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Du machst mich scharf!

Du machst mich scharf!

Leslie Kelly

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Katrin Reichardt

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

1. KAPITEL

Sophie Winchester hatte nur zwei herausragende Talente: Sie konnte fehlerfrei einhundertzwanzig Anschläge in der Minute tippen, und sie war eine verdammt gute Mörderin.

Letzteres ließ sich durchaus als Glücksfall bezeichnen, denn dank des fortschreitenden Einsatzes von Spracherkennungssoftwares waren ihre Karriereaussichten in der Textverarbeitung begrenzt. Aber das war nicht schlimm, da sie Morde zu begehen ohnehin reizvoller, fand als Notizen abzufassen oder Briefe zu tippen.

Bedauerlich war nur, dass die Tätigkeit als Sekretärin allseits geachtet wurde, die als Mörderin dagegen nicht.

Wie erwartet ertönte pünktlich, neun Minuten nachdem Sophie auf die Schlummertaste ihres Weckers geschlagen hatte, erneut das schrille Piepen des Wecksignals. „Zu dumm, dass mir immer noch nichts eingefallen ist, wie man Gegenstände töten kann“, murmelte sie ungehalten. Dem blöden Ding einfach den Stecker herauszuziehen wäre lange nicht so befriedigend, wie es in eine blutige Masse zu verwandeln. Vor allem nicht nach einer Nacht wie dieser, in der sie nur wenige Stunden Schlaf bekommen hatte.

Leider konnte sie keinen Wecker töten. Mit einem Wecker dagegen schon, insbesondere wenn sich gleichzeitig noch ein Glas Wasser und ein nicht isoliertes Kabel fände. Doch auch das änderte nichts an der Tatsache, dass heute Donnerstag war und sie um halb sieben aufstehen musste.

Sophie schaltete den nervtötenden Alarm endgültig aus und versuchte, mit einem imaginären Zuhörer einen Handel zu schließen. „Ich gestehe alles. Ich höre auf, ich beende dieses Doppelleben. Für ein Stündchen mehr Schlaf ziehe ich einen Schlussstrich.“

Mugs, ihr dicker orangegetigerter Kater, zeigte sich von der altbekannten morgendlichen Litanei unbeeindruckt. Übellaunig verfolgte Sophie, wie er sich grazil die Pfote leckte, bevor er sich daranmachte, mit der Schnauze gegen ihren Kopf zu stupsen, damit er genügend Platz hatte, um sich auf dem Kopfkissen zusammenzurollen. Der Kater wusste genau, dass das Kissen sowieso gleich ihm allein gehören würde.

„Faulpelz“, schalt sie das Tier leise und kraulte ihm die Ohren. Ein tiefes Schnurren war der Dank. Sofort schmiegte Mugs sich enger an sie und schob sie bei dieser Gelegenheit unauffällig noch ein Stück weiter zur Seite, damit er es sich endlich richtig gemütlich machen konnte.

Sophie gab auf. Sie kroch aus dem Bett und tapste ins Bad, um sich im Halbschlaf an ihre tägliche Beautyroutine zu machen. Nachdem sie geduscht hatte, flocht sie sich das lange hellbraune Haar zu einem französischen Zopf, den sie mit einer dezenten goldenen Haarspange fixierte. Anschließend sah sie sich wie jeden Tag aufs Neue mit dem Dilemma konfrontiert, ob sie nun eine Strumpfhose unter ihrer schlichten blauen Hose anzog oder riskieren sollte, dass sich ihr Slip abzeichnete.

Pastor Bob, ihr Vorgesetzter, war so kurzsichtig, dass ihm ein Höschenabdruck niemals aufgefallen wäre. Seine Schwester, Miss Hester, die in der First Methodist Church von Derryville als seine Assistentin fungierte, würde ein derartiger Fauxpas dagegen sicherlich nicht entgehen. Und bestimmt hätte sie auch einiges dazu zu sagen. Miss Hester hatte nämlich zu allem etwas zu sagen – was langsam zum Problem wurde, weil es Sophie zunehmend schwerer fiel, sich immer wieder auf die Zunge zu beißen und sich der älteren Dame gegenüber einen Kommentar zu verkneifen.

Wenn man eine so teuflische Seite an sich hatte wie sie, war es manchmal wirklich nicht leicht, taktvoll zu bleiben.

„Strumpfhose“, murmelte sie resigniert. Heute war sie viel zu müde, um wieder einmal darüber nachzugrübeln, was eigentlich dagegen sprach, diesen Job einfach an den Nagel zu hängen und der Welt zu eröffnen, wer sie war, was sie getan hatte und was diejenigen, die nicht damit einverstanden waren, sie mal konnten.

Schulterzuckend verdrängte Sophie einstweilen die erfreuliche Vorstellung, wie Miss Hester wohl reagieren würde, wenn Sophie ihr tatsächlich eines schönen Tages eröffnen würde, was sie wirklich von ihr hielt. Stattdessen zog sie sich weiter an und verließ dann das Schlafzimmer. In ihrer in strahlendem Gelb gehaltenen Küche kochte sie sich erst einmal einen starken Kaffee. Anschließend trat sie mit der Tasse in der Hand zum Fenster über der Spüle und spähte hinaus.

„Immer noch Januar“, stellte sie seufzend fest. Kein wundersamer, verfrühter Frühlingseinbruch in Sicht. Die hübsche kleine Rasenfläche vor dem Haus war noch immer zum Großteil von gräulichem Schneematsch bedeckt, und auch die triste Landschaft hob nicht gerade Sophies Laune.

Unversehens, so wie jedes Mal, begann sie mit dem Spiel. „Ich frage mich, wie hart gefroren der Boden wohl ist.“

Sie trank einen Schluck Kaffee.

„Um wie viel Grad müsste die Temperatur steigen, damit man ein Loch graben kann?“ Sie grinste. „Ein wirklich großes Loch.“ In Miss Hesters Größe.

Mugs war es inzwischen auf seinem Kissen zu langweilig geworden, und er war seinem Frauchen in die Küche gefolgt. Nun sprang er auf die Arbeitsplatte und bettelte um Aufmerksamkeit, indem er sein Katzennäschen an ihren Arm rieb.

„Was meinst du, Mugs? Wie würdest du mitten im Winter und bei Bodenfrost eine Leiche verschwinden lassen?“

Mit einem Spaten? Nein, da wären Rückenschmerzen vorprogrammiert. Mit einem Schaufellader? Zu laut, zu auffällig. Häcksler? Zu schmutzig, zu übertrieben. Und spätestens seit dem Film Fargo ein alter Hut. Spitzhacke? Nein, damit würde es viel zu lange dauern, die Erde für ein eiliges Begräbnis aufzubrechen.

Da kam ihr eine Idee. Eine Spitzhacke mochte sich vielleicht nicht für den eisigen Boden eignen, doch ließ sich mit ihr hervorragend eine schöne große Öffnung in einen zugefrorenen See schlagen. Eine Öffnung, die ausreichen würde, um eine Leiche hindurchzulassen. Wer wusste schon, in welchem Zustand die Überreste wären, sobald im Frühling die Schneeschmelze einsetzte?

Perfekt und einfach fantastisch morbid. Schmunzelnd beschwor sie vor ihrem geistigen Auge das Bild eines Eisanglers herauf. Wie würde er wohl reagieren, wenn er nach dem sechsten Bier in das Gesicht eines Toten durch das Eis hindurch blicken würde?

Als Sophie ins Auto stieg, um die kurze Strecke zur Kirche zurückzulegen, hatte sie bereits alles bis ins Detail durchdacht. Vom Schuss über die Spitzhacke im Eis bis zum entsetzten Gesichtsausdruck des Anglers nahm das Szenario in lebendigen Bildern in ihrem Kopf Gestalt an.

Sie musste es lediglich noch aufschreiben.

Oder vielmehr R. F. Colt, ihr Alter Ego – und gefeierter neuer Star in der Welt der Horrorromane –, musste das tun.

Sophie hielt auf dem Kirchenparkplatz und blieb bei laufendem Motor im Auto sitzen. Am liebsten hätte sie sich sofort in die Arbeit gestürzt. Um ihre Ideen festzuhalten, kritzelte sie hastig einige Notizen in das kleine spiralgebundene Buch, das sie stets in der Handtasche bei sich trug. Da sie für jedes neue Projekt ein frisches Heft begann, war dieses Exemplar bisher nur spärlich gefüllt. Kurz vor Vollendung des Romans wäre das Buch dann angefüllt mit Dialogfetzen, potenziellen Verdächtigen, Handlungsabläufen und natürlich Beschreibungen von Tatorten, inklusive Blutflecken und Waffen.

Apropos. „Ich muss bei Draper’s Hardware vorbeischauen und nachsehen, welchen Umfang das spitze Ende einer Spitzhacke hat“, sprach sie leise vor sich hin und notierte diesen Punkt sofort.

Vielleicht wäre das allerdings auch keine so gute Idee. Der Laden lag mitten in der Stadt, und gelegentlich brachten ihr ihre Recherchen schiefe Blicke ein und erregten unerwünscht viel Aufmerksamkeit. Hier in Derryville kannte jeder jeden. Wahrscheinlich wäre es doch klüger, sich von Draper’s fernzuhalten und stattdessen in die benachbarte Stadt Margate zu fahren.

Aber das musste warten. Zuerst einmal hatte Sophie Winchester, die stille Kirchensekretärin mit dem süßen Lächeln, einen langen Arbeitstag vor sich. Es galt, Versammlungen zu planen, Predigten abzutippen und den Garagenflohmarkt der Gemeinde zu organisieren. Außerdem musste sie Pastor Bob zum Mittagessen sein Lieblingssandwich bestellen und einen Artikel für das monatliche Informationsblatt verfassen. Sie würde für jedes Gemeindemitglied, das auf einen Schwatz vorbeikam, ein offenes Ohr haben und den Klagen über die heutige Zeit lauschen, in denen Teenager die Menschen auf der Straße terrorisierten, indem sie übertrieben schnell fuhren und furchtbar laute Musik spielten.

Sie würde sich ganz wie der liebenswürdige Engel geben, als der sie in Derryville bekannt war und den alle mochten. Wie immer würde sie der Rolle des netten Mädchens von nebenan treu bleiben, das nur kurzfristig seine Heimat verlassen hatte, um das College zu besuchen, nach dem Abschluss allerdings umgehend wieder dorthin zurückgekehrt war, wo sie hingehörte, weil die große böse Stadt ihr solche Angst eingejagt hatte.

Wenn sie wüssten.

Aber das tat niemand. Keiner in Derryville kannte die wahre Sophie Winchester. Niemand ahnte, dass sie nach der Arbeit in der Kirche Abend für Abend stundenlang in ihrem Haus vor dem Computer saß, um neue teuflische Geschichten auszuhecken.

In der Stadt kannte man sie nur als hübsche, nette Sechsundzwanzigjährige, die nie zu enge Kleidung oder zu auffälliges Make-up trug und ihre Gefühle nie zu offen zeigte.

Dass sie eine Horrorautorin war, deren Werke laut People Magazin selbst Hannibal Lector Albträume bescheren konnten, wusste niemand. Die Leute hörten nicht aufmerksam genug zu, passten nicht gut genug auf, sahen einfach nicht, was los war. Und genau so wollte sie es haben, denn nur so konnte sie ein Leben in zwei Welten führen.

Sie war Sophie Winchester, die einer angesehenen Familie aus Derryville in Illinois entstammte und die bescheiden ein Leben in Sicherheit und unspektakulärer, kleinstädtischer Zufriedenheit führte. Doch ebenso war sie R. F. Colt, die schonungslose Schöpferin grausamer Geschichten, die im Begriff stand, mit ihrem ersten Roman Platz eins der New York Times-Bestsellerliste zu erobern, und gerade die Filmrechte an ihrem zweiten Roman an eine Produktionsfirma in Hollywood verkauft hatte. Sie war die Frau, deren Agent felsenfest davon überzeugt war, dass sie noch vor ihrem dreißigsten Geburtstag Millionärin sein würde.

Mit diesen voneinander getrennt existierenden Welten konnte Sophie vorerst ganz gut leben. Zumindest so lange, bis sie entschieden hatte, wie sie ihrer Familie und ihren Mitmenschen ganz allgemein beibringen wollte, wer sie tatsächlich war. Jedenfalls konnte sie mit ihrem Leben ganz zufrieden sein. Sie war ein geschätztes Mitglied ihrer Gemeinde und hatte gleichzeitig ein Ventil für ihre überbordende Kreativität, die schon während der Schulzeit in ihr brodelte, als sie wie eine Süchtige die Bücher von Stephen King verschlungen hatte.

Noch fühlte Sophie sich nicht dazu bereit, sich vom Mädchen von nebenan in eine renommierte Horrorautorin zu verwandeln. Ihre Privatsphäre war ihr ebenso wichtig wie lieb gewonnene Alltagsroutine, zu der das Sonntagsessen bei ihren Eltern oder der tägliche Plausch mit dem Briefträger gehörte. Diese einfachen Dinge behinderten ihre Kreativität nicht etwa, sondern beflügelten sie noch. Sie brauchte diese Sicherheit einer ruhigen Normalität, um tagsüber auf dem Boden zu bleiben und nachts ihrer entfesselten Fantasie freien Lauf lassen zu können.

Außerdem wollte Sophie unbedingt vermeiden, dass die Menschen sie anders wahrnahmen oder – Gott behüte – anders behandelten, weil sie zufällig etwa eintausend Wege kannte, um jemanden zu ermorden. Selbst langjährigen Freunden könnte es Schwierigkeiten bereiten, diese Information zu verkraften.

Also blieb es vorerst bei diesen voneinander getrennten Leben. Und dass sie sich in beiden ein wenig einsam fühlte, weil ihr ein männliches Wesen fehlte, war nun mal der Preis, den sie für ein ungestörtes Privatleben zahlen musste. Zudem hatte sie bislang ohnehin noch keinen Mann getroffen, dem ihr süßes, kleinstädtisches Ich gefallen hätte und der sich gleichzeitig nicht daran stören würde, dass sich hinter ihren großen blauen Augen ein messerscharfer Verstand verbarg, der permanent blutrünstige Mordpläne schmiedete.

Höchstwahrscheinlich würde sie so jemanden auch niemals kennenlernen.

Daniel Fletcher saß am Fenster von Ed’s Diner, schlürfte seinen Kaffee und beobachtete, wie draußen eine typisch amerikanische Kleinstadt zum Leben erwachte.

Ein schöneres Leben kann ich mir kaum vorstellen.

Noch vor zwei Monaten hätte ein Tag wie dieser für ihn an einem vollen Schreibtisch in einem engen, heruntergekommenen Polizeirevier begonnen. Daniel hätte wieder einmal einen Bericht über eine frühmorgendliche Drogenrazzia abgetippt – übernächtigt, frustriert, gestresst, überarbeitet, unterbezahlt und einsam.

Doch damit war es nun vorbei. Dieser Start in den Tag gefiel ihm weitaus besser. Schon allein deshalb, weil der Kaffee hier in Ed’s Diner in Derryville um Klassen besser schmeckte als der, den sie im achten Revier in Detroit gebraut hatten. Auch der Stress, der wie ein übler Geruch an ihm geklebt hatte, hatte sich in der klaren, belebenden Vorstadtluft längst verflüchtigt.

„Noch Kaffee, Chief?“

Er wandte sich nicht sofort nach der Stimme um, sondern schaute noch ein wenig länger aus dem Fenster, hinüber zum Parkplatz der Kirche auf der anderen Straßenseite. Daniel fragte sich, wer wohl in dem kleinen weißen Wagen sitzen mochte, der dort stand. Bereits vor zehn Minuten hatte der Fahrer das Auto abgestellt, war jedoch noch immer nicht ausgestiegen. Er konnte die Abgaswolke sehen, die aus dem Auspuffrohr in die kalte Morgenluft aufstieg.

Schon erwachte Daniels Polizisteninstinkt. Er analysierte die Lage, registrierte die Anzahl der Fahrzeuge, die an der Kreuzung warteten, die Menschen, die die Straße überquerten, und den Jungen der Wilsons, der seinen Hund spazieren führte. Unwillkürlich schätzte er ab, wie weit entfernt von dem Kleinwagen die Bank, die Apotheke und die Vorschule an der Ecke lagen.

Fast hätte er selbst über sein überzogenes Misstrauen lachen müssen. Wahrscheinlich wollte der Fahrer nur ausgemusterte Kleidungsstücke für den Wohltätigkeitsbasar abgeben oder Mahlzeiten für „Essen auf Rädern“ abholen. Bloß weil ein Auto im Leerlauf parkte, gab es noch lange kein Geheimnis zu lüften oder ein Verbrechen zu verhindern.

Seit dem Umzug nach Derryville kurz nach Thanksgiving schienen Daniels Instinkte als Großstadtpolizist völlig aus dem Gleichgewicht geraten zu sein.

„Chief?“

Das war noch so eine Besonderheit, mit der er hier zu kämpfen hatte. Noch immer hatte er sich nicht an den Verlust seines Namens gewöhnen können. Sein ganzes Leben lang hatte man ihn Daniel gerufen. In den vergangenen zehn Jahren außerdem noch Officer oder Detective Fletcher. Seit dem Umzug nach Derryville allerdings nannten ihn alle, von seiner Vermieterin bis zu dem Tankwart von der einzigen Tankstelle in der Stadt, nur noch Chief.

„Nein danke, Deedee.“

„Sind Sie sicher, dass ich Ihnen wirklich gar nichts Gutes tun kann?“

Jetzt drehte er sich doch nach der Bedienung um, die ihm, seit er in der Stadt wohnte, praktisch jeden Morgen den Kaffee servierte. Er bemerkte die geschürzten Lippen und ihre aufreizende Körperhaltung. Oh ja, sie würde ihm sicher gern etwas Gutes tun.

Und das galt nicht nur für sie, sondern für die Hälfte der weiblichen Bewohner von Derryville. „Nein danke.“

Als Deedee sich vorbeugte und die Rechnung auf den Tisch legte, streifte sie mit den Brüsten seine Schulter. „Kommen Sie doch zum Mittagessen wieder vorbei, Chief. Ich hebe Ihnen auch etwas von meinem süßen … Kirschkuchen auf.“

Daniel ignorierte die vielsagende Anspielung und lächelte unverbindlich. „Tut mir leid, ich habe mir Essen von zu Hause mitgenommen.“

Deedee schob die Unterlippe vor und marschierte schmollend davon.

Er war Frischfleisch für die Frauen der Stadt. Daran musste es liegen. Daniel war sich durchaus bewusst, dass er ganz passabel aussah, aber die Frauen in der Stadt führten sich auf, als wäre er ein Filmstar oder dergleichen. Wahrscheinlich war der Grund für ihr Verhalten der akute Mangel an verfügbaren Junggesellen in der Gegend. Sicherlich bekam so ziemlich jeder Mann unter sechzig mit tastbarem Puls und einigermaßen erträglichem Atem ebenso viel Aufmerksamkeit von den Frauen in Derryville geschenkt wie er.

Nur leider war er nicht zu haben. Daniel hatte nämlich nicht die Absicht, sich mit einer Frau aus der Stadt einzulassen. Eine Affäre mit einer Dame, die ihm hinterher tagtäglich in der kleinen Stadt über den Weg laufen würde, war so ziemlich das Letzte, was er momentan gebrauchen konnte. Schließlich lebte er nicht mehr in Detroit, wo er bestimmte Bars oder Waschsalons problemlos hatte meiden können, in denen seine Exfreundinnen regelmäßig verkehrten.

Obendrein hatte bisher keine Frau sein Interesse geweckt.

Abgesehen von ihr.

Er versuchte, die Erinnerung an ihre blauen Augen und ihr langes hellbraunes Haar zu verscheuchen, allerdings wollte das Bild einfach nicht aus seinem Kopf verschwinden. Er hatte nur ein einziges Mal flüchtig ihr Gesicht gesehen. Sie war draußen vor dem Schaufenster eines Drugstores vorbeigegangen, während er sich gerade mit dem Besitzer über eine Bande jugendlicher Ladendiebe unterhalten hatte. Sie war allein gewesen. Es musste am Tag vor Weihnachten gewesen sein. Vielleicht erregten die blinkenden kleinen Lichter der Festbeleuchtung im Schaufenster ihre Aufmerksamkeit. Jedenfalls hob die Unbekannte plötzlich den Kopf. Ihre Blicke trafen sich nur für wenige Sekunden. Dann war sie weitergegangen.

Leider hatte Daniel den Laden nicht schnell genug verlassen können, um ihr zu folgen, und auch der Ladenbesitzer hatte sich nicht rechtzeitig umgedreht, um ihm verraten zu können, wer diese Frau war. Obwohl Daniel seit jenem Tag permanent Ausschau nach der schönen Unbekannten hielt, war sie ihm nicht mehr begegnet.

Was soll’s. Romantik war ihm wohl einfach nicht vergönnt. Schon in Detroit hatte er es nie geschafft, eine Beziehung auf die Reihe zu kriegen. Seine Partnerinnen hatten in ihm stets nur den Cop und nie den Mann gesehen. Zweifelhaft, dass es in Derryville anders sein würde. Zumindest vorerst.

Noch hatte er nicht ganz verinnerlicht, dass er nicht mehr bei der Sitte arbeitete und kein harter Großstadtbulle wie Dennis Franz in NYPD Blue mehr war. Seine neue Tätigkeit entsprach eher der von Tom Skerritt in Picket Fences. Dennoch hatte er fast zwölf Jahre lang in der Großstadt ermittelt, und diese Arbeit lag ihm im Blut. Wahrscheinlich würde es einfach noch eine Weile dauern, ehe er sich in der neuen Rolle als Polizeichef einer Kleinstadt zurechtfand und sein Instinkt sich beruhigte, der sich noch immer permanent in Alarmbereitschaft befand. Vorher würde er sich wohl kaum auf eine der Frauen in der Stadt einlassen können, zumal sich die Interessen dieser Damen hauptsächlich auf Feiertagspicknicks, Spaziergänge im Park, Kinder und Veranstaltungen der Kirchengemeinde zu beschränken schienen.

Eines Tages, so dachte er, würde auch er das alles lieben lernen. Hoffentlich.

Er wandte sich wieder dem Fenster zu, um weiter den Parkplatz auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu beobachten. Endlich öffnete sich die Fahrertür des weißen Wagens, und der Fahrer stieg aus. Die Person hatte sich zum Schutz gegen das schlechte Wetter so gründlich von Kopf bis Fuß vermummt, dass sich unmöglich beurteilen ließ, ob der Betreffende männlich oder weiblich war. Allerdings folgerte Daniel aus der Körpergröße, dass es sich höchstwahrscheinlich um eine Frau handelte.

Die Person schritt vorsichtig über den vereisten Gehweg, im Arm eine große Kiste, die ihr offenbar die Sicht versperrte. Daniel beobachtete, wie sie abwechselnd an dem Karton vorbei nach vorn spähte und dann wieder zu Boden sah, um nicht auf dem Eis auszurutschen. Das tat sie sehr bedächtig und ungemein konzentriert.

So konzentriert, dass ihr entging, was Daniel sah. Just in diesem Moment glitt nämlich dem Jungen der Wilkinsons die Leine seines Bernhardiners aus der Hand. Der Hund lief los, rannte über den verschneiten Rasen vor der Kirche und – als hätte es das Schicksal so gewollt – direkt vor die Füße der Frau.

Mit einem einzigen Schritt zur Seite hätte sie dem Tier ausweichen können. Doch das wusste sie nicht.

Hund und Frau prallten zusammen. Aus dem Wirrwarr aus Beinen und Fell, Leine und Parka und der folgenden Rangelei ging der große Hund als Gewinner hervor. Unbekümmert raste er schließlich davon, während die arme Frau auf dem vereisten Gehweg lag.

2. KAPITEL

Sophie hatte nicht genau erkennen können, wer oder was sie umgestoßen hatte. Struppiges Fell war das Letzte, was sie sah, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Und das ziemlich heftig.

Für einen Augenblick lag sie reglos auf dem Gehweg und starrte in den kalten blauen Himmel hinauf. Der Aufprall hatte ihr die Luft aus den Lungen gedrückt. Als sie tief einatmete, brannte die eisige Luft in ihrer Brust. Hustend setzte sie sich auf. Schon kam das Monster, das sie von den Füßen gerissen hatte, gemächlich zu ihr zurückgetrottet und leckte ihr das Gesicht ab.

„Bäh“, murmelte sie angewidert, als die mit eiskaltem Sabber bedeckte Hundeschnauze sie berührte. „Lass mich bloß in Ruhe, Cujo.

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