher verhielt sich Irene vergleichsweise tugendhaft, indem sie den Band bei einer Auktion in der Unterwelt kaufte. Immerhin hätte sie das Buch genauso gut stehlen können. Bei dem Gedanken musste sie lächeln. »Dreitausend.«

»Fünftausend.«

Der plötzliche sprunghafte Anstieg des Gebots brachte den Raum zum Verstummen. Die Leute schauten Irene an, um zu sehen, was sie nun tun würde.

Kai beugte sich über ihre Schulter nach vorn. Getreu seiner Tarnung als Bodyguard hatte er die ganze Zeit hindurch gestanden, Speisen sowie Getränke abgelehnt und die Reisetasche bewacht, die ihre Zahlungsfähigkeit sicherstellte. »Wir könnten ihn bei der Sache hier gewinnen lassen und ihn dann später aufsuchen«, murmelte er.

»Zu riskant«, erwiderte Irene flüsternd. Sie nahm das Glas Wein von dem Tablett, das Kai ihr hinhielt, hob es an ihre Lippen – und konnte die plötzliche Anspannung in Melancourts Körperhaltung nicht missverstehen. Ja, dies war in der Tat von ihm gewesen. Das hatte sie sich bereits gedacht.

»Wein, koche«, murmelte sie in der Sprache und stellte das Glas rasch wieder zurück, als es sich in ihren Fingern erhitzte. Der Wein brodelte bereits, quoll über und floss auf das Tablett; er zischte und dampfte, als er verdunstete. Kais Hände spannten sich an, doch er hielt das Tablett sicher fest.

Die lastende Stille war noch stärker geworden. Irene brach sie. »Zehntausend«, sagte sie beiläufig.

Melancourt schlug fluchend die Faust auf seinen Oberschenkel.

»Höre ich noch irgendwelche anderen Gebote?«, verlangte die Auktionatorin zu wissen, die gegen ein lauter werdendes Wispern ansprach. »Zehntausend von der Lady im schwarzen Domino – zum Ersten, zum Zweiten … verkauft! Wenn Sie bitte herüberkommen wollen, um die Zahlungsmodalitäten mit unserem Personal zu vereinbaren, Madam. Vielen Dank auch. Das nächste Objekt …«

Irene hörte nicht mehr zu, wie der nächste Gegenstand vorgestellt wurde, und erhob sich von ihrem Sitz. Kai reichte sein Tablett einem der Kellner, nahm ihre Reisetasche vom Boden auf und folgte Irene, die bereits auf dem Weg zum Zahlungsschalter war. Sie behielt Melancourt genau im Auge, doch er saß zusammengesackt auf seinem Stuhl und versuchte sich nicht an irgendetwas Dramatischem. Männer und Frauen nickten ihr respektvoll zu, während sie an ihnen vorüberging, und sie erwiderte höflich diese Geste.

»Ihre Bezahlung, Ma’am?«, fragte der Mann am Schalter in sachlichem Ton. Hinter ihm hielten sich mehrere großgewachsene, muskulöse Männer auf, die im Bedarfsfall dafür sorgten, dass zahlungsunwillige Kunden die Kosten ihrer Anschaffungen beglichen. Aber dieses Mal würde man ihrer nicht bedürfen.

Irene zeigte ein schwaches Lächeln, während der Angestellte am Schalter mit einer Juwelierlupe ihre synthetischen Diamanten untersuchte. Danach schloss er das Geschäft ab und überreichte das Buch. Sie hatte die Schmucksteine von einem Bibliothekar erhalten, der in einer technologisch sehr viel fortgeschritteneren Parallelwelt arbeitete; mit ihnen ließen sich Rechnungen prima bezahlen. Die Diamantenherstellung in jener Welt war vergleichsweise billig, und alles, was sich ihr Kollege im Austausch für die Schmucksteine gewünscht hatte, war ein vollständiger Satz von Voltaire-Erstauflagen aus ihrer Welt.

Irene und Kai hatten es bis zur Tür geschafft, als Melancourt zu ihnen aufschloss. »Ich kann Ihnen einen Handel anbieten«, schlug er vor; seine Stimme war leise, klang jedoch verzweifelt. »Wenn Sie mich in Kontakt mit ihrem Auftraggeber bringen wür–«

»Ich fürchte, das ist unmöglich«, unterbrach ihn Irene. »Es tut mir leid, doch die Angelegenheit ist abgeschlossen. Sie werden mich entschuldigen müssen.« Sie erinnerte sich daran, dass sie eine Deadline hatte; und es war bereits halb elf.

Melancourts Lippen verzogen sich unter seiner Maske zu einer dünnen Linie. »Dann geben Sie mir nicht die Verantwortung für das, was auch immer geschehen mag«, spie er. »Und Sie werden mich ebenfalls entschuldigen müssen. Ich sollte mich auf den Weg machen.« Er drängte sich vor die beiden und rief einem Kellner zu, dass er ihm Mantel und Hut bringen sollte.

Es war Viertel vor elf, als die zwei sich vom Veranstaltungsort der Auktion entfernt und ihre Masken abgelegt hatten. Die Nacht war vergleichsweise klar, und die Ätherlampen machten jede Unzulänglichkeit in den Straßen von Soho sichtbar. Ein paar Frauen lungerten an Straßenecken herum, doch die meisten von ihnen hielten sich in Pubs auf oder arbeiteten drinnen in Häusern; und keine von ihnen versuchte, sich Kai und Irene zu nähern. Melancourt war bereits außer Sicht.

»Glaubst du, er wird irgendwas versuchen?«, fragte Kai mit leiser Stimme.

»Wahrscheinlich. Lass uns zur Oxford Street gehen. Wir sollten einigermaßen sicher sein, sobald wir uns auf der Hauptstraße befinden.«

Während sie in diese Richtung gingen, dachte Irene darüber nach, wie sehr sich ihr Leben in den letzten paar Monaten verändert hatte. Früher war sie eine umherwandernde Bibliothekarin gewesen, die in ständig wechselnden Parallelwelten Aufträge ausführen musste, die darin bestanden, für die interdimensionale Bibliothek, der sie diente, Bücher einzusammeln. Jetzt war sie an einen dauerhaften Stützpunkt als vor Ort ansässige Bibliothekarin versetzt worden, hatte einen Lehrling, den sie achtete, und sogar Freunde. Von einer Welt zur anderen zu reisen war nicht die beste Lebensweise, um Freundschaften zu bewahren, insbesondere wenn sie die Hälfte ihrer Zeit in Verkleidung zubringen musste. Aber jetzt gab es in dieser Welt sogar Leute wie Vale, die wussten, wer sie in Wirklichkeit war, und dies akzeptierten.

Und um ehrlich zu sein – ihre Arbeit machte ihr Freude. Es war an sich schon lohnenswert, die Anfragen der Bibliothek zu erfüllen und diese Aufgaben effizient und schnell auszuführen. Einzigartige Bücher aus einer bestimmten Welt für die Bibliothek zu beschaffen half dabei, diese Welt zu stabilisieren und sie in einem Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos zu halten, weil es ihre Verbindung zur Bibliothek stärkte. Und darüber hinaus empfand Irene ihre Arbeit – in Ermangelung eines besseren Wortes – als aufregend. So hatten sie sich beispielsweise letzten Monat unterhalb von Edinburgh in ein vor mechanischen Wächtern strotzendes Labyrinth hineinschleichen müssen, um ein Exemplar der verlorenen Erzählung Regina Rosae von Elisabeth Báthory zu retten. Heute waren sie in die Versteigerung hinein- und wieder herausgeschlüpft, ohne dass es irgendwelche Schwierigkeiten gegeben hatte. (Der kleine Vergiftungsversuch war ein unbedeutendes Detail.) Irene wusste nicht, was der Morgen bringen würde, doch er versprach, interessant zu werden.

