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Drausserhalb

Dieses Buch ist ein Roman. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig.

Heike Möller, Jahrgang 1949,

ist seit vielen Jahren als Schriftstellerin tätig.

Sie ist verwitwet, hat drei erwachsene Kinder,

und lebt in Baden-Württemberg

Kapitel 1

April 1949

Kirchtaufen

Ein eisiger Wind wehte durch die alte Kastanienallee, direkt an der Landstraße zwischen Uhlensack und Kirchtaufen. Immer wieder drehten die eisenbeschlagenen Räder des kleinen Handwagens durch, rutschten auf dem sandigen Radweg neben dem Grünstreifen. Ein VW Käfer holperte ihnen auf dem Kopfsteinpflaster entgegen. In seinen trüben Scheinwerfern bemerkte Luise ein beginnendes Schneetreiben. Ihre Stirn fühlte sich an, als sei der Schweiß darauf gefroren. Keuchend zog sie das dunkelblaue wollene Kopftuch tiefer über ihr schulterlanges blondes Haar und verknotete einen Zipfel über die spröden Lippen. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten in den ausgetretenen braunen Schnürstiefeln. Das warm eingepackte Bündel in dem Handwagen brüllte immer fordernder.

"Pscht, ruhig, Bettina, gleich gibt es Happihappi!"

Die junge Frau blieb stehen und band den Gürtel ihres umgearbeiteten Wehrmachtmantels fester um die Taille.

"Mannomann, muss es jetzt im April noch einmal so einen Wintereinbruch geben?", stöhnte sie, ergriff wieder den knorrigen Holzgriff der schmalen Deichsel und versuchte, schneller auszuschreiten. Von der Zuckerfabrik wehte der typische Geruch herüber, leicht süß und verbrannt.

"Das Schneetreiben nimmt zu!" Luise drehte sich zu ihrem Stiefvater Fritz um, der sich mühte, den kleinen Holzhandwagen anzuschieben.

"Auch das noch! Es ist doch schon schwer genug! Blöder Sandweg!", keuchte er in seinen nassen Wollschal. In der Ferne tauchten die Lichter des Hofguts Krähenbüttel auf. Nachdem sie die Anhöhe erreicht hatten, kamen die ersten beleuchteten Fenster der Häuser von Kirchtaufen in ihren Blick. Immer noch bogen sich die Äste der alten Alleebäume unter dem eisigen Wind. Luise sah sich wieder zu Fritz um und versuchte, ihr Zähneklappern zu unterdrücken.

"Papa, der Wind heult so! Und der heftige Schnee! Das ist so gruselig! Papa, ich habe Angst, dass sie mich jetzt holen! Papa!"

"Luise, niemand holt dich! Lass diese Ammenmärchen! Du bist erwachsen!"

Der schmächtige Mann schniefte geräuschvoll, wischte sich mit dem Ärmel der schneenassen Wolljoppe über das Gesicht und schob das knarrende Gefährt kräftiger an. Das unter den schweren Kissen verborgene Kind weinte immer heftiger.

"Wer soll dich denn holen, Luise?", keuchte er. "Da ist nichts! Reiß dich zusammen und beruhige das Kind! Wir sind gleich im Dorf. Denk an die Leute! Wenn deine Mutter das Brüllen hört, regt sie sich wieder furchtbar auf. Du kennst sie doch. Mensch, dass es so einen Wintereinbruch noch mal geben würde? Der Plan deiner Mutter wäre fast schiefgegangen!"

Fritz lief nach vorn und zog gemeinsam mit Luise an der Deichsel. Sein alter Wehrmachtmantel war völlig durchnässt, und seine geschnürten Lederstiefel gaben mit jedem Schritt schmatzende Geräusche von sich. Luises zog einen Zipfel ihres nassen Wollschals vor den Mund. Ihre Füße waren so kalt, dass sie ihre Zehen nicht mehr spürte.

Der Sandweg führte jetzt leicht bergab, und der Handwagen begann, selbstständig zu rollen. Luise und Fritz boten alle Kräfte auf, ihn zu halten. Der kalte Wind verstärkte sich. Der Schneefall hatte nachgelassen. Hinter dem schmalen Waldstück neben dem Gutshof Krähenbüttel kam das Signal einer Lokomotive näher. Von seiner dunkelgrünen Schirmmütze tropfte Fritz Wasser ins Gesicht. Er zog sie fester auf den Kopf.

"Papa, was ist das? Was heult da? Das ist gruselig!"

"Luise, das ist doch nur der Güterzug von Lüneburg nach Uhlensack. Gleich hält er an der Zuckerfabrik. Sie wollen heute Nacht Rübenblatt verladen, hat mein Kollege gesagt. Der hat Nachtschicht. Gut, dass ich heute nicht dran bin mit der Schicht. Sonst…" Der Rest des Satzes verlor sich im Wind. Schweigend zogen

beide den Handwagen die leichte Anhöhe hinauf nach Kirchtaufen.

"Luise, wir sind gleich da!"

Fritz blieb stehen und wies auf das rostige Ortsschild. Die junge Frau atmete schwer und versuchte, die hervorquellenden Tränen zu unterdrücken. Das Kind weinte heftiger. Ein Hund schlug an, und an einem der ersten Häuser flammte ein Licht auf. Fritz stieß Luise an.

"Um Gotteswillen! Suche den Schnuller! Beruhige das Kind! Was sollen die Leute denken?"

Lauschend drehte er sich nach allen Seiten um. Wenn sie nur niemand sah. Luise nestelte in der Manteltasche nach dem zweiten Schnuller und steckte ihn dem Säugling in den Mund. Sofort trat Ruhe ein.

Bei dem Gedanken, ihrer Mutter Ottilie gleich zu begegnen, kroch Angst in ihr hoch. Das Kloßgefühl im Hals nahm ihr fast die Luft. Sie konnte ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

'Ottilie, meine Mutter, die Selbstgerechte', dachte sie bitter. 'Meine Mutter, die immer recht hat und der ich nie etwas recht machen kann. Die mich nach Kriegsende als Tommy-Hure beschimpfte, sich aber die Schokolade schmecken ließ, die ich mitbrachte.'

Sie wischte sich mit dem rauen Mantelärmel über das Gesicht und atmete tief ein, um sich zu beruhigen.

Solange sie denken konnte, hatte ihre Mutter, eine kleine, korpulente Frau mit lauter, durchdringender Stimme, rücksichtslos alles durchgesetzt, was ihr in den Sinn kam. 'Feldmarschall', nannte ihr zweiter Mann Fritz sie insgeheim. Luise fürchtete sich vor ihr. Allein ihr lautes Schimpfen machte ihr Angst. Sie fühlte sich dann wie ein Wurm, den ihre Mutter gleich zertreten würde. Warum konnte ihre Mutter sie noch immer so beherrschen? Sie war doch erwachsen.

