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Die schöne Heilerin

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1. KAPITEL

Heathwater Castle, im Nordwesten Englands

30. September 1358

„Es gibt ein Land, genannt das ‚Umkämpfte Land‘, gelegen zwischen den Königreichen England und Schottland …“

Ian!“

Mit einem verzweifelten, wehklagenden Schrei beugte sich Laird Alexander Ullyot über die Leiche seines Clanbruders.

Lady Made­leine Randwick hielt sich im Wald verborgen und beobachtete von dort aus das Geschehen. Sie vermochte kaum zu glauben, dass das Oberhaupt des Clans Ullyot, geboren und aufgewachsen im schottischen Hochland und Bastard eines Vaters von königlichem Geblüt, der sich nie zu ihm bekannt hatte, zu solchen Gefühlsregungen fähig war. Ihm eilte vielmehr der Ruf voraus, grausam und herzlos zu sein.

Und sie konnte verstehen warum. Im strömenden Regen wirkte sein Gesicht wie aus kaltem, hartem Marmor gemeißelt. Nicht hübsch. Nicht anziehend. Das war nicht das Antlitz eines jungen Mannes voller Träume und Verheißungen, sondern ein müdes, leidgeprüftes Gesicht, dessen Züge von Gefahren und Schmerz geformt worden waren. Die Narbe, die sich quer über seine rechte Wange bis zum Ansatz seines dunkelblonden Haars zog, war sogar aus dieser Entfernung zu erkennen. Sie verlieh ihm eine beinahe wilde Schönheit, die Made­leine fast den Atem raubte. Dieser Mann war nie in die Hände einer halbwegs tüchtigen Heilerin geraten, dessen war sie sich sicher. Sie zog sich die Kapuze ihres Umhangs tiefer in die Stirn, um ihr leuchtendes Haar zu verbergen. Sein zweischneidiges Langschwert blinkte in der Sonne.

Großer Gott, wenn er sie entdeckte!

Sie kauerte sich tiefer ins Gebüsch und begutachtete sachlich die noch nässenden Wunden an seinem Arm und auf seinem Rücken. Ein tiefer, klaffender Schnitt konnte durchaus sein Blut vergiften. Nüchtern ging sie in Gedanken ihre Möglichkeiten durch. Wenn er starb, ließ die Wachsamkeit ihres Bruders vielleicht etwas nach, und sie konnte Heathwater entfliehen.

Fliehen vor Noel, Liam und Heathwater. Wie lange hatte sie davon schon geträumt! Sie wollte sich gerade abwenden, als sie bemerkte, dass seine Schultern zuckten.

Er weinte.

Der verhasste Laird of Ullyot, die Geißel des Grenzlands und Anstifter zahlloser blutiger Schlachten, weinte, als er die Hand seines Clanbruders zum Abschied noch einmal beinahe zärtlich an seine Lippen hob.

Made­leine verharrte reglos. All diese Muskeln, der Eindruck von Unbesiegbarkeit wollten nicht recht zu diesem tief empfundenen Kummer passen. Sie sah, wie er erstarrte, als er offenbar ein Geräusch weiter unten im Tal wahrnahm. Mit schmutzigen Händen wischte er sich die Tränen fort und richtete sich mit eisigem Blick und gezücktem Schwert auf.

So also sah ihr Feind von Nahem aus. Der Mann, dessen Land im Norden entlang der schottischen Grenze an ihr eigenes anschloss und westlich des River Esk an die Ländereien ihres Bruders angrenzte.

Ganz offensichtlich spürte er, dass er beobachtet wurde, denn er ließ den Blick wachsam über das Unterholz der hinter ihr liegenden Anhöhe schweifen, doch das Eintreffen einiger Ullyot-Männer lenkte ihn ab. Sie konnte hören, wie er mit tiefer Stimme Befehle erteilte. Die Leichen der Freunde wurden von denen der Feinde getrennt und auf einen von zwei Pferden gezogenen Karren gebettet. Flüchtig fragte sie sich, wo wohl sein eigenes Pferd sein mochte, doch im selben Moment neigte er den Kopf ein wenig zur Seite und pfiff ein tiefschwarzes Ross herbei.

Furchtsam wich Made­leine tiefer ins Unterholz zurück und versuchte, sich an all das zu erinnern, was sie je über den Clan Ullyot gehört hatte.

Ashblane.

Seine aus Stein gehauene Burg, groß und fensterlos. Das wenige Licht, das hätte hineinfallen können, wurde von Vorhängen aus schmutzigen Tierhäuten ausgeschlossen. Terence, der Diener ihres Bruders, hatte ihr das kurz nach dem Tod ihrer Mutter erzählt. Nicht ohne Hintergedanken, vermutete sie, um sie mit ihrem eigenen Geschick auszusöhnen, denn es konnte wohl niemand noch trostloser hausen als Alexander, das mächtige, überhebliche Oberhaupt der Ullyots.

Die Leichen waren mittlerweile auf dem Karren verstaut. Fetzen einer zornig geführten Unterhaltung wehten zu Made­leine herüber, bis der aufkommende Wind die Worte davontrug und an dem Umhang zerrte, den Ullyot über die Gesichter der Gefallenen gebreitet hatte. Sein schmutziger Tartan war blutgetränkt. Wegen seines Arms, wie sie annahm. Oder seiner Nase. Oder der tiefen Wunde auf seinem Rücken, die sie jetzt wieder sehen konnte, als er sich umdrehte.

Seine Männer umringten ihn, als suchten sie bei ihm Trost. Flüchtig fragte sie sich, wer ihm wohl Trost spenden mochte, doch sogleich kam ihr die Abwegigkeit dieses Gedankens zu Bewusstsein, und sie musste ein Lachen unterdrücken. Ein Mann wie Ullyot benötigte keinen Trost, keine Wärme oder Beistand. Der Laird hatte seinen Weg schließlich selbst gewählt, und die Gerüchte besagten, dass er von nichts und niemandem Unterstützung wollte. Einsamkeit war sein Gesetz und Hass sein Antrieb.

Sie sah zum Himmel hinauf, um die ungefähre Tageszeit zu schätzen. Die Männer verschwanden in den Wäldern, die sich bis zum Fluss erstreckten. Sie wagte es nicht, sich auf den Weg nach Heathwater Castle zu machen, ehe die Sonne nicht tiefer am Himmel stand. Die Hügellandschaft bot ihr nur dürftigen Schutz vor den Blicken der Wachen, die man bestimmt postiert hatte, bis die Männer der Ullyots vollständig außer Sichtweite waren. Sie widerstand dem Bedürfnis, sich um die Männer ihres Bruders zu kümmern, und verhielt sich ganz still, bis sie sicher sein konnte, dass die Ullyots endgültig fort waren. Schon glaubte sie, die Toten­glocke der Kapelle auf Noels Burg hören zu können, und ihr graute davor zurückzukehren. Sie fürchtete sich vor dem Schmerz der Mütter beim Anblick ihrer gefallenen Söhne, deren Gesichter nicht von einem schützenden Ullyot-Umhang bedeckt waren, wenn der kalte Nebel aus dem schottischen Tiefland heraufzog.

Schließlich hielt Made­leine es für sicher genug aufzubrechen. Sie hatte fast die Baumgruppe erreicht, wo ihre Schwester – wie immer als ihr Page verkleidet – auf sie warten sollte, als eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit erregte. Einer von Ullyots Kriegern schien plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht zu sein. Mit gezücktem Schwert stürmte er auf die Lichtung. Lähmende Angst stieg in ihr auf. Irgendetwas stimmte hier nicht. Selbst aus dieser Entfernung konnte sie das deutlich spüren.

„Jemmie!“, schrie sie und hob die Hand. Im selben Augenblick wurde ihr der Arm schmerzhaft auf den Rücken gedreht.

„Still, Mädchen.“ Die Stimme an ihrem Ohr war tief und die eines Mannes aus dem schottischen Hochland. Von einem Schwindel erfasst, drehte sie sich um.

Er war es. Alexander Ullyot. Und sie hatte nicht das leiseste Rascheln seiner Schritte gehört.

Augen von der Farbe hellen Silbers musterten sie von Kopf bis Fuß und verengten sich zu Schlitzen, als Made­leine die Fingernägel ihrer rechten Hand in seinen verletzten Arm grub. „Aufhören!“, fluchte er und zog sie an sich. Muskeln, Sehnen. Wärme, Schweiß und ein betörender, durch und durch männlicher Geruch. Einen Augenblick lang schien sich die Welt langsamer um sie zu drehen.

Sicherheit. Kraft. Stärke. Hatte sie schon jemals einen Mann berührt, der sich so anfühlte? Der so aussah? Sie ließ langsam ihren Atem entweichen, und eine Woge des Verlangens überflutete sie.

Ein Krieger.

Ein Kämpfer.

Ein Anführer, der seinen Wert kannte in einem Land, das Andersfühlenden keine zweite Chance gab. Made­leine wollte die Wange an seine Brust schmiegen und ihn bitten, ihr Zuflucht zu gewähren. Sie wollte ihn als Schild gegen eine Welt, die sie nicht länger verstehen konnte und wollte.

„Wer zum Teufel seid Ihr?“

Nicht die Stimme eines Schutzengels. Sein Zorn brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück, ebenso wie das Blut an seinem Arm. Wahrscheinlich würde er sie umbringen, wenn sie ihm ihren Namen verriet. Sie geriet in Panik, ihr Herzschlag begann zu rasen.

„Wer seid Ihr?“, wiederholte er und packte grob ihre Schultern. Ihr stockte der Atem, und als sie sich suchend nach Jemmie umdrehen wollte, wurde ihr plötzlich schwarz vor Augen und sie fiel ins Nichts.

2. KAPITEL

In einer schmutzigen, mit Sumpfgras ausgestreuten Zelle kam Made­leine wieder zu sich. Jemmie lag bewusstlos neben ihr, genau wie sie selbst an den Händen gefesselt. Ratten huschten um sie herum. Made­leines Umhang war fort, sie trug nur noch ihr Gewand, über das man den Tartan der Ullyots gebreitet hatte. Das Rot, Blau und Schwarz der Karos wirkte stumpf im Halbdunkel, und der Stoff bedeckte mehr schlecht als recht den an vielen Stellen gerissenen Stoff. Vor Entsetzen fing sie an zu zittern, und trotz der Kälte brach ihr der Schweiß aus. Warum waren sie hier? Und wo war hier? Ashblane konnte es nicht sein, denn das Banner an der einen Wand zeigte das Wappen der Armstrongs.

Sie bewegte sich, und prompt erschien ein Gesicht vor der Türöffnung. Ein Mann mit lückenhaftem Gebiss und langem, schmutzigem Haar spähte durch die Eisenstäbe und bedeckte sofort mit der Hand seine Augen, als er bemerkte, dass sie ihn beobachtete.

„Sie ist wach.“ Die verwaschen klingenden Vokale des Gälischen. Made­leine beherrschte diese Sprache kaum, und so konnte sie nicht verstehen, wie die Antwort eines anderen Mannes im Hintergrund lautete.

Ehe sie sich versah, betraten zwei Männer die Zelle und stülpten ihr einen Sack über den Kopf. Sobald sie die Handfesseln gelöst hatten, fing Made­leine an, sich zu wehren und heftig um sich zu schlagen. Das brachte ihr einen groben Schlag ins Gesicht ein, und die Tränen schossen ihr in die Augen. Diese Männer würden sie umbringen. Voller Angst versuchte sie, darauf zu achten, welchen Weg sie nahmen. Eine Treppe hinauf und dann in einen Raum, in dem es deutlich wärmer war. Sie nahm einen leichten Geruch nach Holzkohle wahr und den wesentlich strengeren von Schweiß, als die beiden Männer sie auf die Füße stellten.

„Nehmt den Sack ab.“ Die Stimme klang eisig, und Made­leine straffte sich. In dem unerwartet hellen Licht musste sie unwillkürlich blinzeln.

Vor ihr stand Laird Alexander Ullyot, flankiert von zwei Männern, die fast so groß waren wie er. Er hatte nicht gebadet, seit sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte, obwohl er nun einen groben, wollenen Kurzmantel trug. Seine harten Gesichtszüge wirkten Unheil verkündend im Schein des Feuers. Sein linker Arm war mit Lederstreifen verbunden, und Made­leine merkte, dass der Mann Schmerzen haben musste, denn er versuchte offensichtlich, sich nicht unnötig zu bewegen.

„Laird Armstrong sagt, Ihr seid Made­leine Randwick, die Schwester von Baron Noel Falstone of Heathwater. Ist das wahr?“

Sie nickte und sah beklommen auf sein Schwert, ehe sie ihm wieder in die Augen blickte. Das Erstaunen, das sie flüchtig bei ihm wahrgenommen hatte, verwandelte sich plötzlich in Zorn. Er trat auf sie zu, hob ihr Kinn an und rieb leicht über den blauen Fleck auf ihrer Wange.

„Wer hat sie geschlagen?“

„Sie hat sich so heftig gewehrt, Laird, und da …“ Der Mann, der sie aus der Zelle geholt hatte, kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu beenden. Alexander Ullyot streckte ihn mit einem einzigen Fausthieb zu Boden.

„Bring ihn fort und hol mir einen anderen, Marcus.“

Einer der beiden Männer neben ihm nickte, und Made­leine fasste neuen Mut, obwohl Ullyots nächste Worte wenig beruhigend klangen.

„Ihr seid hier eine Gefangene, Lady Randwick. Eine Geisel, um Euren Bruder zur Vernunft zu bringen.“

„Er wird niemals …“

„Schweigt.“ Sein ruhiger Tonfall verstörte sie mehr, als wenn er sie angebrüllt hätte. Gleichzeitig bemerkte sie seine angespannten Halsmuskeln und die dunkelsilbernen Einsprengsel in seinen Augen. Dann fiel ihr Blick auf das fein gearbeitete Wappen des goldenen Rings, den er am kleinen Finger trug. Der Löwe von Schottland! Vor Furcht wurde ihr plötzlich schwindelig, und sie wäre gestürzt, wenn er sie nicht festgehalten hätte. Seine Hand war kalt, und als Made­leine die Umrisse eines Dolches spürte, den er in seinem Ärmel verborgen hielt, wurde sie noch unruhiger. Selbst in Gesellschaft seiner eigenen Männer und Verbündeten hielt er es für nötig, heimlich Waffen zu tragen? Nach welchen Gesetzen lebte er eigentlich?

Die Antwort war ganz einfach. Nach gar keinen.

Sie krallte die Fingernägel in ihre Unterarme, um sich durch den Schmerz von ihrer Panik abzulenken, und hörte erst damit auf, als sie merkte, dass er sie dabei beobachtete.

Ein verächtlicher Ausdruck stahl sich in seine Augen. „Warum wart Ihr auf dem Schlachtfeld?“

Sie wurde blass. Dachte er, sie hätte am Kampf teilgenommen? „Ich bin Heilerin“, teilte sie ihm trotzig mit.

„Heilerin, ja? Die Gerüchte behaupten etwas anderes“, entgegnete er angewidert. „Quinlan, bring sie zurück ins Verlies.“

„Nein.“

„Nein?“ Endlich trat so etwas wie Wärme in seinen Blick, obwohl diese Wärme in einem sonst so kalten Gesicht eher beunruhigend wirkte. „Ihr widersetzt Euch?“ Er stand jetzt so dicht vor ihr, dass sie die blonden Spitzen seiner Wimpern sehen konnte. Es waren lange, am Ansatz pechschwarze Wimpern.

„Dort sind Ratten.“ Sie zuckte zusammen, als die Männer zu lachen anfingen, und kämpfte gegen ihre Furcht an. Der schlecht verknotete Tartan rutschte herab, und sofort richteten sich gierige Blicke auf den Ansatz ihrer Brüste. Nur eine weitere Demütigung. Seufzend zog sie das wärmende Tuch wieder hoch.

„Bring sie zurück.“

„Bitte. Wenn Ihr es auf Geld abgesehen habt – ich kann es Euch zahlen. Ausreichend.“ Bisher hatte jeder Mann, den sie kannte, seinen Preis gehabt, allerdings war das Stirnrunzeln dieses einen hier nicht gerade vielversprechend.

„Ich will Fleisch und Blut von Eurem Bruder, Lady Randwick. Gold kann mir nicht die Männer zurückbringen, die ich verloren habe.“

„Also habt Ihr vor, uns zu töten?“

Ehe sie noch etwas hinzufügen konnte, legte er ihr eine Hand um die Kehle und drückte sie kaum merklich zu. „Im Gegensatz zu Eurem Bruder töte ich keine Frauen und Kinder.“

Grenzenlose Erleichterung durchströmte sie, doch im selben Augenblick wurde sie sich einer weiteren Gefahr bewusst. Sie hatte gesehen, was Noel mit Gefangenen auf Heathwater angestellt hatte, und eine Vergewaltigung konnte genauso brutal sein wie Mord.

Und diese Gefahr konnte von jedem der hier anwesenden Männer ausgehen. Als sie sich umsah, ertappte sie in der Tat viele dabei, wie sie anzüglich ihren Körper betrachteten, als rechneten sie sich aus, wie groß wohl ihr Anteil an dieser Kriegsbeute sein mochte.

Sie nahm all ihren Mut zusammen und hielt Alexanders Blick tapfer stand. Seine Augen wurden dunkler, unergründlich. Schmerz spiegelte sich in ihnen, Trauer gepaart mit Zorn. Trauer um den Mann, den er im Arm gehalten und beweint hatte.

Made­leines Herz flog ihm zu.

„Ich kann Euch helfen.“ Ihre Worte schienen aus dem Nichts zu kommen, und sie spürte, wie er zusammenzuckte, als sie mit den Fingern leicht die warme Haut seiner Hand berührte. Kummer war ebenso eine Krankheit wie Fieber oder Bauchschmerzen, und die Heilerin in ihr suchte bereits nach einem Heilmittel.

„Ich brauche Eure Hilfe nicht.“ Er riss seine Hand zurück und war jetzt zorniger als vorhin, als man Made­leine zu ihm gebracht hatte. „Schafft sie fort.“

Auf den schroffen Befehl hin traten sofort zwei Männer vor, doch als sie sich noch einmal umsah, merkte sie, dass sein Blick immer noch auf ihr ruhte. Laird Ullyot sah aus wie ein Mann aus einer Heldensage – groß, unbarmherzig und unnachgiebig. Doch ganz tief in seinen Augen konnte sie noch etwas anderes entdecken. Etwas, das sie schon in den Augen vieler Männer gesehen hatte.

Interesse. Verlangen. Begierde.

Im Fortgehen lächelte sie vor sich hin und überlegte, wie sie das wohl zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

„Was hältst du von ihr, Alex?“

Quinlans Stimme drang in seine Gedanken, als Alexander seinen Becher abstellte. „Made­leine Randwick sieht eher aus wie ein schmutziger Engel, nicht wie die hinterhältige, herzlose Hexe, als die sie immer dargestellt wird.“

„Sie ist größer als ich gedacht habe.“

„Und tausendmal hübscher, nicht wahr?“

Zorn stieg in Alexander auf. „Ein hübsches Gesicht kann ebenso trügerisch sein wie ein unscheinbares, Quinlan.“

„Sie hatte Angst vor den Ratten.“

„Dann mach ihnen den Garaus.“

„Den Ratten?“

„Wir brechen morgen nach Ashblane auf, und wir haben nicht die Zeit, eine kranke Frau mit uns zu führen. Bring sie in eine andere Zelle und postiere eine Wache vor ihrer Tür.“ Er verstummte. Seine linke Schulter pochte; die Salbe, die der Heiler auf die Wunde gestrichen hatte, brannte höllisch. Als Alexander versuchte, den Arm zu heben, verschlug ihm der Schmerz den Atem und sein Herz klopfte zum Zerspringen vor Anstrengung.

Ian war tot, und alles war anders geworden. Ärmer. „Der verdammte Noel Falstone soll zur Hölle fahren“, zischte er. Er trat an die Fensteröffnung und versuchte, die dunklen Umrisse der Cheviots im Osten auszumachen. Als Adam Armstrong sich neben ihn stellte, spürte Alexander eine innere Anspannung.

„Es tut mir leid. Ich weiß, wie nahe ihr euch gestanden habt, du und Ian …“

Alexander hob die Hand. Es war viel einfacher und auch befriedigender, sich mit Zorn auseinanderzusetzen als mit Mitgefühl. „Ich hätte mit den restlichen Männern nach Heathwater reiten und das Ungeheuer vernichten sollen. Ian hätte dasselbe auch für mich getan, wenn ich tot auf den kalten Steinplatten deiner Kapelle gelegen hätte.“

„Und du wärst bei dem Angriff gestorben.“ Adam versuchte wie immer vernünftig zu denken. „Nein, es ist viel klüger abzuwarten und den Kampf an einem anderen Tag fortzusetzen, wenn der Überraschungseffekt auf deiner Seite ist und du nicht so geschwächt bist. Du bist verwundet! Lass mich wenigstens deinen Arm versorgen!“

„Nein, das hat Hale bereits getan.“ Alexander wich zurück und zog den Arm schützend vor seine Brust. Er wollte nicht, dass ihm jemand zu nahe kam. Niemand sollte sehen, wie er sich fühlte. Die Wunde war nicht gerade klein, und er befand sich weit fort von zu Hause. Wenn sie wieder in Ashblane waren, würde er genug Zeit haben. Aber im Augenblick, hier auf der Burg der Armstrongs, wollte er alles im Griff behalten. Zumindest die Vorstellung, alles im Griff zu haben, ergänzte er innerlich, als ein neuerlicher Schwindelanfall ihn dazu zwang, sich an den Tisch zu setzen.

„Ian hätte nicht mit so wenigen Männern kommen dürfen.“

„Warum hat er das überhaupt getan?“, erkundigte Adam sich interessiert, und erleichtert über diese Ablenkung goss Alexander frisches Ale in seinen Becher. Dadurch erhielt er die Gelegenheit zu schlucken und sich von dem Schwindelanfall zu erholen. Als er sich etwas kräftiger fühlte, begann er zu sprechen, obwohl sein Herz immer noch rasend schnell schlug.

„Noel Falstone hatte in einem Dorf westlich von Ashblane Hütten niedergebrannt und ein paar Frauen verschleppt. Vor Wut brach Ian sofort auf, ehe ich überhaupt dazu kam, mich ihm anzuschließen. Wenn er auf mich gewartet hätte, wären wir imstande gewesen, den Unhold gemeinsam zu schlagen.“

„Gewartet?“

„Ich war mit dem König in Edinburgh.“

„Und wenn der König von Falstones Verrat erfährt, wird er dann handeln?“

„Unser Lehnsherr hat nach seiner langen Gefangenschaft bei den Engländern den Mut verloren und gibt jetzt der Diplomatie den Vorzug vor der Schlacht.“ Alexander wählte seine Worte mit Bedacht.

„Da könntest du recht haben. Außerdem würde David einen so listigen Kerl wie den Baron Falstone nicht umbringen, ganz gleich, wie groß die Provokation auch sein mag. Er ist viel zu nützlich für den König mit seinen Ländereien an der Grenze, gerade jetzt, wo in diesem Gebiet so viel Unruhe herrscht.“

„Das ist genau der Grund, warum ich das selbst übernehmen muss.“ Alexander stand vorsichtig auf. Dieses Mal drehte sich der Raum nicht um ihn. „Falstone ist ein Angeber, der vor nichts zurückschreckt. Aber er ist auch ein Gewohnheitsmensch. Er verbringt jeden Januar in Egremont und reitet über Carlisle dorthin, bewacht von nur wenigen Männern. Er fühlt sich sicher.“

„So weit im Süden kannst du den Landfrieden Englands nicht stören. Nicht so.“

„Ach nein?“ Alexanders Blick wurde kalt.

„Im Augenblick stehst du in der Gunst des Königs. Verlierst du sie, verlierst du auch Ashblane – wegen Landesverrats. Dann kann dich niemand mehr retten.“

„Niemand wird mich zu sehen bekommen.“

„Du würdest den Tartan des Clans nicht tragen? Alex, lass mich dich vor den Fallstricken auf diesem Weg warnen! David mag mit dir verwandt sein, aber er ist in erster Linie der König, und er gesteht dir Ashblane als königliches Bollwerk zu. Sollte es dort zu Unsicherheiten kommen, zu einem Verdacht, dass es Unaufrichtigkeiten gibt …“ Er breitete beredt die Hände aus. „Ich bin dein Freund, Alex. Aus Erfahrung weiß ich, dass Männer, die nur ein einziges Ziel verfolgen, dabei oft die Logik aus den Augen verlieren. Bring deinen Clan sicher nach Ashblane zurück, wo Falstone dir nichts anhaben kann, weder durch eine Belagerung noch durch eine Schlacht. Und wenn du schon dabei bist, schick diese Randwick zu ihrem Bruder zurück mit der Bitte um Milde. Falstone wird dir dafür vielleicht sogar danken – David jedenfalls ganz sicher, schließlich ist die Tinte auf dem Vertrag von Berwick noch kaum getrocknet.“

Alexander verlor die Beherrschung. Aufgebracht schleuderte er die letzten Tropfen seines Ales ins Feuer. „Ich suche keinen Dank!“, grollte er. „Nein, Adam, ich will Rache. Ich will Falstones Schwester, ich will sein Land, und ich will sein Leben.“

„Und was ist mit den Hexenkünsten der de Cargnes? Was willst du dagegen tun? Es heißt, Made­leine Randwick kann einen Mann dazu bringen, alles zu glauben!“

Dieses Mal musste Alexander lachen. „Du hast eine seltsame Art, die Heilige Schrift auszulegen. Da heißt es, man solle keinen falschen Göttern huldigen … Sind Hexerei und Zauberei nicht die falschesten Götter von allen? Vor Zauberei brauchst du dich nicht zu fürchten, denn die Bibel würde die Existenz von solch unerklärlichem Unsinn niemals zulassen.“

Adam Armstrong hieb mit der Faust auf den Tisch. „Du hast dich viel zu lange in der Welt des Krieges aufgehalten, Alexander, fernab von den barmherzigen Lehren Gottes, also halte du mir keine Vorträge, wie man die Heilige Schrift auslegen soll! Überall machen Geschichten über die de Cargne-Frauen die Runde, ob du sie nun hören willst oder nicht. Josephine Anthony. Eleanor de Cargne. Und nun Made­leine Randwick. Sie benutzt ihre Schönheit, um Männer an Versprechen zu binden, die gegeben zu haben sie sich nicht mehr erinnern können, wenn sie morgens im Bett der Hexe aufwachen. Starke Männer. Tapfere Männer. Zugrunde gerichtet durch die List einer Hexe.“

Alexander atmete tief durch und sehnte sich nach Normalität. Nur noch ein Tag, dann war er wieder auf Ashblane. Noch ein Tag und die Krankheit, die seine Knochen zu versengen drohte, konnte geheilt werden. Ja, die Wunde machte ihn ganz benommen, denn immer wieder verfolgte ihn das Bild, wie Made­leine Randwicks schlanke, nackte Glieder sich an seinen Körper schmiegten …

Wütend stellte er den tönernen Kelch ab. Er dachte an ihr flammend rotes Haar, an die Kühle ihrer Hand, als sie ihn berührt hatte. Ich kann Euch helfen.

Er schüttelte den Kopf. Sie war eine Geisel, nichts weiter. Ein nützliches Werkzeug der Rache, um ihrem zügellosen, gierigen Bruder endlich unmissverständliche Bedingungen zu stellen. Ein wertvolles Pfand. Eine Frau, deren Name für Verrat und Verworfenheit stand.

Die Schwarze Witwe von Heathwater.

Zornig fegte er den Kelch vom Tisch und spürte dabei den dumpfen Schmerz in seinem Arm. Noch ehe die Woche zu Ende war, würde sie fort sein, das schwor er sich. Und dann war Ashblane in Sicherheit.

Sie war gerade erst in ihre Zelle zurückgekehrt, als dieser Mann namens Quinlan die Treppe herunterkam.

„Nimm ihr die Fesseln ab“, befahl er der Wache und wartete ab.

Made­leine erstarrte. Sie hatte den Zorn in den Augen des Laird of Ullyot gesehen. Hatte er es sich anders überlegt und seinen Günstling geschickt, um sie zu töten? Voller Panik wich sie zurück. „Wohin bringt Ihr mich?“, fragte sie bewusst empört, um sich nichts von ihrer Angst anmerken zu lassen, und stand auf.

„In einen Raum ohne Ratten“, erwiderte er trocken, ja beinahe humorvoll, und das verwirrte sie. Sie konnte sich keinen rechten Reim darauf machen.

„Warum?“

„Unser Laird wünscht, dass Ihr morgen früh ausgeruht seid, wenn wir nach Norden reiten.“

Die tiefere Bedeutung seiner Antwort erfüllte sie mit einem plötzlichen Hochgefühl. Sie sollten also nicht sterben in dieser Nacht? Vielleicht gab es ja doch noch einen Ausweg.

„Bitte … könntet Ihr auch meinem Pagen Jemmie die Fesseln abnehmen? Er ist doch noch so jung, und hier ist es bitterkalt!“

Misstrauen und Verwirrung spiegelten sich auf den Zügen des Mannes wider. „Das Angebot gilt nur für Euch allein, Lady Randwick.“

„Dann bedauere ich, es nicht annehmen zu können.“ Die blassen Züge ihrer Schwester nahmen allmählich einen bläulichen Ton an in der Kälte, die von dem Granitboden aufstieg. Made­leine streckte die Hände aus, um sich wieder in Ketten legen zu lassen, und wandte den Kopf zur Seite. Sie spürte das Zuschnappen des Schlosses genauso deutlich wie die Unentschlossenheit des Mannes ihr gegenüber, obwohl sie ihn gar nicht ansah, als er ging. Mit einem schrecklich endgültig klingenden Geräusch fiel die schwere Eisentür hinter ihm zu.

Sie setzte sich auf den Boden, legte den Kopf auf die angezogenen Knie und versuchte, ihre Angst in den Griff zu bekommen. Sie war gefangen im Verlies einer Burg der Armstrongs, festgehalten von einem Laird, der für seine Gnadenlosigkeit berüchtigt war. Und, als ob das alles nicht schon schlimm genug gewesen wäre, war darüber hinaus auch noch Jemmie in ihrer Verkleidung bei ihr. Wenn sie enttarnt wurde, verschlimmerte sich ihre Lage nur noch weiter. Am meisten Furcht einflößend jedoch war der Laird of Ullyot selbst.

Im Gegensatz zu Eurem Bruder töte ich keine Frauen und Kinder. Waren das nicht genau seine Worte gewesen?

Neue Hoffnung glomm in ihr auf. Wenn schon die Gerüchte über sein Aussehen so irreführend gewesen waren, dann hatten sie vielleicht auch seinen Charakter nicht ganz zutreffend beschrieben? „Bitte, lieber Gott, lass das der Fall sein“, betete sie leise. Als der Druck auf ihrer Brust etwas leichter geworden war, kroch sie zu Jemmie hinüber, deren Reglosigkeit sie ängstigte. Wie sollte sie weiterleben, wenn ihre kleine Schwester starb? Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, ehe sie es unterdrücken konnte und wieder zu der innerlichen Stärke fand, die sie nur selten verlor. Sie hatte sich schon in weitaus schlimmeren Lagen befunden und überlebt. Mit der Hilfe Gottes und vielleicht ein klein wenig Glück würden sie beide auch diese Prüfung über­stehen.

Wenig später kehrte Quinlan in die Große Halle zurück. „Sie sagt, sie lässt ihren jungen Pagen nicht im Stich.“

„Sie sagt was?“ Alexander drehte sich zu seinem Stellvertreter um und verzog das Gesicht, als seine Schulter bei der Bewegung stechend schmerzte.

„Sie sagt, sie geht ohne den Jungen nirgends hin. Jemmie nennt sie ihn. Er ist noch nicht wieder bei Bewusstsein, und sie macht sich Sorgen wegen der Kälte.“

„Dann soll sie bleiben, wo sie ist. Breite eine Decke über die beiden und lass sie dort.“

Doch Quinlan war noch nicht fertig. „Sie duftet gut, Alex, und sie hat so gute Manieren …“

Harsches Gelächter. „Sie ist Noel Falsones Schwester, Quin! Sie nimmt an seinen Raubzügen teil!“

Quinlan schüttelte den Kopf. „Aber als ihr der Tartan von der Schulter rutschte, habe ich über ihrer einen Brust eine kreuzförmige Narbe sehen können. Denk an die Worte von Jock Ullyot, Alex. Er berichtete uns, dass die Frau, die ihm auf Heathwater Castle geholfen hat, ein Kreuzzeichen trug. Und dann ihr Haar. Er sprach von einem Engel mit Flammenhaar, der Menschen heilt …“

„Er lag im Sterben. Er hatte Wahnvorstellungen und lag im Sterben. Und wenn wir nach einem flammenden Engel suchen, dann trifft die Beschreibung wohl kaum auf Made­leine Randwick zu.“

„Die Gerüchte könnten falsch sein …“

Alexander fiel ihm ins Wort. „Sie sind es nicht. Belass es dabei, ja?“

„Das würde ich ja, aber Geordie steht heute Nacht Wache.“

Fluchend griff Alexander nach seinem Dolch und schob ihn mühsam in seinen Gürtel. „Und sein Sohn liegt aufgebahrt in der Kapelle. Hältst du es da nicht für klüger, den Wachposten auszuwechseln?“

Quinlan zuckte die Schultern. „Er ist ohnehin schon bis zum Äußersten gereizt. Wenn man ihn nun noch weiter kränkt …“

Aber Alexander Ullyot schob sich bereits an ihm vorbei und ging voran auf dem Weg zum Verlies.

In der Zelle war es ganz still, nichts war zu hören außer dem Heulen des Windes, der draußen durch die zugigen Gänge fuhr. Made­leine Randwick hatte sich so gut es ging an den mageren Jungen geschmiegt. Eine unbequeme Stellung, fand Alexander, in Anbetracht des Abstands zwischen den beiden.

„Steht auf“, befahl er, sobald man ihr die Ketten abgenommen hatte, und zog sie zu sich herauf. Mit einer raschen Bewegung riss er ihr den Tartan von der Schulter und drehte Made­leine zum Licht, um die Narbe sehen zu können, die Quinlan erwähnt hatte. Eine zarte Halskette mit einem goldenen Kreuz daran erregte flüchtig seine Aufmerksamkeit, dann wandte er sich wieder der Narbe zu. „Wer hat Euch so gezeichnet?“

Made­leine konnte sich vor Entsetzen nicht bewegen. „Liam Williamson, der Earl of Harrington.“

„Ihr gehört ihm?“

„Ja.“ Ihr Herzschlag raste, und ihr Mund war wie ausgetrocknet. Sie sah das Messer in seiner Hand, ehe sie es spüren konnte, und als sie an sich hinabsah, bemerkte sie das Blut, das aus einem nicht sehr tiefen Schnitt über ihrer rechten Brust rann. Auch Alexanders Finger waren rot von ihrem Blut, als er zurückwich.

„Da Ihr meine Kriegsbeute seid, hebe ich hiermit seinen Anspruch auf Euch auf. Binde sie los, Quinlan, und bringe sie in die Kammer neben der Kemenate.“

„Du willst …“

„Sofort!“, stieß Alexander gepresst hervor, und mehrere Krieger eilten herbei, um ihm zu gehorchen. Made­leine spürte, wie ihre groben Hände sich Freizügigkeiten herausnahmen, und wusste, dass der Laird das ebenfalls gesehen hatte. Doch dieses Mal gab es keine Zurechtweisungen.

Die Kammer, in die man sie brachte, wurde beherrscht von einem großen Bett, auf das die Krieger Made­leine nun stießen. Sie beobachtete, wie die Männer sich im Raum verteilten, als hätten sie vor, die schändliche Tat mitzuverfolgen. Nur der eine namens Quinlan war eindeutig verärgert.

„Sie ist eine Dame, Alex!“

„Sie ist Harringtons Hure.“

„Nein! Ich bin nicht …“ Eine Hand legte sich auf ihren Mund.

„Noch ein Wort, und ich töte Euch!“

Alexander ließ sie erst los, als sie nickte. Der Anblick des Blutes auf ihrer Brust machte sie schwindelig. Made­leine begann zu zittern, Übelkeit stieg in ihr auf, und plötzlich gab sie die Reste ihres kargen Frühstücks wieder von sich.

Jetzt würde sie sterben. Sie wischte sich über den Mund, sah auf und wartete auf ihre Bestrafung. Tod oder Schändung. Es kam alles auf das Gleiche heraus – wenn dieser Laird hier es nicht tat, dann über kurz oder lang Liam Williamson.

Sie war es leid, sich ständig sorgen oder ängstigen zu müssen. Sie war auch die Mühe leid, die es sie kostete, von Tag zu Tag weiterzuleben, ohne dabei auch nur die geringste Hoffnung auf eine Veränderung der Verhältnisse zu haben. Bringt es zu Ende, dachte sie und stand herausfordernd auf, doch unvermittelt kehrte der Schwindel zurück, und sie brach zusammen.

Alexander fluchte beim Anblick ihres roten Haars, das sich über seine Stiefel fächerte, und ihrer weißen Haut, die jetzt voller Blut und blauer Flecke war. Sie war so jung, dünn und wirkte seltsam verwundbar, diese Made­leine Randwick. Er bückte sich und berührte die flammend roten, seidigen Strähnen. Die Ohnmacht hatte die Furcht von ihren Zügen genommen, ihr Gesicht sah nun unerwartet weich aus.

Er hatte jedes Interesse an dieser Züchtigung vor aller Augen verloren. „Schafft sie nach oben in eine der Schlafkammern, und bringt den jungen Pagen zu ihr“, befahl er. Sein Blick fiel auf die Wunde, die er ihr zugefügt hatte. Plötzlich hätte er die Stelle am liebsten bedeckt, doch ihm war klar, das würde nur irgendwelche Bemerkungen zur Folge haben. Er nahm eine Fackel von der Wand, ging zur Tür und entließ die Wachposten. Zum Glück konnte er sich fest auf die Anständigkeit von Quinlan verlassen. Bei ihm würde die Herrin von Heathwater in Sicherheit sein.

Made­leine erwachte in einem fremden Bett. Man hatte eine dicke Decke über sie gezogen, und neben ihr auf einer Pritsche am Boden lag Jemmie. Made­leine streckte die Hand nach ihr aus und war erleichtert, als das Mädchen sich unter der Decke bewegte. Jemmie lebte und war unverletzt. Das war das einzig Wichtige für sie. Draußen war es dunkel; durch die schlecht schließenden Fensterläden konnte sie die Mondsichel zwischen den Wolken schimmern sehen.

„Bist du schwer verletzt, Made­leine?“

„Nein, nur ein wenig.“ Sie setzte sich auf, zog den Tartan von ihrer Schulter, um den Schnitt zu begutachten, mit dem Ullyot sie gezeichnet hatte. Die Wunde nässte kaum noch. Made­leine spuckte in ihre Hand und rieb dann über den Schnitt, wobei sie tapfer ihre Tränen herunterschluckte. „Es ist schon viel besser, und wenn Ullyot uns bis jetzt nicht umgebracht hat, dann wird er es wohl auch später nicht tun.“

„Aber das Mal, das er dir beigebracht hat! Er wird dich …“

Made­leine fiel ihr ins Wort. „Er wird mich zu seiner Geliebten machen, ob mit oder ohne Mal. Das ist unser geringstes Problem, Jemmie.“ Sie stand auf, trat ans Fenster und drückte vorsichtig die Läden auf. Drei Stockwerke über der Erde und kein einziger Mauervorsprung, der eine Flucht hätte ermöglichen können. Der Laird ging kein Risiko ein. Sie war sich ganz sicher, dass vor der Tür eine Wache postiert war.

„Wir haben ein Messer und eine Goldkrone.“ Sie zog beides aus einer verborgenen Tasche in ihrem Untergewand. Ihre Kräuterpulver, die sich ebenfalls darin befanden, ließ sie dort. „Das könnte reichen.“

„Für eine Flucht?“

„Nein, um eine Nachricht zu übermitteln.“

„An wen?“

„An Goult. Wenn wir von hier fortkommen könnten und dann Richtung Westen nach Annan reiten …“

Jemmie unterbrach sie. „Nein, nirgends ist es sicher.“ Made­leine fiel der feine Schweißfilm auf der Stirn ihrer Schwester auf. Wurde sie etwa krank nach der Nacht auf dem kalten Steinboden, oder hatte sie ebenso große Furcht vor dem Laird of Ullyot wie sie selbst?

Vor Angst bekam sie Herzklopfen. Der Laird of Ullyot war ganz anders als andere Männer – sie hatte seine Aura gesehen, als er auf sie zugekommen war. Schwarz und silbern. Eleanor hatte sie immer vor so einer Mischung gewarnt. Vor Jahren hatte sie einmal im Stall ihre Mutter mit hochgeschobenen Gewändern in den Armen eines Fremden erwischt. Er hatte ebenfalls eine silberne Aura gehabt.

Silber und schwarz. Und noch irgendetwas. Etwas Unaussprechliches, Verbotenes. Sie schüttelte den Kopf und steckte den kleinen Dolch und die Münze wieder weg, während sie grübelte, wie sie die missliche Lage zu ihrem Vorteil nutzen konnte.

„Wir warten auf eine Gelegenheit zur Flucht, und wenn sie sich uns bietet, gehen wir nach Frankreich.“ Made­leine versteckte die Hände unter den Falten ihres Gewandes und war froh, dass Jemmie die weiß hervortretenden Knöchel ihrer angestrengt zur Faust geballten Hand nicht sehen konnte. Froh, dass Jemmie nichts von den anderen Gedanken ahnen konnte, die sich in ihrem Kopf überschlugen und sie in lähmende Angst versetzten.

„Und wir bleiben zusammen, Made­leine?“ Ihre Stimme klang zittrig, und Made­leine spürte ihre Furcht.

„Wir werden immer zusammen sein, Jemmie, das verspreche ich dir. Aber jetzt musst du schlafen, denn wir haben morgen einen anstrengenden Weg vor uns.“

Sie wartete ab, bis ihre Schwester eingeschlafen war, dann setzte sie sich auf und richtete den Blick auf den Lichtschein, der unter der Tür hindurch in den Raum fiel. Wenn sie kamen, würde sie bereit sein. Und das Messer in ihrer Hand war scharf geschliffen.

Der Laird of Ullyot betrat ihre Kammer, als sich die erste Morgenröte am Himmel abzeichnete, und schien überrascht, sie wach vorzufinden. Doch sofort hatte er seine Gesichtszüge wieder unter Kontrolle. „Ich möchte mit Euch sprechen, Lady Randwick, und zwar ohne Euren Pagen. Meine Männer werden ihn fortbringen.“

Jemmie stand unbeholfen und verschlafen auf, und Made­leine zog sich vor Angst der Magen zusammen. „Wo bringt Ihr ihn hin?“

„Nur in die Kammer nebenan. Wir schicken ihn gleich wieder zu Euch zurück.“

Sie betrachtete die beiden Wachen. Wie verlässlich wirkten sie? Erleichtert stellte sie fest, dass der eine ein alter Mann mit gütigen Augen war. „Mir geschieht nichts, Jemmie. Geh ruhig mit den Männern.“

„Aber ich …“

Made­leine schüttelte den Kopf, als Jemmie zu sprechen ansetzte, aber das schien das Mädchen nicht zu beeindrucken. Es straffte die schmalen Schultern und reckte trotzig das Kinn. „Gebt Ihr mir Euer Wort, Laird Ullyot, dass Ihr ihr nichts antut?“ Made­leine hielt den Atem an und wartete auf seine Reaktion.

„Hinaus.“

Also kein Messer zwischen die Rippen oder ein Fausthieb in Jemmies zartes Gesicht. Made­leine sandte ein Stoßgebet zum Himmel und sah zu, wie ihre Schwester aus der Kammer geführt wurde. Als die Tür ins Schloss fiel, begann Ullyot zu sprechen.

„Es scheint, Ihr habt da einen, der sich für Euren Charakter verbürgt, Lady Randwick, obwohl viele Euch für eine Hure und eine Lügnerin halten, die in zwei Königreichen für ihr schamloses Verhalten und ihre dunkle Magie berüchtigt ist.“

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Mylord, ich war in den letzten zehn Jahren auf Heathwater eingekerkert!“

„Eingekerkert wohl kaum, Mylady, denn die, die Eure Huld auf der Burg genießen durften, wissen einiges darüber zu berichten.“

Sie merkte, wie sie errötete. Wütend auf sich selbst stand sie auf und ging zum Fenster. Warum war er hier? Und noch dazu allein?

„Wie viele Gefolgsleute hat Euer Bruder auf Heathwater?“

Erleichterung durchströmte sie. Er wollte etwas über Noels Kampfstärke erfahren. „Etwa eintausend“, log sie, denn in Wirklichkeit mussten es mindestens doppelt so viele sein.

„Tausend ohne die Gefolgsleute von Harrington?“

Sie wusste, die Frage war nicht leichthin gestellt, und sie wandte den Blick zur Seite. „Mein Bruder verfügt nicht über annähernd so viele Mannen wie Ihr, Sir, obwohl gerade das auch für eine gewisse Sicherheit sorgt.“

„Wie das?“ Sofort wurde sein Blick wachsam.

„Die Anzahl der Ashblane-Krieger ist erheblich. Fast zu erheblich, munkelt man. Könige haben gern starke Männer an den Grenzen ihrer Länder, als erste Verteidigungsbastion gegen einen feindlichen Einfall. Doch wenn diese Männer zu mächtig werden, ist das für jeden König ein Anlass zur Sorge.“

Er lachte mit der kaum verhohlenen Überheblichkeit eines Mannes mit grenzenlosem Selbstvertrauen. „Wenn Ihr Eurem Bruder helfen wollt, rate ich Euch, mich nicht zu belügen.“

„Weil mein Verrat ihm einen schnellen statt einen langsamen Tod bringen würde?“ Plötzlich sah sie Goult in einer Falle mitten in der Schlacht vor sich, doch Alexander überhörte ihre Frage und stellte seinerseits eine.

„Euer Page Jemmie. Wie viel bedeutet er Euch?“

Einen Augenblick lang dachte Made­leine, sie würde wieder ohnmächtig werden. Sie umklammerte mit den Fingern den Fenstersims und schloss die Augen. Alles, was sie je über den Laird of Ullyot gehört hatte, erschien ihr plötzlich wahr. Er hatte weder Seele und Herz noch Ehrgefühl. Und er war klug. Sie konnte kaum glauben, welche Wende ihr Gespräch genommen hatte. Ahnte er etwas?

Verzweifelt sah sie ihn an. „Wenn es hier um unser Leben geht, Laird Ullyot, so würde ich lieber meines hergeben.“

„Tatsächlich, Lady Randwick? Da frage ich mich doch, was der Grund dafür ist!“

Sie wagte nicht zu antworten. Was wollte er nur von ihr? Alle wollten irgendetwas.

„So, wie viele sind es nun? Die genaue Anzahl bitte.“

„Dreitausend.“ Sie hielt den Kopf gesenkt, während sie die Gefolgsleute aufzählte, sorgfältig darauf bedacht, auch die westlichen Verbündeten zu erwähnen. Was sie nun sagte, entsprach genau der Wahrheit. Das Leben ihrer Schwester stand auf dem Spiel, und der Laird war für seinen Mangel an Nachsicht bekannt, da musste Goult es eben darauf ankommen lassen.

„Ich danke Euch.“ Seine Stimme war genauso ausdruckslos wie seine Augen. Sie wirkten heute wie grauer Schiefer. Die Farbe eines Sees vor dem Einsetzen des Regens. Blass. Nicht zu deuten. Einen Augenblick lang fühlte sie sich verwirrt und verwundbar.

„Die Sicherheit meines Clans steht für mich an erster Stelle, Lady Randwick, und ich werde alles tun, um ihn zu beschützen. Alles. Denkt nur immer daran, dann stehen Eure Aussichten gut, dass Ihr Euer geliebtes Heathwater wiederseht.“

Sie nickte, weil er das offenbar von ihr erwartete, und blickte ihm nach, als er die Kammer verließ.

Geliebtes Heathwater?

Wenn es ihr möglich gewesen wäre, hätte sie die Burg am liebsten eigenhändig in Schutt und Asche gelegt, und wenn Noel und Liam Williamson dabei in den Flammen umgekommen wären, umso besser. Zehn Jahre Hass drohten sie plötzlich wieder einzuholen und zu ersticken. Sie verschloss Augen und Ohren vor den Schreien ihres ermordeten Gemahls, und ihr war, als legte sich eine eiserne Faust um ihr Herz. Sie zog sich den Stuhl heran und ließ sich darauf fallen. Nicht hier. Nicht jetzt. Nicht schon wieder. Zuerst musste sie Jemmie in Sicherheit bringen. Und danach …

Sie würde darum beten, dass der dunkle Baron of Ullyot Heathwater vom Erdboden tilgte und nichts übrig ließ, das sie daran erinnern konnte. Nichts und niemanden.

Alexander begab sich in die Kapelle. Die im Andachtsraum brennenden Kerzen wiesen ihm den Weg zu der Stelle, wo Ian aufgebahrt lag. Er zog den Tartan zurück, zeichnete mit dem Finger das Kreuz auf die kalte Stirn und entnahm dem flachen Teller auf Ians Bauch etwas Salz, das er in alle vier Ecken des Raumes streute. „Möge sich der Teufel von deiner Seele fernhalten und deine Reise in den Himmel gesegnet sein.“ Behutsam rückte er den Dolch im Ärmel seines toten Freundes gerade und war erfreut zu sehen, dass sich jemand die Mühe gemacht hatte, die Klinge zu säubern und zu schärfen. „Ich schwöre dir, du wirst gerächt werden“, flüsterte er ins Halbdunkel. „Ich schwöre es bei der Seele der Jungfrau Maria und beim Blut unseres Herrn.“

Unseres Herrn?

Wann und wo hatte er das letzte Mal gebetet? In Crécy? Alexandria? Kairo? Er sah zum Deckengewölbe hinauf und dann zu den goldgerahmten Porträts der Heiligen Familie an der gegenüberliegenden Wand. Adam Armstrong war ein frommer Mann, und das spiegelte sich in seiner Kapelle wider. Eine kleine Abbildung der Jungfrau Maria stach Alexander ins Auge, da ihr Haar die gleiche Farbe hatte wie das von Made­leine Randwick. Kopfschüttelnd verfluchte er sich dafür, dass er sie entführt hatte; er verfluchte den zarten Schimmer ihrer Haut und ihr feuerrotes Haar.

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