Logo weiterlesen.de
Dunkler Schatten über Blackthorn Hall

1. KAPITEL

Kishorn Lodge, schottische Highlands, 1755

Die Mackenzies hatten einen lebhaften Streit darüber gehabt, wo die sterblichen Überreste der ehrwürdigen Griselda Mackenzie begraben werden sollten. Arran Mackenzie, ihr geliebter Cousin, wollte, dass sie zusammen mit allen anderen Mackenzies beerdigt wurde, die in den vergangenen zweihundert Jahren auf Balhaire, dem Familiensitz des Clans, gelebt hatten. Aber seine jüngste Tochter Catriona – die ihrem „Tantchen“ Zelda so nahegestanden hatte wie ihrer eigenen Mutter – wollte, dass sie auf Kishorn Lodge beerdigt wurde, wo Griselda den größten Teil ihres bemerkenswerten Lebens verbracht hatte.

Am Ende hatten sie sich auf einen Kompromiss geeinigt. Tante Zelda wurde in der Familiengruft auf Balhaire beigesetzt, aber einen Monat später fand ihr zu Ehren auf Kishorn eine féill statt. Damit war Catriona zufrieden, weil es die passende Feierlichkeit für eine Frau war, die ihr Leben immer nach ihren eigenen Regeln gelebt hatte.

Leider spielte das Wetter am Abend der féill nicht mit. Kishorn lag weit oben in den Highlands und war eigentlich nur mit einem Boot zu erreichen. Deswegen konnten nur die engsten Familienmitglieder des Mackenzie-Clans teilnehmen. Sie ruderten von Balhaire aus hinüber, an den Landsitzen Arrandale und Auchenard vorbei, die ebenfalls der Familie gehörten, und über den Loch Kishorn bis zu der Stelle, an der der Fluss in den Loch mündete, nach dem dieser benannt war.

So weit oben in den Highlands gab es sonst fast nichts und niemanden. Früher hatte es ein Dorf und ein hervorragendes Jagdrevier direkt am Flussufer gegeben, aber die waren beide längst aufgegeben. Ein Vorfahr der Mackenzies hatte ein Jagdhaus auf den Ruinen des Dorfes gebaut. Zelda war ihre Freiheit immer wichtiger gewesen als eine Ehe. Ihr Vater hatte ihr ihren Willen gelassen, und so war sie als junge Frau in das verlassene Jagdhaus gezogen. Sie hatte es über die Jahre liebevoll instand gesetzt und durch einen Anbau vergrößert und so zu ihrem Zuhause gemacht.

Das Einzige, was von dem ehemaligen Dorf geblieben war, war die Ruine einer Abtei, die auf einer Anhöhe stand, von der aus man das ganze Flusstal überblicken konnte. Sie war klein für eine Abtei, und niemand wusste, wem sie gehört hatte. Zelda hatte beschlossen, dass sie ihr gehörte und die Hälfte des ursprünglichen Gebäudes wieder bewohnbar gemacht. Die andere Hälfte – die früher einmal den Altarraum beherbergt hatte – hatte keine Wände und nur ein paar Balken und Bögen aus Stein, die von der Dachkonstruktion übrig geblieben waren. Sie hatte keinen praktischen Nutzen, nur die Kühe, die sich hin und wieder dort hinauf verirrten, fanden eine Atempause vom Wetter.

Wenn sie doch bloß auch eine Atempause von dem eiskalten Regen gehabt hätten, der am Tag der féill gegen die Fensterscheiben trommelte!

Catriona war deswegen am Boden zerstört – sie hatte ein Fest geplant, das noch viele Jahre lang alle anderen Feierlichkeiten in den Schatten stellen sollte. „Das hatte ich mir wirklich anders vorgestellt, das könnt ihr mir glauben“, sagte sie zu den Frauen, die sich um das lodernde Feuer im Kamin versammelt hatten. Dazu gehörten ihre Mutter, die Herrin von Balhaire, und Catrionas Schwester Vivienne. Auch ihre Schwägerinnen Daisy, Bernadette und Lottie waren gekommen. „Es hat geregnet, als wir sie beerdigt haben, und jetzt regnet es schon wieder. Sie hat was Besseres verdient“, fuhr Catriona fort, während sie vorsichtig ihr Weinglas hob, damit ihr nachgeschenkt werden konnte.

„Zelda wäre der Regen völlig egal gewesen, Cat“, erwiderte ihre Mutter. „Sie hätte nur gewollt, dass die féill trotzdem stattfindet. Hörst du nicht, wie sie lacht? Sie würde sagen: ‚Hast du vielleicht gedacht, dass Engel und Rotkehlchen singen, wenn ich komme? Nein, Mädchen, der Himmel wird weinen, wenn ich an die Tür klopfe.‘“

„Mama“, meinte Catriona bedrückt, aber sie musste trotzdem lächeln. Zelda hätte in der Tat ganz bestimmt so etwas in der Art gesagt.

„Ich vermisse die kauzige Alte“, sagte ihre Mutter liebevoll und hob ihr Glas zu einem traurigen Gruß. „So eine gibt es kein zweites Mal.“

Das war ein besonderes Lob aus dem Mund von Margot Mackenzie. Das Verhältnis zwischen ihr und Zelda war immer schwierig gewesen. Sie waren sich nie ganz grün gewesen, und Catriona verstand noch immer nicht so genau, warum. Sie wusste, dass Zelda es ihrer Mutter nicht nachsehen konnte, dass sie Engländerin war, womit sie allerdings unter den Highlandern nicht die Einzige war. Aber Zelda schien auch an der absurden Überzeugung festzuhalten, dass ausgerechnet ihre Mutter eine Spionin wäre. Einmal hatte Catriona ihren Vater gefragt, warum Tante Zelda ihre Mutter als Spionin bezeichnete, und daraufhin hatte er sie seltsam angesehen. „Manchmal muss man die Vergangenheit einfach ruhen lassen, aye?“, hatte er geantwortet. „Du darfst nicht alles glauben, was Zelda sagt, Mädchen.“

Catriona war aufgefallen, dass er es nicht abgestritten hatte.

Trotz der alten Missstimmung zwischen den beiden war Catrionas Mutter in den letzten Monaten von Zeldas Leben, als sie sich öfter krank als gesund gefühlt hatte, jede Woche von Balhaire hierhergekommen und hatte ihr Gesellschaft geleistet. Dann hatten sich die beiden über Ereignisse gestritten, die im Laufe ihrer langen Leben geschehen waren, aber sie hatten auch gelacht und gemeinsam über ihre Geheimnisse geflüstert.

Eins der Dienstmädchen schenkte Catriona Wein nach. Sie trank, als wäre es Wasser.

Da sich alle Mackenzies in das Jagdhaus quetschten, war kaum Platz für die Spiele, die Catriona geplant hatte, und sonst gab es wenig zu tun. Wenn sie ehrlich war, war Catriona angetrunken. Nein, das stimmte nicht – sie war sturzbetrunken, und bei diesem Gedanken fing sie an zu kichern.

„Es sollte getanzt werden“, beklagte Lottie sich und fasste sich an den Babybauch, der ihr zu schaffen machte. Schon wieder ein Junge. „Irgendwas.“

„Wie stellst du dir das vor?“, fragte Vivienne. „Du kannst doch gar nicht tanzen, Lottie.“ Sie wies mit einem Nicken auf das Baby. Lottie hatte gerade erst Carbrey zur Welt gebracht, und seit der Geburt seines zweiten Sohnes stolzierte Catrionas Bruder Aulay wie ein verdammter Pfau auf Balhaire herum.

„Aye, aber ihr könnt tanzen“, sagte Lottie und stieß Vivienne mit dem Ellenbogen in die Seite. „Und dann könnte ich schön zugucken.“

„Ich? Dafür bin ich zu alt und zu dick“, beklagte Vivienne sich, sank auf ihrem Stuhl zusammen und tätschelte sich den Bauch. Nachdem sie vier Kinder zur Welt gebracht hatte, war ihre Figur voller als früher. „Bernadette kann tanzen.“

„Ganz allein?“ Bernadette, die Frau von Catrionas Bruder Rabbie, beugte sich vor, um das Feuer im Kamin zu schüren. „Und soll ich dazu vielleicht auch selbst singen?“

„Und was ist mit mir?“, fragte Daisy. Sie war mit Cailean verheiratet, Catrionas ältestem Bruder. „Ich bin nicht zu alt für einen Reel.“

„Und auch nicht zu dick“, stimmte Lottie ihr zu.

„Nein, aber dein Mann ist zu alt“, sagte Vivienne und nickte in Caileans Richtung. Er saß neben ihrem Vater vor einer Feuerschale und hatte die Beine weit ausgestreckt. Mit zwei Fingern hielt er einen Krug mit Ale fest.

