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Dino-Land - Folge 06

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Serie
  3. Über diese Folge
  4. Über die Autoren
  5. Impressum
  6. Auf der Spur des Vernichters
  7. In der nächsten Folge

Dino-Land – Rückkehr der Saurier

Ein fehlgeschlagenes Militärexperiment erzeugt einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum. Mitten in der Wüste Nevada erscheint ein 150 Millionen Jahre alter Dschungel – und mit ihm die Dinosaurier. Doch damit nicht genug: Das Dschungelgebiet breitet sich unkontrolliert aus und umgekehrt wird alles, was sich in der Gegenwart befindet, in die Vergangenheit gerissen. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Anomalie auch Las Vegas erreicht und alles und jeden darin verschlingt!

Auch Marc »Red« Littlecloud, Mitglied einer Spezialeinheit des US-Marine Corps, wird in den Malstrom der Ereignisse gezogen. Die Lage scheint aussichtslos, dennoch versucht er zusammen mit Militär und Polizei, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Doch in einer so fremdartigen Umgebung, unter Dinosauriern, unbekannten Krankheiten und Großwildjägern, gibt es keine Gnade …

Willkommen in »Dino-Land«: Ein wahrgewordener Albtraum aus den Federn von Wolfgang Hohlbein, Frank Rehfeld und Manfred Weinland.

Sie sind überall - und es gibt kein Entkommen …

Über diese Folge

Was mag Betty und Michael nach dem Sturz durch die Zeit erwarten? Können sie Corman aufhalten, bevor dieser den Kanister öffnet – und damit vielleicht ein Zeitparadoxon auslöst? Denn welche Folgen es hätte, wenn die Saurier bereits vor rund einhundertzwanzig Millionen Jahren ausgestorben wären, kann niemand erahnen.

Zudem sind sie nun in der Vergangenheit gefangen, aus der es kein Zurück mehr gibt. Können sie in dieser extrem lebensfeindlichen Welt überhaupt überleben?


Ein fehlgeschlagenes Militärexperiment erzeugt einen Riss im Raum-Zeit-Kontinuum. Mitten in der Wüste Nevada erscheint ein 150 Millionen Jahre alter Dschungel – und mit ihm die Dinosaurier. Ein wahrgewordener Albtraum aus den Federn von Wolfgang Hohlbein, Frank Rehfeld und Manfred Weinland.

Willkommen in »Dino-Land«: Sie sind überall - und es gibt kein Entkommen …

Über die Autoren

An der Serie »Dino-Land« haben die Autoren Wolfgang Hohlbein, Frank Rehfeld und Manfred Weinland mitgewirkt. Jeder von Ihnen hat bereits jahrelange Erfahrung im Schreiben von Action-, Fantasy-, Science-Fiction oder Horrorromanen. Mit Dino-Land gelang ihnen ein temporeicher und spannungsgeladener Genre-Mix, der sich einer der ältesten uns bekannten Bedrohungen widmet: Den Dinosauriern.

 

Dino-Land

 

Frank Rehfeld

Auf der Spur des Vernichters

 

AUF DER SPUR DES VERNICHTERS

Es war das Unglaublichste, was Betty Sanders je erlebt hatte.

Etwas wie ein Schleier aus wabernder Hitze ließ den Urzeitdschungel vor ihr verschwimmen, während der Wüstenboden, über den sie mit dem Drachensegler in knapp zwei Metern Höhe dahinjagte, davon unberührt blieb.

Die Luft knisterte vor Elektrizität. Ungeheure Energien erfassten ihren Körper und schienen in jede einzelne Zelle einzudringen. Silbrige Lichtfünkchen tanzten überall um sie herum in der Luft. Sie hatte das Gefühl, inmitten eines Ozeans aus Licht zu treiben und von einer gigantischen Welle vorwärtsgerissen zu werden.

Betty meinte das Bewusstsein zu verlieren, allerdings konnte ihre Ohnmacht nicht länger als höchstens ein oder zwei Sekunden gedauert haben, denn als sie die Augen wieder aufschlug, hatte sich ihre Umgebung nicht nennenswert verändert. Lediglich der Dschungel war noch unschärfer geworden, die gewaltigen Urzeitgewächse waren nur noch schemenhaft zu erkennen und verschwammen im nächsten Moment vollends. Wo sie zuvor gestanden hatten, erstreckte sich nun ebenfalls Wüste. Auch die Lichtfünkchen verschwanden.

Das Zeitbeben war zu Ende, aber es hatte Betty mit sich gerissen. Die Bedeutung dieser Erkenntnis ließ sie innerlich aufschreien.

Sie war Journalistin und hatte im Auftrag des TIME-LIFE-Magazins an einer Reportage über DINO-LAND gearbeitet, das Stück Urzeit, das durch ein gescheitertes wissenschaftliches Experiment vor zwei Jahren inmitten der Wüste von Nevada entstanden war.

Seither war es immer weiter angewachsen. Der Prozess hatte sich zwar im Vergleich zum Anfang stark verlangsamt, dauerte jedoch beständig an. Bei jedem Zeitbeben gelangte ein weiteres Stück Urzeit in die Gegenwart hinüber, und alles, was sich ursprünglich an der entsprechenden Stelle befunden hatte, wurde im Gegenzug in die Vergangenheit geschleudert.

Genau dieses Schicksal hatte Betty nun ebenfalls ereilt. Bei den Recherchen zu ihrer Reportage war sie auf die Spur Professor Boris Cormans gestoßen, der seine Frau und seine beiden Töchter durch den Angriff eines der ersten Saurier verloren hatte, die damals herübergekommen waren.

Sie hatte entdeckt, dass er seither von Hass und dem Gedanken an Rache beseelt an einem Serum arbeitete, mit dem er alle Dinosaurier unfruchtbar machen und dadurch ausrotten wollte. Er hatte vor, sich mit einem Kanister dieses Serums in die Vergangenheit versetzen zu lassen, um den Behälter dort zu öffnen. Zumindest der erste Teil dieses Plans war ihm nun auch gelungen.

Gemeinsam mit Michael Atkinson, einem jungen Paläontologen, den sie im Verlauf ihrer Recherchen kennengelernt hatte, hatte Betty versucht, dies noch zu verhindern, doch sie waren um wenige Minuten zu spät gekommen. Mit Drachenfliegern hatten sie die Umzäunung von DINO-LAND überwunden, doch statt Cormans Reise in die Urzeit zu verhindern, waren sie nun selbst von dem Zeitbeben erfasst und mitgerissen worden.

Betty kam erst gar nicht dazu, wahren Schrecken über dieses Schicksal zu empfinden. Zwar hatte sie den Zeitsprung unbeschadet überstanden, und es war sogar ein gar nicht mal unangenehmes Gefühl gewesen, doch dafür schien sie geradewegs in die Hölle geraten zu sein.

Eine starke Sturmbö fuhr unter das Segel des Drachen. Betty fühlte sich wie von unsichtbaren Händen gepackt und herumgewirbelt. Sie verlor für einige Sekunden völlig die Orientierung. Himmel und Erde vollführten einen wilden Tanz um sie herum. Aufgewirbelter Sand scheuerte wie Schmirgelpapier über ihre Haut und brannte in ihren Augen.

Boris Corman, der sich im Moment des Bebens nur noch knapp eine Viertelmeile von ihr entfernt befunden hatte, war nirgendwo zu entdecken. Dafür sah sie jedoch Michael Atkinson für einen kurzen Moment. Wider besseres Wissen hatte sie gehofft, dass er nicht ebenfalls in das Zeitbeben hineingerissen worden wäre, aber diese Hoffnung wurde nun grausam zerstört.

Sie war selbst keine allzu geübte Drachenfliegerin, doch er hatte es erst kurz vor ihrem Aufbruch mehr schlecht als recht gelernt. Schon unter den günstigen Windverhältnissen vor dem Zeitbeben hatte er sich nur mit Mühe in der Luft halten können. Jetzt jedoch war er zu einem hilflosen Spielball des Sturmes geworden. Haltlos wurde er mit seinem Drachen umhergewirbelt.

Gleich darauf verlor Betty ihn wieder aus dem Blick. Sie konnte ihm nicht helfen, sondern kämpfte mit aller Kraft um ihr eigenes Leben.

Zu ihrem Schrecken musste sie erkennen, dass sie und Michael nicht allein waren. Mehrere Flugsaurier mit relativ kleinem Körper, dafür aber Schwingen mit einer Spannweite von mehreren Metern hoben sich ein Stück entfernt als dunkle Silhouetten gegen den Mond ab. Glücklicherweise schienen die Tiere abgelenkt zu sein und selbst genug mit dem Sturm zu kämpfen zu haben, um die beiden Eindringlinge anzugreifen.

Verzweifelt bemühte sich Betty, den Drachen wieder in die Gewalt zu bekommen, doch das leichte Gefährt war nicht für solche Belastungen konstruiert. Knirschend brach eine der dünnen Streben, als Betty versuchte, gegen den Sturm zu steuern. Das Fluggerät sackte ab, und erst dicht über dem Boden gelang es ihr, es wieder abzufangen, doch war es jetzt noch schwerer zu steuern.

Erneut fuhr der Sturm direkt unter die Bespannung, riss den Drachen wieder hoch und ließ sie um ein Haar einen Überschlag nach hinten machen, der zweifelsohne in einer verheerenden Bruchlandung geendet hätte. Stattdessen stieg sie höher und höher. Nur mit äußerster Mühe gelang es Betty, sich überhaupt weiterhin an dem Gestänge festzuklammern. Ihre Augen tränten, sie war fast blind von Staub und Sand, die ihr der Wind entgegenpeitschte.

Als es ihr endlich gelang, den Drachen so weit abzufangen, dass sie wieder in der Horizontalen flog, hatte sie eine Höhe von mindestens dreißig, vierzig Metern erreicht. Unter ihr befand sich nicht mehr Wüste, sondern Dschungel, der noch nicht in den Einflussbereich eines der Zeitbeben geraten war.

Sie verlagerte ihr Gewicht, um den Drachen zurückzulenken, doch die neuerliche Belastung war zu viel für die empfindliche Konstruktion. Eine weitere Strebe brach, und die gesamte rechte Seite knickte ein Stückchen ab.

Damit war der Drache fast nicht mehr zu steuern. Er sackte nach rechts ab. Rasend schnell kamen die Wipfel der riesigen Koniferen näher. Betty verlagerte ihr Gewicht ganz nach links, und wenn es ihr auch nicht gelang, den Sturzflug ganz abzufangen, so konnte sie ihn wenigstens ein wenig abbremsen.

Wieder wurde sie von einer Sturmbö erfasst, und Betty schrie auf, als sie erkannte, dass sie genau auf mehrere dicht beieinanderstehende Koniferen zugeschleudert wurde.

Ein greller Schmerz zuckte durch ihre Augen, als sie Sand hineinbekam. Sie kniff die Lider instinktiv zusammen, und nur mit äußerster Willenskraft schaffte sie es, dem ersten Impuls nicht nachzugeben und ihre Augen mit den Händen zu reiben. Sie schwebte immer noch fast ein Dutzend Meter über dem Boden; ein Sturz aus dieser Höhe würde unweigerlich tödlich enden.

Das nächste, was sie spürte, war ein harter Ruck. Etwas Spitzes, hart und zugleich nachgiebig, peitschte ihr Gesicht und ihre Arme. Sie wollte schützend die Hände heben, und wieder konnte sie nur mit Mühe der Versuchung widerstehen, ihren Halt loszulassen.

Dann plötzlich war es vorbei. Betty öffnete die Augen und versuchte, durch den Tränenschleier etwas von ihrer Umgebung zu erkennen. Ihre Augen brannten noch immer, als hätte jemand Säure hineingespritzt, doch die Tränen spülten die Sandkörner weg, und allmählich konnte sie wieder klarer sehen.

Der Drache war direkt in die Wipfel zweier Koniferen hineingerast und hatte sich zwischen den Zweigen der beiden Bäume verkeilt. Die spitzen Nadeln stachen in ihre Haut, und ein Ast hatte sich dicht unter ihrer Achsel durch ihre Jacke gebohrt, ohne sie jedoch zu verletzten.

»Betty? Betty, wo bist du?«, trug der Wind Michaels besorgte Stimme aus einiger Entfernung an ihr Ohr. »Betty?«

Dem Himmel sei Dank, er lebte. Anscheinend hatte er es mit viel Glück irgendwie geschafft, seinen Drachen zu landen, ohne sich das Genick zu brechen.

»Ich bin hier!«, brüllte sie so laut sie konnte und wusste zugleich, dass er sie trotzdem nicht hören konnte. Der Wind kam aus seiner Richtung.

»Betty?« Das Brüllen eines Sauriers ertönte irgendwo in der Ferne, sodass es schien, als würde das Tier auf seinen Ruf antworten. Sie hörte Michael weiterhin ihren Namen rufen, wobei er allmählich näher kam, bis er sie schließlich ebenfalls hörte.

»Betty? Bist du das, Betty?« Gleich darauf sah sie ihn auch, wie er sich durch die Farne und Schlinggewächse einen Weg bahnte. »Wo bist du?«

»Hier oben!«, schrie sie zurück. »Ich hänge hier oben fest.«

Er legte den Kopf in den Nacken und starrte zu ihr herauf. Gleich darauf verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen, das wohl weniger darauf zurückzuführen war, dass er die Situation besonders komisch fand, als auf seine Erleichterung, dass ihr nichts passiert war.

»Verdammt, was gibt es da zu lachen?«, fauchte sie ihn an. »Ich finde das gar nicht komisch. Hol mich hier runter!«

»Ich fürchte, ich habe meine Leiter zu Hause gelassen«, erwiderte er. »Du musst an einem der Bäume herunterklettern.«

»Ich kann nicht!«, rief sie zurück. »Ich komme nicht ran. Und ich kann mich nicht mehr lange halten!«

Einige Sekunden lang starrte Michael schweigend zu ihr herauf. »Etwa ein Meter links von dir ist ein Ast, der ziemlich kräftig aussieht«, rief er schließlich. »Etwa in Höhe deiner Oberschenkel. Siehst du ihn? Er dürfte dein Gewicht mühelos aushalten. Versuch, ob du ihn erreichen kannst.«

Betty pendelte mit den Beinen und schwang schließlich mit dem ganzen Körper hin und her, wobei sie mit den Füßen nach dem Ast tastete. Ihre Hände schmerzten, die Finger drohten von der Haltestange des Drachen abzurutschen. Dennoch blieben ihre Bemühungen erfolglos; der Ast lag außerhalb ihrer Reichweite. Wenn sie noch stärker pendelte, würde sie vollends den Halt verlieren und in die Tiefe stürzen.

»Ich schaffe es nicht!«, stieß sie kläglich hervor.

Noch bevor sie oder Michael eine neue Möglichkeit ersinnen konnten, um sie aus ihrer Lage zu befreien, ertönte ganz in der Nähe das laute Bersten und Brechen von Zweigen. Voller Schrecken drehte Betty den Kopf und sah sich um. Ein paar Dutzend Meter entfernt nahm sie inmitten der üppigen Vegetation undeutlich den Umriss eines gewaltigen Ungeheuers wahr.

Es kam direkt auf sie zugestapft.

***

Einst hatte die Stadt zu den prachtvollsten der Welt gehört und hatte jedes Jahr Millionen von Touristen angelockt. Sie war ein El Dorado für Vergnügungssüchtige jeder Art gewesen, ein Paradies für alle, die einen Nervenkitzel schätzten, vor allem aber ein Mekka für Spieler. Hier hatte es die meisten Kasinos gegeben, die opulentesten Shows, die meisten Spielautomaten und -tische. Und eine der höchsten Selbstmordraten der USA, weil sich – abgesehen vielleicht von der Wall-Street – nirgendwo sonst binnen kürzester Zeit so viele Menschen in den finanziellen Ruin gestürzt hatten.

Las Vegas war in jeder Hinsicht ein alles verschlingender Moloch gewesen, eine Illusion, der pompös in Szene gesetzte Triumph des Scheins über das Sein. Allein die Neonfiguren und Leuchtschriften, sowie die Abertausenden blinkenden Lämpchen an den Fassaden und auch im Inneren jedes einzelnen Kasinos verbrauchten in einer Nacht so viel Strom wie eine mittlere Kleinstadt in einem ganzen Jahr.

Wenn man es ganz genau nahm, traf all dies sogar immer noch auf die Stadt zu, dachte Littlecloud. Allerdings nur deshalb, weil es die einzige Stadt war, die noch auf der Erde existierte.

Jedenfalls in dieser Zeit.

Rund hundertzwanzig Millionen Jahre, bevor Las Vegas überhaupt gegründet worden war. Die ganze Sache war zu verrückt, um ernsthaft darüber nachzudenken.

Littlecloud blickte durch die Frontscheibe des aufsteigenden Bell UH-1 Hubschraubers. Als er und einige Begleiter vor zwei Jahren in diese Zeit gereist waren, um das Gamma-Zyklotron abzuschalten, dessen ungeheure Energien man für den Riss in der Zeit verantwortlich machte, waren sie mit zwei Hubschraubern gekommen, dem Bell UH-1 und einem ultramodernen Stingray. Niemand hatte voraussehen können, dass sie geradewegs im schlimmsten Sandsturm des Jahrhunderts – oder der Jahrhundertmillionen – landen würden.

Der Stingray war von dem Sturm nahezu zerfetzt worden, und dass der Bell das Unwetter halbwegs überstanden hatte, lag nur daran, dass er schwerer und klobiger war. Aber auch diese Maschine hatte schlimme Schäden davongetragen. Es hatte über ein Jahr gedauert, die beiden Hubschrauber wieder einigermaßen herzurichten, aber wie durch ein Wunder war es gelungen.

Obwohl er damals nur mit dem Leben davongekommen war, weil er sich in den UH-1 geflüchtet hatte, zog Littlecloud Flüge mit dem Stingray vor. Die wesentlich schnellere Maschine, die zudem mit einem absoluten Minimum an Treibstoff auskam, wurde jedoch für Erkundungsflüge in weiter entfernte Gebiete benötigt, sodass er diesmal mit dem altmodischen Bell Vorlieb nehmen musste.

Einige Meilen entfernt waren am vom Sonnenuntergang rot gefärbten Himmel ein paar dunkle Punkte zu entdecken, die nur Flugsaurier darstellen konnten. Vermutlich handelte es sich um Rhamphorhynchus’ oder vielleicht auch nur um die kleineren Pterodactyloiden. Auf jeden Fall bildeten sie kaum eine Gefahr für den gepanzerten und schwer bewaffneten Kampfhubschrauber.

Littlecloud wandte sich wieder dem Seitenfenster zu, durch das er einen guten Ausblick über Las Vegas hatte. Die Stadt hatte sich binnen der vergangenen zwei Jahre, seit sie von einem Zeitbeben erfasst und in die Vergangenheit geschleudert worden war, so gründlich verändert, wie dies überhaupt nur möglich war.

Aus der ehemaligen Metropole mit ihren zwar nur rund zweihundertsechzigtausend Einwohnern, dafür aber der gut dreifachen Zahl von Touristen, die sich durchschnittlich dort aufhielten, war eine Geisterstadt geworden. Nur vereinzelt und auch nur in einigen bestimmten Stadtteilen sah man manchmal noch Menschen, meist schwer bewaffnete Militärstreifen.

Wenn man sie ließ, war die Natur nicht nur unerbittlich, wenn es darum ging, ihr ursprüngliches Territorium zurückzuerobern und die Zeugnisse menschlicher Zivilisation auszulöschen, sondern auch sehr viel schneller, als die meisten Menschen annehmen mochten. Ganz besonders in dieser Zeit, in der die Flora ganz anders und in vielfacher Hinsicht üppiger als in der Gegenwart war.

Gerade einmal zwei Jahre hatte sie nur benötigt, um den Asphalt an unzähligen Stellen zu kleinen Kratern aufzusprengen, aus denen Grünpflanzen sprossen. Viele ehemalige Straßen waren kaum noch als solche zu erkennen. Sie bildeten ein dschungelartiges, mehr als mannshohes Gewirr aus Farnen und Schlingpflanzen, durch das man sich zu Fuß stellenweise nur noch mit einer Machete einen Weg bahnen konnte.

Auch die Häuser waren vielfach bereits so stark überwuchert, dass man von Weitem auf den ersten flüchtigen Blick glauben konnte, eine der uralten, vor Hunderten von Jahren verlassenen Ruinenstädte vor sich zu haben, wie sie im süd- und mittelamerikanischen Regenwald gelegentlich als Hinterlassenschaften der Mayas oder Azteken entdeckt wurden.

Dennoch war es nicht unbedingt ein deprimierender Anblick, jedenfalls nicht für Littlecloud. Er war indianischer Abstammung, und wenn er auch nicht mehr das intensive Verhältnis zur Natur hatte, wie es seinen Vorfahren eigen gewesen war, so gefiel ihm die Natürlichkeit eines Waldes trotzdem besser als die trügerische Künstlichkeit einer Stadt, wie es gerade bei Las Vegas der Fall gewesen war.

Der Kampfhubschrauber, auf dessen Copilotensitz er saß, gewann rasch an Höhe. War man früher von Las Vegas aus gestartet, so war die Stadt von karger, lebensfeindlicher Wüste umgeben gewesen. Auch diese Wüste war mit in die Vergangenheit versetzt worden, aber sie hatte sich verändert.

Ein Fluss, der weit außerhalb der von den Zeitbeben betroffenen Gebiete entsprang, hatte sich nicht weit von der Stadt entfernt über den Sand ergossen und sich binnen weniger Monate ein neues Bett quer durch das Ödland gebahnt. Kaum weniger schnell hatte sich der Dschungel an seinen Ufern entlang in breiten Streifen vorwärts geschoben. Auch das veränderte Klima mit seinen häufigen und sehr heftigen Regenfällen hatte dazu beigetragen, Teile der Wüste in fruchtbares Grünland zu verwandeln.

Nicht zuletzt waren auch die Menschen selbst, die es wie ihn selbst in die Urzeit verschlagen hatte, zum Teil an diesem Prozess beteiligt gewesen. Einige Gebiete direkt am Stadtrand waren mit kleinen Kanälen bewässert, sorgfältig gerodet und mit verschiedenen Gemüse- und Obstgewächsen bepflanzt worden.

Zwar lagerten in den Privatwohnungen, vor allem aber in den Vorratsräumen der Kasinos und Hotels genügend Vorräte, dass sie alle sich bis an ihr Lebensende problemlos satt essen konnten, doch das betraf nur die Menge. Die meisten Vorräte waren nur begrenzt haltbar und würden spätestens in einigen Jahren ungenießbar werden, und außerdem handelte es sich eben nur um Konserven oder Tiefkühlnahrung.

Mit Frischfleisch konnten sie sich durch die Jagd eindecken, und sie hatten bereits festgestellt, dass das Fleisch einiger Saurierarten hervorragend schmeckte. Wichtiger jedoch war die Versorgung mit frischem Obst und Gemüse, weshalb sie in bescheidenem Rahmen mit der Landwirtschaft begonnen hatten.

Nun jedoch war all dies durch eine Gefahr bedroht, wie sie sich ihnen in den vergangenen Jahren noch nicht gestellt hatte.

Die Stadt mitsamt der Plantage, wie sie die kultivierten Flächen bezeichneten, blieb hinter dem Hubschrauber zurück, als der Pilot beschleunigte. Einige Minuten flogen sie mit Höchstgeschwindigkeit in südlicher Richtung dahin.

Die Vegetation nahm zu, je weiter sie sich dem Dschungel näherten, der die Grenze zwischen den aus der Gegenwart herübergekommenen ...

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