Logo weiterlesen.de
Die verbotene Braut des Königs

image

1. KAPITEL

Es gab Einladungen, die eine kluge Frau nicht ablehnen sollte.

Die Einladung, um die es an diesem Abend ging, war von Hand geschrieben, und sie kam von einem der bekanntesten Männer der Welt. Ein Bediensteter hatte ihr die erlesene Karte persönlich überreicht.

Treffen Sie mich in Monte Carlo.

Brittany Hollis hatte sich immer für klug gehalten, ganz gleich, was die Welt von ihr dachte. Und trotz ihres zarten Alters von dreiundzwanzig Jahren gab es bereits vieles, was man ihr nachsagen konnte. Auf mindestens zwei Kontinenten wurde sie wegen ihrer strategisch eingegangenen Ehen beschimpft, außerdem wegen ihres Auftritts in einer Realityshow, in der sie eine abscheuliche Verbrecherin gespielt hatte. Und obendrein weigerte sie sich, all die skandalösen Gerüchte zu bestätigen oder zu leugnen, die sie über sich hörte.

Ja, Brittany war klug, vielleicht klüger, als gut für sie war. Es war ihr gelungen, sich als eine der schamlosesten Frauen der Welt auszugeben, obwohl sie noch Jungfrau war. Es war kein Problem für sie, schneidende Kommentare zu ignorieren. Schließlich kannte sie die Wahrheit, sie allein. Was kümmerte sie da, was andere von ihr dachten?

Brittany hatte alles unter Kontrolle. Ganz gleich, wie man sie beschimpfte: Sie richtete ihr Augenmerk stets auf ihren Vorteil, oder genauer: auf den materiellen Gewinn, den sie daraus ziehen würde. Und jeder Gewinn brachte sie dem tropischen Inselparadies ein Stückchen näher, von dem sie seit Langem träumte.

Eines Tages würde sie dort sein, das wusste sie. Dann würde sie den Rest ihres Lebens in einem fließenden Sarong verbringen, mit Blumen im Haar Mai Tais schlürfen und keinen Gedanken mehr an die aufreibende Zeit vorher verschwenden oder an die grausamen Geschichten in den Zeitschriften, in denen sie immer die Rolle des Bösewichts spielte.

Brittany konnte es kaum noch erwarten. Jahrelang hatte sie die Hälfte ihres selbst verdienten Geldes nach Hause zu ihrer Familie geschickt. Zu einer Familie, die öffentlich erklärt hatte, sie an den Teufel verloren zu haben. Trotzdem hatten sie ihr sündiges Geld angenommen, es ausgegeben und schamlos nach mehr gefragt. Wieder und wieder. Und Brittany hatte ihnen immer wieder geholfen. Weil ihre geliebte Großmutter es von Brittany erwartet hätte, dass sie ihre Familie unterstützte, die durch den Hurrikan Katrina vor über zehn Jahren fast obdachlos geworden war.

Sie hatte ihr Bestes gegeben. Jahr für Jahr, auf die einzige Weise, die sie kannte, und mit den einzigen Waffen, die sie besaß – ihrem Aussehen, ihrem Körper und ihrer Intelligenz, die sie von ihrer Großmama geerbt hatte, obwohl die meisten Menschen sie für absolut einfältig hielten. Und da ihre Halbgeschwister noch jung waren, würde sie wohl noch ein paar Jahre länger zahlen müssen, ehe sie ihrer Familie vorschlagen konnte, sich zur Abwechslung einmal selbst zu versorgen.

Die andere Hälfte des Geldes, das sie verdiente, sparte sie. Denn eines Tages wollte sie sich auf eine abgelegene Pazifikinsel zurückziehen und an einem einsamen weißen Sandstrand wohnen, unter Palmen und einem strahlend blauen Himmel. Schon in der Highschool hatte sie Bilder von dem Inselstaat Vanuatu gesehen und auf der Stelle den Entschluss gefasst, dass sie dort leben wollte. Wenn sie erst einmal auf einer dieser wunderschönen Inseln gelandet war, würde sie nicht mehr in diese chaotische Welt zurückkehren.

Nie wieder. Doch es war noch nicht so weit.