„Wirklich schade, dass Ivor MacDonald nicht hier ist, um mit unserer Cat zu tanzen“, sagte Catrionas Mutter und schenkte ihrer Tochter ein teuflisches Lächeln.

Catriona hatte ihre Zurückhaltung im Wein ertränkt und stöhnte verärgert. „Du gibst auch erst auf, mich ordentlich zu verheiraten, wenn du irgendwann nicht mehr bist.“

„Und was ist daran schlimm, frage ich dich?“, erwiderte ihre Mutter in sanftem Ton.

„Ja, was ist daran schlimm?“, fragte auch Daisy. „Warum kannst du dich nicht auf Mr. MacDonald einlassen, Cat? Ich finde ihn sehr nett. Und er ist weiß Gott verrückt nach dir.“

Ivor war ein dicklicher Kerl, genauso groß wie Catriona. Sein Haar hing ihm immer ins Gesicht. In den Wochen nach Zeldas Tod hatte er ihr so oft sein Beileid ausgesprochen, dass sie irgendwann aufgehört hatte zu zählen. „Der kann sich verrückt machen so viel er will, aber ich bin viel zu rastlos, um mich an einen Schiffsbauer zu binden“, sagte Catriona hoheitsvoll und trank den Rest aus ihrem Weinglas aus. In Wirklichkeit hatte sein Beruf nichts mit ihrer Ablehnung zu tun – es lag eher daran, dass er keinen Hals hatte.

„Ich glaube, das stimmt nicht“, sagte Lottie und sah verwirrt zu, wie Catriona schon wieder ihr Glas hob. „Er hat sich nicht verrückt gemacht, sondern du hast ihn verrückt gemacht, oder nicht?“

Catriona schnalzte mit der Zunge und sah sie an. „Du weißt doch ganz genau, was ich meine, aye?“

„Aye, ich weiß es genau“, stimmte Lottie ihr zu. „Aber du bist dreiunddreißig, Cat. Früher oder später musst du einsehen, dass das letzte Schaf auf dem Markt den Preis nehmen muss, der geboten wird, wenn es nicht als Braten enden will.“

„Lottie!“ Bernadette stöhnte. „Wie kannst du nur so etwas sagen?“

Catriona winkte geringschätzig ab. „Aye, aber sie hat doch recht, oder? Ich bin ohne Umwege dabei eine alte Jungfer zu werden. Ich habe mich mit dem Gedanken abgefunden, dass es in meinem Leben keinen Mann und keine Kinder geben wird, aye? Das war bei Zelda auch so, und sie hat es sich selbst ausgesucht. Ich weiß, was ich tun muss – ich muss Tante Zeldas Lebenswerk fortsetzen.“

„Ich hoffe doch sehr, dass du für etwas anderes geschaffen bist, als auf Kishorn zu wohnen, weit weg von aller Gesellschaft“, sagte ihre Mutter. „Du bist immerhin nicht Zelda.“

Also das war es ja gerade – es gab keine Gesellschaft für sie. Hier gab es für sie nichts außer endlosen Tagen, die von noch mehr endlosen Tagen abgelöst wurden, an denen sie nichts Besseres zu tun hatte, als sich in diesem verdammten Haus mitten im Nichts die Zeit zu vertreiben. „Was denn für eine Gesellschaft, Mama? Meinst du die Mackenzies und ihre ganzen verheirateten Männer? Oder vielleicht die MacDonalds mit Ivor als ihrem besten Mann?“

„Wenn du nichts für Mr. MacDonald übrig hast, kannst du dich noch woanders umsehen“, widersprach ihre Mutter. „Aber wenn du die ganze Zeit auf Kishorn bist, kommst du ja gar nicht mit der Welt in Berührung.“

„Hmm“, sagte Catriona zweifelnd. „Ich würde ja sagen, dass ich alle Männer, die die Highlands zu bieten haben, bereits kennengelernt habe, und genau wie meine liebe, verschiedene Tante, bin ich nicht gerade begeistert, das kann ich euch sagen. Und davon ganz abgesehen brauchen mich die Frauen und Kinder, die hier ihr Zuhause haben, Mama. Wieso sollte das nicht meine Berufung sein?“, fragte sie und gestikulierte dabei so heftig, dass sie ihren Wein auf dem Steinboden verschüttete. „Zelda hat mir alles beigebracht, was sie wusste. Die Frauen hier können nirgendwo anders hin, und ich habe vor weiterzumachen, darauf könnt ihr euch verlassen, weil hier nämlich noch eine Menge zu tun ist. Zelda hätte es auch so gewollt. Versuch bloß nicht, mich davon abzubringen, Mama.“ Sie richtete sich auf und drehte sich um. „Wo steckt denn dieses Dienstmädchen?“

„Catriona, Liebes“, flehte ihre Mutter sie an.

Aber Catriona hatte keine Lust, über ihre Zukunftspläne zu diskutieren. „Diah, erspar mir das“, sagte sie und stand auf. Sie schwankte ein wenig und musste sich an der Stuhllehne festhalten, damit sie nicht stolperte. Sie war erschöpft von dem Gespräch über ihre Situation. Sie hatte das Gefühl, dass sich dieses Gespräch seit Jahren ständig wiederholte. Die arme Catriona Mackenzie, was sollen wir nur mit ihr machen? Sie hat keine Aussichten auf eine Ehe, keine Gesellschaft, nichts, womit sie sich beschäftigen könnte. Nur eine heruntergekommene Abtei voller Außenseiter. „Dann will ich jetzt tanzen. Wo ist Malcolm Mackenzie? Der hat doch sicher seinen Dudelsack mitgebracht.“

„Du lieber Himmel, Cat, setz dich wieder hin.“ Bernadette hielt Catriona an der Hand fest und versuchte, sie zurück auf ihren Stuhl zu zerren. „Du bist betrunken …“

„Ich habe kaum was getrunken!“, protestierte Catriona. „So ist das mit den Engländern, Bernie“, sagte sie und drohte ihrer Schwägerin mit dem Zeigefinger. „Wir Schotten können nach einem Gläschen Wein viel besser tanzen, aye?“

„Du verletzt sonst noch jemanden“, sagte Bernadette und zerrte schon wieder an ihrer Hand.

„Du solltest wirklich nicht so viel trinken“, sagte Vivienne vorwurfsvoll.

„Ich will ja auch nicht trinken, sondern tanzen!“, rief Catriona aufgebracht. Der Wein weckte ihren ohnehin recht stark ausgeprägten Widerspruchsgeist, und sie entzog Bernadette ihre Hand. Aber als sie das tat, verlor sie das Gleichgewicht und stolperte rückwärts, bis sie gegen jemanden stieß. Es gelang ihr, sich wieder zu fangen und sich umzudrehen. Als sie sah, wen sie vor sich hatte, lachte sie laut auf. Rhona MacFarlane war die Äbtissin von Kishorn. Rhona war keine echte Äbtissin – sie hatte ein Herz aus Gold, aber sie war keine Nonne. Trotzdem nannten alle sie Äbtissin. Sie hatte bis zu deren Tod mit Zelda zusammengearbeitet.

„Aye, guckt mal, wer mit mir tanzen will! Danke, Rhona, Liebes. Du hast mich vor einer Standpauke gerettet, und ich möchte wirklich gerne tanzen.“ Catriona wedelte mit der Hand und verneigte sich so tief, dass sie beinahe vornübergefallen wäre.

„Wir haben doch gar keine Musik“, sagte Rhona.

„Ein gutes Argument“, räumte Catriona ein, umklammerte Rhonas Arme und bewegte sich zu einer imaginären Melodie. „Wir brauchen gar keine Musik.“

„Miss Catriona!“, sagte Rhona und befreite sich.

„Aye, schon gut, ich suche Malcolm“, meinte Catriona verdrießlich.

„Miss Catriona, wir haben Besuch“, sagte Rhona.

Catriona schnappte begeistert nach Luft. „Besuch! Wer ist es?“ Sie wirbelte herum und blickte zur Tür, wo sie die MacDonalds von der Insel Skye zu sehen erwartete, die Zelda alle gut gekannt hatten. Aber die Männer, die zur Tür hereinkamen, waren keine MacDonalds – Catriona konnte an ihren Mienen ablesen, dass sie keine Freunde der Mackenzies oder von Kishorn waren. Plötzlich fielen ihr die beiden Briefe wieder ein, die Zelda in den letzten Monaten ihres Lebens bekommen hatte. Briefe auf schwerem Pergament mit einem amtlichen Siegel. Briefe, die Zelda als Unsinn abgetan hatte.

Wut stieg in Catriona auf, ihr Herz rief sie zu den Waffen, und sie bemühte sich nach Kräften, den Rausch, den sie sich angetrunken hatte, zu durchdringen. Wie konnten die es wagen, die féill zu Ehren von Griselda Mackenzie mit ihrer Anwesenheit zu verderben! Wenn die glaubten, dass sie sich jetzt einfach so die Abtei aneignen konnten, da Zelda nicht mehr am Leben war, wollte Catriona ihnen beweisen, dass sie sich schwer getäuscht hatten – sie wäre lieber gestorben als zuzulassen, dass diese Männer ihr die Abtei und das Andenken an Zelda wegnahmen.