Der alte Handwagen holperte über das Kopfsteinpflaster der schmalen Dorfstraße. Noch mehr Hunde begannen zu bellen. Der Schnee war mittlerweile in heftigen Regen übergegangen und peitschte ihnen ins Gesicht. Die alten Eichen entlang der Dorfstraße knarrten im Wind. Das Kind begann wieder zu weinen.

"Luise, beruhige die Kleine irgendwie, bis wir durch das Dorf sind. Deine Mutter wird sonst wieder toddern!"

Fritz angstvoller Ton machte Luise noch nervöser. Ihr Mund war trocken und ihre Kehle wie zugeschnürt. Die Angst kroch ihr Wirbel für Wirbel den Rücken nach oben. Angst vor der Begegnung mit ihrer Mutter. Sie versuchte, an etwas Gutes zu denken.

'Luise, sei doch froh, dass deine Mutter dich mit dem Kind wieder aufnimmt. Wo du doch solch eine Schande über die Familie gebracht hast, dass Mutter dich schwanger aus dem Haus werfen musste. Ein uneheliches Kind!'

Sie versuchte, sich einzureden, ihrer Mutter gegenüber dankbar sein zu müssen. Sie würde mit der Kleinen wieder ein Zuhause haben.

'Ja', dachte sie, 'ein Zuhause, aber als ein Gefängnis, mit meiner Mutter als Gefängniswärterin. Ich hätte doch so gern mein Leben genossen! Singen, tanzen, fröhlich sein!'

"Luise, bitte! Der Schnuller ist schon wieder weg! Suche ihn!"

Die verzweifelte Stimme ihres Stiefvaters holte sie in die Gegenwart zurück. Während er den Handwagen weiterzog, versuchte Luise, den Schnuller in den Kissen und Decken zu finden. Das Kind weinte wieder lauter. Luise brach trotz der Kälte der Schweiß aus. Endlich hatte sie ihn zwischen den Decken gefunden. Sie lutschte ihn sauber, spuckte aus und gab ihn der Kleinen in den Mund. Außer dem Heulen des Windes war nun nichts mehr zu hören. Luise lief hinter das kleine Holzgefährt und schob es an. Sie fuhr sich über die tränennassen Augen. Ihre Gedanken gingen zurück.

***

Gut sieben Monate zuvor war sie im Celler Waisenhaus, das ledige Schwangere aufnahm, untergekommen. Nach ihrer Entbindung in der Landesfrauenklinik durfte sie wieder dorthin zurückkehren. Ihrer Mutter Ottilie und ihrem Stiefvater Fritz hatte sie am nächsten Tag Bettinas Geburt per Postkarte mitgeteilt.

Zu ihrer Überraschung stand Ottilie vor drei Tagen plötzlich im Heim und erklärte, sie wolle Luise und den Säugling in den nächsten Tagen nach Kirchtaufen holen. Hanna, die ältere Schwester, sei ausgezogen und würde demnächst einen Steuerberater heiraten. Und da in Kirchtaufen bekannt geworden sei, dass Luise seit längerer Zeit nicht mehr dort wohne, hätten sie und Fritz zwei frei werdende Räume an andere Flüchtlinge abgeben müssen.

Ottilie sei dann eingefallen, dass Luise mit dem Baby Anspruch auf zwei Räume in der ehemaligen Villa habe, in die sie nach ihrer Ausreise aus Sachsen, die Ottilie stets als Flucht bezeichnete, eingewiesen worden waren. Luise könne mit dem Kind in dem kleinen, ausgebauten Kellerraum wohnen. Sie und Fritz würden dann die gesamte obere Wohnung für sich haben.

Allerdings dürften die Leute in Kirchtaufen nichts von der Heimreise mitbekommen. Bisher habe sie die Familienschande, den Bastard, verheimlicht. Sie plane, ihr Mann Fritz solle Luise am kommenden Montag spätnachmittags vom Bahnhof in Uhlensack mit dem Handwagen abholen. So würden sie das warm eingepackte Kind im Dunkeln möglichst ungesehen nach Kirchtaufen bringen.

Am nächsten Morgen wäre das Kind bereits in der Wohnung. Ihr würde schon etwas einfallen, was sie den Leuten erzählen könne. In diesen Nachkriegszeiten gab es die abenteuerlichsten Dinge. Ein Baby könne von überall her kommen.

***

Der Schneeregen hatte völlig aufgehört, dafür nahm der Wind zu. Äste der Alleebäume knirschten und bogen sich. Schiefe Gartentore klapperten. Immer noch bellten Hofhunde unter dem Rasseln ihrer Ketten die Ankommenden an. Ein verbeulter Eimer wurde über das Kopfsteinpflaster getrieben. Fritz hielt mit der linken Hand seine Mütze fest. Die rechte umklammerte die Holzdeichsel. Luise konnte ein erneutes Zähneklappern nicht unterdrücken. Sie schritten kräftiger aus und duckten sich unter den einzelnen Böen. Der Säugling begann wieder zu schreien. Fritz sah sich ängstlich nach allen Seiten um.

"Luise, die Leute! Oh, bei Meyers geht die Haustür auf! Hoffentlich fragen die nicht! Oh Gott, oh Gott, deine Mutter wird schimpfen und toddern!" Er keuchte.

An der mächtigen alten Dorflinde machte die Straße eine Abbiegung nach rechts. Schnee wehte vom Dach des kleinen Postgebäudes. Ein Scheunentor auf dem linksseitigen Bauernhof schlug wie im Takt gegen eine Mauer. Die Kabel der Telegrafenmasten summten.

Im Schein der schwachen Außenbeleuchtung eines in der Dunkelheit herrschaftlich wirkenden zweigeschossigen Hauses hob sich Ottilies kleiner runder Leib in einem dunklen bodenlangen Mantel ab. Ihr wollenes Kopftuch hatte sie tief ins Gesicht gezogen. Wild fuchtelte sie mit ihren kurzen Armen herum.

"Wie lange soll ich noch warten? Luise, mach das Gör ruhig! Was sollen die Leute denken! Beeilt euch! Alle wachen doch von dem Geschrei auf! Oh Gott, oh Gott, was sollen nur die Leute denken!"

Luise kämpfte gegen das Bedürfnis an, sofort wieder umzukehren und mit der Kleinen in die Nacht zurücklaufen. Sie begann zu schluchzen.

"Papa, sie hat sich nicht geändert. Ich halte das nicht aus!"

Fritz sah sie warnend an und zog heftiger an der Deichsel.

"Luise, du kennst sie doch, sie ist alt!"

"Ja, dass die Mutter alt ist, sagst du immer als Entschuldigung dafür, dass sie alle herumkommandiert", murmelte Luise in ihr Wolltuch.