»Aha«, sagte Kai in einem Tonfall, der leichte Zufriedenheit ausdrückte, als sie an einem Pub um die Ecke bogen und einen dunklen Straßenabschnitt betraten. »Dachte ich’s mir doch. Wir werden verfolgt.«

Irene drehte den Kopf und erhaschte einen Blick auf zwei Männer hinter ihnen, die gerade die Straßenbiegung erreichten. »Guter Fang. Sind es bloß diese zwei?«

»Da ist wenigstens noch ein weiterer. Ich denke, sie kommen herum und werden uns abfangen wollen, sobald wir durch die Berwick Street gehen.« Kai runzelte die Stirn. »Was sollen wir tun?«

»Natürlich durch die Berwick Street gehen«, antwortete Irene bestimmt. »Wie sonst könnten wir herausfinden, was los ist?«

Kai blickte sie von der Seite an; und im Licht der Ätherlampen zeigte sich sein Profil in scharf geschnittenen Linien, als wäre es aus Marmor gemeißelt. Er hatte die Augen zusammengekniffen, die durch den Kontrast zu seiner Gesichtshaut dunkel wirkten. »Du lässt mich das erledigen?«

»Ich lasse dich vorangehen«, erwiderte Irene. »Du lenkst sie ab, ich werde klar Schiff machen.«

Er zeigte mit einem Nicken an, dass er den Befehl akzeptierte. Sie würde nicht verlangen, bei einer Straßenprügelei an seiner Seite kämpfen zu dürfen. Er war immerhin ein Drache, und selbst in menschlicher Gestalt konnte er in die Luft springen und Leuten gegen den Kopf treten. Und als diese knöchellangen Londoner Röcke entworfen worden waren, hatte dabei niemand Springen oder Treten im Sinn gehabt.

Dass Kai ein Drache war, verkomplizierte gewisse Dinge. Es machte ihn zwar zu einem brauchbaren Lehrling mit Fähigkeiten jenseits menschlicher Maßstäbe; aber es bedeutete auch, dass es eine ganze Reihe ihm eigentümlicher Einstellungen und Vorurteile zu berücksichtigen galt. Er verabscheute unverhohlen die Elfen als Kräfte des Chaos, was prekär war angesichts der Tatsache, dass sie in dieser Welt eine große Präsenz besaßen. Und in seinem Verhalten zeigte sich oft der Hochmut eines Drachen von königlichem Geblüt, obschon er sich weigerte, im Einzelnen auf seine Abstammung einzugehen. Irene war erfahren genug, um zu wissen, dass dies Schwierigkeiten bedeuten konnte – nein, dass es ganz höchstwahrscheinlich zu Schwierigkeiten führen würde. Doch hier und jetzt stellte ihr Lehrling eine formidable Verstärkung dar.

Zu dieser nächtlichen Stunde waren der Markt und die Stoffläden in der Berwick Street geschlossen, und abgesehen von den Ätherlampen war es dunkel in der Straße. Dies wäre genau der richtige Zeitpunkt für ihre Verfolger, in Aktion zu treten.

Und wie aufs Stichwort begannen die zwei Männer, näher heranzurücken, während ein dritter auf einmal vor ihnen um die Ecke kam. Er war schlampig gekleidet; sein Mantel mit den zerfetzten Ärmelaufschlägen hing offen an ihm herab und gab so den Blick frei auf eine lose geknotete Krawatte, die über einem teilweise aufgeknöpften Hemd lag. Die Mütze hatte er sich tief ins Gesicht gezogen, sodass seine Augen im Schatten waren.

»Keine Bewegung!«, fauchte er.

Kai und Irene blieben stehen.

»Also, wir können das auf die gemütliche Tour erledigen«, sagte der Schläger. »Oder wir können das auf die harte Tour machen. Ich und die Jungs, wir wollen Ihnen nicht unnötig wehtun, klar?«

»Oh nein!«, keuchte Irene auf in dem Bemühen, nicht bedrohlich zu wirken. »Was hat das zu bedeuten?«

»Nur ein bisschen unvermeidbare Gewalt, Miss«, antwortete der Mann und trat einen Schritt vor. Sie konnte hören, wie die anderen zwei hinter ihnen jetzt schneller herankamen. »Wenn Sie nun von diesem jungen Gentleman hier wegtreten, werden ich und die Jungs keinerlei Grund haben, Sie zu belästigen.«

Ihre Aufforderung musste damit zusammenhängen, dass Kai die Tasche trug. Melancourt hatte unmöglich genügend Zeit gehabt, um diese Kerle zu warnen, dass sie über ungewöhnliche Fähigkeiten verfügen könnte. Nun ja, Irene war niemand, der einen Vorteil in den Wind schlug.

»Welchen Grund haben Sie denn, mich zu belästigen?«, fragte Kai nach und überreichte Irene, die einen Schritt zurücktrat, die Tasche.

Sie verschaffte ihm genügend Platz zum Handeln, indem sie zur Straßenseite zurückwich. Aus dem Augenwinkel konnte sie sehen, wie in höhergelegenen Fenstern Lichter aufflackerten und Vorhänge zur Seite gezogen wurden. Für einen Moment glaubte sie zu sehen, dass sich oben auf einem der gegenüberliegenden Dächer etwas bewegte. Doch sie konnte sich dessen nicht sicher sein, und die Gefahr auf Straßenniveau war die unmittelbare. Glücklicherweise hatte sie absolutes Vertrauen in Kai, dass er mit drei Straßenschlägern allein fertigwurde. Wahrscheinlich würde er noch nicht einmal ins Schwitzen kommen.

Der Mann vor ihnen zog einen kleinen, schweren Totschläger aus seiner Tasche und wog ihn auf eine Weise in seiner Hand, als ob er recht erfahren im Umgang mit dieser Waffe war. Also gut ausgebildete Gentlemen der Straße. Ein kleines bisschen mehr als das Gesocks aus dem nächstbesten Pub.

Irene drehte sich um und beobachtete die beiden Männer, die sich ihnen von hinten näherten. Ihre Gangart hatte sich verändert, und aus dem flotten Schritttempo war ein lockerer, leichter Galopp geworden. Und jetzt, wo sie die zwei deutlicher im Lampenlicht sehen konnte, erkannte sie, dass ihre Wangen eine ungewöhnlich ausgeprägte Gesichtsbehaarung aufwiesen, die dichten Augenbrauen über ihren Nasen zusammenwuchsen und ihre Fingernägel definitiv nicht normal aussahen.

Werwölfe. Mit Werwölfen hatte sie nicht gerechnet.

In dieser Parallelwelt gab es zurzeit keine gültigen Gesetze gegen das Dasein als Werwolf. Jedoch steckten sie – wenn sie nicht zufälligerweise Geld hatten – in jener gesellschaftlichen Schicht fest, deren Mitglieder sich der körperlichen Arbeit und gelegentlichen Gewaltdelikten widmeten. Werwölfe neigten dazu, in Großstädten gemeinschaftlich in erweiterten Pseudo-Familienverbänden herumzuhängen, ganze Arbeitsschichten in Fabriken oder Docks auszuführen oder einfach von Schutzgelderpressungen zu leben. Irene hatte niemals versucht, herauszufinden, was Werwölfe draußen auf dem Lande so trieben. Vielleicht gingen sie ja einem gesunden Leben im Freien nach und jagten ausschließlich Kaninchen; aber irgendwie bezweifelte sie das.

Glücklicherweise brauchte es eine Menge Zeit und sabberige Bemühungen im Lichte des Vollmonds, um die Werwolf-Infektion zu übertragen. Die ihnen unmittelbar drohende Gefahr lag somit nicht darin, infiziert zu werden. Aber Werwölfe waren hartnäckiger als durchschnittliche Menschen und in einem Kampf nur schwer zu bremsen – es sei denn, man war bereit, ihnen ernsthafte Schäden zuzufügen.

»Wir kriegen jetzt diese Tasche, die Sie gerade Ihrer jungen Miss dort gegeben haben«, knurrte der erste Mann – oder eher Werwolf. Er leckte sich die Lippen. Seine Zunge war jetzt ein wenig zu lang geworden, um noch bequem in seinen Mund zu passen. »Und dann werden Sie dem, der Sie angestellt hat – wer auch immer das sein mag –, eine kleine Botschaft überbringen, wenn Sie wissen, was ich meine.«

»Das würde ich nicht empfehlen«, erwiderte Kai, schob seinen rechten Fuß nach vorn und nahm eine Positur ein, die Irene irgendwie als Grundstellung einer für sie undurchsichtigen Kampfkunst wiedererkannte. »Wenn die Gentlemen mir einfach sagen würden, wer hingegen Sie angeheuert hat …«

Die zwei hinter ihm schossen plötzlich vorwärts und griffen nach ihm. Kai hatte dies jedoch zweifelsohne vorhergesehen. Geschmeidig streckte er die Arme nach hinten, um ihre Handgelenke zu packen, und schleuderte die beiden mithilfe ihres eigenen Schwungs gewaltsam nach vorne. Als er die Männer anschließend mit einem Ruck wieder nach hinten riss, wären sie beinahe gefallen. Der eine fluchte. Der andere blieb stumm, doch mit einem boshaften Funkeln in den Augen leckte er sich die Lippen.

»Oh, da haben wir hier ja einen echt pfiffigen und schnellen Gegner«, sagte der erste Mann. »Kreist ihn ein, Jungs. Wir werden ihm ein wenig Respekt beibringen.« Während er sprach, verlagerte er sein Gewicht auf das rechte Bein, und seine Stiefel scharrten auf dem Bürgersteig; aber er bewegte sich noch nicht auf Kai zu.

»Ich würde immer noch gerne wissen, wer die Gentlemen geschickt hat«, erklärte Kai. Seine Körperhaltung war weiterhin locker und entspannt. Er wandte die Augen nicht vom Anführer der drei ab, doch Irene war sich sicher, dass er die anderen ebenso beobachtete. Manchmal war es leicht zu vergessen, dass er eine gewisse Zeit als Halbkrimineller in einer hochtechnisierten Cyberpunk-Welt zugebracht hatte. Vermutlich war er an diese Art von Konfrontation gewöhnt. Das hier mochte für ihn sogar einen nostalgischen Reiz darstellen.

»Das glaub ich dir nur allzu gern«, fauchte der Kerl zu Kais Linken. Er schlich weiter herum und näherte sich der Stelle, wo Irene an der Mauer stand. Der Werwolf versuchte, hinter Kai herumzukommen. »Wie schade, dass alles, was du deinem Auftraggeber sagen kannst, darin be…«

Kai setzte sich in dem Moment in Bewegung, als der Kerl abgelenkt war – er drehte sich und schoss blitzschnell zwei Schritte auf ihn zu. Seine geballte Faust führte eine Gerade aus und traf den Mann in den Bauch. Der Kerl knurrte und geriet ins Taumeln. Kai öffnete die Faust, um mit dem flachen Handteller seitlich gegen den Hals des Mannes zu schlagen; sein Gesicht war konzentriert und drückte aus, dass er im Moment einzig und allein daran interessiert war, diesen Hieb korrekt auszuführen. Durch die Wucht des Schlages taumelte der Mann nach hinten, und Speichel spritzte aus seinem offenen Mund. Der Werwolf atmete schwer, und er sackte nach unten auf seine Knie; haarige Fäuste prallten dumpf auf den Bürgersteig. Der Blick seiner Augen trübte sich, während er darum kämpfte, nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Die zwei anderen stürzten sich auf Kai; und beide gaben ein Knurren von sich, das tief aus ihren Kehlen kam. Einer versuchte, nah an Kai heranzukommen und ihn zu beschäftigen, damit der andere seinen Totschläger einsetzen konnte. Das Ganze ging in eine Schlägerei mit einer Reihe rascher Hiebe über. Irene blickte finster drein, als sie sah, wie Kai auf ein Knie niederging, und trat einen Schritt vor, um ihm zu helfen. Doch der erste Schläger kam stolpernd wieder auf seine Beine und griff nach ihr; haarige Finger mit langen Nägeln schlossen sich um ihren Oberarm.

»Und jetzt kreischst du einfach hübsch und laut, sodass der Gentleman dich hören kann!«, befahl er ihr.

Irene blickte rasch nach unten auf seine Füße. Stiefel. Stiefel mit langen, dicken Schnürsenkeln. Das würde genügen. »Deine Schnürsenkel sind miteinander verknotet«, teilte sie ihm mit und spürte dabei das Gewicht der Sprache in ihrer Kehle.

Sie war eine Bibliothekarin. Und in Augenblicken wie diesen war diese Tatsache außerordentlich nützlich. Die Welt hörte ihre Worte und veränderte sich selbst als Reaktion darauf. Sie konnte Wein kochen lassen, Türen öffnen, Luftschiffe zu Boden bringen, ausgestopfte Tiere zum Leben erwecken – und noch weitaus Schlimmeres. Oder, wie in diesem Fall, ein Paar Schnürsenkel zusammenknoten.

»Was?«, fragte der Strolch, den ihre Worte wie vorherzusehen verwirrt hatten.

Sie packte seinen Arm und zog heftig daran. Doch der Rowdy hielt sie mit einem anzüglichen, selbstgefälligen Grinsen weiterhin in seinem Griff und machte einen Schritt, um sich noch weiter zu nähern – bevor er flach aufs Gesicht fiel. Seine Schnürsenkel hatten sich in der Tat miteinander verbunden.

Irene hieb erfolgreich seine Hand weg, als er zu Boden ging, und befreite sich von ihm. Sie wäre keine allzu effektive Agentin im Außeneinsatz, wenn sie bei einem Kampf nicht auf sich selbst zu achten vermochte. Der Strolch auf dem Boden schlug inzwischen wild um sich, und so trat Irene ihn hart in die Nieren. Als sie dies wiederholte, hörte er auf, sich zu bewegen, und schnappte stattdessen nach Luft. Einer weniger, um uns nachzujagen, wenn wir die Flucht ergreifen, dachte sie grimmig.

Die Kampfgeräusche hinter ihr waren schon erloschen, als sie zu Kai hinüberblickte. Er klopfte sich gerade überflüssigerweise den Staub von den Ärmeln seines Mantels, die zwei anderen Mietschläger lagen, direkt neben ihm, zusammengesackt auf dem Boden. Bei dem einen von ihnen war der Arm in einem unnatürlichen Winkel verdreht, der andere blutete stark aus der Nase. Die Vorhänge in den Fenstern über der Straße hatten aufgehört, sich zu bewegen, und der flüchtige Schatten war von den Dächern verschwunden. Melancourt musste den Entschluss gefasst haben, lieber mit heiler Haut zu verschwinden, als selbst einzugreifen.

»Vielleicht würde der Gentleman mit dem Totschläger so freundlich sein, ein paar Erklärungen abzugeben«, regte Irene an.

Kai beugte sich nach unten, zerrte den ersten Werwolf auf seine Füße und lehnte ihn gegen die Mauer. Die Nägel des Werwolfs waren zurückgegangen, und seine Gesichtsbehaarung sah wieder aus wie die eines unrasierten normalen Mannes. »Jetzt, wo wir die Präliminarien durchgegangen sind …«, sagte Kai, »könnten wir eigentlich mit der Besprechung der Angelegenheit beginnen, oder?«

Der Schläger gab einen hustenden Grunzlaut von sich. Vorsichtig hob er die Hand an sein Gesicht, und als klar war, dass Kai nicht versuchen würde, ihn daran zu hindern, wischte er sich Blut und Speichel ab. »Muss schon sagen, dass Sie ein wenig mehr draufhaben, als ich erwartet hatte, Chef«, murmelte er. »In Ordnung. Solang’ wir uns darüber im Klaren sind, dass ’s keine offiziellen Strafanzeigen und sowas geben wird?«

»Bleibt alles streng privat«, versicherte ihm Kai. »Und nun beantworten Sie vielleicht die Frage meiner Freundin. Wer sind Sie? Und wer hat Sie geschickt?«

»Ich werd’ ehrlich zu Ihnen sein, Chef«, antwortete der Werwolf. Er untersuchte seine Schulter und zuckte zusammen. »Herrje, Sie haben aber echt ein’n harten Schlag. Wir haben diese Frau im Alten Schwan getroffen, ’nem Pub drei Straßen weiter. Sagte, Sie würden zusammen mit einer Freundin diesen Weg runterkommen. Gab uns Ihre Beschreibung. Sie erzählte uns, sie wollte Ihre Tasche haben – und dass wir Ihnen eine Warnung mitgeben sollten, sich aus den Geschäften anderer Leute herauszuhalten. Wollte jedoch nicht, dass einer von Ihnen beiden stirbt. Wir sollten die Tasche aufbewahren, und sie würd’ uns kontaktieren.«

Irene nickte. »Können Sie mir irgendetwas über die Frau erzählen, die Sie angeheuert hat?«

Er hob die Schultern und zuckte dann erneut zusammen. »’ne richtige Lady, volle Geldbörse. Aber nicht nach jedermanns Geschmack. Trug ’nen Sonnenschirm und hatte ein Messer im Ärmel. Abendmantel, Hut und Handschuhe: nichts Augenfälliges, doch alles vom Feinsten. Ihre Brosche sah wie aus Gold aus, doch ich hab sie bloß anschauen können. Die Lady hatte ein’n Mann bei sich, der auf sie aufpasste; aber sie hatte das Sagen. Dunkles Haar unterm Hut, dunkle Augen. Niemand, den ich kannte.«

»War sie eine Ausländerin?«, erkundigte sich Kai beiläufig. Das war ein bisschen weniger eindeutig als die Frage: Könnte sie von der Liechtensteiner Botschaft gewesen sein, einer Elfenhöhle hier in der Stadt, die auch die Behausung eines gewissen Lord Silver ist, der eine anhaltende Feindschaft mit Vale pflegt? Doch der Gedanke war da.

Der Mann schüttelte seinen Kopf. »Wenn sie eine ist, dann weiß ich’s nicht. Ihre Stimme klang normal. Piekfeine Aussprache, so wie Sie beide.«

»Und es gab nichts an dem Mann, was einprägsam war?« Irene griff hier nach Strohhalmen. »Oder an der Brosche?«

»Nun ja, ich würd’ ihn wiedererkennen, Miss«, antwortete der Strolch. »Aber es ist ja nicht so, als wäre ich Ihr Mr Vale, oder? Nicht so, dass ich einen Blick auf ihn werfe und Ihnen danach erzählen kann, woher der …« Es war ersichtlich, dass er seine Ausdrucksweise mäßigte. »Woher der Schmutz auf seinen Schuhen kommt. Und ihre Brosche? Da waren nur zwei Hände drauf, die sich gegenseitig schüttelten – nichts Besonderes.«

Das hier war viel zu einfach gewesen. Irene drehte sich zu Kai um. »Er erzählt uns nicht alles. Bring ihn zum Reden!«

Kai trat vor, und der Werwolf wich zurück. »Moment mal! Sie haben gesagt, Sie würden mir nicht wehtun!«

»Genau genommen hat er das nicht gesagt.« Irene konzentrierte sich. Die Sprache konnte eingesetzt werden, um die Wahrnehmungen einer Person zu korrigieren. So etwas hielt nicht lange an, doch zur richtigen Zeit und am richtigen Ort konnte es ziemlich wirkungsvoll sein. Sie richtete das Wort an den Werwolf: »Du siehst, dass mein Freund eine wahrhaft schreckenerregende Person ist, die bereit ist, alles zu tun, um dich dazu zu bringen, uns die Wahrheit zu erzählen.«

Das Bewusstsein von Leuten zu manipulieren war ein moralisch zweifelhaftes Unterfangen, doch, wie Irene sich selbst versicherte, war so etwas wohl besser, als die Informationen tatsächlich aus dem Werwolf herauszuprügeln.

Der Schläger klappte zusammen, bevor Kai nach ihm greifen konnte; er duckte sich und entblößte seinen Hals. »In Ordnung, in Ordnung!«, plapperte er los. »Wir sind ihr also nach draußen gefolgt, ja? Und wir sahen, wie sie eine Privatdroschke zu der Botschaft von Liechtenstein nahm, um ihren Ehemann zu treffen … Das jedenfalls hat sie dem Fahrer gesagt. Und er hat sie mit ›Mylady‹ angesprochen!«

Das war schon eher nützlich. Auch wenn diese Dame nicht notwendigerweise dem Adelsstand angehörte, konnte es nicht so viele Frauen in der Botschaft geben, die eine derartige Form der Anrede verdienen würden.

»Aber sind Sie sicher, dass dies alles echt war – und nicht bloß dazu gedacht, Sie zu beschwindeln?«, hakte Irene nach.

Trotz seiner Körperhaltung blickte der Werwolf selbstgefällig. »Nee, das war alles echt. Und wissen Sie, warum? Weil der Mann, der die Droschke fuhr … Also, mein Kumpel George kennt den. Ist ein regulärer Fahrer der Botschaft. Selbst wenn sie uns übers Ohr hauen wollte – der Fahrer war echt.«

»Sein Name«, verlangte Irene mit knappen Worten.

Der Werwolf zögerte, schaute wieder Kai an und gab dann klein bei. »Vlad Petrov«, murmelte er. »Mehr als das weiß ich nicht.«

Das klang ziemlich ehrlich. Und jetzt hatten sie immerhin einen Namen, mit dem sie weiterarbeiten konnten. »Ich glaube, dieser Gentleman hat uns alles erzählt, was er sagen konnte«, sagte Irene zu Kai.

»Dem würde ich zustimmen.« Kai wandte sich wieder dem Rowdy zu. »Aber es wäre besser, wenn wir nicht noch einmal aufeinanderstoßen, hm?«

»Sie sagen es, Chef«, stimmte der Strolch begeistert zu. »Je weniger man darüber spricht, desto besser – wie mein altes Muttchen immer zu sagen pflegte.«

Kai machte sich nicht die Mühe, nachzufragen, was das bedeuten sollte, und trat zurück. »Ich wünsche noch einen schönen Abend«, sagte er. Dann bot er Irene seinen Arm an, und zusammen schlenderten sie fort. Sie wurden nicht verfolgt.

Als sie um die nächste Ecke bogen, fragte Kai leise: »Was meinst du?«

»Das waren Typen von sehr niedrigem Niveau«, antwortete Irene und beobachtete, wie Kai zustimmend nickte. »Und sie wirkten ziemlich unbekümmert, was diejenigen betrifft, die sie angeheuert haben. Deren Auftraggeber können von Glück reden, dass ihre neuen Mitarbeiter sich nicht die falschen Leute vorgeknöpft haben. Und dann diese ganze Angelegenheit mit der Tasche und dem ›Nehmt keinen Kontakt mit mir auf, ich kontaktiere euch‹? Diese Frau hat wirklich nicht gewollt, dass diese Kerle mit ihr in Verbindung treten.«

Kai nickte erneut. »Aber ich glaube nicht, dass Silver dahintersteckt. Schläger zu schicken entspricht einfach nicht seinem Stil. Selbst wenn er an dem Stoker-Buch interessiert sein sollte. Unsere geheimnisvolle Elfen-Frau hat gewusst, dass wir mit der Tasche von der Auktion kommen würden: Also dürfte sie selbst von dort gekommen sein. Vielleicht war sie ja Melancourts Klientin.«

Irene musste dem ersten Teil seiner Ausführungen zustimmen. Silver – oder Lord Silver, wie sie ihn nannte, wenn es nicht zu vermeiden war – würde sehr viel wahrscheinlicher eine Geschichte arrangieren, bei der Duellanten mit Peitschen und Rapieren in Aktion traten, oder um Mitternacht Attentäter in ihr Haus eindringen lassen, wenn er tatsächlich das Verlangen verspürte, sich auf gewalttätige Weise auszudrücken. »Ein anderer Elf – das ergäbe einen Sinn«, meinte sie, »aber auch dann haut der zeitliche Ablauf nicht hin. Ich bin nicht sicher, wie dies überhaupt möglich sein soll – dass jemand auf der Auktion war, sie zur selben Zeit wie wir verließ und es dann schaffte, diese Werwölfe anzuheuern, um uns anzugreifen.«

Kai runzelte die Stirn, während er überlegte. »Die Frau könnte früher weggegangen sein und anschließend die Werwölfe angeworben haben, um uns abzufangen – für den Fall, dass wir das Buch bekommen.«

»Das ist wahr.« Sie waren jetzt fast an der Oxford Street. »Aber es scheint mir ein bisschen planlos und eine wirklich sehr leichtsinnige Vorgehensweise zu sein, um solche Angelegenheiten zu handhaben.«

»Ich weiß, du hättest es besser gemacht, wenn du an ihrer Stelle gewesen wärst«, sagte Kai in liebenswürdigem Ton.