„Was denn für Besuch?“, fragte ihre Mutter und stand auf.

„Verdammte Bastarde, das sind sie“, sagte Catriona und machte sich mit langen Schritten auf den Weg zur Tür, ehe ihre Mutter sie aufhalten konnte. Als sie auf die Männer zukam, neigte der, der ganz vorne stand, den Kopf.

„Wer sind Sie?“, fragte Catriona mit Nachdruck.

„Ah. Sie sind bestimmt Miss Catriona Mackenzie“, antwortete der Mann mit einem spröden englischen Akzent. Er nahm den Hut ab, den er schief auf dem Kopf gehabt hatte, sodass Wasser auf den Boden und auf einen der Hunde von Kishorn tropfte. Das Tier schüttelte sich.

„Woher wissen Sie, wie ich heiße? Wie sind Sie hergekommen?“

„Es ist mein Beruf, Ihren Namen zu kennen, und ein Dienstbote von Balhaire war so nett, uns herzubringen.“ Er legte seinen tropfnassen Umhang ab und reichte ihn dem Gentleman neben ihm. Seine Jacke und seine Weste waren so feucht und schwer, dass sie nach nasser Wolle rochen und ihm beinahe bis zu den Knien hingen. „Ich bin Mr. Stephen Whitson, Verwalter der Krone. Würden Sie mir vielleicht die Freundlichkeit erweisen, den Laird in Kenntnis zu setzen, dass ich eine ausgesprochen dringende Angelegenheit mit ihm zu besprechen habe?“

„Meinen Laird?“

Der Mann erwiderte seelenruhig ihren Blick. „Wie gesagt, die Angelegenheit ist sehr dringend.“

„Handelt es sich um dieselbe dringende Angelegenheit, wegen der Sie meine Tante auf dem Sterbebett mit Ihren Briefen belästigen mussten?“

„Ich bitte um Verzeihung, Miss Mackenzie, aber diese Angelegenheit geht nur Männer etwas an …“

„Diese Angelegenheit ist eine Frage des verdammten Anstands …“ Ehe sie noch mehr sagen konnte, legte sich ihr eine sehr große Hand fest auf die Schulter. Cailean war neben sie getreten. Dabei warf er ihr einen Blick zu, der eindeutig sagte, dass sie den Mund halten sollte.

„Verzeihung, aber um was geht es denn eigentlich?“, fragte er ruhig.

„Mylord, Mr. Stephan Whitson, zu Ihren Diensten“, sagte der Mann und verneigte sich über sein ausgestrecktes Bein.

„Er will die Abtei haben, darum geht es“, sagte Catriona wütend.

„Cat.“ Aulay hatte sich an ihrer anderen Seite postiert. Er ergriff ihre Hand und legte sie sich auf den Unterarm, dann legte er seine eigene Hand darüber und drückte so fest zu, dass Catriona zusammenzuckte. „Du gestattest doch, dass ich auch etwas sage, aye?“

„Es stimmt, dass die Abtei der Krone Sorgen bereitet“, sagte Whitson und schwang beiläufig den schulterlangen Zopf, zu dem er sein Haar geflochten hatte. „Das Büro des Anwalts der Krone hat mich geschickt.“

„Der Krone?“, wiederholte Cailean ungläubig und trat einen Schritt vor, sodass er vor Catriona stand. „Ich bitte vielmals um Verzeihung, Sir, aber wir halten gerade eine Trauerfeier für Miss Griselda Mackenzie ab.“

„Mein Beileid“, sagte Whitson. „Es ist sehr bedauerlich, dass der Zeitpunkt meiner Ankunft so unpassend ist, aber unsere Briefe sind leider nicht beantwortet worden. Wie ich schon versucht habe, Miss Mackenzie zu erklären, bin ich in einer dringenden Angelegenheit hier, die ich dem Laird unterbreiten muss.“

„Aye, bring sie her, Cailean!“, rief Catrionas Vater von der anderen Seite des Raumes.

Whitson braucht keine weitere Einladung. Er ging mit gezierten Schritten um Cailean herum und kümmerte sich nicht weiter um die Menschen, die hier zusammengekommen waren, als er den Raum durchquerte.

Es war ganz still geworden, alle Augen und Ohren waren auf den Mann gerichtet.

Cailean ging Whitson nach, aber als Catriona Anstalten machte, ihm zu folgen, hielt Aulay sie fest. „Du bleibst hier.“

„Ich bleibe überhaupt nicht hier, Aulay! Das ist jetzt meine Abtei!“

Aber Aulay war unerbittlich. „Ich würde vorschlagen, du schweigst jetzt besser, wenn du sie behalten willst, Cat. Du weißt doch, wie du bist, aye? Vor allem, wenn du ein bisschen zu viel getrunken hast.“

Sie wollte nicht mit ihm darüber streiten, wie viel sie getrunken hatte. „Und wenn schon?“, entgegnete sie scharf. „Zelda ist nicht mehr, und ich habe meine Sorgen ertränkt.“ Sie schüttelte seine Hand ab und eilte den anderen hinterher.

Ihr Vater hatte sich erhoben. Er stützte sich schwer auf einen Gehstock, aber er war immer noch eine imposante Erscheinung und einen ganzen Kopf größer als Mr. Whitson. Ihr Vater hatte eine gute Menschenkenntnis, und seine Einschätzung des Charakters dieses Mannes hatte offenbar nur Sekunden gedauert, denn er bot ihm weder zu essen noch zu trinken an. Er fragte barsch: „Also, was wollen Sie hier?“

Mr. Whitson hob ein wenig den Kopf. „Wenn Sie gleich zur Sache kommen wollen, Mylord, dann soll es so sein. Die Abtei von Kishorn ist einem ungesetzlichen Zweck zugeführt worden. Während des Aufstandes von ’45 sind hier jakobitische Verräter unterstützt worden, die vorhatten, den König zu stürzen. Als Strafe für diesen Hochverrat ist der Besitz verwirkt.“

Catriona und ihre Familie zuckten zusammen, aber ihr Vater, Arran Mackenzie, lachte nur. „Wie bitte? Die Abtei von Kishorn steht auf Grund und Boden, der seit über zweihundert Jahren der Familie Mackenzie gehört. Es gab keine Unterstützung. Wir sind loyale Untertanen gewesen, Sir, ganz bestimmt.“

„Die Abtei von Kishorn ist nach der Niederlage von Culloden ein Unterschlupf für fliehende Rebellen gewesen, und zwar unter der Ägide einer bekannten Verräterin, einer gewissen Miss Griselda Mackenzie. Es hat keinen Sinn, das zu leugnen, Mylord – wir haben Zeugenaussagen von zwei der Sympathisanten. Da der Besitz benutzt worden ist, um Verräter zu beherbergen, fällt er auf Befehl des Königs an die Krone.“

„Auf Befehl des Königs?“, wiederholte Cailean fassungslos. „Sind Sie verrückt geworden? Seit der Rebellion sind zehn Jahre vergangen.“

Mr. Whitson zuckte mit den Schultern. „Es war damals ein Verbrechen, und das ist es heute auch noch, Sir.“

„Und was will die Krone mit einer alten Abtei?“, fragte Rabbie höhnisch. „Sie ist kaum mehr als eine Ruine und liegt zu weit weg von allem, um nützlich zu sein.“

„Es gibt ein Interesse daran“, meinte Mr. Whitson schniefend und unterbrach sich, um seine Spitzenmanschetten glatt zustreichen. „Es gibt Menschen, die glauben, dass jede andere Verwendung besser wäre, als hier Frauen von zweifelhaftem Ruf unterzubringen.“

Es verschlug Catriona den Atem vor Empörung. „Wie können Sie es wagen! Haben Sie denn kein Mitgefühl?“

Whitson drehte sich so schnell um die eigene Achse, dass Catriona zunächst verblüfft war. „Es gibt hier in der Gegend eine Menge Leute, die es nicht gerne sehen, wen Sie in diesem Haus beherbergen, Miss Mackenzie. Manche sind sogar ausdrücklich dagegen.“

„Es geht niemanden etwas an, was wir auf unserem eigenen Grund und Boden machen“, widersprach Catriona. Sie konnte deutlich spüren, wie Rhona hinter ihr vor Anspannung kaum zu atmen wagte, und noch deutlicher spürte sie, wie die Wut ihr selbst das Blut in die Wangen trieb.

„Ich werde nichts weiter dazu sagen, da es Ihnen ganz offenkundig an Manieren mangelt, Whitson, denn Sie sind ja nicht von hier, aye?“, sagte ihr Vater. „Aber wenn Sie es noch einmal wagen, so mit meiner Nighean zu sprechen, dann bekommen Sie die Gerechtigkeit der Highlands zu spüren, das verspreche ich Ihnen.“

Whitson zog eine seiner buschigen Augenbrauen hoch. „War das etwa eine Drohung gegen einen Verwalter der Krone, Mylord?“

„Ich drohe jedem Mann, der es wagt, so mit einem Mitglied meiner Familie zu reden“, sagte ihr Vater kalt. „Haben Sie eigentlich eine amtliche Urkunde, oder sollen wir einem Sassenach einfach so glauben?“

Whitson kniff die Augen zusammen. „Ich hatte Sie immer für einen Mann der Vernunft gehalten, Mackenzie. Sie hatten bislang einen hervorragenden Ruf, aber es wäre für alle Beteiligten das Beste, wenn Sie die Geduld der Krone nicht zu sehr strapazieren würden, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will. Miss Griselda Mackenzie hat eine amtliche Urkunde zugestellt bekommen. Ich habe keine Abschrift dieser Urkunde dabei, aber ich kann eine anfertigen lassen, falls Sie darauf bestehen.“

„Griselda Mackenzie ist aus diesem Leben geschieden“, sagte ihr Vater zu Whitson. „Solange ich keine offizielle Urkunde gesehen habe, habe ich keinen Grund, Ihnen zu glauben.“

Mr. Whitson verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Ich werde dafür sorgen, dass sie schnellstens hergebracht wird. Aus praktischen Gründen teile ich Ihnen allerdings jetzt schon mit, dass Sie und Ihre Leute laut dieser Urkunde sechs Monate Zeit haben, um das Gelände der Abtei zu räumen. Wenn Sie nach Ablauf dieser Frist nicht verschwunden sind, wird es Ihnen mit Gewalt abgenommen. Der Besitz ist verwirkt, Mylord. Der Befehl des Königs ist eindeutig.“

Catriona wurde ganz schwindelig; sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen. In der Abtei wohnten dreiundzwanzig Seelen, und es waren alles Frauen und Kinder, die von der Gesellschaft ausgestoßen worden waren. Wo sollten die denn alle hin?

„Aye, und Sie haben eine Viertelstunde, um von hier zu verschwinden, Sir, sonst werden auch Sie mit Gewalt entfernt“, sagte ihr Vater, und mit diesen Worten wandte er dem Mann den Rücken zu.

„Rechnen Sie damit, dass die Urkunde bis zum Ende der Woche hier sein wird“, meinte Mr. Whitson eisig. Er drehte sich um und ging zur Tür.

„Haben Sie denn überhaupt gar kein Gewissen?“, sprudelte es aus Catriona heraus, als er an ihr vorbeiging.

Er blieb stehen. Dann wandte er langsam den Kopf und sah sie an, und Catriona überlief ein Schauer. „Ich rate Ihnen, Madam, sich einer wohltätigen Arbeit zu widmen, die einer anständigen Frau geziemt.“

„Raus!“, rief Rabbie mit unheilverkündend leiser Stimme.

Whitson verließ den Saal. Sein Adjutant lief ihm mit dem durchnässten Umhang hinterher.

Alle schwiegen eine Weile, nachdem die Eindringlinge verschwunden waren. In Catrionas Kopf drehte sich alles. Sie dachte an die Frauen in der Abtei: Molly Malone war von ihrem Ehemann so heftig verprügelt worden, dass sie das Kind verloren hatte, das sie erwartet hatte. Sie hatte sich mitten in der Nacht mit einer einzigen Münze in der Tasche aus dem Haus geschlichen und nur ihre beiden Kinder mitgenommen. Dann Anne Kincaid, die als Mädchen von ihrem Vater aus dem Haus geworfen worden war, weil der nichts für sie übrig hatte. Sie war gezwungen gewesen, ihren Körper zu verkaufen, um zu überleben. Und Rhona, die liebe Rhona, ein solches Gottesgeschenk für Kishorn! Als ihr Mann gestorben war, hatte sie nirgendwo unterkommen können. Sie hatte ein Jahr lang alle möglichen niederen Dienste verrichtet, ihre Miete aber trotzdem nicht bezahlen können. Dann hatte ein Mann ihr einen Handel angeboten – ihren Körper für ein Dach über dem Kopf. Rhona hatte drei Monate lang die Zähne zusammengebissen, ehe sie ihn nicht mehr an sich herangelassen hatte. Er hatte sie ohne Skrupel auf die Straße gesetzt.

Es gab noch mehr solche Schicksale. Viele der Frauen hatten Kinder, und Catriona konnte den Gedanken nicht ertragen, was aus ihnen werden würde, wenn sie die Abtei als Zufluchtsort verlören. Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken, ihr Magen rumorte vor Schrecken, ihr Herz raste vor Furcht, und in ihrem Kopf hatte es zu hämmern begonnen.

„Also gut“, sagte Catrionas Mutter.

„Was sollen wir denn jetzt machen?“, fragte Aulay.

„Was können wir machen, was nicht schon versucht worden ist?“, erwiderte der Laird, während er sich langsam wieder hinsetzte. „Die MacDonalds haben darum gekämpft, ihren Besitz, der von der Krone konfisziert worden ist, für ihre Erben zurückzubekommen, aber sie hatten keinen Erfolg.“

„Aye, aber das Land, das sie zurückhaben wollten, war fruchtbares Land“, stellte Cailean fest. „Das war viel mehr wert als das hier“, fügte er hinzu und zeigte grob in Richtung Fenster.

„Aye, für den Anbau von Getreide ist es nicht zu gebrauchen“, stimmte der Laird ihm zu. „Aber für einen Sassenach, der Schafe züchten will, ist die Schlucht ideal.“

„Können die ihre Schafe nicht in der Schlucht auf die Weide schicken und die Abtei in Ruhe lassen?“, fragte Catriona.

Vivienne schnaubte. „Die wollen weder die Abtei noch die Frauen haben, die hier wohnen.“ Sie schwieg und sah Rhona kleinlaut an. „Tut mir leid, Rhona.“

„Schon gut“, sagte Rhona, „wir wissen sehr genau, wer wir sind.“

„Ich habe einen Vorschlag“, meldete sich Catrionas Mutter zu Wort. „Ich würde sagen, dass Catriona meinem Bruder den Brief bringen sollte, den Zelda geschrieben hat, und zwar so schnell wie möglich.“

Der Laird sah seine Frau neugierig an. „Ein Brief? Was für ein Brief?“

„Zelda hat einen Brief an meinen Bruder geschrieben, den er aber noch nicht erhalten hat. Du kennst Knox doch fast genauso gut wie ich, Arran. Wenn uns irgendjemand helfen kann, dann er. Er kennt Leute in allen Schichten der Gesellschaft, und er verbringt zufälligerweise den Sommer in Schottland.“

Catrionas Brüder stöhnten auf.

Die Sommerurlaube des Earl of Norwood waren ihnen allen ein Dorn im Auge. Er war einer der wohlhabenden Engländer, die nach der Rebellion von der Pfändung und Beschlagnahmung schottischen Grundbesitzes profitiert hatten. Er hatte der Krone ein kleines Anwesen in der Nähe von Crieff abgekauft und irgendwann einmal herumposaunt, dass er den Besitz zum Preis eines Pferdes bekommen hatte.

„Das hat überhaupt nichts mit Zeldas Brief zu tun“, sagte Catriona und sah sich nach ihrem Weinglas um.

„Wie dem auch sei, du hast Zelda versprochen, ihn persönlich zu übergeben, oder nicht, Liebling? Deswegen musst du zu ihm gehen, und wenn du schon da bist, kannst du ihn gleich um Hilfe bitten, was die Sache mit der Abtei anbetrifft.“

„Zu ihm gehen!“, sagte Catriona und griff nach ihrem Weinglas, das sie gerade entdeckt hatte. Wieso war das denn schon wieder leer? „Ich kann die Abtei jetzt nicht allein lassen, Mama. Diah, wir haben gerade erst Zelda verloren!“

„Rhona ist doch da“, sagte ihre Mutter und nahm Catriona das leere Weinglas aus der Hand. „Rhona ist sehr gut imstande, sich um alles zu kümmern.“

Catriona schüttelte den Kopf. „Das ist nicht dasselbe, als wenn …“

„Aye, Mama hat recht“, mischte sich Vivienne ein. „Tantchen Zelda wäre sofort zu Onkel Knox gegangen, wenn es nötig gewesen wäre, Cat. Du bist die einzige Hoffnung für die Abtei, weißt du, und Onkel Knox ist deine einzige Hoffnung. Und außerdem…“ Sie schwieg und wechselte einen Blick mit ihrer Mutter. „Würde dir ein bisschen Abstand guttun, meinst du nicht?“

„Abstand?“, wiederholte Catriona verwirrt und versuchte dabei, ihrer Mutter das Weinglas abzunehmen. „Von was, wenn ich fragen darf?“

„Von Balhaire. Von Kishorn“, sagte ihr Vater.

„Wie bitte?“ Das Rumoren in ihrem Magen war inzwischen noch heftiger geworden. Irgendetwas stimmte hier nicht, aber sie hatte ein bisschen Mühe, klar zu denken.

„Du bist weiß Gott ein Segen für meine Cousine gewesen“, sagte er. „Aber du hast monatelang an ihrem Sterbebett gesessen, und jetzt musst du dich wieder um dein eigenes Leben kümmern.“

Catriona blinzelte. Plötzlich war sie ganz klar – die hatten alle über sie geredet! Sie konnte es an den Gesichtern ihrer Eltern ablesen und an denen ihrer Geschwister, ihrer Schwägerinnen. Sie standen alle um sie herum und sahen sie mit einer Mischung aus Entschlossenheit und Mitgefühl an. „Was soll das heißen? Habt ihr etwa über mein Leben geredet und einen Plan für mich ausgeheckt? Wie könnt ihr es wagen, mich hinter meinem Rücken schlechtzumachen?“

Criosd, Cat, keiner hat dich schlechtgemacht!“, sagte Rabbie. „Aber du bist seit ein paar Monaten immer trübsinnig und trinkst jeden Abend Wein und Whisky, aye?“, fuhr er fort. „Dir ist es egal, ob du dich dabei in Gesellschaft befindest oder nicht.“

„Was denn für eine Gesellschaft?“, rief Catriona laut. „Wo ist sie denn, Rabbie, zeig sie mir doch mal, aye? Und wenn du schon dabei bist, sag mir doch auch gleich, was ich tun soll.“

Er runzelte die Stirn. „Siehst du denn nicht, was wir alle sehen? Dein Leben rinnt dir durch die Finger, weißt du?“

Sie fühlte sich plötzlich seltsam bloßgestellt. Unangenehm. Sie war nicht wütend, nicht richtig, aber … aber das alles gefiel ihr nicht, überhaupt nicht. Was erwarteten sie von ihr? Keiner von ihnen war je eine alte Jungfer gewesen, die nichts mehr hatte, worauf sie sich freuen konnte, ohne Hoffnung, je Mutter oder Ehefrau zu werden. „Was soll ich denn jetzt machen? Ich habe keine Beschäftigung, ich kann mit meinem Leben verdammt noch mal überhaupt nichts anfangen außer Trübsal blasen und mich betrinken!“ Sie hatte das Gefühl, dass sie gleich in Tränen ausbrechen würde. Sie war verärgert, sie fühlte sich verraten, sie fühlte sich, als ob sie von allen verlassen worden wäre. Alle anderen hatten Familie und einen geliebten Menschen, etwas zu tun und eine Aufgabe, verflucht noch mal, alle außer ihr, weil sie als Mädchen auf die Welt gekommen war, und weil gute Männer schwer zu finden waren. Sie konnte nichts weiter tun, als von einer Zusammenkunft zur anderen zu wandern und nach etwas zu suchen, womit sie ihre Zeit füllen konnte.

Im Augenblick gab es nur eine Sache in ihrem Leben, die von Bedeutung war, und das war die Abtei. Zelda hatte Catrionas Leben einen Sinn gegeben, und jetzt wollten die Engländer ihr das wegnehmen?

Verdammt noch mal, jetzt kamen ihr schon wieder die Tränen.

Diah, ich wollte nicht, dass du weinst“, sagte Rabbie gereizt.

Ihre Mutter kam zu Catrionas Platz hinüber und schlang die Arme um ihre Tochter. „Geh zu deinem Onkel Knox, erlaube ihm, dir zu helfen, und bitte, Liebling, nimm dir ein bisschen Zeit für dich selbst.“

„Ich kann die Frauen doch nicht allein lassen“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme und nahm das Taschentuch, das Daisy ihr hinhielt, um sich die Nase zu putzen.

„Aye, Miss Catriona, das können Sie.“

Catriona beruhigte sich. Also waren alle an dieser Meuterei beteiligt. „Du auch, Rhona?“, fragte sie mit einem Schluchzen.

Rhona wurde ein bisschen rot. „Wir kommen den Sommer über schon zurecht, aye?“, sagte sie unwohl. „Ihre Frau Mutter, sie… also sie hat recht, wollte ich sagen. Sie haben es verdient, glücklich zu sein, Miss Catriona. Und das werden Sie auf Kishorn nicht.“

Catriona wollte ihr entgegnen, dass sie glücklich sei, aber das wäre eine Lüge gewesen. Sie war zutiefst unglücklich mit ihrer Lage, und offensichtlich wussten das auch alle, obwohl sie sich solche Mühe gegeben hatte, darüber hinwegzutäuschen.

„Rhona und ich haben uns unterhalten“, sagte ihre Mutter. „Wir sind uns einig, dass sich alle um sich selbst kümmern können. Aber ich vermisse meine fröhliche Tochter doch sehr.“

Ihre „fröhliche Tochter“ war schon sehr lange verwelkt, und an ihrer Stelle war die einsame Catriona getreten.

„Ich werde in der Abtei aushelfen, solange du weg bist“, sagte Lottie.

„Und ich auch“, bot Bernadette an.

„Ich auch!“, rief Daisy. „Wir alle.“

„Aye, aber, ihr habt doch alle keine Ahnung, was zu tun ist, keine von euch“, sagte Catriona erschöpft. „Ihr bringt doch nur alles durcheinander.“

„Das kann schon sein“, stimmte Aulay ihr zu und beugte sich vor, um Catriona auf den Scheitel zu küssen. „Aber wenn du wieder da bist, dann bringst du alles wieder in Ordnung, aye?“

Catriona verdrehte die Augen. „Ich hab noch nicht gesagt, dass ich gehe.“

Aber ein paar Tage später saß Catriona in einer Kutsche, die auf dem Weg nach Crieff und zu Onkel Knox war.

2. KAPITEL

Die Reise von Balhaire nach Crieff war anstrengend, vor allem weil die Straßen schmal waren und viele davon so selten benutzt wurden, dass die Kutscher immer wieder anhalten und Hindernisse aus dem Weg räumen mussten. Eine Woche lang holperten sie von einem bescheidenen Gasthaus zum nächsten, und wenn sie am nächsten Morgen wieder aufwachten, ging alles von vorne los.

Im Gegensatz zu den Hoffnungen ihrer Familie besserte sich Catrionas düstere Stimmung durch die Reise überhaupt nicht.

Es kam ihr so vor, als ob schon Wochen vergangen wären und nicht nur Tage, als die Kutsche endlich die Hauptstraße von Crieff entlangrollte und vor dem Gasthaus Rotes Schwert und Schild anhielt. Es war gerade Mittag, aber Catriona war so müde, dass sie gleichsam aus der Kutsche fiel und in die Arme eines jungen Kutschers der Mackenzies, der sie auffing und auf die Füße stellte.

„Wir sind da, Miss Mackenzie“, sagte er. „In vierzehn Tagen kommen wir wieder, um Sie abzuholen, oder vielleicht in drei Wochen, aye?“

In diesem Augenblick war ihr völlig egal, ob er sie überhaupt je wieder abholte, denn sie konnte sich nicht vorstellen, sich jemals wieder in diese Kutsche zu setzen.

„Da ist sie ja!“, rief eine vertraute Stimme.

Sie drehte sich um und lächelte ihrem Onkel Knox zu, der mit langen Schritten über das Kopfsteinpflaster auf sie zukam. Seine Jacke wehte ihm hinterher, so energisch schritt er aus. „Mein liebes, liebes Mädchen, endlich bist du hier!“

Ihr Onkel, den sie so gerne mochte, begegnete ihr mit so viel Schwung und Begeisterung, dass sie einen oder zwei Schritte rückwärts geschleudert wurde und ihr die Mütze vom Kopf flog. Er umarmte sie herzlich und presste dabei ihr Gesicht an seine Brust. Dann küsste er sie mehrmals auf die Wange, ehe er einen Schritt zurücktrat und eine Armlänge von sich hielt, um sie zu bestaunen. Währenddessen versuchten die Kutscher, ihr die Mütze zurückzugeben. „Du bist immer noch eine Schönheit, meine Kleine“, sagte er voller Stolz.

