Logo weiterlesen.de
Ein Highlander auf Abwegen

Zu diesem Buch

Eigentlich wollte Lady Evina den berühmten Heiler Rory Buchanan freundlich bitten, sie so schnell wie möglich zu ihrem todkranken Vater zu begleiten. Doch als sie ihn endlich ausfindig macht, geht alles schief, was schiefgehen kann: Es kommt zu einem Kampf, sodass Evina den Highlander schließlich bewusstlos – und halbnackt – über dem Pferderücken hängend zur Burg der MacLeans bringt. Allerdings stellt sich dort heraus, dass sie den falschen Buchanan-Bruder erwischt hat. Zum Glück hat dieser dem echten Heiler der Familie oft genug über die Schulter geschaut oder beim Sammeln der Heilkräuter geholfen, um dem alten Laird helfen zu können. Und auch sein Zorn über die spontane Entführung ist schnell besänftigt, denn die Leidenschaft zwischen ihm und Lady Evina ist unleugbar. Als ein Attentat auf sie verübt wird, setzt Conran alles daran, um Evina zu schützen. Und obwohl die junge Frau geschworen hat, niemals zu heiraten, ist Conran wild entschlossen, ihr zu beweisen, dass der »falsche« Highlander genau der Richtige für sie sein könnte …

1

Schon von Weitem hörte Conran seinen Bruder herankommen. Rory konnte sich einfach nicht leise bewegen. Er stapfte so geräuschvoll durch den Wald, als hätte er es sich zur Lebensaufgabe gemacht, sämtliches Getier zu verscheuchen. Das Aus für jede Jagd, weshalb seine Brüder ihn auch nie mitnahmen, wenn sie loszogen, um Beute zu machen. Nicht, dass Rory überhaupt Lust gehabt hätte, sie zu begleiten. Er war in der Familie der Außenseiter – er war ein Heiler, kein Krieger. Auch wenn er in letzter Zeit angefangen hatte, auf dem Übungsplatz zu trainieren. Er war im Kampf mit der Waffe geschickter geworden, und seine Statur hatte sich gekräftigt. Was Conran auch jetzt wieder feststellen konnte, als Rory die Lichtung betrat und fragte: »Wie sieht’s bei dir aus?«

Conran ging einen Schritt zur Seite, sodass sein Bruder die Satteltasche sehen konnte. Sie beulte sich ziemlich aus. »Ich habe Unmengen Löwenmaul gefunden, dazu noch Katzenminze, Weide, Mutterkraut und Schöllkrautmohn. Fast zu viel für meine Tasche.«

»Schöllkrautmohn?« Rory schüttelte lächelnd den Kopf. »Inzwischen weißt du sogar schon, welche Kräuter ich brauche.«

Conran verzog das Gesicht und versuchte, die Satteltasche zu schließen. »Nun ja, ich habe dich schließlich oft genug begleitet, wenn du zu Kranken gerufen wurdest. Dabei habe ich das eine oder andere aufgeschnappt.«

»Aye, das hast du«, bestätigte Rory, während er auf seinen Bruder zuging. »Sogar mehr, als ich gedacht hätte. Es ist, als würdest du immer schon wissen, was ich brauchen werde, noch ehe ich es dir sage. Du bist eine Art Naturtalent im Heilen, Bruder.«

Conran schüttelte amüsiert den Kopf. »Das sagt Dougall auch über mich und seine Pferde, und Niels über mich und seine Schafe. Die Wahrheit ist doch, dass ich einfach nur gut darin bin, meinen Brüdern zu helfen. Es macht mich eher zu einem mittelmäßigen Alleskönner.«

»Du verkaufst dich unter Wert, Conny«, sagte Rory ernst. »Ich denke, die Wahrheit ist, dass wir nur auf einem Gebiet gut sind, du aber auf mehreren.«

»Hmm. Wie ich schon sagte, ich bin ein mittelmäßiger Alles­könner. Leider habe ich es auf keinem Gebiet zur Meisterschaft gebracht.« Schließlich gelang es ihm, die Satteltasche zu schließen, und er seufzte erleichtert und sah dann Rory an. »Willst du noch zu den Wasserfällen, um dich zu waschen, bevor du zurückreitest? Ich bin sicher, ich habe vom Streifen durch das Unterholz bis zum Arsch alles voll mit Kräutern und Insekten.«

»Nein.« Rory schüttelte mit offensichtlichem Bedauern den Kopf. »Mir fehlen immer noch Baldrian und Schafgarbe, und dann muss ich beim Schenkenwirt vorbei, um nach seiner Tochter zu sehen. Sie ist kugelrund und kann jeden Tag ihr Kind bekommen. Ich will mich vergewissern, dass alles in Ordnung ist. Aber geh du nur. Ich weiß, dass du noch vor dem Mittagsmahl nach Drummond aufbrechen willst. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mir vorher noch beim Sammeln meiner Heilkräuter zu helfen.«

»Ich helfe immer gern«, sagte Conran mit einem Schulterzucken. »Ich wasche mich schnell noch unter dem Wasserfall und bringe dann die Kräuter in die Burg, bevor ich mich auf den Weg mache.«

»Vielen Dank, ich weiß das zu schätzen«, sagte Rory und stieg auf sein Pferd.

»Gern geschehen, Bruder.« Conran sah zu, wie sein Bruder davonritt, dann nahm er sein Schwert vom Gürtel und befestigte es am Sattel, ehe er sein Plaid und sein Hemd ablegte. Er freute sich auf die kurze Dusche unter dem Wasserfall. Er hatte wirklich das Gefühl, als würden Insekten überall auf seiner nackten Haut herumkrabbeln. Conran wusste, dass das nicht so war; es hatte nur daran gelegen, dass ihm unter dem Wollplaid heiß geworden und er in Schweiß geraten war. Durch das Unterholz zu streifen und bei jedem Schritt ganze Insektenschwärme aufzuscheuchen hatte die Sache keineswegs besser gemacht. Aye, sich kurz unter dem Wasserfall waschen zu können würde ein echtes Vergnügen sein. Es würde einen neuen Mann aus ihm machen.

»Also, sein Pferd steht hier. Aber wo ist er?«, fragte Evina und ließ den Blick erst über die Lichtung und dann zum Fluss und zum Wasserfall schweifen. Es war niemand zu sehen.

»Vielleicht hat er sein Pferd zurückgelassen, während er nach Kräutern sucht.«

Evina kniff die Augen zusammen und dachte über die Worte des Mannes zu ihrer Rechten nach. Donnan war seit vierzehn Jahren Erster Offizier auf Maclean, und sie vertraute ihm mehr als jedem anderen Menschen. Weshalb sie ihn gebeten hatte, sie bei dieser Unternehmung zu begleiten. Und ihren Vetter Gavin, der zu ihrer Linken sein Pferd gezügelt hatte.

Als sie nichts erwiderte, sprach Donnan weiter. »Der Junge hat gesagt, dass Rory Buchanan unterwegs ist, um Kräuter zu sammeln. In dieser Gegend gibt es viele verschiedene Pflanzen. Vielleicht hat er sein Pferd einfach hier stehen lassen, während er Kräuter sammelt. Möglicherweise bringt er seine Ausbeute von Zeit zu Zeit hierher.«

Evina betrachte die prall gefüllte Satteltasche, die am Sattel des Pferdes hing, das auf der anderen Seite der Lichtung graste. Sie nickte. Auch wenn sie den Eindruck hatte, er müsste mit dem Sammeln so gut wie fertig sein, sofern er nicht eine zweite Tasche bei sich hatte. In die hier schien jedenfalls kein einziges Blatt mehr zu passen.

»Vielleicht auch nicht«, murmelte Gavin ruhig.

Evina hob die Brauen und sah ihren Vetter an, dann folgte sie seinem Blick zum Wasser, nachdem er mit einem leichten Kopfnicken in die entsprechende Richtung gedeutet hatte.

Zuerst konnte sie nichts erkennen, was seine Bemerkung erklärt hätte. Im Fluss war niemand. Als Evina den Blick allerdings zum Wasserfall wandern ließ, sah sie, was auch Gavin bemerkt hatte. Die Klippe, über die das Wasser nach unten stürzte, war gut zwanzig Fuß hoch. Es prasselte in einem weißen schaumigen Schwall in die Tiefe, der die dahinterliegende Felswand – und alles, was sich zwischen ihr und dem Wasserfall befand – vor Blicken verbarg. Jetzt schien es ihr, als würde ein Arm aus dem Wasserschwall herausragen und jemand sich dort bewegen.

»Scheint so, als hätten wir ihn gefunden«, sagte Donnan amüsiert. »Wollen wir warten, bis er fertig ist und herkommt?«

Evina dachte kurz darüber nach, aber es schien ihr keine gute Idee zu sein. Gut möglich, dass Rory Buchanan sich beeilte und schnell fertig war, aber es konnte auch sein, dass er sich viel Zeit ließ. Doch wie auch immer, sie durfte keinen Augenblick länger vertun, während ihr Vater im Sterben lag.

»Nein. Wir holen ihn«, entschied sie schließlich. »Und ein Nein lassen wir nicht gelten.«

»In Ordnung«, sagte Donnan ruhig und sah an ihr vorbei zu Gavin.