"Fünfundfünfzig ist sie, das ist doch noch kein Alter, um sich so aufzuführen. Und alle kuschen vor ihr!"

Luise konnte sich nicht daran erinnern, ihre Mutter je anders als gebieterisch erlebt zu haben. Immer hatte sie sich nach einer liebevollen Mutter gesehnt, so wie die Mutter von Renate, ihrer alten Schulfreundin. Ottilie bestimmte über alles um sie herum. Schaudernd fiel Luise der immer alles entscheidende Satz ein. "Das kommt ja gar nicht infrage!" Egal, mit welcher Bitte sie an ihre Mutter herantrat. Und dabei spielte es keine Rolle, ob es um die Erlaubnis ging, spielen gehen zu dürfen, oder um den Wunsch nach einem neuen Kleid. Ottilie entschied grundsätzlich zuerst einmal dagegen. Und alle fügten sich. Fritz hatte sich im Laufe ihrer langjährigen Ehe angewöhnt, sämtliche Ansprüche seiner Frau mit einem "ja, Ottilie, ja", zu kommentieren.

Durch ihren massigen Körper und ihre durchdringend tiefe Stimme wirkte Ottilie Respekt einflößend. Diese Stimme konnte urteilen, verurteilen. Vor dieser Stimme erzitterte nicht nur Luise.

Fritz war ihr zweiter Mann. An ihren Vater konnte sich Luise nur bruchstückhaft erinnern. Als er die Familie verließ, war sie ein Kleinkind. Damals in Sachsen, gegen Ende der Zwanzigerjahre war der Vater eines Tages verschwunden. Die Mutter räumte unmittelbar danach alles fort, was an ihn erinnerte. Luise und ihren älteren Geschwistern Hanna, Jochen und Ilse wurde verboten, den Namen des Vaters auch nur zu erwähnen.

"Von diesem Mistkerl mit seinen Weibergeschichten will ich nichts mehr hören, habt ihr verstanden? Nie mehr ein Wort!"

Nach der Trennung von ihrem Vater kam sehr bald der nette Kaffeehausmusiker Fritz zu ihnen. Lächelnd dachte Luise an das Knarren der Diele, wenn Fritz, oder Onkel Fritz, wie sie ihn damals nannte, gegen Morgen aus Mutters Zimmer die Treppe herunterschlich. Heute war sich Luise nicht mehr sicher, ob die Mutter Onkel Fritz wirklich erst nach der Trennung vom Vater kennengelernt hatte.

Ihre so moralisch auftretende Mutter würde doch wohl nicht mit zweierlei Maß messen? Denn gerade sie achtete doch besonders, wie sie es ausdrückte "auf Sitte und Moral in unserer Familie".

Onkel Fritz, ein schmächtiger, dunkelhaariger, stiller Mann, machte seinerzeit Abend für Abend im Café Schönfeld gemeinsam mit einem Stehgeiger Kaffeehausmusik. Luise und ihre älteren Geschwister mochten den kleinen freundlichen Mann. Er brachte ihnen die Aufmerksamkeit entgegen, die sie bei der Mutter vermissten.

Im Frühjahr 1929 heirateten die Mutter und der zehn Jahre jüngere Onkel Fritz. Die Kinder nannten ihn ab diesem Zeitpunkt Papa. Sie taten es gern, und im Laufe ihres Lebens wurde er 'unser Vater'.

Fritz hatte stets für alle Kinder ein offenes Ohr. Luise konnte mit all ihre kleinen und großen Sorgen zu ihm kommen. Er hörte geduldig zu. Das Verhältnis zwischen Luise und ihrer Mutter verschlechterte sich jedoch zusehends, je älter sie wurde. Oft spürte sie eine Form von Hass bei Ottilie. Ihr Ausspruch "Du bist genau wie dein Vater", begleitete sie durch ihre Kindheit und durch die Jugend. Sie fühlte sich so wertlos, wie er wohl gewesen sein musste. Doch ihr Vater war Fritz, der sich aber nie getraute, seiner Frau zu widersprechen. Wenn sich Luise weinend bei ihm beklagte, antwortete er fast gebetsmühlenartig: "Du weißt doch, sie ist alt."

Ottilie war eifersüchtig auf das gute Verhältnis zwischen ihrer heranwachsenden jüngsten Tochter und ihrem Mann. Um den Beschimpfungen ihrer Mutter auszuweichen, übernachtete Luise so oft es möglich war, bei ihrer Freundin Renate. Doch auch auf Renate war die Mutter eifersüchtig und verbot den Umgang.

Der Zweite Weltkrieg, wie er später einmal genannt werden würde, war ausgebrochen. Fritz wurde eingezogen und kam an die Westfront. Ottilie lebte mit ihren Kindern in einer kleinen Kellerwohnung in Leipzig. Auch der Sohn Jochen wurde 1944 eingezogen. Als die russische Front immer näher rückte, beschloss Ottilie, in Richtung Westen zu gehen. Ottilies Schwestern Else und Gertrud schlossen sich mit ihren Kindern an und nahmen den fast achtzigjährigen Großvater mit. Mit Schauern dachte Luise an die nächtlichen Zugfahrten, durch die kahle und teilweise zerstörte Landschaft Sachsens und Anhalts, die oftmals mitten auf der Strecke endeten und Fußmärsche von Bauernhof zu Bauernhof nach sich zogen. In diese Zeit hinein kam das Kriegsende.

Ottilie und ihre Schwestern wurden mit dem alten Vater als Flüchtlinge dem Kreis Uhlensack in der Lüneburger Heide zugeteilt. Luise hatte bisher nichts von diesem Ort gehört. In einem Viehtransportwagen der Bahn kamen sie dort an. Die Dorfbewohner des kleinen Vororts Kirchtaufen mussten eine Unterkunft für die Flüchtlinge frei machen.

Kirchtaufen, eine kleine beschauliche Gemeinde mit ungefähr dreihundert Einwohnern, an der Bundesstraße vier in der Senke zwischen Uhlensack und Bad Bavensen gelegen, wurde ihre neue Heimat. Luise fand bald Kontakt zu den Einheimischen. Ottilie ließ sich mit keinem der Dorfbewohner näher ein. Bald galt sie im Ort als vornehme Dame, die sich auch durch ihr äußerlich elegantes Auftreten Respekt verschaffte.

Als Fritz aus der englischen Kriegsgefangenschaft zurückkam, fand er Arbeit in der Warenannahme der Uhlensacker Zuckerfabrik. Sohn Jochen war nicht aus dem Krieg zurückgekehrt und galt als vermisst. Die ältere Schwester Ilse hatte einen afrikastämmigen Besatzungssoldaten geheiratet und lebte in Süddeutschland. Die ältere Schwester Hanna ließ sich von ihrer Mutter Ottilie nichts sagen. Sie war mit einem angehenden Steuerberater verlobt. Luise war Ottilies Machtanspruch nicht gewachsen und ließ sich von ihrer Mutter herumkommandieren. Nichts konnte sie ihrer Mutter recht machen. Ottilie hielt ihr ständig Hanna als leuchtendes Beispiel vor. Luise sollte sich wie sie verhalten.

Auch Hanna sprach mit ihrer jüngeren Schwester stets in einem Befehlston. Luise fühlte sich klein, hässlich und minderwertig. Sie litt unter der Lieblosigkeit ihrer Mutter und suchte ständig nach Möglichkeiten, ihr zu gefallen.

Mit Raffinesse gelang es ihr immer wieder, bei den englischen Besatzungssoldaten zusätzliche Lebensmittel zu besorgen, auch Zigaretten, Kaffee und Schokolade. Dadurch erhoffte sie sich die Zuneigung ihrer Mutter. Doch Ottilie verspeiste kommentarlos alle Extrarationen, die Luise den Soldaten abgeschmeichelt hatte, ohne das kleinste Zeichen von Dankbarkeit oder Freude. Bitterkeit stieg in Luise auf, wenn sie die Mutter nachts mit Schokoladenpapier rascheln hörte und beim Verzehr genussvoll stöhnen. Egal, wie viele Leckereien sie zusätzlich besorgte, Ottilie zeigte sich ihr gegenüber nie erkenntlich.

So flüchtete sich Luise in Tagträume. Bald, sehr bald würde sie einen Mann treffen, der etwas darstellte, der sie lieben und auf Händen tragen würde. Dieser Mann würde sie für die lieblosen Jahre bei ihrer Mutter entschädigen. Obwohl sie sich hässlich fühlte, bemerkte sie die Blicke junger Männer, vor allem die amerikanischen Soldaten, und die anerkennenden Pfiffe. Die besorgten Blicke ihres Vaters Fritz wollte Luise nicht sehen. Sie hatte nur ein Ziel: endlich fort aus den Krallen ihrer Mutter.

***

An einem warmen Sonntagnachmittag im Juni 1948 lernte sie Ludwig kennen. Ottilie war durch einen Besuch ihrer Schwester Ella abgelenkt, so konnte Luise sich in Uhlensack in der neuen Eisdiele Florenz ein Eis kaufen und mit der Eistüte über die wiederaufgebaute Lüneburger Straße schlendern, als sie ihn sah.

'Das ist er! Blondes Haar und blaue Augen! Mein Traumprinz! Toll sieht er in seiner Unteroffiziersuniform aus!', schoss es ihr durch den Kopf. Im selben Moment fühlte sie Schmetterlinge im Bauch. Endlich schien die Zeit des lieblosen Lebens vorbei zu sein.

Ludwig war als Soldat der zwischenzeitlich gegründeten Bundeswehr in Lüneburg stationiert. Auch er zeigte Interesse an dem hübschen Mädchen. Seine ruhige Art weckte ihr Vertrauen. Sooft es sein Dienstplan zuließ, trafen sie sich und sprachen schon bald von einer gemeinsamen Zukunft. Luise erschien die Welt rosarot, und sie brannte darauf, den neuen Freund der Mutter vorzustellen.

Artig stand Ludwig an einem Samstagnachmittag mit rosafarbenen Nelken vor der Tür und überreichte sie mit einer galanten Verbeugung der Mutter seiner Braut. Ottilie fühlte sich geehrt. Bekam sie doch von Fritz schon lange keine Blumen mehr. Höfliche Belanglosigkeiten wurden bei Kaffee und Apfelkuchen plaudernd ausgetauscht, bis Ottilie Ludwig geradeheraus nach der Höhe seines Gehalts fragte. Luise glaubte, vor Scham in den Boden versinken zu müssen.

Dann schickte Ottilie sie unter dem Vorwand aus dem Zimmer, ein Weckglas Kirschen aus dem Keller zu holen. Währenddessen berichtete sie dem jungen Mann, was für eine liederliche und unzuverlässige Person ihre jüngste Tochter sei. Sie habe sich sogar mit englischen Soldaten eingelassen, nur um an Zigaretten und Schokolade heranzukommen. Er solle sich also lieber so schnell wie möglich davonmachen. Luise sei kein Mädchen zum Heiraten. Bei einer Verbindung mit ihrer Tochter sei sein Unglück bereits vorprogrammiert.

Luise, die auf dem Hausflur die Worte ihrer Mutter mitbekommen hatte, fühlte sich wie ein beschmutzter kleiner Straßenköter. Doch sie traute sich nicht, Ottilie sofort zur Rede zu stellen.

'Hoffentlich hat Ludwig ihr nicht geglaubt, hoffentlich!', betete sie innerlich.

Luise war nach weiteren Treffen mit ihm überzeugt, er habe ihrer Mutter nicht geglaubt. Er begann, mehr von ihr zu wollen. Sie war noch nicht bereit, wollte ihn aber auf keinen Fall verlieren. Es war das erste Mal, dass sich Luise einem Mann hingab.

'Ist das alles?', dachte sie danach. 'Und alle tuscheln hinter der Hand, dass es so etwas Tolles sei. Darauf kann man doch getrost verzichten. Aber wenn das der Preis dafür ist, dass er mich heiratet, dann zahle ich ihn. Ich liebe ihn ja, und er liebt mich sicherlich auch. Und ich will von zu Hause weg!'

Einige Wochen später fühlte Luise, dass sie schwanger war. Sie konnte es gar nicht erwarten, Ludwig diese Neuigkeit mitzuteilen. Bei dem Gedanken an einen Heiratsantrag erschauderte sie.

Was dann kam, hatte sich fest in ihr eingebrannt. Vor Aufregung hatte ihre linke Hand den kalten schwarzen Telefonhörer im Postamt fast zusammengedrückt, als sie Ludwigs Stimme hörte. Ihr Herz klopfte bis zum Halse.

"Ludwig, wir bekommen ein Baby. Ich freue mich so!" Dann war ihr, als griff eine kalte Hand nach ihr.

"Ein Kind?"

Diesen Klang seiner Stimme hatte sie so noch nie gehört.

"Luise, ich wollte dich testen, und du hast dich mir sofort an den Hals geworfen! Deine Mutter hatte völlig recht. Ich heirate doch kein Mädchen, wie du eines bist. Lieber bezahle ich!" Das Klacken des beendeten Gesprächs traf sie bis ins Mark.

Wie betäubt war sie danach durch Uhlensacks Straßen gelaufen und hatte unbewusst den Feldweg nach Kirchtaufen eingeschlagen. Sie konnte und wollte nicht glauben, was Ludwig soeben gesagt hatte. Und noch weniger konnte sie ihrer Mutter beichten, dass sie schwanger war. Auch wenn das vielen Mädchen in diesen Nachkriegszeiten passierte. In den Augen ihrer Mutter war das der endgültige Beweis dafür, dass sie nichts anderes war, als 'nur ein wertloses Stück Dreck.'

In Gedanken versunken, vernahm sie nicht das Klingeln des Fahrrads. Erschreckt erkannte sie Fritz, der von der Zuckerfabrik kam. Schluchzend sank sie in die Arme ihres Stiefvaters.

"Papa, er will mich nicht heiraten!"

"Sag nicht, du kriegst ein Kind!", stammelte Fritz fassungslos. "Mein Gott, was wird deine Mutter sagen, und die Leute …?"

***

Luise fühlte sich wie ein Wurm, als sie in das hämisch grinsende Gesicht ihrer Mutter sah. Ottilie ließ sich auf den Küchenstuhl plumpsen. Fritz trat hinter seine Stieftochter und legte ihr eine Hand auf den Rücken.

"Ich habe ja immer gesagt, Luise, du taugst nichts. Gut, dass ich Ludwig aufgeklärt habe. Jetzt haben wir ja den Beweis! Nein, aber auch, diese Schande über unsere Familie! Fritz, sag du doch auch mal was!" Fritz ließ Luise los. Plötzlich begann Ottilie zu schreien.

"Hau ab, hau ab! Verlass sofort unser Haus! Wir sind ein ordentliches und moralisches Haus! So jemand wie du hat hier nichts zu suchen! Schande! Schande! Raus! Raus!"

Ottilie steigerte sich mehr und mehr in ihre Wut hinein und schrie dabei immer lauter. Fritz hatte längst die Küche verlassen und suchte im Keller Beschäftigung. Luise hielt es nicht mehr aus, rannte aus der Küche und knallte die Tür hinter sich zu.

***

Hanna zog den Vorhang zu ihrer winzigen Schlafkammer beiseite und sah Luise geringschätzig an.

"Das war ja klar, dass du in der Gosse enden würdest. Ein uneheliches Kind. Wie kannst du nur?"

Luise suchte mit tränenverschleierten Augen ihre Kleidungsstücke zusammen, holte die alte Einkaufstasche unter der Treppe hervor und warf alles hinein. Mit schleppenden Schritten ging sie noch einmal in die Küche und sah Ottilie beschwörend an.

"Mutter, bitte!"

Ottilie hob die Hand zur Ohrfeige, ließ sie aber wieder sinken.

"Raus! Raus!", überschlug sich ihre Stimme. "Mit so einer wollen wir nichts zu tun haben! Bei uns herrschen Sitte und Moral! Raus! Endlich raus!"

Luise stellte die Tasche im Hausflur ab, rannte die dunkle Kellertreppe hinunter und suchte ihren Stiefvater.

"Papa, bitte hilf mir! Rede mit der Mutter!"

Fritz sah von seiner Arbeit auf.

"Luise, du weißt, wie sie ist. Ich kann es nicht ändern!"

"Papa, was soll ich jetzt machen? Ich weiß nicht, wohin. Und ich habe kein Geld. Mutter hat mir letzte Woche wieder alles abgenommen. Du weißt, dass ich ihr immer alles geben muss. Sonst macht sie Krach!"

Fritz griff in die Hosentasche und legte zwei Fünfmarkstücke auf die alte Werkbank.

"Hier, mehr habe ich nicht. Mutter weiß nichts davon. Fahre nach Uhlensack und suche eine Zugverbindung nach Celle. Dort gibt es ein Waisenhaus mit einer Abteilung für schwangere, ledige Frauen. Ich habe das in der Zuckerfabrik gehört. Die Tochter vom Hermann ist auch dort. Mach's gut, Luise. Mehr kann ich dir nicht helfen. Du weißt ja, deine Mutter …"

Luise nahm das Geld und taumelte den dunklen Hausflur entlang zur Haustür. Mit verschränkten Armen versperrte ihr Hanna schadenfroh grinsend den Weg.

"Hau bloß ab, du Nichtsnutz! Du landest sowieso in der Gosse!"

Luise spürte nichts mehr. Mit tränennassem Gesicht stolperte sie in den verregneten Nachmittag hinaus.

Kurz vor Mitternacht schlug sie mit beiden Fäusten gegen das Nachttor des Waisenhauses der Stadt Celle, bis ein verschlafenes Gesicht am oberen Fenster sichtbar wurde.

"Kommen Sie herein, Mädel, ich mache Ihnen auf!" Die freundliche Stimme ließ Luise plötzlich Hoffnung schöpfen.

***

Die Wochen bis zur Entbindung verbrachte Luise in dem mehr als hundert Jahre alten Waisenhaus, das von der Bombardierung Celles verschont geblieben war. Von der Fürsorge bekam sie jede Woche einen kleinen Geldbetrag.

Gern übernahm sie Reinigungsarbeiten in der Einrichtung und half in der Küche und in der Wäscherei. Dafür gab es kostenlos Unterkunft und Essen. Das Gefühl, einen Geldbetrag behalten zu dürfen, war neu für Luise. Bisher hatte sie jeden Pfennig bei Ottilie abgeben müssen. Luise hatte so viele unerfüllte Wünsche und Sehnsüchte, und bereits nach wenigen Tagen war sämtliches Geld weg. Wie im Rausch kaufte sie sofort alles, worauf sie spontan Lust hatte. War alles ausgegeben, fühlte sie sich als Versagerin. Dennoch war sie nicht in der Lage, ihr Geld zusammenzuhalten.

Obwohl die anderen Bewohnerinnen und die Schwestern sie liebevoll und ungewohnt wertschätzend behandelten, fühlte sich Luise einsam. Schlimmer noch war die gefühlte Ohnmacht, nicht für sich selbst sorgen zu können. Der errechnete Zeitpunkt der Entbindung rückte näher.

Hatte sie noch genügend Geld, ging sie gerne abends mit anderen Bewohnerinnen in die Innenstadt ins Kino. Mit der Straßenbahn waren es nur vier Haltestellen zurück ins Waisenhaus.

***

Am Abend des 5. April 1949 kam die kleine Gruppe verspätet aus der Vorstellung. Die jungen Frauen rannten zur letzten Bahn. Als sie sich mit einem lachenden "geschafft" auf die Holzbänke plumpsen ließen, verspürte Luise einen scharfen Schmerz im Unterleib.

"Oh Gott, ich glaube, es geht …" Weiter kam sie nicht. Verzweifelt ließ sie sich mit dem Rücken auf den freien Teil der Holzbank gleiten. Sie glaubte, der Schmerz würde sie zerreißen und sie müsse sterben, als wenige Augenblicke später lautes Babygebrüll die Bahn erfüllte. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab es einen Ruck, und die Bahn stand. Fahrgäste scharten sich um sie. Das Brüllen des Neugeborenen übertönte alle anderen Geräusche in der Bahn.

Eine ältere Frau legte ihr das schreiende Baby auf die Brust und deckte Mutter und Kind mit ihrem Mantel zu. Das Kind schlief sofort ein. Eine fast heilige Stille erfüllte die Straßenbahn, die nur von dem näher kommenden Martinshorn des Rettungswagens durchbrochen wurde.

So kam Bettina auf die Welt. Ein winziges, schrumpeliges Mädchen mit drei Kilogramm Geburtsgewicht.

***

Ottilie rannte, so schnell sie ihre kurzen dicken Beine trugen, den Gartenweg entlang und öffnete die Tür in den schwach beleuchteten Hausflur. Fritz zog den Handwagen herein, Luise schob nach. Ottilie sah sich noch einmal auf der Straße um und schloss dann die Haustür.

"Hoffentlich haben die Leute nichts gehört. Meine Güte, warum schreit das Balg denn so?"

Luise schluckte die Tränen herunter, nahm das weinende Kind aus dem Wagen und sah ihrer Mutter ins Gesicht.

"So, da sind wir. Und was jetzt?"

"Geh mit deinem Bankert runter in den Keller. Du kennst dich ja aus. Da könnt ihr wohnen! Die oberen Räume brauchen Papa und ich. Wir schlafen in getrennten Zimmern. So eine Sauerei", und damit wies sie auf das Kind, "machen wir schon lange nicht mehr." Aufrecht ging sie in die Küche, blieb aber noch einmal stehen.

"Luise, warum hast du dem Kind so einen unanständigen Namen gegeben? Bettina, die Tina aus dem Bett!", äffte sie den Namen des Kindes nach.

"Bitte, Mutter", versuchte Luise, "der Name kommt von…" Weiter kam sie nicht.

"Ich nenne sie Berit!"

"Nein, das machst du nicht, Mutter!"

"So? Dann könnt ihr gleich wieder gehen! Du und dein Bankert!"

Ottilie rannte zur Haustür und öffnete sie.

"Entscheide dich!"

"Ach, mach doch, was du willst!"

Luise hatte keine Kraft mehr und ging langsam die spärlich beleuchtete Kellertreppe hinunter.

Der kleine Raum mit einem Fenster zum Lichtschacht war bewohnbar eingerichtet worden. Die Wände waren hell gestrichen. Die alten Möbel standen noch am selben Platz wie früher. Der gusseiserne Ofen verbreitete behagliche Wärme.

Luise legte das Kind auf das Eisenbett, hängte die nassen Kleidungsstücke an die verbogenen Garderobenhaken an der Tür, zog das Kind aus und wickelte es. Dann legte sie den Säugling in ihr Bett, entkleidete und betrachtete sich in dem fast blinden Spiegel an der Seitenwand der Kommode. Eine müde wirkende, aber trotzdem attraktive junge Frau, mittelgroß, mit hellblauen Augen, etwas fülliger Figur und schulterlangem hellblonden Haar sah sie an. Luises Lächeln missglückte.

"Ich bin einfach hässlich und zu dick. Ach, das ist heute egal, wie ich aussehe. Morgen ist ein neuer Tag!" Sie zog das graue Flanellnachthemd an, kuschelte sich mit dem Säugling unter die Decken und stillte ihn. Kurz darauf waren beide eingeschlafen.

Kapitel 2

Sommer 1950 bis Sommer 1951

Kirchtaufen

Sonnenlicht spiegelte sich in dem schmalen Flussbett der Ilmenau. Die glänzenden Blätter der Pappeln wogten in dem leichten Wind hin und her. Die Kirchturmuhr der Uhlensacker Marienkirche schlug dreimal. Autos hupten auf der Veerßer Straße. Das Leben begann auch im immer noch stark zerstörten Uhlensack wieder zu pulsieren. In dem historischen Rathausgebäude regierte erneut ein demokratisch gewählter Bürgermeister mit einem Gemeinderat. Den Uhlensackern war nichts so wichtig, als ihre Stadt wieder aufzubauen. Baufirmen und Zimmereien sprossen sprichwörtlich wie Pilze aus dem Boden. Finanzielle Hilfen der Besatzungsmächte ermöglichten diesen raschen Wiederaufbau.

Luise interessierte sich weder für Politik noch für volkswirtschaftliche Belange. Hatte sie doch hinreichend Mühe aufzuwenden, um mit ihrem Geld auszukommen. Oder genauer, mit dem Betrag, den sie vor ihrer Mutter Ottilie verstecken konnte.

Mit demokratischen Entscheidungsfreiheiten konnte sie gar nicht umgehen, zumal zu Hause keinerlei Demokratie herrschte. Sie war froh, an ihrem Halbtagesarbeitsplatz in der Packerei der Uhlensacker Zuckerfabrik einen Vorgesetzten zu haben, der sein rotes Parteibuch der SPD immer sichtbar in der Brusttasche seines grauen Arbeitskittels trug, und mit den Frauen an den Förderbändern freundlich umging.

An diesem schönen Sommertag wollte sie sich nicht mit Alltagsproblemen belasten. Etwas Neues begann gerade. Sie spürte ein Prickeln in der warmen Luft. Mit ihren halbhohen Absätzen tippelte sie über den ausgetretenen Uferpfad und überlegte, was sie dem schweigsamen jungen Mann neben sich erzählen könnte. Der warme Augustwind blies ihr schulterlanges blondes Haar durcheinander. Sie versuchte, die Frisur mit den Händen zusammenzuhalten, und sah Paul schelmisch von der Seite an.

"Oh meine Frisur! Jetzt sehe ich sicherlich ganz zerzaust aus."

Paul blieb stehen, zog die rutschende dunkelblaue Flanellhose hoch, strich sich über das braun gelockte Haar und legte den Arm um ihre Schulter.

"Luise, du bist eine schöne junge Frau. Auch mit vom Winde verwehtem Haar. Ich bin so froh, dich kennengelernt zu haben. In den ganzen Jahren in der Gefangenschaft habe ich von einem Mädel wie dir geträumt. Und jetzt bin ich wieder zu Hause, es ist erst August, und du läufst neben mir. Ich kneife mich manchmal, weil ich glaube, wieder zu träumen – wie so oft in Russland."

Luise betrachtete seine schlanke, etwas ausgemergelte Gestalt, das gleichmäßige Gesicht mit der markanten schmalen Nase, den vollen Lippen und den dunkelbraunen Augen.

"Mein Traum ist er nicht gerade. Er ist nicht allzu groß und hat so gar nichts Geheimnisvolles an sich. Außerdem stottert er etwas. Aber er will mich. Und Bettina stört ihn nicht. Ich muss ihn festhalten. Er ist für mich wieder einmal eine Chance, von Mutter loszukommen", ging es Luise währenddessen durch den Kopf.

"Paul, auch ich fühle mich bei dir so wohl, wie bei keinem Mann zuvor. Ich brauche Ehrlichkeit. Du weißt, was mir vor einigen Jahren passiert ist."

"Luise!" Er legte den Arm um ihre Schultern. "Ich meine es ernst mit uns. Ich möchte dich gern heiraten. Das soll jetzt kein Antrag sein, sondern eine Absichtserklärung, damit du weißt, woran du bei mir bist. Jetzt haben wir 1950, und ich bin erst vor einem Jahr aus Sibirien heimgekehrt."

Er schluckte, um seine aufkommende Rührung zu verbergen.

"Ich werde erst in weiteren zwei Jahren meine Ausbildung zum Landwirt beendet haben. Dann kann ich dich und Bettina ernähren. Und ein weiteres Kind. Unser gemeinsames Kind."

Er zog sie fester an sich.

'Noch zwei Jahre bei Mutter? Das halte ich nicht aus!' Luises Magen zog sich zusammen. 'Das muss ich verkürzen. Soll ich es riskieren? Paul ist ja kein Ludwig. Er wird mich sicherlich nicht im Stich lassen.'

"Paul, das verstehe ich doch." Sie schmiegte sich an ihn. "Komm, wir gehen runter an die Ilmenau und setzen uns auf eine Bank. Lass uns über unsere Zukunft reden. Du wirst sehen, bei mir wirst du Russland und die unselige Gefangenschaft in Sibirien vergessen. Ich möchte dir ein schönes Leben bereiten."

***

Noch immer erfüllt von der Hoffnung auf ein besseres Leben mit Paul kam Luise nach Hause und sah in der geöffneten Küchentür Ottilie mit hochrotem Kopf vor dem Küchentisch sitzen.

"Wo hast du dich so lange herumgetrieben?", herrschte sie ihre Tochter an. "Ich muss das Abendessen kochen, und die Kleine gibt keine Ruhe. Nicht mal ein Klaps hat was gebracht."

Sie zeigte mit der von Paniermehl behafteten linken Hand zum Laufstall.

"Mamam!" Bettina sah ihre Mutter und begann zu weinen.

"Los, hilf mir endlich!", schimpfte Ottilie. "Hol Petersilie aus dem Garten und hacke sie, aber dalli! Und dann decke den Tisch! Nicht einfach so in den Tag hineinleben, Fräulein, auch wenn du nur halbtags arbeitest und die Fürsorge dich unterstützt. Da liegt übrigens ein Brief vom Jugendamt. Du sollst morgen hinkommen wegen der Amtsvormundschaft für das Kind. Aber vorher wäschst du noch die Kackwindeln. Sie sind im Eimer vor eurem Zimmer!"

Luise schluckte die aufkommenden Tränen herunter.

"Du hast einen Brief an mich geöffnet?"

"Na klar, schließlich streckst du deine Füße unter meinen Tisch aus!"

Luise wischte sich über das Gesicht und nahm Bettina aus dem Laufstall.

"Hallo, meine Süße, Mama ist ja da. Puh, du stinkerst aber. Mama macht dir erst mal den Popo sauber!"

"Nein! Zuerst holst du Petersilie und hilfst mir! Dann ist dein Balg dran!"

"Komm, Bettina, wir gehen Petersilie holen."

Luise nahm das Kind fester auf den Arm und ging langsam mit ihm in den Garten.

"Bettina, da wird sich gewaltig etwas ändern, und nicht erst in zwei Jahren!"

***

Mystisch erschien der Stadtwald um das Hofgut Fischerhof im Licht des Vollmondes. Ein leichter Wind ließ die Blätter der Laubbäume rauschen. Immer wieder knackte es im Unterholz. Ein Käuzchen stieß einen schrillen Schrei aus. Plötzlich kamen Schritte aus Richtung der Ställe. Erschreckt legte Luise Pauls Hand an ihre nackte Brust und sah ihm in die Augen.

"Paul", flüsterte sie, "ich habe Angst. Der Wald ist heute richtig unheimlich, und bequem ist das alles auch nicht. Hoffentlich sind hier keine Ameisen. Aber eines will dir trotzdem sagen, ich liebe dich!"

"Luise, ich liebe dich auch. Du, es war mein erstes Mal. Es war so schön! Wenn ich bedenke, dass wir es bald so oft haben können, wie wir wollen, in unserer eigenen Wohnung. Oh, meine Luise!" Er versenkte sein Gesicht in ihrem Haar.

"Paul, die kleinen Zweige piksen so, trotz der Decke. Lass uns aufstehen. Hoffentlich hat uns niemand gesehen!"

"Keine Sorge, Luise, hier hinter dem Fischerhof kommt so schnell niemand hin, oh!" Er hielt inne, als es ganz in der Nähe lauter knackte.

"Ruhig, ganz ruhig, dann sieht man uns nicht!"

Die schweren Schritte entfernten sich, und Paul half Luise beim Aufstehen. Verlegen brachte sie ihre Kleidung in Ordnung.

"Paul!" Sie ergriff seine Hände und sah ihm tief in die Augen.

"Du denkst doch jetzt nicht, dass ich ein unmoralisches Mädchen bin, jetzt wo ich, na, du weißt schon. Auch kennen wir uns ja noch gar nicht so lange, und…"

Er verschloss ihren Mund mit einem Kuss.

"Nein, du bist kein unmoralisches Mädchen. Wir lieben uns, und dann gehört das ganz natürlich dazu. Und wenn ich meinen Gesellenbrief habe, heiraten wir. Das verspreche ich dir hiermit hoch und heilig!"

***

Luise war glücklich. Seit einigen Wochen traf sie sich regelmäßig mit Paul. Und ebenso regelmäßig suchten sie ihr Versteck im Fischerhofer Wald auf. Ottilie war plötzlich zu ertragen, zumal sie sich auch dann, wenn Luise nicht in die Fabrik musste, mehr und mehr mit der anderthalbjährigen Bettina beschäftigte.

Luise musste heute wieder beim Kochen helfen. Lächelnd sah sie auf den Kalender, bevor sie in den Garten lief, um Petersilie zu holen.

"Eine Woche überfällig. Sieht gut aus! Mutter, du drangsalierst mich bald nicht mehr! Oh, wenn du das jetzt wüsstest! Du würdest, ach, was weiß ich! Ist nicht mehr wichtig!"

Aus der Küche kamen ungewohnte Geräusche. Ottilie sang mit ihrer tiefen Stimme.

"La-la-la, Berit, sage es der Omi mal nach. La-la-la."

Luise seufzte.

"Zuerst wollte meine Mutter doch von dem Balg nichts wissen. Jetzt ist sie ganz vernarrt in die Kleine. Nur die Windeln darf ich noch wechseln. Und natürlich waschen. Aber das ist egal. Bald sind es ja noch mehr Windeln."

Leise ging sie an der geöffneten Küchentür vorbei und sah zu ihrem Erstaunen das Kind auf einem Töpfchen sitzen. Ihre Mutter saß vor ihm auf dem Küchenstuhl und sang jetzt rhythmisch.

"Berit, mach einen Bumm! Berit, mach einen Bumm. Ja, einen Bumm!" Sie machte dabei mit hochrotem Gesicht Geräusche, als wollte sie etwas aus sich herausdrücken. Das Kind sah sie verständnislos an und plapperte "Bumm, bumm."

Luise verkniff sich das Lachen. Plötzlich kam ihr ein Gedanke.

"Die Kleine ist doch bei meiner Mutter relativ gut versorgt. Aus dem Windelalter ist sie bald heraus. Wenn ich sie bei ihr lasse, wäre ich frei für ein Leben mit Paul."

Sie schlich zurück und öffnete noch einmal geräuschvoll die Haustür.

***

Luise zitterte bis zum letzten Moment, ob Paul wirklich um ihre Hand anhalten würde. Glücklich hauchte sie ihm einen Kuss auf die Wange, als er pünktlich am folgenden Samstagnachmittag an der Haustür klopfte. Ottilie kam ihm mit hoheitsvollem Blick entgegen und reichte ihm die Fingerspitzen ihrer rechten Hand. Dann sah sie ihn missbilligend von oben bis unten an. Paul versuchte, seinen Schweißausbruch zu ignorieren, und atmete tief durch. Linkisch hielt er ihr einen Strauß rosafarbener Nelken hin.

"Frau Frohmann, ich äh, äh, ich bin Paul Kruschke. Ich, äh, bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter!"

Ottilie ignorierte den Blumenstrauß und setzte ein hochmütiges Gesicht auf.

"Was wollen Sie? Können Sie Luise überhaupt ernähren? Sie sind doch Spätheimkehrer, hat meine Tochter mir berichtet. Luise hat ein uneheliches Kind. Warum wollen Sie denn jetzt schon heiraten? Ihre Ausbildung ist noch gar nicht beendet? Luise!", wandte sie sich plötzlich ihrer Tochter zu. "Ist etwa wieder was unterwegs?"

Verschämt senkte Luise den Kopf und knetete ihre Hände im Schoß.

"Nein, Luise! Ich glaube es nicht!"

Sie wandte sich Paul erneut zu, der immer noch verlegen mit den Blumen in der Haustür stand, und hob ihre Stimme.

"Und so ein Miststück wollen Sie heiraten, Herr Kruschke? Hach, nein, wie unmoralisch, es schon vor der Ehe zu treiben! Das hat sie nicht von mir, Herr Kruschke, das müssen Sie mir glauben!"

Fast wäre Paul ein glaubhaftes Nicken herausgerutscht, doch ein Blick zu Luise hielt ihn davon ab. Ottilie wies in die Küche.

"Kommen Sie herein, bevor die Leute etwas mitbekommen. Luise", wandte sie sich an ihre Tochter, "geh sofort raus in den Garten! Ich muss Herrn Kruschke aufklären, was du für eine bist. Das kann ich nicht verantworten, dass dieser arme Spätheimkehrer dir anheimfällt."

Hilfesuchend sah Luise Paul an.

"Nein!" Er wusste plötzlich nicht, woher er den Mut nahm und trat einen Schritt vor.

"Sie werden gar nichts, Frau Frohmann! Ich kenne Luise, ich liebe sie, und wir werden heiraten. Unser Kind wird meinen Namen tragen! Und Bettina auch. Und jetzt gehen Luise und ich mit Bettina spazieren. Und wenn Luise zurückkommt, wird sie von Ihnen anständig behandelt. Sie ist schließlich meine zukünftige Frau!"

Er legte die Blumen auf den Küchentisch.

Fritz, der bisher schweigend in der Küche gestanden hatte, öffnete ihnen die Tür zum Hausflur.

"Warten Sie, Herr Kruschke, ich hole eben noch den Kinderwagen aus dem Keller. Alles Gute Ihnen!", setzte er für Ottilie unhörbar hinzu.

***

Mit angewidertem Gesichtsausdruck sah Ottilie durch die schmutzigen Scheiben des schmalen Küchenfensters auf die abgeernteten Beete ihres Gemüsegartens. Hatte sie es nötig, unter so unwürdigen Umständen zu leben? Sie, die Besseres gewohnt war. Wehmütig dachte sie an ihre Kindheit und Jugend in Kolberg in der angesehenen Friseurfamilie Schönacker. Alle in der Stadt hatten sie respektvoll gegrüßt. Ihr fiel die Etikette im Hause Schönacker ein, der sich jedes Familienmitglied fügen musste, selbst ihre jüngste Schwester Tutti. Und dann dachte sie ihre Schneiderlehre, die sie abgebrochen hatte, weil die Meisterin so unverschämt zu ihr gewesen ist. Hatte diese Hergelaufene aus Polen wirklich geglaubt, auf diese Art mit einer geborenen Schönacker umgehen zu können? Nein, das hatte Ottilie sich nicht gefallen lassen. Doch das Gespür für Eleganz war geblieben. Niemals würde sie ohne Handtasche, Hut und Handschuhe nach Uhlensack fahren.

Tränen rannen plötzlich über ihre fleischigen Wangen. Die Ehe mit diesem Kolpin war ein Fiasko. Dabei hatte sie an jedem Finger mehr als zehn Verehrer gehabt. Na ja, oder etwas weniger. Genau genommen, war Karl Kolpin der einzige gewesen. Ottilies Übergewicht hatte viele abgeschreckt.

Als ihr klar geworden war, dass sie als Frau nicht allzu sehr begehrt wurde, hatte sie angefangen, sich durch forsches Auftreten Respekt zu verschaffen. Allen in ihrer Umgebung machte sie seitdem klar, dass nur sie einen erlesenen Geschmack bezüglich Kleidung hatte und alle anderen über einen Kuhgeschmack verfügten. Außerdem konnte nur sie gut kochen, alle anderen nicht. Warum hatte der Kolpin das nicht geschätzt und sich nach anderen Frauen umgesehen? Gut, dass sie ihn hinausgeworfen hatte, und gut, dass der schüchterne, zehn Jahre jüngere Fritz sie nach der Scheidung mit vier Kindern heiraten wollte. Doch was hatte sie davon gehabt? Nichts! Wie schlecht es ihr doch ging! Sie schniefte.

Die fast kahlen Obstbäume in dem abgeernteten Gemüsegarten wirkten im Licht der untergehenden Herbstsonne trist und dunkelgrau. Ebenso die dürren Strunke, an denen sich ein paar letzte Bällchen Rosenkohl im Wind hin- und herbewegten. In der kleinen Küche wurde es dämmerig. Hinter Ottilie auf dem Kohleherd brodelte ein großer Topf mit Fleischbrühe leise vor sich hin.

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