Immer noch? Wahrscheinlich hatte er erwartet, dass ihr Aussehen inzwischen das einer alten Jungfer war, nachdem sie die Dreißig überschritten hatte. „Ich freue mich so, dich zu sehen, Onkel Knox“, sagte sie. „Du ahnst ja gar nicht, wie sehr.“

Ihr Onkel war ein bisschen korpulenter geworden, seitdem sie ihn das letzte Mal umarmt hatte. Wie lange mochte das her sein? Ein Jahr vielleicht? Er war aus England angereist, um seine Schwester, Catrionas Mutter zu besuchen – und um Tantchen Zelda auf Kishorn einen Besuch abzustatten. Aye, er war ein wenig rundlicher geworden, aber er sah noch immer gut aus mit seinen funkelnden hellgrünen Augen und dem graumelierten Haar, das er kinnlang trug und mit einer Samtschleife geschmückt hatte. Seine Jacke war aus feiner Wolle, und seine Weste war mit Goldfäden bestickt, die zu der Stickerei am Vorderteil seiner Jacke passten. Seine Krawatte war schneeweiß und zu einem komplizierten Knoten gebunden. Catriona kam sich neben seiner Erscheinung sehr unscheinbar vor.

„Komm mit, komm mit, du hast bestimmt Durst. Und Hunger sicher auch, oder? Hier, bitte sehr, Männer, genug für eine Übernachtung und so viel Wein und Weiber wie Sie wollen“, sagte er und warf dem Kutscher einen Beutel mit Münzen zu. „Kommen Sie nicht so schnell wieder. Ich will doch Zeit mit meiner Lieblingsnichte verbringen.“ Er legte Catriona einen Arm um die Schultern und drehte sie um die eigene Achse. „Es ist doch so schrecklich weit von Balhaire bis hierher, findest du nicht? Ich habe immer schon zu Margot gesagt, dass sie zu weit weg wohnt, aber leider liebt sie deinen Vater noch immer und weigert sich, ihn zu verlassen.“

„Ihn zu verlassen?“, rief Catriona.

„Bist du ganz allein gekommen? Ohne Dienstmädchen, das sich um dich kümmert? Nur mit diesen Rohlingen, die dich fahren und sich um dein Gepäck kümmern?“, fragte er, als er sie über das Kopfsteinpflaster vor sich her auf die Schankstube des Gasthauses zu schob. In den Blumenkästen auf den Fensterbänken wuchsen leuchtend rote Blumen, und es waren Tische und Stühle vor dem Haus aufgestellt worden, doch niemand genoss die Sonne.

„Ich habe eine Zofe für dich, wenn du keine hast, aber ich kann dir nicht garantieren, dass sie besonders geschickt ist. Soweit ich das beurteilen kann, arbeitet sie sehr ordentlich, aber mein Besuch, Miss Chasity Wilke-Smythe, findet sie erbärmlich, und trotzdem sieht Chasity in meinen alten Augen sehr hübsch aus.“

Besuch! Catriona hätte es wissen müssen – Onkel Knox umgab sich ständig mit einem Gefolge aus Freunden und Bekannten, die er aus den letzten Winkeln und zwielichtigen Spelunken zusammenrief. Catriona war es plötzlich ein wenig unangenehm, wie er sie vor sich her bugsierte. Sie konnte sich selbst riechen, fühlte sich elend in ihren Reisekleidern und wünschte sich nichts sehnlicher als ein heißes Bad und einen kleinen Schluck Brandy.

„Unter uns beiden, Liebes, die Wilke-Smythes sind ein bisschen sehr anspruchsvoll.“ Er sah sie an und wackelte mit den Augenbrauen.

Sie verstand nicht, was er meinte.

„Aber du wirst sehen, sie sind sehr unterhaltsam, und wenn sie dir nicht gefallen, dann sind da immer noch die Gräfin Orlov und ihr Cousin Vasily Orlov. Also das ist ein schillerndes Paar, wenn es je eins gegeben hat.“ Er beugte sich vor und flüsterte ihr dramatisch ins Ohr: „Russen.“

„Verzeihung, Onkel. Du hast in deinem Brief gar nicht erwähnt, dass du schon Gäste hast, als ich gefragt habe, ob ich kommen kann.“

„Aber ich habe doch auch so gut wie keine!“, erklärte er. „Und außerdem könnte ich eine ganze Gemeinde bei mir zu Hause haben und würde sie trotzdem wegschicken, wenn ich dafür den Sommer mit meiner geliebten Nichte verbringen kann.“

„Doch nicht den ganzen Sommer, Onkel, zwei Wochen …“

„Da sind wir!“, meinte er, ohne auf ihre Worte einzugehen, und stieß die Tür des Gasthauses auf, um dann lauthals zu verkünden: „Sie ist da!“

Eine kleine Gruppe von Leuten, die sich um einen Tisch in der Mitte der Schankstube versammelt hatten, sah sich nach ihr um. Das mussten die Gäste ihres Onkels sein. Zumindest nahm Catriona das an, denn die einzigen anderen Menschen im Raum waren zwei Männer mit Bierkrügen vor sich, die am Tresen weiter hinten standen.

Onkel Knox zog Catriona hinter sich her zum Tisch und stellte sie der Gesellschaft vor: Mr. und Mrs. Wilke-Smythe und ihre Tochter, Miss Chasity Wilke-Smythe. Miss Chasity Wilke-Smythe sah ihrer Mutter so ähnlich, dass man die beiden mit ihrem gepuderten Haar und den gleichen Jäckchen für Zwillinge hätte halten können. Auf den ersten Blick sah die Jüngere von beiden gar nicht so aus, als wäre sie schon alt genug, um in die Gesellschaft eingeführt zu werden.

Dann lernte sie Gräfin Orlov kennen, eine elegante Frau mit einem aufmerksamen Blick, und ihren Cousin, den gut aussehenden, aber geckenhaften Mr. Vasily Orlov. „Sie müssen Vasily zu mir sagen“, sagte er mit russischem Akzent, als er sich über ihre Hand beugte.

Als Nächstes kam Mrs. Marianne Templeton, von der Catriona wusste, dass sie die Witwe von Onkel Knox’ Nachbarn in England war. Ihre Mutter hatte sie einmal erwähnt und hatte gesagt, dass sie darauf aus sei, Onkel Knox zu ihrem nächsten Ehemann zu machen. Sie wirkte ein wenig älter als Onkel Knox und musterte Catriona ganz genau vom Kopf bis zu den Stiefelspitzen. Als Letztes wurde sie einem ältlichen Gentleman mit dichten, drahtigen Augenbrauen vorgestellt. Lord Furness war ein alter Freund ihres Onkels und würdigte sie kaum eines Blickes.

Onkel Knox setzte sie zwischen Lord Furness und Miss Chasity Wilke-Smythe und bestellte Whisky für alle. „Meiner Nichte zu Ehren. Die Schotten trinken doch gerne Whisky, oder nicht, Cat?“

„Äh … aye, die meisten“, stimmte sie zu.

„Wenn wir in Schottland sind, trinken wir wie die Schotten, Männer“, sagte Onkel Knox und hob sein Glas. „Auf Schottland!“

„Auf Schottland!“, erwiderten seine Gäste.

Catriona hatte nichts gegen Whisky, und sie war so durstig, dass sie ihr Glas in einem Zug austrank und es anschließend fest auf den Tisch stellte. Dabei fiel ihr auf, dass alle sie anstarrten. „Das war doch nur ein kleines Glas“, sagte sie ein wenig abwehrend. Sie hatte sich noch nicht von der offensichtlichen Missbilligung ihrer Familie erholt, die sie an dem regennassen Nachmittag auf Kishorn empfunden hatte.

„Noch einer!“, rief Onkel Knox. „Noch eine Runde für alle!“

Durch den Whisky wurde die Runde ein wenig fröhlicher. Sie fingen an zu lachen und einander ins Wort zu fallen, während sie Anekdoten aus ihrer gemeinsam verbrachten Zeit zum Besten gaben. So wie es sich anhörte, war eine Partie Whist vollkommen schiefgelaufen. Catriona hörte zu und lächelte und nickte, wenn sie das Gefühl hatte, dass das von ihr erwartet wurde, aber sie fühlte nichts außer einer erdrückenden Müdigkeit. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl so weit zurück, dass Lord Furness sich über sie hinweg mit Miss Wilke-Smythe unterhalten konnte. Die Schankstube füllte sich langsam, und Catriona betete, dass das bedeutete, dass Onkel Knox sie bald nach Dungotty bringen würde, auf das Anwesen, das er angeblich für ein Butterbrot bekommen hatte. Leider machte er keine Anstalten zu gehen, sondern bestellte Nierenpastete für alle und dazu Ale statt Whisky, als Mrs. Templeton ein wenig zu laut zu lachen anfing.