Evina folgte seinem Blick und sah, dass ihr Vetter bereits abstieg. Kaum stand er auf dem Boden, legte Gavin sein Schwert ab und zog die Stiefel aus. Als er nach der Fibel seines Plaids griff, wandte Evina den Kopf ab und starrte auf den Wasserfall, um Gavin genügend Privatsphäre zu gewähren. Sie hatte zwar seine Windeln gewechselt und ihn gewaschen, als er noch ein kleiner Junge gewesen war, aber jetzt war er kein Kind mehr. Abgesehen davon blickte nicht einmal sie auf den nackten Hintern eines Mannes, auch wenn ihr oft vorgehalten wurde, keine richtige Lady zu sein.

Zumindest starrte sie nicht absichtlich auf einen nackten Männerhintern, berichtigte Evina sich, als ihr bewusst wurde, was sie in der Flut des Wasserfalls erblickte: ein nacktes Hinterteil. Das war alles. Der Buchanan hatte sich offensichtlich umgedreht und vorgebeugt, um sich die Beine oder die Füße zu waschen. Jedenfalls war sein Hintern das Einzige, was aus dem schaumigen Wasserschwall herausragte.

Und es war noch dazu ein sehr schön geformtes Hinterteil, wie Evina feststellte, bevor eine Bewegung ihre Aufmerksamkeit auf Gavin lenkte, der eilig den Weg zum Wasserfall angetreten hatte. Ihr Blick glitt über ihn, bevor sie ihn abwandte. Evina hatte ihren Vetter schon immer für einen ansehnlichen jungen Mann gehalten. Was seinen Rücken und seine Beine betraf, war er wirklich gut gebaut. Das Gleiche galt für seinen muskulösen Oberkörper. Was allerdings sein Gesäß betraf, so konnte er sich nicht mit dem Buchanan messen. Im Vergleich zu dem einzigen Körperteil des Mannes, das sie sehen konnte, schnitt ihr Vetter schlecht ab. Sein Hintern war einfach zu flach verglichen mit dem, der aus dem Wasserfall ragte.

»Als Ihr gesagt habt, Ihr würdet kein Nein gelten lassen«, sagte Donnan langsam, »meintet Ihr da …?«

»Ich meinte genau das, wonach es geklungen hat«, versicherte Evina ihm. »Rory Buchanan wird auf jeden Fall mit uns kommen, wenn nötig, werden wir den Mistkerl entführen. Ich werde Vater nicht sterben lassen, nur weil ein fähiger Heiler fehlt.«

Donnan nickte zwar, wandte aber ein: »Das könnte Krieg zwischen uns und den Buchanans bedeuten.«

»Dann werden wir eben gegen die Buchanans kämpfen«, entgegnete sie grimmig und wandte sich ihm zu. »Ist das ein Problem?«

Donnan schüttelte den Kopf. »Nein, Mylady. Ich habe Eurem Vater die Treue geschworen. Ich würde mein Leben für ihn geben. Ich wollte nur sicher sein, dass Ihr Euch der Konsequenzen einer solchen Tat bewusst seid.«

»Ich kenne die Konsequenzen«, versicherte Evina ihm ernst. »Und auch ich würde mein Leben für meinen Vater geben. Wenn ein Krieg nötig ist, um ihn zu retten, dann wird es so sein.«

Donnan schwieg einen Moment, dann sagte er sanft: »Möglicherweise ist auch Rory Buchanan nicht in der Lage, Euren Vater zu retten. Er ist vielleicht bereits jenseits von jeder Heilung.«

»Vielleicht«, räumte sie ein. »Aber ich würde mein Leben auch für die bloße Möglichkeit geben, ihn retten zu können. Hoffen wir, dass es nicht zum Krieg kommen wird, weil der Buchanan freiwillig mitkommt.«

»Ich halte das nicht für sehr wahrscheinlich«, sagte Donnan trocken und wies mit einem Kopfnicken zum Wasserfall.

Evina wandte den Kopf, und ihre Augen wurden größer, als sie sah, dass Gavin den Buchanan erreicht hatte und mit ihm kämpfte, statt mit ihm zu sprechen. Noch während sie dem Geschehen zusah, fielen die beiden Männer von der Felsplatte, auf der sie miteinander rangen, in den Fluss.

»Oh«, murmelte Evina. Sie schürzte die Lippen, während die beiden ihren Kampf im Wasser fortsetzten, aufeinander einschlugen und offensichtlich versuchten, sich gegenseitig zu ertränken. »Da magst du recht haben.«

»Ich denke, Gavin könnte etwas Hilfe gebrauchen«, sagte Donnan, nachdem eine Weile vergangen war und die beiden Männer immer noch miteinander kämpften.

»Aye«, pflichtete Evina ihm besorgt bei, während sie zusah, wie der Buchanan ihren Vetter unter Wasser drückte und dort hielt. Als der weder wieder auftauchte noch den Buchanan seinerseits unter Wasser drückte, stieg Donnan ab, ihm zu Hilfe zu kommen.

Ziemlich sicher, dass er es zu Fuß zur Rettung Gavins nicht rechtzeitig schaffen würde, fluchte Evina und drückte ihrem Pferd die Fersen in die Flanken. Die Stute reagierte sofort, preschte los und hatte das Ufer schon erreicht, als Donnan gerade einmal die Hälfte des Weges hinter sich gebracht hatte. Evina ritt in den Fluss und zog dabei ihr Schwert. Als sie neben dem Mann war, der Gavin unter Wasser drückte, zügelte sie ihr Pferd so hart, dass es sich im Wasser aufbäumte.

Der Buchanan hob den Kopf und sah sie verblüfft an. Ihre Blicke trafen sich, bevor Evina mit dem Schwert zuschlug. Das Heft ihrer Waffe traf ihn mit voller Wucht seitlich am Kopf. Sie sah, wie er vor Schmerz zusammenzuckte und dann das Bewusstsein verlor, während ihre Stute sich wieder auf alle viere ins Wasser zurückfallen ließ.

Kaum hatte der Buchanan Gavin losgelassen, tauchte dieser auf und spuckte Wasser. Erleichtert schob Evina das Schwert zurück in die Scheide an ihrem Gürtel und glitt rasch aus dem Sattel. Sie landete neben den Männern im hüfthohen Wasser, während Donnan in den Fluss stürmte und zu ihnen kam.

»Hilf Gavin«, befahl sie ihm, als sie bemerkte, dass ihr Vetter beim Aufstehen taumelte. Sie wartete nicht darauf zu sehen, dass Donnan gehorchte, sondern ging zu dem Buchanan. Sie packte den Heiler bei der Schulter und drehte ihn im Wasser herum. Ihr Gesicht spannte sich vor Sorge an, als sie sah, wie blass er war. Rasch entschlossen ergriff sie ihn an der Hand und zog ihn zum Ufer.

Der Mann war überraschend schwer. Evina schaffte es nur, ihn bis zur Taille aus dem Wasser zu ziehen. Nachdem sie ihn auf das grasbewachsene Ufer gehievt hatte, kniete sie sich neben ihn und drehte ihn rasch auf den Bauch. Sie legte ihm die Hände auf den Rücken und drückte kurz und fest darauf, ein Mal und dann noch ein Mal. Wasser strömte sofort aus seinem Mund und seiner Nase. Als beim dritten Mal nichts mehr kam, drehte sie ihn wieder auf den Rücken. Als sie sah, dass der Mann nicht atmete, zögerte sie nicht, sondern hielt ihm die Nase zu, öffnete seinen Mund und blies ihren Atem in ihn hinein.

»Äh … Mylady?«, fragte Donnan. Er wirkte unschlüssig, während er den hustenden und wasserspuckenden Gavin neben ihr ins Gras sinken ließ. »Was tut Ihr da?«

»Ich atme für ihn«, murmelte sie zwischen zwei Atemzügen. »Meine Mutter hat es bei meinem Bruder gemacht, als der als kleiner Junge mal fast ertrunken wäre. Sie hat ihn dadurch wiederbelebt«, erklärte sie und drückte auf die Brust des Buchanan, bevor sie sich wieder zu ihm beugte und seinen Mund mit ihrem bedeckte.

»Sieht eher so aus, als würdet Ihr ihn küssen«, meinte Donnan zweifelnd, und Gavin kicherte erheitert, auch wenn es heiser klang und ihm einen weiteren Hustenanfall bescherte.

Evina ignorierte die beiden, beugte sich über den Bewusstlosen und legte ihm das Ohr auf die Brust. Zu ihrer großen Erleichterung hörte sie nicht nur sein Herz schlagen, sondern auch seine Atemzüge. Sie richtete sich auf und sah erwartungsvoll auf ihn hinunter, aber er öffnete die Augen nicht.

»Ihr habt ihm einen ziemlich harten Schlag versetzt, Mylady«, sagte Donnan ernst. »Es könnte sein, dass er eine ganze Weile nicht aufwacht. Aber immerhin atmet er jetzt wieder.«

»Aye«, seufzte sie und betrachtete das Gesicht des Mannes. Er sah wirklich recht gut aus. Damit hatte sie nicht gerechnet. Ihr waren Berichte über seine Fähigkeiten als Heiler zu Ohren gekommen, aber in keinem war je erwähnt worden, wie gut er aussah. Sie hatte einen Mann von durchschnittlichem Aussehen erwartet, von dürrer Gestalt und weltfremdem Wesen, so wie die Priester, die einzigen gelehrten Männer, die sie kannte. Stattdessen war sein Gesicht ausgesprochen schön und sein Körper kräftig und stark, wie sie feststellte, als ihr Blick über seine nackte Brust hinunter zu seiner schlanken Taille glitt. Der Rest seines Körpers wurde vom Wasser bedeckt.

