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Die perfekte Gefährtin

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. KAPITEL 1
  7. KAPITEL 2
  8. KAPITEL 3
  9. KAPITEL 4
  10. KAPITEL 5
  11. KAPITEL 6
  12. KAPITEL 7
  13. KAPITEL 8
  14. KAPITEL 9
  15. KAPITEL 10
  16. KAPITEL 11
  17. KAPITEL 12
  18. KAPITEL 13
  19. KAPITEL 14
  20. KAPITEL 15
  21. KAPITEL 16
  22. KAPITEL 17
  23. KAPITEL 18
  24. KAPITEL 19
  25. KAPITEL 20
  26. KAPITEL 21
  27. KAPITEL 22
  28. KAPITEL 23
  29. KAPITEL 24
  30. KAPITEL 25
  31. KAPITEL 26
  32. KAPITEL 27
  33. KAPITEL 28
  34. KAPITEL 29
  35. KAPITEL 30
  36. KAPITEL 31
  37. KAPITEL 32
  38. KAPITEL 33
  39. KAPITEL 34
  40. KAPITEL 35
  41. KAPITEL 36
  42. KAPITEL 37
  43. KAPITEL 38
  44. KAPITEL 39
  45. KAPITEL 40
  46. KAPITEL 41
  47. KAPITEL 42
  48. KAPITEL 43
  49. KAPITEL 44
  50. KAPITEL 45
  51. KAPITEL 46
  52. KAPITEL 47
  53. KAPITEL 48
  54. KAPITEL 49
  55. DANKSAGUNG

Über die Autorin

Helen Fields studierte Jura in Norwich und arbeitete dreizehn Jahre als Anwältin, bevor sie sich neuen Aufgaben widmete. Sie leitet heute mit ihrem Ehemann eine Filmproduktionsfirma, arbeitet als Produzentin und Autorin für Drehbücher und Romane. Die perfekte Gefährtin ist ihr Debüt und Auftakt einer Krimireihe. Fields lebt mit ihrem Ehemann und drei Kindern in Hampshire.

 

Für David, Gabriel, Solomon und Evangeline,
die es mir ermöglicht haben,
in einer Zeitmaschine zu schreiben,
sodass
nur noch fünf Minuten in meiner Welt stets
ein bis zwei Stunden in eurer entsprachen.

KAPITEL 1

Mit beinahe väterlicher Fürsorge legte er den Körper ab und breitete die Glieder aus, damit die Luft frei um die Haut zirkulieren konnte. Sie war aschfahl, aber friedlich. Ihre Wimpern bildeten einen starken Kontrast zu dem grauen Gesicht und den farblosen Lippen. So gefiel sie ihm besser als bei ihrer ersten Begegnung. Die Nacktheit, alle Gliedmaßen von sich gestreckt, war nicht attraktiv, aber notwendig. Nichts von ihr sollte übrig bleiben. Kein Aspekt ihrer Vergangenheit, keine Verbindung zu dem Leben, das sie hinter sich ließ. Dies war in vielfacher Hinsicht eine Reinigung. Mit großer Präzision zielte er mit dem Fuß auf die Mitte ihres linken Oberarmknochens und trat mit seinem ganzen Gewicht zu, spürte, wie das Krachen und Splittern in den Knochen seines eigenen Beins nachhallte. Erst als er sicher war, dass er das Feuer perfekt vorbereitet hatte, nahm er den kleinen Seidenbeutel aus der Hosentasche, ließ die weißen Kleinode in seine Hand gleiten und rollte sie mit geschickten Fingern hin und her, genoss den Kontrast aus Glätte und scharfen Kanten, ehe er sie in ihren Mund fallen ließ wie Münzen in einen Wunschbrunnen. Bis auf eines. Es war beinahe eine Schande, solch eine makellose Arbeit den Flammen zu übergeben, aber nichts Fleischliches durfte verschont werden. Über Nacht hatte er die Leiche in Brandbeschleuniger gebadet und gescherzt, er mariniere sie, nur für den Fall, dass jemand unerwartet früh hereinstolperte; nicht dass er dilettantisch genug wäre, es dazu kommen zu lassen.

Als letzten Schliff ließ er, ehe er die gemauerte Hütte verließ, den blutigen Fetzen eines Seidenschals gemächlich zu Boden segeln, legte einen schweren Stein darauf und drückte ihn in die Erde. Das Knirschen eines Streichholzes, das Kreischen alter, rostiger Türangeln, das Wusch sauerstoffverzehrender Flammen, und es war vollbracht. Einen Baseballschläger aus Metall trug er ein angemessenes Stück weit weg und bedeckte ihn mit Steinen. Die Fingerabdrücke hatte er abgewischt, doch am Griff, für das bloße Auge unsichtbar, lauernd auf das Schwarzlicht, das ihn zum Vorschein bringen würde, war ein verschmierter Blutfleck zurückgeblieben. Einige Schritte weiter trennte er sich auch von dem letzten Zahn, an dem noch Reste des Zahnfleisches klebten, und bedeckte ihn mit einer symbolischen Schicht aus Erde. Das sollte reichen.

Es folgte ein Fußmarsch, nicht weit, aber gefährlich in der Dunkelheit. Die Lufttemperatur war sogar in den Gebirgsausläufern unter den Gefrierpunkt abgesunken, und sein Atem vernebelte den Blick auf die Sterne, die über ihm am Himmel leuchteten. Das war, überlegte er, ein schöner Ruheplatz für sie. Sie hatte Glück. Nur wenige Leute verließen diese Welt mit solch einem Ausblick. Bald schon verschwanden die Cairngorms hinter ihm im Nebel. Sobald das erste Tageslicht sie aus dem Dunkel riss, würden sie sich purpurgrau vom Himmel abheben, kahl und felsig, beinahe wie eine Mondlandschaft. Nachdem er seinen Wagen erreicht hatte und losgefahren war, sah er im Spiegel, wie sich das Gebirge für das Auge in weiter nichts als eine flache Hügellandschaft verwandelte. Dies, so dachte er, war sein letzter Besuch hier. Ein letzter Abschied. Dieser Ort hatte sich als perfekt erwiesen.

Edinburgh war immer noch mehr als eine Stunde entfernt, und der Wetterbericht hatte Regen angekündigt, der sein Feuer jedoch nicht gefährden konnte. Bis der erste Tropfen fiel, wäre die Hitze so enorm, dass nur noch eine Flut der Zerstörung Einhalt gebieten könnte. Seine Priorität lautete nun, so schnell, wie es nach vernünftigen Maßstäben ging, nach Hause zu kommen. Es gab noch so viel zu tun.

Die Frau hatte viel schneller aufgegeben, als er erwartet hatte. Wäre er an ihrer Stelle gewesen, er hätte bis zum Letzten gekämpft, hätte jede Spur von Zorn und Wut in seine Gegenwehr einfließen lassen. Sie hatte ihn angefleht, hatte gebettelt und am Ende jämmerlich geweint und geheult. Leben war billig, sinnierte er, weil das gemeine Volk seinen Wert nicht zu schätzen wusste. Er war anders. Ständig trieb er sich an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit, strebte nach neuen Erkenntnissen, kämpfte darum, sich selbst zu übertreffen. Innerlich brannte er vor Wissensdurst, so wie andere sich nach Geld verzehrten, was es schwer machte, Ebenbürtige zu finden. Deshalb war er gezwungen zu töten. Ohne ihr Opfer wäre er für alle Zeiten von Frauen umgeben, die nicht imstande waren, seinen Intellekt zu befriedigen.

Während der Fahrt hörte er sich eine Sprach-CD an. Er versuchte, jedes Jahr eine Sprache zu lernen. Dieses Mal war es Spanisch. Einfacher als viele andere, wie er sich schuldbewusst eingestand, aber schließlich hatte er noch mehr als genug weitere, anstrengende Dinge im Kopf. Niemand konnte erwarten, dass er sich irgendetwas Komplexerem zuwandte, während er so viele Nachforschungen anstellen musste und ständig unterwegs war.

»Ist ja nicht, als hätte ich so etwas wie Freizeit.« Ein Hase rannte auf die Straße. Er trat auf die Bremse, weniger in dem Bestreben, ihn nicht zu erwischen, sondern vielmehr, weil die Bewegung am Rande seines Blickfelds ihn erschreckt hatte. »Verdammt!« Er war abgelenkt, und er hatte wieder einmal Selbstgespräche geführt. Das tat er nur, wenn er übermüdet war. Und gestresst. Bis spät am Abend hatte er debattiert. Wer immer sich einbildete, es wäre einfach, eine intelligente Frau zu überzeugen, das zu tun, was das Beste für sie war, war ein Trottel. Das war eine echte Herausforderung, sogar für einen Mann mit seinen Fähigkeiten. Je klüger die Frau war, desto schwieriger wurde es. Aber es war am Ende auch bereichernd.

Am Stadtrand von Edinburgh hielt er an und trank den immerhin noch warmen Kaffee aus seiner Thermoskanne. Ein Café zu besuchen, konnte er nicht riskieren. Zwar dürfte er kaum Aufmerksamkeit erregen – niemand interessierte sich sonderlich für einen Mann in mittleren Jahren, der sich durch einen schwabbeligen Schmerbauch und eine unansehnliche kahle Stelle auf dem Kopf auszeichnete –, dennoch wäre es schlicht dumm, sich bei der Rückkehr in die Stadt auf dieser Route von einer Überwachungskamera erwischen zu lassen.

Die spanische Stimme leierte im Hintergrund, bis er sie ausschaltete. Dies war ein so großer Tag, warum sollte er sich nicht ausnahmsweise eine Pause gönnen? Zu Hause wartete eine Dame auf ihn, die umfangreicher Fürsorge und Aufmerksamkeit bedurfte. Sie wäre für eine Weile nicht fähig, sich deutlich auszudrücken, vermutlich würde sie sogar eine Sprachtherapie benötigen. Zu ihrem Glück war er auf vielen Gebieten ein begabter Tutor. Es würde ihm Freude und Privileg zugleich sein, sie zu unterstützen.

KAPITEL 2

Detective Inspector Luc Callanach fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis die Sticheleien wieder aufhörten, dabei hatten sie noch gar nicht angefangen. Dies war sein zweiter Tag beim Major Investigation Team der Police Scotland in Edinburgh, und er hatte sich in einem deprimierenden, grauen alten Gebäude wiedergefunden, das kaum weniger nach dem Zentrum einer Spitzentruppe kriminalpolizeilicher Ermittler hätte aussehen können. Die Einführung gestern war recht locker verlaufen, nur ein paar Briefings und Treffen mit Vorgesetzten, denen die Political Correctness zu sehr im Nacken saß, als dass sie es gewagt hätten, irgendwelche Witze über seinen Akzent oder seine Staatsangehörigkeit zu reißen. Aber die, die im Rang unter ihm standen, würden nicht so zuvorkommend sein. Es war kaum anzunehmen, dass die Police Scotland je zuvor einen halb französischen, halb schottischen Detective zu ihren Reihen gezählt hatte.

Von Callanach wurde erwartet, dass er eine Begrüßungsrede hielt und erklärte, wie er vorzugehen beabsichtigte und was er von den Männern und Frauen seiner Abteilung erwartete. Es würde schon schlimm genug werden, wenn sie ihn nur zu Gesicht bekamen – einen archetypischen Europäer mit widerspenstigem dunklem Haar, braunen Augen, olivfarbener Haut und einer Adlernase. Sobald er den Mund aufmachte, würde es noch schlimmer werden. Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Er vermutete, dass sie sich jetzt schon das Maul zerrissen. Sie warten zu lassen würde die Sache nicht besser machen. Nicht dass es ihm besonders wichtig war, was sie über ihn dachten, aber er wollte sich das Leben auch nicht schwerer machen als nötig.

»Bitte Ruhe. Lassen Sie uns anfangen«, sagte er, schrieb seinen Namen auf eine Tafel und ignorierte die ungläubigen Blicke. »Ich bin erst kürzlich von Frankreich hergezogen, und es wird eine Weile dauern, bis wir uns gegenseitig an die Aussprache gewöhnt haben, also sprechen Sie langsam und deutlich.«

Stille trat ein, bis etwas, das sich anhörte wie »Das soll wohl ein Witz sein« am hinteren Ende des Raums erklang, wo sich zu viele Leute drängelten, um den Sprecher auszumachen. Dem Satz folgte sogleich ein Pst, das eindeutig weiblicher Herkunft war. Callanach rieb sich die Stirn und unterdrückte das Bedürfnis, auf die Uhr zu sehen, während er sich darauf vorbereitete, die unausweichlichen Fragen über sich ergehen zu lassen.

»Entschuldigen Sie, Detective Inspector, aber ist Callanach nicht ein schottischer Name? Es ist nur, weil wir nicht mit jemandem gerechnet haben, der so … europäisch ist.«

»Ich wurde in Schottland geboren und bilingual erzogen. Das ist alles, was Sie wissen müssen.«

»Bi-was? Ist das hier überhaupt legal?«, rief eine Blondine zur Freude ihrer Kollegen.

Callanach sah, wie sie sich zu den anderen umschaute und auf deren Reaktion wartete, und ihm war klar, dass sie versuchte, ihre Kollegen zu beeindrucken, bemüht, sich den Jungs anzupassen. Mit ausdrucksloser Miene wartete er gelangweilt darauf, dass das Gelächter verstummte.

»Ich erwarte, regelmäßig über Fortschritte informiert zu werden. Die Befehlswege werden straff gehalten. Ermittlungen geraten ins Stocken, sobald irgendjemand es unterlässt, sein Wissen an die Kollegen weiterzugeben. Ein höherer Dienstgrad ist keine Entschuldigung dafür, die Schuld auf Untergebene abzuschieben, und Unerfahrenheit ist keine Ausrede für Unfähigkeit. Kommen Sie zu mir, um Fortschritte und Probleme zu besprechen. Wenn Sie sich beklagen wollen, rufen Sie Ihre Mutter an. Wir haben derzeit drei aktuelle Fälle zu bearbeiten, und die damit verbundenen Aufgaben wurden Ihnen zugewiesen. Fragen?«

»Stimmt es, dass Sie ein Interpol-Agent sind, Sir?«, erkundigte sich ein Detective Constable.

Callanach schätzte, dass er nicht älter als fünfundzwanzig war, und, genau wie er selbst in diesem Alter, vor Neugier und Enthusiasmus nur so strotzte. Seither schien eine Ewigkeit vergangen zu sein.

»Das ist richtig«, sagte er. »Wie ist Ihr Name?«

»Tripp«, antwortete der Mann.

»Schön, Tripp, wissen Sie, worin sich die Arbeit bei einer internationalen Ermittlung von Interpol von der hier in Schottland unterscheidet?«

»Nein, Sir«, entgegnete Tripp und blickte unentwegt von links nach rechts und wieder nach links, als fürchtete er, dass diese Frage der Beginn eines überraschenden Tests war.

»Überhaupt nicht. Es gibt eine Leiche, trauernde Hinterbliebene, mehr Fragen als Antworten und Druck von oben, damit die Sache in Nullkommanichts zu minimalen Kosten aufgeklärt wird. Aber auch in Anbetracht der Beschränkungen, die uns das Budget auferlegt, werde ich keine Schlamperei dulden. Es steht zu viel auf dem Spiel, um zuzulassen, dass sich Ihre Unzufriedenheit mit der derzeitigen Überstundenvergütung auf die Leistung auswirkt, die Sie zu liefern bereit sind.« Er nahm sich einen Moment Zeit, schaute sich mit stechendem Blick im Raum um und sah jedem Einzelnen in die Augen, um seine Worte zu unterstreichen. »Tripp«, sagte er, als er damit fertig war, »schnappen Sie sich einen weiteren Constable und kommen Sie in mein Büro.«

Ohne Abschiedsworte oder sonstige Höflichkeitsfloskeln verließ Callanach den Raum. Zweifellos bekam Tripp schon jetzt Zunder, weil er ihn herausgegriffen hatte, während das Team sich über den neuen Detective Inspector beklagte und lamentierte, dass Police Scotland nicht in der Lage gewesen war, jemanden aus ihren eigenen Reihen zu befördern. Polizeiarbeit war auf der ganzen Welt gleich. Im Grunde unterschied sich nur der Kaffee von Ort zu Ort. Der, wie er keineswegs verwundert zur Kenntnis nahm, hier verdammt scheußlich schmeckte.

Sein Büro war bestenfalls funktionell. Für echten Komfort müsste er erst in einen höheren Dienstgrad befördert werden. Aber es war ruhig und hell und ausgestattet mit zwei Telefonen, als könnte er sich in zwei Hälften teilen, um zwei Anrufe zugleich entgegenzunehmen. Gerade mal zwei Kartons mit persönlicher Habe standen auf dem Boden und warteten darauf, dass ihr Inhalt in Schubladen und Regalfächer verteilt wurde. Nicht dass da irgendetwas Lebensnotwendiges dabei gewesen wäre. Er war nach Schottland gekommen, um neu anzufangen. Das Land, in dem er geboren war, schien ihm der logische Ort zu sein, um neue Wurzeln zu schlagen, ganz zu schweigen davon, dass es einer der wenigen Orte war, an denen er sich aufgrund seiner Staatsangehörigkeit bei der Polizei bewerben konnte.

Tripp klopfte mit einer jungen Frau im Schlepptau an seine Tür.

»Haben Sie jetzt Zeit für uns, Sir?«, fragte Tripp.

Callanach winkte die beiden herein. »Und Sie sind?«

»Detective Constable Salter. Erfreut, Sie kennenzulernen, Sir«, antwortete sie und starrte dabei ihre Schuhe an. Ihre Unbeholfenheit war so vorhersagbar wie ärgerlich. Callanach litt unter der höchst unwahrscheinlichen Heimsuchung, gut genug auszusehen, dass es regelrecht störend war. Mit seinem Gesicht konnte er – erwiesenermaßen – Staus auslösen. Nur wenige Menschen begriffen, dass das heutzutage mehr Fluch als Segen war.

»Salter, führen Sie mich in die Verfahrensweisen ein, von der Meldung eines Verbrechens über die Anforderung der Forensiker bis hin zur Prozessvorbereitung. Tripp, ich möchte umfassende Erläuterungen zu Formularen, Ablagesystem, das ganze Programm. Verstanden?«

»Ja, Sir, kein Problem.« Tripp schien sich zu freuen, dass er sich nützlich machen konnte. Salter brachte dagegen nur ein undeutliches Gemurmel zustande, das Callanach als Zustimmung wertete.

»Würden Sie uns bitte allein lassen, Constables?«, ertönte eine Stimme hinter ihnen. Auf der Schwelle stand ein weiblicher Officer in Ausgehuniform. Salter und Tripp zogen sich hastig zurück, worauf sie hereinkam und die Tür zutrat. »Ich bin DI Turner. Ava, da wir den gleichen Dienstgrad haben.« Sie bedachte ihn mit einem breiten Grinsen und hatte im Gegensatz zu Salter keine Probleme, ihm in die Augen zu blicken. Callanachs gleichgestellte Kollegin war ungefähr eins fünfundsechzig groß und schlank. Ihr schulterlanges lockiges Haar hatte sie mit einem Pferdeschwanz zu bändigen versucht. Sie war keine Schönheit, nicht im modernen, werbewirksamen Sinne, aber sie als hübsch zu bezeichnen wäre eine Beleidigung gewesen. Sie hatte zarte Züge und graue, weit auseinanderstehende Augen.

»Callanach«, entgegnete er. »Ihrer Miene nach zu schließen, wissen Sie etwas, das ich nicht weiß. Wollen Sie es mir sagen, oder soll ich raten?«

Ava Turner ignorierte seinen abweisenden Ton und antwortete unbeeindruckt: »Na ja, ich habe einen der Sergeants fragen hören, warum man uns ein Unterwäschemodel anstelle eines anständigen Polizisten geschickt hat.«

»Verstehe«, sagte er.

»Ich schätze, so etwas sind Sie gewohnt. Falls es hilft: Für die meisten wird die Tatsache, dass Sie Franzose sind, leichter hinzunehmen sein, als das, was sie in mir sehen.«

»Engländerin?«, fragte er, während er einen Aktenschrank an einen neuen Platz rückte.

»Schottin, aber meine Eltern haben mich schon mit sieben Jahren auf ein englisches Internat geschickt, daher der Akzent. Mit dem bin ich hier etwa so willkommen wie die Pest. Machen Sie sich darüber keine Gedanken. Wenn die Sie jetzt schon mögen würden, wären Sie zum Scheitern verurteilt. Vermutlich haben Sie sich so oder so längst eine angemessen dicke Haut zugelegt. Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie irgendwelche Probleme haben. Meine Nummer finden Sie auf der Liste auf Ihrem Schreibtisch. Ich sollte jetzt gehen und mich umziehen. Ich bin gerade von einer Preisverleihung zurück und kann die Uniform nicht länger ertragen. Ihr Team besteht aus guten Leuten, Sie dürfen sich von denen nur nicht zu sehr verarschen lassen.«

»Ich habe nicht die Absicht, mich von irgendjemandem verarschen zu lassen«, erwiderte er, griff nach einem der Telefone und kontrollierte, ob ein Freizeichen zu hören war. Als er wieder aufblickte, sprach er mit leerer Luft und einer offen stehenden Tür. Callanach ließ sich auf den Stuhl hinter seinem leeren Schreibtisch fallen, zog sein Mobiltelefon hervor und programmierte ein paar der wichtigeren Nummern auf der Liste ein. Gerade, als er darüber nachdachte, den ersten Karton auszupacken, kam Tripp ins Büro.

»Tut mir leid, Sie zu stören, Sir, aber wir hatten gerade einen Anruf von einem Officer aus Braemer. Sie haben eine Leiche gefunden und wollen das mit jemandem erörtern.«

»Und Braemer ist welcher Stadtbezirk?«

»Es ist nicht in der Stadt, sondern in den Cairngorm Mountains, Sir.«

»Um Gottes willen, Tripp, hören Sie auf, jeden Satz mit Sir zu beenden, und erklären Sie mir, wieso um alles in der Welt dieser Fall Edinburgh etwas angeht.«

»Sie nehmen an, dass es die Leiche einer Frau ist, die vor ein paar Wochen in der Stadt als vermisst gemeldet wurde, eine Anwältin namens Elaine Buxton. Sie haben einen Fetzen Stoff gefunden, der zu dem Schal passt, den sie getragen hat, als sie zum letzten Mal gesehen wurde.«

»Das ist alles? Sonst gibt es keine Anhaltspunkte für ihre Identität?«

»Alles andere ist verbrannt, Sir. Äh … tut mir leid. Braemer dachte, wir wollten vielleicht gleich zu Beginn mit einbezogen werden.«

»In Ordnung, Constable. Stellen Sie alles zusammen, was wir über Elaine Buxton haben, und dann holen Sie mir Braemer ans Telefon. Ich möchte in fünfzehn Minuten detaillierte Informationen auf meinem Schreibtisch haben. Sollte es sich um die Vermisste aus Edinburgh handeln, hat ihr Mörder jetzt schon zwei Wochen Vorsprung.«

KAPITEL 3

Callanach legte den Hörer auf. Er fühlte sich erschöpft und kam zu dem Schluss, dass das an der mühseligen Dekodierung des schottischen Akzents liegen musste. An seinen Vater konnte er sich kaum erinnern, und auch wenn seine Mutter darauf bestanden hatte, dass er neben ihrer Muttersprache Französisch auch Englisch lernte, war er nicht darauf vorbereitet gewesen, voll und ganz in diese Sprache einzutauchen. Der Sergeant aus Braemar hatte es fertiggebracht, den leiernden Tonfall mit einer ordentlichen Dosis an umgangssprachlichen Wendungen zu würzen. Callanach hegte den Verdacht, dass der Mann ihm einen Gefallen hatte tun wollen, und nach ein paar Sätzen hatte er aufgehört zu fragen, was das alles zu bedeuten hatte. Aber er hatte sich das Wort »haiver« notiert, was so viel bedeutete wie »Unsinn reden«. Tripp würde wohl nebenbei als Übersetzer für ihn fungieren müssen. Inzwischen hatte Callanach bereits zugestimmt, zu einem Fall hinzugezogen zu werden, der theoretisch nicht in seine Zuständigkeit fiel. Das würde ihm keine Sympathien einbringen, musste man doch mit zusätzlichen Kosten und Arbeitsstunden rechnen, die hätten vermieden werden können, aber es hörte sich nun einmal unverkennbar so an, als wäre die Leiche im Gebirge die Vermisste aus Edinburgh.

Als er Salter an seinem Büro vorbeigehen sah, steckte er den Kopf zur Tür hinaus. »Welcher der aktuellen Fälle wird als nächster abgeschlossen?«, rief er ihr hinterher.

»Der Brownlow-Mord, Sir. Der Verdächtige wurde festgenommen, und wir bereiten gerade die Schriftsätze für den Staatsanwalt vor. Die erste Anhörung ist nächste Woche.«

»Gut. Ich will Sie, Tripp und zwei andere aus dem Brownlow-Team in zehn Minuten im Besprechungsraum sehen. Organisieren Sie das. Und wie weit sind die Cairngorms von hier entfernt?« Der Blick, mit dem Salter ihn bedachte, war ihm Antwort genug. Er sollte seine Zahnbürste einpacken.

Die Besprechung verlief in angespannter Atmosphäre. Die Beamten, die er von dem Brownlow-Fall abgezogen hatte, waren offensichtlich nicht begeistert über die bevorstehende zweistündige Fahrt und die Tatsache, dass sie sich auf einen neuen Haufen Papierkram gefasst machen durften, obwohl sie den alten noch nicht abgetragen hatten. Detective Sergeant Lively, der direkte Vorgesetzte der Detective Constables Tripp, Barnes und Salter, studierte ihn, als wäre er gerade aus der Kloake gekrochen. Callanach ignorierte ihn und lieferte seinen Untergebenen, so rasch er konnte, eine knappe Erklärung, was sie erwartete, ehe er das Wort dem Officer überließ, der geschickt worden war, um sie in dem Vermisstenfall auf den neuesten Stand zu bringen.

»Elaine Margaret Buxton, neununddreißig, geschieden, keine Kinder. Hat als Wirtschaftsanwältin in einer der größten Kanzleien der Stadt gearbeitet. Vermisst seit sechzehn Tagen. Wurde zuletzt an einem Freitagabend gesehen, als sie das Fitnessstudio verließ und nach Hause wollte. Ihre Mutter hat sie am folgenden Abend als vermisst gemeldet, als sie nicht zum Mittagessen aufgetaucht ist und weder über das Festnetz zu Hause noch über ihr Handy zu erreichen war. Ihr Wagen stand in der Garage, es fehlten weder Kleider noch Koffer, und ihr Reisepass ist auch noch da. Es war untypisch für sie, ihre Mails an einem Samstagvormittag nicht zu kontrollieren. Ihre Schlüssel wurden im Hausflur gefunden. Sie gilt als enorm organisiert, an der Grenze zum Workaholic und war in den vergangenen zwei Jahren keinen Tag krank.«

»Irgendein Liebhaber oder andere offensichtliche Verdächtige?«, erkundigte sich DC Barnes.

»Der Ex-Mann, Ryan Buxton, hat ein Alibi. Er arbeitet im Ausland. Von einem Freund ist nichts bekannt. Alle, mit denen wir gesprochen haben, sagten, sie wäre absolut besessen von ihrem Beruf. Wenn sie nicht im Büro war, dann war sie zu Hause oder im Fitnessstudio. Wir hatten keine heiße Spur. Bis jetzt.«

»Warum ist die Polizei von Braemar so überzeugt, dass das unsere Vermisste ist?«, fragte Callanach.

»Die letzte Person, die Miss Buxton gesehen hat, hatte ein Foto von ihr auf dem Mobiltelefon. Sie hat im Fitnessstudio an der Bar vorbeigeschaut, um dort mit einer Freundin auf deren Geburtstag anzustoßen. Wir haben das Foto polizeiintern verbreitet und ihre Kleidung detailliert aufgeführt. So sind sie darauf aufmerksam geworden.«

»Hat schon jemand Kontakt zu ihrer Familie aufgenommen?«, wollte Tripp wissen.

Diese Frage beantwortete Callanach persönlich. »Nein, und wir halten auch besser den Mund, bis wir die Leiche und den Tatort mit eigenen Augen gesehen haben. Ehe wir eine eindeutige Aussage machen können, muss die DNA verglichen werden.«

»Es könnte sich bei der Toten um unsere Vermisste handeln, aber es ist nicht unser Mordfall. Wozu sollen wir da rausfahren, solange wir nicht einmal eine bestätigte Identifikation haben?«, fragte DS Lively. »Ist ja nicht so, als hätten wir nicht genug eigene Fälle, um die wir uns kümmern müssen, und da draußen gibt es auch ein paar Detective Inspectors, die diesen Fall genauso gut untersuchen können wie irgendeine ehemals große Nummer von Interpol.«

»Sollte es sich um Elaine Buxton handeln, dann wurde sie in Edinburgh entführt, womit durchaus denkbar ist, dass sie auch hier ermordet wurde. Ich bin nicht bereit, mir die Gelegenheit, den Tatort zu inspizieren, entgehen zu lassen, weil Sie keine Lust haben, dorthin zu fahren. Und was unerledigte Arbeit im Brownlow-Fall betrifft: Lernen Sie Multitasking.« Callanach schnappte sich seine Notizen, die auf dem Tisch lagen. »Wir haben eine gute Strecke vor uns, also setzen Sie sich in Bewegung.«

Zurück in seinem Büro stopfte Callanach Zahnbürste, Regenjacke und Stiefel in eine Tasche. Er dachte daran, DS Lively hierzulassen, statt die nächsten zwei Tage seine mürrische Miene ertragen zu müssen, überlegte es sich aber wieder anders. Es war besser, sich mit dem Mann auseinanderzusetzen, statt ihn einfach gewinnen zu lassen. Seine Truppe sollte von Anfang an wissen, dass er Faulheit und Insubordination nicht ausstehen konnte. Es war nicht wichtig, was seine Leute dachten. Während der nächsten Monate würden sie so oder so jede Entscheidung, die er traf, kritisieren, ob er nun richtig lag oder nicht. Das würde erst aufhören, wenn sie ein interessanteres Opfer gefunden hatten.

KAPITEL 4

Sie trafen sich in der ländlichen Außenstelle von Braemar mit der örtlichen Polizei und wurden in einem Allradfahrzeug ins Gebirge chauffiert. Um möglichst nahe an den Tatort heranzukommen, mussten sie ein Stück weit querfeldein fahren, und das Wetter verschlechterte sich zusehends. Bis zu ihrem Bestimmungsort waren sie eine weitere Stunde unterwegs, und die Temperatur war dramatisch gefallen, als Callanach endlich die Lichter und Zelte des Ermittlungsteams entdeckte. Der einzige Vorteil, den diese Örtlichkeit mit sich brachte, war, dass von der Presse keine Spur zu sehen war.

»Wer hat sie gefunden?«, fragte er den Fahrer.

»Wanderer haben die Flammen von einem anderen Gipfel aus bemerkt, mussten aber erst fünfzehn Minuten herumlaufen, bis ihr Mobiltelefon wieder Empfang hatte und sie es melden konnten. Bis die Feuerwehr die Hütte gefunden hat, war sie beinahe vollständig niedergebrannt. Viel ist, fürchte ich, nicht mehr übrig.«

Callanach holte seine Kamera heraus. Er machte am Tatort immer eigene Fotos, die später die Wand in seinem Büro bedecken würden.

Die Hütte, mehr Zuflucht als Unterkunft, war aus Stein gemauert und blieb stets unverschlossen, damit Wanderer, die vom Sturm überrascht wurden oder aus anderen Gründen eine Pause brauchten, in dem einzelnen Raum, dessen Rückseite direkt an die Felswand grenzte, Schutz suchen konnten. Callanach vermutete, dass das Gebäude bereits einige Hundert Jahre alt gewesen sein musste. Nun war das Dach weg, eingestürzt, als das Feuer sich der Hütte bemächtigt hatte, was die forensischen Untersuchungen mühsam machte. Sogar die großen Mauersteine hatten sich durch den Einfluss der enormen Hitze verschoben. Callanach musterte den Horizont. Dies war kein Platz, über den man zufällig stolpern konnte. Wer immer die Frau hergebracht hatte, hatte darauf geachtet, sich von den üblichen Wanderwegen fernzuhalten, und er war schon früher hier gewesen.

»Wo ist die Leiche?«, erkundigte er sich.

»Die Knochen haben sie schon eingesammelt, aber ihre Lage in der Hütte wurde markiert«, antwortete der Fahrer.

»Nur Knochen? Mehr ist nicht übrig?«

»Leider nicht. Das Weichgewebe ist vollständig verbrannt. Wir wissen nicht einmal genau, wie lange das Feuer gebrannt hat, aber es müssen Stunden gewesen sein, so viel steht fest.«

Sie gingen zum Eingang der Hütte, der im gleißenden Lichtschein tragbarer Scheinwerfer lag, und sahen zu, wie zwei Forensiker sich vorsichtig durch den rußgeschwärzten Schutt bewegten. Dies war kein schöner Ort zum Sterben. Eine Hand, die plötzlich auf Callanachs Schulter fiel, hielt seine Fantasie davon ab, die Geschichte mit Details zu füllen.

»DI Callanach? Ich bin Jonty Spurr, einer der Pathologen aus Aberdeen. Ich fürchte, hier ist nicht mehr viel für Sie übrig.«

Callanach schüttelte den Kopf. »Man sagte mir, Sie hätten ein Kleidungsstück gefunden. Wie ist das möglich, wenn alles andere Asche ist?«

»Es ist kein ganzes Kleidungsstück, nur ein Fetzen eines Schals, aber das Muster war auffällig genug, dass einer der Constables es als das wiedererkannt hat, was Ihre Vermisste getragen hat. Es lag unter einem Stein, und der Sauerstoffmangel hat es vor dem Feuer geschützt. Es ist schon auf dem Weg ins Labor, um es auf DNA-Spuren zu untersuchen. Sieht aus, als wäre Blut daran.«

Callanach runzelte die Stirn. »Und das ist alles, was Sie haben? Da muss doch noch mehr sein.«

»Das sind die Karten, die wir bekommen haben, Detective Inspector. Feuer ist der schlimmste Feind der Tatortermittler. Der Brandbeschleuniger kann meist ziemlich schnell identifiziert werden. Bedauerlicherweise haben wir es in diesem Teil der Cairngorms mit Torfboden zu tun, der dem Feuer noch mehr Brennstoff geliefert hat. Anderenfalls hätte es sicher nicht so lange oder so heiß gebrannt. Die Knochen sind stark beschädigt.«

»Was ist mit Reifenspuren? Es muss doch welche gegeben haben.«

»Sollte man annehmen, aber die Feuerwehr war zuerst hier und hat den Boden aufgewühlt. Die hatten ja keine Ahnung, was in der Hütte war. Morgen holen wir die Hunde und nehmen die Umgebung genau unter die Lupe, aber heute Abend bringt das nichts mehr. Zu wenig Licht.«

Callanach zog erneut seine Kamera hervor und fing an, Bilder von dem grauschwarz verkohlten Boden zu machen. »Ist sie hier gestorben?«

»Kann ich noch nicht mit Sicherheit sagen, und da nur die Knochen übrig sind, werde ich vielleicht nicht imstande sein, die genaue Todesursache festzustellen, es sei denn, der Schädel verrät mir etwas. Viele der Knochen sind gebrochen, der Unterkiefer total zertrümmert. Aber mir scheint, dies hier war nur der Ablageort der Leiche. Ihr Mörder wollte nicht, dass irgendetwas übrig bleibt, und hat wahrscheinlich gehofft, man würde sie nicht mehr identifizieren können«, bemerkte der Pathologe, zog die Gummihandschuhe aus und dehnte die Halsmuskulatur.

»Sie denken, Sie wurde woanders ermordet und dann hergebracht?«

»Sie sind der Detective. Das müssen Sie herausfinden. Wenn Sie über Nacht bleiben, können Sie morgen früh in der Pathologie vorbeikommen und sehen, was wir bis dahin in Erfahrung bringen konnten.«

»Ich werde dort sein«, entgegnete Callanach und sah sich nach Tripp um, der gerade dabei war, einen Schluck Kaffee aus Sergeant Livelys Thermoskanne zu stibitzen. »Tripp, befragen Sie die Wanderer und halten Sie ihre genaue Position auf einer Karte fest zusammen mit dem Zeitpunkt, zu dem sie das Feuer gesehen haben. Außerdem will ich mir ihren Notruf anhören, und Sie müssen die Stelle aufsuchen, an der sie gestanden haben, um Fotos von dem Ausblick auf diesen Platz hier zu schießen«, wies er seine Leute an.

Sergeant Lively unterbrach ihn. »Die Aussagen wurden inzwischen bestimmt schon aufgenommen. Ich wüsste nicht, wozu das gut sein soll.«

Es war ermüdend, sich mit dieser Zu-lang-im-Job-Attitüde des Mannes herumzuschlagen, aber keineswegs außergewöhnlich. Callanach kämpfte das Verlangen nieder, ihn zurechtzuweisen, und konzentrierte sich stattdessen auf die wichtigeren Dinge. »Die Anzahl der Stunden, die dieses Feuer gebrannt hat, wird uns helfen, den Zeitpunkt zu bestimmen, an dem der Mörder den Tatort verlassen hat. Die Höhe und vielleicht sogar die Farbe der Flammen zu der Zeit, als die Wanderer sie gesehen haben, könnten dabei helfen; das wird es uns ermöglichen, die Einheimischen zu befragen, ob sie innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens fremde Fahrzeuge gesehen haben.«

»Sie sind der Boss«, murrte Lively und gab sich keine Mühe, seinen Mangel an Respekt zu verbergen.

»Wo verbringen wir die Nacht, Sir?«, erkundigte sich Tripp, stampfte mit den Füßen und schob die Hände tiefer in die Taschen. Trotz seines sonst so auffälligen Enthusiasmus wirkte er hier in der freien Natur und der bitteren Kälte, als wäre ihm überaus unbehaglich zumute.

»Fragen Sie die hiesigen Officers, was es in der Gegend gibt. Es sollte einigermaßen in der Nähe sein. Sagen Sie Salter, sie wird mich morgen in die Pathologie begleiten, und ich will, dass Barnes am Tatort die Stellung hält, bis alles dokumentiert ist. Alle zwei Stunden macht jeder von Ihnen mir Meldung.«

»Und wenn das nicht Elaine Buxton ist? Dann war das nichts als Zeitverschwendung.«

Callanach bedachte Lively mit einem finsteren Blick. »Wessen Leichnam das auch ist, Sergeant, die Person wurde mit annähernder Sicherheit ermordet, und wenn wir einen Beitrag zu den Ermittlungen leisten können, wird nur ein kompletter Idiot Zeitverschwendung darin erkennen. Wenn Sie also nichts zur Sache beizutragen haben, dann dürfen Sie Ihre persönlichen Ansichten von jetzt an für sich behalten.«

KAPITEL 5

Das Festnetztelefon klingelte. King betrachtete die Nummer, ehe er abnahm. Es war ein hiesiger Anschluss.

»Dr. King«, blaffte er.

»Hallo, hier ist Sheila Klein aus der Personalabteilung. Man hat mich gebeten, Sie anzurufen und mich zu erkundigen, wann wir Sie zurückerwarten können. Die Richtlinien der Universität verlangen nach drei fortlaufenden Tagen der Abwesenheit aus medizinischen Gründen die Vorlage eines ärztlichen Attests.«

Reginald King seufzte. Er hasste diese läppischen Regeln und Vorschriften, die ihn an seine banale, öffentliche Existenz fesselten. Die Frau am Telefon konnte unmöglich begreifen, dass es in seinem Leben Aspekte gab, die weit mehr Aufmerksamkeit erforderten als sein unterbezahlter, unterschätzter und unterfordernder Job.

»Die Bedingungen meines Arbeitsvertrags sind mir bekannt.«

»Und haben Sie schon eine Vorstellung, wann Sie zurück sein oder uns ein Attest Ihres Arztes vorlegen werden?«, fragte Sheila, deren Stimme gegen Ende immer leiser wurde.

Während ihres Gejammers nahm King einen Schlüssel aus der Tasche. »Noch ein paar Tage«, sagte er. »Vielleicht eine Woche. Das Virus hat meinen Brustkorb befallen und mein Asthma verschlimmert.«

»Oje, das hört sich furchtbar an. Wissen Sie, wir verfolgen eine Politik der offenen Tür. Rufen Sie an, wenn Sie glauben, Sie bräuchten mehr Zeit. Ich bin überzeugt, die Fakultätsleiterin wird Verständnis dafür haben.«

Die Leiterin der philosophischen Fakultät würde ganz gewiss kein Verständnis haben, dachte King. Sie würde so ignorant sein wie eh und je, und die Ignoranten wussten ihn nie zu schätzen. Nur weil er kein Akademiker war, weil seine Qualifikation von einer Universität kam, die sie nicht anzuerkennen beschlossen hatte, weil er nicht über Kontakte und Netzwerke die Karriereleiter erklommen hatte, war sie an ihm nicht interessiert. Nun, die philosophische Fakultät durfte ihm gern seinen Lohn zahlen, während er sich Zeit für sich selbst nahm. Professorin Natasha Forge, die jüngste Fakultätsleiterin der Universität von Edinburgh, würde zweifellos nicht einmal seine Abwesenheit bemerken.

King zog den Stecker des Telefons aus der Anschlussdose. Über zwölf Stufen stieg er hinab in den Keller, schaltete das Licht ein und schob eine hölzerne Verkleidung zur Seite, hinter der ein Schlüsselloch zum Vorschein kam. Er entriegelte die versteckte Tür, ging hindurch und parallel zur ersten Treppe, aber verborgen hinter einer Schicht aus Mauersteinen, Mörtel und Schalldämmung, wieder zwölf Stufen hinauf. Im hinteren Teil seines Hauses gab es ein geheimes Reich, fensterlos, still, zeitlos. Ein Ort wahrer Schönheit. Er beglückwünschte sich selbst zu den angenehmen, besänftigenden Pastellfarben, mit denen er es gestaltet hatte, zu der sanften, klassischen Musik und den Kunstdrucken, die die Wände schmückten. Sofern man das Haus nicht von außen und innen vermaß, würde man nie erfahren, dass es diesen Bereich gab. Dies war seine Insel. Er zitierte die Zeilen von John Donne, als er mit dem Schlüssel zur letzten Tür ging. Der große Dichter hatte recht. Er konnte nicht ganz sein, wenn er allein war. Das war der Grund, warum er einem glücklichen Menschen die Chance bot, ihn auf seiner Reise zu begleiten. Als er die Tür öffnete, fing die Frau auf dem Bett an zu schreien.

Während die ihrem Leichnam zugeordneten Knochen bereits auf einem Autopsietisch lagen und DNA-Stränge in kodierter Form durch den Cyberspace wirbelten, damit ihr Tod formell bestätigt werden konnte, schrie die neuerdings für tot gehaltene Elaine Buxton, bis ihre Stimme heiser klang.

»Dein Zahnfleisch heilt gut ab«, sagte King in sanftem Ton. Sein Stolz verlangte, dass er niemals die Nerven verlor, ganz gleich, wie sehr sie brüllte. Bei der anderen Frau war das etwas anderes gewesen. Als er sie geholt hatte, hatte sie gekratzt, gebissen und ihn so heftig getreten, dass seine Leiste eine Woche lang fürchterlich geschmerzt hatte. Die hatte keine feinfühlige Behandlung gebraucht; sie hatte weit unter ihm gestanden.

»Bitte, laffen Fie mif gehen«, würgte Elaine hervor, und wieder flossen die Tränen. Das ärgerte ihn, und er war überzeugt, so wäre es auch jedem anderen Mann ergangen, aber für eine Weile musste er wohl mit solch einem Verhalten rechnen. Bis sie ihn zu schätzen lernte.

»In einer Woche ist dein Mund weit genug abgeheilt, um ein Gebiss anzupassen. Danach beginnen wir mit der Sprachtherapie. Das geht nicht von jetzt auf gleich, aber du bist eine kluge Frau. Du brauchst noch eine Dosis Antibiotika und mehr Steroide. Bitte kämpf nicht gegen mich, ich versuche nur, den Heilungsprozess voranzutreiben.«

Elaine begann zu zittern, doch die Bewegung wirkte sich nicht auf die Handschellen mit den kurzen Ketten aus, mit denen sie an Armen und Beinen an das Bett gefesselt war. King zog zwei Spritzen hervor. Er war stets respektvoll, wenn er sie berührte, darauf bedacht, keinen unnötigen Schmerz auszulösen. Noch hatte sie das nicht verstanden. Offensichtlich dachte sie, ihr drohe jeden Moment die gleiche Behandlung wie ihrem Körperdouble. Es war wirklich eine Schande, dass er die Frau vor Elaines Augen hatte töten müssen, aber das war ein unerlässlicher Bestandteil des pädagogischen Prozesses. Sie musste wissen, dass er streng sein konnte. Jedem Schüler musste der Stock gezeigt und die Karotte angeboten werden. Die Erkenntnis, dass ein Lehrer keinen Ungehorsam tolerierte, war ein hervorragender Anreiz.

Mit seiner blassen, glatten Hand streichelte er Elaines Arm. Sie erschauerte, als seine Haut die ihre berührte, bat ihn aber nicht aufzuhören. Vielleicht, überlegte er, lernte sie bereits dazu. Darum hatte er sie ausgewählt. Monatelang hatte er sie beobachtet, gewartet und ihre Tage und Nächte aus dem Schatten verfolgt. Studiert hatte er sie, und dieses Studium – ein echtes Studium, nicht die klägliche Ausrede dafür, die heutzutage an Universitäten hingenommen wurde – hatte Früchte getragen. Sie war perfekt. Anpassungsfähig. Schnell. Kein Ehemann und keine Kinder, die sie ablenken könnten. Er hatte zugeschaut, wie sie um sechs Uhr abends einen juristischen Schriftsatz an sich genommen und die ganze Nacht mit nichts außer Koffein zu ihrer Unterstützung gearbeitet hatte, um dann am folgenden Morgen in den Gerichtssaal zu springen, als hätte sie zehn Stunden geschlafen. Anschließend war sie ins Fitnessstudio gegangen, um die Spannung aus ihrem Körper zu vertreiben. Exzesse kannte sie nicht. Sie war eine Getriebene, genau wie er. Ein Mensch, der beständig besser wurde.

Gerade deswegen war die Wahl ihres Doubles solch eine Ironie. Einen größeren Gegensatz hätte King nicht finden können. Alles, was er gebraucht hatte, war eine Frau, die grob im gleichen Alter war, ähnlich groß und ähnlich gebaut. Der Umstand, dass sie eine Prostituierte war, spindeldürr (vermutlich eine Folge jahrelangen Drogenmissbrauchs) und kaum in der Lage, einen zusammenhängenden Satz herauszubringen, hatte es ihm deutlich leichter gemacht, sie zu entsorgen. Er hätte netter sein können, aber sie wollte einfach nicht hören, als er versuchte, ihr zu erklären, welchen Dienst sie erbringen würde, dass sie ihm eine Lebenspartnerin schenken sollte, die das perfekte Gegenstück zu ihm war.

Ihren Namen hatte er nie erfahren. Wie es aussah, würde sie für alle Zeiten die vermisste Elaine Buxton sein. Und Elaine Buxton, ausgelöscht aus dem Reich der Lebenden, gehörte voll und ganz und allein ihm.

»Ich könnte dir einen neuen Namen geben«, sagte er. »Das könnte ein bedeutender Teil des Anpassungsprozesses sein. Stell im Kopf eine Auswahl von drei oder vier zusammen. Anschließend erklärst du mir, warum du jeden davon ausgesucht hast, und dann werde ich den wählen, der mir am meisten zusagt. Das wäre eine gute Methode, um gemeinsam voranzuschreiten.«

»Fie find verrückt«, flüsterte sie, als er die Nadel aus ihrem Arm zog.

»Solche gemeinen Dinge solltest du nicht sagen. Aber du bist aufgebracht, und ich werde eine Weile nachsichtig mit dir sein.«

»Waf ’aben Fie mit dem Mädfen gemacht?«

»Über die brauchst du dir nicht den Kopf zu zerbrechen. Am Ende hat sie mit ihrem Opfer ihr vergeudetes Leben wiedergutgemacht.«

Elaine starrte die Stelle an, an der er sorgfältig eine große Plastikplane für den Leichnam des Mädchens ausgebreitet hatte. King hatte einen alten Wagen genommen, den er in einem Autohaus gemietet hatte, dessen Ruf ausreichend schlecht war, dass der Eigner kaum daran interessiert sein konnte, Umgang mit der Polizei zu pflegen. Untergebracht hatte er den Wagen in einer Garage, die er weit von seinem Zuhause entfernt angemietet hatte. Eines Nachts war er nach Glasgow gefahren, hatte die junge Frau eingeladen, die an ihrem üblichen Platz sexuelle Dienstleistungen feilbot (er war schon einige Male zuvor dort gewesen, um die Richtige auszuwählen), und war mit ihr durch ein paar Straßen gefahren, um ein ruhiges Plätzchen zu suchen, an dem sie sich ihr Geld verdienen konnte. Noch als er ihr das mit Chloroform getränkte Tuch aufs Gesicht gepresst hatte, war ihm aufgefallen, wie amüsant diese Vorstellung war. Geld verdienen. Diese jungen Dinger dachten, mehr müssten sie heutzutage nicht tun, um ein paar Pfund einzusacken. Sie glaubten, die Männer existierten dafür, sie zu bezahlen, und es würde reichen, einen kurzen Rock zu tragen und sich die Lippen rot anzumalen. Das war einfach jämmerlich. Und sie hatte ihm dreißig Pfund dafür abknöpfen wollen, dass sie ihre schmutzige Zunge in seine Hose steckte. Er hatte die Welt von einer Plage befreit. Er mochte durchaus die Ausbreitung einer furchtbaren Krankheit gestoppt haben, indem er ihren bewusstlosen Leib unter eine Plane gepackt und ihrem nächsten Kunden vorenthalten hatte.

Es hatte enorme körperliche Kraft erfordert, sie in den verborgenen Raum zu schaffen. Eine Treppe hinunter, eine wieder hinauf, das war ihm wie ein genialer Plan erschienen, als er ihn ersonnen hatte. Die Realität war nicht ganz so einfach. Mehrere Male schlug ihr Kopf heftig gegen die Stufen, aber das war nicht von Bedeutung. Er hatte ihren Körper mit Folie umwickelt, das Gesicht aber freigelassen, damit sie atmen konnte. Erstickung war in seinem Plan nicht vorgesehen.

Elaine war nicht erfreut, als er das Mädchen hergebracht hatte. Vielleicht lag hinter den weit aufgerissenen Augen, dem Kopfschütteln und der melodramatischen Hyperventilation ein Hauch von Eifersucht verborgen, überlegte er. Wie konnte sie nur glauben, er würde solch eine schmutzige, ordinäre Kreatur in ihr Leben lassen?

King hatte die Frau gerade lange genug wieder zu sich kommen lassen, dass er Details über Knochenbrüche aus der Vergangenheit in Erfahrung bringen konnte. Frühere Verletzungen konnten einiges verraten. Die Verdickung der Knochen, die noch lange nach dem Abheilen des Bruchs erkennbar blieb, war auch dann, wenn die DNA vollständig zerstört war, noch imstande, eine wenig hilfreiche Geschichte zu offenbaren. Die Frau hatte sich als erstaunlich mitteilsam erwiesen. Er hatte ihr nur versprechen müssen, sie am Leben zu lassen, wenn sie ihm die Informationen lieferte, die er wünschte.

Tatsächlich stellte sich heraus, dass er sich in ihrem Fall wenig Sorgen machen musste. Ein in einer Wagentür gebrochener Finger und eine ausgekugelte Schulter, von der nichts mehr zu sehen war. Viel wichtiger war, dafür zu sorgen, dass der linke Oberarm des Mädchens dort, wo Elaine als Teenager nach einem Sturz vom Fahrrad einen Trümmerbruch erlitten hatte, ebenfalls Spuren eines Bruchs aufwies. Blieb dieser Knochen intakt, musste der Pathologe nur gründlich vorgehen, und Kings harte Arbeit wäre umsonst gewesen.

Kaum hatte er alles, was er brauchte, wies King Elaine an, zuzuschauen und sich nicht abzuwenden. Als er die Schutzbrille aufgesetzt hatte, hatte ihn die Prostituierte nur neugierig angesehen. Als er Gummihandschuhe angezogen und eine Gesichtsmaske angelegt hatte, hatte sie angefangen zu betteln. Elaine hingegen hatte sich zur Abwechslung einmal schweigsam gezeigt. Doch als er dann den Baseballschläger ergriffen hatte, nun, das war eine andere Geschichte. Er hatte keine Erinnerung daran, wie Elaine während dieser paar Minuten reagiert hatte. Offenbar hatte er zum ersten Mal in seinem Leben einen Tunnelblick gehabt. Mit Ausnahme des schreienden, wimmernden, sabbernden, plärrenden Haufens lebendigen Fleisches war alles um ihn herum verblasst. Kein peripheres Sehen hatte ihn ablenken können, und er hatte außer ihren animalischen Schreien nichts mehr gehört. Das waren die intensivsten, konzentriertesten Sinneseindrücke, die er je erlebt hatte.

Er war erwacht, und es war tatsächlich eine Erweckung, vor ihr zu stehen, den Schläger mit beiden Händen umfasst, und festzustellen, dass sein Puls raste, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen. Das war ein heftiger Adrenalinrausch gewesen. Für eine Weile hatte er danach nur Stille wahrgenommen, bis Elaines sporadisches Schluchzen zu ihm durchgedrungen war. Das Gesicht des Mädchens war nur noch eine breiige Masse, genau, wie er es beabsichtigt hatte. Er hatte ihr jeden Zahn herausschlagen und den Kiefer ausreichend beschädigen müssen, dass er sich nicht mehr für einen Vergleich mit alten Röntgenaufnahmen eignete, um den Identitätstausch zu ermöglichen. Was er nicht vorhergesehen hatte, war, dass er sich so hatte mitreißen lassen. Scham über das heimliche Vergnügen, das er empfunden hatte, stieg in ihm auf, als er die Spuren seiner Arbeit in Form von Quetschungen an Hals und Brüsten betrachtete. Er nahm an, dass auch ihr Bauch und ihre Beine Blutergüsse aufwiesen, doch er war nicht bereit, ihr die zweifellos verseuchte Kleidung abzunehmen, um nachzusehen. Er hatte die Kontrolle verloren – nichts worauf er stolz sein konnte –, aber hatte er es nicht verdient, auch einmal Luft abzulassen? Besser, er ließ das an ihr aus als an Elaine. Es war nicht in seinem Sinne, seine Beute zu beschädigen.

King schüttelte die Erinnerung ab und starrte die Frau an, deren Identität die Prostituierte im Tod angenommen hatte.

»Wie kommst du mit den Tapes zurecht? Ich bin sicher, du bist froh, etwas zu tun zu haben. Ich weiß, dass du bereits Französisch sprichst, daher dachte ich, Russisch wäre eine spannendere Herausforderung für dich. Wenn du wieder richtig sprechen kannst, mache ich einen Test mit dir, und dann können wir endlich richtige Fortschritte erzielen.«

Er legte einen Schalter an der Anlage um, und eine Stimme fing an, Worte zu sprechen, die Elaine weder hören noch wiederholen wollte. Nach einem babyzarten Kuss auf ihre Stirn stellte King einen Proteindrink neben ihr ab und ließ sie allein.

KAPITEL 6

Der Autopsietisch sah bequemer aus als das Bett, in dem er geschlafen hatte. Das war allerdings, bevor dieser von den Überresten eingenommen wurde, die man für Elaine Buxtons Gebeine hielt. Die Nacht war schlimm gewesen. Callanach hätte sich ja gern mit einer Flasche Rotwein selbst behandelt, aber der einzige Wein, der im Angebot war, trug ein Etikett mit dem ganzen Charme eines billigen Gesöffs zum Abfüllen von Komasäufern. Braemer war ein vage auf Tourismus getrimmtes und dennoch nettes Dorf mit einer beschränkten Auswahl an Unterkünften, und die besseren waren vollständig ausgebucht. In Ermangelung guten Weins hatte er sich mit einem altersschwachen Fernseher mit gestörtem Empfang begnügt. Dazu gab es eine Suppe, die nur deshalb seine Bewunderung hervorrief, weil er bis vor Kurzem gedacht hatte, es wäre gar nicht möglich, so schlecht zu kochen, und einen halbwegs anständigen Kaffee.

Jonty Spurr, der Pathologe, arbeitete schweigend, was Callanach zu schätzen wusste. Er hatte schon zu viele Autopsien erlebt, als dass ihm der Anblick einer Leiche noch zu schaffen machen könnte. Viel beunruhigender fand er die erzwungene Fröhlichkeit, die manche Pathologen zur Schau stellten. Zu redselig, zu erpicht darauf, die Stimmung aufzulockern. Spurr ging langsam vor, aber nicht aufreizend langsam, nur ohne Hektik. Er machte den Eindruck, als könnte ihn auch der größte Druck nicht erschüttern.

»Das Opfer war eine erwachsene Frau zwischen dreißig und vierzig, würde ich sagen, ungefähr eins achtundsechzig groß.«

Callanach sah sich zu DC Salter um. Sie war jung, aber nicht neu im Job, und sie machte nicht den Eindruck, als bereite der Anblick ihr Probleme.

»Ist der Brandbeschleuniger schon identifiziert worden?«, erkundigte sie sich.

»Dafür müssen wir noch weitere Tests an den Knochen vornehmen, aber die Feuerwehr könnte am Tatort etwas gefunden haben.« Spurr griff zu einem Knochenfragment und hielt es hoch, damit Callanach es genauer betrachten konnte. »Die Hitze und die Dauer des Feuers haben jede Hoffnung vernichtet, DNA aus dem Knochenmark zu gewinnen. Schädel, Kiefer und oberer Brustkorb weisen Schäden auf, die nicht durch das Feuer verursacht wurden. Man kann ein Muster in den Frakturen erkennen, das auf wiederholte Schläge mit einer schweren, stumpfen Waffe hindeutet. Muss ziemlich viel Kraft erfordert haben.«

»Was war die Todesursache?«, fragte Callanach.

»Ich würde auf die Verletzungen wetten, die vor dem Tod eingetreten sind. Das daraus resultierende Hirntrauma könnte sie durchaus umgebracht haben. Da kein Weichgewebe mehr vorhanden ist, werde ich es nicht viel genauer ermitteln können. Bedenkt man den Planungsaufwand für die Entsorgung der Leiche, sehe ich keinen praktischen Grund, ihr Gesicht nach Eintritt des Todes zu verschandeln.«

»Mistkerl«, murmelte Salter.

»Allerdings«, stimmte ihr Spurr zu. »Wir vergleichen die Zähne mit den zahnärztlichen Unterlagen zu Elaine Buxton. Einige haben Füllungen oder Kronen, also dürfte das kein Problem sein.«

»Wie schnell können wir mit den Ergebnissen rechnen?« Callanach hatte es eilig, von hier zu verschwinden. Auf Autopsiesäle reagierte er trotz des hellen Lichts und der leistungsstarken Klimaanlage klaustrophobisch. Es fühlte sich an wie eine Gefängniszelle, und davon hatte er mehr als genug.

»Vielleicht schon morgen. Sind Sie dann noch hier?«

Noch eine Nacht in derselben Unterkunft zog Callanach nicht einmal ansatzweise in Betracht.

»Nein, in Edinburgh. Wir gehen noch einmal zum Tatort, um uns einen Eindruck bei Tageslicht zu verschaffen, und dann fahren wir zurück. Rufen Sie an, wenn Sie neue Informationen haben?«

Spurr nickte, streifte einen Handschuh ab und reichte Callanach die Hand. Das trockene, pudrige Gefühl bei der Berührung war Callanach zutiefst zuwider, beinahe, als wäre der Tod eine ansteckende Krankheit.

»Hat es heute Morgen schon irgendwelche Neuigkeiten vom Tatort gegeben?«, fragte er Salter, als sie wieder auf der Straße waren.

»Nein. Ich habe versucht, mit DC Tripp zu reden, aber der Mobilfunkempfang ist miserabel. Er und DS Lively sind unterwegs, um zunächst mit den Wanderern zu sprechen, aber sie dürften wieder am Tatort sein, bis wir eintreffen.«

»Dort wurde sie nicht ermordet«, bemerkte Callanach.

»Das dürfte doch in diesem Stadium kaum feststellbar sein«, wandte die junge Polizistin leise ein.

»Wozu die Mühe, sie so weit wegzubringen, um sie dann zu ermorden? Das ergibt keinen Sinn. Das mag der perfekte Ort sein, um eine Leiche loszuwerden, aber es ist kein angenehmer oder auch nur geeigneter Platz, um seine Fantasien hinsichtlich ihres Todes auszuleben. Zwischen ihrem Verschwinden und dem Auftauchen der Leiche ist eine Menge Zeit vergangen, Zeit, die der Mörder mit dem Opfer woanders verbracht hat. Wer auch immer sie entführt hat, hat diese Hütte Wochen, wenn nicht Monate zuvor in seine Planung einbezogen.«

Eine Stunde später kam die Hütte wieder in Sicht. Forensiker riefen sich gegenseitig etwas zu, und die Aufregung stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Callanach war bereits aus dem Wagen gesprungen, ehe Salter die Handbremse anziehen konnte.

»Was ist passiert?«, fragte er einen vorbeikommenden Officer.

»Die Hunde haben ein Stück entfernt eine Waffe aufgespürt, die unter einem Haufen Steine versteckt war.«

Callanach sah zu, wie die Hundeführer sich gegenseitig auf die Schulter klopften. Sie würden keine Fingerabrücke finden, dachte er. Ein Mann, der einen so perfekten Ort zur Zerstörung einer Leiche ausgewählt hatte, hinterließ keine Fingerabdrücke.

»Gute Neuigkeiten, was, Sir?«, erklang Tripps Stimme hinter ihm.

»Was haben wir?«, erkundigte sich Callanach.

Tripp wischte sich das Lächeln aus dem Gesicht und zog sein Notizbuch zurate. »Die Wanderer haben die Angaben ihrer ersten Aussage wiederholt. Oliver Deacon und Tom Shelley, beide Anfang zwanzig, waren drei Stunden lang gewandert und hatten gerade die Hälfte ihrer Strecke hinter sich, als sie das Feuer von« – er blickte sich um, identifizierte einen Gipfel und zeigte mit dem Finger in die Ferne – »dort aus gesehen haben. Sie hatten Ferngläser, und sie haben Fotos mit ihren Handys gemacht, allerdings war darauf kaum mehr als ein weit entfernter orangefarbener Fleck zu erkennen. Ich habe ihre Route auf einer Karte eingezeichnet.«

Callanach nickte. »Wir fahren heute Abend zurück nach Edinburgh«, sagte er. »Wenn ich noch mehr Überstunden genehmige, habe ich bald keinen Job mehr.«

Zwei Stunden später kämpften sie sich bereits durch den städtischen Verkehr.

»Stimmt was nicht?«, wagte sich Tripp vor, nachdem sie Salter zu Hause abgesetzt hatten.

»Ich glaube schon«, entgegnete Callanach. »Ich weiß nur noch nicht, was.«

»Wir übernehmen den Fall doch, wenn sich herausstellt, dass es wirklich die Leiche von Elaine Buxton ist, oder?«

»Sobald ich das mit dem Detective Chief Inspector geklärt habe. Fahren Sie mich direkt zum Revier.«

Die Räumlichkeiten des Major Investigation Teams waren nahezu verlassen, aber Callanach war gern allein. Dann konnte er sich konzentrieren, ohne von knallenden Türen, dem Zischen und Blubbern von Getränkeautomaten und dem ständigen Gemurmel von Stimmen gestört zu werden. Die Stille empfand er als angenehm. Und sein Besuch auf dem Revier zögerte die Rückkehr in seine Wohnung hinaus. Irgendwie schien es ihm, als würde das bloße Entriegeln der Wohnungstür seinen Wechsel in die Arbeits- und Lebenswelt in Schottland erst real machen. Er sehnte sich nach Frankreich, nach der Kultur, die ihm im Blut lag. Ein schottischer Elternteil und die flüssige Beherrschung der Sprache waren kein Ersatz für das Land, in dem er mit Ausnahme der ersten vier Jahre sein ganzes Leben verbracht hatte. Nicht einmal die düsteren Umstände, die ihn dazu gebracht hatten, das Land zu verlassen, konnten seine Erinnerungen an Lyon trüben.

Er öffnete einen Karton und fing an, den Inhalt auf Schubladen zu verteilen.

