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Drei Männer, Küche, Bad

Zu diesem Buch

Als die Beziehung zu ihrem Freund Jörn zerbricht, bedeutet sein Auszug für Bloggerin Marie Katastrophe und Abenteuer zugleich. Denn um die teure Berliner Altbauwohnung behalten zu können, müssen Mitbewohner her – dabei hat Marie bisher nie mit mehr als einem anderen Menschen zusammengewohnt! Gemeinsam mit ihrer besten Freundin Ella stürzt sich Marie ins WG-Abenteuer. Zwei weitere Kandidaten sind schnell gefunden, und Einzelkind Marie ist überglücklich, endlich ein »Rudel« zu haben, in dem sich jeder um den anderen kümmert. Doch bald wird klar, dass sich Maries Vorstellungen einer Wohngemeinschaft nur teilweise mit dem Alltag von vier Fremden decken. Denn mit Damian und Matthias ziehen nicht nur zwei attraktive Männer, sondern auch das Chaos ein: Rollenspiele um Mitternacht, nicht eingehaltene Badezimmerregeln und Ärger mit dem Vermieter stehen plötzlich auf der Tagesordnung. Und als ob das nicht schon genug wäre, quält Marie vor allem eine Frage: Was tut man eigentlich, wenn man sich in seinen Mitbewohner verliebt hat?

»Wenn es jemand mit Sophie Kinsella und Co. aufnehmen kann, dann definitiv Kristina Günak!« Literaturmarkt.info

Kapitel 1

Verschwinde!

Es ist das hässlichste Badezimmer der Welt. Außerdem ist es uralt. Die Wände haben keine Fliesen und sind bloß mit einer kackbraunen Ölfarbe gestrichen. Sehr praktisch, weil das Wasser davon abperlt. Was auch notwendig ist, weil weder der Duschkopf noch der Wasserhahn wissen, wie sie spritzfrei arbeiten könnten. Ich habe es mit Entkalken und schlussendlich sogar mit einer Neuanschaffung probiert, aber das Problem des in alle Richtungen spritzenden Wassers ist geblieben. Das Problem muss also tiefer liegen.

Ein tief liegendes und schwerwiegendes. Womit wir drei, Wasserhahn, Duschkopf und ich, zurzeit hervorragend zusammenpassen. Echte Buddys, die das Leben teilen.

Ich sitze auf dem geschlossenen Toilettendeckel. Seufzend lege ich die Füße an die Wand vor mir. Die Tatsache, dass ich das kann, zeigt, wie winzig dieses Bad ist. Zumindest in eine Richtung. Nach oben und von der Tür bis zum Fenster ist es riesig. Alles in allem also eine proportionale Katastrophe. Mein Onkel, seines Zeichens bedeutendster Industriedesigner der Welt (sagt er, ich habe diese Aussage nie auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft), behauptet: Es kommt immer auf die Proportionen an. Nun, somit hat das hässliche Schlauchbadezimmer mit kackbraunem Ölanstrich diesbezüglich mal komplett verloren.

Ich seufze. Tief. Der Situation angemessen. Dann lege ich den Kopf in den Nacken und lehne ihn gegen den harten Spülkasten. Es ist sonderbar, aber ausgerechnet in dieser abgrundtiefen Hässlichkeit, diesem absoluten Albtraum eines Badezimmers, kann ich ausgezeichnet nachdenken. Es ist mein persönlicher Think Tank. Schon immer gewesen, seit wir hier wohnen.

Mit einem tiefen Atemzug stelle ich die Füße wieder auf den hellen PVC-Boden, den ich in der irrigen Annahme verlegt habe, das Bad damit ein wenig ansehnlicher zu machen. Der Versuch kann nur als gescheitert betrachtet werden. Der Boden passt hervorragend in dieses Bad, was nur bedeutet, dass er ebenfalls ausgesprochen hässlich ist. Dabei sah er im Baumarkt eigentlich ganz gut aus.

Ich lehne mich nach vorne und lege den Kopf auf die Knie. Ich war schon immer sehr beweglich. Meine Mutter wollte, dass ich Balletttänzerin werde. Ich hätte mich allerdings eher einem Schafhirten angeschlossen, als meine Füße in rosafarbene, viel zu enge Spitzenschuhe zu zwängen. Vom Tutu mal ganz abgesehen. Ich bin mehr der Kapuzenpulli-Typ.

Aus dieser Perspektive sehe ich jeden Riss, jeden Fleck und jede Delle in dem billigen PVC-Boden, und so schweift mein Blick hin und her, um irgendwo etwas zu finden, worauf der Blick verweilen kann, ohne verschreckt zu werden. Ich lande beim Waschbecken-Unterschrank. Ebenfalls Baumarkt. Ebenfalls hässlich. Unter dem Waschbecken-Unterschrank (ob das jemals Unwort des Jahres gewesen ist?) lugen die Spitzen von ausgelatschten Turnschuhen hervor.

Jörn hat diese wunderbaren alten Adidas bei unserem ersten Date getragen. Ich weiß das so genau, weil ich zu diesem Zeitpunkt verzweifelt welche in genau dieser Farbkombination gesucht habe. Blau. Weiß.

Jetzt ist er ausgezogen und hat sie einfach zurückgelassen. Ich meine, wer tut so etwas? Selbst wenn er sie nicht mehr mag, weil er jetzt ein erwachsener Mann ist und nur noch Budapester und Slipper trägt, sollte man doch seiner Vergangenheit wenigstens so viel Respekt zollen und solche Schuhe nicht einfach irgendwo zurückzulassen!

Ich strecke den Arm aus und lehne mich zur Seite. Um nicht umzukippen und auf dem ollen PVC-Boden zu landen, halte ich mich mit einer Hand am Badewannenrand fest. Er fühlt sich kühl und rau an.