»Mylady?« Als Evina Donnans Stimme hörte, wandte sie ihm nur widerstrebend den Blick zu. »Vielleicht sollten wir uns jetzt besser beeilen. Wenn einer seiner Brüder nach ihm sucht und ihn so findet …«

»Aye.« Ohne darauf zu achten, dass der Rock ihres Kleides nass und schwer war, erhob sich Evina sofort. Mit einem raschen Blick vergewisserte sie sich, dass sie immer noch allein auf der Lichtung waren. Nachdem Gavin seinen Hustenanfall überwunden und einen letzten Schwall Wasser ausgespien hatte, wandte sie sich ihm zu. »Alles in Ordnung, Gav? Kannst du reiten?«

»Aye«, knurrte er und mühte sich auf die Beine.

Evina sah ihn besorgt an, aber er sah aus, als hätte er sich einigermaßen erholt. Zumindest schwankte und hustete er nicht mehr, und seine Wangen hatten wieder ein wenig Farbe. Sie nickte, wandte sich wieder dem Fluss zu und verzog das Gesicht, als sie ihr Kleid nass und kalt an ihren Beinen spürte. Ihre Stute stand immer noch da, wo Evina abgestiegen war, also watete sie durch den Fluss, nahm das Pferd am Zügel und führte es ans Ufer.

»Was sollen wir mit dem Buchanan machen?«, fragte Donnan, während sie auf ihre Stute stieg.

Evina setzte sich im Sattel zurecht, ordnete ihre Röcke und schaute auf den nackten, bewusstlosen Mann herunter. Er ist wirklich ein schöner Mann, und es ist ein Vergnügen, ihn anzusehen, dachte sie, aber sie sagte: »Fessle ihm Hände und Füße und lege ihn über den Rücken seines Pferdes. Dann binde die Hände mit den Füßen zusammen, damit er nicht herunterfallen kann.«

»Soll ich ihn vorher anziehen?«, fragte Donnan. Er wirkte von dieser Vorstellung ganz und gar nicht begeistert, und Evina vermutete, dass es einige Mühe machen würde, das Plaid zu falten und es einem bewusstlosen Mann anzulegen.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Wir legen das Plaid einfach nur über ihn, nachdem du dafür gesorgt hast, dass er unterwegs nicht vom Pferd fallen kann. Und vielleicht bindest du es noch irgendwie fest, damit es nicht herunterrutscht.«

Donnan nickte. »Geht es dir gut genug, dass du sein Pferd holen kann?«, wandte er sich an Gavin.

»Natürlich«, erwiderte der gereizt. »Hab nur ein bisschen Wasser abgekriegt, aber jetzt geht es mir wieder gut«, murmelte er im Davongehen.

Evina und Donnan schauten ihm nach, dann sahen sie sich an und grinsten. Gavin reagierte immer ein bisschen empfindlich, wenn man andeutete, er könne irgendetwas vielleicht nicht fertigbringen. Er war noch jung, aber entschlossen zu beweisen, dass er schon ein ganzer Mann war.

»Buchanan wird nicht begeistert darüber sein, dass er bewusstlos geschlagen wurde«, prophezeite Donnan, während er seine Aufmerksamkeit wieder auf den Mann am Boden richtete.

»Nein«, räumte Evina mit einem Seufzen ein. Ihr Blick glitt über seinen immer noch im Wasser liegenden Unterkörper, bevor sie sich zusammenriss und wieder auf sein Gesicht sah. Das hier war nicht so gelaufen, wie sie es geplant hatte. Sie hatte sich freundlich mit dem Mann unterhalten und ihn davon überzeugen wollen, mit ihnen zu kommen. Ihn niederzuschlagen und nach Hause zu zerren hatte sie nur als letzte Möglichkeit in Betracht gezogen, falls er sich weigern sollte, freiwillig mitzukommen. Allerdings wusste sie aus Erfahrung, dass die Dinge nur selten so verliefen, wie sie es geplant hatte.

Sie schüttelte den Kopf und schaute sich aufmerksam auf der Lichtung um, bis sie ihren Vetter mit dem Pferd des Buchanan zurückkehren sah.

»Danke«, sagte Donnan und nahm Gavin die Zügel ab. »Hol jetzt unsere Pferde, ich werde inzwischen den Buchanan auf sein Pferd schaffen.«

Gavin nickte und ging die Pferde holen.

Evina sah zu, wie Donnan dem Buchanan die Hände und Füße zusammenband. Als er ihn an den gefesselten Händen packte und in eine aufrechte Position zog, runzelte sie die Stirn.

»Schaffst du das allein, oder soll ich dir dabei helfen …?« Evina kam nicht mehr dazu, die Frage zu beenden, denn Donnan hatte sich den Bewusstlosen bereits über die Schultern gelegt und trug ihn das kurze Stück zu dessen Pferd. Sie sah schweigend zu, wie er ihn über den Rücken des Tieres warf und seine Hände und Füße rasch mit einem Seil unter dem Bauch des Pferdes zusammenband, sodass er unterwegs nicht herunterfallen würde.

Eigentlich sollte es Evina nicht überraschen, wie leicht Donnan seine Aufgabe bewältigte. Schließlich hatte sie ihn genau deshalb mitgenommen. Donnan war groß und stark, sein Hals so dick wie ihr Oberschenkel, seine Oberarme voller Muskeln und die Schultern beinahe doppelt so breit wie die der meisten anderen Männer. Vermutlich hätte er uns alle drei tragen können, wäre es notwendig gewesen, dachte Evina, während sie zusah, wie er das Plaid über den Buchanan legte und unter dessen Schultern und Knien verknotete.

»Das müsste genügen«, verkündete Donnan und trat einen Schritt zurück.

»Aye«, bestätigte Evina. Inzwischen war auch Gavin zurück, er saß bereits auf seinem Pferd und führte das von Donnan mit sich. Sie wartete, bis der Erste Offizier aufgesessen und die Zügel des Buchanan-Pferdes übernommen hatte, dann wendete sie ihre Stute und schlug die Richtung fort von der Lichtung ein. In Gedanken befand sie sich bereits auf dem schnellsten Weg nach Hause. Normalerweise war es ein Zwei-Tages-Ritt, aber sie hatte vor, es schneller zu schaffen. Sie würden weder zum Essen noch zum Schlafen anhalten und auch kein Lager errichten. Sie würden im Sattel essen und durchreiten, wie sie es auf dem Weg hierher getan hatten. Das Leben ihres Vaters hing davon ab. Wenn er überhaupt noch lebte.

Bei diesem letzten Gedanken presste Evina die Lippen fest zusammen und drängte ihr Pferd zum Galopp, noch bevor sie die Lichtung verlassen hatten. Ihr Vater durfte nicht sterben. Er durfte es einfach nicht. Er und Gavin waren die einzige Familie, die sie auf der ganzen Welt hatte.

Conran stöhnte, als Schmerz ihn wieder ins Bewusstsein zerrte. Es war kein bestimmter Schmerz, sondern eine ganze Menge Schmerzen, die ihn fast überall belagerten. Seine Arme, seine Beine, seine Knöchel und Handgelenke, sein Bauch und sein verdammter Kopf – alles pochte, pulsierte oder schmerzte, und er verstand nicht, wieso. Er verstand auch nicht, was er sah, als er schließlich die Augen öffnete. Zuerst war alles verschwommen, aber selbst nachdem sich sein Blick geklärt hatte, konnte er nicht erkennen, worauf er starrte.

Etwas Dunkelbraunes füllte sein Sichtfeld zum größten Teil aus, auch wenn da auf der einen Seite ein Streifen von etwas Blauem war. Unfähig, herauszufinden, was das Braune war, drehte Conran den Kopf leicht, um stattdessen auf das Blaue zu blicken, in der Hoffnung, dass er dadurch mehr erkennen würde. Aber hinter dem Blau konnte er das Hinterteil des Pferdes sehen, auf dem er offensichtlich war, und dahinter einen auf dem Kopf stehenden Reiter, der ihm folgte.

Es war nicht der Reiter, der auf dem Kopf stand, wie Conran begriff, als er auf den großen Mann und die Landschaft hinter diesem starrte, sondern er selbst. Er lag bäuchlings quer auf einem Pferd, sein Kopf und seine Arme baumelten auf der einen, seine Beine auf der anderen Seite des Tieres herunter.

Das erklärte, warum ihm der Bauch so wehtat, vermutete Conran, da er auf dem Rücken des Pferdes auf und ab hüpfte. Immer wieder stieß sein Bauch dabei gegen den vorderen Teil des Sattels und dessen Knauf. Für seinen schmerzenden Kopf war wohl der Schlag verantwortlich, den er am Fluss erhalten hatte, wie er sich jetzt erinnerte, und seine Fuß- und Handgelenke taten weh, weil sie gefesselt waren, und das sehr stramm. Da schien auch ein Seil zu sein, das an seinen gebundenen Händen befestigt war und unter dem Bauch des Pferdes verschwand.

Conran konnte erst nicht erkennen, woran das Seil befestigt war, aber als er versuchte, die Hände zu sich heranzuziehen und dabei ein Ziehen an den Knöcheln spürte, begriff er. Seine Handgelenke und Knöchel waren gefesselt und dann unter dem Pferdebauch miteinander verbunden worden. Wenn er rutschte, würde sein Gewicht ihn nach unten ziehen, sodass er unter dem Tier hängen würde wie ein Eber, der an einen Speer gebunden worden war, um nach der Jagd nach Hause getragen zu werden. Wenn das geschah, war es sehr wahrscheinlich, dass er einen Tritt gegen den Kopf bekommen würde. Großartig.

Conran drehte den Kopf und blinzelte den blauen Stoff neben seinem Kopf an. Jemand ritt mit ihm. Vermutlich, um ihn davon abzuhalten, wegzurutschen. Er konnte Druck auf einer Arschbacke spüren, als würde jemand sie nach unten drücken und so verhindern, dass er sich verlagerte und unter das Tier rutschte.

Der nackte Mann, der ihn angegriffen hatte, während er sich unter dem Wasserfall gewaschen hatte?, fragte er sich, aber dann sah er den Stoff neben sich noch einmal genauer an. Es war kein Plaid, und es war auch keine Bruoch. Der blaue Stoff war zusammengeschoben und sah für ihn eher nach einem Rock aus. Er war eng zusammengezogen, weil der Reiter rittlings im Sattel saß, aber es war dennoch ein Rock. Conran ließ den Blick weiter nach unten über den Stoff gleiten, der knapp oberhalb eines Streifens aus Dunkelbraun endete, der der untere Saum einer Bruoch sein mochte, die unter dem Rock getragen wurde, und dann sah er einige Zoll nackter Waden, die über dem Reitschuh aus braunem Leder hervorlugten.

Conran starrte dieses Stück Haut noch einen Moment lang an, bevor er versuchte, den Kopf zu heben, um den Reiter zu sehen, der seinen Hintern so vertraulich berührte. Bei der Bewegung schmerzte sein Kopf jedoch so sehr, dass er rasch wieder aufgab. Nachdem er einen Moment abgewartet hatte und der Schmerz wieder zu einem dumpfen Pochen geworden war, rief Conran stattdessen. Oder zumindest versuchte er es. Selbst er konnte den schwachen Klang seiner atemlosen Stimme nicht hören, der vom Hufgetrappel überdeckt wurde. Abgesehen von der Tatsache, dass seine Position es ihm unmöglich machte, tief einzuatmen, waren sein Mund und seine Kehle so trocken wie ein alter Knochen.

Unfähig, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, versuchte Conran, sich zu entspannen, aber seine Position war verdammt unbequem und wurde es mit jedem Moment mehr. Er musste die Aufmerksamkeit der Person wecken, die mit ihm ritt. Nachdem er ein paar Momente über seine Situation nachgedacht hatte, drehte er schließlich einfach nur den Kopf und biss in die nackte Haut gleich oberhalb des Lederstiefels.

Sofort wurde ihm klar, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte. Denn statt dass der unbekannte Reiter anielt, als ihm klar wurde, dass Conran wach war, drückte er ihm vor Überraschung die Hand nur noch fester aufs Gesäß, sodass er harte Fingernägel an seinem Hintern spürte. Außerdem hatte der Reiter wohl mit der anderen Hand an den Zügeln gerissen. Zumindest vermutete Conran das, denn das Tier bäumte sich plötzlich auf und wieherte voller Panik.

Fluchend schloss Conran die Augen und versuchte, sich zu wappnen, als seine Welt sich auf den Kopf stellte.

»Cousine!«

Stöhnend rollte Evina sich auf den Rücken und öffnete die Augen. Es überraschte sie nicht, dass Gavin neben ihr war. Er sah besorgt aus.

»Alles in Ordnung?«, fragte er und sah sie genauer an.

»Es geht«, seufzte sie, als er ihr half, sich aufzusetzen. Sie sah sich um und sah den Buchanan ein paar Fuß entfernt auf dem Boden liegen, gleich neben seinem Pferd. Donnan kniete neben ihm.

»Ist er in Ordnung?«, fragte Evina besorgt. Sie achtete nicht weiter auf ihre Schmerzen, sondern kämpfte sich mit Gavins Hilfe auf die Beine. Sie ging zu Donnan und beugte sich über seine Schulter, um einen Blick auf den Buchanan zu werfen. Als sie sein blasses Gesicht und die geschlossenen Augen sah, seufzte sie enttäuscht. »Er ist schon wieder bewusstlos.«

»Wieder?«, fragte Donnan überrascht.

Evina nickte. »Er ist vor ein paar Augenblicken kurz aufgewacht.«

»Seid Ihr sicher?«, fragte Donnan.

»Aye«, sagte sie und verzog das Gesicht. »Der Mistkerl hat mich ins Bein gebissen.«

»Er hat dich gebissen?« Gavin lachte ungläubig.

Evina nickte wieder. »Es hat mich so erschreckt, dass ich an den verfluchten Zügeln gerissen habe. Deshalb hat sich das Pferd aufgebäumt.«

»Er ist bewusstlos, aber er atmet, und es scheint ihm gut zu gehen, abgesehen von einer weiteren Beule am Kopf«, verkündete Donnan und richtete sich auf. »Vermutlich hat er sie sich geholt, als er auf den Boden geprallt ist.«

Evina entspannte sich etwas. Sie waren beide vom Pferd gefallen, als es sich aufgebäumt hatte. Sie war nach hinten gerutscht, und er ihr gleich hinterher, und dabei auch noch gefesselt gewesen. Vermutlich konnten sie von Glück sagen, dass er nur einen Schlag gegen den Kopf abbekommen hatte und nicht von seinem Pferd niedergetrampelt oder weitergeschleift worden war, weil er gefesselt gewesen war.

»Wir sind nur noch eine Stunde von Maclean entfernt«, sagte Donnan ruhig. »Es ist vielleicht besser, wenn wir ihn rasch dorthin schaffen, bevor er wieder aufwacht.«

»Aye«, pflichtete Evina ihm bei. Sie rieb sich geistesabwesend den Ellbogen, auf dem sie bei ihrem Sturz hart aufgekommen war. Er war empfindlich, wahrscheinlich übel angestoßen, wie auch ihre Hüfte. Aber sie hatte sich nichts gebrochen, und sie war bei Bewusstsein, also war es ihr weit besser ergangen als dem Buchanan.

»Gavin kann ihn für den Rest des Weges zu sich aufs Pferd nehmen«, schlug Donnan vor, während er den Buchanan hochnahm und sich aufrichtete.

Evina erhob keine Einwände. Es war nicht das erste Mal, dass der Buchanan aus dem Sattel gerutscht war. Das war schon passiert, kurz nachdem sie die Lichtung verlassen hatten. Er war nach unten geglitten, mit dem Kopf voran Richtung Boden, und hatte dann unter dem Pferdebauch gehangen, das Gesicht nach oben gewandt, während das Seil, das seine Knöchel und Handgelenke verband, über dem Sattel verlief. Nun ja, sein Gesicht hätte nach oben gezeigt, wäre er bei Bewusstsein gewesen. Aber das war er nicht, und so war sein Kopf nach hinten gefallen und die langen Haare hatten über den Boden geschleift.

Sie hatten natürlich sofort angehalten und ihn wieder richtig über den Sattel gelegt. Dann waren sie zu dem Schluss gekommen, dass jemand mit ihm reiten sollte, um sicherzustellen, dass so etwas nicht noch einmal geschah. Evina hatte diese Aufgabe übernommen, weil sie die Leichteste von ihnen war und sie gehofft hatten, dass sein Pferd durch das zusätzliche Gewicht nicht allzu viel langsamer werden würde. Aber jetzt waren sie fast zu Hause; Gavins Pferd konnte die beiden tragen, und sie würden dieses letzte Stück des Weges trotzdem schnell zurücklegen können. Das Tier hatte einst Donnan gehört, bis ihr Vater seinem Ersten das Pferd geschenkt hatte, das er jetzt ritt. Das Tier war es gewohnt, den großen Mann zu tragen, und Gavin und der Buchanan wogen wahrscheinlich zusammen nicht allzu viel mehr als Donnan allein. Er war wirklich sehr groß.

»Steig auf, Gavin, dann lege ich ihn vor dir über den Sattel«, ordnete Donnan an und trug den Buchanan an ihr vorbei.

»Wollen wir ihn an meinem Pferd wieder anbinden?«, fragte Gavin und ging zu seinem Pferd voraus.

»Nein. Wir sind nah genug an zu Hause, und ich denke, darüber müssen wir uns jetzt keine Sorgen mehr machen. Halt ihn nur mit einer Hand gut fest, damit er den Rest des Ritts nicht herunterrutscht«, wies Donnan ihn an.

Gavin murmelte irgendwelche zustimmenden Worte, während er aufstieg, dann beugte er sich nach vorn. Er streckte die Hände aus, um Donnan zu helfen, den Buchanan vor ihm über den Pferderücken zu legen. Die beiden Männer bekamen aber sofort ein Problem, weil da immer noch das Seil war, das die Hand- und Fußgelenke miteinander verband.

»Wartet einen Moment«, sagte Evina, als sie das Problem erkannte. Sie zog ihren Dolch und trat zu ihnen. Während die beiden Männer den Buchanan hochhielten, zerschnitt sie rasch das Seil, dann trat sie zurück und aus dem Weg, sich bewusst, dass ihre Wangen jetzt glühend rot waren. Sie konnte nichts dagegen tun. So, wie die beiden ihn gehalten hatten, hatte sein Gemächt fast direkt vor ihrem Gesicht gebaumelt, und obwohl sie wirklich versucht hatte, nicht hinzusehen, war es unmöglich gewesen, nicht einen kurzen Blick darauf zu erhaschen.

Sie schüttelte den Kopf in dem Versuch, das Bild aus ihren Gedanken zu verbannen, und überließ es ihren beiden Begleitern, den Buchanan so über das Pferd zu legen, dass sie zufrieden waren. Sie ging zu ihrer Stute und stieg auf.

»Reitet voraus, Mylady«, schlug Donnan, als sie wieder alle im Sattel saßen.

Das musste man ihr nicht zweimal sagen. Sie wendete ihre Stute und drängte sie zu einem schnellen Trab, hoffte dabei, dass Gavins Pferd mithalten konnte. Sie wollte so schnell wie möglich nach Hause und erfahren, ob es ihrem Vater gut ging. Oder zumindest, dass er noch lebte. Wenn er gestorben war, während sie unterwegs gewesen war, um den Buchanan zu holen –

Evina verdrängte den Gedanken entschieden, aber die verbleibende Stunde, die sie noch für den Weg brauchten, verbrachte sie damit zu beten, dass der Heiler Rory Buchanan wirklich so gut war, wie in den Geschichten behauptet wurde, und ihrem Vater das Leben retten konnte.

2

»Oh, dem Herrn sei Dank, Ihr seid zurück, Mylady. Ich hatte schon befürchtet, Ihr würdet zu spät kommen.«

Evina drehte sich um, nachdem sie abgestiegen war, und sah ihre Dienerin an, die sofort die Stufen heruntergelaufen kam. Tildy wrang die Hände, und Sorgenfalten zeichneten ihr altes Gesicht.

»Aber er ist noch am Leben?«, fragte Evina scharf und ging ihr zum Fuß der Treppe entgegen.

»Aye«, sagte die Dienerin sofort und drückte beschwichtigend ihre Hände. »Aber nur noch so gerade eben, und ich bin nicht sicher, wie viel länger er noch durchhält, wenn nichts passiert. Er verbrennt regelrecht.«

»Etwas wird passieren«, versicherte Evina ihr. Sie drehte sich um und sah, dass Donnan den immer noch bewusstlosen Buchanan von Gavins Pferd gehoben und sich über die Schulter gelegt hatte. Angesichts seiner Nacktheit hörte sie Tildy neben sich aufkeuchen.

»Ins Zimmer Eures Vaters?«, fragte Donnan.

»Aye.« Evina drehte sich um und ging ihm voraus.

»Ist das der Buchanan, der ein Heiler ist?«, fragte Tildy, die leicht schnaufte, während sie Evina die Treppe hinauf dicht auf den Fersen folgte.

»Aye«, murmelte Evina.

»Er ist größer, als ich dachte«, brummte Tildy außer Atem. »Was ist mit ihm? Wieso ist er bewusstlos? Und nackt und gefesselt?«

»Da war ein – «. Evina verzog das Gesicht und suchte kurz nach dem passenden Wort. » – Zwischenfall.«

»Was für ein Zwischenfall?«, fragte Tildy, deren Stimme jetzt wieder ein bisschen kräftiger klang.

»Das ist unwichtig, Tildy«, wehrte Evina ab, während sie sich an der alten Frau vorbei in den Wohnturm drängte und die Große Halle zu durchqueren begann. »Wichtig ist, dass er hier ist.«

»Aber er ist bewusstlos«, wies Tildy sie auf das Offensichtliche hin. »Wie soll er Eurem Vater helfen, wenn er bewusstlos ist?«

»Wir werden ihn aufwecken.«

»Wie?«, fragte Tildy sofort.

Die Frage veranlasste Evina, die Richtung zu ändern. Das Abendessen war in vollem Gange, die Tische voll besetzt mit Leuten, die aßen und tranken. Evina griff im Vorbeigehen nach einem Krug mit Bier, von denen etliche auf den Tischen standen, und beeilte sich, Donnan zu folgen. Der Erste trug den Buchanan bereits die Treppe hinauf.

»Mylady?« Tildy beeilte sich, Schritt mit ihr zu halten. »Was – ?«

»Es wird alles gut werden, Tildy«, unterbrach Evina sie entschieden. Sie warf der Dienerin einen Blick zu, runzelte die Stirn und fügte hinzu: »Du siehst erschöpft aus. Du hast nicht geschlafen, seit wir weggeritten sind, oder?«

»Habt Ihr geschlafen?«, entgegnete Tildy, und als Evina zum oberen Treppenabsatz blickte und nicht auf die Frage einging, fügte sie hinzu: »Das dachte ich mir. Ihr müsst Tag und Nacht geritten sein, um so schnell dorthin und wieder zurückzukommen.«

Evina leugnete es nicht, aber sie seufzte gereizt, als sie den Treppenabsatz erreichten. An Donnan vorbei ging sie zum Zimmer ihres Vaters.

Es war Hochsommer, und die Tage waren heiß genug, dass es manchmal sogar in der Burg unangenehm warm werden konnte. Als Evina das Zimmer ihres Vaters betrat, war die Luft dort nahezu erstickend. Zudem roch es nach Fäulnis, und einen Moment lang befürchtete sie, er könnte gestorben sein. Ein Stöhnen von irgendwo unter den auf dem Bett aufgestapelten Fellen verriet ihr jedoch, dass das nicht der Fall war. Evina stieß einen erleichterten Seufzer aus und ging zum Bett. Sie runzelte die Stirn, als sie das gerötete Gesicht ihres Vaters sah, stellte den Krug auf dem Tisch neben dem Bett ab und streckte die Hand aus. Angst ergriff sie, als sie die Hitze spürte, die von seiner Haut ausging, bevor sie ihn auch nur berührt hatte.

»Er glüht. Wieso ist es hier drin so heiß?«, fragte sie bestürzt.

»Er hat die ganze Zeit geklagt, ihm sei kalt, und er wollte, dass wir das Feuer anmachen«, sagte Tildy ruhig.

Evina starrte besorgt auf das lodernde Feuer im Kamin. Sie drehte sich um, als Donnan mit dem Buchanan über der Schulter eintrat.

»Setz ihn da ab«, wies Evina ihn an und deutete auf den Sessel, den sie ans Bett gezogen hatte, als ihr Vater krank geworden war. Donnan gehorchte sofort. Dann machte er sich daran, die Seile durchzuschneiden, mit denen die Hände und die Knöchel des bewusstlosen Mannes gefesselt waren, und trat schließlich einen Schritt zurück.

Evina starrte auf den Anblick, der sich ihr bot. Der Buchanan hing schwer im Sessel, das Kinn auf der nackten Brust, die Beine gespreizt und sein Gemächt zwischen ihnen baumelnd wie –

»Grundgütiger!«

Evina blinzelte und schaute sich zu Tildy um, die ein Fell vom Bett gezogen hatte und sich beeilte, es dem Buchanan über den Schoß zu legen. Nachdem sie seine wichtigsten Körperteile bedeckt hatte, wandte sie sich an Evina und schüttelte den Kopf.

»Was muss geschehen, dass ein Mann am Ende nackt und bewusstlos ist?«, fragte sie schmallippig.

Evina öffnete unwillkürlich den Mund, um zu antworten. Aus reiner Gewohnheit. Tildy war einst ihre Amme gewesen, und sie hatte gewissermaßen seit ihrer Geburt auf sie gehört, aber noch bevor sie etwas erklären konnte, stellte die Dienerin bereits die nächste Frage. »Und wieso trägt er das Plaid wie einen Umhang, statt in der angemessenen Weise? Er sieht lächerlich aus.«

»Wir hatten ihm das Plaid ursprünglich um den Hals und die Knie gelegt«, murmelte Evina und schickte sich an, den oberen Teil aufzubinden. Das Plaid war ihm bei seinem zweiten Sturz vom Pferd von seinen Knien gerutscht. »Es sollte ihn bedecken, während wir zurückgeritten sind. Er lag bäuchlings über dem Pferderücken.«

»Weil er bewusstlos war«, vermutete Tildy.

»Aye. Es ist schwer, einem bewusstlosen Mann ein Plaid anzulegen.« Evina zerrte an dem Stoff und schaute dann Hilfe suchend Donnan an. Sie musste nichts sagen. Er kam zu ihr, hob den Buchanan gerade hoch genug, dass sie das Plaid unter ihm wegziehen konnte, ohne dass das Fell sich verschob. Nachdem Donnan den Bewusstlosen wieder hingesetzt hatte, breitete Evina das dicke Plaid über dem Fell aus und stopfte es um ihn herum fest.

»Und wie kommt es, dass er bewusstlos ist?«, fragte Tildy, als Evina damit fertig war und wieder zurücktrat.

Sie zögerte kurz, aber schließlich gestand sie: »Ich habe ihm den Schwertknauf gegen den Kopf geschlagen.«

»Ihr – !«

»Er war dabei, Gavin zu ertränken«, erklärte Evina zu ihrer Verteidigung. »Ich musste irgendetwas tun.«

»Deshalb habt Ihr ihn bewusstlos geschlagen? Und was dann? Ihr habt ihn nicht entführt?« Tildy sah sie alarmiert an.

»Nein!«, fauchte Evina, runzelte jedoch schuldbewusst die Stirn. »Na ja, vielleicht ein bisschen.«

»Ihr habt ihn vielleicht ein bisschen entführt?«, fragte Tildy ungläubig. »Man kann niemanden ein bisschen entführen, Mädchen. Entweder Ihr habt ihn entführt oder nicht.« Als Evina darauf nicht antwortete, sondern den bewusstlosen Mann anstarrte, fragte Tildy: »Hat er sich einverstanden erklärt, mitzukommen, oder nicht?«

»Nein«, gab sie unglücklich zu, fügte aber rasch hinzu: »Aber er hat auch nicht abgelehnt.«

»Oh, Evina.« Tildy seufzte. »Ich habe Euch zu besserem Verhalten erzogen als das hier, Mädchen. Ihr könnt nicht einfach herumlaufen und nackte Männer entführen und sie hierherschleppen, ganz egal, wie hübsch und stramm sie sind und wie gut bestückt.«

»Tildy!« Evina drehte sich mit finsterer Miene zu ihr um. »Wie er aussieht und wie gut bestückt er ist oder nicht, hatte nichts damit zu tun. Ich habe ihn hergeholt, damit er sich um Vater kümmern kann.«

»Nun, in seinem bewusstlosen Zustand wird er Eurem Vater verdammt gut helfen können«, entgegnete Tildy empört.

Evina murmelte leise etwas vor sich hin, nahm den Krug mit dem Bier, den sie auf dem Nachttisch abgestellt hatte, und schüttete dem Buchanan den Inhalt über den Kopf. Genau deshalb hatte sie sich die Mühe gemacht, das Bier mitzunehmen; sie hatte gehofft, ihn damit aufwecken zu können … und es schien auch zu funktionieren, denn spuckend und fluchend kam der Mann zu sich.

Conran träumte gerade, dass er mit einer rothaarigen Schönheit mit blauen Augen herumtollte, als ihm eine Flüssigkeit über den Kopf geschüttet und er aus den Armen seines Traummädchens gerissen wurde. Er war ganz und gar nicht glücklich darüber und kam prustend und schnaubend zu Bewusstsein. Er fluchte laut, während er aufsprang. Und verstummte abrupt und stand einfach nur reglos da, als er feststellte, dass er ebendiese rothaarige Schönheit anstarrte, die er gerade im Traum verlassen hatte.

Nun, nicht ganz dieselbe, wie Conran feststellte, als er sie näher betrachtete. Sie hatte zwar das gleiche Gesicht mit den vollen, sinnlichen Lippen, die ihn auf allerlei Gedanken brachten, und ihre Augen waren wie leuchtend blaue Teiche. Aber während seine Traumfrau lange, wallende dunkelrote Haare gehabt und ein hauchdünnes Kleid getragen hatte, das ihre runden Brüste und kurvigen Hüften kaum verhüllt hatte, trug die Frau, die vor ihm stand, das Haar zu einem festen Haarknoten zurückgebunden. Außerdem trug sie ein schmutziges, schlichtes, schlecht sitzendes dunkelblaues Kleid, das die dunklen Ringe der Erschöpfung unter ihren Augen noch zu betonen schien.

Eine Bewegung zog seine Aufmerksamkeit zu dem Krug, den sie in diesem Moment auf den Nachttisch stellte. Conran machte ein finsteres Gesicht und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht, um die herabtropfende Flüssigkeit wegzuwischen. Bier. Er konnte es riechen und schmecken. Kein schlechtes Bier, wie er zugeben musste, als er sich die Lippen leckte. Aber eine verdammt unhöfliche Weise, ihn zu wecken.

»Wo bin ich?« Die Frage platzte aus ihm heraus, während er die Leute um sich herum anstarrte – die armselige Kopie seiner Traumfrau, eine alte Dienerin und zwei Soldaten, wie er bemerkte –, aber er schenkte ihnen nur wenig Aufmerksamkeit, sondern musterte rasch das Zimmer. Es war ein Schlafzimmer, aber keines, das er wiedererkannte.

»Maclean«, sagte die jüngere Frau. »Ihr seid Gast bei den Macleans.«

»Gast?« Seine Stimme klang zweifelnd. Das Letzte, woran Conran sich erinnerte, war, dass ihn ein nackter Mann angegriffen hatte, als er gebadet hatte. Nun, nein, begriff er und sah die Rothaarige wieder genauer an. Er erinnerte sich auch daran, dass sie auf einem Pferd herangeritten war, während er im Fluss gegen seinen Angreifer gekämpft hatte. Sie hatte ihm mit dem Schwertknauf einen Schlag gegen den Kopf versetzt, wie ihm einfiel, und sein Blick wurde finsterer. »Ihr habt mich bewusstlos geschlagen.«

»Ihr habt versucht, unseren Gavin zu ertränken«, erwiderte sie abrupt, ohne sich die Mühe zu machen, ihn anzusehen. Stattdessen blickte sie besorgt zum Bett.

Conran folgte ihrem Blick, aber er sah nur einen Berg Felle. Ihre mangelnde Aufmerksamkeit ärgerte ihn, und er knurrte: »Wenn Euer Gavin der Bursche ist, der mich beim Baden belästigt hat, hat er es verdient.«

Jetzt endlich ließ sie sich dazu herab, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken, aber Conran bemerkte es kaum. Denn ein gemurmelter Fluch hatte dafür gesorgt, dass er sich den beiden Soldaten im Zimmer zugewandt hatte. Sein Blick konzentrierte sich auf den kleineren der beiden Männer. Er wirkte irgendwie vertraut, aber da seine Haare trocken waren und er jetzt angezogen war, brauchte Conran ein paar Momente, ehe er in ihm seinen Angreifer erkannte. »Du!«, knurrte er.

Der Mann bewegte sich unbehaglich. »Ich war gebeten worden, Euch aus dem Wasser zu holen. Ich entschuldige mich dafür, Mylord, wenn Ihr meine Absichten falsch verstanden habt und dachtet, Ihr würdet angegriffen werden.«

»Ich war gerade dabei, ein Bad zu nehmen, allein, nackt und ohne meine Waffe, und plötzlich ist ein anderer nackter Mann aufgetaucht und hat mich gepackt«, erklärte er empört. »Natürlich dachte ich, ich würde angegriffen. Jeder Mann würde so denken.«

»Wirklich?«, fragte das Mädchen, und Conran sah, dass der größere Soldat sie anblickte und nickte. Er machte sich nicht die Mühe, zu ihr hinzusehen, aber er hörte auch so das Stirnrunzeln in ihrer Stimme, als sie fragte: »Nun, wieso habt ihr mir das nicht gesagt?«

»Die Zeit drängte«, erinnerte der größere Mann sie mit tiefer, grollender Stimme. »Wir mussten uns beeilen und konnten nicht warten, bis er sich fertig gewaschen hatte.«

»Richtig, die Zeit drängte«, murmelte das Mädchen und wandte sich wieder um und starrte auf das Bett.

Conran folgte ihrem Blick und fragte sich, was sie an den verdammten Fellen so spannend fand.

»Außerdem«, sprach der Mann weiter, »hatte ich gehofft, Gavin würde schnell genug alles erklären und ihm versichern können, dass alles in Ordnung war, bevor Buchanan Gewalt anwenden würde.«

»So schnell kann niemand sprechen«, versicherte Conran ihm trocken. »Und das Rauschen des Wasserfalls war so laut, dass ich ihn sowieso nicht gehört hätte.« Als der Mann zustimmend nickte, sah Conran das Mädchen wieder an und fragte kurz angebunden: »Also? Warum bin ich entführt worden?«

»Ihr seid nicht entführt worden«, entgegnete sie schnell und drehte sich um, war jetzt offensichtlich besorgt. Sie brachte ein angestrengt wirkendes Lächeln zustande. »Wirklich, Mylord, wir wollen Euch nichts Böses. Wir sind keine Feinde. Tatsächlich bewundern wir Eure Fähigkeiten in den Heilkünsten.«

Conran schnaubte und knurrte: »Ich wurde bewusstlos geschlagen, zusammengeschnürt, über ein Pferd geworfen und unfreiwillig von Buchanan nach Maclean geschafft. Das ist eine Entführung, Mädchen.«

»Sie ist eine Lady und kein Mädchen«, wies ihn der größere Mann scharf zurecht. »Ihr werdet unserer Lady den angemessenen Respekt zukommen lassen, der ihr zusteht, und sie als Lady Evina ansprechen.«

Conran hob zweifelnd eine Braue, als er das hörte. Das Mädchen sah in diesem Moment ganz und gar nicht wie eine Lady aus. In dem schmutzigen blauen Kleid sogar eher wie eine Straßenwaise. Er zog die Augen zusammen, als er sich an den blauen Stoff erinnerte, der das Bein bedeckt hatte, in das er gebissen hatte. Dann wurde ihm endlich bewusst, was sie wenige Momente zuvor gesagt hatte.

»In den Heilkünsten?«, fragte er scharf.

»Aye, die Berichte über Eure Fähigkeiten haben sich überallhin verbreitet, Lord Buchanan, und wir sind verzweifelt auf Euer Können angewiesen. Mein Vater, Fearghas Maclean, ist sehr krank. Bitte, kommt und seht ihn Euch an.«

Conran schüttelte den Kopf, während ihm klar wurde, dass sie eigentlich Rory hier haben wollten. Offensichtlich hatten sie sich den falschen Bruder geschnappt. Er zögerte jedoch, das auszusprechen, denn er hatte Angst, dass sein Bruder dann genauso grob behandelt werden würde wie er.

Während er aufstand, ohne genau zu wissen, was er in dieser Situation tun oder sagen sollte, griff das Mädchen nach seiner Hand und zog ihn zum Bett. Ihre Stimme klang verzweifelt, als sie jetzt bettelte: »Bitte, seht ihn Euch einfach an. Es muss etwas geben, was Ihr tun könnt.«

»Nein.« Conran riss seine Hand los. Er war nicht der Heiler.

»Aye.«

Conran sah sie finster an. »Ihr habt mich entführt. Warum sollte ich Euch als Gegenleistung für eine derart unhöfliche Behandlung helfen?«

Verschiedene Gefühle huschten über ihr Gesicht – Bestürzung, Wut, Verzweiflung –, und dann holte Lady Evina tief Luft und atmete langsam aus. Sie reckte die Schultern und sagte ruhig: »Bitte, Mylord, ich entschuldige mich, wenn Gavin Euch beim Wasserfall Angst gemacht hat. Es war nicht unsere Absicht.«

Conran sah sie bei dieser Bemerkung finster an. Die in ihren Worten angedeutete Annahme, er hätte vielleicht Angst gehabt, gefiel ihm gar nicht.

»Tatsächlich haben wir keines der unglücklichen Ereignisse beabsichtigt, die dann gefolgt sind«, sprach sie weiter. »Die Wahrheit ist, dass wir nach Buchanan geritten sind, um Euch zu bitten, dabei zu helfen, das Leben meines teuren Vaters zu retten. Doch dann habt Ihr Gavin angegriffen, und alles ist schiefgelaufen.«

Na, großartig, jetzt war er der Böse, der einen Mann angegriffen hatte, der doch nur seine Aufmerksamkeit hatte erlangen wollen. Vor Verwunderung darüber, wie geschickt sie den Spieß umgedreht hatte, hätte er fast den Kopf geschüttelt.

»Und als Ihr dann bewusstlos wart, konnten wir Euch wohl kaum da liegen lassen, nackt und wehrlos. Es hätte euch alles Mögliche passieren können, hätten Euch in diesem Zustand die falschen Leute gefunden.«

Das war schlau, musste Conran zugeben. Nicht nur war er jetzt der Böse, sondern sie hatte ihn auch noch gerettet, indem sie ihn entführt hatte.

»Aber ich hatte das Gefühl, als dürfte ich meinen Vater nicht zu lange allein lassen, weil ich Angst hatte, er könnte sterben, bevor ich zurückkehren würde«, sprach sie weiter. »Deshalb konnten wir auch nicht dortbleiben und darauf warten, dass Ihr aufwacht. Also haben wir Euch stattdessen mitgenommen, damit Ihr in Sicherheit seid … in der Hoffnung, dass wir mit Euch sprechen können, wenn Ihr erst wach seid, und Ihr Euch einverstanden erklären würdet, zu helfen.« Sie neigte den Kopf und fügte hinzu: »Was immer Ihr begehrt … wenn es in meiner Macht steht, es Euch zu geben, biete ich es Euch nur zu gern an, wenn Ihr nur versucht, meinem Vater zu helfen. Er bedeutet mir alles. Ich kann ihn nicht verlieren.«

Donnerwetter, dachte Conran gereizt. Sie war ein ziemlich schlaues Frauenzimmer. Sie hatte nicht nur ihren Stolz hinuntergeschluckt und eine hübsche Bitte ausgesprochen; nein, sie hatte es zudem geschafft, alles so zu verdrehen, dass es jetzt so aussah, als hätte sie ihn gerettet, indem sie ihn entführt hatte. Mehr noch – sie hatte sehr deutlich gezeigt, dass sie sich wirklich um ihren Vater sorgte und betroffen über seinen Zustand war. Wenn er sich weigern sollte, zumindest einen Blick auf den Mann zu werfen, würde er sich wie ein kompletter Arsch fühlen.

Seufzend fuhr sich Conran mit einer Hand durch die langen Haare und runzelte die Stirn, als er etwas ertastete. Er zog daran und starrte dann auf den kleinen dornenbewehrten Zweig in seiner Hand.

»Bitte.«

Conrans Blick richtete sich wieder auf Lady Evina. Ihre Augen glänzten jetzt, aber er wusste nicht, ob von Tränen oder vor Wut. Er glaubte eher an Tränen, und kam zu der Entscheidung, sich den Mann zumindest ansehen zu können. Danach konnte er immer noch entscheiden, was er tun würde.

»Na schön«, murmelte er. »Bringt mich zu ihm.«

»Vielleicht solltet Ihr Euch erst anziehen«, schlug die alte Frau in nüchternem Tonfall vor.

Mit gewölbten Brauen folgte Conran ihrem Blick nach unten und sah, dass er komplett nackt war. Sein Plaid und ein Fell lagen zu seinen Füßen auf dem Boden.

»Die Sachen sind heruntergefallen, als Ihr aufgewacht und aufgesprungen seid«, sagte Evina, deren Blick nie tiefer als bis zu seinem Hals glitt. Ihre Worte ließen vermuten, dass er zumindest das Plaid getragen hatte, aber er erinnerte sich daran, dass er auf dem Pferd nackt gewesen war. Das verdammte Ding musste über ihn drapiert worden und runtergerutscht sein, als er aufgestanden war.

Kopfschüttelnd bückte Conran sich und trat zur anderen Seite des Bettes, wo noch Platz war, um sich auf den Boden zu knien und das Plaid zu falten. Seine Bewegungen waren ökonomisch, aber nicht hastig. Nacktheit war nichts, was Conran verlegen machte, weder seine eigene noch die eines anderen Menschen. In den ersten einundzwanzig Jahren seines Lebens hatte er zwei oder drei Mal in der Woche mit seinen Brüdern nackt gebadet, und gelegentlich taten sie das immer noch. Aus diesem Grund und weil er Rory bei seiner Arbeit mit den Kranken und Verletzten geholfen hatte, was auch einschloss, andere Menschen auf jede mögliche Weise bekleidet oder unbekleidet zu sehen, hatte er keinerlei Anlass, sich für den menschlichen Körper zu schämen.

Conran fand es allerdings interessant, dass Lady Evina sich ebenfalls durch seine Nacktheit nicht verlegen zu fühlen schien. Die meisten Frauen wären errötet und hätten irgendein Gestammel von sich gegeben und ihm wahrscheinlich sogar den Rücken zugedreht, bis er sich angezogen hätte. Aber sie stand da, nicht sehr weit entfernt, als wäre er vollständig bekleidet. Ihr Blick ist aber auch niemals tiefer gesunken, sondern immer auf Höhe meines Gesichts geblieben, dachte Conran, während er sich mit seinem Plaid beschäftigte und sich dabei noch einmal vergegenwärtigte, was in den letzten paar Minuten geschehen war. Interessant. Vielleicht. Er war sich nicht sicher. Er wurde aus dieser Frau einfach nicht schlau. Immer dann, wenn er glaubte zu wissen, was er zu erwarten hatte, überraschte sie ihn … was ihn faszinierte.

Conran hatte gerade die letzte Falte eingearbeitet, als ein weißes Hemd vor seinem Gesicht auftauchte. Er hielt inne, setzte sich auf die Fersen und blickte den Mann an, der es ihm hinhielt. Es war derjenige, der ihn unter dem Wasserfall angegriffen hatte, der kleinere der beiden Soldaten. Obwohl diese Beschreibung irreführend war. Der Mann war ganz und gar nicht klein. Er war sogar etwa so groß wie er selbst, aber neben dem anderen Soldaten, einem wahren Hünen, wirkte er winzig.

»Euer Hemd«, sagte der Soldat ruhig. »Ich hatte es in meiner Satteltasche verstaut, um es Euch wiedergeben zu können.«

»Danke«, sagte Conran widerwillig und nahm das Hemd. Er schlüpfte rasch hinein, dann legte er das Plaid an und wandte sich den Leuten zu, die auf der anderen Seite des Bettes geduldig darauf warteten, dass er fertig wurde. Er hob die Brauen und sagte: »Also … wenn Ihr mich jetzt zu Eurem Vater bringen wollt, werde ich sehen, was ich für ihn tun kann.«

Er rechnete damit, dass Evina ihn aus dem Zimmer führen würde. Stattdessen trat sie zum Bett und blickte auf den Haufen Felle, die dort gestapelt waren. »Papa? Rory Buchanan ist hier. Wenn irgendjemand dich retten kann, dann er. Bist du wach, Papa?«

Conran trat näher an das Bett, und seine Augen weiteten sich, als er das verwelkte alte Gesicht sah, das unter dem Fellberg kaum zu sehen war. Dann bemerkte er die geröteten Wangen und die glasigen Augen, als der Mann die Lider hob, und er runzelte die Stirn. Er beugte sich nach vorn und legte Fearghas Maclean den Handrücken auf die Stirn.

»Guter Gott, er verbrennt ja«, sagte er bestürzt und zog die Hand weg. Der Mann war heiß genug, dass man eine Mahlzeit auf ihm kochen konnte.

Stirnrunzelnd richtete Conran sich auf. Der alte Mann brauchte eigentlich die Hilfe seines erfahrenen Bruders, und zwar sofort. Aber es würde mindestens zwei, wahrscheinlich sogar drei Tage dauern, nach Buchanan zu reiten und seinen Bruder zu holen. Sofern er überhaupt kommen würde, dachte Conran. Rory machte sich große Sorgen um die Tochter des Schenkenwirts. Das Mädchen war sehr zart, und ihr Ehemann ein Bulle von Mann. Rory hatte Angst, dass die Geburt ihres Kindes das Mädchen töten könnte. Er würde es vermutlich ablehnen, sie sich selbst zu überlassen, solange die Geburt nicht stattgefunden hatte. Bliebe noch die Möglichkeit, Fearghas Maclean zu Rory zu bringen, aber in seinem jetzigen Zustand würde der alte Mann die Reise vermutlich nicht überleben.

Conran runzelte angesichts der misslichen Lage, in der er sich befand, die Stirn und stieß einen leisen, aber inbrünstigen Fluch aus. Er würde selbst sehen müssen, was er für Maclean tun konnte, und versuchen, das Fieber zu senken. Wenn ihm das gelang, wäre es für sie vielleicht möglich, den Kranken nach Buchanan zu bringen, damit Rory sich weiter um ihn kümmern konnte. Glücklicherweise hatte er Rory so viele Male geholfen, dass er wusste, wie man ein Fieber bekämpfen konnte. Er fing sofort damit an, indem er die Felle vom Bett zog und auf den Boden warf.

»Was tut Ihr da?«, fragte Evina alarmiert und versuchte, ihn aufzuhalten.

»Er hat Fieber«, erklärte Conran. Er ignorierte ihre Versuche und entfernte ein Fell nach dem anderen. Guter Gott, woher zur Hölle hatten sie die nur alle her?

»Aber er hat darüber geklagt, dass ihm kalt ist«, wandte sie ein und griff nach den Fellen, die er vom Bett genommen hatte.

»Ja, eben weil er Fieber hat«, murmelte er. Als sie anfing, die Felle wieder auf das Bett zu legen, richtete Conan sich auf. Er starrte sie finster an, öffnete den Mund und schloss ihn wieder, als er sie richtig ansah. Evina war so bleich wie der Tod, unter ihren Augen waren große dunkle Flecken, die Zeichen ihrer Erschöpfung waren. Sie musste schlafen, aber das würde sie kaum tun, wenn sie noch nicht davon überzeugt war, dass es ihrem Vater gut ging … es sei denn, er zwang sie dazu.

»Wollt Ihr nun meine Hilfe oder nicht?«, fragte er schließlich.

Ihre Augen weiteten sich ungläubig. »Aye, natürlich, aber – «

»Dann geht«, unterbrach Conran sie grimmig.

»Was?«, fragte sie ungläubig.

»Ich will, dass das verdammte Feuer ausgemacht wird, die Fensterläden geöffnet werden und ein kaltes Bad hochgebracht wird. Und Ihr verschwindet«, wiederholte er fest entschlossen. »Und bleibt weg. Wenn Ihr Euch nicht daran haltet, bin ich weg.«

»Aber …« Der verlorene Ausdruck in ihrem Gesicht, als sie auf ihren Vater hinuntersah, wäre beinahe Conrans Verderben gewesen, und fast hätte er seine Worte zurückgenommen. Doch er blieb fest, als er sah, dass ihre Hände zitterten. Das Mädchen war maßlos erschöpft. Sie hatte wahrscheinlich kaum noch Schlaf bekommen, seit sie sich um ihren Vater kümmerte, aber dass sie in den letzten zwei oder drei Tagen, die sie zurückgeritten waren, gar nicht geschlafen hatte, dessen war er sicher. Wenn sie sich nicht bald ausruhte, würde sie zusammenbrechen und selbst krank werden.

»Ihr seid schmutzig, Ihr stinkt, und Ihr könnt Euch kaum noch auf den Beinen halten«, fauchte Conran schroff, denn er vermutete, dass sanfte Worte bei dieser Frau nichts bewirken würden. »Ihr seid nicht in der Verfassung, einen Kranken zu pflegen. Schafft Euch aus diesem Zimmer, nehmt ein Bad, und geht ins Bett, und kommt erst wieder her, wenn ich Euch rufen lasse.«

»Ihr – ich –«, stammelte sie. Empörung und Wut färbten ihre Wangen rot, und Conran fürchtete schon, es ein bisschen übertrieben zu haben.

Sein Mund spannte sich an, und er benutzte die einzige Waffe, die er hatte – ihre Sorge um ihren Vater. Er reckte das Kinn und knurrte: »Nun? Werdet Ihr gehen, oder soll ich gehen?«

»Evina«, mahnte die ältere Frau sanft und ergriff sie am Arm.

Lady Evina presste die Lippen fest aufeinander, nickte steif und schritt aus dem Raum, knallte die Tür hinter sich zu.

»Sorg dafür, dass sie etwas isst und dann schläft«, befahl Conran der alten Frau. »Und sag ihr, dass ich gehen werde, wenn sie nicht beides tut. Ich habe keine Lust, mich nicht nur um ihren Vater, sondern auch noch um sie kümmern zu müssen.«

Die Dienerin nickte, eilte zur Tür.

»Und vergiss nicht, ein kaltes Bad für Euren Laird bereiten zu lassen«, bellte Conran hinterher, als die alte Frau das Zimmer verließ.

Kaum dass sie die Tür hinter sich geschlossen hatte, drehte er sich zu den beiden Soldaten um. »Jetzt öffnet die Fensterläden, und macht das verdammte Feuer aus. Wir müssen seinen Körper kühlen, sonst wird ihm das Hirn verkochen.«

Die beiden Männer machten sich sofort daran, die Befehle auszuführen, und Conran packte weiter die Felle vom Bett. In Gedanken ging er bereits durch, was er Rory hatte tun sehen, wenn bei einem Kranken das Fieber gesenkt werden musste.

»Dieser arrogante Arsch«, knurrte Evina und stapfte die Treppe hinunter. Sie hatte gehört, dass die Tür zur Kammer ihres Vaters geöffnet und wieder geschlossen wurde. Ein kurzer Blick über die Schulter hatte ihr gezeigt, dass Tildy ihr folgte. »Mich aus dem Zimmer zu werfen. Er ist mein Vater. Ich sollte bei ihm sein.«

»Aye, Mädchen, aber vielleicht ist das nur gut so«, sagte Tildy ein bisschen atemlos, während sie ihr nach unten in die geschäftige Große Halle folgte.

»Wie soll es gut sein, wenn man meinem Vater nicht die Anwesenheit seiner Tochter erlaubt? Er leidet und braucht mich.«

»Im Augenblick braucht er den Buchanan«, sagte Tildy ernst.

Evinas Antwort klang wie ein Knurren. In der Großen Halle herrschte reges Treiben. An den Tischen saßen immer noch Leute, die ihre Abendmahlzeit genossen.

»Und es würde Euch guttun, etwas zu essen und zu schlafen«, sprach Tildy weiter, während sie an den Tischen vorbeigingen. »Wieso setzt Ihr Euch nicht hin? Ich werde für ein Bad sorgen und den Koch bitten, Euch eine Mahlzeit zuzubereiten. Ihr könnt essen und Euch dann ein bisschen ausruhen.«

»Ich habe keinen Hunger. Und ich bin auch nicht müde«, knurrte Evina, was nicht ganz stimmte. Sie war zwar nicht hungrig, aber ein bisschen müde war sie schon. Nicht mehr so müde wie zuvor bei ihrer Ankunft, denn sie war aufgebracht, und ihr Zorn hatte ihre Erschöpfung zum größten Teil verjagt.

»Nun, der Buchanan hat gesagt, dass er weggehen wird, wenn Ihr nicht etwas esst und Euch ausruht«, erinnerte Tildy sie bestimmt.

Evina sah sie schockiert an. »Aber das hat er doch sicher nicht so gemeint?«

Die Dienerin nickte ernst. »Ich glaube, er hat es genau so gemeint. Er sagte, dass er keine Lust hat, sich nicht nur um Euren Vater kümmern zu müssen, sondern auch noch um Euch, wenn Ihr krank werdet. Ich soll dafür sorgen, dass Ihr esst und Euch ausruht, sonst geht er.«

»E

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Highlander auf Abwegen" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen