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Domestik

CHARLY WEGELIUS
mit TOM SOUTHAM

DOMESTIK

Das wahre Leben
eines ganz normalen Radprofis

Aus dem Englischen von Olaf Bentkämper

Dulce bellum inexpertis.
(Süß scheint der Krieg jenen, die ihn nie erfahren haben.)

DESIDERIUS ERASMUS VON ROTTERDAM

INHALT

Vorbemerkung des Autors

Vorwort

Prolog

1. Etwas, das ich tun musste

2. Von Ehrgeiz getrieben

3. Per Vincere!

4. Die Vuelta – oder wie ich lernte, meine Kräfte einzuteilen

5. Das Postamt

6. Giro d’Italia

7. Fahruntüchtig

8. »Tieni Duro«

9. Liquigas

10. Madrid

11. Alles wird gut

12. Die Tour

13. Erste Liga

14. Eine Tour zu viel

15. Vuelta a Asturias, 5. Etappe

Danksagung

VORBEMERKUNG DES AUTORS

Wie die meisten normalen Menschen habe ich mich nicht mit dem Gedanken im Hinterkopf auf meinen Lebensweg gemacht, eines Tages ein Buch darüber zu schreiben. Manche Leute sind da vielleicht anders, aber ich nicht. Selbst als die Idee an mich herangetragen wurde, unter die Autoren zu gehen, war ich unsicher, ob ich der Richtige dafür wäre. Ich hatte nichts zu beichten, aber einiges zu erzählen. Ich wollte nicht irgendein Buch schreiben.

Im Juli 2011 nahm dieses Buch dann langsam Formen an, und inzwischen hatte ich auch eine klare Vorstellung davon, worüber ich schreiben wollte: über das wahre Leben im Profipeloton. Die Ereignisse der vergangenen beiden Jahre haben es schwer gemacht, an diesem Vorhaben festzuhalten, ohne einem Thema, das in meiner Laufbahn nur eine untergeordnete Rolle gespielt hat, unverhältnismäßig viel Platz einzuräumen.

Als Radprofi, dessen Karriere von 2000 bis 2011 dauerte, durchlebte ich eine für diesen Sport sehr turbulente Zeit – geprägt von zahlreichen Skandalen, Drogenrazzien, Geständnissen, Anschuldigungen, Enthüllungen und all den Problemen, die mit der im Radsport tief verwurzelten Dopingkultur einhergehen.

Insofern hinterlässt es einen bittersüßen Geschmack, dass auch im Jahr 2013 offenbar noch ein hinreichendes Interesse an meinem Sport besteht, so dass ein Typ wie ich ein Buch darüber schreiben kann, ich mich gleichzeitig aber genötigt fühle, gleich darauf hinzuweisen, dass dieses Buch – so wie meine ganze Karriere – keine spannenden Geschichten rund um das Thema Doping erzählt und dies auch gar nicht erst versucht.

Das soll nicht heißen, dass um mich herum nicht gedopt worden wäre. Ganz gewiss sogar ist dies der Fall gewesen. Wer mag, kann die Namen der Leute nachschlagen, mit denen ich zusammen in einem Team gefahren bin, und wird auf etliche Dopingvergehen stoßen. Ich versuche nicht, das zu bestreiten. Ich habe aber beschlossen, mich nicht auf dieses Thema zu konzentrieren.

Ich bin meiner Idee für dieses Buch treu geblieben. In dem Buch, das ich schreiben wollte, sollte es um etwas anderes gehen: um eine ganz normale Karriere im Radsport. Klar, hin und wieder geht es um Doping, wie könnte es auch anders sein, aber ich hoffe, dass die wenigen Auftritte, die das Thema in diesem Buch hat, einen Eindruck davon vermitteln, welch geringe Rolle es in meiner Laufbahn als Radprofi tatsächlich gespielt hat. Ich hatte schlicht und ergreifend andere Sorgen, und es gab zu viele andere Dinge, die mich beschäftigten und um die ich mich kümmern musste.

Die Rolle, die ich ausfüllte, die eines Domestiken, eines Fußsoldaten des Radsports, war eine oft undankbare Aufgabe, die mich elf Jahre lang auf dem schmalen Grat zwischen der Gosse und den Sternen wandeln ließ. Nur diese Geschichte ist es, die zu erzählen ich mich berechtigt fühle, anhand der Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe.

Sie können mir glauben, dass ich dadurch, die Geschichte in dieser Form zu erzählen, eine Reihe von Leute verschont habe. Manche von ihnen habe ich vermutlich eher unbewusst ein klein wenig geschützt. Sollte dem so sein, ist ihr Fehlen vielleicht meine Art, ihnen etwas von dem menschlichen Anstand zurückzuzahlen, mit dem sie mir begegnet sind. Es gibt andere, die mir das Gegenteil entgegengebracht haben und die zu schützen mir von den Anwälten nahegelegt worden ist. Denen sage ich: Glück gehabt, ihr Drecksäcke.

Wie auch immer, ich kann Ihnen versichern, dass ich mich selbst nur wenig geschont habe in dieser Geschichte, und das ist letztlich alles, was ich tun kann.

Charly Wegelius, im Februar 2013

VORWORT

Dieses Buch beginnt ziemlich genau in dem Moment, in dem ich Charly Wegelius zum ersten Mal traf: Es war bei den Straßenweltmeisterschaften 1999 in Verona.

Als ich Charly bei dieser Gelegenheit in Mike Taylors Zimmer im Hotel Antico begegnete, war ich sofort von ihm beeindruckt. Ich wusste, dass er wenige Stunden zuvor seinen ersten Profivertrag unterschrieben hatte. Ich konnte nicht anders, als ihn zu fragen: »Wie hast du das gemacht?«

In diesem Moment, in dem Charly mir in Verona erstmals leibhaftig gegenüberstand, sah ich ihn so, wie ihn im Laufe der Jahre wohl tausende Menschen vom Straßenrand aus wahrgenommen haben: als ein Objekt der Bewunderung, als einen Menschen, der herausragende Athletik und wahre Klasse auf dem Rennrad verkörperte. Damals war ich, so wie er es einst gewesen war, von der Vorstellung besessen, eines Tages Radprofi zu werden. Ich wollte unbedingt selbst Teil des Pelotons werden, und da ich in den 1980er Jahren in Großbritannien aufgewachsen war, war ich von dieser Welt so weit entfernt, dass echte Radprofis mir wie Götter erschienen.

Charly war ein Mann, der den Radsport genauso sah wie ich, der herkam, wo ich herkam, und der es dennoch irgendwie hinbekommen hatte. Er hatte die Kluft überwunden zwischen dem, wo ich stand, und dem, wo ich hinwollte. Vier Jahre älter als ich und mit einem Profivertrag in der Tasche, erschien mir Charly Wegelius wie ein Mann, der das fast Unmögliche geschafft hatte.

Ich folgte Charly schließlich in den Profizirkus, und im Laufe der Jahre wurden wir Freunde. Unsere Wege trennten sich abrupt, als ich der Welt des professionellen Radsports, nach nur drei Jahren im Peloton, wieder den Rücken kehrte, denn sie war überhaupt nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Diese Erkenntnis war ein ziemlicher Schock, den ich erst einmal verdauen musste.

Während Charly seine immer erfolgreichere Karriere fortsetzte und ich mich dem Journalismus zuwandte, blieben wir Freunde. Irgendwann kreuzten sich unsere beruflichen Wege wieder, wenn auch auf ganz andere Art und Weise, als sich die Gelegenheit ergab, seine Geschichte zu schreiben. Es war eine Geschichte, die ich gut kannte, denn ebenso wie Kurt Vonnegut in seinem Meisterwerk Schlachthof 5 quasi direkt neben Billy Pilgrim auf der Latrine saß, war auch ich bei vielen Begebenheiten in diesem Buch hautnah dabei.

Ich war in Verona dabei, als Charly der ganze Stolz des britischen Radsports war, und auch ein Jahr später bei den Peinlichkeiten rund um die Titelkämpfe in Plouay. Ich war oft zugegen und hatte sein Gästezimmer in Beschlag genommen, wenn er in seiner Zeit bei De Nardi nach einem Rennen in seine ungastliche Wohnung und zu seinem leeren Kühlschrank zurückkehrte, und ich war nicht nur dabei, sondern mittendrin, als er den größten Fehler in seiner Karriere als Radprofi beging.

Ich kannte das Gefühl, sich im Peloton mittelmäßig zu fühlen und trotz der unbarmherzigen Realität des Sports zu versuchen, ein anständiges menschliches Wesen zu bleiben.

Und trotzdem war ich nicht ganz sicher, ob dies wirklich das Buch war, das ich schreiben wollte. Tatsache war, dass ich, egal wie offen er in unserer gemeinsamen Zeit über sein Leben sprach, nie ganz die Überzeugung verloren hatte, dass Charly Wegelius schon immer ganz genau gewusst hat, wo es langgeht.

Erst als ich eines Vormittags im Dezember 2011 bei ein paar Negronis mit ihm zusammensaß, um über dieses Buch zu sprechen, erkannte ich, wie schwierig auch für Charly das Leben als Radprofi gewesen war. Da wusste ich, dass dies das Buch war, das ich schreiben wollte, denn mir wurde klar, dass seine Geschichte eine über den Radsport war, die noch nicht erzählt worden war.

Das war die Geschichte, die wir beide der Welt erzählen wollten: die Geschichte vom wahren Leben in der Mitte des großen Fahrerfeldes; die Geschichte der Rennfahrer, die jeden Tag einer Profession nachgingen, für die sie alles geopfert hatten – Freundinnen, Jobs, Ehefrauen, sogar ihre kostbare Jugend –, nur um dabei zu sein und sich für nicht mehr als ein Durchschnittsgehalt und die Chance, es am nächsten Tag wieder tun zu dürfen, die Seele aus dem Leib zu fahren.

Charly lebte das Leben, für das er ausgezogen war – bis zum bitteren Ende und trotz des Preises, den er dafür zahlen musste, und all der Narben, die er unterwegs davontrug. Charly lebte ein Leben, wie es nur wenigen Menschen vergönnt oder gegeben ist. Ihn dazu zu bringen, seine Geschichte zu erzählen, fiel uns beiden nicht immer leicht, aber es musste getan werden.

Ich denke, dass es uns mit diesem Buch zum Teil darum gegangen war, mit dem Mythos aufzuräumen, dass ein Radprofi mehr als ein normaler Mensch sei – abgesehen davon, dass er eine gewisse körperliche Begabung besitzt. Aber ironischerweise konnte ich gar nicht anders, als Charly umso mehr zu bewundern, je mehr ich über seine Lebensumstände und die Widerstände erfuhr, mit denen er fertig werden musste, um eine Karriere wie die seine zu haben. Es war ein Leben, das die Kraft und das Engagement eines aufs Äußerste entschlossenen Charakters erforderte. Aber auch für Charly war es ein Leben, das ganz anders war, als er es sich vorgestellt hatte.

Dank der Einblicke, die ich beim Schreiben dieses Buchs erhalten habe, und weil ich Charly schon seit so vielen Jahren kenne, weiß ich, wie und warum er es als Radsportler so weit geschafft hat. Aber selbst jetzt, da alles vor mir ausgebreitet ist, verstreut in Bergen von Papier, aufgezeichneten Interviews und den vielen hundert Gesprächen, die wir bei der Entstehung dieses Buchs geführt haben, gibt es immer noch einen Teil von mir, der sich fragt: »Wie hast du das gemacht?«

Tom Southam, im Dezember 2012

PROLOG

Ich lebe in ständiger Angst, und wahrscheinlich ist es das, was mich meistens dazu antreibt, mich ganz ordentlich aus der Affäre zu ziehen. Aber eigentlich mache ich mir die ganze Zeit in die Hose.

Als der Moment kam, in dem ich wusste, wirklich wusste, dass ich Radprofi werden würde, saß ich gerade auf der Rolle und machte mich für das WM-Rennen der U23 im Einzelzeitfahren warm, das im Oktober 1999 im Rahmen der Radweltmeisterschaften in Verona stattfand.

Bei solchen Titelkämpfen herrscht immer reger Betrieb, denn in dieser Altersklasse wimmelt es von jungen Fahrern, die unbedingt Profi werden wollen. Die WM bedeutet für viele dieser Burschen den Höhepunkt ihres bisherigen Lebens, und weil sie noch so jung sind, stehen sie emotional ziemlich unter Strom. Die Anspannung rund um das Rennen ist immens.

Um die begehrten Plätze im Profizirkus wird ein erbitterter Konkurrenzkampf geführt, und ein Einzelzeitfahren ist ein ganz anderes Paar Schuhe als ein Straßenrennen, bei dem man sich vor dem Start im Kreise der Kollegen verstecken kann. Vor dem Zeitfahren wärmen sich sämtliche Teilnehmer einzeln auf der Rolle auf, nur wenige Meter entfernt von Kerlen, gegen die man das ganze Jahr angetreten ist; Kerle, gegen die man, ohne sie zu kennen, bewusst oder unbewusst eine starke Abneigung entwickelt hat. Jeder ist eifersüchtig auf den anderen.

Mir persönlich war dieser ganze Rummel immer zuwider: die Presse, die Manager, die anderen Fahrer und der ganze Unfug, der mit hohen Erwartungen einherging. Aber an diesem Tag, als ich mich umringt von Betreuern und Beobachtern warmfuhr, sah ich zwei Männer durch das Gedränge auf mich zukommen, auf deren blauen Trainingsjacken das vielfarbige Logo von Mapei zu erkennen war, einem Unternehmen, das Radsportfans als Sponsor des gleichnamigen Rennstalls bekannt war, dem damals größten und namhaftesten Profiteam im Geschäft.

Alvaro Crespi und Serge Parsani, zwei der sportlichen Leiter der Mannschaft, waren gekommen, um mir hallo zu sagen. Angesichts der neidvollen und neugierigen Blicke der anderen Fahrer war ich stolz wie Oskar, dass sie extra meinetwegen aufgetaucht waren. Der dürre kleine Charly kriegt Besuch von zwei Mackern von Mapei, um zu plaudern. Ich freute mich wie ein Schneekönig.

Es ist gar nicht so einfach, während der Aufwärmroutine vor einem Zeitfahren vernünftig zu denken und zu reden, denn das Blut schießt einem in die Beine und all die Rollentrainer summen, dazu kommt das hektische Treiben der Betreuer und der dröhnende Rennkommentar aus den Lautsprechern, die rund um die Strecke verteilt sind. Aber als die beiden auf mich zukamen, rasten meine Gedanken vor Aufregung. Ich kannte Crespi und Parsani bereits von einem früheren Treffen, und in dem Moment fiel mir wieder das erste Mal ein, als sie an mich herangetreten waren – die Repräsentanten einer Mannschaft, für die zu fahren ich mir in meinen kühnsten Träumen nicht erhofft hätte.

Diese erste Begegnung mit Mapei hatte sich vor dem Start eines anderen Zeitfahrens zugetragen. Es war beim Etappenrennen Trans Canada, einem winzigen Profirennen, das ein einziges Mal ausgetragen wurde und die Kanadier dazu animieren sollte, eine geeintere Nation zu werden. Als ich damals auf dem Weg zum Start war, sprach mich Parsani an: »Bist du …?«

Er sah sich meine Startnummer an und dann mich, und ich dachte, er wolle vielleicht wissen, ob ich vor seinem Schützling an der Reihe wäre. Er brach sich einen ab bei dem Versuch, Englisch zu sprechen, was er nicht konnte, also machte ich es ihm leichter und verriet ihm, dass ich Französisch sprach, woraufhin wir uns beide entspannten. Er fragte noch einmal, diesmal auf Französisch: »Bist du Charly Wegelius?« Ich bestätigte, dass ich in der Tat Wegelius sei, woraufhin er sich erkundigte: »Gut. Wir haben uns nämlich gefragt, ob du dir vorstellen könntest, für unser Team zu fahren …«

Ich war vollkommen sprachlos. Ich dachte, dass er entweder den Falschen erwischt haben müsste oder vielleicht ein Amateurteam vertrat, mit dem er ebenfalls zu tun hatte. Das war aber nicht der Fall: Er war für Mapei da und er meinte mich.

Er bat um meine Telefonnummer, und dann machte ich mich auf den Weg und absolvierte das Zeitfahren wie in Trance. Ich hätte mich fast verfahren, weil ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Es hatte mich total umgehauen.

Das Problem war, dass mir die Festnetznummer meiner Wohnung nicht mehr eingefallen war, als Parsani mich darum gebeten hatte. Auch an meine Handynummer konnte ich mich nicht erinnern. Die einzige Nummer, die mir in dem Moment einfiel, war diejenige, die ich mir als Kind, mit zehn Pence für die Telefonzelle in der Tasche, für den Fall eingeprägt hatte, dass während einer meiner Radtouren etwas passieren sollte: Ich hatte Parsani die Nummer meiner Mutter in York gegeben.

Während ich so benommen über den Zeitfahrkurs eierte, dass ich fast gestürzt wäre, wurde mir klar, dass ich nach dem Rennen nach Hause fahren und so lange dort ausharren müsste, bis jemand von Mapei anrufen würde.

Das Angebot war so überraschend gekommen, dass ich plötzlich Panik hatte, der Manager könnte anrufen und mich nicht erreichen, weil ich mal eben mit dem Hund raus oder in den Laden gegangen war, um eine Tüte Weingummis zu kaufen. Ich fürchtete, dass ihr Interesse ebenso schnell wieder erlahmen könnte, wie es aufgekommen war.

Nachdem ich ein paar bange Tage lang neben dem Telefon gewartet hatte, kam endlich der Anruf. Alvaro Crespi rief an und lud mich zu einer Reihe von Tests nach Italien ein. Allein schon seinen fetten italienischen Akzent zu hören, versetzte mich in helle Aufregung. Ich war damals schon viel herumgekommen, aber in Italien war ich noch nie gewesen. Der Nordwesten von Frankreich, wo ich als Amateur gelebt hatte, war das eine. Jeder ging damals nach Frankreich. Es war fremd, aber nicht exotisch. Italien war etwas ganz anderes. Es war weiter weg, es war mediterran und verheißungsvoll und außerdem ein Ort, über den ich so gut wie nichts wusste.

Ich nahm Crespis Anruf am Erkerfenster entgegen, das von unseren Hunden vollgesabbert war, die dort den ganzen Tag hockten und Passanten ankläfften. Über unser blaues Plastiktelefon seinen fremdländischen Akzent zu hören, kam mir vor, als würde ich eine Botschaft aus einem fremden Universum empfangen. Es war völlig surreal. Eben noch hatte kein Hahn nach mir gekräht und sich nicht einmal kleine Teams für mich interessiert, jetzt plötzlich warb der größte Profirennstall des Planeten um meine Dienste. Fast hätte ich geschrien: »Sie haben den Falschen erwischt!«

Ich hätte ihn gerne gefragt: »Haben Sie sich das auch gut überlegt?«

Für Belgier und Franzosen war der Weg ins Profigeschäft wesentlich geradliniger: Der eigene Trainer schleppte sie zu irgendwelchen Rennen und machte sie mit den richtigen Leuten bekannt; irgendwann fingen sie an, gemeinsam mit Profis zu trainieren, und sie wussten praktisch von Anfang an genau, was sie zu tun hatten und wohin die Reise ging. In England aber war man als junger Radrennfahrer zu dieser Zeit vollkommen auf sich allein gestellt. Es gab keinen wirklichen Austausch mit den Leuten, die man bei den Rennen traf, und meine Kollegen, mit denen ich damals in der Nationalmannschaft fuhr, waren sogar noch grüner hinter den Ohren als ich.

Nach dem Anruf von Crespi reiste ich im Vorfeld der WM zu Tests nach Italien und wohnte mit meinem Trainer Ken Matheson (dem damaligen Cheftrainer des britischen Verbandes) am Ufer des Comer Sees. Dort eröffnete sich mir eine wahre Welt der Wunder; ich erlebte unzählige »Kneif mich«-Momente. Als ich zum ersten Mal das italienische Fernsehen einschaltete und auf Dutzende herrlich komischer Trash-Sender stieß, war ich außer mir vor Begeisterung. Es war auf die theatralische Weise exotisch, wie sie für Italien typisch ist, angefangen vom warmen Herbstlicht bis hin zum Spinner auf dem Shopping-Kanal, dem angesichts der sagenhaften Schnäppchen, die er ekstatisch anpries, beinahe die Luft wegblieb.

Ich fand mich im Trainingszentrum von Mapei ein und staunte über die reibungslosen, professionellen Abläufe. Ich saß in einem echten italienischen Stau fest (ein Erlebnis für sich, wenn man ein solches Hupkonzert nie zuvor gehört hatte), während der legendäre Trainer Max Testa uns beiläufig Geschichten aus der Zeit erzählte, als das Motorola-Team während der Saison in Europa seinen Sitz am Comer See hatte. Es war, als hätte sich vor mir eine Tür geöffnet, durch die ich nur hindurchgehen musste. Ich konnte nicht fassen, dass sie sich für mich geöffnet hatte.

Nachdem ich eine Reihe von Tests mit dem Team absolviert hatte, war ich guten Mutes, als ich Crespi und Parsani in Verona wiedertraf, aber weil noch nichts in trockenen Tüchern war, hatte ich nicht die Gewissheit, dass sich mein Traum wirklich erfüllen würde. Als ich mich an jenem Tag in Verona warmfuhr, sahen mir Crespi und Parsani eine Weile zu, wie mir immer heißer und mein Gesicht immer röter wurde und mir der Schweiß ausbrach, während die Minuten bis zu meiner Startzeit heruntertickten. Schließlich hielten sie den richtigen Moment für gekommen. Ich bekam die Worte zu hören, die ich hören wollte: »Alles klar für nächstes Jahr. Wir holen dich in die Mannschaft. Morgen kommen wir mit dem Papierkram ins Hotel.«

Endlich hatte ich die Gewissheit. Ich würde tatsächlich bei einem Profiteam unterschreiben, noch dazu beim besten der Welt: Ich würde eine Karriere als Radprofi machen.

Ich wäre beinahe von der Rolle gefallen.

Ich war quasi das ganze Jahr hindurch einer der erfolgreichsten Amateurrennfahrer gewesen, aber weil ich keine Angebote erhielt, kam es mir dennoch fast so vor, als wäre ich gescheitert. Plötzlich jedoch versicherte mir die beste Mannschaft der Welt, mir einen Platz im Team geben zu wollen. Von außen betrachtet ergab es durchaus Sinn, für mich aber kam es wie ein Schock. Weil alles so schnell und auf so surreale Weise vonstattenging, hatte ich das Gefühl, auf einen raffinierten Scherz hereingefallen zu sein.

Das war ein Gefühl, das ich nie ganz abschütteln konnte, obwohl ich unheimlich stolz war, als ich bei einem so renommierten Rennstall meinen ersten Profivertrag unterschrieb. Doch die Freude darüber, es geschafft zu haben, währte nur kurz. Als mir der Ernst der Lage bewusst wurde, fing ich nicht an zu tanzen und zu feiern, sondern machte mir stattdessen in die Hose – schon jetzt wollte ich meine zukünftige Mannschaft auf keinen Fall enttäuschen, indem ich ein schlechtes Zeitfahren hinlegte.

Ich kehrte mit dem Vertrag in der Hand von den Titelkämpfen zurück, und der Ex-Profi und Sportreporter Paul Sherwen rief an, um zu gratulieren. Paul hatte mir zu Beginn meiner Karriere zur Seite gestanden und versicherte mir natürlich, wie toll es sei, einen Vertrag unterschrieben zu haben. Aber er erklärte mir auch, dass es erst der erste Schritt wäre. Bisher sei ich als Radrennfahrer praktisch noch zur »Schule« gegangen, nun hätte ich den Sprung an die »Universität« geschafft – mehr aber auch nicht. Sherwen ermahnte mich, niemals zu vergessen, welch hartes Brot der Radsport sei. Bislang sei alles wie geschmiert gelaufen, aber als richtiger Profi dürfe ich mich erst dann fühlen, wenn ich einen Anschlussvertrag bekäme. »Rein kommen viele«, sagte er, »aber durchsetzen können sich nur wenige.«

Die Angst, niemals einen Vertrag zu bekommen, wich der Angst, keinen zweiten zu erhalten. Pauls Mahnung gab den Ton für meine ganze Karriere vor. Ich fing sofort an, alles dafür zu tun, mich nützlich zu machen, mich unersetzlich zu machen, nicht in Vergessenheit zu geraten, wenn die Zeit für eine Vertragsverlängerung käme.

Den Großteil meiner Karriere schien ich von dem Gedanken getrieben zu sein, irgendwie durchhalten zu müssen – bis zur nächsten Runde, zur nächsten Etappe, zur nächsten Saison. Es war eine kontinuierliche negative Motivation. Außenstehende nehmen Radprofis vielleicht wie in die Haarspitzen motivierte Wesen wahr, die nichts dem Zufall überlassen – dieser ganze Quatsch von wegen »ultimative menschliche Höchstleistungen«. Dabei sind es in Wirklichkeit echt beschissene Dinge, die einen antreiben, zum Beispiel der Gedanke, wie peinlich es wäre, vorzeitig auszusteigen, weil man weiß, wie es sich am Montag anfühlen wird, keinen guten Job gemacht zu haben. Vieles von dem, was mich anspornte, diente vor allem dazu, mir ein ruhiges Gewissen zu verschaffen.

Sherwen wusste, dass ich mir keine Vorstellung davon machte, worauf ich mich einließ, als ich meinen ersten Profivertrag unterschrieb. In den folgenden Jahren sollte ich das wahre Antlitz meines Sports kennenlernen, und zwar auf die ganz direkte und brutale Weise – fast so, als würde man ein Tier, das man überfahren hat, eigenhändig sezieren müssen.

Wie es ist, ein großer Champion zu sein, werde ich nie erfahren. Was ich Ihnen erzählen kann, ist, wie es ist, mit dem Radfahren seine Brötchen zu verdienen. Der Job eines Radprofis ist außergewöhnlich, aber das Peloton besteht aus ganz normalen Typen, wie ich es bin, die hart, sehr hart gearbeitet haben, um irgendwann einen Beruf ausüben zu dürfen, der sie bisweilen bloßstellt und manchmal überfordert. Ich wollte kein Buch darüber schreiben, wie schwer es ist, Radprofi zu werden; ich möchte über das Leben berichten, das man führt, wenn man einer geworden ist.

Radprofi zu werden, war etwas, für das ich mich ganz bewusst entschieden habe, und diese Entscheidung traf ich lange, bevor die beiden Männer von Mapei in Kanada an mich herantraten. Für mich war schon früh klar: Ich würde es schaffen, und bis ich es nicht geschafft hätte, würde ich keinen Frieden finden.

KAPITEL 1

ETWAS, DAS ICH TUN MUSSTE

»Monsieur Chaminaud … Charly Wegelius.«

Ich bemerkte die verständnislose Miene des Herrn in mittleren Jahren, der vor mir gegen den Kofferraum des weißen Teamfahrzeugs gelehnt stand, und beschloss, es noch einmal zu versuchen. Ich streckte die Hand aus und wiederholte, diesmal mit noch ausgeprägterem französischen Akzent, der den ungewöhnlichen Klang meines finnischen Nachnamens bis zur Unkenntlichkeit verzerrte:

»Char-lieh Weg-je-lie-üs.«

Nach einem bangen Moment des Zögerns schien bei ihm der Groschen zu fallen, und eine kalte Hand ergriff die meine und schüttelte sie zur Begrüßung. Trotz meiner Erleichterung darüber, dass Jean-François Chaminaud sich endlich entsann, wer ihm gegenüberstand, war das nicht gerade der Empfang, den ich mir erhofft hatte. Hinter dem Lächeln auf dem Gesicht meiner einzigen Bezugsperson beim französischen Amateurteam Vendée U, an dessen Stützpunkt ich soeben eingetroffen war, meinte ich einen Blick zu erkennen, der mit einem Anflug von Panik zu sagen schien: »Ach du Scheiße – bist du echt gekommen?«

Fairerweise muss ich sagen, dass ich nicht den besten Moment erwischt hatte, um mich bei meinem neuen Team vorzustellen. Als wir nach einer nächtlichen Fährüberfahrt am vereinbarten Treffpunkt ankamen, machte sich der Rest der Mannschaft gerade zum morgendlichen Training auf. Während ich nervös aus dem roten Ford Fiesta meiner Mutter stieg und die Gitane-Räder auf dem Dach des Vendée-U-Teamwagens sah, rollten die Fahrer allein oder zu zweit in den Morgen davon. Manche hatten argwöhnisch herübergeblickt, andere interessierten sich nicht die Bohne für den bebrillten blonden Teenager, der eben aufgetaucht war und darauf wartete, dass sich jemand um ihn kümmerte.

Von meinen Teamkollegen bewusst ignoriert zu werden, war etwas, woran ich mich in meiner Zeit als Amateur in Frankreich gewöhnen sollte, aber damals empfand ich es als eine ziemlich seltsame Art der Begrüßung. Für mein Dafürhalten war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort, als ich an diesem Morgen in Le Domaine Saint-Sauveur, ein paar Kilometer von La Roche-sur-Yon in der Vendée entfernt, eintraf, aber es stellte sich bald heraus, dass ich mit dieser Einschätzung alleine dastand.

1996 war Radfahren noch ein Sport, der weitgehend auf dem europäischen Festland stattfand. Als junger britischer Fahrer mit Ambitionen blieb einem nur eine Wahl: Man musste seine Heimat verlassen und jenseits des Ärmelkanals sein Glück versuchen. Das war ein Weg, den britische Radfahrer seit Generationen gegangen waren. Radrennsport war in Großbritannien eine Randsportart – das war schon immer so, und man hatte das Gefühl, dass sich das auch niemals ändern würde. Um es als Brite, Australier oder Amerikaner in den Profibereich zu schaffen, reichte es nicht, ein guter Fahrer zu sein, man musste auch zeigen, dass man das Zeug hatte, sich »da drüben« durchzusetzen.

Die Kommunikation zwischen Großbritannien und dem Festland ging damals noch quälend langsam vonstatten. Ein paar Monate vor meiner Ankunft in Frankreich hatte der britische Journalist Kenny Pryde mich in losen Kontakt mit Vendée-U-Trainer Jean-François Chaminaud gebracht. Nach einem handschriftlichen Briefwechsel hatte sich Chaminaud aus unerfindlichen Gründen bereiterklärt, mich aufzunehmen. Damals dachte ich mir nichts dabei, aber es war durchaus ungewöhnlich, dass eine Mannschaft wie Vendée U sich auf so etwas einließ. Ich war erst 17 und fiel noch in die Juniorenkategorie, ich war also nicht einmal alt genug, um an den gleichen Rennen teilzunehmen wie die anderen Fahrer im Team. Da ich damals immer einen Schritt weiter sein wollte, als gut für mich war, war es nur logisch, dass ich mich ausgerechnet bei Vendée U beworben hatte, der damals besten Amateurmannschaft in Frankeich. Jetzt war ich also da, nur einen Tag nachdem ich meinen Schulabschluss gemacht hatte, und brannte darauf, mein Leben als Radrennfahrer zu beginnen.

Das Absurde meiner Situation war nicht das Einzige, was über meinen Horizont ging. Abgesehen von meiner Vereinsmannschaft VC York war ich nie Teil eines organisierten Rennstalls gewesen, und so hatte ich keine Vorstellung von den verwickelten Strukturen, die innerhalb eines richtigen Radsportteams herrschen konnten. Ich ahnte nichts von Seilschaften und verfeindeten Lagern. Der VC York hatte mir eine Rennlizenz besorgt und mich in seinem Trikot antreten lassen, aber es war nur ein kleiner Radsportverein, der ein Mal im Jahr ein Rennen und ein Clubdinner organisierte, mehr nicht. Als ich daher voller Freude das scheinbar konkrete Angebot von Vendée U annahm, war ich nicht darauf vorbereitet, dass die eine Hälfte der Mannschaft nicht mit der anderen sprach und Chaminaud, der innerhalb der Teamhierarchie nur eine Randfigur war, niemand davon unterrichtet hatte, dass ich käme. Als ich eintraf und mich vorstellte, waren Fahrer, Betreuer und Teamleiter Jean-René Bernaudeau vollkommen überrascht von meiner Ankunft.

Das Team steckte mitten in den Vorbereitungen für die Landesmeisterschaft im Mannschaftszeitfahren und hatte daher weder Zeit noch Lust, die Trainingseinheit wegen des unangekündigten Auftauchens eines dürren englischen Bengels zu verschieben. Sichtlich verlegen hatte Chaminaud eine kurze Unterredung mit Bernaudeau, die fast ausschließlich aus Grunzlauten zu bestehen schien. Man wies mich an, mich nicht von der Stelle zu rühren, und versprach, sich nach dem Training um mich zu kümmern. Meine Mutter war inzwischen wieder aufgebrochen, um ihre Fähre zu erwischen, so dass ich ganz allein zurückblieb. Ich suchte mir ein Plätzchen im Empfangsbereich der Teamzentrale und beschloss, mich zu setzen und zu warten.

Meine Reaktion war damals typisch für mich. Jemand, der für meine Karriere wichtig sein könnte, hatte mich aufgefordert zu warten, also wartete ich und dachte mir nichts weiter dabei. Ich stellte keine Fragen, und es gab keinen Teil von mir, der daran zweifelte, das Richtige zu tun, oder sich wunderte, worauf ich mich eingelassen hatte. Ich war so wild entschlossen, dass ich keinen Gedanken an Heimweh verschwendete. Ich liebte meine Mutter und wusste, dass es nicht leicht wäre, so weit weg von zu Hause zu sein, aber gleichzeitig war mir klar, dass sie im Hinblick auf meine Ziele nicht mehr für mich tun konnte, als mich hierherzubringen. Von nun an würde es andere Leute geben, denen ich zuhören müsste, und die Vorstellung, mich solchen Gefühlen wie Heimweh hinzugeben, erschien mir wie reine Zeitverschwendung. Es war, als hätte ich diesen Teil meines Verstands einfach mit dem Skalpell herausgeschnitten und zurückgelassen, als ich meine Sachen packte und nach Frankreich aufbrach, weil er mir ja fortan eh nicht mehr von Nutzen sein würde.

Ich weiß eigentlich bis heute nicht genau, warum ich unbedingt Radprofi werden wollte. Ich war ganz gut in der Schule, ich kam nicht aus ärmlichen Verhältnissen und ich war nicht darauf angewiesen, mir auf diese Weise meine Brötchen zu verdienen. Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich zwei Jahre alt war, ich kannte es also nicht anders und war so glücklich, wie man als Kind nur sein kann. Ich führte ein für mein Dafürhalten vollkommen normales Leben. Ich wuchs mit meinem Bruder Eddie und meiner Mutter Jane in York auf, verbrachte die Sommer und Schulferien aber bei meinem Vater in Finnland. Als wir jung waren, reisten Eddie und ich ziemlich viel zwischen den beiden Ländern hin und her. Eddie war vier Jahre älter als ich. Er nahm seine Verantwortung für mich sehr ernst und passte gut auf mich auf. Ich war sein kleiner Bruder, und er achtete stets darauf, dass mir auf unseren Reisen nichts passierte, und hielt jeglichen Ärger von mir fern.

Wir liebten es, nach Finnland zu fahren. Das ganze Land kam uns wie ein einziger Spielplatz vor. Die finnische Landschaft war so unberührt, dass sie uns wie eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten erschien. Es war ruhig und sicher, wir konnten in jede Richtung so weit laufen, wie wir wollten, und uns trotzdem darauf verlassen, dass jeder, den wir trafen, unseren Vater kannte und wusste, wer wir waren. Unser Vater wollte, dass wir unabhängig waren und uns selbst beschäftigten, weswegen er uns viele Freiheiten ließ. Eddie und ich waren voller Abenteuerlust, und uns selbst überlassen streunten wir herum wie wilde Hunde, kletterten im Wald auf Bäume, sprangen in Seen, fuhren auf der Farm den Traktor und tollten in den Ställen im Heu herum.

Dann gab es bisweilen Momente, in denen unser Vater es sich in den Kopf setzte, uns zu erziehen. Etwas zu tun, ohne dabei sein absolut Bestes zu geben, kam für unseren Vater nicht Frage, selbst wenn es sich um die banalsten alltäglichen Verrichtungen handelte. Er wollte uns ermuntern, uns ständig weiterzuentwickeln. Dieser Einfluss war es, der vielleicht mehr als alles andere den Nährboden für meinen unbedingten Ehrgeiz bereitete. Beim Baden im Schärenmeer suchten wir nach immer höheren Felsen, von denen wir uns ins eiskalte Wasser stürzten. Die Familienausflüge mit dem Fahrrad wurden länger und länger, bis ich schon als Neunjähriger Radtouren von mehr als hundert Kilometern unternahm.

Aufeiner dieser Touren gerieten wir 20 Kilometer von zu Hause in einen heftigen Sommerregen. Der Regen prasselte auf uns herab, und es wurde so finster, dass wir sicherheitshalber hintereinanderfuhren. Da ich der Jüngste war, fuhr ich vorneweg. Alles, woran ich denken konnte, war, nach Hause zu kommen und heiß zu duschen. Das Rad wog eine Tonne und hatte nur einen Gang und eine Rücktrittbremse, aber ich hämmerte in die Pedale und nahm immer mehr Tempo auf. Ich fuhr über den Lenker gekrümmt und spürte, wie mir das eiskalte Wasser in die Schuhe rann. Ich blinzelte auf die Straße vor mir und dachte an nichts anderes als daran, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Als ich dort ankam, stellte ich erstaunt fest, dass ich ganz alleine war. Ich hatte keinen Sturz mitbekommen und dachte mir daher nichts weiter dabei und ging ins Haus. Als mein Vater und Eddie eintrafen, war ich bereits geduscht und aufgewärmt. Eddie war fassungslos. »Warum zur Hölle bist du einfach abgehauen?«

»Ich bin einfach nur gefahren. Ich wollte euch nicht abhängen. Ich wollte nach Hause.«

»Warst du nicht müde? Wir kamen nicht mehr mit. Du bist einfach abgedampft.«

»Klar war ich müde. Ich war völlig im Eimer und mir war arschkalt. Aber ich wollte nach Hause, also habe ich Gas gegeben. Ich dachte, ihr wärt direkt hinter mir.«

»Na ja, hast du dich nicht umgeguckt?«

Mir dämmerte, dass ich das nicht getan hatte. Ich dachte, er wäre sauer, dass ich ihn stehen gelassen hatte. Aber Eddie war nicht sauer, dass ich schneller war als er; er verstand nur nicht, wie jemand einfach abhauen konnte, ohne sich nach den anderen umzusehen. Eddie fehlte die skrupellose Mentalität eines Leistungssportlers, die ich offenbar mit Löffeln gefressen hatte.

Während Eddie staunte, war mein Vater, nachdem er den Schock, von seinem Jüngsten abgehängt worden zu sein, erst einmal verdaut hatte, ziemlich beeindruckt. Für ihn war alles, auch Zuneigung und Aufmerksamkeit, eine Frage der Leistung. Weil ich nichts anderes kannte, hielt ich das für ganz normal. Nur die fassungslosen Mienen von Freunden der Familie, wenn sie von meinen Heldentaten erfuhren, ließen erahnen, dass es ungewöhnlich war.

So wie viele Kinder versuchte ich mich von klein auf in allen möglichen Sportarten und ich fand, dass ich ziemlich gut darin war. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich einen Sport finden würde, dem ich mich ernsthaft widmen könnte. Als ich das Radfahren entdeckte, war mir sofort klar, dass ich den richtigen Sport für mich gefunden hatte. Es war etwas Besonderes daran – ich war zu jung und zu aufgedreht, um mich jemals zu fragen, was genau es war, aber anders als andere Sportarten, an denen ich recht schnell das Interesse verlor, zog es mich von Anfang an in seinen Bann.

Es war 1990, als ich den Radsport wirklich für mich entdeckte. Meine Mutter nahm mich zu ein paar Kriterien in York mit, wo ich unter anderem Malcolm Elliott sah, der im Jahr zuvor das Punktetrikot bei der Vuelta a España gewonnen hatte. Auf mich wirkte er wie ein verdammter Gladiator. Er war braun gebrannt, und seine Beine sahen aus, als wären sie aus Mahagoni geschnitzt worden. Mit seinem Teka-Stirnband und diesem umwerfenden Mädel im Schlepptau sah er dermaßen cool aus. Alles an ihm schien zu strahlen: sein Rad, seine Schuhe, er selbst. Er ließ Radrennfahrer wie etwas Außergewöhnliches erscheinen. In gewisser Weise sahen Radprofis nicht wie normalsterbliche Menschen aus; ihre Körper glichen eher Maschinen, die fürs Radfahren gemacht waren. Ich konnte meine Augen kaum von ihm lösen. Er war so etwas wie die Verkörperung aller Helden, die ich hatte. Es beeindruckte mich auch, wenn ich beispielsweise einen älteren Jungen sah, der ein paar coole Tricks auf seinem BMX-Rad draufhatte, aber das hier war noch mal etwas ganz anderes. Das hier war viel mehr. Es war so aufregend. Es kam mir vor, als wäre ein Filmstar aus der Leinwand gestiegen.

Malcolm Elliotts Auftritt in York hinterließ einen bleibenden Eindruck, war aber leider viel zu kurz. Ich wollte mehr, und so schaute ich mir im Sommer die Kellogg’s Tour an, die nicht weit von zu Hause entfernt über die White Horse Bank führte. Robert Millar war für das Team Z dabei und trug das Bergtrikot. Ich kann mich noch gut an seinen Blick erinnern, als er den Anstieg bezwang. Ich war berauscht davon, in den Mienen der Fahrer zu erkennen, wie sehr sie sich quälten.

Der Radrennsport war damals bei uns in England keine große Nummer, aber die tollen Rennen zu sehen und von den Fahrern mit ihren fremdartig klingenden Namen zu hören, die für exotisch wirkende Teams fuhren, weckte in mir den Wunsch, selbst Teil dieser aufregenden Welt zu werden. Der Straßenradport hatte seine Wurzeln nicht in England, so wie Fußball oder Cricket, er stammte von einem ganz anderen Planeten. Und ich war zunehmend besessen von allem, was diese ferne Welt des professionellen Radfahrens zu verheißen schien. Die einwöchige Kellogg’s Tour of Britain und die einstündigen Kriterien waren mir schon bald nicht mehr genug. Meine Aufmerksamkeit richtete sich auf das größte Rennen von allen: die Tour de France.

Die Tour war das Größte, was ich mir ausmalen konnte. Ich war so erfüllt davon, die Tour zu verfolgen und von der Tour zu träumen, wie man es nur als Kind sein kann, wenn man die entsprechende Freizeit hat. Ich besorgte mir Michelin-Regionalkarten der Alpen und vertiefte mich in sie. Ich war jung und ein Tagträumer, aber in mir reifte bereits die Entschlossenheit, diese Träume eines Tages Realität werden zu lassen. Wenn ich mir den Col de la Croix de Fer auf der Karte ansah, war es fast so, als würde ich den realen Ort ergründen. Bourg d’Oisans war, wie mir klar wurde, keine geheimnisvolle Fantasiestätte wie aus einem Buch von Tolkien, sondern es war ein realer Ort, an dem Menschen lebten, zur Schule gingen und arbeiteten.

Straßenkarten von Südfrankreich sind nicht unbedingt das, wofür Elfjährige normalerweise ihr Taschengeld ausgeben, aber für mich bildeten sie eine Verbindung zwischen meinem eigenen Leben in York und der unvorstellbar exotischen Welt des Profiradsports. Indem ich mir diese Karten kaufte und versuchte, mich an diese Orte zu versetzen, unternahm ich die ersten Schritte, um diese Kluft zu schließen. Meine ersten Gehversuche in Richtung einer Profikarriere musste ich aber vor der eigenen Haustür machen.

»Mum, du musst für mich einen Brief an den Direktor schreiben.«

Es war schon recht spät für ein Abendessen unter der Woche, aber meine Trainingsfahrt war wie üblich viel länger ausgefallen, als ich angekündigt hatte. Es war schon fast neun, und meine Mutter sah mich an, während sie mir die Portion Shepherd’s Pie servierte, mit der sie auf mich gewartet hatte.

»Und warum, Charles?«

»Ich verschwende in der Schule meine Zeit und ich glaube, ich könnte sie besser nutzen.«

»Wie meinst du das?«

Ich war stets dazu ermuntert worden, so zu denken und mich auszudrücken wie ein Erwachsener, und jetzt, mit 15 und zunehmendem Selbstvertrauen, fing ich an, meine Meinung unverblümt zu äußern. Ich trug meine Argumente vor.

»Ich möchte am Mittwochnachmittag meine Zeit nicht mehr mit Schulsport verschwenden, sondern sie zum Radfahren nutzen. In der Schule geht es ja darum, mich auf meine Zukunft vorzubereiten, und da ich weiß, dass ich später nicht Rugby oder Fußball spielen möchte, sondern Radprofi werde, ist das Training wichtiger als alles andere. Ich würde keinen Unterricht versäumen und außerdem mag ich es nicht, im Dunkeln zu trainieren: Es ist gefährlich und außerdem bleibt keine Zeit für Hausaufgaben, wenn ich nach Hause komme …«

Meine Mutter wusste schon, dass ich Radprofi werden wollte. Bis dahin hatte es nie Diskussionen darum gegeben, ob es mir gestattet würde, eine Laufbahn als Leistungssportler einzuschlagen. Mein Vater hatte als Springreiter Karriere gemacht, und wenngleich es grundsätzlich schwer umzusetzen und naturgemäß nicht planbar war, einen Sport zum Beruf zu machen, hatte meine Mutter, mehr als jeder andere, stets ohne Wenn und Aber an mich geglaubt. Als ich als Zehnjähriger erstmals davon gesprochen hatte, die Tour de France fahren zu wollen, hatte sie meinen Wunsch akzeptiert und sich große Mühe gegeben, mir beim Einstieg zu helfen, und mich zu Wettkämpfen im ganzen Land gefahren. An den Wochenenden saß sie, mit der Sunday Times und einer Thermoskanne Tee, auf Parkplätzen vor irgendwelchen Gemeindehäusern im Auto und wartete geduldig darauf, dass ich das Rennen, das ich gerade absolvierte, hinter mich brachte. Das war ihre Art, mich zu unterstützen. Nach jedem Rennen überließ sie es mir, ob ich auf dem Heimweg darüber sprechen wollte, wie es gelaufen war, oder eben nicht. Auch wenn ich auf der ganzen Rückfahrt nur mürrisch dasaß und kein Wort sagte, war sie nie genervt oder zudringlich. Mein Rennen war mein Rennen, und es war eben gelaufen, wie es gelaufen war, und das stellte sie nie in Frage. Ebenso stand nie zur Debatte, dass ich meine Ausbildung abschließen würde – das erschien mir nur fair. Ich ging weiterhin zur Schule und bekam ordentliche Noten, und im Gegenzug durfte ich praktisch meine ganze Freizeit auf dem Rad verbringen. Nun aber stand die Frage im Raum, ob es mir zu einem wichtigen Zeitpunkt meiner Schullaufbahn erlaubt werden sollte, den Schwerpunkt endgültig auf den Radsport zu verlegen. Obwohl die Abschlussprüfungen kurz bevorstanden, war es nur logisch, dem Radfahren mehr Zeit zu widmen – so sah ich es jedenfalls. Es war plausibel und es war machbar und es würde mir meinen Altersgenossen gegenüber einen Vorteil verschaffen.

Meine Mutter blickte auf die Uhr an der Wand, bevor sie wieder mich ansah und ohne eine Spur von Widerwillen sagte: »Tja, wenn du meinst, dass du deine Zeit auf dem Rad sinnvoller nutzen kannst, werde ich den Brief schreiben.«

Das war die Antwort, auf die ich gehofft hatte. Ich wusste nun, dass ich den Segen meiner Mutter hatte, das eigentliche Ziel zu verfolgen, das ich mir gesetzt hatte.

Zwei Wochen später, nachdem ich rasch zu Mittag gegessen und in der Schulumkleide in meine Radklamotten geschlüpft war, holte ich mein Rad aus dem Schuppen. Als ich in die Pedale einklickte und Richtung Schultor rollte, verspürte ich eine fast unbeschreibliche Erregung. Der Schulleiter der Bootham School hatte mir erlaubt, den Sportunterricht am Mittwochnachmittag auszulassen und stattdessen in Eigenverantwortung auf dem Rad zu trainieren. Als ich durch das Tor fuhr und der Lärm des Schulhofs allmählich hinter mir verklang, verspürte ich ein Gefühl von Freiheit und Genugtuung, wie ich es in meinem Leben noch nicht gekannt hatte. Ich ließ den gewöhnlichen Alltag hinter mir und machte mich auf den Weg in die Welt, die ich mir erträumt hatte.

Es war nicht nur der physische Akt des Radfahrens, von dem ich besessen war. Ich wollte unbedingt alles wissen, was über die Welt des Radrennsports zu erfahren war. Ich verschlang jede Geschichte darüber, wie andere junge englische Fahrer sich durchgesetzt hatten, die ich irgendwie auftreiben konnte. Ich las jedes Buch und jedes Magazin zum Thema. In gewisser Weise war das Aufspüren solcher Geschichten nicht weniger aufregend als alles andere. Damals gab es kein Internet und auch sonst keine einfache Möglichkeit, an diese Informationen heranzukommen. Der Profiradsport wurde mir sozusagen tröpfchenweise verabreicht, mittels Begegnungen, Gemunkel und weitergereichten Büchern und Erzählungen.

Natürlich suchte ich den Kontakt zu Leuten, die mir hinsichtlich meiner Ziele behilflich sein könnten. Die Unterstützung meiner Mutter war ungemein wichtig, aber als ich in die Juniorenklasse kam, wusste ich, dass ich von nun an auf Leute angewiesen wäre, die sich im Profizirkus auskannten.

Ich traf Mike Taylor zum ersten Mal bei der Junior Tour of Ireland im Herbst vor meiner Abreise nach Frankreich. Mike war kurz zuvor zum Leiter der britischen Junioren-Nationalmannschaft ernannt worden, für die ich nominiert wurde. Ich fühlte mich bei Mike gleich gut aufgehoben. Er war schon seit einer scheinbaren Ewigkeit im Geschäft, er verstand die Fahrer und er verstand den Sport. Er hatte mehr Ahnung von diesem Metier als jeder andere, den ich bis dahin kennengelernt hatte. Mike war nichts für Zartbesaitete. Er war direkt und ließ sich nichts gefallen. Nach nur einer Woche in Irland schien ich eine der Schlüsselfiguren für meine berufliche Zukunft gefunden zu haben. Ich wollte wissen, wie ich es zum Profi bringen könnte, und ich wusste, dass Mike mir dabei helfen könnte. Nachdem wir aus Irland zurückgekehrt waren, hing ich fast täglich an der Strippe und bombardierte Mike mit Fragen über Fragen. Dank seiner Ratschläge erkannte ich bald, welchen Weg ich einschlagen müsste.

Die bewährte Weise, um es in den Profizirkus zu schaffen, war, auf das europäische Festland zu gehen und es darauf ankommen zu lassen. Es gab keine Schulen oder Akademien; alles hing vom persönlichen Engagement und einer Menge Unwägbarkeiten ab. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Seit den 1960er Jahren hatte sich an diesem Ablauf kaum etwas verändert: Um sich als britischer Fahrer Anerkennung im Peloton zu verschaffen, musste man sich an das Leben in einem anderen Land anpassen. Es gehörte mehr dazu, als von zu Hause auszuziehen und sich einen Job zu suchen. Man musste komplett seine Zelte abbrechen und bereit sein, alles zu tun, was einem von französischen oder belgischen Teamleitern – die keinerlei Aufsichtspflicht für ihre Schützlinge hatten – gesagt wurde, um das entscheidende Quäntchen besser zu sein als die anderen. Für mich, und vielleicht auch für andere, war es ein Teil des Anreizes, sich auf dem Festland als Profi durchzusetzen – es dort zu schaffen, war für einen britischen Radsportler ein echter Ritterschlag, denn das gelang nur ganz wenigen, und es war ein hartes Stück Arbeit. Als ich in Frankreich im Trainingslager von Vendée U eintraf, gab es nicht mehr viel, was mich hätte schrecken können. Innerlich war ich überzeugt: Mich würde nichts aufhalten.

* * *

In Frankreich ließen sich die Dinge anfangs weiterhin kompliziert an. Nachdem ich geduldig auf sie gewartet hatte, kehrte die Mannschaft schließlich von ihrer Trainingsfahrt zurück, und gemeinsam fuhren wir zur Unterkunft in Saint-Maurice-le-Girard. Dort stellte sich erneut heraus, dass mein Timing nicht besonders gut war. Auf der Fahrt erklärte man mir, dass sich ein Typ aus Polen um das Haus kümmerte, der früher selbst gefahren war, mittlerweile aber die Straße runter in Bernaudeaus Sportgeschäft arbeitete. Das Haus bewohnte er mit seiner Frau und den ausländischen Fahrern des Teams: Aidan Duff, Piotr Wadecki aus Polen und Janek Tombak aus Estland. Aidan war Ire und gerade zu einem Rennen unterwegs. Ich hatte von ihm gehört und war froh, wenigstens einen englischsprachigen Mitstreiter zu haben. Ich lernte ihn aber erst ein paar Tage später kennen.

Offenbar erpicht darauf, rechtzeitig zum Abendessen daheim zu sein, machte Bernaudeau mit mir, ohne sich von der Stelle zu rühren, eine Express-Führung durchs Haus. Er wedelte mit den Armen in Richtung verschiedener Türen, die von unserem Standort im Flur aus zu sehen waren. Nachdem er den Kopf zur Küche reingesteckt hatte und unter erstauntem Geschnatter der Osteuropäer erläuterte, dass ich von nun an ihr Mitbewohner wäre, wandte er sich an mich und sagte: »Sieh zu, dass du bis 13 Uhr geduscht hast. Danach gibt’s kein heißes Wasser mehr.« Und weiter: »Hier herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Achte darauf, deine Lebensmittel zu kennzeichnen, falls du nicht willst, dass sie ein anderer isst.« Damit war die Einführung beendet, und Bernaudeau zog ab. Das war’s.

Die Unterkunft selbst war sehr schlicht. Sie wirkte auf mich wie ein Ort, an dem alte Leute wohnten oder sogar vor kurzem jemand gestorben war. Es machte auf jeden Fall den Anschein, als hätten die Bewohner soeben noch genug Kraft, um das Allernötigste sauber zu halten. Alles andere war verstaubt, und überall lagen irgendwelche vergessenen Dinge herum, die dort nicht hingehörten. Vendée U mochte das beste Team in Frankreich sein, aber die Fahrerunterkunft hatte eher etwas vom Versteck einer verfluchten Terrorzelle.

Ich sah mich noch einmal um, verzog aber keine Miene. Mir war klar, dass ich keine Wahl hatte, wollte ich Radprofi werden. Es war eine Art Initiationsritus.

Ein Teil von mir schätzte sich ehrlich gesagt sogar glücklich darüber. Die Geschichten meiner britischen Vorgänger hatten mich darauf vorbereitet, den ganzen Dreck, den ich über mich ergehen lassen musste, zu ertragen. Ich fasste diese Prüfungen als einen Prozess auf, der mir die Legitimation verschaffen würde, Profi zu werden. Selbst als ich mich in der armseligen Unterkunft umsah, die von nun an mein neues Zuhause wäre, war das einzige Gefühl, das ich verspürte, das von Schuld. Tief in mir drinnen wusste ich, dass ich es im Vergleich mit meinen Vorgängern noch leicht hatte, denn immerhin würde ich mir eine Telefonkarte von France Télécom kaufen können, um, wenn es gar nicht anders ging, meine Mutter anzurufen.

* * *

Meine ersten Wochen in Frankreich waren ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hatte. Es war nicht so, dass man sich nicht gut um mich gekümmert hätte; man kümmerte sich einfach überhaupt nicht um mich.

Ich musste erst den Mumm aufbringen, aber irgendwann beschloss ich, etwas zu unternehmen. Ich ging zum Büro, in dem Jean-René Bernaudeau telefonierte und Akten wälzte, klopfte an und trat ein. Jean-René schien nicht überrascht, mich zu sehen: In den paar Wochen, seit ich in Frankreich war, hing ich fast ständig in der Teamzentrale herum. Wenn ich nicht gerade auf dem Rad saß und trainierte, hatte ich sonst nicht viel zu tun. Mein Status als Fahrer, der noch in die Juniorenklasse fiel, stellte ein größeres Problem dar, als nur für verlegene Mienen bei meiner Ankunft zu sorgen. Das Team hatte keine Ahnung, wie sie an eine Lizenz herankommen sollten, noch bei welchen Rennen ich als Ausländer antreten durfte. Kurz gesagt wussten sie eigentlich nicht so recht, was sie mit mir anfangen sollten. Die ersten beiden Wochen verbrachte ich damit, zu trainieren, herumzuhängen und kleinere Arbeiten wie Rasenmähen zu verrichten. Eines wurde mir allmählich klar: Wenn ich nicht selbst etwas unternähme, würde es auch niemand anders für mich tun. Ich beschloss also, die Initiative zu ergreifen.

Ich besorgte mir eine Ausgabe des France Cycliste, des Magazins des französischen Radsportverbands, ging damit zu Bernaudeau, schlug die betreffende Seite vor ihm auf und erklärte in meinem Schulfranzösisch: »Est ce que c’est possible de allez faire cette course?«

Jean-René schaute mich etwas überrascht an und bedachte mich mit einem unverbindlichen gallischen Achselzucken, während er ein gedehntes und spekulatives »Ouais …« von sich gab.

Das war genau die Art zurückhaltender Antwort, die ich erwartet hatte. Obwohl es Chaminaud – der Trainer des Teams – gewesen war, der mich eingeladen hatte, für die Mannschaft zu fahren, hatte ich seit unserer anfänglichen Begegnung wenig bis gar nichts mit ihm zu tun gehabt. Es stellte sich bald heraus, dass Jean-René Bernaudeau es war, der den ganzen Laden schmiss und mich jetzt an der Backe hatte.

»Ich bin los und habe mir den France Cycliste und eine Karte besorgt«, fuhr ich fort, »und ich habe geschaut, welche Rennen in der Nähe für mich in Frage kommen. Ich habe mal recherchiert und herausgefunden, dass ich mit einer internationalen Lizenz fahren darf, ich habe also Anmeldungen zu sämtlichen Rennen abgeschickt, die ich nächsten Monat bestreiten kann.«

Er sah mich fassungslos an, und ich konnte sehen, wie ihm buchstäblich ein Licht aufging: »Ach du Scheiße, der Knabe will echt Rennen fahren!« Das erste Rennen fand nur rund eine Stunde von unserer Unterkunft entfernt statt, und nachdem ich mein Anliegen vorgebracht hatte, lag es jetzt an Jean-René.

»Tja, nimm am besten den Transporter vom Laden und fahr selbst hin. Bon chance

Mir den Bulli zu überlassen, fasste ich als deutliches Signal auf, dass ich seinen Segen hatte, also packte ich am Wettkampftag meine Siebensachen zusammen und machte mich auf den Weg. Es war ein Rennen der sogenannten »Nationale«-Kategorie, die für junge Fahrer und berufstätige Freizeitradsportler gedacht waren – ein echtes Amateurrennen also. Als der Startschuss fiel, ging ich das Rennen an, wie ich damals jedes Rennen anging: Ich machte von Anfang an Attacke und riss aus, wenn mir danach war. Ich gewann sämtliche Prämiensprints und auch das Rennen. Nachdem ich meine Prämien eingesackt hatte, packte ich wieder zusammen und machte mich auf den Rückweg. Ich war zufrieden mit mir und machte mir wenig Gedanken darüber, was ich hatte auf mich nehmen müssen, um bei diesem Rennen dabei zu sein. Letztlich war es einfach etwas, das ich tun musste. Aber meine Kollegen und die Betreuer waren baff: »Leck mich, das hast du alles alleine hingekriegt?« Der Sieg war das eine, aber was sie wirklich beeindruckte, das war meine Einstellung. Die meisten Fahrer des Teams hätten nicht im Traum daran gedacht, ohne einen soigneur oder einen Mechaniker oder wenigstens jemanden, der sie hin- und zurückfuhr, zu einem Rennen aufzubrechen. Ich hatte die ganze Sache ganz ohne fremde Hilfe durchgezogen.

Ein gutes Beispiel dafür war die Art, wie wir unsere Räder warteten. Ich reinigte mein Rad nach jeder Trainingsfahrt mit Diesel und zwar so lange, bis es makellos sauber war. Ich achtete darauf, mein Rad jeden Morgen fit fürs Rennen zu machen, jeden verdammten Tag. Die anderen Fahrer und die Betreuer sahen mir dabei zu, und ich war sicher, dass sie sich insgeheim über mich lustig machten. Das Problem war, dass die Fahrer von Vendée U ihr Leben lang von ihren Clubs und Teams mit Rädern ausgestattet worden waren, während ich eigene Rahmen und Komponenten benutzte, auf die ich gespart und die ich von meinem eigenen Geld gekauft hatte. Nach jeder Rennsaison nahm ich mein Rad komplett auseinander und reinigte sämtliche Einzelteile mit Brasso-Metallpolitur und wickelte sie in Zeitungspapier ein, damit sie den Winter warm und trocken überstehen würden. Meiner Ansicht nach musste man seine Sachen hegen und pflegen, weil sie schwer zu bekommen waren. Die Kollegen von Vendée U sahen das anders, und nach ein paar Jahren im Profzirkus hatte auch ich mir diese Einstellung angeeignet. Auch mein Wettkampfrad war später eine Schande, es war ständig schmutzig, und die Reifen meiner Trainingslaufräder waren löchrig wie ein Schweizer Käse. Aber damals, Anfang der Neunziger, stand ich jeden Tag draußen und wienerte wie ein Irrer mein Rad, während meine Kollegen mich auslachten. Es war mir einfach egal.

* * *

Ich gewann in jenem Sommer noch weitere Rennen, aber gegen Ende Juli änderte sich alles.

Während ich mein Rad schob, trug Jean-René meine Tasche und führte mich durch den Vorgarten eines typischen französischen Vorstadthäuschens und klingelte an der Tür. Es war ein warmer Sommerabend, und Sprinkler wässerten träge den gepflegten Rasen vor dem Haus. Während ich auf das Gras blickte, öffnete sich die Tür und ein Mann, der ein paar Jahre älter war als Jean-René und den ich von ein paar Rennen in der Gegend kannte, bat uns herein.

Als wir hineingingen, fiel mir gleich auf, wie dunkel es im Haus war. Wegen der Hitze waren sämtliche Fensterläden tagsüber geschlossen und noch nicht geöffnet worden, um die kühle Abendluft hineinzulassen. Das Haus selbst war ordentlich und sauber, und trotz der seltsamen Stille, die von der Dunkelheit erzeugt wurde, kam es mir irgendwie heimelig vor. Wir gingen in die Küche und nahmen an einem Tisch Platz. Der Mann bot uns höflich etwas zu trinken an. Er öffnete den Kühlschrank und holte ein kaltes Bier für Jean-René und für mich ein Mineralwasser heraus. Dabei drang mir das scharfe Aroma eines vollreifen französischen Käses in die Nase. Es war das erste Mal, dass ich bei richtigen Franzosen daheim zu Gast war. Bis dahin hatte ich in Frankreich mit vier anderen Ausländern zusammengewohnt, und in unserem Kühlschrank roch es nach Schimmel und saurer Milch, und was darin war, hatte weiß Gott nichts Französisches an sich. Hier aber wurde mir gleich bewusst, dass ich mich in einem richtigen französischen Zuhause befand. Der Duft richtigen Essens hätte mich trösten sollen, aber stattdessen wurde mir noch schwerer ums Herz.

Ein paar Tage zuvor hatte ich erfahren, dass ich die Teamunterkunft verlassen sollte, denn Jean-René hatte im wenige Kilometer entfernten Städtchen La Roche-sur-Yon etwas aufgetan, was »passender« für mich wäre. Ohne mich zu fragen, war ausgemacht worden, mich im Haus eines Nachwuchsfahrers unterzubringen, der für den örtlichen Club antrat. La Roche war lose mit Vendée U verbunden und trug ähnliche Trikots, war aber nicht unbedingt das, was man sich unter einem seriösen Radsportteam vorstellte. Dem Club gehörten vor allem ältere Herren und Schüler an. Die Schulferien hatten begonnen, und entweder Jean-René oder die Eltern des Nachwuchsfahrers hatten sich wohl überlegt, dass es sicher nicht schön sein könne, so ganz ohne Altersgenossen in der Teamunterkunft zu wohnen. Vielleicht dachten sie, dass ich ein paar andere Dinge unternehmen würde außer Radfahren und Putzen, wenn ich bei ihnen unterkäme. Das war eine unheimlich freundliche Geste, aber ich war so verbohrt, dass ich am Boden zerstört war, statt mich über die Annehmlichkeiten einer familiären Umgebung zu freuen. Ich kam mir vor wie bei einem Schüleraustausch.

In meinem engstirnigen, verbissen auf mein Ziel ausgerichteten Denken war Vendée U genau der Ort, an dem ich sein musste: Vendée U war der schnellste Weg ins Profigeschäft. Das Leben in der Teamunterkunft war alles andere als einfach. Das ältere polnische Ehepaar war kurz nach meiner Ankunft ausgezogen, und mit den beiden ging auch der letzte Hauch von Sauberkeit und Ordnung verloren. Wir wuschen bestenfalls unsere eigenen Teller und unsere Plätze am Tisch ab, alles andere, wie auch Dusche und Toilette, wurde nicht ein Mal saubergemacht. Die Bude war über alle Maßen abstoßend, trotzdem hatte ich zwei Gründe, dort bleiben zu wollen. Zum einen bedeutete meine bloße Anwesenheit dort, dass ich, selbst wenn ich keine Rennen mit der Mannschaft bestritt, einen Fuß in der Tür hatte. Zum anderen hatte ich das Gefühl, dort einen echten Freund zu haben.

Aidan und ich hatten uns auf Anhieb gut verstanden. Als er nach meinem Einzug von seinem Rennen zurückkehrte, hatte er keine Ahnung, wer ich war und was ich dort zu suchen hatte, aber er schien nicht weiter überrascht, mich in der Unterkunft anzutreffen. Ich stellte mich vor, und es gab keinerlei Probleme, er sagte nur hallo und fing an zu erzählen, als wäre ich schon die ganze Saison da gewesen.

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