Meine Fingerspitzen erreichen den Schuh und ziehen ihn vorsichtig unter dem Schrank hervor. Ich hebe ihn hoch und setze mich wieder gerade hin. Er hat seine besten Zeiten hinter sich und ist völlig verbeult. Außerdem stinkt er dezent nach Schweißfuß, was mich veranlasst, ihn umgehend wieder fallen zu lassen.

Die viele Bewegung hat mich erschöpft, und so versinke ich wieder in meiner Starre, die Füße an der Wand, den Kopf auf dem Rand des Spülkastens gebettet.

Ich harre ich dieser Stellung so lange aus, bis die Haustür vernehmlich ins Schloss fällt. Aus dem Augenwinkel schiele ich zur Tür, die ich dummerweise nicht abgeschlossen habe.

Es poltert im Flur. Dann brüllt mein Ex-Freund: »MARIE?«

Eigentlich sollte ich erleichtert sein, dass er es ist. Es hätte auch ein böser Einbrecher sein können, der versuchen würde, mich zu verschleppen und sämtliche Wertgegenstände mitgehen zu lassen. Allerdings hätte der wohl keinen Wohnungsschlüssel. Insofern hält sich die Erleichterung in Grenzen.

»MARIE!« Jörns Ton hat sich verändert.

Eine Faust poltert von draußen gegen die Badezimmertür. Ich zucke zusammen.

»Bist du auf dem Klo?«

Jörn hat eine »Andere Menschen sitzen auf dem Klo«-Phobie. Eher würde er tot umfallen, als jemandem beim Pipimachen oder bei Schlimmerem zuzugucken. Wenn ich jetzt also ja sage, stellt er sich draußen vor die Tür und wartet darauf, dass ich rauskomme. Was mir auch nicht wirklich weiterhilft.

»Nö«, sage ich deshalb, und sofort wird die Tür aufgerissen.

»Ich habe mein Ladekabel vom Mac vergessen. Wo ist das?«

Das ist nicht die Frage. Die wirkliche Frage versteckt sich viel tiefer hinter der offensichtlichen Frage. In Wirklichkeit fragt er: »Wohin hast du verdammt noch mal MEIN Ladekabel verschleppt? Du hast ein eigenes, das seit einer Ewigkeit kaputt ist, deswegen hast du dir immer MEINS unter den Nagel gerissen, aber damit ist es jetzt vorbei!«

»Ich weiß nicht, wo DEIN Ladekabel ist«, sage ich und starre auf den kackbraunen Ölanstrich. Dabei weiß ich es im Grunde ganz genau. Aber Jörn wird ab sofort ein Leben führen, in dem ihm niemand mehr seine Sachen wegträgt, insofern kann er sich noch mal ein bisschen anstrengen.

Er stöhnt genervt auf und lehnt sich gegen den Türrahmen. Offenbar war meine Antwort eine Zumutung.

»Du bist echt dämlich!«, zischt er leise und starrt mich vernichtend an.

Dummerweise schießen mir ausgerechnet in diesem Moment die Tränen in die Augen. So eine Aussage gilt nach den Menschenrechtskonventionen sicherlich schon als psychische Gewalt. Ich bin in meiner Ex-Beziehung psychischer Gewalt ausgesetzt. Das ist dramatisch. Das hatte ich mir nicht erträumt, als wir beide hier vor drei Jahren gemeinsam eingezogen sind. Damals dachte ich ganz ernsthaft, dass er der Mann meiner Träume wäre.

»Fang nicht an zu heulen«, sagt er drohend. In seiner Welt heult man nämlich nicht. Da ist man knallhart und eiskalt, und Emotionen haben höchstens mal die Auszubildenden, die aber spätestens bei der Übernahme damit aufhören. Also Emotionen zu haben. Das lernen die da nämlich. (Das klingt jetzt ein wenig, als wäre er Angehöriger einer SEK-Sondereinheit, dabei arbeitet er in einer Bank. Aber die Welt in einer Bank scheint Parallelen zu Strike Back und der GSG 9 aufzuweisen.) »Ich zahle noch drei Monate Miete. Kündige oder tu sonst was, aber nach drei Monaten kannst du zusehen, wie du die Wohnung finanzierst.«

Ich starre weiterhin die kackbraune Wand an. Das beruhigt mich, und ich weiß sowieso nicht, was ich sagen soll.

»Vielleicht suchst du dir einfach mal einen Job?«, bemerkt er gehässig.

»Ich blogge.«

»Das ist kein Job. Das ist die Zustandsbeschreibung für eine sonderbare Tätigkeit, in der man den ganzen Tag in der Bude rumhockt und zwischendurch mal irgendwas tippt. Du hast einfach Angst, aus Versehen erwachsen zu werden oder dich mal auf die Welt da draußen einzulassen. Ich verrat dir was: Es ist eigentlich ganz nett da draußen.«

»Ich blogge.« Mir bleibt wohl nichts anderes übrig, als mich einfach zu wiederholen. Vielleicht versteht er es dann irgendwann?

»Das ist doch völlig daneben«, murmelt er und stößt sich mit einem Ruck vom Türrahmen ab. Vermutlich begibt er sich auf die Suche nach seinem Ladekabel. Ich habe es vorsorglich unter dem Sofa versteckt. Schließlich brauche ich ein Ladekabel. Er kann sich ein neues kaufen. Er verdient ja genug. Bei mir reicht es gerade so zum knappen Überleben. Neue Ladekabel sind da so spontan nicht im Budget.