Irene warf ihm einen Blick von der Seite zu.

»Ich meine das rein in Bezug auf die Planung einer Operation«, fügte er hastig hinzu. »Eine bestens organisierte und effiziente Aktion, ohne darauf vertrauen zu müssen, dass die erstbesten Schläger, die einem über den Weg laufen, einen guten Job machen. Es war ein Kompliment, Irene. Wirklich.« Er konnte ein Grinsen allerdings nicht vollständig verbergen.

»Im Voraus zu planen erspart spätere Schwierigkeiten«, erklärte Irene nachdrücklich. »Und da war jemand, der dem Ganzen von den Dächern aus zugeschaut hat. Jemand, der wesentlich mehr Format hat als jene Männer. Ich konnte ihn – oder sie – allerdings nicht gut erkennen«, fügte sie nachdenklich hinzu.

»Könnte es vielleicht bloß ein Einbrecher gewesen sein?«, deutete Kai an.

»Könnte sein.« Irene brachte ihren Gesichtsschleier in Ordnung. »Aber was, wenn es sich um die Person handelte, die dafür vorgesehen war, die Tasche zu bergen, sobald die Werwölfe sie uns abnehmen würden?«

»Oh, das ergibt Sinn. Dann ist es schade, dass wir diesen Beobachter nicht befragen konnten.«

»Er war verschwunden, als du die Männer niedergestreckt hattest«, sagte Irene. »Es sieht so aus, als ob diese Lady und ihre Agenten tatsächlich keinerlei Spuren hinterlassen wollen.«

»Aber das ist Ihnen misslungen«, stellte Kai zufrieden fest. »Wir haben einen Namen.«

Sie kamen auf die Oxford Street, und Irene hob die Hand, um einer Droschke ein Zeichen zu geben. »Jeder hat manchmal Pech«, merkte sie an. »Wie gut auch immer der Plan sein mag.«

Doch sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass sie und Kai heute Nacht vielleicht ein bisschen zu viel Glück gehabt hatten.

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ZWEITES KAPITEL

Am nächsten Morgen brachte Irene eine Weile damit zu, dieser Zivilisation dafür zu danken, dass sie die Dusche schon erfunden hatte. Auch wenn diese Kultur in vielerlei Hinsicht der Periode ähnelte, die in zahlreichen Parallelwelten als »viktorianische Epoche« bekannt war (kennzeichnend dafür waren der Smog, von Pferden gezogene Kutschen ebenso wie mittels »Äther« angetriebene Droschken und das Fehlen von Apparaturen für eine unmittelbare Telekommunikation), so hatte man es doch ansonsten geschafft, das Wichtigste hinzukriegen. Die Welt hier verfügte über eine recht anständige Sanitärversorgung, die den Smog aussperrte, und über angemessen sauberes Wasser sowie eine Menge Tee und Kaffee. Also musste sie nur Zeppeline, Werwölfe und Vampire ertragen und das Fehlen von Telefonen aushalten. (Die Benutzer eines solchen Kommunikationsmittels wurden dessen Dämonen nicht mehr los.) Es hätte schlimmer sein können. Zumal der Smog die meisten Stechmücken umbrachte.

Während Irene unter der Dusche stand, dachte sie über ihre nächsten Schritte nach. Sie musste dafür sorgen, dass das Stoker-Buch in die Bibliothek kam; und zwar je früher, desto besser, bevor ein weiterer Versuch unternommen wurde, es zu stehlen. Aber sie und Kai mussten auch Ermittlungen wegen dieser Frau anstellen. Vale würde dabei höchst hilfreich sein. Es war nicht möglich, einem Spatz in den Rücken zu stechen, ohne dass dem Detektiv dies zu Ohren kam. Und sie selbst oder Kai könnten zwar losziehen und in der Liechtensteiner Botschaft herumschnüffeln (Liechtenstein war in dieser Welt ein Zufluchtsort für Elfen), doch sie würden dadurch ihrem weiblichen Jagdobjekt möglicherweise anzeigen, dass sie wussten, wo sie zu finden war.

Kai arbeitete in ihrem gemeinsam benutzten Arbeitszimmer an seinem Schreibtisch und kritzelte mit einem Füllfederhalter in einer Liste von Buchhändlern herum. Als sie eintrat, nahm er sie höflich zur Kenntnis, aber seine Aufmerksamkeit war eindeutig auf etwas anderes gerichtet. Eine grell blendende Tischlampe stellte sein Gesicht in einem scharf geschnittenen Profil dar und verlieh dem schwarzen Haar einen besonderen Schimmer.

Es war die richtige Entscheidung gewesen, eine möblierte Unterkunft für sie beide zu nehmen, führte sich Irene vor Augen. Kai und sie waren beide Erwachsene, und sie konnten sich durchaus eine Unterkunft teilen, ohne miteinander etwas »anfangen« zu müssen. Aber so konnte sie Kai stets im Auge behalten. Nachdem sie mit dem Verräter Alberich und, durch den Kontakt zu Silver, mit den Londoner Elfen in Konflikt geraten waren, wollte Irene keinerlei Risiken eingehen. Und zu den Freunden von Vale zu gehören stellte an sich schon eine gewisse Gefahr dar – insbesondere, wenn sie sich gegenseitig bei ihren Fällen halfen.

Wenn Drachen allerdings eine menschliche Gestalt annahmen, dann nutzten sie offensichtlich allzu gut aussehende (oder womöglich sogar wunderschöne) menschliche Gestalten. Kai hatte glattes schwarzes Haar, auf dem das Licht bläulich funkelte; er besaß eine Haut bleich wie Marmor, tiefdunkle Augen und Wangenknochen, die förmlich darum bettelten, gestreichelt zu werden. Außerdem bewegte er sich wie ein Tänzer und besaß die perfekt dazu passende Statur. Ja, er war der spektakuläre Typ von Tänzer, der dich auf der Tanzfläche herumwirbeln würde, bevor er dich an der Taille packte, zur Seite neigte und sich selbst gegen dich presste; und dann …

Er war ebenfalls – Irene rief es sich nachdrücklich ins Gedächtnis – ihr Student und Lehrling, und sie hatte für ihn die Verantwortung. Die Frage lautete nicht, ob er gewillt sein könnte – obschon er recht deutlich gemacht hatte, dass er es war, und sein Verhalten dies auch weiterhin nahelegte – oder ob sie gewillt sein könnte. Die Frage lautete, ob sie das Recht hatte, von seinem Angebot Gebrauch zu machen. Für den Augenblick war sie damit zufrieden, ihn als Freund ebenso wie als Arbeitskollegen zu haben, und dafür war sie dankbar.

Die Verantwortung zu tragen bedeutet eben, dass man für vieles verantwortlich ist, dachte sie verärgert. »Bist du bereit?«, fragte sie.

»Ich war gerade …« Kai fummelte an seinem Füller herum. »Es gab eine Botschaft«, sagte er schließlich.

»Von wem?« Das hier würde eindeutig einige Minuten in Anspruch nehmen, bevor es geklärt war. Irene nahm ihm gegenüber Platz und setzte ihre Ellenbogen auf den Tisch. Die abheilenden Narben an ihren Händen – die Verletzungen hatte sie schon vor Monaten erlitten – hoben sich deutlich gegen die Haut ab und stellten Kreuzmuster auf ihren Handtellern sowie Fingern dar.

Kai zupfte eine Schriftrolle hervor, die unter einem Haufen anderer Papiere lag. Das Wachssiegel darauf war zerbrochen und das Band darum aufgeschnürt worden. Irene konnte etwas erkennen, das wie ein mit schwarzer Tinte verfasster Text aus chinesischen Schriftzeichen aussah, der in Rot unterschrieben worden war.

»Von meinem Onkel«, teilte Kai ihr mit, »meinem ältesten Onkel, dem nächstältesten Bruder meines Vaters. Er verlangt meine Anwesenheit bei einer Familienzeremonie, die in ein paar Monaten stattfindet.«

»Nun ja, selbstverständlich musst du gehen«, erwiderte Irene sofort. »Ich kann für einige Tage auch ohne dich zurechtkommen. Oder für Wochen … Wie lange dauert diese Zeremonie überhaupt?« Sie wusste sehr wenig über Drachen, obgleich sie ihre Unterkunft mit einem teilte; möglicherweise hingen sie ja der Vorstellung an, dass eine gute Familienfeier mehrere Jahre dauern sollte.

»Wahrscheinlich ein paar Wochen«, antwortete Kai, ohne echte Begeisterung zu zeigen.

Irene versuchte sich vorzustellen, worin das Problem für ihn lag. »Bist du beschämt wegen deiner gegenwärtigen Position?«, erkundigte sie sich.

»Nein!« Kais Antwort kam erfreulich schnell. »Nein … Ich hätte meine Aufgabe bei der Bibliothek jedenfalls ohne die Erlaubnis meines Onkels nicht angenommen.«

»Also weiß er es?«

»Nein, das ist ein anderer Onkel«, erwiderte Kai. »Mein Vater hat drei Brüder. Der jüngste war mein Betreuer, als ich anfing, für die Bibliothek zu arbeiten. Der hier ist ein älterer Bruder, der Zweitälteste in der Familie. Also schulde ich ihm natürlich meine Loyalität und sollte an der Feier teilnehmen.«

Irene machte sich im Geiste eine Notiz, dass sie, falls dieses Gespräch noch viel länger fortgeführt werden sollte, nach Namen würde fragen müssen, um dann einen Familienstammbaum zu erstellen. »Ich sehe nicht, was dann das Problem ist«, sagte sie.

Kai rutschte ein wenig auf seinem Stuhl herum. »Ich hatte einfach nicht damit gerechnet, dass sie in der Lage sein würden, mich hier zu kontaktieren. Jegliche Einladungen hätten zu meinem früheren Betreuer gelangen sollen, und natürlich spreche ich mit ihm alle paar Jahre. Aber dass sie auf diese Weise eingetrof…«

»Wie ist sie eingetroffen?«, fiel Irene ihm ins Wort, bevor er noch länger um den heißen Brei herumreden konnte.

»Sie wurde von einem Privatkurier überbracht«, antwortete Kai.

Irene dachte darüber nach. Einerseits bedeutete dies, dass irgendein Drache dort draußen Kais Postanschrift kannte – und damit indirekt auch ihre. Aber war das andererseits notwendigerweise etwas Schlechtes? »Ich verstehe immer noch nicht, weshalb du dagegen etwas einzuwenden hast«, gestand sie. »Wenn sie darauf gewartet hätten, bis du das nächste Mal mit ihnen sprichst, hättest du dieses Familienereignis doch verpasst.«

»Du begreifst es nicht!«, rief er aus.

Oh, vielleicht würden sie ja jetzt zur Sache kommen. Es war das Jammern eines Teenagerprinzen oder zumindest eines Hochschulstudenten königlichen Geblüts, der fern von seiner Familie war und sich eines zuvor unbekannten Freiheitsgefühls erfreute. Sich ein paar Jahre zu nehmen, um Parallelwelten zu erforschen, war für jüngere Drachen vielleicht so etwas wie der Wochenendausflug eines Studenten in einem fremden Land – wenn auch mit der möglichen Einschränkung, dass man weniger Alkohol trank.

»Sie wissen, wo ich bin«, fuhr Kai fort. »Sie könnten mich zu jeder Zeit aufsuchen. Sie könnten sogar missbilligen, was ich so gemacht habe.«

»Moment. Du hast gerade gesagt, dass du dich nicht schämst wegen deiner Arbeit. Jetzt sorgst du dich, sie könnten es missbilligen. Meinst du unsere Aktionen in jüngster Zeit?« Wie zum Beispiel zu kriminellen Auktionen zu gehen oder in die Inquisitionsklöster unter Winchester einzudringen. Oder als sie einen Schwindel mit einem Reisebericht von der Seidenstraße hatten inszenieren müssen, um einen kasachischen Warlord zu täuschen, der auf Besuch gewesen war …

»Es ist möglich, dass meine Onkel die ganze Komplexität der Zusammenarbeit mit der Bibliothek nicht verstehen«, gab Kai widerwillig zu. »Ich glaube, sie denken, dass es nur ein Job ist, bei dem man nach Büchern recherchiert und sie käuflich erwirbt.«

Irene hätte am liebsten über die Zeitverschwendung geflucht. Sie mussten sich auf den Weg machen, um Vale wegen der Frau aufzusuchen oder um zur Bibliothek zu reisen und dort den Stoker loszuwerden. Kai dazu bringen zu wollen, dass er seine Familienprobleme beichtete, war so, als würde man Zähne ziehen, während man zwischen Eisenbahnschienen stand, auf denen ein Zug herannahte. Doch zugegebenermaßen mit weniger Geschrei. »Als du für die Bibliothek angeworben wurdest, hast du da nicht mit Kriminellen und Straßengangstern herumgehangen? Hat dein Onkel denn davon nichts gewusst?«

Kais Rücken wurde vollkommen starr, und auf seinen Wangenknochen leuchtete eine starke Rötung auf. »Irene, wenn du nicht meine Vorgesetzte wärest, dann würdest du es noch bedauern, dies gesagt zu haben!«

»Aber du hast doch tatsächlich mit Kriminellen und Straßengangstern herumgelungert«, entgegnete Irene verwirrt, nicht ohne seine präzise Grammatik in einer Stresssituation zu bewundern. Genau das musste man lernen, wenn man noch jung und leicht beeinflussbar war.

»Das mag ja wahr sein«, gestand Kai widerwillig ein. »Aber das geschah ohne Wissen meines Betreuers. Er steht über solchen Dingen.«

Irene rieb sich wütend die Stirn. »Aber du hast damals bei ihm gewohnt …«

»Er hat mich dazu ermuntert, die einheimische Literatur und Kunst zu erkunden«, erwiderte Kai, dessen Verärgerung ein wenig nachließ. »Die Tatsache, dass ich mich mit ortsansässigen Kriminellen eingelassen habe, war vollkommen unerheblich.«

In Gedanken hob Irene die Fähigkeit der Drachen zur Heuchelei um mehrere tausend Punkte an und atmete tief durch. »Wir schweifen gerade vom Thema ab. Kai, du wirst an diesem Familientreffen teilnehmen. Es nicht zu tun wäre unhöflich; und deine Familie könnte vermuten, dass ich dir schlechtes Benehmen beigebracht habe, und dich versetzen.« Sie sah, wie seine Gesichtsmuskeln zuckten. Daran hatte er nicht gedacht.

Kai seufzte. »Du redest wie eine ältere Familienangehörige.«

»Wahrscheinlich bin ich das«, sagte Irene. Sie hatte mehr als fünfundzwanzig Jahre außerhalb der Bibliothek gelebt, und zwar in Parallelwelten, in denen sie normal gealtert war. Aber wenigstens ein Dutzend Jahre mehr hatte sie in unterschiedlichen Zeitabständen im Innern der Bibliothek verbracht, und innerhalb ihrer Mauern alterten die Leute nicht. »Selbst wenn du ein Drache bist.«

»Aber was glaubst du, wie sie mich hier gefunden haben?«, verlangte Kai zu wissen, der zu dem fraglichen Punkt zurückkehrte wie eine Katze zu ihrem Lieblingsspielzeug.

»Ich kann ja mal wild drauflosraten: Meine direkte Vorgesetzte Coppelia hat deiner Familie eine Nachricht geschickt, damit die sich deinetwegen keine Sorgen machen muss.« Irene stand auf und begann, nach ihrem Mantel Ausschau zu halten. Sie war nicht gerade versessen darauf, dass Kais Familie hier auf ihrer Türschwelle aufkreuzte; doch sie war durchaus in der Lage, die politische Notwendigkeit zu verstehen, dass die Bibliothek den Drachen gegenüber Rechenschaft darüber ablegen konnte, wo ihr Lehrling sich aktuell aufhielt. »Du wirst keinerlei Probleme haben, zu deinem Onkel zu gelangen, wenn du ihn besuchen willst, oder?«

Kai zuckte mit einer Schulter in betont lockerer Weise. »Irene, ich bin ein Drache. Ich brauche die Bibliothek nicht, um zwischen den Welten zu reisen. Ich schaffe das ziemlich problemlos selbst.«

Sie musste ihm dieses bisschen an Selbstgefälligkeit zubilligen, denn es war völlig berechtigt. Bibliothekare benötigten Requisiten und Verhaltensprotokolle; Irene konnte nicht einfach von einer Welt in die andere spazieren, wie es Kai vermochte. »Können das eigentlich alle Drachen?«, fragte sie und versuchte, dabei nicht zu neidisch zu klingen.

»Alle königlichen«, antwortete Kai. »Geringere Drachen sind nur in der Lage, kleinere Reisen zu unternehmen.« Als sie eine Hand erhob, um zu fragen, was er mit »kleineren Reisen« meinte, fügte er hastig hinzu: »Es überträgt sich nicht wirklich in materielle Bedingungen. Geringere Drachen können aber auch im Schlepptau eines königlichen reisen, wenn dieser vorausgeht.«

»Ich verstehe.« Sie fand ihren Mantel, streifte ihn über und begann ihn zuzuknöpfen. »Jetzt sollten wir aber aufbrechen. Es ist fast zehn Uhr.«

»Irene …« Kai zögerte. »Du willst mich nicht loswerden, oder?«

Eine Sekunde lang starrte sie ihn einfach nur an. »Was?«

»Du schickst mich weg zu meiner Familie. Du behandelst mich wie jeden anderen Lehrling. Dich scheint es nicht zu kümmern, dass sie mir möglicherweise befehlen, wegzugehen. Du …« Er schaute sie an, sein Gesicht war voller Verlangen und Verunsicherung. »Wenn du willst, dass ich gehe, dann werde ich gehen, doch …«

Das hier war nicht irgendeine Art von emotionaler Erpressung. Es war aufrichtig, und es war ehrenwert, und es führte dazu, dass sich ihr Herz in der Brust zusammenzog. Sie seufzte und ging um den Schreibtisch herum – bei Weitem nicht so anmutig wie er, nicht annähernd so elegant wie er, bloß wie ein sterblicher Mensch –, um seine Hände zu nehmen. Sie waren dünn und sehr warm in ihrem Griff, und seine langen Finger wanden sich um die ihren. »Kai, verstehst du denn nicht, dass ich all das nur sage, weil ich dich nicht verlieren will? Du bist mein Freund. Du bist die Person, auf die ich mich verlasse, dass sie mir den Rücken freihält und für mich gegen Werwölfe kämpft. Die mich aus Zeppelinen baumeln lässt. Die mit einem Hammer bereitsteht, wenn ich Pflöcke in Vampire schlagen muss. Ich weiß nicht, was deine Familie veranlassen könnte, dich von hier abzuziehen. Doch ich möchte ihr bestimmt keinen Vorwand dafür geben.«

»Meinst du das ernst?« Er stand auf und schaute hinab auf ihr Gesicht; seine Hände hielten ihre fest. »Versprichst du, dass du das ernst meinst?«

Es wäre so leicht, einfach Ja zu sagen und den gesunden Menschenverstand sausen zu lassen, ihre Hände hochzuheben, auf seine Schultern zu legen und ihn an sich zu drücken. Sie hatte inzwischen Monate aufgewendet, um zu versuchen, genau diese Art von Gedanken und diese Art von Situation zu vermeiden. »Ich gebe dir mein Wort, dass ich dich nicht verlieren will«, versprach sie. »Du bist mein Lehrling. Du bist mein Mitstreiter. Du bist mein Freund. Kannst du mir nicht glauben?«

Jawohl. Und hör auf, um mehr zu bitten, bevor ich etwas tue, das ich bedauern könnte.

»Das will ich.« Seine Stimme war rau. »Es ist nur … Irene, ich habe Angst.«

»Wegen des Überfalls auf der Straße? Wenn du dich nicht sicher fühl…«

»Nicht deswegen!« Es fehlte nicht viel, und er hätte sich über diese Idee lustig gemacht; und das kühlte ein wenig die Hitze zwischen ihnen ab, wie ein plötzlicher Anflug von frischer Luft. »Nicht wegen einer Gefahr. Nicht um mich. Es ist wegen … allem.« Seine Eloquenz und die sprachliche Grazie hatten ihn verlassen. »Du. Vale. Die Bibliothek. Alles. Ich habe meinem geehrten Vater niemals den Gehorsam verweigert, niemals die Autorität meiner Ältesten infrage gestellt. Was soll ich tun, wenn sie mich anweisen, dich zu verlassen?«

Irene hätte ihm gerne irgendetwas Beruhigendes gesagt, aber sie hatte keine einfachen Antworten. Sie hatte noch nicht einmal irgendwelche komplizierten. Sie konnte nur seinen Händedruck erwidern. »Wir werden eine Lösung finden«, erklärte sie mit fester Stimme. »Es muss einen Weg geben. Selbst wenn ich beispielhafte Werke der Dichtung aus hundert Welten stehlen muss, um sie zu überzeugen, dass du auf einem fundierten Postgraduierten-Studiengang bist. Es wird einen Weg geben.«

Sie würde ihn nicht verlieren.

Plötzlich ertönte ein knackendes Geräusch aus dem angrenzenden Zimmer, wie von Kieselsteinen, die gegen Glas flogen. Im selben Augenblick verspürte Irene einen Schlag gegen die Abwehrmaßnahmen, die sie zum Schutz ihrer Unterkunft errichtet hatte: In ihrem metaphysischen Gehör klang es wie ein Donnerschlag. Der Schlag reichte nicht aus, die Abwehrmaßnahmen zu Fall zu bringen, war aber fest und sorgsam platziert, kein unverständiger Ausbruch von Kraft. Und er war definitiv mit Chaos verunreinigt. Jemand klopfte an, und er wollte hinein.

Das Geräusch war aus Kais Schlafzimmer gekommen. Ein Dutzend unerfreuliche Möglichkeiten fuhren Irene durch den Kopf, und die meisten von ihnen standen in einem Zusammenhang mit dem Angriff in der letzten Nacht.

»Was war das?« Kai ließ sie los, rannte zur Tür und riss sie auf, sodass sie laut gegen die Wand knallte. »Wer wagt es?«

Sein Zimmer war überraschenderweise aufgeräumt: ein prall gefüllter Kleiderschrank, ein blanker Fußboden, ein kleiner Tisch und ein gleichermaßen kleiner Schrein mit einer Weihrauchspirale. Das große Erkerfenster auf der gegenüberliegenden Seite des Raums war unversehrt. Doch eine Gestalt stand dramatisch auf der anderen Seite der Scheibe und hatte ihren Spazierstock gehoben, um gegen das Glas zu schlagen. Der Umhang und das Jackett des Mannes flatterten in einem Wind, der vorher mit Sicherheit nicht geweht hatte; und sein silberfarbenes Haar ergoss sich wellenförmig über die Schultern hinab. Es funkelte und glitzerte in seinen Augen.

»Kai«, fragte Irene mit großer Geduld, »warum steht Lord Silver auf deinem Fenstersims?«

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DRITTES KAPITEL

»Lasst mich rein!« Silver schmetterte seinen Gehstock gegen das Glas, der daraufhin mit dem gleichen knackenden Geräusch, das sie zuerst gehört hatten, davon abprallte. Das Glas blieb unversehrt. Glücklicherweise bedeutete Irenes und Kais Gewohnheit, in ihren Räumen eine kritische Masse von Büchern zu sammeln, dass diese Wohnung einen Abwehrschutz nach Art der Bibliothek zu unterstützen vermochte. Und solche Dinge waren ein Gräuel für die Elfen. Obgleich es regelmäßige Anstrengungen seitens Irene erforderte, den Schutz aufrechtzuerhalten, war das in Momenten wie diesem der Mühe vollkommen wert.

»Mit Sicherheit nicht!« Irene schob sich vor Kai. »Lord Silver, wie können Sie es wagen, sich auf diese Weise zu benehmen?«

Silver, der sich mit einer Hand am Fensterbogen festklammerte, zeigte mit dem Griff seines Spazierstocks auf Irene. Er trug einen vollkommenen Cutaway: Anzug, Umhang und Zylinder, den er sich allerdings in salopper Weise schräg aufgesetzt hatte und der trotz der windschiefen Position und der Morgenbrise irgendwie auf seinem Kopf haften blieb. »Willst du mir etwa erzählen, dass du nichts von der Sache weißt?«

Irene überprüfte ihr Gewissen. Es war vergleichsweise rein. Zumindest brachte die Überprüfung keine besonderen Straftaten aufs Tapet, die einen Bezug zu Silver aufwiesen. »Nichts von was?«, verlangte sie zu erfahren. »Und warum in aller Welt stehen Sie auf dem Fenstersims und brüllen durch das Glas?«

»Weil du natürlich nicht das Fenster öffnen wirst«, antwortete Silver in einem Tonfall, der nahelegte, dass diese Tatsache zu offenkundig war, um der Erwähnung überhaupt wert zu sein. »Ich bin hierhergekommen, um ein völlig simples Beratungsgespräch zu führen, und habe eure Unterkunft für mich versperrt vorgefunden. War es denn etwa ein Fehler, dass ich entschieden habe, diskret näher zu kommen, anstatt es offen an der Eingangstür zu versuchen?«

Irene nahm an, dass das hintere Fenster im ersten Stockwerk zumindest diskreter als die Eingangstür war. Aber nicht allzu viel. »Und was wollen Sie mit uns besprechen?«

»Aha. Ich verstehe das so, dass ihr mich nicht einladen werdet, hereinzukommen?«

»Nein«, erwiderte Irene, die Kai anstupste, bevor er etwas gleichermaßen Ablehnendes mit mehr Betonung, als vielleicht nötig war, vorbringen konnte. Die Uhr tickte immer noch. Sie hatte nicht die Zeit für all diese Elfen-Theatralik. Aber wenn Silver Fragen zu den Geschehnissen der vergangenen Nacht beantworten konnte, dann war es dumm, ihn nicht hier und jetzt zu befragen. »Wie wäre es mit einem neutralen Territorium, Lord Silver? Es gibt ein Kaffeehaus die Straße hinunter. Wir treffen Sie dort in fünf Minuten.«

Silver zuckte lässig mit den Schultern. »Ich wage zu behaupten, dass dies genügen wird. Der Name dieses Etablissements, kleine Maus?«

»Coram’s«, antwortete Irene, die Silvers kleine Stichelei überging. Sie war bereits über den Punkt hinweg, dass er sie mit seinen spöttischen Bemerkungen irritieren konnte. Wenn er dachte, dass so etwas sie aus dem Gleichgewicht brachte, verschwendete er seine Zeit. »In der Nähe des Findelhauses. Wir werden uns dort mit Ihnen treffen.«

Silver drückte mit einer Geste seine Zustimmung aus und sprang dann vom Fenstersims; elegant landete er eine Etage tiefer auf dem Bürgersteig. Ein unten wartender Diener trat vor, um seinen Spazierstock zu nehmen.

»Nur eine kurze Nachfrage …« begann Irene. »Du hast doch nichts getan, von dem ich etwas wissen sollte, Kai?« Sie glaubte nicht, dass dem so war; doch es war wahrscheinlich eine gute Idee, ganz sicherzugehen, bevor es zu irgendwelchen erregten nachträglichen Schuldzuweisungen kommen konnte.

»Leider nein.« Kai fand seinen Mantel und warf ihn sich über die Schultern. »Glaubst du, es hat etwas mit dem zu tun, was letzte Nacht passiert ist?«

»Es hat ganz den Anschein – in Anbetracht seines Timings«, antwortete Irene. »Auf geht’s! Lass es uns herausfinden.«

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Es gab immer Probleme im Umgang mit den Elfen. Trotz ihrer menschlichen Erscheinung waren sie seelentötende Wesenheiten, die von jenseits von Raum und Zeit kamen und das Chaos in die Parallelwelten einführten. Eine Methode, die sie dabei einsetzten, bestand darin, das normale Leben und die Biographien der Leute in ihre endlosen eigenen Geschichten hineinzuziehen und so langsam zu zerrütten. Dies schwächte die Wirklichkeit und die natürliche Ordnung der Dinge, bis die ursprüngliche Bevölkerung nicht mehr wusste, was an ihrem Dasein Wahrheit und was Fiktion war. An diesem Punkt pflegte die betreffende Welt in einem Meer von Chaos zu ertrinken. Außerdem waren die Elfen ständig bestrebt, den Helden oder Bösewicht ihrer persönlichen Erzählung zu spielen. Sie beharrten darauf, dass alle anderen Personen Rollen in dieser Geschichte einnehmen mussten, und weigerten sich, in irgendeiner anderen Weise mit jemandem in ihrem Umfeld umzugehen.

Das Kaffeehaus war eine Höhle von Snobs und zählte nicht gerade zu Irenes Lieblingsorten. Das mochte durchaus dazu führen, dass es hier zu einer Konfrontation kam, nach der man ihr den Eintritt für immer verbot und sie niemals wieder den Türdurchgang verdunkeln durfte.

Eine Droschke mit dem Liechtensteiner Wappen hatte mit laufendem Motor, der willkürlich kleine Ätherwolken von sich gab, draußen vor dem Gebäude angehalten. Der Fahrer saß auf seinem Platz und verharrte dort immer noch, trotz Hitze und Smog, in einer perfekten Körperhaltung. Doch Irene sah, dass seine Augen ihr und Kai folgten, als sie sich dem Café näherten.

»Es könnte schlimmer sein«, bemerkte Irene. »Silver hätte die Möglichkeit gehabt, mit einem privaten Luftschiff einzutreffen.«

Kai nickte. »Vale hat mir erzählt, dass sie mit einem neuen Modell herausgekommen sind. Es ist sogar noch kleiner als die Ein-Mann-Modelle, die von den Museen genutzt werden.«

»›Sie‹ wie ›in Liechtenstein‹?«

Kai nickte abermals. »Er sagte, jedermann hätte Gebote für diese Schiffe abgegeben – und dass die Anzahl der Versuche, die neue Technologie auszuspionieren, in die Höhe geschnellt sei.«

»Ganz wie die Luftschiffe?«

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