»Und, war der Ausflug in die Cairngorms den Anschiss wert, den er Ihnen einbringen wird?«, ertönte eine Stimme von der Tür her. Erschrocken ließ er eine Aktenmappe fallen, was seine Kollegin mit einem Lachen quittierte. »Sorry, ich wollte Sie nicht erschrecken. Wie es scheint, sind Interpol-Agenten leicht zu überraschen.«

Callanach hob die Akte vom Boden auf und ordnete stirnrunzelnd die Papiere wieder ein.

»Ich hatte angenommen, ich wäre allein, DI Turner.« Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Es ist beinahe ein Uhr morgens.«

»Meine Papierkramvermeidungsstrategie funktioniert nachts am besten. Niemand da, der mir deswegen im Nacken sitzen könnte. Außerdem habe ich so viele Nachtschichten hinter mir, dass mein Gehirn längst aufgehört hat, zwischen Hell und Dunkel zu unterscheiden«, erklärte sie. »Und wie lautet Ihre Ausrede?«

»Ich dachte, ich könnte ebenso gut auspacken, ehe ich gefeuert werde.«

Sie lächelte. »Ich habe einen Single Malt in meinem Büro. Wir könnten auf Ihren Dienstantritt und Ihren Abschied auf einmal anstoßen.«

Callanach kniff sich mit einer Hand in den Nasenrücken und atmete langsam und konzentriert. Ihm war nur allzu bewusst, dass er mit den Zähnen knirschte, während er sich auf der Suche nach einer möglichst wenig kränkenden Entgegnung den Kopf zerbrach.

»Machen Sie sich keine Gedanken«, sagte Ava. »Sie haben ein paar lange Tage hinter sich. Ein andermal.«

»Ich glaube einfach nicht, dass es klug ist, persönliche Beziehungen am Arbeitsplatz zu knüpfen. Die Aufrechterhaltung einer professionellen Distanz ist wichtig.«

»Kein Problem.« Sie lächelte. »Sie haben sich ja mit Begeisterung in die Arbeit gestürzt. Wäre vermutlich besser, das Auspacken auf morgen früh zu verschieben.«

Mit einer Hand fuhr er sich durch das Haar, ehe er seinen Hals dehnte. »Wissen Sie was, Sie haben recht. Ich brauche wirklich einen Drink.«

»Nein, ich glaube, Sie haben recht. Ein Uhr morgens ist keine passende Zeit, um hier zu sein. Ich gehe nach Hause. So wie Sie aussehen, sollten Sie das auch tun. Gute Nacht.«

Während sie seine Tür sacht zufallen ließ, fluchte er tonlos. Das hätte er besser hinkriegen können. Es war Zeit, sich seiner Wohnung zu stellen und zu akzeptieren, dass das Leben weiterging und er mitgehen musste.

KAPITEL 7

Edinburgh kam Lyon näher als jeder andere Ort in Schottland. Trotz ihrer Größe, der quirligen Betriebsamkeit und einer von den Einwohnern gefeierten Geschichte besaß die Stadt ein kleinstädtisches Flair. Dank ihrer sympathischen Mischung aus alter und neuer Architektur und einer Bevölkerung, der es anscheinend gelungen war, diverse Ethnien und Kulturen zu integrieren und dabei doch das eigene Erbe aufrechtzuerhalten, fiel es leicht, sich in die Stadt zu verlieben. Wären sie jetzt noch imstande, den Windchill-Effekt unter Kontrolle zu bekommen, wäre sie, wie Callanach dachte, geradezu ideal. Callanach hatte eine Wohnung in der Albany Street gemietet. Vor hundert Jahren wäre dies eines der großen alten Reihenhäuser über vier Etagen und das Heim einer der vornehmen Familien Edinburghs gewesen. Heute waren die Bewohner geschäftige Arbeitnehmer, die alle durch den großen Mittelgang kamen und gingen und der Beengtheit des gemeinsamen Lebens lediglich mit einem Hochziehen der Brauen oder einem knappen Gruß begegneten. In seinen Augen war der Mangel an Kommunikation unter Nachbarn verheerend. Das war der Grund, warum Leichen nur infolge ihrer unerträglichen Ausdünstungen entdeckt und immer wieder dieselben Menschen Opfer häuslicher Gewalt wurden, ohne dass irgendjemand eingreifen würde. Für gute Polizeiarbeit waren gute Nachbarn unerlässlich.

Er schenkte sich ein großes Glas Rotwein ein und griff zu einem Buch. Sich in den Schlaf zu lesen war eine Gewohnheit, der er schon frönte, solange er sich erinnern konnte. Das war das Einzige, was ihn von seiner Arbeit ablenken konnte. Aber heute Nacht fiel es ihm schwer, sich zu konzentrieren. Auf jeder Seite kehrte das Bild der trostlosen Cairngorm Mountains zu ihm zurück, rau und abweisend zugleich. Der Barkeeper in Braemar hatte ihm erzählt, sobald die ersten Flocken fielen, fülle sich die Stadt mit Skiern und Snowboards. Das Gewusel der sommerlichen Wanderer war längst vorbei, und nur die Hartgesottensten ließen sich von den nun vorherrschenden starken Winden und dem heftigen Regen nicht abschrecken. Das Timing des Mörders war also entweder eine Folge perfekter Planung, oder er hatte unglaubliches Glück gehabt.

Callanach erwachte früh am Morgen. Sogleich fiel ihm ein, dass er nichts zu essen hatte, und er sehnte sich nach dem kleinen Café an der Straßenecke in der Nähe seiner alten Wohnung, in dem er frisch gebackene Croissants essen und eine Zeitung in französischer Sprache lesen konnte. Stattdessen hastete er nun zu dem einzig geöffneten Laden in der Nähe, einem Bioladen auf der anderen Seite der Broughton Street, wo er zu seiner Überraschung freundlich empfangen wurde, und kaufte ein paar Trockenfrüchte, Joghurt und Roggenbrot.

Beim Frühstück stöpselte er seinen Computer ein und fragte sich, was er in seinen privaten Mails vorfinden würde. Sie stapelten sich schon seit einer Woche, und er war in Versuchung, sie einfach ungelesen zu löschen.

Da waren ein paar verwaltungstechnische Mails von Interpol, in denen es um seinen Abschied ging und er aufgefordert wurde, seine neue Adresse für die Akten anzugeben. Nichts Wichtiges. Dann waren da die neuesten Newsletter über Veranstaltungen in Lyon, an denen er normalerweise teilgenommen hätte – ein Weinfest, eine Sportveranstaltung, eine Restauranteröffnung. Mit einem Gefühl der Resignation drückte er die Löschtaste. Den größten Teil machten die üblichen Spamnachrichten aus. Dann aber sah er sie, versteckt zwischen dem Abonnementangebot eines Weinclubs und dem Newsletter seines letzten Fitnessstudios, eine Bounce-Benachrichtigung von der Adresse seiner Mutter. Offenbar war sie inzwischen über den Punkt der standhaften Nichtbeachtung seiner Kommunikationsversuche hinaus und hatte Maßnahmen ergriffen, indem sie sich eine neue Mailadresse zugelegt hatte. Ihre Mobilnummer hatte sie schon früher gewechselt. Seine Briefe kamen ungeöffnet zurück, seine Festnetzanrufe wurden nach einem Blick auf die Anrufernummer nicht entgegengenommen. Callanach warf die Reste seines Frühstücks in den Mülleimer und knallte den Laptop zu, nicht ohne umgehend zu bedauern, dass er sich so sehr davon beeinträchtigen ließ. Wütend zu werden würde gar nichts ändern. Er war, wo er war. Was nun zählte, war Elaine Buxton. Sonst nichts. Er musste dafür sorgen, dass der Neuanfang klappte. Dass er in der vergangenen Nacht DI Turner brüskiert hatte, war nicht gerade ein imposanter Anfang und ein Fehler, den er aus taktischen Gründen eher früher als später korrigieren sollte. In dem Bewusstsein, dass sein Büro immer noch darauf wartete, eingerichtet zu werden, zog er den Jogginganzug aus, schlüpfte in Hemd und Hose und machte sich auf den Weg zum Revier.

Als er eintraf, wartete Tripp schon vor seinem Büro und sah ebenso diensteifrig wie erholt aus. Das war der Vorteil davon, in den Zwanzigern zu sein, immun gegen Schlafmangel und Stress. Für einige Sekunden war Callanach in Versuchung, ihn nach Braemar zurückzuschicken. Nicht nett, konstatierte er in Gedanken. Zumindest hatte nicht DS Lively auf ihn gewartet.

»DS Lively wollte Sie sprechen, Sir.« Callanach verdrehte die Augen. »Und ich dachte«, fuhr Tripp fort, »nach dem, was wir in Braemar erfahren haben, möchten Sie heute vielleicht Elaine Buxtons Wohnung sehen, also habe ich das für die Mittagszeit arrangiert, und die Telefonnummer ihres Ex-Mannes liegt auf Ihrem Schreibtisch.«

Tripp war fleißig gewesen. Im Stillen schalt sich Callanach dafür, dass er Tripp nach Braemar hatte zurückschicken wollen. Der junge Detective Constable war auf eine nette Art unbefangen und kam gar nicht auf die Idee, dass er übereifrig erscheinen könnte, eine Eigenschaft, die man bei Polizisten nur selten fand.

»Danke. Wo ist der Detective Sergeant?«

»Im Besprechungsraum. Soll ich ihn holen?«

»Nein, wir gehen zu ihm. Und besorgen uns unterwegs einen Kaffee.«

Als sie sich dem Besprechungsraum näherten, konnte Callanach genau das Gespräch mit anhören, das seiner Erwartung nach hatte stattfinden müssen. Feingefühl hatte hier offenbar keinerlei Priorität, denn die Tür stand offen, und Livelys Stimme hallte lautstark heraus.

»Wie zum Teufel kann er einfach so auf dem Posten eines Detective Inspectors landen? Das möchte ich mal wissen. Ist ja nicht so, als gäbe es nicht genug andere Kandidaten dafür, Leute, die die Stadt kennen und die Menschen hier verstehen. Den Gerüchten zufolge hat irgendein Mistkerl mehr Fäden gezogen, als für ein Fischernetz gebraucht werden, um ihn hier reinzubringen. Und er ist kaum zehn Minuten da, schon zerrt er uns weg von unserer Arbeit, damit wir uns in fremde Ermittlungen einmischen.«

»Lassen Sie’s, Sergeant. Er hat nur getan, was seiner Ansicht nach für das Opfer angemessen war«, entgegnete eine weibliche Stimme.

Callanach brauchte einen Moment, um sie als die von DC Salter zu identifizieren. Tripp bemühte sich derweil beherzt um ein paar Schritte Vorsprung, um der Diskussion ein Ende zu machen, aber Callanach streckte den Arm aus, um ihn aufzuhalten.

»Lassen Sie es laufen, Tripp.«

»Aber, Sir …«, setzte Tripp an, ehe Lively wieder das Wort ergriff.

»Dann mal los, Salter, erzählen Sie uns, was Sie von ihm halten. Muss bestimmt ein Genie sein, kommt ja schließlich von Interpol und so, richtig? Was die Frage aufwirft, warum er hergekommen ist. Vielleicht war er den großen Tieren ja nicht gewachsen und dachte, hier könnte er es sich gemütlich machen?«

Callanach trat die Tür ganz auf und knallte seinen Kaffeebecher auf den Tisch. »Sie wollten mich sprechen, Detective Sergeant. Gibt es etwas Neues?« Er starrte Lively an und ignorierte den Rest der Versammlung.

»Man hat Blut an dem Baseballschläger gefunden und Weichgewebe an einem Zahn in der Nähe. Die DNA von beidem stimmt mit der von Elaine Buxton überein. Ihr Fall wurde offiziell von einer Vermisstensache zu einem Mord hochgestuft. Der Bericht des Pathologen trifft irgendwann heute ein. Und der Chief will Sie sprechen.«

»Stellen Sie eine Wandtafel zusammen, Salter. Karten, Fotos, forensische Berichte, alles, was wir haben«, sagte Callanach, als er schon wieder auf dem Weg zur Tür war.

»Das ist immer noch nicht unser Fall, Inspector«, rief ihm Lively hinterher.

»Es wird gleich meiner sein. Wenn Sie nicht wollen, dass es auch Ihrer wird, dann steht in meinem Büro ein großer, leerer Schreibtisch, auf dem Sie Ihr Kündigungsschreiben hinterlassen können«, blaffte Callanach.

Lively stand auf. Callanach wusste, er sollte es dabei bewenden und den Gemütern Zeit zum Abkühlen lassen, aber das Gespräch, das er vom Korridor aus mit angehört hatte, wurmte ihn immer noch.

»Sie wollen mich loswerden, Freundchen? Darauf wette ich, denn ich habe gehört, was Sie getan haben. Soll ich Ihnen verraten, was wir in Schottland mit Leuten wie Ihnen machen? Ihr verdammten Froschfresser bildet euch vielleicht ein, es wäre in Ordnung …« Inzwischen war Lively vorgetreten, und seine letzten Worte hatte er damit unterstrichen, Callanach den Finger gegen die Schulter zu rammen. Aber weiter kam er nicht.

Callanach stieß ihn so kraftvoll von sich, dass Lively in den Armen eines Kollegen landete, der seinen Sturz abfing und ihm ein gebrochenes Steißbein ersparte. Lively tarnte seine Verlegenheit mit einem Gelächter, das sich als erzwungenes Echo einen Weg durch die ganze Gruppe bahnte.

»Sie sollten Ihr Temperament im Zaum halten, Detective Inspector«, sagte Lively mit einem hässlichen Grinsen. »Das bringt Sie sonst noch in Schwierigkeiten. Aber das sind Sie ja schon gewohnt …«

Callanach trat einen Schritt auf Lively und seine Unterstützergruppe zu. Es juckte ihn in den Fäusten, dem Mann das blasierte Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln, und er biss sich so heftig in die Wange, dass er Blut schmeckte.

»Sir, DCI Begbie wartet bestimmt schon.« Tripps Stimme klang gedämpft und verunsichert, doch sie brach die Spannung im Raum. Lively hatte so oder so der Kampfgeist verlassen. Er hatte gesagt, was er zu sagen hatte, und das würde er zweifellos nach Schichtende im Pub erneut tun. Tripp nahm Callanachs Kaffee und seine Akten an sich und hielt ihm die Tür auf.

Länge und Tempo von Callanachs Schritten zwangen Tripp beinahe zum Laufschritt.

»DS Lively ist nicht gut im Umgang mit neuen Leuten. Und mit dem alten DI war er befreundet. Ich würde da gar nicht darauf achten«, polterte Tripp.

»Wenn ich Ihre Hilfe benötige oder Ihre Meinung hören will, dann werde ich Sie fragen. Und jetzt gehen Sie zurück zu Salter und kümmern sich um die Wandtafel. Ich will, dass diese Untersuchung ordentlich durchgeführt wird. Ohne weitere Störungen.«

Sein Termin bei Detective Chief Inspector Begbie verlief erwartungsgemäß ein wenig quälend. Der Chief näherte sich dem Rentenalter und war ein Beamter alter Schule. Mit seinen Vorgesetzten bei Interpol war Callanach immer gut zurechtgekommen. Sie hatten auf sein Urteilsvermögen vertraut und seinen Aufstieg unterstützt. Hier jedoch musste er sich, wie ihm gerade wieder in Erinnerung gerufen worden war, erst noch bewähren. Er hatte kein Problem damit, dass sein Vorgesetzter mit ihm redete wie mit einem missratenen Kind, war aber peinlich berührt, als er seine Haltung rechtfertigen sollte, da ihm doch vor allem sein Bauchgefühl sagte, dass Buxton in Edinburgh ermordet worden war. Das hörte sich furchtbar abgedroschen an. Schließlich gab der DCI in begrenztem Umfang nach. Callanach erhielt die Genehmigung, sich die Wohnung des Opfers anzusehen, mit Zeugen zu sprechen und ein Szenario zu entwickeln, das überzeugend genug war, um aufzuzeigen, dass er diese Untersuchung leiten sollte. Das war nicht viel, dachte Callanach verstimmt, aber es war ein Anfang.

Elaine Buxtons Wohnung war so makellos wie die Adresse an der gefragten Albyn Place mit Blick auf die Queen Street Gardens erstrebenswert. Die Einrichtung war geschmackvoll, und nur die dünne Staubschicht verriet, dass die Bewohnerin verschwunden war. Es war die Wohnung eines Menschen, der sein Leben woanders lebte, der so professionell war, dass seine Maßstäbe nie ins Wanken gerieten. Der einzige Raum, der echte Spuren eines Bewohners aufwies, war ihr Arbeitszimmer, in dem zwei Bücher über Vertragsrecht nicht an ihrem Platz im Regal standen, sondern auf dem Schreibtisch lagen, beide groß und schwer genug, um als Türstopper missbraucht zu werden. Er würde sich die Fälle ansehen müssen, an denen sie zum Zeitpunkt ihres Verschwindens gearbeitet hatte, aber es kam ihm unwahrscheinlich vor, dass solch ein trockenes Gebiet der Rechtswissenschaften der Ausgangspunkt eines derart brutalen Verbrechens sein könnte.

Er setzte sich in ihren großen Ledersessel und lehnte sich zurück. Die Kopfstütze war nicht abgenutzt. Hier ging es nicht um eine Frau, die ihr Arbeitszimmer dazu benutzte, Betrachtungen über den Sinn des Lebens anzustellen. Als Callanach sich wieder vorbeugte, um die Schubladen zu öffnen, verrutschte das Sitzkissen unter ihm ein wenig. Ja, das war es. Ihre ständige Haltung, den Kopf über ein Buch oder einen Schriftsatz gebeugt. Immer beschäftigt und konzentriert. Das Innenleben der Schubladen war genauso geordnet wie der Rest der Wohnung. Ein Montblanc-Füller ruhte in seinem Etui, Textmarker lagen in ihrer Plastikpackung, und die Schmerztabletten – halb verbraucht – waren sorgfältig in die Schachtel zurückgelegt worden. Ein schwarzer Briefbeschwerer aus Glas sicherte einen ordentlichen Stapel aus Rechnungen und Korrespondenz. Callanach streckte die Hand nach ihm aus, und als er das kühle Glas an seiner Handfläche spürte, stellte er sich vor, wie Elaine beim Lesen oder Telefonieren das Gleiche getan hatte. Der Briefbeschwerer war schlicht und erfüllte seine Aufgabe einwandfrei. Beinahe wie die Frau selbst. Elaine Buxton mochte Ordnung und Routine. Was jedoch fehlte, war, wie Callanach dachte, die persönliche Note. Nirgends war ein Foto zu sehen. Oder irgendwelche Pflanzen. Nichts Lebendiges, das Aufmerksamkeit erfordern könnte. Gesunde, selbst gekochte Speisen lagerten portionsweise und ordentlich etikettiert in der Gefriertruhe. Der ganzen Wohnung schien die menschliche Note zu fehlen.

Callanach folgte seinen eigenen Schritten zurück und ging ins Schlafzimmer. Das Bett war abgezogen. Die Forensiker hatten die Laken mitgenommen, um sie auf Spuren von sexueller Aktivität und DNA zu untersuchen. Außer ihrer eigenen war keine gefunden worden. Ihre Schubladen enthielten ein Minimum an Make-up, und in dem Schränkchen im Bad gab es nur zwei Parfümflakons. Er öffnete ihren Kleiderschrank und entdeckte zwei Schuhreihen, eine für Arbeitsschuhe, die andere für Sportschuhe. Es war schon eine Ironie, dass jemand, der Ordnung und Sauberkeit so hoch schätzte, ausgerechnet in einem derart abscheulichen Chaos sein Leben ließ. Wann hatte sie erkannt, dass etwas nicht stimmte? Vielleicht schon in dem Moment, in dem sie das Fitnessstudio verlassen hatte. War ihr jemand gefolgt, oder hatte der Täter zu Hause auf sie gewartet? Buxton war fit und gesund. Sie hätte sich gewehrt, wäre sie nicht komplett überrumpelt worden, aber es gab keine Anzeichen für einen Kampf in der Wohnung.

Endlich, zwischen säuberlich gefalteten Sweatshirts, entdeckte Callanach das, was gefehlt hatte. Ein zottiger Teddybär lugte aus dem oberen Fach herab, viel geliebt, dem Aussehen nach, und zu kostbar, um ihn mit den anderen Kindersachen wegzutun. Etwas, das sie jeden Morgen und jeden Abend beim An- und Ausziehen sehen konnte. Ein Hauch von Wärme in einem davon abgesehen gepflegten, aber unpersönlichen Haushalt. Er verschloss die Schranktür vor dem starren, verlorenen Blick des wartenden Bären. Der würde ihm nicht helfen, den Mörder aufzuspüren, und es brachte ihn auch nicht weiter, sich allzu eingehend mit dem tragischen Tod seiner Eigentümerin zu befassen. Nur Wissenschaft, Logik und Recherchen lösten Fälle. Elaines Haus hatte weiter nichts zu bieten. Callanach schloss die Tür ab und war froh, die reglose Stille hinter sich lassen zu können.

Anrufe bei ihrem Ex-Mann Ryan erwiesen sich als wenig hilfreich. Er hatte schon seit über einem Jahr keinen Kontakt zu ihr gehabt. Nach dem Eintreffen des Autopsieberichts informierten Polizisten Elaines Mutter am Nachmittag über deren Tod. Callanach war froh, dass das dieses Mal nicht seine Aufgabe war. Keine noch so umfassende Schulung reichte, um das Überbringen von Todesnachrichten leichter zu machen. Die Presse wurde kurz danach informiert und zugleich gebeten, die Bevölkerung zur Mithilfe aufzurufen. Callanach trieb auch die Freundin auf, zu deren Geburtstagsfeier Elaine ins Fitnessstudio gegangen ...

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