Er rumpelt durch die Wohnung und flucht dabei vernehmlich. Er war immer schon der große Fluch-Weltmeister. Aber irgendwann hat er aufgehört. Vermutlich, seit er lieber mit Excel zusammen ist als mit mir. Excel ist nämlich erwachsen und kann mit Zahlen umgehen. Ich nicht. Ich kann nur sehr schlecht rechnen, serviere hin und wieder anderen Menschen Cappuccino und betreibe einen Blog über Haustiere. Den aber immerhin sehr erfolgreich. Ich kann Menschen unterhalten und informieren. Das kann ich sogar so gut, dass ich durch die vielen Werbeanzeigen mittlerweile ein regelmäßiges Einkommen habe. Also irgendwie zumindest. Es reicht nicht für außerplanmäßige Ladekabel oder diese Wohnung, aber ich kann ansonsten davon leben. Mit Jörn zusammen konnte ich das. Wie es jetzt weitergeht, weiß ich nicht.

Jörn taucht just in diesem Moment in der offenen Badezimmertür auf. Sein Blick ist finster, und er hält das Ladekabel wie eine erwürgte Schlange fest im Griff seiner linken Faust. Scheiße. Hat er es doch gefunden.

»Du bist ein Miststück!«, sagt er und starrt mich wieder mit seinen durchdringenden blauen Augen an. »Miststück« gehört nicht zu seinem aktuellen Wortschatz. Vermutlich ist dieses Wort ein Relikt aus alten Zeiten. Den Zeiten mit mir, aber die sind jetzt ja vorbei. Mein Jörn ist weg. Irgendwann einfach verschwunden.

Geblieben ist ein ernster, finsterer, schlecht gelaunter Typ, der nicht mehr im Bett frühstücken möchte, weil die Krümel piksen, und der sich insgeheim nach einer standesgemäßen Freundin an seiner Seite sehnt. Schmerzlich sehnt, wie er mir vor ein paar Tagen noch versichert hat. Eine, die keine mintfarbenen Jeans und roten Pullis mit Herzchen trägt. Eine, die in der Lage ist, sich weiterzuentwickeln und Erfolg hat im Leben.

Ich stehe aber nicht auf ernste, finstere Banker, die ihre Hemden mit dem Lineal zusammenlegen und nicht mehr über dreckige Witze lachen können. Ich hätte meinen Jörn von damals gerne behalten, der in zerlatschten Sneakers durchs Leben ging und den Abschluss einer Lebensversicherung für den Höhepunkt eines Spießerlebens gehalten hat.

Ist mein Jörn von damals wirklich weg? Prüfend betrachte ich den Kerl, der das erlegte Ladekabel triumphierend hin- und herschwenkt. Er sieht ihm noch ähnlich. Ein bisschen dicker ist er geworden. Aber die blauen Augen sind natürlich gleich geblieben, wenn auch der Blick ein anderer geworden ist. Ernster. Die Haare haben sich sanft ausgedünnt, was er durch einen radikalen Kurzhaarschnitt zu kaschieren versucht. Der finstere Blick steht ihm auch gar nicht. Er bläht dann immer so die Nasenflügel auf.

Jetzt öffnet er den Mund, um etwas Herablassendes und total Erwachsenes zu sagen, aber ich komme ihm zuvor.

»Verschwinde!«, brülle ich und erschrecke mich vor mir selber. Ich kann nämlich eigentlich gar nicht brüllen.

Erschrocken weicht er tatsächlich einen Schritt zurück, jetzt das Ladekabel wie ein Schutzschild vor sich schwenkend.

Ich lege sogar noch eins drauf: »Du kannst dir die Miete an den Hut stecken, ich brauch deine Mitleidsspende nicht!«

Er sagt etwas, das ich nicht genau verstehe, weil es in meinem Ohren so dröhnt, aber es klingt wie: »Du bist ja irre!«

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, laufe ich ins Wohnzimmer, suche mit fliegenden Fingern die jetzt dringend benötigte Playlist auf meinem Smartphone und stecke das Ding zitternd in die Docking-Station.

Eine Sekunde später brüllt Philipp Poisel Wie soll ein Mensch das ertragen. Ich breche umgehend in Tränen aus, lasse mich auf die alten Dielen fallen und ergebe mich dem Soundtrack meines gebrochenen Herzens.

Kapitel 2

Alkohol und Ladekabel

»Charlston hat ganz, ganz, ganz schlimmen Durchfall!«

Ich liege immer noch auf den alten Dielen. Und Philipp singt immer noch, jetzt über die Liebe seines Lebens. Ich muss eingeschlafen sein. Mitten im höchsten Drama meines Lebens schlafe ich ein. Aber Schlafen ist ja auch irgendwie eine Form von Protest.

Und mitten in diesem tiefen Schlaf muss ich an mein Handy gegangen sein, womit ich jetzt Meike am Ohr habe. Ich öffne langsam die Augen und strecke die Beine in die Luft, um mich zu sortieren. Ich sollte an dieser Stelle aufnahmefähig sein, denn wenn es nicht wirklich Meike ist, ist es Mareike, und die hat eine sieben Wochen alte Tochter, was sie zurzeit sehr empfindlich macht. Charlston hingegen ist ein Hund.

»Meike!«, sage ich deshalb als Begrüßung und zur Rückversicherung, dass wir über einen Hund und nicht über einen Säugling sprechen.

»Was soll ich jetzt machen?« Jep. Es ist Meike. Ich werde nur zum Wohlergehen von Vierbeinern befragt. Die korrekte Behandlung von Säuglingen kommt in meinem immensen Wissensschatz leider nicht vor.

»Äh«, murmle ich, ziehe die Beine wieder an und strecke mich auf dem Fußboden aus wie ein gestrandeter Wal. Ich muss wirklich tief geschlafen haben, denn erst jetzt sickert der heikle Zustand meines Lebens zurück in meinen Kopf, womit ich ein ernstes Problem bekomme, mich voll und ganz auf den Hundedurchfall zu konzentrieren.