Eine weitere Stunde verging. Catriona hatte das Gefühl, dass sie auf ihrem unbequemen Holzstuhl immer weiter nach unten rutschte, und sah immer wieder auf die Uhr, die sie an ihr Kleid gesteckt hatte. Als sie müde den Kopf hob, fiel ihr Blick auf den Rücken eines Mannes. Er war ziemlich groß. Er trug einen Umhang, der selbst aus der Entfernung so aussah, als wäre er aus feinstem Wollstoff gefertigt. Ein schneeweißer Kragen bedeckte seinen Nacken, und sein Haar, das so rabenschwarz war wie sein Umhang, trug er zu einem Zopf gebunden, der von einem einzelnen grünen Band zusammengehalten wurde. Sie hatte nicht gesehen, wie er hereingekommen war. Er hatte sich einen Platz dicht beim Fenster gesucht. Dort saß er ganz allein, hatte ein Bein über das andere geschlagen und einen Arm auf die Lehne des Stuhls neben sich gelegt, während er durch das Fenster das Treiben auf der Straße beobachtete.

Catriona wurde plötzlich in die Seite gestupst. „Ich fasse es nicht, dass er hier ist“, flüsterte Miss Wilke-Smythe.

„Wie bitte?“

Die junge Frau nickte in Richtung des großen Mannes mit dem grünen Band im Haar. „Das ist der Duke of Montrose“, flüsterte sie aufgeregt. „Sehen Sie, da ist die Kutsche von Blackthorn“, sagte sie und wies mit einem Nicken zum Fenster.

Catriona betrachtete wieder den Rücken des Mannes.

„Sie haben doch sicher von ihm gehört, oder etwa nicht?“, fragte Miss Wilke-Smythe.

Catriona schüttelte den Kopf. „Sollte ich das?“

„Ja!“, quietschte Miss Wilke-Smythe eher, als dass sie es sagte. Sie umklammerte mit einer Hand Catrionas Arm und drückte mit erschreckender Kraft zu. „Er ist ziemlich berüchtigt“, erklärte sie, und ihre braunen Augen glitzerten dabei.

Catriona kam er gar nicht so verdorben vor. „Und woran liegt das?“

Miss Wilke-Smythe beugte sich noch näher zu ihr, sodass Catriona ihren Atem an ihrem Hals spüren konnte, und flüsterte: „Es heißt, er hätte seine Frau umgebracht.“

„Was?“ Catriona blinzelte. Sie wandte den Kopf und sah die junge Frau an. „Sie scherzen“, meinte sie.

„Überhaupt nicht! Alle sagen das – es heißt, sie wäre einfach verschwunden. Eines Abends war sie Gastgeberin an einem Tisch, auf dem so viel Porzellan und Silber stand, dass man bewaffnete Männer vor dem Anwesen postiert hatte, und am nächsten Tag war sie verschwunden. Einfach so“, sagte sie und schnippte dabei mit ihren behandschuhten Fingern. „In einem Moment war sie noch da und im nächsten verschwunden. Seitdem hat sie niemand mehr gesehen.“

Catriona betrachtete das breite Kreuz des Mannes am Fenster. „Das kann doch nicht sein.“

„Lassen Sie sich die Geschichte von Lord Norwood erzählen!“, sagte Miss Wilke-Smythe. Sie meinte damit Onkel Knox, der zufällig der Earl of Norwood war. „Er hat mir das alles genau erklärt.“

„Also gut, das reicht für heute!“, rief besagter Earl plötzlich und stand auf. Er war ein bisschen unsicher auf den Beinen. „Es wird Zeit, dass ich meine liebe Nichte nach Hause bringe. Wo ist ihr Gepäck? Hat jemand ihr Gepäck gesehen?“

„Also ich habe es nicht“, sagte Lord Furness und kam ebenfalls schwankend zum Stehen. Es entstand einige Unruhe, als sich alle erhoben und sich auf die Suche nach Umhängen und Handtäschchen, Hüten und Hauben machten. In all dem Durcheinander versuchte Catriona, einen Blick auf das Gesicht des Dukes zu erhaschen, aber er kehrte der Tür den Rücken zu, und Vasily Orlov nutzte den Augenblick, um sich an sie heranzupirschen und sie anzüglich anzulächeln. „Norwood hat völlig versäumt, zu erwähnen, wie hübsch seine Nichte ist“, schnurrte er.

Catriona rückte von ihm ab und folgte ihrem Onkel, als er und seine Begleiter hinaus in den hellen Sonnenschein stolperten.

Die Kutsche von Balhaire war nirgendwo zu sehen, und an ihrer Stelle wartete ein großer Landauer auf sie. Er hatte rote Federbüschel an allen Ecken, und auf den Türen prangte das Wappen von Montrose in Gold, ähnlich wie bei den Kutschen, die Catriona als Kind auf Norwood Park gesehen hatte.

„Um Himmels willen, hat Montrose sich etwa in der Stadt sehen lassen?“, sagte Onkel Knox, als er sich bei Catriona unterhakte.

„Das hat er allerdings“, entgegnete Lord Furness, während sie nebeneinanderstanden und die Kutsche bewunderten. „Haben Sie den Gentleman im Gasthaus nicht gesehen? Das muss er sein, nach dem protzigen Siegelring zu urteilen, den er trug.“

„Was? Im Gasthaus? Nein“, sagte Onkel Knox. „Ganz schön mutig von ihm, hier aufzukreuzen, würde ich sagen. Komm mit, Cat, Liebes, du fährst mit mir. Ich habe einen neuen Wagen, bei dem man das Verdeck öffnen kann. Aus Frankreich“, fügte er hinzu, als ob ihm diese Tatsache besondere Freunde bereitete.

„Was wird aus meinem Gepäck?“, fragte sie und sah sich danach um.

„Das wird schon jemand bringen.“

„Onkel, ich …“

„Schon gut, Liebling, mach dir bitte keine Sorgen. Es wird sich um alles gekümmert. Es würde mich nicht überraschen, wenn dein Gepäck schon sicher in deinem Zimmer auf Dungotty angekommen ist. Die Schotten sind überraschend zuverlässig.“

Sie fragte sich, ob sie beleidigt sein sollte, weil ihn das so zu überraschen schien und er solche Vorurteile gegen ihre Landsleute hegte, aber dann bemerkte sie die neue Kutsche ihres Onkels. Sie hatte zwei Sitze, ein Verdeck und zwei Pferde, die sie ziehen sollten.

Onkel Knox half ihr beim Einsteigen, aber da er nach all dem Whisky und Ale so unsicher auf den Füßen war, brauchte er zwei Anläufe, um sich auf den Sitz neben ihr zu hieven.

„Willst du etwa kutschieren?“, fragte sie erschrocken.

„Das hatte ich vor, ja. Schau mich nicht so ängstlich an, Liebes! Vertraust du deinem lieben, alten Onkel Knox etwa nicht?“

„Nein!“

Er lachte. „Also wenn das so ist, dann kannst du auch kutschieren. Ist dir das lieber?“, fragte er höflich.

„Das ist mir lieber.“

Er schnalzte mit der Zunge. „Du bist wirklich genau wie Zelda. Es ist beinahe unheimlich.“ Er übergab ihr nur zu gerne die Zügel. „Schauen Sie mal, schauen Sie mal!“, rief er seinen Begleitern zu. „Meine Nichte will kutschieren! So ist das in Schottland, die Frauen sind wirklich aus hartem Holz geschnitzt!“

„Onkel!“

„Das meine ich als Kompliment“, sagte er und ließ sich in die Sitzpolster aus Leder fallen. „Meine eigene Schwester ist inzwischen mehr Schottin als Engländerin, ist das zu glauben? Und sie hat sich so dagegen gewehrt, nach Schottland geschickt zu werden und deinen Vater zu heiraten“, sagte er und lachte aus vollem Halse, ehe er auf die Straße deutete. „Nimm die Straße nach Norden.“

Catriona trieb das Gespann zu einem so energischen Trab, dass Onkel Knox sich an der Seitenwand der Kutsche festhalten musste, damit er nicht hinausgeschleudert wurde.

Er gab sich große Mühe, ihr die Sehenswürdigkeiten zu zeigen, an denen sie vorbeifuhren, aber Catriona hatte kaum ein Auge dafür, weil sie so müde war. Aber als die Straße eine Kurve um ein Dickicht machte, fiel ihr trotzdem ein Anwesen auf, das so vornehm war, mit einem Haus, das so groß war, dass sie glaubte, es müsste dem König gehören.

Es war aus dunkelgrauem Stein erbaut und hatte Dutzende von Fenstern, die selbst aus der Entfernung noch in der Nachmittagssonne glänzten. Es gab so viele Schornsteine, dass sie sie nicht zählen konnte, während sie vorbeirollten. „Was ist das?“, fragte sie verwundert.

„Das mein liebes Mädchen, ist Blackthorn Hall, der Stammsitz des Duke of Montrose.“

Das, Haus verschwand hinter dem nächsten Dickicht. Sie fuhren in der offenen Kutsche einen Hügel hinauf, und die Straße machte eine Biegung in die andere Richtung. Von diesem Punkt aus konnte sie Blackthorn Hall und den weitläufigen Park hinter dem Herrenhaus noch einmal sehen. In der Mitte des Parks lag ein kleiner See, der Rasen war makellos geschnitten. Der Blumengarten war so riesig, dass die Farben der Rosen aus der Entfernung wie Bänder wirkten. Die Stallungen waren so groß wie ganz Auchenard, das Jagdhaus in der Nähe von Balhaire, das Catrionas Neffen, Lord Chatwick, gehörte.

„Ganz schön vornehm, findest du nicht?“, meinte Onkel Knox.

Blackthorn Hall geriet außer Sicht, und Catriona richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Straße. „Hat er wirklich seine Frau umgebracht?“

„Du hast es schon gehört! Die Leute in der Stadt behaupten das, aber ich glaube nicht, dass er es getan hat. Vielleicht hat er sie ins Kloster geschickt. Aber ganz gleich, was passiert ist, Tatsache scheint zu sein, dass sie eines Abends verschwunden ist, und seitdem niemand eine Spur von ihr gesehen hat.“

„Hat denn niemand nach ihr gesucht?“, fragte Catriona.

„Oh, das nehme ich doch an“, sagte er. „Sie war, nach allem was man so hört, eine rothaarige Schönheit, sehr beliebt bei den Pächtern. Ich habe auch gehört, dass sie anders als ihr Mann überaus liebenswürdig war. Er muss sie verabscheut haben“, sagte Onkel Knox nachdenklich.

„Wieso?“

Onkel Knox lachte. „Weißt du das denn nicht, Cat? Gentlemen von einem gewissen Charakter gefällt es nicht, wenn sie vom schwachen Geschlecht in den Schatten gestellt werden.“

„Aber Mord?“, fragte Catriona ungläubig.

„Ja, nun ja, manche Männer werden verrückt vor Leidenschaft, wenn sie die richtige Frau treffen, Liebes.“ Er tippte ihr auf die Hand. „Vergiss das nicht.“

Catriona verdrehte die Augen. „Kennst du ihn?“, fragte sie. „Den Duke?“

„Was? Also, nein“, antwortete er und klang dabei, als wäre ihm das gerade erst aufgegangen und würde ihn sehr überraschen.

„Wenn ich hier wohnen würde, würde ich dafür sorgen, dass ich ihn kennenlernte“, sagte Catriona. „Ich würde nichts auf die Gerüchte geben, ehe ich mit dem Mann selbst gesprochen habe.“

„Du bist wirklich wie deine Tante Zelda, das muss ich sagen.“ Er schüttelte den Kopf. „Sie wäre direkt nach Blackthorn marschiert, hätte an die Tür geklopft und den Duke gefragt ‚Haben Sie eigentlich Ihre Frau umgebracht?‘“

Catriona lächelte.

Plötzlich richtete ihr Onkel sich auf. „Da sind wir, da ist Dungotty!“, rief er und nahm den Hut ab, um damit auf das Haus zu zeigen.

Dungotty war ein wunderschönes Haus. Es war nur halb so groß wie Blackthorn Hall, aber viel größer als Catriona erwartet hatte und ziemlich elegant. Es war mindestens so groß wie Norwood Park, der Stammsitz ihres Onkels und das Haus, in dem ihre Mutter ihre Kindheit verbracht hatte. Dungotty lag etwas versteckt auf einer Lichtung im Wald. In der Mitte der kreisrunden Einfahrt stand ein großer Brunnen, in dem drei Meerjungfrauen Wasser aus den Mündern spuckten. Sie hatten die Arme umeinandergelegt und die Köpfe in Richtung Sonne gehoben, als würden sie singen.

Als Catriona das Gespann in die Einfahrt lenkte und es zum Stehen brachte, erschienen zwei Männer in Livree und mit Perücken auf den Köpfen, die das Gespann festhielten und Catriona und ihrem Onkel beim Aussteigen halfen.

„Ich habe genau das richtige Zimmer für dich, Liebes“, sagte Onkel Knox und legte ihr einen Arm um die Schultern.

„Was war das für eine Familie?“, fragte Catriona und sah zu dem Fries über dem großen Eingangstor auf.

„Was für eine Familie?“

Catriona warf ihm einen Seitenblick zu. „Die Familie, die gezwungen war, ihren Besitz aufzugeben.“

„Ah, ja natürlich! Du bist immer noch empfindlich, ich verstehe. Ich glaube, das waren Hays. Oder vielleicht hießen sie Haynes. Aber das ist doch auch egal. Das ist alles lange her, und man soll die Vergangenheit Vergangenheit sein lassen.“

„So kann auch nur ein Engländer reden“, murmelte sie.

Onkel Knox lachte. „Vielleicht denkst du anders darüber, wenn du die Zimmer gesehen hast, die ich für dich vorgesehen habe.“

Onkel Knox täuschte sich nicht. Die Zimmer, die er ihr zeigte, waren wunderschön – ein Schlafzimmer, ein Salon und ein sehr großes Ankleidezimmer. Alles war mit rosa- und cremefarbener Seide bezogen, und auf dem Dielenboden lag ein dicker Teppich. Das Bett hatte einen reich geschmückten Baldachin, und von den drei bodentiefen Fenstern aus konnte man einen gepflegten Rasen und eine malerische Schlucht überblicken, die sich dahinter erstreckte. Im Salon loderte ein Feuer im Kamin. Dort luden gepolsterte Sessel, ein kleiner Esstisch und eine Ottomane zum Zusammensitzen und Ausruhen ein. Aber der vielleicht schönste Anblick war die Messingbadewanne, die im Ankleidezimmer stand.

„Was hältst du davon?“, fragte Onkel Knox.

„Aye, sehr hübsch, Onkel.“ Catriona sah zu den Engeln auf dem Deckengemälde über sich hinauf. „Vielen Dank.“

Er lächelte erfreut. „Ruh dich aus, Liebes. Ich schicke dir vor dem Abendessen ein Mädchen und lasse dir ein Bad vorbereiten. Wir haben zu Ehren deines Besuchs einen frischen Schinken besorgt.“

Catriona war sich nicht ganz sicher, ob die Aussicht auf frischen Schinken oder ihre Ankunft ihn mehr begeisterte. Sie freute sich vor allem auf ein Nickerchen und ein Bad. „Bevor du gehst, Onkel“, sagte sie und hielt ihren Onkel fest, ehe dieser aus der Tür war. „Ich habe einen Brief für dich.“ Sie schob die Hand in die Tasche ihres Rocks.

„Meine Schwester ist entschlossen, über mein Leben zu bestimmen“, sagte er mit einem kleinen Lachen. „Das ist jetzt schon der dritte Brief, jede Woche schickt sie mir wieder einen. Was gibt es denn diesmal?“

„Nicht von Mama“, sagte Catriona. „Der ist von Zelda.“

Onkel Knox’ Gesichtsausdruck wurde sofort weicher. Er sah den Brief an, den Catriona ihm hinhielt. „Sie hat mir geschrieben“, stellte er mit Verwunderung in der Stimme fest.

„Aye, das hat sie. Sie hat mir drei Briefe gegeben, die ich überbringen sollte: einen an meinen Vater, einen an den Reverend und einen an dich.“

Onkel Knox nahm den Brief und fuhr mit den Fingerspitzen über seinen Namen, den Zelda mit Tinte darauf geschrieben hatte. „Dankeschön, meine liebe Cat“, sagte er und drückte sie fest an sich.

Catriona wurde plötzlich von ihren Gefühlen überwältigt. „Du hilfst mir doch, Onkel Knox, oder?“, fragte sie. „Du hilfst mir dabei, zu retten, was Zelda mit so viel Mühe aufgebaut hat, aye?“

„Ist schon gut, Mädchen, natürlich helfe ich dir. Aber lass uns später reden, ja? Du musst dich von deiner Reise und deiner Trauer erholen.“

„Aber ich …“

„Wir haben reichlich Zeit“, sagte er und küsste ihre Schläfe. „Ruh dich erst einmal aus, Liebling.“ Er ging hinaus und hielt den Blick dabei die ganze Zeit auf den Brief geheftet.

Catriona schloss die Tür hinter ihm, legte sich dann auf die Steppdecke, die auf dem Bett lag, und machte mit einem erschöpften Seufzen die Augen zu. Aber als sie langsam in den Schlaf hinüberglitt, sah sie immer noch ein breites Kreuz, einen sauber geflochtenen schwarzen Zopf mit einem grünen Band und einen Arm vor sich, der besitzergreifend auf der Lehne eines Stuhles lag, auf dem niemand saß.

Es war unvorstellbar, dass ein Mann, der so männlich aussah wie der Duke, es für nötig hielt, seine Frau umzubringen. Ein Mann in seiner Position hätte doch gewiss andere Mittel und Wege gefunden, seine Frau loszuwerden, wenn er ihrer überdrüssig war.

Was war aus ihr geworden?

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Dunkler Schatten über Blackthorn Hall" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen