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Duft Nach Weiss

1987

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an der Grenze Jugoslawien – Österreich

Längst hatte sich die Kälte durch meine dünne Jacke geschlichen, hatte jede Öffnung in dem groben Strickpulli gefunden, war in die Poren meiner Haut gekrochen und durchzog nun langsam meine Knochen. Ich konnte fühlen, wie sie allmählich meine Muskeln lahmlegte und wie zugleich meine Gedanken einfroren. Es würde kein schwerer Tod werden. Mit meinem Körper fror einfach auch mein Denken ein. Ich fand das beruhigend, denn vor Schmerzen hatte ich Angst.

Der Lastwagen wurde heftig durchgerüttelt. Offenbar war er durch ein Schlagloch gefahren und mir fiel dabei eine der schlecht gestapelten Kisten mit Pflaumen direkt auf den Kopf. Die harten Früchte verteilten sich um mich herum. Eine Kiste hatte mich am Hinterkopf getroffen und ich verfluchte den gleißenden Schmerz, weil er meinen Lebenswillen wieder aufflackern ließ. Ich musste mich bewegen, sonst würde ich erfrieren. Es gelang mir nicht aufzustehen, mein fast erfrorener Wille konnte meine Glieder zu keiner Bewegung veranlassen. Mit einem Schrei wollte ich mir Mut machen, doch aus meiner eiskalten Kehle drang nur ein Röcheln. Hätte ich gekonnt, dann hätte ich über mich selbst gelacht. Doch mein Gesicht war so erstarrt, dass nicht einmal mehr ein Lächeln möglich war.

Es kostete mich unendlich viel Kraft, meinen Arm zu heben. Plötzlich wusste ich wieder, warum ich in diesem eiskalten Lastwagen zwischen all den Pflaumenkisten eingekeilt war.

Fliehen, ich wollte fliehen, hinaus aus diesem verdammten Land, frei sein. Ich wollte in das Land der Freiheit, in dem man arbeiten und Geld verdienen konnte, in das Land, in dem es Glück gab und Essen und meine Majka, meine Mama. Und den Duft nach Weiß.

Ein vereister Schrei kam aus meiner Kehle.

1968

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Sofia

Drei feuchte Freundschaftsküsse drückte Schiwkow auf Georgi Markows Wangen, bevor er erneut Rakija in die zwei Gläser vor ihnen füllte. „Genosse Markow, es wird Zeit, dass wir miteinander etwas trinken.“ Er gab Georgi das Glas in die Hand und stieß mit ihm an: „Наздраве! – Prost!“

Georgi wusste nicht ganz, wie er sich verhalten sollte. Seine Mutter wäre stolz auf ihn: so privat, fast befeundet, mit dem Staatschef. Aber er selbst, nein, er war es nicht. Oder doch? Er war stolz darauf, zu den Künstlerzirkeln zu gehören, die Schiwkow ab und an zu sich in den Präsidentenpalast einlud. Immerhin, damit gehörte er auch zu den herausragenden Künstlern Bulgariens. Und auch finanziell ging es ihm immer besser, seine Bücher verkauften sich gut. Das letzte Mal hatte ihn Schiwkow zu einem Jagdausflug eingeladen, das hatte ihn einfach nur abgestoßen. Beim Anblick der toten Rehe und Wildschweine hätte er sich fast erbrochen. Lenin war ein Jäger. Stalin, Chruschtschow, Breschnew, Ulbricht, Tito, Castro – sie alle waren Jäger. Tierjäger, Menschenjäger. Wer Blut fließen lassen konnte, achtete nicht mehr so darauf, wessen Blut es war. Vielleicht war die Jagd ein Teil des Sozialismus.

Aber er gehörte nicht zu den Jägern.

Nur wollte er auch nicht zu den Erlegten gehören.

Er war der Macht sehr nahegekommen und nun hatte er Angst, sich daran zu verbrennen. Georgi spürte, wie sich Schweißtropfen auf seiner Stirn bildeten. Schwitzte er wegen des vielen Alkohols oder aus Angst? Er richtete sich auf. Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, er müsse ein Gewissen besitzen, dies aber nicht unbedingt zeigen. War das sein Weg?

Er versuchte, dem lauernden Blick Schiwkows auszuweichen, der ihm auf die Schulter klopfte und fortfuhr: „Politik und Literatur, Politik und Intelligenzija müssen sich verbinden, damit wir das ganze bulgarische Volk retten können. Nur so kommen wir schnell in den Endzustand des entwickelten Kommunismus!“ Schiwkow hob mit einem auffordernden Blick sein Glas.

Georgi nickte: „Prost!“ In einem Zug trank er sein Glas leer. Er war mindestens genauso betrunken wie Todor Schiwkow.

Als Georgi die Tür hinter sich geschlossen hatte, brummte der schwankende Schiwkow: „Talentiert. Aber er ist keiner von uns.“

1995

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München

Lange schon hatte ich nicht mehr daran gedacht, hatte die Bilder von der eisigen Kälte verbannt.

Enno hatte jedem Wort von mir aufmerksam zugehört. „Deswegen hast du so eine Angst vor Kälte, Anelija.“ Mit einer liebevollen Bewegung strich er mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich werde dich nicht mehr bedrängen, mit mir zum Skifahren in die Berge zu kommen.“

Dankbar sah ich ihn an. Hatte ich ihn überhaupt verdient? Er war ein schmaler junger Mann, der fast ebenso dunkle Haare hatte wie ich selbst. Vielleicht erinnerte er mich gerade wegen seiner braunen Haare und seiner fast schwarzen Augen an die Menschen in meiner bulgarischen Heimat. Auch wenn ich meine Wurzeln damals mit einem enormen Kraftaufwand hinter mir lassen wollte, so waren sie doch da und mit Wärme in mir aufgehoben. Nein, ich mochte ihn einfach, weil er so war, wie er war. So klug, so feingeistig. Ich liebte ihn mit jeder Faser meines Körpers, mit jedem Gedanken, den ich hatte.

Enno sah mich nachdenklich an, während er eine meiner Locken um seinen Finger wickelte. „Eigentlich weiß ich gar nichts über dich, Anelija. Ich weiß nicht, woher du kommst und warum du so bist, wie du bist. Magst du mir nicht mal mehr von dir erzählen? Anelija, bitte.“

Ich hatte selten darüber gesprochen, vieles schien mir zu kompliziert, um es in Worte zu fassen. Ausgesprochen wären Dinge entstanden, die so gar nicht waren.

Eine Mutter, die sich davonstiehlt. Nein, drei Mütter – ich habe drei Mütter. Ein Vater, der nie da war. Nicht nötig. Eine Kindheit in Kargheit. Nicht so schlecht. Oder doch ganz anders? Erst wenn die Worte ausgesprochen waren, formten sie die eigene Vergangenheit, die, wenn sie unausgesprochen war, ungewiss, offen und formbar blieb. Einmal erzählt, war die eigene Geschichte fest und bitter. Ich war mir sicher, dass ich das nicht wollte. Es war nicht so gewesen, wie ich es hätte erzählen können.

Enno hörte auf, mit meinen Haaren zu spielen. „Ich will dich nicht drängen, aber ich würde es gerne hören, irgendwann.“

Ich konnte weder nicken noch antworten. Es war noch nicht die richtige Zeit dafür. Es war Sommer und ich war verliebt. Das erste Mal, dass ich das Gefühl hatte, ganz aufgehoben zu sein, fast aufgelöst. Noch war die Zeit des Redens nicht gekommen. Es waren die Stunden der Schmetterlinge und des Überschwangs, es waren Stunden ungeahnter Lust und Augenblicke vollständiger Erfüllung. Eine Zeit, um die Zeit zu verlieren und nicht, um Altes wieder hochzuholen.

Vorsichtiges, erstes Ertasten eines männlichen Körpers. Von Lust weggeschwemmte Erinnerungen. Zurückzucken. Wie fremd mir doch bisher der Gedanke gewesen war, dass Begehren schön sein konnte. Enno konnte warten, und deswegen liebte ich ihn so sehr. Er gab mir alle Zeit der Welt, bis ich selbst merkte, dass ich mehr Zeit nicht haben wollte.

***

Als ich mich ganz auflöste, war es der heißeste Tag des Sommers. Den ganzen Tag hatten wir in Ennos Schwabinger Altbauwohnung verbracht. Die dicken Mauern und die zugezogenen Rollos schützten uns vor den unbarmherzig heißen Sonnenstrahlen, die seit Sonnenaufgang München zu versengen schienen. Wir waren beide keine Sonnenanbeter. Wärme war schön, doch ein Brutzeln in der Sonne, gar um den Preis verbrannter Haut, war uns fremd. Ich hatte mich den ganzen Tag durch Deleuzes Rhizom gekämpft, bis meine eigenen Gedanken sich wurzelartig zu verzweigen schienen wie die philosophischen Gedanken dieses Franzosen. Langsam drohte sich alles in bedeutungsschwangere Sinnlosigkeit zu verlieren. Enno hatte sich an diesem heißen Tag nur ganz kurz in Baudrillard vertieft, um dann in Umberto Ecos Der Name der Rose zu verschwinden; nicht, ohne dabei hin und wieder zu kommentieren, wie gekonnt die Geschichte Ecos semantische Arbeiten aufgreife oder wie stilistisch genial Eco hier Wissenschaft zu einem Roman gestaltet habe. Eine Welle von Liebe überflutete mich. Wie hingerissen spielerisch er sich für alles Literarische begeistern konnte. Wie ich seine Leichtigkeit liebte!

Ich war immer die Pflichtbewusstere und kämpfte mich durch schwere Lektüre, während Enno seine Zeit mit Ecos Roman genoss.

Als sich die rhizomartigen Wurzeln gänzlich in meinem Hirn verästelten, öffnete ich das Fenster und ein Hauch von kühlerer Abendluft wehte herein. Enno sah von seinem Buch auf, sprang auf und entschied: „Lass uns hinausgehen. Jetzt ist es angenehm an der Isar.“

Hand in Hand liefen wir die hölzerne Wendeltreppe des alten Münchner Mietshauses hinunter und atmeten tief die milde Abendluft ein. Nach zwanzig Minuten waren wir zu Fuß am Englischen Garten angelangt, den ich immer noch wie beim ersten Besuch liebte. Hier hatte ich zum ersten Mal deutsche Nonchalance kennengelernt. Enno behauptete, das sei ein Widerspruch in sich – „deutsche Nonchalance“. Aber er wusste nicht, dass bei uns vieles strenger und härter gewesen war.

Hier in München ging man nackt sonnenbaden oder warf sich zur Erfrischung in den kleinen Isararm. In meinem Heimatdorf wäre das einfach undenkbar gewesen.

Kurz sahen wir den Surfern am Eiskanal zu, um dann der Isar folgend zu weniger besuchten Flussabschnitten zu gelangen. Enno konnte wie ich auch schweigend gehen, was uns noch näher zusammenbrachte. Wir hatten genug der Worte und liebten es, miteinander still verbunden zu sein. Seine Hand fasste meinen Arm ganz leicht, und sie war immer auf eine mich begeisternde Art kühl.

An einer besonders schönen, ruhigen Stelle fragten mich seine Augen, ob ich bleiben wolle. Wir zogen unsere Schuhe aus und liefen über den weißen Isar-Kies zum Fluss, der hier rau und wild war. Auch wenn Unbesonnene dachten, die Isar sei ein Wasser zum Abkühlen. Man kann ihr nie trauen, denn in der Mitte ist sie reißend und schnell, mit unerwarteten Strömungen, die immer wieder Leichtsinnige in den Tod ziehen. Ich hatte die Isar und ihre wilden Strudel oft bei meinen Spaziergängen beobachtet. An der Stelle, an der wir anhielten, konnte man die heftigen Strömungen gut sehen, so dass sich außer uns niemand zum Baden niedergelassen hatte. Wie ein glutroter Teppich verbrannte der Sonnenuntergang den Himmel. Wir setzten uns auf die harten Kiesel, mühsam eine Stelle suchend, an der uns nicht allzu viele Steine das Sitzen erschwerten und beobachteten das Naturschauspiel. Rote Lava fraß sich langsam in die abkühlende Isar hinein, die am Ende gewann, wie immer. Mit dem Untergehen der Sonne wurde es endlich kühl. Ich nahm Ennos Hand und legte sie auf meinen Bauch, wo sie nicht lange verweilte, bevor sie sich suchend weiterschob.

Behutsam war er, vorsichtig nachfragend, ob ich dies wirklich wolle. Er sträubte sich, wohl wissend, dass ich bisher immer gezögert hatte. Ich war jetzt diejenige, die ihn ermunterte, suchte, fand, bis die Lust uns vereinigend durchströmte. Ebenso wie die Sonne gerade noch den kühlen Fluss entflammt hatte.

Erschöpft war ich danach. Und erleichtert, dass alle meine Bedenken und mein Zögern bei Enno verflogen waren. Nur ganz kurz die Erinnerung, nur ganz kurz, schnell vorbei, fortgestrichen von Ennos kühlen Händen und seinem ruhigen Atem, von seinem begierigen, aber nie gierigen Körper, von seiner von Vorsicht getragenen Lust, die immer mehr an meine als an seine dachte. Hingabe war ein Wort, das ich vorher noch nie mit Bedeutung gefüllt hatte.

Unter unseren Rücken war zwischen all den weißen Isar-Kieseln eine weiche Sandkuhle entstanden. Zärtlich ließ Enno den feinen Sand auf meinen Bauch rieseln. Als ich das Gleiche tun wollte und eine Handvoll Sand in meine Finger nahm, war plötzlich das Bild da. Ein Kind spielt im Sand. Die Fünfjährige, die gräbt und den Sand durch die Finger rieseln lässt. Welch Hochgenuss. Mit welchen Folgen. Ich schloss die Augen und begann zu erzählen, zum ersten Mal.

1975

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Radilovo

„Sag Majka чао, sag Mama Tschüss!“ Meine Großmutter, meine geliebte Baba, versuchte mich immer wieder von dem Steinhaufen fortzuziehen, auf dem ich gerade spielte. Aber ich ließ es nicht zu, denn ich hatte dort soeben einen verheißungsvoll glitzernden Stein eingegraben. Vielleicht ein Zauberstein. Mama ging so oft zur Arbeit, warum sollte ich denn gerade jetzt Tschüss sagen? Als ich aufblickte, sah ich, wie mir Majka mit Tränen in den Augen zuwinkte, bevor sie in den Bus nach Plovdiv einstieg. Da war ich verwundert. Warum weinte sie denn? Meine schöne, junge Mama, die doch meist lachte.

An diesen letzten Blick auf meine Mutter erinnerte ich mich genau. Der vermeintliche Zauberstein, der mir wichtiger war als der Abschied von meiner Mutter, verfolgte mich von da an für immer in meinen Träumen.

Das war meine früheste Kindheitserinnerung als Fünfjährige. Und es war meine schlimmste Erinnerung.

Doch meine vielen anderen „Mamas“ zeigten mir, was Geborgenheit wirklich bedeutete. Meine Großmutter, die „Baba“, war rund, weich und warm, und ihre blaue Kittelschürze, die immer ein wenig nach Schweiß und Erde vom Feld roch, verströmte eine unendliche Sicherheit. Wie ich diesen Geruch liebte. Egal, was mir passierte, dieser Geruch konnte alles heilen.

***

Gerade als ich wieder einmal in Babas Schoß lag und meine Tränen in den verschmutzen Stoff ihrer Schürze rannen, weil ich beim Spielen gestolpert war und mir das Knie blutig aufgeschürft hatte, kam der Postbote auf seinem Fahrrad angefahren. Er wedelte bereits von Weitem mit einem Brief in der Hand und rief dann: „Frau Lulewa, Frau Lulewa, ein Brief von ihr!“ Wir bekamen damals nicht häufig Post und wenn doch, so waren es meist Briefe, über denen meine Großmutter abends mit sorgengerunzelter Stirn saß, um sie wieder und wieder zu lesen, bis sie endlich glauben musste, dass darin doch stand, dass etwas zu zahlen sei. Darauf folgten viele Seufzer und mehrere Gänge zum hölzernen Küchenbord, auf dem die Porzellantasse stand, in deren geschwungenem Bauch alles Geld aufgehoben war, das ihr zur Verfügung stand. Meist war nicht viel darin. Was meine Baba auf dem Markt verkaufte, musste sie oft genug wieder für jene Nahrungsmittel ausgeben, die wir nicht selbst auf unserem kleinen Feld anpflanzen konnten und die wir dennoch für unsere Hausgemeinschaft benötigten, die nur drei Frauen umfasste: die Baba – meine Großmutter –, die Uroma – Baba Milena – und mich, die Enkelin Anelija. Gekauft wurde aber nicht viel: Zucker, Salz, Streichhölzer und Seife. Den Rest stellten wir selbst her.

Wenn jedenfalls der Postbote einen Brief hatte, der keine sorgenvollen Abende nach sich zog, dann war das höchst verwunderlich. Dass ein Brief sogar Anlass für ein freudiges Gesicht gab, hatte ich bis dahin nicht erlebt. Die Baba aber hob ihren Kopf, und ein Strahlen lief über die tiefen Furchen ihres Gesichts. Obwohl sie damals erst zweiundvierzig Jahre alt war, wirkte sie viel älter. Die viele Arbeit auf dem Feld, im Gemüsegarten hinter dem Haus und mit unseren Schafen und Hühnern, die sie oft zwölf Stunden am Tag erledigen musste, nur um uns durchzubringen, hatte ihr Gesicht gegerbt und ihren Rücken krumm gemacht.

Baba Milena, die Uroma, die so stolz darauf war, dass sie noch im vorigen Jahrhundert geboren worden war, sah mit ihren wahrscheinlich – so ganz sicher wusste sie das auch nicht – sechsundsiebzig Jahren aus, als ob sie es kaum noch schaffen könnte, von der Küchenbank, auf der sie meist saß, aufzustehen. Aber sie tat es, wenn auch mit Mühe, um Kartoffeln zu schälen, um für uns zu kochen, um mich später jeden Tag bis zum Zaun zu begleiten und zur Schule zu verabschieden und um sich am Abend, sobald das Wetter dies zuließ, draußen vor der Tür auf die Bank zu setzen und jeden Tag ein paar Sonnenstrahlen zu genießen. Dann streckte sie ihr faltiges Gesicht in die Sonne und schloss die Augen, und man konnte ihr ansehen, welch ein Glück diese Minuten der Ruhe ihr bedeuteten, die sie in ihrem arbeitsreichen Leben früher nicht gehabt hatte.

Als aber der Postbote mit diesem weißen Brief winkte und immer wieder rief: „Ein Brief von ihr, Frau Lulewa!“, da nahm meine Baba mich freudestrahlend von ihrem Schoß, um aufzustehen, und sogar die alte Baba Milena kam mit ihrem wackelnden Gang aus dem Haus heraus, um zu sehen, ob es wirklich eine Nachricht von ihr war. Der Postbote übergab den Brief wie einen Siegespokal und blieb dann triumphierend stehen. Offensichtlich wollte er an der guten Nachricht teilhaben, die in diesem Brief stand. Obwohl der Postbote ein weitläufiger Cousin war und damit zur Familie gehörte, war es offensichtlich, dass meiner Baba das nicht recht war.

Ich staunte über den weißen Umschlag. Ich konnte mich nicht erinnern, je ein so weißes Papier gesehen zu haben. Es strahlte geradezu. Als sich meine schwarzen Finger dem Papier näherten, bekam ich sofort einen Klaps von der Baba auf die Finger. „Anelija, du wäschst dir erst am Brunnen die Hände! Dann öffnen wir den Brief gemeinsam. Er ist von der Majka, er ist von der Mama!“

Der Weg zum Brunnen und zurück schien mir diesmal unendlich lang. Während dieser Schritte wurde mir klar, dass ich es meiner Mutter nicht verziehen hatte, dass sie gegangen war. Nach den ersten Tagen des endlosen Weinens und nächtelangen Schreiens nach meiner Majka, das die Baba immer nur mit Streicheln und einem beruhigenden „Sch, sch, ist ja alles gut“ beantwortet hatte, hatte ich sie vergessen, weil ich sie vergessen wollte. Kamen mir doch – und wenn, dann mit brennender Schärfe – ihre Gesichtszüge vor Augen, die hohen, schräg stehenden Wangenknochen, über denen sich die braune, immer leicht gerötete Haut seidenweich spannte, die fast schwarz blitzenden Augen über den dunkelroten Lippen, dann schob ich sie schnell und weit fort, und zwar unter Schmerzen. Nun kam dieses weiße Papier von meiner Majka und wieder drängte sich mir ihr wunderschönes Gesicht auf. Ich wollte das nicht zulassen und meine Füße zögerten den Weg ins Haus unendlich lang hinaus. Sie sollte nicht wieder in meine Gedanken eindringen, so schön, so weiß, nur um danach doch wieder zu gehen. Ich wollte das nicht zulassen. Sie hatte immer schon anders gerochen. Keine Ahnung, wo sie dieses Parfum her hatte, von dem sie sich, bevor sie abends, trotz des missbilligenden Kopfschüttelns der Baba loszog, einen winzigen Tropfen hinter das Ohr gab. Der vielversprechende und – das war mir durchaus bewusst, auch wenn ich es damals nicht hätte benennen können – verruchte Duft verdrängte sofort den vertrauten Geruch des trocknenden Knoblauchs und der gedörrten Maiskolben, die von der Decke hingen; er verdrängte den sanftwarmen Geruch nach arbeitsreichem Schweiß, den meine Baba um sich verbreitete, und er verdrängte den Geruch des Sauerkraut-Salates.

Dieser Duft der Andersartigkeit hatte meine Majka immer eingehüllt. Wenn sie mich umarmt hatte, was sie jeden Tag mehrmals getan hatte, so war es dieser Duft der Fremdheit, der mir schon damals gesagt hatte, dass sie nicht wirklich hierher gehörte. Immer mit dieser Spur von Abwesenheit, die so im Gegensatz zur Baba stand, die jederzeit ganz für mich da war.

Ich wollte sie hier nicht wieder hereinlassen, nur um sie doch wieder gehen lassen zu müssen, ich wollte den Brief nicht sehen. Aber er zog mich an wie eine Verheißung, gegen meinen Willen verführte mich der Umschlag. Ich öffnete die Tür. Baba und Baba Milena saßen um den Küchentisch und blickten auf den noch ungeöffneten, strahlend weißen Brief wie auf einen Goldschatz. Beide sahen plötzlich so jung aus.

„Komm, Aneltsche, komm, mein Kleines, deine Majka hat geschrieben. Aus Germania, aus Deutschland.“

Deutschland. Hatte ich von diesem Land schon jemals vorher gehört? Ich weiß es nicht mehr. Germania. Das klang hart und stark und kraftvoll und ganz anders. Deutschland. Das wurde das Wort, das mir in den folgenden Jahren alles verheißen sollte, was ich nicht hatte. Deutschland, weiß wie das Papier.

Nikolaj, der Postbote, stand auch in unserer kleinen Küche, er war einfach mit hereingekommen. Baba sah ihn seufzend an: „Setz dich, Nikolaj, setz dich, ich hole dir einen Slivova.“ Nikolaj brachte uns, seit ich denken konnte, die Post. Da konnte man ihn, wenn ein einziges Mal ein Brief eine Freude bedeutete, nicht ausschließen. Und dann gehörte er auch noch zur Familie.

Außerdem würde er die gute Nachricht bestimmt jedem, bei dem er vorbeifuhr, erzählen wollen. So verbreiteten sich bei uns die Nachrichten von Haus zu Haus. So musste es sein. Und meine Baba, die nur selten ins Dorf ging, nur um alle paar Wochen das Nötigste zu besorgen, freute sich doch auch über alle Nachrichten, die sie durch Nikolaj erhielt, über gute und schlechte.

Dennoch seufzte Baba noch einmal, bevor sie aufstand, sich die Schürze glatt strich und langsam zur Kommode ging. Dort war der edle, der repräsentative Teil unserer Küche. Manche andere Häuser hatten ein kleines Wohnzimmer. Unser Wohnzimmer war diese Kommode. Sie war aus dunklem Holz und ihre Schubläden hatten geschwungene Messinggriffe, die ich gerne mit den Fingern nachfuhr. In den Schubladen lagen alle wichtigen Unterlagen: das Familienstammbuch, die Geburtsurkunden, die Ausweise und später meine Zeugnisse, auf die Baba und Baba Milena so stolz waren.

Oben auf der Kommode standen gerahmte Fotos: das Hochzeitsbild von Baba Milena und ihrem Mann, der gestorben war, als das Baby, meine Baba, gerade ein Jahr alt gewesen war, an einer Krankheit, die man damals nicht einmal benennen konnte. Baba Milena weinte jedes Mal, wenn sie das Foto abstaubte. Verstorbene Menschen erhalten die besseren Erinnerungen, das wusste ich schon früh, denn die Baba weinte ihrem Mann, von dem wir kein Foto hatten, keine Träne nach. Majka hatte mir einmal erzählt, dass sie viele Nächte wach gelegen hatte, weil er die Baba grün und blau geschlagen hatte, wenn er abends betrunken nach Hause kam. Aber als er ein einziges Mal seine Tochter, meine Majka, angefasst hatte, da habe die Baba ihm einen Koffer mit seinen Sachen vor die Tür gestellt und zu ihm gesagt: „Wenn du dich noch einmal hier blicken lässt, dann gehe ich zum Vorsitzenden der Kooperative und erzähle ihm, wo ihr die Säcke lagert, die ihr jeden Monat abzweigt.“

Danach war er nie wieder gekommen. Majka erklärte, sie habe auch nie um ihn geweint. „Früher, als er noch da war, hatten wir immer genug zu essen, das schon“, sagte sie, „aber die Nächte, wenn er aus der Gastwirtschaft kam … Nein, meine kleine Anelija, sei froh, dass wir hier nur noch Frauen sind, das ist schon besser so.“

Vom Mann der Baba gab es also kein Bild auf der Kommode, dafür aber eines von mir mit strahlendem Lächeln und zwei fest geflochtenen, dicken Zöpfen. Es war an meinem ersten Schultag aufgenommen worden. Die anderen Kinder wurden meist mit der Mama fotografiert. Ich stand allein da. Aber das machte mir nichts aus, denn ich erinnerte mich später, wenn ich dieses Bild sah, an den durchdringenden süßen Duft nach Schokolade, der jedoch nichts gegen das süß schmelzende Feuer war, das ich spürte, als das erste Stückchen in meinem Mund zerrann. Die Schokolade hatte ich von der Baba zum Schulanfang bekommen. So musste das Essen der Engel sein. Aber ich vergaß auch nie die Bitterkeit der Einschulung, die vor diesem himmlischen Erlebnis, das mich nur beinahe damit aussöhnte, geschah. Baba und Baba Milena, für die der Weg lang und mühsam war, hatten mich stolz in ihre Mitte genommen und zur Schule begleitet, wo uns der Direktor in seinem Zimmer – ein so großes hatte ich vorher nie gesehen – empfing. Der Direktor, der gerade erst neu aus Pazardzhik zu uns nach Radilovo abberufen worden war, wolle nur noch schnell eine Lücke ausfüllen, die er in den Unterlagen noch habe, hatte uns seine Sekretärin gesagt. Eigentlich war die Einschulung eine Formsache, der alte Direktor kannte alle Menschen im Dorf. Und man war stolz darauf, dass jedes Kind in die Schule ging. „Lernen, lernen und nochmals lernen“, hatte Lenin als Wahlspruch ausgegeben. Nur wegen einer Formsache wurden wir also zum neuen Direktor hineingebeten.

„Die Baba darf draußen bleiben, die Majka kommt mit der neuen Schülerin zu mir herein“, sagte er lächelnd und ergriff freundlich die Hand der Baba, die mir einen etwas verzweifelten Blick zuwarf, aber sich einfach zu den zwei Stühlen vor dem großen Schreibtisch führen ließ, wo wir uns niederließen.

Auch mir schüttelte er die Hand: „Und wer bist du?“

„Anelija Lulewa“, kam es gerade noch schüchtern aus mir heraus, während ich die Augen bereits auf den Boden richtete, mich setzte und die Hände im Schoß verschränkte.

„Der Gemahl hat keine Zeit für die Einschulung gefunden?“

Einen ganz kurzen Augenblick wusste die Baba nicht einmal, wen er damit meinte, dann aber schüttelte sie den Kopf. „Nein, also nein.“ Baba war sowieso keine Meisterin der Worte, aber dies zu erklären und richtigzustellen, schien ihr unmöglich. „Also, mein Mann lebt nicht mehr bei mir.“

„Ich verstehe“, unterbrach der Direktor mit einem freundlichen Blick. „Das geschieht heutzutage immer öfter. Ich habe dafür Verständnis.“

„Nein“, begann die Baba wieder, „ich meine, ja, das schon, aber den meinen Sie gar nicht. Also, ich bin nicht die Mutter, sondern die Großmutter.“

„Ach.“ Nun sah er sie aufmerksam und etwas erstaunt fragend an.

Baba fuhr sich fahrig mit den Händen über den Rock. Wie sollte sie das erklären? Aber sagen musste sie nun etwas. „Nun, die Mutter lebt in Deutschland. Aber ich kümmere mich um Anelija.“

„So, in Deutschland.“ Seine Augenbraue zuckte in die Höhe, dann notierte er sich etwas auf seinem Bogen. Er setzte zu einer Frage an, schien sich dann aber selbst wieder zu unterbrechen. Ich sah zur Baba hoch und beobachtete, wie sich über ihrer Oberlippe kleine Schweißperlen bildeten.

Als wir schon dachten, dass wir nun gehen dürften, fragte er doch noch etwas: „Und der Vater? Dessen Name fehlt mir noch.“

Ich blickte auf. Das war eine ganz ungeheuerliche Frage. Ich hatte nie in meinem Leben gewagt, diese Frage zu stellen. Natürlich, ich musste einen Vater haben, soviel war mir klar, aber ebenso klar war mir, dass ich absolut nicht danach fragen konnte.

Baba warf mir einen unsicheren Blick zu, sah dann wieder den Direktor an und schüttelte einfach nur den Kopf. „Unbekannt?“, fragte er leise. Und Baba nickte erleichtert.

Er notierte sich etwas und in mir breitete sich ein ungeheures Gefühl von Schande aus.

Die Mutter in Deutschland.

Der Vater unbekannt.

Schlimmeres konnte es wohl nicht geben.

Ob er mich nun an dieser Schule aufnahm?

Zu meinem Erstaunen tat er es, was für die nächsten Jahre ein Gefühl stetiger Dankbarkeit in mir hinterließ, das ich durch absoluten Gehorsam bei den Schulregeln und übergroßen Fleiß wettzumachen versuchte.

Auch wenn er bei der Verabschiedung weder der Baba noch mir die Hand gab, nahm ich ihm dies nie übel, da das bei dieser Schande doch verständlich war.

Als wir hinausgingen, strich mir Baba aufmunternd über die Haare und ihr Blick sagte mir: „Wir schaffen das.“

Dieses Schulanfangsbild also stand immer ganz vorne auf der Kommode. Dahinter aber lag, ganz von meinem Foto verdeckt, ein anderes Bild, und zwar das vom Ministerpräsidenten Todor Schiwkow. Die Baba nahm nun mit einem Seitenblick auf Nikolaj das Bild von Schiwkow und hing es an den dafür vorgesehenen Nagel über der Kommode an die Wand. „Ist eben heruntergefallen, wollte ich gerade wieder aufhängen“, brummelte sie vor sich hin. Obwohl ich es nie herunterfallen sah, musste dies öfter passieren, denn eigentlich lag es immer hinter meinem Bild.

Baba nahm die Slivova-Rakija-Flasche von der Kommode und wandte sich dem Postboten zu: „Siehst du, Nikolaj, da hängt er, unser Präsident. Auf sein Wohl und das Wohl meiner Tochter Nadja trinken wir jetzt.“

„Ja, ja, Frau Lulewa, ist ja gut, erst auf sein Wohl, dann auf das Wohl Ihrer Tochter!“

Die Erwachsenen setzten sich um den Küchentisch, Baba schenkte ein, sie prosteten sich zu und tranken die Gläser in einem Zug leer.

„Jetzt will ich aber hören, wie es der Nadja geht. In Deutschland.“ Wie Nikolaj dieses Wort betonte. So wie der Pope am Sonntag in der Kirche das Wort Himmel. Aber ein bisschen Fegefeuer schwang auch mit.

Die Baba blickte Nikolaj an und plötzlich wurde ihr Gesicht ganz spitzbübisch: „Dir hat sie auch immer gefallen, meine Nadja, das weiß ich schon, aber jetzt ist sie fort, meine Hübsche. Und das wird deiner Maria bestimmt auch ganz lieb sein.“ Warnend hob sie dabei den Zeigefinger.

Verwundert sah ich zu Nikolaj, dessen Wangen mit einem Mal fleckig weiß und rot wurden. Dem Postboten Nikolaj, dessen dicke Frau Maria bestimmt viel älter war als meine Majka, hatte meine Mutter gefallen? Nun ja, warum auch nicht. Sie war die Hübscheste im ganzen Dorf. Wenn wir an einem Feiertag zusammen ins Dorf gingen, sahen uns immer viele Leute an, das wusste ich noch ganz genau. Auf meine schöne Majka blickten immer alle.

„Nun mach den Brief schon auf“, drängte Nikolaj.

Ganz liebevoll strich die Baba über den weißen Brief und blickte auf. Baba Milena nickte und reichte ihr ein Küchenmesser, das sie an ihrer Schürze sauber strich. Doch sie musste den Umschlag nicht aufschneiden. Ganz leicht ließ er sich öffnen, so als ob er bereits offen gewesen war. Baba nickte nur, als ob sie das geahnt hätte. Erst später wurde mir klar, dass Nadjas Briefe alle bereits geöffnet waren. Jedenfalls jene, die mit der Post kamen.

Sehr behutsam zog die Baba aus dem Umschlag ein ebenso weißes Blatt Papier heraus, das mit blauer Schrift beschrieben war. Sofort erkannte ich die wilde, etwas krakelige Schrift meiner Mutter. Noch einmal sah die Baba hoch und Baba Milena nickte ihr wieder aufmunternd zu. Ich wusste, dass sie anderen nicht gerne vorlas, denn sie las nur langsam und stockend. Aber immerhin konnte sie lesen, obwohl sie nur zwei Jahre auf die Schule gedurft hatte, damit sie dann auf dem Feld arbeiten konnte. In der Schule lernten wir später, dass die Partei es geschafft hatte, dass es in Bulgarien kaum mehr Menschen gab, die nicht lesen konnten, weil alle zur Schule gehen durften. Das erfüllte uns mit Stolz.

Mit Unterbrechungen, teilweise nur die Silben aussprechend, die wir uns selbst dann mühsam zusammenzogen, las die Baba vor:

Meine geliebte kleine Anelija, Mama und Baba Milena,

ich bin wirklich in Deutschland. Er hat sein Versprechen gehalten. Die Grenzen nach Rumänien und Ungarn durfte ich ganz leicht passieren wegen der Unterlagen, die er mir geschickt hatte. Und dann stand er an der Grenze zu Österreich, genau zur verabredeten Zeit und hatte eine Arbeitserlaubnis für mich dabei. Es dauerte keine Stunde und wir konnten über die Grenze. Wir fuhren mit dem Auto weiter. Er hat einen Opel. Der gehört ihm ganz allein. Auch über die zweite Grenze nach Deutschland ging es ganz schnell.

Jetzt wohne ich bei seinen Eltern. Die haben ein großes Haus, mit einem Garten mit Blumen und einer kleinen Mauer darum herum. In Süddeutschland, bei München.

Ich habe ein Zimmer im Keller. Es ist ganz sauber.

Einmal waren wir am Wochenende in den Bergen. Anelija, wenn Du wüsstest, wie hoch die sind. Da läuft man den ganzen Tag und ist immer noch nicht auf der Spitze. Die Menschen tragen in den Bergen auch eine bayrische Tracht. Die Frauen erinnern mich etwas an Zuhause. Nur dass die Trachten – Dirndl heißen sie hier – viel bunter sind als unsere Karljankas. Die Männer sehen etwas seltsam aus. Sie tragen kurze Lederhosen mit Hosenträgern zu weißen oder rotkarierten Hemden.

Und schön ist es in den Bergen, viel grüner ist alles als bei uns. Überhaupt ist hier alles bunter. Könnt Ihr Euch vorstellen, dass hier fast jedes Haus eine andere Farbe hat? Gelb oder sogar manchmal blau und grün, aber vor allem weiß, richtig weiß, so weiß wie keines unserer Häuser, so weiß wie die Wolken.

Ich arbeite im Büro. Seine Eltern haben eine kleine Firma. Ich darf die ganze Zeit sitzen und muss mich nicht bücken wie auf dem Feld. Aber schwer ist es schon, das dürft Ihr mir glauben. Ich arbeite jeden Tag so lange, bis mir am Abend die Zahlen vor den Augen verschwimmen. Länger als auf dem Feld. Seine Mutter ist streng. Jeden Tag sagt sie mir, dass ich hier hart arbeiten muss, sonst überlegt sie sich das noch einmal mit der Arbeitserlaubnis. Und ich will, Mama, ich verspreche es Dir, ich will hier wirklich arbeiten und eines Tages, vielleicht … da sehen wir uns wieder! Mama, Baba Milena! Und meine kleine, süße Anelija! Du fehlst mir so! In der Nacht weine ich um Dich.

Seid gegrüßt und tausendmal geküsst,
Eure Nadja

Ich blickte auf, wie aus einer anderen Welt, und sah, dass Baba, Baba Milena und sogar Nikolaj die Tränen über die Gesichter liefen. Baba Milenas Augen verschwammen im Wasser, Baba lief in stetigem Strom eine Träne nach der anderen über das Gesicht und Nikolajs immer noch fleckiges Gesicht war verzerrt von unterdrücktem Schluchzen.

Ich blickte sie verwundert an. Warum weinten sie alle? Es war doch alles gut, oder? Majka war im Himmel. Und ich würde bald zu ihr kommen dürfen. Wir sehen uns wieder, hatte sie geschrieben.

***

Kaum hatte Nikolaj die Tür hinter sich zugezogen, stand die Baba noch einmal auf, lief zur Kommode, nahm mein Bild, stellte es ganz nach vorne und legte das Präsidenten-Bild dahinter. „Solange wir dich im Auge haben, Genosse Schiwkow, kannst du uns nichts tun“, murmelte sie dabei.

So ähnlich war das immer, wenn Besucher kamen und gingen. Allerdings hatten wir sehr selten Besucher. Obwohl ich die Prozedur um dieses Foto nie verstand, blieb bei mir immer nur der Eindruck des Triumphes in Babas Stimme. Sie hatte wieder einen mir unerklärlichen Sieg über den Präsidenten errungen, wenn auch der Hauch der Gefahr dahinter undeutlich mitschwang.

Die weißen Briefe kamen nicht regelmäßig, manchmal alle paar Wochen, manchmal lag fast ein Jahr dazwischen. Erst viel später verstand ich, dass die meisten von ihnen nicht mit der Post gekommen waren, obwohl Nikolaj sie uns brachte, sondern dass Onkel Ilij a sie direkt aus Deutschland mitnahm, wenn er seine Transporte machte, und sie dann seinem Nachbarn Nikolaj mitgab. Alles innerhalb der Familie.

Je älter ich wurde, desto öfter nahm ich mir vor, den nächsten Brief einfach gar nicht zu lesen, damit mich nicht wieder über Tage, Wochen und vor allem Nächte die Farben verfolgten, die Bilder von gelben Häusern mit grünem Rasen davor und Blumen in allen Farben; die so ausführlich beschriebenen Bilder der breiten grauen, ganz glatten Teerstraßen, die nur durch exakt eingezeichnete, leuchtend weiße Streifen getrennt waren. Die Farben lösten sich von allem und schwirrten mir stundenlang im Kopf umher und nahmen mir die Konzentration für alles andere. Zuerst dachte ich, dieses Deutschland habe keinen Geruch, bis ich merkte, dass es nach Gelb und Blau und Grün roch. Vor allem aber roch es nach Weiß.

Am Abend der Ankunft des ersten Briefes fiel ich sofort in einen tiefen Schlaf. Ich träumte von tanzenden, bunten Häusern, die um mich herum einen Reigen, den Ratschenitza, zu lauter, wilder Musik vorführten. Vor jedem Haus war ein grasgrüner Rasen, den die Häuser wie einen Rock vor sich her schwangen. Sowohl über als auch unter den Häusern aber waren strahlend weiße Wolken, die sich ganz sanft im Takt wiegten.

Wie traurig ich war, als ich aufwachte.

1995

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München

Als ich hochblickte, war der Himmel dunkel und die Gewitterwolken hatten sich zu schwarzen Wänden zusammengeballt. In der Ferne hörte ich donnerndes Grollen.

Ich hatte nicht bemerkt, dass ein Gewitter aufgezogen war. Und Enno hatte geschwiegen und sprachlos verwundert hingenommen, dass ich zum ersten Mal über das Woher zu sprechen begann. Ganz sanft fuhr er mit seinem Daumen über meine Nasenwurzel und fragte mich: „Sollen wir nach Hause gehen, kleine, große Anelija?“

Nur schwer löste ich mich von den weißen Kieselsteinen und der Handvoll Sand, die mich hatte erinnern lassen.

Auf dem Rückweg gingen wir noch schnell am Bahnhof in einen Supermarkt, um das Nötigste einzukaufen. Supermärkte waren für mich so zwiespältig wie Deutschland insgesamt. Ich erinnerte mich noch genau daran, wie es gewesen war, als ich in Deutschland zum ersten Mal einen Supermarkt betreten hatte. Was mir zuerst auffiel, war der klinisch sauber glänzende Boden. Bei uns waren nicht einmal die Böden der Krankenhäuser so spiegelnd blank. Dazu nahm ich damals sehr bewusst die leise rieselnde Musik wahr, die man später kaum noch bemerkte.

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