»Zum Tierarzt gehen«, sage ich deshalb matt und rapple mich nun auf die Knie, um Philipp dazu zu bringen, ein wenig leiser sein Leid zu klagen.

»Ja, klar. Aber vorher? Jetzt hat kein Tierarzt mehr auf.« Ich werfe kurz einen Blick auf den alten Wecker auf meinem Schreibtisch. Es ist zweiundzwanzig Uhr.

»Du darfst ihm kein Futter mehr geben. Nix. Finito. Und abwarten. Wenn er morgen mit der Scheißerei aufhört, kochst du ihm Huhn und Reis. Es gibt da auch fertiges Futter für den fütterungssensitiven Hund. Das geht auch. Ansonsten aber morgen Mittag zum Tierarzt. Hat er was Falsches gefressen?«

»Ein Schokoladenei, das wir Ostern nicht gefunden haben. Außerdem war es bestimmt schon abgelaufen, das liegt da ja seit März. Jetzt haben wir Oktober!«

»Oh.« Ich bin auf der Stelle hellwach. »Schokolade ist giftig!«

»Ja, weiß ich. Aber so groß war das Ei nicht. Im Gegensatz zu Charlston, der ist echt groß.«

Wohl wahr. Ihr Rhodesian-Ridgeback-Rüde hat bei der Verteilung der Körpergröße sehr laut »Hier!« geschrien. Und beim Selbstbewusstsein hat er auch gleich noch zugeschlagen. Er nimmt grundsätzlich das, was er kriegen kann. Auch gerne mal einen Dackel zum Frühstück.

»Ich habe das schon recherchiert. Es war außerdem Vollmilch. Dunkle Schokolade ist schlimmer. Man kann die gefährliche Dosis errechnen, und er ist weit davon entfernt. Aber offenbar verträgt er Schokolade nicht. Schreib doch mal was über Durchfall. Das ist wichtig!«

Über Durchfall oder was anderes. Völlig egal. Nur schreiben muss ich mal wieder etwas. Und das dringend.

»Mach ich«, sage ich eilig und springe auf. Ich habe schon gestern nichts geschrieben. Weil ich mich von Jörn trennen musste. Das hat sämtliche meiner Kapazitäten in Anspruch genommen. Dabei ist doch »Ein Post pro Tag« meine Devise. Schließlich habe ich wirklich viele Leser auf meinem Haustierblog und für meine Verhältnisse sehr lukrative Werbekunden. Die sich in Kürze verabschieden werden, weil ich vor lauter Herzschmerz vergesse, über artgerechtes Kanarienvogelfutter und Leinen-Aggression bei übergeschnappten Ridgeback-Rüden zu schreiben.

Eilig suche ich meinen Laptop, klappe ihn auf und drücke den kleinen Knopf oben rechts. Nichts passiert. In Gedanken sehe ich Jörn das Ladekabel vor mir schwenken. Sehr ungünstig. Mein Kerl ist weg und hat das Ladekabel mitgenommen. Genervt klappe ich den Laptop wieder zu, suche jetzt meine Schuhe, finde sie unter dem Sofa, schlüpfe hinein, suche meinen Schlüssel, finde ihn im Kleiderschrank und mache mich auf ins »Leos«. Dort gibt es ein Ladekabel. Und Alkohol. Und Ella. Hervorragende Kombination für mein gebrochenes Herz und meinen Blogbeitragsrückstand.

Das »Leos« ist eine richtige Bar direkt bei mir um die Ecke. Ich verkehre eigentlich nicht in Bars. Ich bin mehr der »Zu Hause auf dem Sofa mit erstklassigem selbstgemachten Latte macchiato«-Typ, aber Jörn hat die Espressomaschine mitgenommen. Das »Leos« habe ich vor gut zwei Jahren nur zufällig mal aufgesucht, weil ich ein Grey’s-Anatomy-Trauma hatte. Jörn war auf Geschäftsreise, und ich habe damals eine ganze Staffel an einem einzigen Wochenende geschaut. Bei Grey’s Anatomy sind nach einer brenzligen Situation immer alle in eine Bar gegangen, und ich wollte mal ausprobieren, wie sich das so anfühlt. Denn schon vor der gestrigen Trennung war mein Leben mit Jörn manchmal brenzlig. Außerdem habe ich damals mit dem Gedanken gespielt, einen weiteren Blog zu beginnen. Irgendwas Trendiges. Über dieses Stadium bin ich allerdings nicht hinausgekommen, weil ich feststellen musste, dass ich einfach nicht trendig bin. Weder innen noch außen. Das habe ich beim Besuch in dieser trendigen Bar ziemlich schnell festgestellt. Aber bei dieser Gelegenheit habe ich Ella kennengelernt. Ella ist ziemlich klein, weswegen sie immer Schuhe mit mindestens zehn Zentimeter hohen Absätzen trägt. Sie sagt, sie muss die tragen, um überhaupt über die Theke gucken zu können. Ich denke, sie zieht die Dinger nur zum Duschen aus, weil sie sich sonst zu klein für das Leben fühlt. Was sie gar nicht ist. Ella hat zwar eine geringe Körpergröße, dafür ist sie ansonsten ausgesprochen laut, schön und mächtig.

»Schätzchen!«, begrüßt sie mich jetzt. Ella hat auch eine ganz besondere Stimme, die immer und überall hörbar ist. Da gerade in voller Lautstärke Sky and Sand von Paul Kalkbrenner läuft und ich sie ohne Probleme verstehe, scheint ihre Stimme alle anderen Schallquellen kurzfristig zu verdrängen.

»Hi, Ella. Ich brauche Alkohol und das Ladekabel!«

Sie nickt knapp, greift unter die Theke und drückt mir ihr Ladekabel in die Hand. Keine Minute später steht ein Glas mit buntem Inhalt vor mir. Alles prima so weit. Ich stöpsele den Laptop an, klappe ihn auf und fange an, über Durchfall bei Hunden zu schreiben. Ich weiß eine Menge darüber. Ich bin sozusagen eine echte Expertin, und wenn ich mich konzentriere, kann ich sogar die laute Musik ausblenden.

Ich nippe an meinem Drink, der ziemlich süß und ziemlich stark ist und schmeckt, als würde er zu ungefähr achtundneunzig Prozent aus reinem Alkohol bestehen. Dann starre ich wieder auf den Bildschirm, auf dem ich gerade ausführlich über den Sinn und Unsinn von Hüttenkäse als Krankenfutter schwadroniert habe, und versuche mich an etwas Wissenswertes über die Darmflora von Hunden zu erinnern, das ich irgendwann irgendwo mal gelesen habe.

Ich rubble mir die Stirn und nippe erneut an meinem Drink, in der Hoffnung, dass das meinem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge hilft, aber ganz plötzlich trudeln viele Dinge durch meinen Kopf, die allesamt nichts mit der hündischen Darmflora zu tun haben.

Hauptsächlich geht es in diesen unerfreulichen Gedanken um Mangel. Dem Mangel in meinem Leben. Mir mangelt es jetzt an einem Freund. Und an Geld. Und es mangelt mir schon verdammt lange an einem Haustier.

Einem Hund zum Beispiel. Auch eine Katze wäre schön. Sogar über einen Wellensittich würde ich mich wirklich freuen. Leider ist das laut Mietvertrag absolut verboten. Weswegen all meine Leserinnen und Leser und Werbekunden glauben, ich besäße einen schlecht erzogenen Ridgeback, einen Kanarienvogel sowie zwei Katzen und ein Hängebauchschwein, was aber nicht der Fall ist. Das sind alles die Tiere meiner Freunde. Ich schreibe nur über sie. Ich verteile die mir zugesandten Futterproben und Ausstattungsutensilien und warte auf Berichterstattung.

Ich nehme noch einen tiefen Schluck und lege dann die Stirn auf die Theke, während ich mit der anderen Hand den Laptop zuklappe.

Eigentlich bin ich eine Hochstaplerin. Mehr Schein als Sein. Genau das, was ich Jörn zum Vorwurf mache. Vermutlich bin ich auch noch ein schlechter Mensch. Und vermutlich ab dem nächsten Monat wohnungslos. Das fällt mir nämlich so ganz spontan auch noch ein. Allein kann ich die Miete für die Wohnung unmöglich stemmen. Viele Erkenntnisse in kurzer Zeit. Heute ist nicht mein Tag. Und er wird auch nicht besser, als sich ein Typ neben mich setzt und mir viel zu vertraulich die Schulter tätschelt.

Kapitel 3

Rudel gesucht

»Willst du einen Drink?«, brüllt er über die Musik hinweg und starrt mich aus triefigen Augen hinter seiner Designerbrille an. Der Typ ist ein Gesamtkunstwerk. Viel zu künstlich, um wirklich echt zu sein. Allein für die Frisur wird er Stunden gebraucht haben. Was aussieht wie lässig und nach Feierabend von seinem geilen Job als Werbefachmann mal eben kurz ohne Zuhilfenahme eines Kamms hingewuschelt, ist mit Sicherheit das Ergebnis einer halben Flasche Haarspray.

»Lass mich in Ruhe«, sage ich. Nicht unfreundlich, aber die grundsätzliche Aussage ist natürlich auch nicht sehr nett. Leider weiß ich, wie das hier endet. In der nächsten Stunde wird er mir detailliert darlegen, was für ein cooler Typ er ist. Was für einen coolen Job und was für coole Hobbys er hat und wie er total cool seine Work-Life-Balance auf die Reihe bekommt. Ach, und nach New York muss er bestimmt auch bald. Morgen. Oder noch heute Nacht. Alle diese Typen müssen immer nach New York. Dabei machen sie gerade ihr zweiundzwanzigstes Praktikum.

»Du musst nicht gleich zickig werden.« Der Designerbrillentyp guckt, als hätte er einen auf die Nase bekommen. Vielleicht hat er es wirklich nur nett gemeint. Ich will gerade einen versöhnlicheren Ton anschlagen, als Ella mir dazwischenkommt.

»Finger weg!«, schnauzt sie. »Das ist MEINE Freundin!«

Erschreckt hebt der Hipster, oder welcher Gattung er auch immer angehört, die Hände und weicht zurück. Er starrt Ella entsetzt an. Mit so viel weiblichem Einsatz hatte er wohl nicht gerechnet. Ich gucke allerdings nicht weniger verschreckt aus der Wäsche.

Der Typ zieht ab, und sie sieht ihm böse hinterher.

»Die sind alle gleich. Die wollen immer nur das eine.«

»Das da wäre?«

»Ficken!« Für einen Moment bin ich mindestens genauso peinlich berührt wie der Rest der Gäste an der Bar.

»Dagegen ist ja auch nichts einzuwenden.« Sie stellt ein leeres Glas vor mich auf die Theke und schüttet eine gute Ladung Whisky hinein. »Aber sich den Sex über diese Trost-Nummer zu ergaunern, ist echt das Letzte. Du siehst ein wenig mitgenommen aus.«

Ah. Interessante Sichtweise.

»Ah«, sage ich und nippe an meinem Whisky, der wirklich ekelig schmeckt. Mehr nach verdorbenem Petroleum oder etwas, mit dem man das Klo reinigt, als nach einem fünfundzwanzig Jahre lang in einem Eichenfass gereiften edlen Tropfen.

»Man muss da aufpassen.« Ella fuchtelt kurz mit erhobenem Zeigefinger vor meiner Nase herum, dann wagt es einer der anderen Gäste, vorsichtig eine Bestellung in Ellas Richtung zu flüstern, und sie wirbelt los.

Gegen ein Uhr leert sich die Bar langsam. Ich bin hundemüde, mein Laptop ist aufgeladen, und, da ich den ekligen Whisky tatsächlich komplett getrunken habe, auch ein klitzeklein wenig betrunken – abgesehen davon, dass ich mir vermutlich bis zum Rest meines Lebens die Geschmacksnerven betäubt habe. Dennoch harre ich aus. Ich bin nämlich in eine heftige Phase des akuten Selbstmitleids eingetreten und kann damit jetzt einfach nicht aufhören. Zu der Erkenntnis, dass ich meine Miete schon sehr bald nicht mehr zahlen kann, hat sich noch eine weitere gesellt: Ich bin ab sofort allein. Was ganz fürchterlich ist, schließlich bin ich tief in meinem Herzen ein echtes Rudelwesen. Ungefähr so wie ein Wolf. Leider hatte ich noch nie eins. Also ein Rudel. Schließlich bin ich nur ein einzelnes Einzelkind mit ausgesprochen sonderbaren Eltern, die auch noch getrennt leben.

Mein mittlerweile leicht verschwommener Blick bleibt an Ella hängen, die wie ein Derwisch hinter der Theke hin- und herflitzt.

Hat sie mir nicht irgendwann mal erzählt, dass sie die WG, in der sie lebt, abgrundtief hasst? Was unter anderem daran liegt, dass alle ihre Mitbewohner männlich sind, ausgesprochen stinkende Füße haben, aber keinen Respekt vor Ellas Gemüse im Kühlschrank, und ständig Fußball schauen – nur mit Boxershorts bekleidet und nackter, eher waschbärenbauchmäßiger Optik obenherum, während sie im ganzen Raum Chipskrümel verteilen? Sie hasst es, mit drei Exemplaren der männlichen Gattung zusammenzuleben, die irgendwie nur aus sich bestätigenden Klischees bestehen.

Dieser Gedanke bringt mich wieder zu dem Rudel, und schlagartig springt mich eine weitere Erkenntnis an: Ich werde eine WG eröffnen. Denn ob ich mir nun eine WG suche, weil ich mir eh keine eigene Wohnung leisten kann, oder gleich in meiner wunderschönen Wohnung bleibe und mir ein paar Mitbewohner suche, das läuft doch auf das Gleiche hinaus. Ich wollte immer schon mal in einer WG leben. Das hat aber nie geklappt. Während des Studiums musste ich zwangsläufig noch bei meiner Mutter bleiben, weil sie jemanden brauchte, der ihren Dackel hütete, wenn sie auf Geschäftsreise war. Und als ich das Studium (BWL, gähn!) abgebrochen habe, weil es mir Albträume beschert hat, gab es von meinen Eltern keinen Cent mehr, und ich war quasi mittellos. Ich habe angefangen zu kellnern und den Blog aufzubauen, und meine erste Berichterstattung drehte sich um Theo, Mamas Dackel.

Ich bin in eine kleine Dachkammer in einem der typischen Hinterhäuser hier in Berlin gezogen und fühlte mich dabei manchmal wie Camille in Zusammen ist man weniger allein, nur leider ohne Franck und Philibert.

Dann kam Jörn, und wir sind in diese wunderschöne und schweineteure Altbauwohnung gezogen. Aus der ich auf keinen Fall wieder ausziehen möchte. Die ganze Zeit starre ich Ella an, wie sie Gläser abräumt und die Theke wischt. Sie wäre die Lösung meines Problems.

Irgendwann sind wir endlich allein in der Bar, und Ella plumpst mit einem tiefen Seufzer auf den Barhocker neben mir.

Es ist mittlerweile schon verdammt spät, und ich müsste dringend meinen Artikel über Hundedurchfall fertig schreiben. Außerdem bin ich ein wenig aufgeregt, und deswegen fasse ich mich jetzt mal ganz kurz: »Ella! Möchtest du mit mir zusammen wohnen?«

Ella: »Hä?«

»Naja, ich bin doch jetzt Single!«

Ella runzelt die Stirn, dann rollt sie mit den Augen und nimmt meine Hand. »Marie. Das kommt jetzt etwas unerwartet. Ich wusste ja gar nicht, dass du …«

Oh. Offensichtlich habe ich mich etwas unklar ausgedrückt. Ich entziehe ihr schnell meine Hand wieder und raune: »Nee. So war das nicht gemeint. Wohnen! Nichts anderes!«

Ella lacht auf. »Puh! Ich dachte schon, du bist über Nacht lesbisch geworden. Nichts gegen Lesben, aber ich stehe ja mehr auf Kerle.«

»Mensch, Ella! Ich brauche ganz schnell jemanden, der keine Stinkefüße hat, mir nicht den Kühlschrank leer frisst und in friedlicher Koexistenz gemeinsam mit mir in der schönsten Wohnung von Berlin wohnen möchte!«

Auf Ellas Gesicht erscheint ein Lächeln. »Mmh, nach acht Stunden in der Bar riechen meine Füße auch nicht unbedingt nach Veilchen. Aber ich lege sie dann nicht auf den Tisch, während du gerade eine Portion Müsli verspeist. Jetzt mal im Ernst: Du suchst wirklich eine Mitbewohnerin?«

Ich nicke. »Allerdings bräuchten wir noch ein oder zwei Mitbewohner mehr, damit sich das finanziell trägt. Zimmer sind ausreichend da.«

»Dann lass uns hier abschließen und deine Wohnung anschauen!« Ella sprüht plötzlich vor Energie. Offenbar habe ich einen Nerv bei ihr getroffen.

Und so kommt es, dass wir zwei mitten in der Nacht erst eine Wohnungsbegehung machen und dann zur Feier unseres bald gemeinsam stattfindenden Lebens eine Flasche Wein köpfen. Eine Flasche, die Jörn vergessen hat und die mindestens so viel kostet wie eine Reise nach Rom. Aber so ist das manchmal im Leben. Mal gewinnst du und mal die anderen. Heute war ich mal dran.

Kapitel 4

Psychopath und Zuckerbär

»Und es gibt Menschen, die ihren Hunden dann Hühnchen und Reis kochen?« Ella findet Haustiere befremdlich. Und noch befremdlicher findet sie Menschen, die für Tiere Essen kochen.

»Natürlich!«, sage ich mit Nachdruck. »Wenn man die Verantwortung für ein Lebewesen übernimmt, muss man ja auch dafür sorgen, wenn es ihm schlecht geht.«

Ella sieht mich ausdruckslos an. »Ich bin wohl nicht so der Haustier-Typ.«

»Dafür bist du jetzt aber gut informiert, falls der Hund, den du dir niemals kaufen wirst, mal Durchfall haben sollte.« Zufrieden klappe ich meinen Laptop zu. Wenigstens habe ich meinen Artikel über Durchfall bei Hunden erfolgreich online gestellt, und nur wenige Minuten später gab es schon die ersten Kommentare. Offenbar ist das Thema hochspannend.

Wir sitzen schon wieder in meiner Küche. Es war eine ziemlich lange Nacht, und Ella hat kurzerhand auf meinem Sofa geschlafen. Als Übung für das, was noch kommt.

Es gibt auch schon einen konkreten Plan. Einen zukunftsweisenden, bombastischen und froh stimmenden Plan. Der sieht vor, dass ich ins Wohnzimmer ziehe, wo ich sogar den wunderbaren Balkon weiter benutzen kann, und Ella in mein ehemaliges Schlafzimmer. Dann bleiben noch zwei weitere Zimmer, die zwar relativ klein sind, aber wenigstens über Tageslicht verfügen. Wir haben zwischenzeitlich ernsthaft erwogen, auch den kleinen Abstellraum im Flur zu vermieten, dann aber beschlossen, dass Menschen durchaus das Recht haben sollten, einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Also fehlen uns noch zwei weitere Mitmieter.

Wir befinden uns in einer klassischen Win-win-Situation.

Ella ist glücklich, weil sie endlich ihrer fußmüffelnden Männer-WG entkommen kann, ich bin glücklich, weil ich mich nicht auf die Suche nach einem erschwinglichen WG-Zimmer machen muss, und unsere zukünftigen Mitbewohner werden auch sehr glücklich sein, weil die Wohnung unfassbar schön und wir unfassbar nett sind.

Schnell machen wir ein paar Fotos und teilen sie bei Facebook und in ein paar anderen WG-Suche-Online-Portalen. Zwei Stunden später starren wir schwer erschüttert auf den Bildschirm. Offenbar sucht halb Berlin ein WG-Zimmer. Wir haben einfach nicht mit einer solchen Resonanz gerechnet, und mir schwant, dass es ziemlich aufwendig sein dürfte, die vielen Mails zu beantworten. Und noch viel aufwendiger, aus den vielen Bewerbern die richtigen herauszusuchen.

»Entschuldige bitte, aber das geht nicht!« Zwei Tage später betrachte ich skeptisch die rote Couch, die Ella mitten ins Wohnzimmer geschoben hat, damit wir dort gemeinsam Platz nehmen, Kaffee trinken und die Meute der Wohnwilligen an uns vorbeiziehen lassen können. Sie nennt es »Mitbewohner-Casting«. Ich sage: Das ist ja wie im Zoo!

»Hör zu, Marie. Du kennst dich mit Durchfall bei Hunden aus, ich mich mit Castingshows. Ich bin da die absolute Fachfrau, schließlich habe ich sämtliche bisher ausgestrahlten Formate verfolgt. Das hier ist ein Casting. Wir sind die Jury. Ich wollte schon immer mal eine Jury sein.«

Sie strahlt mich an. Es ist jetzt nicht so, dass ich zurückstrahle, ich kann aber nicht verhindern, dass ich grinsen muss.

Als ich Ella gefragt habe, ob sie bei mir einziehen will, dachte ich tatsächlich, ich würde sie kennen. Fakt ist jedoch: Ich hatte ja keine Ahnung! Ella ist so, wie ich sie kannte, nur alles hoch vierzehn. Was durchaus als anstrengend durchgeht. Dazu ist sie aber auch sehr witzig und hat permanent gute Laune. Irgendwie erfreut sie sich ständig an ihrer eigenen Existenz. Ich meine, das ist doch wirklich eine grandiose Fähigkeit! Ich kann das nicht. Aber ich schaffe es oft, mich von ihr mitreißen zu lassen.

Zum Glück steht Ella eh nie vor Mittag auf und braucht dann auch noch sehr lange, bis sie wach ist. So können wir uns schweigend und gemeinschaftlich der Aufwachphase hingeben, die ja auch bei mir etwas länger dauert, und Ella läuft nicht Gefahr, wegen morgendlicher guter Laune von mir noch vor dem ersten Kaffee erschlagen zu werden. Ihre gute Laune setzt immer erst gegen Mittag ein.

Unserem Mitbewohner-Gesuch ist so zahlreich entsprochen worden, dass wir schon im Vorfeld massiv aussieben mussten. Wohnraum ist knapp, und offenbar ist der Markt voll von Menschen, die verzweifelt eine bezahlbare Bleibe suchen. Entsprechend sind unsere Bewerber freimütig bereit, ihre hochgelobten Kochkünste der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, das Klo zu putzen oder unentgeltlich die Steuererklärung der Vermieterin zu übernehmen. Wer dringend eine Wohnung sucht, scheint zum Gutmensch zu mutieren.

Und so hocken Ella und ich also an diesem Morgen auf der roten Couch, trinken Kaffee und warten auf die ersten Bewerber. Wir haben den ganzen Tag für das Mitbewohner-Casting eingeplant. Und das nur für die, die es durch unsere hammerharte Vorrunde geschafft haben. Menschen mit Katzen, Wellensittichen und die, die gleich noch einem Stellplatz für ihren Aston Martin (es gab zwei davon!) oder die Harley Davidson (nur einer) suchen, wurden von uns aussortiert. Jetzt haben wir noch eine Liste von fünfzehn Bewerbern, die wir im halbstündigen Abstand einbestellt haben. Klingt wie beim Arzt.

Es klingelt, und ich bin plötzlich so aufgeregt, dass ich mir meinen Kaffee über die Hose kippe. Ella hingegen wird augenblicklich cool wie ein arktischer Winter.

»Mögen die Spiele beginnen«, raunt sie und springt flink vom Sofa, um die Haustür zu öffnen, während ich erst mal sitzen bleibe und mit einem Handtuch auf meiner Hose herumreibe.

Ella spricht mit jemandem im Flur, der daraufhin so tief brummt, dass ich fast spüre, wie der Fußboden vibriert.

»So, dann komm mal mit!« Ella schießt um die Ecke, verdreht zu mir gewandt die Augen und springt wieder auf das Sofa. Ihr folgt ein Mann. In einem beigefarbenen Pullunder. Mit braunen Schnürschuhen. Den Rest kann ich noch nicht erfassen, weil ich gedanklich nicht von dem Pullunder und den Schnürschuhen loskomme.

»Hallo«, sagt der Mensch mit dem schlechtesten Klamottengeschmack, den ich jemals getroffen habe (was einiges heißt, schließlich stehe ich selbst auf Herzchenpullover), und setzt sich auf den Besucherstuhl vor dem Sofa.

»Hallo«, sagen Ella und ich einstimmig.

»Wir sind Ella und Marie. Erzähl doch mal ein wenig über dich«, zwitschert Ella weiter.

»Ich bin Ludger.«

Ich nicke. Guter Name für ihn. Patrick oder Alex hätte mich irritiert.

»Und ich muss unbedingt wissen, was für eine Internetverbindung ihr hier habt. Das hättet ihr gleich schreiben sollen«, sagt Ludger und guckt uns tadelnd an. Als wir nicht reagieren – was wir nicht können, weil keine von uns damit gerechnet hat, dass er so viele Worte sinnvoll miteinander verbinden kann –, fügt er hinzu: »In der Anzeige. Hättet ihr das schreiben können.«

»Oh. Äh. Ja. Wir bitten um Verzeihung«, sage ich. »Da hängt ein Kasten unter meinem Schreibtisch. Keine Ahnung, was da rauskommt. Es funktioniert meistens ganz gut.«

Ludger erhebt sich und klettert ausgesprochen flink unter den Schreibtisch, um dort dann einen sonderbaren Laut auszustoßen. Als er damit aufhört und leicht staubig wieder hervorgekrochen kommt, guckt er böse.

»Ich habe das schnell mal ausgemessen.« Anklagend hebt er ein kleines Gerät hoch. »Das ist echt schlecht. So könnte ich nicht arbeiten. Ihr hättet das wirklich schreiben müssen, dann hätten wir uns die Zeit sparen können. Guten Tag.« Er nickt uns zu und geht.

Ella und ich sitzen einen Atemzug lang schweigend nebeneinander und starren ihm hinterher.

»Ich finde es super, dass er sich sofort als totaler Psychopath entpuppt hat«, sagt Ella. »Bei manchen dauert das ja ein paar Wochen, das finde ich dann viel schwieriger.«

»Da kann ich dir nur zustimmen!«, sage ich voller Inbrunst.

Wir erheben uns und ziehen in die Küche, um neuen Kaffee zu kochen und die Schokoladenvorräte zu plündern. Exakt fünfundzwanzig Minuten später klingelt es wieder an der Tür.

Frau und Herr Grinsemensch stehen davor. Abgesehen davon, dass sie beide unfassbar fröhlich zu sein scheinen, kleiden sie sich im Stil der Vierzigerjahre. Sie trägt ein figurbetontes Kleid in Dunkelrot und er einen Tweed-Anzug. Schick. Muss ich neidlos zugeben.

»Wir sind Martina und Michael«, begrüßen sie uns synchron.

Wir bitten die beiden herein, und sie setzen sich gemeinsam in unseren Besuchersessel vor dem Casting-Jury-Sofa. Obwohl wir ihnen einen zweiten Stuhl holen wollten. Sie ziehen es vor, dicht gequetscht dort zu hocken wie die Ölsardinen.

»Das ist eine sehr hübsche Wohnung«, eröffnet Martina das Gespräch.

»Wir sind gemeinsam auf der Suche und würden uns das Zimmer teilen«, sagt Michael.

»Es ist aber nicht so groß«, werfe ich vorsichtig ein. »Nicht so groß« ist nur eine nette Umschreibung für die elf Quadratmeter.

»Das stört uns nicht. Wir mögen es kuschelig.«

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