Brittany kehrte in die Wirklichkeit zurück – und damit in die glanzvolle Pracht Monacos. Hier würde sie den Mann treffen, der sie in das Kasino von Monte Carlo bestellt hatte, wo blaublütige Männer wie er sich abends die Zeit am Spieltisch vertrieben. Er wollte mit ihr über einen Vorschlag sprechen, der für uns beide von Vorteil ist, so hatte er geschrieben. Allerdings hatte Brittany keine Ahnung, was das überhaupt sein könnte. Oder was sie beide gemeinsam haben sollten – außer einem skandalösen Ruf. Wobei seiner, anders als ihr eigener, auf Tatsachen beruhte.

Trotzdem betrat Brittany an diesem Abend pünktlich das Kasino. Monte Carlos kultivierte Sünden versteckten sich hinter dem schönen Schein einer gewissen altertümlichen Eleganz, und dem hatte Brittany sich angepasst. Ihr Kleid schimmerte in einem zurückhaltenden Goldbraun, war an einer Schulter mit einem Knoten zusammengehalten und fiel weich fließend bis zu ihren schmalen, glänzenden High Heels. Sie wusste, dass sie in diesem Kleid zum Anbeißen und gleichzeitig kostspielig aussah, wie es sich einer Frau geziemte, deren eigene Mutter sie als Hure beschimpft hatte. Doch das Kleid gaukelte auch Kultiviertheit vor und half einem Mädchen wie ihr, das aus der weißen Unterschicht von Mississippi stammte, sich der erlesenen Umgebung anzupassen.

Brittany war sehr, sehr gut darin, sich der Umgebung anzupassen.

Sie spürte den Mann, der sie hierher beordert hatte, lange bevor sie ihn an einem der Tische entdeckte, an denen mit hohem Einsatz gespielt wurde. Selbst ohne seine üblichen Lakaien und Bewunderer, die ihn auch heute wie einen Satelliten umkreisten, hätte sie ihn problemlos gefunden.

Dann teilte sich die Menge, und sie sah ihn. In lässiger Haltung saß er am Spieltisch, doch sein Blick war auf die Menschenmenge gerichtet und zeigte, dass dieser Mann, offiziell bekannt als Seine Durchlaucht Erzherzog Felipe Skander Cairo von Santa Domini, so reich und übersättigt war, dass er seine Spieleinsätze nicht verfolgen musste

Felipe Santa Domini. Der im Exil lebende König eines winzigen Alpenstaats, der seinen Familiennamen trug, das einzige noch lebende Mitglied einer ehrwürdigen Linie, die sich über fünf Jahrhunderte zurückverfolgen ließ. Die Geißel von Europas moralisch kompromittierten Frauen, wie die Zeitungen ihn gerne nannten – obwohl ebenso behauptet wurde, dass eine Frau von tadellosem Ruf allein dadurch kompromittiert wurde, dass sie einfach nur neben ihm stand. Die lebendige, skandalumwitterte Rechtfertigung für die Machtübernahme des Militärs, das bei einem Putsch seinen Vater gestürzt und seine Familie schließlich umgebracht hatte. Er war der einzige Überlebende.

Hauptsächlich deshalb, weil es sich nicht lohnte, ihn aus dem Weg zu schaffen. Er stellte keine Gefahr dar, denn er verstand sich ausgezeichnet darauf, die Welt daran zu erinnern, warum die Exzesse der alten Monarchien niemals toleriert werden sollten.

Felipe von Santa Domini: Das war der Name, der auf der Einladung stand. Deshalb hatte sie ihn hier erwartet. Doch vorbereitet auf diese Begegnung war sie nicht.

Brittany merkte, dass sie mitten im Kasino stehen geblieben war. Dabei wusste sie doch, wie man sich hier verhielt. Gekünsteltes Desinteresse, Erwartungen wecken, wieder abwehren, das war ihr Spiel. Und deshalb sollte sie nicht hier herumstehen und ihn schockiert anstarren wie der Bauerntrampel, der sie viele Jahre gewesen war. Diesen Eindruck wollte sie auf keinen Fall vermitteln. Und trotzdem konnte sie sich nicht rühren.

Dann sah Felipe zu ihr hinüber und begegnete ihrem Blick. Brittany stand wie erstarrt da und war sich nicht sicher, ob sie sich je wieder aus eigenem Willen würde bewegen können.

Sie hatte tausend Fotos von diesem Mann gesehen und wusste bereits, wie schön er war. Viele Berühmtheiten wirkten aus der Ferne attraktiv, doch aus der Nähe betrachtet, verlor sich dieser Eindruck sehr oft.

Nicht so bei Felipe.

Er hatte einen bezwingend sinnlichen Mund, der sie nervös machte. Ein Mund, bei dem sie an leidenschaftliche Küsse denken musste, obwohl sie seit Jahren nicht mehr daran gedacht hatte, irgendjemanden zu küssen. Er hatte dichtes Haar, das absichtlich zerzaust wirkte.

Und erst seine Augen. Schon auf den Fotos hatten seine Augen sie fasziniert, doch jetzt fand sie sie einfach wundervoll. Sie hatten die Farbe von Karamell. Gegen ihren Willen lief ihr das Wasser im Mund zusammen, und sie spürte die Hitze seines Blicks tief in ihrem Bauch.

So etwas war ihr noch nie passiert. Seit die Freunde ihrer Mutter in Brittanys Kindheit betrunken in ihrem schäbigen Wohnwagen gewütet hatten, war Brittany mehr oder weniger immun gegen Männer. Dass sie aus freien Stücken und aus sehr praktischen Gründen drei Mal geheiratet hatte, hatte ihre Meinung über die Nachteile der Männer keine Spur geändert. Und nicht einer ihrer Ehemänner hatte ihr Blut derart in Wallung gebracht wie dieser gerade jetzt.

Eigentlich überhaupt nicht, wenn sie ehrlich war.

Deshalb verstand sie es nicht und wandte den Blick von Felipes Augen ab, die sie ein wenig zu eindringlich ansahen. Er trug die übliche Kleidung der superreichen Männer in dieser Stadt, die sich abends in den Nightclubs, Restaurants oder Straßencafés tummelten. Aber seine Version war … besser.

Viel besser.

Sein dunkles Hemd saß perfekt und betonte seinen Oberkörper, der nackt an den italienischen Stränden oder auf den Yachten, die in den Häfen der französischen Riviera ankerten, genauso gut zur Geltung kam. Sein dunkles Jackett von erlesenem Schnitt ließ sein männliches Kinn mit dem Fünftagebart noch ein bisschen dekadenter, aber auch attraktiver aussehen. Seine athletisch muskulösen, langen Beine steckten in einer maßgeschneiderten Hose, für die andere ein ganzes Monatsgehalt hinblättern müssten. Seine Schuhe verrieten die zurückhaltende Eleganz Mailands. Lässig saß er da, streckte die Beine aus, als seien die berühmten Spieltische Monte Carlos nur eine Requisite für einen Mann wie ihn.

So wie sie selbst, wurde Brittany klar, als er eine seiner dunklen Brauen hob, während sich auf seiner Miene Langeweile ebenso wie königliche Autorität spiegelte. Sie war eine Requisite für ein Spiel, das sie noch nicht verstand – aber das würde sich ändern, deshalb war sie gekommen. Und auch deshalb, weil sie noch nie einen Mann kennengelernt hatte, der eigentlich ein König war und der nur wegen dieses Putsches in der Kindheit nicht auf dem Thron saß.

Gebieterisch hob Felipe einen Finger und bedeutete ihr, näher zu kommen. Doch alles in Brittany sträubte sich dagegen, und ihr Instinkt riet ihr, auf dem Absatz kehrtzumachen und zu gehen.

Weg von diesem Mann, ehe er sie zerstören konnte.

Ein Gedanke, der wie eine Prophezeiung klang.

Er wird dich zerstören.

Sie versuchte, dieses Gefühl abzuschütteln, und sagte sich, dass sie zu viel Fantasie hatte. Aber vielleicht war der Anblick eines Möchtegern-Königs an einem Ort wie Monte Carlo einfach zu viel für sie und all ihre zerbrochenen Träume von einem Märchen, das doch nie wahr wurde. Träume, die es ihr in seltsamen Augenblicken wie diesen schwer machten zu atmen.

Mit leicht verwunderter Miene ging sie zu ihm, als hätte sie ihn nicht erkannt und als wäre sie nur deswegen mitten im Kasino stehen geblieben, weil sie nicht wusste, in welche Richtung sie sich wenden sollte. Dabei hatte sein Blick sie gefesselt und ihr den Atem geraubt.

Doch Brittany ignorierte all diese unpassenden Gefühle. Stattdessen schlenderte sie auf ihr Verhängnis zu und redete sich ein, dass er nichts weiter war als ein zügelloser Aristokrat und nicht ihr sicherer Untergang.

„Sind Sie Felipe von Santa Domini?“, fragte sie leichthin, als sie näher kam, und verlieh ihren Worten ein wenig mehr Mississippi-Slang als üblich. Denn sie wusste, dass man Menschen mit dieser schleppenden Sprache als dumm wie Bohnenstroh abstempelte, was sie immer gerne zu ihrem Vorteil genutzt hatte.

Wie erwartet wurde ihre vorgetäuschte Unkenntnis über diesen weltweit bekannten Mann mit empörtem Schnauben seiner Entourage quittiert. Felipe hingegen verzog seinen sinnlichen Mund.

„Ja, leider.“ Seine Stimme klang wie geschmolzene Schokolade. Tief, voll, mit einem faszinierenden Akzent. Er rührte sich nicht, obwohl sie das Gefühl hatte, dass sein Blick schärfer geworden war. „Aber nur deshalb, weil niemand anders sich bereit erklärt hat, diese Position einzunehmen.“

„Bedauerlich.“ Kurz vor seinen lässig ausgebreiteten Beinen blieb sie stehen. Sie war sicher, dass er die Symbolik zu schätzen wusste, denn das Leuchten in seinem Blick wurde stärker. Und es zeigte ihr, dass er nicht so gelangweilt war, wie er vorgab. „Allerdings kann vermutlich auch niemand auf der ganzen Welt mit Ihrer unermüdlichen Männlichkeit mithalten, nicht wahr? Was ist im Vergleich dazu schon ein verlorenes Königreich?“

Brittany war klar, wie ihr bewusst gesetzter verbaler Schlag auf die anderen wirkte, die sich empört aufplusterten. Genau das hatte sie bezweckt. Trotzdem schien sie den Blick nicht von dem Mann vor sich abwenden zu können. Er lächelte zwar, doch sein Lächeln erreichte nicht seine Augen, in denen ein kühles, kalkulierendes Leuchten stand.

„Ms. Hollis, nehme ich an?“

Brittany war sicher, dass er sie sofort erkannt hatte. Aber das war das Spiel. Also nickte sie knapp, als wäre es wirklich eine Frage gewesen.

„Ich war den größten Teil meines Lebens im Exil“, sagte er nach einem kurzen Zögern. Sein sanfter Ton stand im Gegensatz zu der Art und Weise, wie er sie musterte. „Nur die Revolutionäre betiteln mich derzeit noch als König. Doch man sollte ihre Verbundenheit nicht noch weiter anfachen, damit nicht noch mehr Blut vergossen wird.“ Als er leicht den Kopf beugte, wurde ihr bewusst, dass er geboren war, um zu regieren, ganz egal, wie tief er gefallen sein mochte. „Ich hoffe, dass Sie ohne Zwischenfall hierher gefunden haben. Monte Carlo ist ja nicht unbedingt mit diesen Varietés in den Kloaken von Paris zu vergleichen, wie wir solche Orte, die Sie gewohnt sind, in höflicher Gesellschaft nennen.“

Brittany hatte ihn falsch eingeschätzt. Denn sie hatte nicht erwartet, dass ein königlicher Playboy mit all seinen Skandalen sie auf so geschickte Weise beleidigen konnte.

Oder überhaupt.

Sie spürte, dass sie ihn gegen ihren Willen dafür bewunderte.

„Gleich und gleich gesellt sich gern, so wurde mir gesagt“, meinte sie, änderte ihre Taktik und lächelte breit. „Und da bin ich.“

Wieder verzog er seinen unglaublich sinnlichen Mund und berührte etwas tief in ihrem Inneren, wo es nur Hitze und Verlangen gab, das sie nicht verstand.

„Sicher fühlen Sie sich jetzt erhaben, weil ich Sie gleich erkannt habe. Ganz zu schweigen von meiner Einladung.“ Er veränderte seine Position und stützte sich auf dem Ellbogen auf. „Sie scheinen allerdings nicht vor Glück zu jubeln, cara.“

„Ich schätze mich natürlich sehr glücklich“, entgegnete sie in einem übertrieben höflichen Ton, als versuchte sie, ein dummes Kind zu beruhigen.

Dieser Mann vor ihr strahlte ungeheure Macht aus, dabei wusste sie, wie alle anderen auch, dass er ein Nichtsnutz war. Ein Charmeur, nicht mehr. Warum sie nicht an diesem Gedanken festhalten konnte, würde sie genauer untersuchen, wenn sie weit weg war von seiner verrückten Anziehungskraft, die sie viel zu sehr aufwühlte.

Felipe sah sie auf seine eigentümlich eindringliche Art an, obwohl seine ganze Haltung Gleichgültigkeit ausdrückte.

„Ich habe Ihren Auftritt gesehen“, sagte er nach einem langen Augenblick.

Er war dort gewesen? In dem schmutzigen kleinen Club? Brittany konnte kaum glauben, dass sie seine intensive Präsenz nicht gespürt hatte.

Es gefiel ihr überhaupt nicht, dass sie sich dessen jetzt bewusst war. Und sie war auch sicher, dass Felipe von Santa Domini sehr viel mehr sah, als er sollte.

„Sie haben eine sehr interessante Herangehensweise an diese Art von Varieté, Ms. Hollis. Wie Sie über die Bühne stolzieren, den Gästen auf diese erschreckende Art die Zähne zeigen, um sie herauszufordern, ein paar lumpige Geldscheine für einen Blick auf Ihre Rüschenunterwäsche hinzublättern. Sie wären finanziell allerdings besser gestellt, wenn Sie mit einer Peitsche schnalzen würden und nicht so tun, als wollten Sie nur die üblichen Fantasien befriedigen.“

Brittany klemmte sich ihre hellgoldene Abendtasche unter den Arm und gab sich genauso gelangweilt wie er, obwohl sie sich innerlich wand bei der erschreckend genauen Beschreibung ihres Auftritts, den sie angenommen hatte, um für noch mehr skandalöse Schlagzeilen zu sorgen.

„Wollen Sie meinen Auftritt kritisieren?“

„Betrachten Sie es als wohlüberlegte Reaktion eines leidenschaftlichen Fans dieser Kunstform.“

„Ich weiß nicht, was mich mehr erstaunt. Dass Sie Ihr aristokratisches Selbst in so einem Club beschmutzen oder dass Sie Ihren Besuch hier öffentlich zugeben. Ihr Gefolge kann nämlich mithören.“ Sie beugte sich vor und senkte ihre Stimme zu einem Bühnenflüstern, von dem sie ziemlich sicher war, dass man es trotzdem hören konnte. „Seien Sie vorsichtig, Ihre Hoheit im Exil. Die Kronleuchter könnten zerspringen, wenn sie hören, dass ein Mann Ihrer Neigungen so etwas Prosaisches wie einen Nachtclub besucht.“

„Ich habe den Eindruck, dass mein Verhalten niemanden mehr schockieren kann, wenn ich den ermüdenden Artikeln in den britischen Zeitungen Glauben schenken darf. Wie auch immer, glauben Sie wirklich, dass es eine gute Investition in Ihre Zukunft ist, in Ihre gut dokumentierte Vergangenheit zurückzukehren? Ich dachte, Ihre letzte Ehe wäre ein Schritt in eine andere Richtung gewesen. Schade um das Testament.“ Sein verhaltenes Lächeln hatte die Schärfe eines Messers und erinnerte sie daran, wie die Erben ihres letzten Ehemanns in aller Öffentlichkeit verkündet hatten, dass sie Brittany vom Großteil des Privatvermögens ausschlossen. „Ich frage als Freund.“

„Es würde mich ziemlich überraschen, wenn Sie überhaupt Freunde hätten.“ Sie musterte ihn und setzte ein höfliches Lächeln auf, das ihre Zähne zeigte. Ihre Spezialität. „Aber ich schweife ab. In manchen Kreisen betrachtet man einen Blick auf meine Rüschenunterwäsche als großzügiges Geschenk.“

„Ach, Ms. Hollis, lassen wir doch diese Spielchen.“ Ein schmales Lächeln umspielte seinen Mund und verriet, dass er mehr war als nur ein Playboy. „Sie strippen doch nicht, wie groß angekündigt wurde. Die Hauptattraktion des Ganzen ist doch, einen Blick auf die halb nackte entehrte Witwe von Jean Pierre Archambault werfen zu können.“

Sie zuckte die Schultern. „Das muss eine ganz neue Erfahrung für einen Mann wie Sie sein, dessen Sittenlosigkeit allgemein bekannt ist.“

Er legte ein wenig den Kopf schräg, und sein Blick wirkte nicht besonders freundlich. Was ihn irgendwie noch schöner machte. „Sie haben die Highschool abgebrochen.“

Brittany reagierte nicht auf seinen Themenwechsel. Oder besser gesagt auf seinen Tiefschlag, der sie zurück auf ihren Platz verweisen sollte. Das Problem war, dass ihr dieser Platz nicht viel bedeutete, denn sonst wäre sie immer noch in Gulfport und würde dort zusammen mit ihrer Familie ein erbärmliches Leben fristen.

„Und wie soll man es bezeichnen, dass Sie auf einer Privatschule nach der anderen gescheitert sind?“, fragte sie süßlich. Seine Königliche Hoheit, dieser Trottel, war nicht der Einzige mit Internetanschluss. Auch sie hatte sich vorbereitet. „Wie viele waren es noch mal? Sechs? Ich weiß, die unverschämt Reichen machen sich ihre eigenen Regeln, aber ich habe den Eindruck, dass wir beide in dieser schlechten Welt ohne Highschoolabschluss durchgekommen sind. Vielleicht werden wir doch noch beste Freunde.“

Felipe ignorierte ihren Einwurf, obwohl sie ein anerkennendes Funkeln in seinen Augen zu sehen glaubte. „Mit sechzehn ausgerissen, in Begleitung Ihres ersten Ehemannes. Und was für ein Fang er war. Ein Mann, den wir bezeichnen könnten als …“

Er hielt inne, als wollte er Rücksicht auf ihre Gefühle nehmen.

„Wir nannten Darryl einen Ausweg aus Gulfport in Mississippi“, erwiderte sie. „Glauben Sie mir, da, wo ich herkomme, ergreift man jede Chance, die sich einem bietet, ganz egal, ob ein drogenabhängiger Loser dabei im Spiel ist. Sie mussten vermutlich nie so eine Entscheidung treffen, da Sie als verhätscheltes und angebetetes Kind auf einem von vielen Familienbesitzen aufgewachsen sind.“

All die luxuriösen Anwesen der Familie Santa Domini. Hier eine Ranch, dort eine Insel und überall ein riesiges Penthouse in den exklusivsten Vierteln jeder bekannten Metropole. Brittany fand es schwer, Mitleid aufzubringen. Sie selbst hatte nur die Wahl gehabt, sich durchzuschlagen, weil sie nicht im Wohnwagen ihrer Mutter hatte enden wollen.

„Ihr zweiter Ehemann entsprach viel eher dem Stil, an den Sie sich bald gewöhnen sollten. Sie beide wurden ziemlich schnell durch dieses schreckliche Fernsehprogramm bekannt, stimmt’s?“

Hollywood Hustle wurde im Vergleich zu den anderen als eine der nicht so schrecklichen Realityshows betrachtet“, erklärte Brittany.

„Eine ziemlich niedrige Messlatte.“

„Sagte der Topf zum Deckel.“ Sie musterte ihn. „Die meisten Zuschauer waren nicht nach mir und Carlos verrückt, sondern nach der herzerwärmenden Liebesgeschichte von Chaz und Mariella.“

„Der Tattookünstler.“ Obwohl er das Wort Künstler nicht abfällig aussprach, war es so gemeint. Und verdient, wie Brittany sich erinnerte. „Und die traurige Kirchensekretärin, die wollte, dass er seinem Herzen folgt und eine nachgemachte Landschaftsmalerin wurde oder irgend solch ein Unsinn.“

„Eine fesselnde Story“, stimmte Brittany trocken zu. „Aber wer im Glashaus sitzt … Sie kennen den Spruch.“

Natürlich hatte nichts von alldem der Wahrheit entsprochen. Die Rolle, für die Carlos schon vorgesprochen hatte, war doch anderweitig vergeben worden, aber die Rollen einer Verbrecherin und ihres glücklosen Ehemannes waren noch zu vergeben – solange sie tatsächlich verheiratet waren. Carlos kannte keine andere Frau, die genauso wie er unbedingt von zu Hause wegwollte, also verstand sich die Sache von selbst. Tatsächlich hielt Brittany nach Darryl nicht mehr viel von der Ehe. Sie und Carlos waren lange genug zusammen, um durch die Realityshow berühmt zu werden. Was im Grunde nicht viel bedeutete. Als die Einschaltquoten dann schlechter wurden und ihre Namen langsam in Vergessenheit gerieten, hatte Brittany Carlos für Jean Pierre „verlassen“, sodass Carlos sich darüber in den Klatschspalten beschweren und sich einen neuen Auftritt sichern konnte.

Aber für das größere Publikum war sie natürlich das drittklassige Luder, das einem armen, freundlichen und guten Mann das Herz gebrochen hatte. Ein Märchen, so alt wie die Welt.

Sie hob die Brauen und sah Erzherzog Felipe von Santa Domini an. „Ich hätte Sie nicht für einen Fan der Show gehalten, oder irgendeiner Realityshow. Ich dachte, dass man in Ihren Kreisen eher vorgibt, Proust zu lesen.“

„Ich verbringe viel Zeit im Flugzeug, nicht in Glashäusern und sehr selten mit Proust“, entgegnete Felipe, ein Funkeln in den Augen. „Ja, Ihre Show war ziemlich fesselnd. Sie, die herzlose Stripperin, die ihren geschmacklosen Tanz nicht zugunsten der Ehe aufgeben wollte. Und Carlos, der liebende Ehemann, der verzweifelt versuchte, zu Ihnen zu halten, obwohl Sie ihn jeden Abend an dieser Stange betrogen haben.“

Brittany setzte ein strahlendes Lächeln auf. Erstaunlich, dass die Menschen nicht merkten, was tatsächlich hinter einem solchen Lächeln steckte.

„Ich bin ein schrecklicher Mensch“, stimmte sie fröhlich zu. „Wenn es in einer Fernsehshow so behauptet wird, muss es ja stimmen. Wo wir gerade davon sprechen, habe ich Sie nicht letzte Woche in einem dieser Programme gesehen? Irgendetwas über eine unglückliche Erbin, ein Wochenende auf den Malediven und die zerstörerische Kraft Ihrer Gesellschaft?“

„Erinnern Sie mich nicht daran“, murmelte Felipe, und sie war fast sicher, dass er nicht mehr so amüsiert klang. „Waren Sie immer noch mit Carlos verheiratet, als Sie Jean Pierre kennengelernt haben?“

Brittany lachte, doch es war ein falsches Lachen. „Sie scheinen meine Geschichte mit Ihrer zu verwechseln.“

„Was hat Sie überhaupt zu Jean Pierre hingezogen – möge er in Frieden ruhen? Er, ein ältlicher Mann im Rollstuhl, der nur noch ein paar Monate zu leben hatte. Und Sie …“

Felipe ließ seinen Blick über ihre Figur schweifen, ohne den Satz zu beenden.

„Wir haben uns beide für angewandte Wissenschaften interessiert“, gab Brittany trocken zurück. „Was denn sonst?“

„Ein Interesse, das seine Erben offenbar nicht teilten, wenn man bedenkt, dass sie Sie sofort nach dem Tod des alten Mannes aus dessen Chateau geworfen haben. Und die haben sich damit auch noch in der Presse gebrüstet. Eine Schande.“

„In Ihrer Einladung stand nichts davon, dass unsere Biografie Thema ist“, meinte Brittany leichthin, als würde es ihr nicht das Geringste ausmachen, in der Öffentlichkeit bloßgestellt zu werden.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Die verbotene Braut des Königs" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen