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Die verborgene Geschichte

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Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Friedensvertrag
  8. Erstes Kapitel
  9. Zweites Kapitel
  10. Drittes Kapitel
  11. Viertes Kapitel
  12. Fünftes Kapitel
  13. Sechstes Kapitel
  14. Siebtes Kapitel
  15. Achtes Kapitel
  16. Neuntes Kapitel
  17. Zehntes Kapitel
  18. Elftes Kapitel
  19. Zwölftes Kapitel
  20. Dreizehntes Kapitel
  21. Vierzehntes Kapitel
  22. Fünfzehntes Kapitel
  23. Sechzehntes Kapitel
  24. Siebzehntes Kapitel
  25. Achtzehntes Kapitel
  26. Neunzehntes Kapitel
  27. Zwanzigstes Kapitel
  28. Einundzwanzigstes Kapitel
  29. Zweiundzwanzigstes Kapitel
  30. Dreiundzwanzigstes Kapitel
  31. Vierundzwanzigstes Kapitel
  32. Fünfundzwanzigstes Kapitel
  33. Sechsundzwanzigstes Kapitel
  34. Siebenundzwanzigstes Kapitel
  35. Achtundzwanzigstes Kapitel
  36. EPILOG
  37. DANKSAGUNGEN

Über dieses Buch

Als Agentin der unsichtbaren Bibliothek ist es Irene Winters Aufgabe, die Balance zwischen Ordnung und Chaos innerhalb der unzählbaren Parallelwelten zu bewahren. Als ausgerechnet die Welt ihrer Schulzeit droht, ins Chaos zu stürzen, muss sie sich auf einen gefährlichen Handel einlassen: Sie soll ein Gemälde aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien stehlen, um dafür ein seltenes Buch aus dem Besitz eines Sammlers, des Feenmannes Mr. Nemo, zu bekommen. Doch dieser spielt ein falsches Spiel …

Über die Autorin

Genevieve Cogman hat sich schon in früher Jugend für Tolkien und Sherlock Holmes begeistert. Sie absolvierte ihren Master of Science (Statistik) und arbeitete bereits in diversen Berufen, die primär mit Datenverarbeitung zu tun hatten. Mit ihrem Debüt »Die unsichtbare Bibliothek« sorgte sie in der englischen Buchbranche für großes Aufsehen. Die Reihe um Agentin Irene Winters hat auch in Deutschland viele Fans. Genevieve lebt im Norden Englands.

GENEVIEVE COGMAN

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Aus dem Englischen
von Arno Hoven

Für meine Taufpaten – Judy, James und Angela.
Danke für alles.

Eilmeldung der BIBLIOTHEK an alle Agenten –
Höchste Priorität

Endlich ist ein Waffenstillstand zwischen den Drachen und den Elfen vereinbart worden.

Dies ist weder ein Scherz noch ein Test Ihrer Intelligenz. Es handelt sich auch nicht um eine Übung, die prüfen soll, ob Sie wissen, was im Falle einer Krise zu tun ist.*

Dieser offizielle Friedensvertrag ist von Seiner Majestät Ao Guang (Drachenkönig des Östlichen Ozeans und Vertreter aller acht Drachenkönige und -königinnen) unterschrieben worden. Die Unterzeichnerin für die andere Seite ist die Prinzessin, eine hochrangige Repräsentantin der Elfen. Dieser Vertrag schreibt jeder der beiden Seiten vor, dass sie in den ausgewiesenen Territorien der anderen keinerlei Einmischungen vornimmt. Er verlangt außerdem, dass dort, wo möglicherweise heikle Situationen entstehen, beiderseits auf jegliche aggressive Akte verzichtet wird.

(Mit anderen Worten – die Finger stillhalten und keine Kämpfe beginnen!)

Dies sind wunderbare Neuigkeiten. Ich möchte jeden daran erinnern, dass wir nicht einfach hier sind, um Bücher für unsere private Leseliste zu besorgen. Die Bibliothek ist damit beauftragt, das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos – zwischen Drachen und Elfen – aufrechtzuerhalten, und ist verpflichtet, die von ihnen beanspruchten Parallelwelten sowie die darin lebenden Menschen zu beschützen. Frieden ist ein positiver Schritt – selbst ein sehr kleiner und sorgfältig umgrenzter Friede wie dieser hier. Er sollte die Zahl der unbeabsichtigten menschlichen Opfer im Verlauf längerer Konflikte einschränken. Er wird Leben retten.

Ich muss an dieser Stelle den folgenden Punkt vollkommen klarstellen: Als Mitunterzeichnerin ist die Bibliothek – und das gilt für alle Bibliothekarinnen und Bibliothekare – dazu verpflichtet, als neutrale Partei zu agieren. Als solche sind wir daran gebunden, bei der Lösung von Unstimmigkeiten zu helfen und – was am allerwichtigsten ist – keine Bücher von irgendjemandem zu stehlen, der diese Vereinbarungen unterschrieben hat.** Wir dürfen es nicht riskieren, den Vertrag zu brechen, bei dessen Ausgestaltung wir selbst mitgewirkt haben.

Alle Drachen sind eigentlich Untertanen der acht Drachenherrscher und haben demzufolge den Vertrag im Prinzip mitunterzeichnet – was bedeutet, dass es jetzt für uns ausgeschlossen ist, irgendeinen Drachen zu bestehlen. Glücklicherweise sind wir niemals dabei erwischt worden, so etwas zu tun, und würden es gewiss auch niemals in Erwägung ziehen. Wenn Sie ein Buch von einem Ort wegschaffen, der in dem Vertrag nicht aufgeführt worden ist, sich jedoch als persönliches Lehen eines Drachen erweist, dann kann – unter der Annahme, dass Sie dies überleben – über die Situation verhandelt und durch den Repräsentanten der Bibliothek für den Vertrag eine Entschädigung vereinbart werden.

Da die Elfen nicht die gleichen strengen Hierarchien aufweisen, kann es viel schwieriger sein, festzustellen, ob ein einzelner Elf unterschrieben hat oder nicht. In der Praxis bedeutet das: Prüfen Sie als Erstes die Einzelheiten, und »erwerben« Sie Bücher anschließend. Seien Sie sich auch bewusst, dass Verhandlungen eine Option sein können. Aber bitte seien Sie vorsichtig!

Der vollständige Text dieses Vertrages und eine Liste aller gegenwärtigen Unterzeichner sowie der Welten, die sie als ihren persönlichen Besitz betrachten, sind dieser Meldung beigefügt. Ihnen wird dringend angeraten, alles zu lesen und es sich einzuprägen. Seien Sie sich darüber im Klaren, dass Unwissenheit über die neue Situation keine Entschuldigung sein wird, es sei denn, Sie hätten sehr, sehr, sehr viel Glück.***

Mit sämtlichen Unregelmäßigkeiten befasst sich eine Dreierkommission. Für diesen Ausschuss ist der Vertreter der Elfen noch nicht ernannt worden. Die Abgeordnete der Bibliothek ist Irene, die vor Ort ansässige Bibliothekarin in der Welt B-395 (ihr dortiges Pseudonym: Irene Winters). Der Repräsentant der Drachen ist Prinz Kai, Sohn Seiner Majestät Ao Guang.

Liebe Bibliothekarinnen und Bibliothekare, bitte verstehen Sie, dass dies vielleicht die bedeutendste Chance ist, die wir jemals hatten, um die von uns besuchten Parallelwelten zu stabilisieren. Wir wollen doch nicht das Mittel, mit dem wir das Gleichgewicht zwischen Ordnung und Chaos aufrechterhalten – das Sammeln von Büchern –, mit unserem höchsten Ziel verwechseln. Eines Buches habhaft zu werden, um den Frieden einer Welt zu festigen, bedeutet möglicherweise, dass man den übergreifenden Friedensvertrag für vielfache Welten bricht. Mehr als je zuvor müssen wir jetzt unsere Neutralität wahren.

Die Zeiten ändern sich. Und wir wollen ihnen helfen, dass sie sich zum Besseren hin ändern.

Coppelia, Leitende Bibliothekarin

*Wir merken dazu an, dass die Bibliothek während der letzten zweihundert Jahre keine Feueralarmübungen durchgeführt hat. Dies liegt daran, dass wir die zwei Standardreaktionen – »kreischend wegrennen« und »sich mit dem Tod abfinden, während man seine Lieblingsbücher umklammert« – für nicht hilfreich hielten. Bibliothekare mit zweckdienlicheren Vorschlägen sollten Yves per E-Mail kontaktieren und eine vollständige Nutzen-Bedrohungsanalyse anhängen.

**Ich bin mir der folgenden Tatsache bewusst: Wenn der Eigentümer eines Buches nicht weiß, dass es verschwunden ist, dann steht eine Vereinbarung nicht zur Diskussion. Unter gewissen Umständen bin ich vielleicht mitfühlend, aber die gegenwärtige politische Situation ist sehr instabil. Wir wollen doch unser Glück nicht überstrapazieren.

***Wir haben uns selbst darauf aufmerksam gemacht, dass diese Art von Wiederholung armseligen Stil darstellt. Doch wir haben das Gefühl, dass sie notwendig ist, um unseren Standpunkt klarzumachen.

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Erstes Kapitel

»Lächeln und weiter umhergehen«, sagte Irene mit zusammengebissenen Zähnen und zog ihre Röcke von dem Blut zurück, das ihr vor die Füße gespritzt war. Sie betrachtete den knallbunt gekleideten Haufen von Leuten vor ihr. »Es mag ja unschön gewesen sein, doch es war nur ein Duell bis zum ersten Treffer. Es ist ja nicht so, als ob jemand getötet wurde.«

Diener in fleckenlosem Weiß und Schwarz waren wie Kakerlaken herausgekrabbelt gekommen, um den Boden sauber zu wischen und frische Cocktails für die Schaulustigen anzubieten. Die Größen von Londons Modewelt vermischten sich mit der Crème de la Crème der Berühmt-Berüchtigten dieser Stadt – unter Mitwirkung einer breit gefächerten Auswahl an Alkohol und Drogen. Die Kronleuchter, die funkelten, so gut sie es vermochten, taten nur sehr wenig, um die Ecken des Raums zu erhellen. Hier hielten sich die Ernsthafteren oder Verdorbeneren unter den anwesenden Elfen auf: Sie rauchten Opium, schlürften Absinth oder diskutierten über die zuletzt erschienenen Romane.

Es war, kurzum, eine der besten Partys aller Zeiten von Lord Silver.

»Es ist nicht das Duell, über das ich mich beschwere – es ist die Kalligrafie-Challenge, durch die der Streit ausgelöst wurde«, murmelte Kai. Bislang war er an diesem Abend nicht von Irenes Seite gewichen, und dafür war sie dankbar. Das hier war keine Party für die beiden, um sich zu vergnügen: Es war ein Fest, wo die zwei gesehen werden mussten. Es war ein politischer Event in einer Löwenhöhle. Aber selbst hier hatte Kai seinen Sinn für Ästhetik nicht verloren. »Die Auswahl an verfügbaren Tuschefarben war vollkommen ungeeignet, und die Frau hätte eine Stahlfeder verlangen sollen; außerdem hätte, offen gesagt, die ganze Sache unterbrochen werden müssen, bis beide Seiten imstande gewesen wären, besseres Papier zu bekommen. Kein Wunder, dass sie handgreiflich wurden, anstatt wie geplant in einen Wettstreit zu treten. Es war einfach für keinen der beiden möglich, ein Werk zu schaffen, das für die jeweiligen Fertigkeiten repräsentativ gewesen wäre.«

»Ja«, sagte Silver, der hinter ihnen herangerauscht kam. »Ich muss gestehen, dass ich peinlich berührt bin. Auf einer meiner Partys sollte alles, was ein Gast verlangt, auf der Stelle verfügbar sein. In Zukunft werde ich mir unbedingt bessere Vorräte zulegen müssen.«

»Nun ja, es ist der letzte Schrei«, erklärte Irene, die versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen. Es war ihr niemals angenehm gewesen, wenn jemand auf geheimnisvolle Weise hinter ihr auftauchte. Und in ihrem sehr kostspieligen, jedoch engen Seidenkleid um ihr Leben zu rennen würde eine Herausforderung darstellen. »Mir ist zu Ohren gekommen, dass es seine Liebhaber so schlimm getroffen hat wie damals die Leute beim holländischen Tulpenwahn. Erinnern Sie sich, als jeder die neueste Zierblume unbedingt haben musste? Und stimmt es, dass man bei Harrods sogar Tusche geraubt haben soll?«

»Ihr Freund, der Detektiv, dürfte das besser wissen als ich«, erwiderte Silver. Er stand kaum ein halbes Dutzend Zoll hinter Irene, und sie war sich seiner Gegenwart schmerzhaft bewusst – seiner Größe, seiner Wärme, der Kurvatur seiner Lippen …

Elfen waren gefährlich. Selbst jetzt, wo sie doch eigentlich Verbündete waren.

Irenes Kleid raschelte, als sie ihren Blick auf Silver richtete. »Lord Silver, als Sie uns einluden, rechneten wir mit einem kleineren Ereignis. Etwas …« – sie zog das Wort »Intimeres« in Erwägung und verwarf es hastig – »… Diskreteres.«

»Sie finden daran kein Vergnügen?«, fragte Silver belustigt. Das Licht von den Ätherlampen verwandelte sein helles Haar in einen Heiligenschein, doch niemand hätte ihn in etwas anderes eingeordnet als in die Kategorie der am stärksten gefallenen Engel. Seine Schultern und der Körperbau – sowie die allzu eng anliegende Hose – reichten aus, um jeden an Sünde denken zu lassen. Und seine Lippen, die er stets auf eine ganz charakteristische Weise wölbte, sowie das Funkeln seiner Augen legten nahe, dass er sich weitaus mehr dafür interessierte, Sterbliche zu verführen, als sie vor etwas zu beschützen. Als Libertin und Lebemann passte er perfekt in das viktorianische England dieser Parallelwelt: Wie viele mächtige Elfen stellte er eine Personifikation gewisser Arten von Geschichten dar. Aber diejenigen, die sich um seinen Charaktertyp drehten, waren auf gar keinen Fall für Kinder bestimmt. »Dennoch trinken Sie meinen Champagner …«

»Es ist ein sehr guter Champagner«, befand Irene, die versuchte, etwas zu finden, über das sie ihm ein aufrichtiges Kompliment machen konnte. Außerdem war nichts Alkoholfreies angeboten worden. »Aber wie ich gerade gesagt habe – etwas Diskreteres. Es sind mindestens hundert Leute hier.«

Die Musik von dem Streichquartett in der Ecke wurde schneller, und auf dem Parkett bildete sich eine freie Fläche. Zwei Gäste, ein Mann in grellem Weiß und eine Frau in Schwarz, begannen Tango zu tanzen. Wenigstens zwei mögliche Duelle und ein Rendezvous wurden plötzlich unterbrochen, als Gäste sich umdrehten, um zuzuschauen und zu applaudieren.

»Meine liebe kleine Maus«, sagte Silver, der den Kosenamen benutzte, über den sich, wie er wusste, Irene am meisten ärgerte. »Du bist dir im Klaren darüber gewesen, dass ich heute Abend dich und deinen Drachenprinzen den Leuten meiner Art stolz vorzeigen würde. Es mag ja nicht ausdrücklich gesagt worden sein, doch es ist gewiss eine Form von Einvernehmen hergestellt worden. Und dein Prinzchen hat nichts gegen irgendwas von dem hier einzuwenden.«

»So etwas lasse ich sie für mich tun«, erklärte Kai gleichmütig.

In dem dramatischen Zusammenspiel von Licht und Schatten, das von den bebenden Kronleuchtern geworfen wurde, hatte Kai die perfekte Schönheit einer klassischen Statue. Sein Haar war schwarz mit einem winzigen Hauch von Blau. Seine Augen waren dunkelblau und besaßen eine Andeutung von tieferliegendem Feuer. Und seine Haut war so bleich wie Marmor, jedoch behaglich warm, wenn man sie berührte. Seit seiner kürzlich erfolgten Nominierung als Drachenrepräsentant beim neu geschaffenen Waffenstillstand zwischen Drachen und Elfen hatte er sich auf die Politik gestürzt. Oder er hatte sich zumindest auf die Frage gestürzt, welches die passendste Kleidung für politische Anlässe war. Irene musste zugeben, dass diese Anstrengung nicht verschwendet war.

»Ebenso umgänglich wie gut aussehend. Der perfekte Partner.« Dass damit auch die Andeutung ›Ebenso im Schlafzimmer wie außerhalb davon‹ gemeint war, wurde durch Silvers Lächeln eindeutig klargemacht; und Irene spürte, wie sich Kais Arm unter ihrer Hand anspannte. »Dennoch … Wenn Sie in einer bestimmten Angelegenheit meine Hilfe wünschen, so werden Sie für wenigstens weitere zwei Stunden auf dieser Party bleiben müssen.«

Irene wusste genau, was er meinte. Sie war als Vertreterin der Bibliothek zur Wahrung genau dieses Waffenstillstands ernannt worden. Sie würde die allgemeine Ansprechpartnerin für Anfragen sowohl der Elfen als auch der Drachen und ebenso für jeden neuen Unterzeichner sein. Außerdem würde sie – dies war zwar nicht erwähnt worden, lag jedoch deutlich sichtbar in ihrer Zukunft – die Person sein, die für die Klärung jeglicher Probleme die Verantwortung trug. Allerdings musste der Repräsentant der Elfen immer noch ausgewählt werden. Und da Silver im Auswahlgremium einer Fraktion saß (oder welche Vorgänge die Elfen auch immer hatten, um einen Vertreter auszusuchen), suchte sie seine Unterstützung.

Sie nahm einen kleinen Schluck von ihrem Champagner. »Ich weiß, wir versuchen beide hier, uns gegenseitig zu helfen … Unsere Anwesenheit steigert Ihr Prestige unter Ihren Leuten. Im Gegenzug könnten Sie die Auswahl des Elfenvertreters beeinflussen – und jemanden aussuchen, der uns nicht das Leben zur Hölle machen wird.« Sie lächelte höflich. »Allerdings wird niemand davon profitieren, wenn Kai oder ich auf Ihrem ureigenen Terrain in einem Duell getötet werden.«

»Das wird nicht geschehen«, entgegnete Silver kategorisch.

Irene hob eine Augenbraue.

»Jeder, der Sie herausfordert, wird niemals wieder zu einer meiner Partys eingeladen«, stellte er klar. »Wenn Sie mich nun entschuldigen wollen – ich muss einen Tango unterbrechen.«

Irene schaute ihm nach, während er fortging. »Es ist wirklich ein sehr guter Champagner«, sagte sie mit einem Seufzer.

»Was hat Vale gesagt, als du ihn gefragt hast, ob er hier erscheinen würde?«, erkundigte sich Kai.

Irene musste unwillkürlich lächeln. »Dass er seine gegenwärtigen Recherchen zum Tusche-Schmuggel weitaus lohnender findet als eine weitere sinnlose Party, die von Lord Silver geschmissen wird. Er hat das Gefühl, seinen Beitrag für den Friedensvertrag zwischen Drachen und Elfen schon in Paris geleistet zu haben. Und falls er die Party dennoch besuchen würde, dann nur, um die oberen Räume nach Beweisen für Verbrechen zu durchsuchen, während alle anderen sich unten aufhalten. Außerdem: Wenn er aufgekreuzt wäre, hätte Mu Dan sich ebenfalls hier blicken lassen – ein ungeladener Drache auf einer Elfen-Party …«

»Ich weiß nicht, warum sie so viel Zeit in dieser Welt verbringt«, murmelte Kai gereizt. »Als Ermittlungsrichterin hat sie gewiss andernorts wichtige Aufgaben zu erledigen. Irgendwo andernorts.«

»Sie ist hier, weil sie Vale anwerben will; er soll an einigen ihrer Fälle arbeiten.« Mu Dan hatte kurz vor der Unterzeichnung des Friedensvertrags in Paris Vale und Irene geholfen, einen Mörder zu fangen. Seitdem hatte sie Vale immer wieder verschleierte Beschäftigungsangebote unterbreitet. »Du kannst ihr nicht vorwerfen, dass sie den Besten will. Doch keine Sorge. Er wird nicht einwilligen.« Sie waren beide recht fürsorglich, wenn es um ihren Freund ging.

Kai nickte. »Wir sollten versuchen, uns zu entspannen«, regte er an. »Du bist gereizt, weil du dachtest, dies könnte ein vornehmes gesellschaftliches Ereignis unter Unparteiischen sein. Ich bin weniger bekümmert, weil ich wusste, dass wir unter Feinden sein würden.«

So viel zum Waffenstillstand, dachte Irene. »Ich gebe die Hoffnung nicht auf«, sagte sie. »Wir müssen irgendwo beginnen … Denk dir dazu noch alle anderen typischen Plattitüden.«

Kai kniff unvermittelt die Augen zusammen. »Ich kenne dieses Gesicht dort. Was tut sie hier?«

»Ebenfalls Politik betreiben, wie ich mir vorstellen kann«, antwortete Irene. Die Frau, die sich ihnen näherte, war eine Elfe. Und sie war eine Sekretärin, ein Günstling und das Werkzeug eines Mannes, der zu den Mächtigsten unter den Elfen gehörte. »Sterrington, wie interessant, Sie hier zu sehen.«

Sterrington lächelte und hob ihr Glas zur Begrüßung. »Wie nett, Sie beide zu sehen. Haben Sie in der letzten Zeit irgendwelche guten Bücher gestohlen?« Ihr dunkles Haar war glatt nach hinten gekämmt und in ihrem Genick zu einem tief sitzenden Knoten zusammengefasst; und ihr graues Kleid aus Moiré-Seide war angemessen für die späte viktorianische Periode dieser Parallelwelt. Handschuhe verbargen die Tatsache, dass ihre rechte Hand größtenteils kybernetisch war.

»In der letzten Zeit haben wir ein ruhiges Leben geführt«, antwortete Irene. »Sehr angenehm. Es ist mir tatsächlich gelungen, versäumte Lektüre nachzuholen.«

Es war eine Erleichterung gewesen, ein paar Wochen zu haben, in denen sie sich nicht in Gefahr befand und imstande war, ganz alltägliche Dinge zu tun, wie beispielsweise umzuziehen und ihre Beziehung zu Kai neu zu verhandeln – und sogar einige ihrer Fremdsprachen wieder aufzufrischen. Für die Bibliothek fiktionale Werke aus Parallelwelten zu beschaffen war ihre Berufung ebenso wie ihr Beruf, doch es war auch eine Beschäftigung, die sich selten friedlich oder einfach gestaltete.

»Aha!« Sterringtons hintergründiges Lächeln legte Zweifel nahe, so als ob Irene in Wirklichkeit den Sturz von Monarchen oder Diebstähle in Reichsfestungen arrangiert hätte. »Wie … überraschend.«

»Und ich bin überrascht, Sie hier zu sehen«, sagte Kai. »Ich hatte gedacht, dass Ihr Herr und Meister mit Lord Silver nicht auf gutem Fuß steht.«

»Wenn der Kardinal darauf warten würde, mit Leuten auf gutem Fuß zu stehen, ehe er Sendboten schickt, würde er niemals jemanden schicken«, entgegnete Sterrington. »Weshalb haben Sie mich nicht in Liechtenstein besucht? Ich habe eine Einladung geschickt …«

Liechtenstein war das Hauptzentrum von Elfenaktivitäten in dieser Parallelwelt. Doch als solches war dieses Land einer der Orte, die Irene am wenigsten besuchen wollte. »Ich muss mich dafür entschuldigen, aber ich hätte mich … unwohl gefühlt. Sie wissen ja, dass wir Bibliothekare eine Umwelt mit zu hohem Chaos nicht vertragen können.«

»Letztes Jahr kamen Sie in Venedig ganz gut zurecht«, erwiderte Sterrington.

»Ja«, antwortete Kai. Wie Eisblumen an einem Fenster erblühten schwach zu erkennende Schatten von Schuppenmustern auf seinen Wangenknochen und den Rücken seiner Hände; und ein kurzes Auflodern von Drachenrot glitzerte in seinen Augen. »Wohin die Guantes mich entführten. Ich glaube, Sie haben damals für sie gearbeitet?«

»Schnee von gestern«, sagte Sterrington leichthin. »Ich dachte, dass wir unter dem neuen Friedensvertrag sehr viel verständnisvoller sein würden – bei Kleinigkeiten wie dieser.«

Irene reichte Kai ihr noch halb volles Glas. »Könntest du mir bitte noch etwas Champagner bringen?«, bat sie ihn rasch.

Kai neigte seinen Kopf auf eine Weise, die der Begrüßungsgeste eines Duellanten nicht unähnlich war, und stolzierte davon, um das Gewünschte zu besorgen.

»Anscheinend habe ich einen starken Eindruck hinterlassen«, merkte Sterrington an. »Ich kann mich nicht erinnern, dass er so leicht beleidigt war, als wir uns das letzte Mal begegneten.«

Irene suchte nach einer Möglichkeit, das Thema zu wechseln. Doch Sterrington kam ihr zuvor. »Möchten Sie gerne etwas Kokain? Es ist von lokaler Herkunft.«

»Ich wusste gar nicht, dass Sie Kokain nehmen.«

»Das tue ich auch nicht, ausgenommen zu seltenen Anlässen. Doch Lord Silver glaubt, dass ich es nehme. Und ich möchte ihn nicht enttäuschen.« Sie zuckte bei einem klirrenden Geräusch zusammen, das den Tango fast übertönte. »Was ist denn das?«

»Russische Säbeltänzer, die sich aufwärmen.« Irene hatte verlangt, einen Blick auf den Zettel mit dem Unterhaltungsprogramm zu werfen, bevor sie sich bereit erklärte, an dieser Party teilzunehmen. »Mit folgsamen Afghanischen Windhunden.«

»Nicht mit weißen Hengsten?«

»Die wurden beim Zoll aufgehalten.«

»Es freut mich zu hören, dass Sie mit nichts Besorgniserregenderem beschäftigt sind als mit dieser Art von Angelegenheiten.« Sterringtons elegante Geste umfasste die gesamte Szenerie.

Eine kleine Alarmglocke klingelte in Irenes Hinterstübchen. »Geht denn irgendwo etwas Besorgniserregenderes vor sich – mal abgesehen von unserem gemeinsamen Vertrag?«, fragte sie verhalten.

»Nur das Übliche«, antwortete Sterrington mit einem Schulterzucken. »Tote, Gewalt, Blutvergießen, Attentate, Morde, Diebstähle. Sie und ich sollten ein Zusammentreffen vereinbaren, um dies alles zu besprechen. Ihre persönliche Assistentin soll meine anrufen … Sie haben doch eine, oder? Falls nicht, kann ich für so etwas eine hervorragende Firma empfehlen.« Ihr Tonfall veränderte sich nicht, doch ihre Augen überflogen suchend die Menge, als sie fortfuhr: »Übrigens, Silver hat doch hoffentlich die Liste der Gäste genau überprüft, nicht?«

»Das hat er getan«, bestätigte Irene. So verstohlen, wie sie nur konnte, folgte sie Sterringtons Blick. »Aber Sie zum Beispiel sind einfach durchgewinkt worden; also ist derjenige, der die Namen am Eingang kontrolliert, eindeutig nicht so zuverlässig, wie er sein könnte. Gibt es ein Problem?«

»Möglich. Sehen Sie diesen Elfen dort – den Mann mit der grünen Krawatte?«

Die fragliche Krawatte zeichnete sich durch einen besonders giftig wirkenden smaragdgrünen Farbton aus: eine Schattierung der Art, wie man sie mit Mambas und Giftfröschen assoziiert. Ansonsten sah der Mann ziemlich durchschnittlich aus – für jemanden auf Silvers Partys –, und er stand weniger als fünf Meter von Kai entfernt. »Sie kennen ihn?«

»Ich weiß von ihm. Natürlich habe ich ihn nicht persönlich kennengelernt …«

Irene hätte beinahe ihre Augen verdreht. »Kommen Sie zur Sache.«

»Sein Name ist Rudolf«, antwortete Sterrington. »Er verlor seine Mutter bei irgendeinem Vorfall, der mit der Übernahme ihrer Welt durch Drachen verbunden war. Der Kardinal hörte, dass er plant, sich öffentlich zu rächen, und zwar an dem neuen Abgeordneten der Drachen; und deshalb bin ich hier vorbeigekommen. Ich nehme an, verzweifelte Leute tun verzweifelte Dinge.«

Irenes Blick huschte schnell durch den Raum. Keine Spur von Silver. Und das allgemeine Gedränge der Gäste war so dicht, dass sie mindestens fünf Minuten brauchen würde, um entlang des Rands der Tanzfläche, die augenblicklich von Walzer tanzenden Paaren eingenommen wurde, zu Kai zu gelangen. »Sie müssen mir Ihr Wort geben, dass Sie in dieser Angelegenheit ehrlich sind«, sagte Irene.

»Die Elfen haben genauso viel zu verlieren wie Sie«, erwiderte Sterrington. »Warum sonst hätte ich mir die Mühe gemacht, Ihnen davon zu erzählen? Ich denke sogar, dass Sie mir für diese Warnung womöglich einen Gefallen schulden. Können Sie ihn aufhalten?«

»Nicht von der anderen Seite des Raums aus.« Die den Bibliothekaren eigene Sprache konnte sehr viele Dinge bewerkstelligen. Sie konnte Champagner zum Kochen bringen, Elektrizität umleiten, Kanäle zufrieren und ganz allgemein die Wirklichkeit beeinflussen. Aber dafür musste sie hörbar sein.

»Was werden Sie tun?«

Also nicht: ›Was sollen wir tun?‹, registrierte Irene mit einem innerlichen Seufzer. »Ich werde ihn aufhalten«, antwortete sie und sprach den am nächsten stehenden Mann an. »Entschuldigen Sie – würden Sie gerne tanzen?«

Seine Augen weiteten sich voller Überraschung. »Ma’am«, begann er, »dies ist ein höchst unerwartetes Vergnügen, und ich kann nur –«

»Tanzen Sie!«, befahl Irene, ergriff ihn energisch und wirbelte ihn auf die Tanzfläche – in Kais Richtung.

»Ich habe niemals zu hoffen gewagt, die Ehre Ihrer Bekanntschaft machen zu dürfen, Ma’am«, säuselte ihr Tanzpartner.

Rudolf war Kai mittlerweile noch näher gekommen – und sie sah, wie sich in der Menge eine Öffnung auftat. »Sie müssen mir später mehr darüber erzählen.«

»Warum nicht jetzt?«

»Weil ich …« – sie löste sich geschmeidig und wirbelte zum nächsten Paar herum – »… die Partner wechsle«, erklärte sie, zerrte die Frau aus den Armen ihres Tanzpartners und änderte ihren Kurs, um näher zu Kai zu kommen.

»Danke«, hauchte ihre Tanzpartnerin und drückte sich an Irenes Schulter. »Ich habe immer schon davon geträumt, in dieser Weise gerettet zu werden. Haben Sie gesehen, wohin er seine Hände gelegt hatte?«

Irene schaute auf den blonden Kopf hinab, der versuchte, sich an ihre Brust zu kuscheln. Dies war das Problem, wenn man in einer Welt mit hohem Chaos tätig war: Alles versuchte immer wieder, sich in erzählerische Standardmuster aufzulösen. Irene hatte nicht beabsichtigt, wie ein edler Ritter jemanden zu retten.

»Keine Sorge«, sagte sie beschwichtigend. »Alles wird in einem Moment in Ordnung sein.« In ungefähr dreißig Sekunden, wenn sie Kai erreichte. Mit einer letzten wirbelnden Bewegung gelangte sie an den Rand der Tanzfläche und ließ die Blondine los, wobei sie ihr noch einen leichten Klaps auf die Schulter gab.

Doch ihre Augen waren auf Kai geheftet. Er hatte die Hände voll – in jeder war ein Champagnerglas. Und Rudolf stand hinter ihm: Eine Hand griff schon ins Jackett, um eine Pistole herauszuziehen.

Ein Schritt. Zwei. Drei. Und sie packte Rudolf an der Schulter. Als er verblüfft die Augen aufriss, verpasste sie ihm mit der ganzen Kraft, die Zorn und Furcht ihr verliehen, einen kräftigen Faustschlag in den Unterleib.

Die Schusswaffe fiel ihm aus der Hand und klappernd auf den Boden, während er auf die Knie stürzte. Er mühte sich darum, wieder hochzukommen; und so hob Irene ihre Röcke und trat ihm obendrein in den Magen. Dabei wünschte sie sich ausnahmsweise einmal, dass sie Schuhe tragen würde, die vorne spitzer zuliefen. Der Kerl brach nach Luft schnappend auf dem Boden zusammen.

Fair zu kämpfen war etwas für Freundschaftsspiele und offizielle Wettbewerbe.

Irene blickte auf und sah einen wachsenden Ring gaffender Schaulustiger. Insbesondere angesichts des Friedensvertrags benötigte sie dringend irgendeinen Vorwand für das, was sie gerade getan hatte – und Sterrington war verschwunden. Zumindest hielt Kai immer noch den Champagner in den Händen. Sie konnte was zu trinken vertragen.

Ihr kam eine Eingebung, als eine Gruppe von Kellnern in einer Art Keilformation durch die Menge auf sie zusteuerte. »Er steht nicht auf der Gästeliste«, behauptete sie und zeigte auf den stöhnenden Rudolf. »Lord Silver wird den Wunsch haben, sich … persönlich um ihn zu kümmern.«

»Tatsächlich?«, sagte Silver, der aus dem Gedränge heraustrat und seine Krawatte wieder festzog.

Plötzlich gab es ein lautes Getöse von Trommeln, und die Kosaken-Säbeltänzer betraten das Parkett. Dies gab Irene die Möglichkeit, näher heranzutreten und zu murmeln: »Sterrington hat mir gesagt, der Mann sei hier, um einen Mordanschlag auf Kai zu verüben. Das wäre dann so ziemlich das beherrschende Ereignis Ihrer Party gewesen.«

Silvers Augen verengten sich, und er ergriff ihre Hand, um seine Lippen darauf zu pressen. »Wie ich seit jeher sage: Du bist meine ganz besondere kleine Lieblingsmaus …«

»Entschuldigung«, sagte Kai und löste Silvers Griff – mit einer Drehung, die recht schmerzhaft aussah. Dann drückte er Irene eine Champagnerflöte in die nun freie Hand. »Verpasse ich gerade etwas?«

Irene widerstand dem Verlangen, ihre Hand an der Stelle zu berühren, wo Silvers Lippen ihre Haut gestreift hatten. Leider hatte der Elf nichts von seiner Verführungskraft verloren. »Bloß ein Attentatsversuch«, antwortete sie. »Wie du sagtest: Wir sind unter Feinden. Lächeln wir. Und gehen weiter umher.«

Als sie in der Kutsche auf dem Rückweg zu ihrer Unterkunft waren, gestattete sich Irene endlich, zu entspannen. Aber selbst durch die dicke Wolle und Seide ihres Umhangs konnte sie fühlen, dass Kai neben ihr so straff gespannt wie Klaviersaitendraht war.

»Du brütest über etwas nach«, sagte sie.

Kai war noch eine Weile still, bevor er schließlich zu sprechen begann. »Ich kann dich gegen rationale Bedrohungen verteidigen«, erklärte er. »Ich kann dich sogar vor den Elfen schützen, und sowohl der Himmel als auch die Erde wissen, dass die irrational sind. Aber wie soll ich dich vor Fanatikern bewahren?«

»Du bist es gewesen, den er zu töten versucht hat«, hob Irene hervor.

»Ja, und du hast dich ihm schnell in den Weg gestellt, um ihn aufzuhalten. Und wie können wir wissen, dass der nächste Killer nicht hinter dir her sein wird? Dass es sich um irgend so einen mordlüsternen Spinner handelt, der geschworen hat, sich an allen Bibliothekaren zu rächen, weil einer von euch einst sein Lieblingsbuch gestohlen hat?«

»Nun ja, das stimmt«, musste Irene eingestehen. »Einige Leute können sich auf ziemlich unverhältnismäßige Racheakte verlegen.«

»Sie sollen mit Absicht unverhältnismäßig sein, um ein Zeichen zu setzen«, erklärte Kai. »Genau das ist der Punkt.«

»Und so zieht es sich durch die ganze Geschichte.« Sie seufzte. »Zweifellos wäre es genau das Gleiche, wenn wir zum Anbeginn der Zeit zurückgehen könnten – zur Geburt der ersten Elfen oder der ersten Drachen …«

Kai schien froh, von seinen grüblerischen Gedanken abgelenkt zu werden. »Das ist die Art von historischen Aufzeichnungen, die man in der Bibliothek finden dürfte«, meinte er. »Weniger unter den Historien meines Vaters. Selbstverständlich müsste er eigentlich eigene Eltern gehabt haben, aber diese Art von Kenntnissen ist in der fernen Vergangenheit verloren gegangen. Wir neigen dazu, uns auf die Zukunft zu konzentrieren.«

Irene spitzte stets ihre Ohren, wenn Kai über die Vergangenheit seines Volks sprach, selbst wenn dies in einer solch vorsichtigen Weise geschah. Er tat dies fast nie. »Glaubst du, dass eure Drachenherrscher die chinesische Mythologie inspiriert haben?«, fragte sie. »Oder die Mythologie im Allgemeinen? Ich kam nicht umhin, zu bemerken, dass die Namen der Könige oftmals dieselben sind wie in den Märchen.«

»Na ja, das ist offensichtlich«, antwortete Kai. »Schließlich gibt es doch keine anderen Drachenherrscher.«

»Aber lass uns in die Zukunft blicken, nicht in die Vergangenheit … Du hast recht. Wir haben wirklich ein Problem. Was unternehmen wir wegen der möglichen Attentäter? Vor allem, da wir zur Verfügung stehen und bekanntermaßen hier ansässig sein sollen, um für jeden da zu sein, der mit uns reden will.«

Zum Schutz gegen die feuchte Kälte zog Irene ihren Umhang enger um sich. Der Frühling mochte ja unterwegs sein, doch er nahm sich Zeit; und die Nebel in London waren nass und beißend kalt, sodass man bis ins Mark fror. Ihre Stimmung änderte sich, passte sich dem Wetter an. »Kai, würde es kindisch klingen, wenn ich sagte, ich wünschte mir, dass wir fortgingen, um Bücher zu erwerben, anstatt uns als Politiker zu versuchen?«

Sie spürte, wie er sich entspannte, und er drückte ihre Hand durch die Schichten ihres Umhangs. »Das richtige Wort, Irene, ist ›stehlen‹.«

»Oh, Bedeutungslehre. ›Ich erwerbe‹, ›du borgst‹, ›sie stiehlt‹, ›sie dringen ein und rauben‹ …«

Die Kutsche hielt vor ihrer neuen Unterkunft; eine zusätzliche Vergünstigung ihrer Stellungen als Repräsentanten des Vertrags. Kai trat hinaus und half Irene nach unten, bevor er den Fahrer bezahlte.

Irene schaute zu den Fenstern hoch. Im Wohnzimmer war an den Säumen der Vorhänge entlang Licht sichtbar. »Vale ist vielleicht hier«, vermutete sie. »Womöglich hat er diese Recherche schließlich doch beendet.«

Kai lebte sogleich auf und sprang die Stufen zur Tür hoch. Irene folgte ihm in einem langsameren Tempo.

Das Haus war mit Ausnahme einer einzelnen Lampe, die am Ende des Flurs brannte, ruhig und dunkel. Doch unterhalb der Wohnzimmertür drang Licht in die Diele. Es war zwei Uhr morgens, und die Haushälterin dürfte schon vor langer Zeit zu Bett gegangen sein.

Gedanken an die vorhergehenden Geschehnisse der Nacht huschten Irene durch den Kopf, und sie legte eine Hand warnend auf Kais Handgelenk. Das Haus war derzeit mit einem Schutzzauber gegen das Eindringen von Elfen gesichert – was sich als misslich erweisen würde, wenn sie tatsächlich einen Elfen-Kollegen bekamen. Und ein Käfig, der um den Briefkasten herum angebracht worden war, sollte verhindern, dass jemand Bomben, Kugeln mit Giftgas oder riesige Giftspinnen hineinstecken konnte … Wenn man einmal von einer rund um die Uhr im Einsatz befindlichen bewaffneten Wache absah, war es schwierig, das Gebäude noch mehr zu sichern. Vale allerdings hatte einen Schlüssel. Logischerweise würde er es sein – und niemand sonst.

Dennoch, irgendwas verunsicherte Irene. Etwas war … nicht im Lot.

Wer auch immer sich im Hauptraum aufhielt, dürfte sie beim Betreten des Hauses gehört haben. Es war daher sinnlos, zu versuchen, sich zu verstecken.

Sie öffnete die Wohnzimmertür und blieb wie erstarrt im Eingang stehen. Ein Mann hatte das Sofa in Besitz genommen, und mehrere Nachschlagewerke lagen geöffnet in einem chaotischen Haufen aus Notizen und Kritzeleien um ihn herum. Die Frau, die mit angezogenen Beinen in dem großen Ohrensessel hockte, den Irene selbst gerne in Beschlag nahm, war damit beschäftigt, das Kreuzworträtsel der Times zu lösen.

»Irene?«, fragte Kai in schneidendem Tonfall.

»Kai«, antwortete Irene, deren Stimme auf einmal ziemlich erstickt klang, »bitte gestatte mir, dir meine Eltern vorzustellen.«

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Zweites Kapitel

Kai reagierte viel schneller als Irene. Zweifellos, weil sie meine Eltern sind, dachte sie säuerlich. Wenn es sein Vater und seine Mutter wären, die dort sitzen, dann würde er sicherlich immer noch mit offenem Mund herumstehen. Er verbeugte sich höflich, doch seine Augen leuchteten vor Neugierde. »Wir sind geehrt, Sie in diesem Haushalt zu empfangen«, sagte er. »Ich weiß, dass Irene gehofft hat, Sie zu sehen.«

»Genau genommen schon seit einer ganzen Weile, um der Wahrheit die Ehre zu geben«, fügte Irene hinzu. Sie bewahrte eine ruhige Stimme, fühlte jedoch, dass Wut sich in ihrem Inneren zu einer Nadelspitze fokussierte. »Ihr habt nicht geschrieben.«

Sie spürte, dass Kai bei ihrem Tonfall erstarrte. Sie war wirklich froh, die beiden hier zu sehen – in Sicherheit und wohlauf. Vor einem Monat jedoch waren sie Geiseln und in Lebensgefahr gewesen, und anschließend hatte es nicht einmal die leiseste Form von Kommunikation gegeben. Sie hatte über das System der Bibliothek E-Mails verschickt – sogar Briefe auf Papier, sobald sie es konnte.

Bedeutete es denn überhaupt nichts, dass sie ihre Tochter war und sich um sie sorgte?

Außer … Das könnte das Problem sein. Eine gewaltige unbeantwortete Frage lag zwischen ihnen. Sie hatte herausgefunden, dass sie adoptiert worden war, und sie wusste nicht, wie sehr dies alles veränderte. Sicherlich gab es einiges, worüber sie nun nachdenken musste.

Ihre Mutter streckte die Beine und erhob sich in einem Wirrwarr aus Röcken und Zeitungen aus dem großen Sessel. »Sie müssen Prinz Kai sein«, sagte sie. »Ich habe so viel von Ihnen gehört! Natürlich nicht von Irene; sie schreibt niemals –«

»Ich habe im letzten Monat dreimal geschrieben«, schnitt Irene ihr das Wort ab.

»Nicht über Kai hier«, erwiderte ihre Mutter. Sie lächelte.

Ihr Haar war blond gewesen, als Irene sie zuletzt gesehen hatte, doch jetzt war es zu einem mehr natürlichen Grau zurückgekehrt und zu einem passenden matronenhaften Dutt zurückgesteckt worden. Das Kleid war dunkelgrün – eine von Irenes Lieblingsfarben –, und ihre Brille hatte ein Gestell, in dessen Rundungen kleine Kristalle eingesetzt waren.

Es gab allerdings winzige Falten in ihren Augenwinkeln, in den Vertiefungen ihres Halses: die Zeichen zunehmenden Alters und wachsender Müdigkeit. Irene schaute auf ihren Vater, der die Bücher, die er benutzt hatte, sorgsam beiseitelegte. Er sah unverändert aus – unveränderbar –, mit dem wie bei einem Dachs graugestreiften Haar, den breiten Schultern und seinen freundlichen Augen. Doch als Irene ihn prüfend ansah, als wäre er eine Zielperson, und eben nicht wie ein Kind, das seine Eltern anschaute, konnte sie auch an ihm die gleichen Spuren erkennen. Besorgnis stieß mit Wut zusammen und verknotete sich schmerzhaft in ihrer Brust.

»Kai«, sagte sie, »das ist meine Mutter, deren ausgewählter Name Raziel ist. Und mein Vater, dessen ausgewählter Name Liu Xiang lautet.« Nicht dass einer der beiden Namen irgendetwas mit ihrer Herkunft oder ihrem Geburtsland zu tun hatte. Bibliothekare waren auf extreme Weise bereit, sich Vorstellungen und Ausdrücken anderer Kulturen zu bedienen, wenn es um Namen ging, die sie mochten oder die ihrer Ansicht nach eine thematische Resonanz hatten. »Liebe Eltern, bitte erlaubt mir, euch Prinz Kai vorzustellen, Sohn von Ao Guang, Drachenkönig des Östlichen Ozeans.«

Sie fragte sich, was sie als Nächstes tun sollte, als Kai höflich anbot, ein paar Erfrischungen zusammenzustellen. Die Tür schloss sich hinter ihm, sodass sie zu dritt unter sich waren.

Etwas zerbrach in Irene. Sie warf ihre Arme um ihre Mutter und wurde sich erschrocken bewusst, wie zerbrechlich die sich anfühlte. »Wenn ihr jemals …«, murmelte sie, »jemals wieder in der Weise von der Bildfläche verschwindet … dann lasst mich, um Himmels willen, wenigstens wissen, dass es euch gut geht.«

Ihre Mutter roch nach Zedernholz. Das war schon immer einer ihrer Lieblingsdüfte gewesen. Irene konnte ihre Augen schließen und sich vorstellen, dass keine Zeit seit früher verstrichen war – außer, dass sie jetzt die Größere von ihnen beiden war.

»Ich bin ebenfalls hier«, sagte ihr Vater mit einem Lächeln.

Irene umarmte ihn fest. »Geht es euch beiden gut? Man erzählte mir, dass ihr während der Friedenskonferenz Geiseln an einem der Drachenhöfe wart – dass ihr festgehalten wurdet, um das Wohlverhalten der Vermittler zu gewährleisten …«

»Es war der Hof der Königin der Westlichen Ebenen«, antwortete ihr Vater. »Schrecklich nette Leute. Doch wir waren auf einem Landsitz in deren Gegenstück zu Texas untergebracht – mit absolut keinem einzigen Buch. Und mit sehr vielen Entschuldigungen dafür, dass es keine Bücher gab. Zweifellos hatte man sie entfernt für den Fall, dass wir versuchen sollten, sie zur Flucht zu benutzen. Statt zu lesen, mussten wir die meiste Zeit damit zubringen, Filme anzuschauen.«

»Oder gesundheitsfördernde Spaziergänge zu machen«, grummelte Irenes Mutter. »Ich hasse gesundheitsfördernde Spaziergänge.«

Irene versuchte, sich Wochen ohne Bücher vorzustellen, dann holte sie tief Luft. »Wir haben nur ein oder zwei Minuten, bis Kai zurückkommt; und ich habe eine Frage an euch, die er nicht hören soll.«

Ihre Mutter ließ sich wieder in ihrem Sessel nieder und schüttelte erneut die Zeitung aus. »Kennt einer von euch ein anderes Wort für ›Trumpfkarte‹? Fünf Buchstaben – der letzte ist ein ›R‹.«

Irene war schon im Begriff, »Joker« zu sagen, als diese Frage einen ganz anderen Gedanken anstieß. Die Zeitung war für ihre Mutter nicht länger eine Zerstreuung, sondern ein Schild. Ihre Mutter versuchte, sie – Irene – von etwas abzulenken.

»Wir haben keine Zeit für Fragen«, mahnte ihr Vater. »Wir haben nicht einmal Zeit für Kreuzworträtsel. Leider sind wir nicht hergekommen, um Familiäres nachzuholen. Du wirst in der Bibliothek gebraucht, und zwar jetzt sofort, Irene. Coppelia hat uns geschickt, um dir die Nachricht zu übermitteln.«

Ihre antrainierten Reflexe brachten Irene dazu, augenblicklich auszuarbeiten, wie sie die Bibliothek auf schnellstem Wege erreichen konnte. Doch etwas ließ sie zögern. Sie hatte so viele Fragen, und jetzt war sie im Begriff, die Gelegenheit zu verpassen, sie zu stellen. Erneut!

Außer wenn sie die Eltern jetzt fragte.

»Warum hat Coppelia ausgerechnet euch geschickt, um mir das zu sagen?«, wollte sie wissen. »Eine Junior-Bibliothekarin hätte den Auftrag ausführen können. Oder sie hätte mir diese Aufforderung auf beliebige andere Weise übermitteln können.« Die Bibliothek hatte verschiedene Möglichkeiten, ihren Agenten Nachrichten zu überbringen; zugegebenermaßen destruktive Möglichkeiten, doch Coppelia hatte sie bei Notfällen schon benutzt.

Ihre Mutter zuckte mit den Achseln. »Wir haben uns freiwillig gemeldet, dir ihre Nachricht zu überbringen. Wir wollten uns vergewissern, dass du wohlauf und in Sicherheit bist. Und jetzt wissen wir es.«

Irene verspürte einen tiefen, schmerzhaften Stich des Zorns angesichts der Blasiertheit dieser Abfuhr; und sie war drauf und dran, als Reaktion darauf im blaffenden Tonfall etwas Angemessenes, Vernichtendes und Distanziertes zu erwidern … Doch nein, sie versuchten beide, Irene von persönlichen Fragen abzulenken – davon, ihnen näherzukommen. Abermals.

Sie biss sich auf die Lippe und war entschlossen, ruhig zu bleiben. »Ich muss einfach diese eine Frage stellen«, sagte sie. »Bevor ich gehe. Solange ihr noch hier seid. Ich weiß, dass ich adoptiert bin. Ihr würdet das nicht getan haben, wenn ihr mich nicht gewollt hättet. Ich akzeptiere das. Ich verstehe das. Ich würde nur gerne wissen … wie? Wie das geschehen ist.«

»Merkwürdig«, entgegnete ihre bestürzte Mutter nach einer langen Pause. »Da bringt man dreißig Jahre damit zu, die Antwort auf eine Frage zu proben, und dann, wenn sie gestellt wird …«

»… sind alle Wörter weg«, beendete ihr Vater den Satz.

»Ein paar einfache und aufrichtige würden genügen«, erwiderte Irene säuerlich. »War ich eine zufällige Wahl aus einem staatlichen Waisenhaus? Fandet ihr mich in einem Korb, der den Fluss hinuntertrieb?«

»Zu versuchen, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, wird nicht funktionieren, Ray«, blaffte ihre Mutter. Wie immer schmerzte es, einen im Zorn benutzten Kosenamen aus der Kindheit zu hören. »Willst du, dass ich sage, ich hätte gehofft, dieser Tag würde nicht kommen? Schön. Das ist wahr. Ich habe gehofft, du würdest es niemals herausfinden. Ist das so seltsam?«

Irene ging ein paar Schritte auf und ab, lauschte dem Knistern des Feuers. »Das hier wäre einfacher, wenn ihr mich nicht all eure Tricks gelehrt hättet«, sagte sie und versuchte die Worte zu finden, die es ihnen begreiflich machte. »Ihr seid diejenigen, die mich gelehrt haben, wie man einer Frage ausweicht, wie man ein Thema wechselt. Wie man eine Frage mit einer anderen Frage beantwortet. Ihr habt mich dies alles gelehrt, und jetzt versucht ihr, mich damit auszumanövrieren. Ich sehe ein, dass es für uns alle wirklich einfacher gewesen wäre, wenn ich niemals einen Verdacht gehegt hätte. Aber bitte, Mutter, Vater …« Sie schmeckte die Bitterkeit, und in ihren Augen war ein stechender Schmerz wegen des kindischen Verlangens, zu weinen. »Bitte versteht doch, dass ich jetzt, da ich es weiß, die Wahrheit wissen muss.«

»Wirklich?«, entgegnete ihr Vater. Es war eine ernst gemeinte Frage. »Würde es tatsächlich irgendeinen Unterschied machen, sollte ich dir das erzählen … dass wir dich aus einem Palast gestohlen haben und du in Wahrheit eine Prinzessin bist?«

Irene schob in ihrem Kopf ein Bild von sich selbst in einem archetypischen Kleid und Krönchen beiseite. »Nein«, antwortete sie schließlich. »Nein, es wird keinen Unterschied machen, was du mir erzählst. Ich möchte nur, dass du es mir erzählen willst. Es tut mir leid, wahrscheinlich ergibt das keinen Sinn.«

»Hör auf, dich zu entschuldigen«, sagte ihre Mutter. »Du bist jetzt eine Erwachsene, Ray. Irene. Du solltest dich nicht die ganze Zeit entschuldigen.«

»Du hast vergessen, zu sagen, dass wir stolz auf sie sind«, merkte ihr Vater leise an.

»Oh.« Irenes Mutter schaute beschämt drein. »Schatz, wir sind äußerst stolz auf alles, was du gemacht hast, und wir möchten, dass du das begreifst, bevor wir weggehen. Du verstehst das doch, oder?«

»Ähm, danke«, antwortete Irene. Das war etwas, das sie schon immer von ihnen hatte hören wollen; aber jetzt, wo ihre Mutter es endlich sagte, fiel ihr keine bessere Erwiderung darauf ein. »Ich bin glücklich. Doch ihr beantwortet noch immer nicht meine Frage.«

Ihr Vater wollte zu sprechen beginnen, blieb dann allerdings stumm, als Kai die Tür öffnete. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte er, »aber kann ich Irene für einen Moment ausleihen?«

»Natürlich«, antwortete ihr Vater, der ihr mit einem Wink zur Tür bedeutete, dass sie den Raum verlassen könne. »Wir werden nirgendwohin gehen – obwohl Irene dies wahrscheinlich sollte …«

Irene unterdrückte das Verlangen, Kai zu bitten, sie drei nur noch für einen Augenblick allein zu lassen. Stattdessen gesellte sie sich im Korridor zu ihm und schloss die Tür hinter sich.

Da war ein wütendes Funkeln in seinen dunkelblauen Augen, ein Aufblitzen von Drachenrot. »Jemand anders ist in dieses Haus eingedrungen«, berichtete er. »Unsere Räume sind durchsucht worden.«

»Oh, verdammt«, fluchte Irene. Sie begriff, was passiert sein musste, und errötete. »Nur, um dies klarzustellen – war es eine ernst zu nehmende Durchsuchung, oder hat der oder die Betreffende bloß gewisse Dinge hier im Haus beiläufig umgedreht?«

»Letzteres«, antwortete Kai. Er runzelte die Stirn. »Aber meine Siebensachen wurden unbehelligt gelassen.«

»Das dürften meine Eltern gewesen sein«, räumte Irene ein, die sowohl beschämt als auch verärgert war.

»Sie haben dein Zimmer durchsucht? Warum?«

»Wahrscheinlich nicht in aller Ausführlichkeit«, meinte Irene, die versuchte, ihn zu beruhigen. »Sie möchten vermutlich bloß in Erfahrung bringen, was ich vorhabe.«

Kai schaute sie an. Er öffnete seinen Mund, schloss ihn wieder, versuchte es dann erneut. »Irene, wir haben nie allzu viel über deine Eltern gesprochen. Gibt es etwas, das du mir erzählen möchtest?«

Irene wünschte, es gäbe eine Ecke, in die sie sich zurückziehen könnte. »Ich habe eine komplizierte Beziehung zu meinen Eltern. Es ist eine gute Beziehung, aber …« Aber jetzt musste sie zur Bibliothek zurückeilen – und ihre Eltern waren endlich im Begriff gewesen, ihre Fragen zur Adoption zu beantworten. Warum musste alles gleichzeitig passieren?

»Du siehst sie fast gar nicht!«

»Ja, und aus diesem Grund ist es eine gute Beziehung.« Irgendwo zwischen dem Wunsch ihrer Eltern, über alles Bescheid zu wissen, was sie tat, und ihrem Wunsch, es ihnen nicht zu erzählen, hatten die beiden begonnen, Irenes Zimmer zu überprüfen, als sie nicht da war. Natürlich nicht ihre Räume in der Bibliothek. Jene Zimmer waren abgeschlossen. Sie gehörten ausschließlich ihr.

Ist es wirklich so überraschend, dass eine Tochter von Spionen Probleme entwickelt hat, was Vertrauen anbelangt, dachte sie ironisch.

»Sie tun das, weil sie sich um mich sorgen«, erklärte sie schließlich. »Und sie durchsuchen die Räume nicht wirklich gründlich … Schau, dies klingt von Minute zu Minute schlimmer. Womöglich gibt es da wirklich ein paar Probleme in unserer Beziehung. Wie bei allen Familien. Ich frage ja auch nicht, was in deiner Familie so vor sich geht, oder?«

Sie sah, wie er zurückschreckte, als sie konterte, und war für einen Augenblick auf eine gemeine Weise zufriedengestellt. »Ich bin zur Bibliothek gerufen worden«, berichtete sie und versuchte, das ungute Gefühl wieder zu glätten. »Doch … ich muss meine Eltern etwas Dringendes fragen, bevor ich gehe. Vielleicht können wir all das später besprechen?«

Die Tür öffnete sich, bevor Kai antworten – oder widersprechen – konnte, und der Oberkörper ihres Vaters bog sich um den Rahmen. »Ist etwas nicht in Ordnung?«

»Wir reden bloß über den Brandy«, sagte Irene, bevor Kai etwas einwerfen konnte.

»Wir werden keine Zeit für Brandy haben«, erwiderte ihr Vater. »Die Idee weiß ich zu schätzen, doch du musst wirklich gehen; also werden wir dich gleich deiner Aufgabe überlassen.« Er verschwand wieder ins Innere des Wohnzimmers.

Irene durfte ihre Eltern nicht so einfach davonkommen lassen. »Ich muss mit ihnen reden«, machte sie Kai erneut klar. »Und ich entschuldige mich dafür, dass sie in dieser Weise hier eingedrungen sind. Denn sie werden nicht um Entschuldigung bitten.«

»Ich glaube, wir werden über ein paar Dinge ein ernstes Gespräch führen müssen«, sagte er leise. »Sobald deine Eltern fortgegangen sind.«

Irene betrat wieder das Wohnzimmer und schloss mit einem dumpfen Geräusch die Tür hinter sich. »Ich habe dieses Gebäude mit einem Schutzzauber gesichert«, erklärte sie. »Ich dachte, es wäre vor Feinden sicher. Ich habe nicht damit gerechnet, meine Privatsphäre vor anderen Bibliothekaren schützen zu müssen.«

»Wenn du mit einem Drachenprinzen schläfst, dann ist dies etwas, das uns beunruhigt«, erwiderte ihr Vater sanft. Wie immer war seine äußerliche Gelassenheit makellos. Eine Fassade, so glatt und fest, dass eine olympische Eislaufmannschaft sie als Schlittschuhbahn benutzen könnte. »Ich glaube, alle Eltern würden sich über solch einen Umstand sorgen.«

Irene spürte, wie ihre Wangen erneut zu erröten begannen, aber diesmal geschah es aus Verärgerung ebenso sehr wie aus Beschämung. »Und wenn Kai seinem Vater gegenüber erwähnt, dass Bibliothekare seine Siebensachen durchgegangen sind? Was dann?«

»Wir haben sein Zeug unbehelligt gelassen«, widersprach ihre Mutter. Sie zog sich ihren Mantel an und schloss die verschnörkelten, kleinen vergoldeten Knöpfe. »Irene, du bist ungefähr so mitteilsam wie Granit unterhalb eines Gletschers. Du bist im letzten Jahr den Elfen, den Drachenkönigen und Alberich höchstpersönlich entgegengetreten. Du warst in Sorge um uns? Versuch bitte mal, zu verstehen, dass wir in Sorge um dich waren.«

»Aber ich würde eure Sachen nicht durchwühlen!«, gab Irene zurück.

»Das würdest du sehr wohl tun, wenn du die Chance hättest«, behauptete ihre Mutter.

Irene hätte dies gerne bestritten, doch … wenn es die einzige Möglichkeit war, um sich zu vergewissern, dass die zwei in Sicherheit waren, würde sie nicht zögern. Und falls es auf eine Wahl zwischen der Sicherheit ihrer Eltern und ihrer eigenen Moral hinausliefe, würde ihre Moral verlieren. Sie mochten ja eine gestörte Familie sein, doch sie waren immer noch eine Familie. Selbst wenn sie mehr über ihre eigene Herkunft wissen musste. »Bevor ihr mich verlasst – bitte beantwortet diesmal die Frage. Wie habt ihr mich adoptiert?«

Es war ihr Vater, der antwortete; doch die Worte kamen ihm langsam und widerwillig über die Lippen. »Andere Bibliothekare wussten, dass wir ein Kind wollten. Wir konnten keines haben. Es gab dafür keine medizinischen Gründe …«

Alberich hatte Irene bereits erzählt, dass es für zwei Bibliothekare unmöglich war, ein Kind zu haben, doch sie gestattete es ihnen nicht, erneut vom Thema wegzukommen. Daher nickte sie nur knapp, damit er einfach fortfuhr.

»Eine andere Bibliothekarin war schwanger. Es war nicht ihre Schuld oder ihre Wahl – wir wissen nicht alle Einzelheiten, haben nicht gefragt. Sie stand kurz davor, ein Kind zu gebären, das sie nicht wollte. Sie bot uns das Kind an. So einfach war das.«

»Wer war die Bibliothekarin?«, wollte Irene wissen. Sie trat nach vorn, und ihre Hände umklammerten die Rückenlehne eines Sessels. »Wer?«

»Niemand, den du kennst«, antwortete ihre Mutter mit rauer Stimme. »Und ich habe gehört, dass sie inzwischen gestorben ist.«

Irene verspürte einen schwachen Schock, als die Tatsachen dargelegt wurden. Verärgerung – und eben nicht Trauer – kam in ihr hoch angesichts der Art und Weise, wie dieses letzte Bindeglied zu ihrer »wahren Herkunft« weggerissen worden war, falls sie es denn so nennen konnte … Denn wenn sie ihre biologische Mutter niemals kennengelernt hatte, wie konnte sie dann echte Trauer um ihren Tod empfinden? Und dennoch, sollte sie nicht irgendwas für sie empfinden?

Irene wusste nicht einmal, ob ihre Eltern die Wahrheit sagten.

»Und das ist alles?«, sagte sie schließlich.

»Was willst du hören?«, fragte ihre Mutter nach. »Etwas Romantischeres? Jeder versuchte, das Beste zu tun, was er konnte. Machst du uns deswegen Vorwürfe? Waren wir als Eltern so schlecht?«

»Nein«, antwortete Irene. Sie zögerte nicht. »Nein, ihr seid keine schlechten Eltern gewesen. Das seid ihr nie gewesen.« Dies mochte eine Lüge sein, weder sie selbst noch die beiden waren jemals perfekt gewesen, aber es war das, was sie sagen wollte. Was sie glauben wollte. Sie waren schließlich doch nur Menschen.

Langsam senkte ihre Mutter den Kopf. »Dann vergibst du uns?«

Abermals kamen die Worte heraus, ohne nachzudenken. »Es gibt nichts, was ich vergeben müsste. Ihr seid meine Eltern. Und das ist alles.«

»Du musst jetzt aufbrechen; Coppelia wird auf dich warten.« Ihr Vater ergriff seinen Hut. Er hielt inne, um Irene an sich zu drücken, doch es fühlte sich oberflächlicher an als ihre erste Umarmung – als ob das Gespräch eine unsichtbare Grenze zwischen ihnen gezogen hätte. War es ihre Vorgeschichte als Spione, die sie emotional so unzugänglich machte? Und war Irene in Gefahr, die Fehler der Eltern zu wiederholen? »Dringende Angelegenheiten der Bibliothek werden nicht verschwinden, nur weil man private Probleme hat, Irene. Du solltest das mittlerweile wissen. Wir sollten später miteinander sprechen …«

Davonrennen und wie ein Feigling in den Krieg ziehen! Diese Worte – ein Überbleibsel aus einem schon lange vergessenen Film – kamen Irene in den Sinn, doch sie schluckte sie hinunter. »Unbedingt«, stimmte sie zu. »Das sollten wir.«

Ihre Mutter schaute die beiden an. »Irene, melde dich, wenn du die Zeit gefunden hast, alles zu überdenken. Du weißt, wie du uns erreichen kannst.«

»Wenn ihr die Muße dafür habt«, sagte Irene, die nicht zu verhindern vermochte, dass sich Sarkasmus in ihre Stimme schlich. Sie versuchte, sich zu erinnern, dass ihre Eltern sich freiwillig gemeldet hatten, um sie zu sehen und zu prüfen, ob sie in Sicherheit war; aber das erwies sich als schwierig.

»Wenn du Muße willst, dann hättest du keine Bibliothekarin werden sollen«, erwiderte ihre Mutter.

»In Ordnung«, murmelte Irene, die das Gefühl hatte, dass ihre Teenagerjahre in Form einer nicht aufhaltbaren Flutwelle zu ihr zurück brandeten. Sie hatte ihre Schultern wie zur Abwehr hochgezogen, als sie und ihre Mutter sich kurz umarmten, bevor sie die Tür aufzog. »Passt … einfach auf euch auf.«

»Und du ebenfalls, Ray – mein Schatz«, antwortete ihre Mutter barsch, trottete hinaus in den Flur und marschierte unerbittlich auf die Eingangstür zu.

»Äh … hab ich hier irgendetwas verpasst?«, erkundigte sich Kai.

»Alles«, entgegnete Irene mit einem Seufzer und unterdrückte das Verlangen, im blaffenden Tonfall zu sprechen. »Kai, ich bin im Moment wirklich keine gute Gesellschaft, und ich muss jetzt gehen. Ich werde zurück sein, so schnell ich kann.«

Für einen Augenblick sah er aus, als ob er ihr widersprechen wollte, aber dann umarmte er sie stattdessen nur. »Ich werde hier sein, wenn du zurückkehrst«, versicherte er.

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Drittes Kapitel

Wie üblich wurde die Bibliothek vom Geflüster der Nachteulen-Bibliothekare heimgesucht, die ihrer Arbeit nachgingen.

Die gewaltige Masse von hervorstehenden Büchern stieg über Irene immer mehr an, bis sie sich zusammen mit der Decke in der Finsternis verlor. Einige wenige Bibliothekare sortierten Bücher; sie befanden sich hoch oben auf den stählernen Stufen, die die Regale wie eine komplexe Filigranarbeit kreuz und quer überzogen. Irene konnte das leise Klicken ihrer Schuhe auf dem Metall sowie gelegentlich das dumpfe Geräusch hören, wenn Bücher herausgezogen wurden. Dieses Geräusch war auf seltsame Weise beruhigend.

Sie eilte unterhalb der Reihen von Regalen durch den Gang und war sich der Tatsache bewusst, dass die Zeit immer weiter verstrich. Normalerweise hätte sie erwartet, dass Coppelia einen Eiltransfer anfordern würde: Dies hätte Irene ermöglicht, sich nahezu augenblicklich quer durch die Bibliothek zu Coppelias Büro fortzubewegen; sollte diese Angelegenheit doch so dringlich sein, wie ihre Eltern angedeutet hatten. Aber allem Anschein nach war die Sache nicht dringend genug, um einen solchen Aufwand an Energie zu rechtfertigen, und es war Irene selbst überlassen, sich zu Coppelia zu begeben. Und das um diese Zeit: Es war jetzt drei Uhr … nein, vier Uhr in der Früh. Obendrein war Coppelias Büro offensichtlich verlegt worden – an einen Ort, der tiefer im Inneren der Bibliothek lag, was einen noch längeren Weg nach sich zog.

Das einzig Gute war, dass dies Irene die Zeit gab, um sich nach dem Treffen mit ihren Eltern zu beruhigen. Außerdem gab es ihr die Möglichkeit, über das versuchte Attentat auf Kai nachzudenken. Kai und sie benötigten für die Kommission zur Einhaltung des Vertrags dringend einen Amtskollegen aus den Reihen der Elfen; jemanden, der die Elfen im Zaum zu halten vermochte – falls das überhaupt möglich war.

Sie bog nach links und eilte durch einen Tunnel. Hier waren die Wände mit Büchern in russischer Sprache ausgekleidet, die sich zwei Bände tief stapelten. In vergoldeten Lettern ausgeführte Titel blitzten im Licht der oben hängenden Lampen auf, die aufgrund des Durchzugs im Korridor schwankten. Irene registrierten diese Bände so, wie sie jedes Buch in ihrer Nähe bemerken würde – Die Gefangenen von Asteroid, Ein Planet für Tyrannen, Alisa Selezneva und ihr Objektiv –, doch ihre Gedanken waren größtenteils mit etwas anderem beschäftigt.

Je länger Elfen-Komitees ihre Zeit damit zubrachten, den politisch geeignetsten Kandidaten zu suchen, desto mehr setzten sie den Vertrag aufs Spiel – und setzten Kai und sie selbst den Gefahren durch bösartige Elfen aus. Mittlerweile war ein ganzer Monat vergangen.

Als Repräsentantin der Bibliothek war es ja vielleicht ihre Pflicht, die unschlüssigen Komitees den Anführern der Elfen zu melden. Wenn der Kardinal und die Prinzessin sowie andere Personen wirklich wollten, dass dieser Vertrag Bestand hatte, dann mussten sie ihren Teil dazu beitragen.

Und sie hatte Lord Silvers Party gerettet, was bedeutete, dass auch er ihr einen Gefallen schuldete …

Dreimal bog Irene nach rechts, stieg eine Reihe von Stufen hinauf, die so hoch und schmal waren, dass es sich praktisch um eine Leiter handelte, und schritt geduckt durch zwei sich rasch drehende Türen. Schließlich erreichte sie Coppelias Büro.

Streng genommen gab es weder Tag noch Nacht in der Bibliothek. Zwar schaute man in einigen Räumen durch Fenster auf eine äußere Welt hinaus, aber es gab keine logische Beziehung zur Tageszeit jenseits der Glasscheiben. Manchmal konnte ein Bibliothekar von einem Zimmer zum nächsten gehen und feststellen, dass die Aussicht abrupt von einem sturmumtosten Berghang zu einer sonnenbeschienenen Landschaft gewechselt hatte. Oder er sah vielleicht die Ansicht einer Stadt unter einem wolkenverhangenen Nachthimmel, über der ein Unheil verkündender Mond leuchtete.

Infolge der Notwendigkeit, dass man direkt miteinander kommunizieren musste, war es allerdings so, dass viele Bewohner der Bibliothek zu den ungefähr gleichen Zeiten ins Bett gingen und aufstanden. Und auch wenn man sicherlich die ganze Nacht aufbleiben konnte, um zu recherchieren – wie die Bibliothekare, an denen Irene soeben vorbeigekommen war –, zu studieren oder einfach zu lesen, so befreite dies nicht von der Arbeit des nächsten Tages.

Nur Leitende Bibliothekare konnten selbst festlegen, zu welchen Stunden sie arbeiteten und nächtigten. Oder dass sie länger schliefen. Und so war Coppelia, Irenes Mentorin, immer noch wach, obgleich es hier in der Bibliothek mitten in der Nacht war.

Coppelia hatte sich in eines ihrer Lieblingsgewänder aus dickem blauem Samt gehüllt. Sie sah aus wie eine besonders luxuriöse Nonne, die jegliche Buße zu einem viel späteren Zeitpunkt zu tun beabsichtigte. Dazu trug sie zwei Schals, die sie sich um ihren Hals gebunden hatte. Ihr Schreibtisch war untypischerweise fast leer.

Hier in Coppelias Arbeitszimmer konnte Irene sich endlich entspannen. Die Nacht außerhalb des Fensters (denn in diesem Zimmer blickte man auf eine Stadt, die in Dunkelheit lag) war friedlich und still. Eine Schreibtischlampe, die zwischen den beiden Frauen brannte, illuminierte die polierte Oberfläche von Coppelias hölzerner Hand und ließ Lichtschimmer von den vergoldeten Ikonen an den Wänden aufleuchten.

»Meine Eltern meinten, es wäre dringend«, sagte Irene, die schließlich das Schweigen brach. »Ich vermute allerdings, dass es Dringlichkeitsabstufungen gibt, da du keinen Eiltransfer genehmigt hast.«

Coppelia hustete und nahm einen kleinen Schluck aus ihrem dampfenden Becher. Irene vermochte nicht zu erkennen, um was für ein Getränk es sich handelte; sie bemerkte lediglich, dass es nach Kräutern und unangenehm roch.

»Ja«, antwortete Coppelia. »Wir haben eine Woche, vielleicht zwei, bevor die Welt, die bedroht ist, sich in eine wirklich sehr gefährliche Phase hineinbewegt. Aber wir können nicht sicher sein, wie viel Zeit wir wirklich zur Verfügung haben, oder wie lange du brauchen wirst, um das Buch zu bekommen, das für die Stabilisierung dieser Welt benötigt wird.«

»Ist es eine schlichte Rückgewinnungsmission?« »Rückgewinnung« war ein viel freundlicheres Wort als »Diebstahl«. Ein paar von Irenes Aufträgen waren sogar legal. Zugegebenermaßen allerdings nicht viele.

Coppelia nahm sich Zeit, bevor sie eine Antwort gab; es dauerte so lange, dass alle Alarmglocken in Irenes Kopf schrillten.

»Diese Sache unterscheidet sich ein wenig von der Art deiner üblichen Aufträge. In gewisser Hinsicht macht sie sich das gegenwärtige politische Klima zunutze.«

»Um den heißen Brei herumzureden wird nicht dazu führen, dass ich mich mehr dafür begeistere.«

»Ein solches Verhalten ist menschlich. Wie zum Beispiel, gegenüber Älteren höflich zu sein«, erwiderte Coppelia spitz.

Irene dachte über die Worte ihrer Tutorin nach. Vorsichtig erklärte sie: »Ich entschuldige mich, falls ich im Moment ein wenig reizbar bin. Ich bin gerade von einem Gespräch mit meinen Eltern gekommen – und, nun ja … Du weißt, dass wir ein paar Probleme haben.«

»In Ordnung, die Entschuldigung ist angenommen«, sagte Coppelia. »Also, wo waren wir stehengeblieben? Ja, der neue Auftrag. Du suchst nach einer Ausgabe des altägyptischen Textes Die Geschichte des Schiffbrüchigen. Es ist ein Werk aus dem Mittleren Reich, was bedeutet, dass es irgendwann zwischen 2000 und 1700 vor Christus verfasst wurde. Sehr grob geschätzt. Kennst du es?«

»Der Titel kommt mir vage bekannt vor … Ich glaube, er ist wahrscheinlich irgendwann einmal von meinem Vater erwähnt worden; immerhin gehört das Werk zu seinem besonderen Fachgebiet.« Ihr Vater war einer der Spezialisten der Bibliothek auf dem Gebiet der Hieroglyphen und ägyptischen Texte, doch Irene selbst hatte sich niemals wirklich für diese Sprache oder Literatur interessiert. »Bist du sicher, dass ich die beste Person für diesen Job bin?«

»Im Hinblick auf deine akademischen Fachgebiete – nein«, antwortete Coppelia. »Doch in praktischer Hinsicht – ja. Es gibt einige wenige kleinere Probleme …«

Natürlich gibt es die. »Bitte sprich weiter.«

»Die Textfassung, die wir suchen, ist aus Gamma-017«, sagte Coppelia.

Irene richtete sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf. »Genau dort bin ich zur Schule gegangen!«

»Ja, in diesem Schweizer Internat mit der Spezialisierung auf Sprache. Du hast mir oft genug davon erzählt. Aus Gründen, deren Bestätigung uns noch nicht gelungen ist, hat es dort im Verlauf der vergangenen Woche einen extremen Umschwung in Richtung Chaos gegeben. Wir benötigen dringend eine Ausgabe genau jenes Buches, um diese Welt wieder zu stabilisieren.«

»Meine Vergangenheit scheint derzeit immer wieder zu mir zurückzukehren, um sich zu rächen«, merkte Irene trocken an und dachte dabei an den Besuch ihrer Eltern. »Ist etwa das der praktische Grund, weshalb ich diesen Auftrag bekomme? Weil ich diese Welt aus eigener Erfahrung kenne? Ich nehme an, es gibt dort noch keinen vor Ort ansässigen Bibliothekar

Immerhin hatte es keinen gegeben, als sie dort im Internat gewesen war; vor Ort ansässige Bibliothekare gab es eben niemals genug. In Wirklichkeit gab es – und dieser Gedanke war alles andere als tröstlich – überhaupt niemals genug Bibliothekare, und damit Punktum.

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