Logo weiterlesen.de
Ein Highlander in Nöten

Zu diesem Buch

Geordie Buchanan traut seinen Augen kaum, als er nach langer Abwesenheit eines Nachts nach Hause zurückkehrt und die Burg völlig überfüllt vorfindet. Not gedrungen übernachtet er im Obstgarten, wo er am nächsten Morgen eine junge Frau dabei beobachtet, wie sie auf einen Apfelbaum klettert. In der Annahme, dass sie Hilfe beim Heruntersteigen braucht, klettert er kurzerhand hinterher, doch die hübsche Dwyn möchte eigentlich nur ihre Ruhe haben. Zu seiner Verblüffung erfährt er, dass sie und die anderen jungen Damen, die in Buchanan herumschwärmen, von seinen Schwägerinnen geladen wurden, um einen der drei ledigen Buchanan-Brüder als Ehemann zu ergattern – also auch ihn! Heiraten ist zwar das Letzte, woran Geordie denkt, aber die Begegnung im Obstgarten geht ihm nicht mehr aus dem Kopf, hat er doch noch nie eine adlige Dame getroffen, die so frei heraus und zugleich selbstlos ist wie Dwyn. Als die junge Frau plötzlich von einem anderen umworben und dann auch noch Ziel eines mysteriösen Anschlags wird, stellt er fest, dass er alles dafür tun würde, um Dwyn für sich zu gewinnen und ihre Peiniger zur Strecke zu bringen.

1

»Whinnie! Whinnnnnie!«

Geordie Buchanan öffnete müde die Augen, als jemand nach den lauten Rufen versuchte, das Wiehern eines Pferdes nachzuahmen. Er brauchte eine Weile, um sich zu orientieren, denn er wusste nicht sofort, wo er war. Das helle Licht der Morgensonne fiel auf ihn und den Baum, an dessen Stamm er lehnte – einer von vielen, die sich in ordentlichen Reihen vor und seitlich von ihm erstreckten. Jetzt wusste er auch wieder, wo er sich befand: auf der Obstwiese. Er hatte sich hier zum Schlafen niedergelegt, nachdem er gestern nach Buchanan zurückgekehrt war. Ihm war eigentlich gar nichts anderes übrig geblieben, denn die Burg war voller Menschen gewesen, als er nach wochenlanger Abwesenheit mitten in der Nacht angekommen war. Unzählige schlafende Bedienstete und Soldaten hatten die Große Halle und die Küche bevölkert. Und wie voll es im Wohnturm sein musste, hatte ihm der Anblick seines Onkels verraten, der in der Halle auf einem Stuhl geschlafen hatte. So etwas tat er nur, wenn er sein Zimmer an Gäste abtreten musste. Geordie hatte daraus geschlossen, dass auch sein Zimmer einem Gast zur Verfügung gestellt worden war.

»Whinnie!«

Geordie runzelte gereizt die Stirn, als die lästige Stimme erneut erklang – mitsamt dem anschließenden Versuch, ein schrilles Wiehern zustande zu bringen. Offenbar waren die Leute im Wohnturm bereits aufgestanden, und Kinder spielten herum. Kaum hatte er das gedacht, tauchte ein Stück von ihm entfernt eine junge Frau auf. Den Rücken ihm zugewandt, blieb sie unter einem der Bäume stehen und starrte nach oben ins Geäst. Geordie fragte sich, ob sie diejenige war, die gerufen und das Wiehern nachgeahmt hatte. Aber in diesem Moment erklang das Rufen erneut, irgendwo links und etliche Schritt weit.

»Whinnnnnie!«

Die Frau murmelte etwas, das verdächtig nach einem Fluch klang, dann bückte sie sich und packte den hinteren Saum ihres langen Kleides. Sie zog ihn zwischen den Beinen hindurch nach vorn und klemmte ihn unter ihren Gürtel.

Geordies Augen weiteten sich beim aufreizenden Anblick wohlgeformter Knöchel und Waden, als die Frau gewandt den Baum hinaufkletterte. Sie war schnell, trotzdem schaffte sie es gerade eben noch, in der Zuflucht zu verschwinden, die ihr die üppig belaubten Zweige und Äste gewährten, als zwei Frauen in derselben Baumreihe auftauchten und sich suchend umblickten.

Hatte die erste Frau Geordie gar nicht wahrgenommen, bemerkten diese beiden ihn sofort. Sie verzogen verächtlich das Gesicht, als sie begriffen, dass er offensichtlich im Garten geschlafen hatte. Zu einer Bemerkung ließen sie sich allerdings nicht herab, machten vielmehr auf dem Absatz kehrt und gingen in die Richtung davon, aus der sie gekommen waren. »Sie muss an uns vorbeigeschlüpft und zum Wohnturm zurückgekehrt sein. Komm.«

Geordie sah den beiden nach, bevor er sich erlaubte, den Blick auf die Baumkrone zu richten. Er ging davon aus, dass die Frau jetzt herunterklettern würde, aber als einige Momente vergingen, ohne dass sie sich zeigte, wickelte er sich aus seinem Plaid und kniete sich hin, um es zu falten. Er würde jetzt ganz gewiss keinen Schlaf mehr kriegen. Abgesehen davon hegte er den leisen Verdacht, dass das Mädchen zwar wie eine Katze den Baum hinaufgeklettert war, aber jetzt nicht mehr herunterkonnte. Er würde ihr noch so lange Zeit lassen, bis er sich ordentlich angezogen hatte, und ihr dann seine Hilfe anbieten … wenn sie nicht bis dahin bereits heruntergefallen war.

Dwyn spähte durch das Geäst des Baumes, auf dem sie hockte, und ließ ihren Blick über die sanft geschwungene Hügellandschaft auf der anderen Seite der Burgmauer schweifen. Die Gegend hier ist wirklich schön, dachte sie, wenn auch nicht so wunderschön wie die von Innes. Dort hätte sie den Blick auf das Meer gehabt, ganz zu schweigen davon, dass die Meeresbrise ihre strapazierten Nerven beruhigt hätte. Bei diesem Gedanken verdüsterte sich ihre Miene. Bis zu dieser Reise war Dwyn noch nie einem Menschen begegnet, den sie nicht mochte. Die Leute auf Innes waren immer freundlich und zuvorkommend, zumindest ihr gegenüber. Aber die Frauen, die sie seit ihrer Ankunft auf Buchanan kennengelernt hatte … Nun, mit Ausnahme von Lady Buchanan gab es keine einzige Frau, die sie mochte. Alle anderen weiblichen Gäste waren nichts als ein Haufen gehässiger Idiotinnen, die sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund zur Zielscheibe ihrer grausamen Sticheleien auserkoren hatten. Bei dem Gedanken verzog Dwyn unglücklich den Mund. Sie war nicht daran gewöhnt, dass Leute sie nicht mochten, und sie wusste nicht so recht, was sie dagegen tun sollte. Diese Frauen waren vollkommen anders als alle Menschen, denen sie bisher begegnet war. Ihnen war langweilig, und sie hatten offenbar beschlossen, sich die Zeit damit zu vertreiben, auf ihr herumzuhacken.

»Guten Morgen, Mädchen.«

Dwyn stutzte bei dieser Begrüßung, dann beugte sie sich leicht vor und spähte durch die Zweige zu dem Mann hinunter, der sie angesprochen hatte. Er stand direkt unter ihr, und Dwyns Augen weiteten sich, als sie ihn musterte. Er wirkte aus dieser Perspektive riesig und schien nur aus Schultern zu bestehen, aber sie konnte nicht erkennen, wie groß er wirklich war. Doch zweifellos war er schön; seine Augen hatten ein helles Blau, seine Nase war gerade, die Unterlippe etwas voller als die Oberlippe, und seine Haare waren lang und dunkel und leicht gewellt.

»Kann ich Euch helfen, Mädchen?«

Seine Worte rissen sie aus ihrer Versunkenheit, und sie schüttelte den Kopf. »Nein, danke.«

»Nein?« Ihre Ablehnung schien ihn zu überraschen, und er schaute sich ein paar Momente stirnrunzelnd auf der Obstwiese um, bevor er den Kopf in den Nacken legte und wieder zu ihr hochsah. »Seid Ihr sicher, Mädchen? Ich helfe Euch gern, falls Ihr Hilfe benötigt.«

»Nein. Ich komme zurecht. Danke«, murmelte Dwyn ablehnend, hob den Kopf und ließ den Blick wieder über die Landschaft jenseits der Burgmauer schweifen. Sie hoffte, dass der Mann den Wink verstehen und gehen würde.

Aber das tat er nicht. Das wurde Dwyn klar, als der Ast, auf dem sie saß, zu wanken begann. Sie blickte nach unten und stellte fest, dass der Mann zu ihr heraufkletterte. Ihre Augen weiteten sich ungläubig, und sie lehnte sich demonstrativ zurück, als er sich auf einem Ast niederließ, der ein wenig unterhalb von dem aus dem Stamm ragte, auf dem sie saß. Trotzdem musste Dwyn den Kopf leicht in den Nacken legen, um den Mann ansehen zu können.

»Guten Morgen«, grüßte er noch einmal und lächelte sie an. »Euer Name ist Whinnie, ja?«

Dwyn wollte das Lächeln schon erwidern, aber bei dieser Frage verschwand es von ihrem Gesicht, bevor es sich richtig geformt hatte. »Nein. Mein Name ist Dwyn.«

»Oh. Ich bitte um Entschuldigung. Ich dachte, sie hätten Whinnie gerufen.«

»Das haben sie auch«, bestätigte sie grimmig. Als sie darauf verzichtete, es näher zu erklären, breitete sich Schweigen zwischen ihnen aus. Dwyn gab sich alle Mühe, so zu tun, als wäre er nicht da. Genau genommen gab sie sich auch alle Mühe, so zu tun, als wäre sie ebenfalls nicht da. Stattdessen sah sie sich in Gedanken wieder auf Innes, wo sie mit ihren Hunden Angus und Barra am Meer entlangging.

»Dwyn.«

Sie drehte sich zögernd zu ihm um und sah ihn an.

»Von welchem Clan seid Ihr?«

»Innes«, murmelte sie und wandte den Blick wieder ab. »Mein Vater ist Baron James Innes.«

»Innes liegt an der Nordsee, oder?«, fragte er interessiert.

»Aye, zwischen den Flüssen Spey und Lossie – mitten in üppigem grünen Land«, fügte sie mit einem leichten Lächeln hinzu. »Innes liegt genau genommen an der großen Bucht, die Moray Firth genannt wird. Sie bildet im Norden die Grenze, im Westen wird es vom Spey und im Osten vom Lossie begrenzt. Der Lossie umschließt Innes fast ganz, so dass die Burg wie eine Insel ist.«

»Klingt hübsch«, gab er zu.

»Das ist es«, versicherte sie ihm. »Und wie Papa sagt, ist das viele Wasser um uns herum sehr hilfreich, was unsere Verteidigung angeht. Was auch deshalb gut ist, weil Papa eher ein Denker als ein Krieger ist. Deshalb sind wir natürlich auch hier. Wozu auch immer es gut ist.«

Geordie hob die Brauen bei diesen Worten. »Ich verstehe nicht. Warum genau seid Ihr hier auf Buchanan?«

Bei der Frage sah sie ihn überrascht an, dann warf sie ihm einen finsteren Blick zu. Bisher hatte er einen ganz netten Eindruck gemacht. »Es gibt keinen Grund, grausam zu sein. Ich weiß, dass ich bei all den wunderschönen Frauen keine Chance habe. Aber das müsst Ihr mir nicht so schroff unter die Nase reiben.«

Er wirkte irritiert. »Mir ist nicht klar gewesen, dass ich grausam war. Ich habe keine Ahnung, warum überhaupt irgendeine dieser Frauen hier ist.«

Sie dachte kurz darüber nach und kam zu dem Schluss, dass Laird Buchanan vielleicht nicht offen über diese Angelegenheit sprach. Gewöhnlich wurde in Burgen viel getratscht, und Gerüchte verbreiteten sich rasend schnell. Es verblüffte sie daher, dass er nicht Bescheid wusste. Und es wäre ihr anders auch lieber gewesen. Es war beschämend für sie, es ihm erklären zu müssen, aber es sah so aus, als würde sie nicht darum herumkommen. Sie holte tief Luft, um anzufangen, und hielt dann inne, als ihre Brüste sich in dem tief ausgeschnittenen Kleid, in das ihre Schwestern sie gezwungen hatten, gefährlich nach oben schoben. Sie verzog das Gesicht und versuchte, sie unten zu halten, indem sie mit der Hand sanft auf die obere Wölbung ihrer Rundungen drückte, während sie rasch erklärte: »Die anderen Frauen sind hier, weil sie hoffen, einem der noch unverheirateten Buchanan-Brüder aufzufallen und ihn zu einer Heirat verlocken zu können.«

»Was?«, blaffte er, wandte rasch den Blick von ihrem Dekolleté ab und starrte sie ungläubig an.

Sie kam zu dem Schluss, dass er eindeutig schockiert war. Er hatte wirklich keine Ahnung gehabt, weshalb sich auf Buchanan gegenwärtig so viele Besucher aufhielten. Möglicherweise gehörte er zu den Soldaten, die normalerweise auf den Ländereien der Buchanans patrouillierten und deshalb nicht so viel Zeit auf der Burg verbrachten, sodass sie von dem Klatsch nicht viel mitbekamen.

»Ihr scherzt doch sicherlich?«, sagte er jetzt.

Dwyn lächelte säuerlich und schüttelte den Kopf. »Nein. Mindestens sieben wunderschöne Frauen sind hier, spazieren im Wohnturm und in der Gegend herum und warten darauf, dass die drei noch unverheirateten Brüder zurückkehren und sich eine Braut aussuchen.«

»Sieben?«, fragte er.

»Und ihre Eskorten«, fügte sie hinzu. »Wobei anscheinend jeden Tag ein oder zwei weitere Frauen auftauchen, also könnten es gegen Mittag oder Abend auch acht oder neun sein.«

Während er einfach nur dasaß und anscheinend in seine Gedanken versunken war, blickte Dwyn wieder zu den Hügeln. Der Fremde führte offensichtlich nichts Böses im Schilde, und es war nett, mit jemandem zu reden, der nicht ständig an ihr herummäkelte. Ihr sagte, dass sie gerade sitzen und die Brust herausstrecken sollte oder aber sie entweder auf ihre Fehler hinwies oder sich über sie lustig machte. Bis zu dieser Reise hatte sie wirklich nicht gewusst, dass Frauen so grausam sein konnten.

»Wieso sollten diese Frauen die Buchanan-Brüder als mögliche Heiratskandidaten in Betracht ziehen?«

Dwyn sah ihn an und bemerkte, dass er vollkommen verblüfft über das war, was sie ihm mitgeteilt hatte. Sie zuckte mit den Schultern. »Vermutlich, weil sie alle keinen Verlobten haben und ihre Väter die Buchanans gern als Verbündete hätten.« Sie runzelte die Stirn und fügte hinzu: »Allerdings weiß ich von mindestens einer Frau, dass sie noch verlobt ist. Laird Wallace scheint bereit zu sein, den Vertrag zugunsten eines Buchanan-Sohnes zu brechen.«

»Aber wieso?«, hakte er erneut nach. Dieses Mal klang er noch verwunderter. Sie konnte seinen Schock über die Nachricht verstehen. Es war ungewöhnlich, eine Verlobung aufzulösen. Die Familie würde immerhin die Mitgift verlieren, die vertraglich festgelegt worden war.

»Weil die Buchanans immer mächtiger werden, seit einige der Brüder sich so vorteilhaft verheiratet haben. Die Geschwister stehen sich sehr nahe, und jeder der bereits Verheirateten besitzt eine eigene Burg und verfügt über Soldaten.« Sie zuckte mit den Schultern. »Welcher Mann würde nicht gern dazugehören und diese Art Macht hinter sich haben?«

»Hmm.« Er schwieg ein paar Augenblicke. Seine Miene spiegelte seinen Unmut wider. Er sah Dwyn an und zog fragend die Brauen hoch. »Und Ihr seid eine dieser wunderschönen Frauen?«

Sie lächelte erheitert. »Wohl kaum.«

Jetzt legte er die Stirn noch mehr in Falten. »Warum seid Ihr dann hier?«

Dwyn holte tief Luft, was beinahe dazu geführt hätte, dass ihre Brüste sich noch weiter aus ihrem Kleid herausschoben. Ärgerlich bedeckte sie sie mit einer Hand, während sie mit der anderen den Ausschnitt hochzog. Dann gab sie zögernd zu: »Nun ja, es ist schon der Grund, weshalb mein Vater mit mir hierher gereist ist. Er hat keinen Sohn, dem er den Titel vererben könnte, und mein Verlobter ist gestorben, bevor er Anspruch auf mich erheben konnte. Vater hofft, dass es zu einer Verbindung mit den Buchanans kommt, weil wir dann besser vor unserem Nachbarn Brodie geschützt wären, der sich Innes nur allzu gern einverleiben würde, aber …« Entnervt gab sie die Bemühung auf, ihre Brüste weiter in das Kleid zurückzustopfen, und ließ die Hände sinken, während sie den Satz beendete. »Ich fürchte allerdings, dass er enttäuscht werden wird. Die Buchanans werden mich bei all den vielen hübschen Frauen kaum bemerken.«

»Wieso nicht?«, fragte er, wobei sie bezweifelte, dass er wirklich bei der Sache war, starrte er doch mit großen Augen und geradezu wie versteinert auf ihren überquellenden Busen.

Sie lächelte ironisch: »Weil ich zu groß bin und zu gewöhnlich aussehe.« Als er weiterhin auf ihren Busen starrte, fügte sie trocken hinzu: »Deshalb haben meine Schwestern mich in dieses lächerlich enge Kleid gesteckt. Sie hoffen, dass die Buchanans so beschäftigt damit sein werden, meine Brüste anzuglotzen, dass sie sich nicht die Mühe machen, mir ins Gesicht zu sehen.«

Er riss den Blick hoch, und sein Gesicht rötete sich leicht. »Ich bitte um Entschuldigung, Mylady«, murmelte er. »Das war nicht gut von mir, und –«

Dwyn tat seine Entschuldigung mit einem tiefen Seufzer ab, der dazu führte, dass ihre Brustwarzen über den Rand des Ausschnitts lugten. Sie murmelte ungeduldig vor sich hin und machte sich erneut daran, ihre Brüste in das Kleid zurückzuzwingen. Wirklich, wenn ihre Brüste sich weiterhin ständig ins Bild drängten, würde der Aufenthalt hier nichts als beschämend sein. Glücklicherweise war das Kleid, das sie während der Reise nach Buchanan getragen hatte, nicht so eng gewesen, deshalb nahm sie sich vor, sich nach ihrer Rückkehr in den Wohnturm umzukleiden.

»Ihr müsst Euch nicht entschuldigen«, sagte Dwyn mehr verärgert als verlegen. »Genau das war schließlich der Plan meiner Schwestern, und er scheint aufzugehen. Vielleicht wird einer der Brüder von meinen Brüsten so gefesselt sein, dass mein Aussehen für ihn keine Rolle mehr spielt.« Sie schwieg einen Moment und fügte dann nachdenklich hinzu: »Männer scheinen Brüste zu lieben. Ich denke, weil es ihnen die Gewissheit gibt, dass ihre Kinder gut genährt werden oder so.«

Geordie musste sich Mühe geben, nicht laut loszulachen, als er das hörte. Als er auf ihre Brüste gestarrt hatte, war es kein kleines Kind gewesen, das er in seiner Vorstellung daran hatte saugen sehen. Verdammt, aber der liebe Gott war wirklich großzügig gewesen, was ihre Brüste betraf. Er schüttelte den Kopf und zwang sich, den Blick wieder auf ihr Gesicht zu richten, um es genauer zu betrachten.

Es stimmte, Dwyn Innes war kein wunderschönes Mädchen. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Sie hatte ein nettes Gesicht, eine kleine, gerade Nase und einen Mund, der weder voll und sinnlich noch klein und mittelmäßig war, sondern irgendwo dazwischen. Auch ihre Augen waren weder zu klein noch zu groß. Sie waren vielleicht durchschnittlich, aber von einem wunderschönen klaren Blau und, wie er bemerkt hatte, schienen sie regelrecht Funken zu sprühen, wenn Dwyn erheitert war.

Und dann war da ihr Haar. Sie trug es straff aus dem Gesicht gekämmt und am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengebunden, der so übergroß war wie ihre Brüste. Es schimmerte wunderschön hellgolden mit dunkleren Strähnen darin, und er hätte nur zu gerne gesehen, wie diese Pracht ihr Gesicht umschloss. Als Geordie dieses Bild vor sich sah, trug sie allerdings nicht das Kleid mit dem tiefen Ausschnitt. Vielmehr lag sie unter diesem Baum nackt im Gras, und ihre langen Haare breiteten sich um ihren üppigen verlockenden Körper herum aus.

Geordie bewegte sich unruhig auf dem Ast, auf dem er saß, als sein Körper auf dieses Bild reagierte. Seine Männlichkeit war aus ihrer Ruhe erwacht und begann, gegen sein Plaid zu drücken. Geordie beugte sich leicht nach vorn und legte einen Arm über seinen Schoß, um es zu verbergen. Er verharrte, als er begriff, dass er durch diese Position ihrem Gesicht sehr nahe kam, tatsächlich waren sie nur wenige Zoll voneinander entfernt. Nah genug, um sie zu küssen, dachte er unwillkürlich und griff hastig nach ihr, als sie plötzlich zurückzuckte und dabei von ihrem Ast zu fallen drohte.

»Vorsicht, Mädchen«, warnte er sie. Seine Stimme war ein heiseres Knurren. Er ließ sie sofort los, als keine Gefahr mehr bestand, dass sie herunterfallen würde. »Vielleicht sollten wir jetzt hinunterklettern«, schlug er vor.

»Aye«, pflichtete sie ihm bei. Ihr Gesicht hatte sich leicht gerötet, und ohne ein weiteres Wort stellte sie ihren Fuß auf den Ast, auf dem Geordie saß. Mit einer Hand stützte sie sich auf ihrem Ast ab und wollte aufstehen, als ein lauter Ruf zu ihnen heraufdrang.

»Dwyn!«

Sie erschraken beide, und Dwyn zuckte heftig zusammen. Er sah, wie ihre Augen sich alarmiert weiteten, als ihr Fuß vom Ast abrutschte und sie zu fallen begann. Instinktiv beugte Geordie sich nach vorn, packte sie um die Taille und zog sie hoch und auf seinen Schoß. Sie saßen wie erstarrt da, schienen nicht einmal mehr zu atmen, als zwei Frauen herankamen und unter dem Baum stehen blieben. Offensichtlich frustriert sahen sie sich auf der Obstwiese um. Beide waren groß und hübsch, hatten dunkle Haare und attraktive Gesichtszüge, die allerdings im Moment eher Ärger zeigten.

»Oje, wo mag sie nur sein?«, murmelte das Mädchen in dem hellen rosafarbenen Kleid gereizt.

»Sie versteckt sich wahrscheinlich irgendwo«, entgegnete ihre Begleiterin, die ein hellblaues Gewand trug, mit einem Seufzer. »Du weißt doch, wie schüchtern sie ist.«

»Aye, Aileen, aber darüber muss sie wegkommen, wenn sie jemals heiraten will. Wenn sie sich versteckt, wird sie nie einen Ehemann kriegen.«

»Du solltest ihr etwas Ruhe gönnen, Una«, entgegnete die Frau namens Aileen müde. »Im Moment ist sowieso keiner der unverheirateten Buchanan-Brüder hier. Außerdem haben wir ihr schon genügend zugesetzt, indem wir ihre Kleider enger gemacht haben. Sie kann in ihnen kaum noch atmen. Und ständig kneifen wir ihr in die Wangen, damit sie etwas Farbe bekommen. Ganz zu schweigen davon, dass dieses Miststück Lady Catriona und deren Freundin Lady Sasha sie piesacken. Ich kann es Dwyn nicht verübeln, wenn sie ein bisschen allein sein will.«

»Aye«, räumte das Mädchen namens Una jetzt ein und fragte dann grimmig: »Sie nennen sie jetzt Pferdegesicht, wusstest du das?«

»Wie bitte?«, fragte Aileen bestürzt.

»Aye, und sie haben auch angefangen, sie damit zu quälen, dass sie sie Whinnie nennen statt Dwyn.«

»Und ich dachte, ich hätte mich verhört, und sie hätten sie Dwynnie genannt.«

»Nein«, versicherte Una ihr. »Sie nennen sie Whinnie, und dabei machen sie ein Wiehern nach. Am liebsten würde ich ihnen ihre boshaften Augen auskratzen, weil sie so auf Dwyn herumhacken.«

»Sie sind wie Wölfinnen, die den Schwächsten in ihrem Rudel ausschnüffeln, ihn isolieren und dann über ihn herfallen«, sagte Aileen traurig. »Ich wünschte, Dwyn würde sich wehren.«

»Dazu ist sie zu nett«, sagte Una, wobei nett irgendwie angewidert klang. »Und du brauchst dir nicht die Mühe zu machen, ihr so was vorzuschlagen. Sie bringt es dann fertig, uns ein schlechtes Gewissen einzureden, nur weil wir wütend auf die beiden sind. Und sie wird sagen, dass die beiden vermutlich unglücklich sind und unser Mitgefühl brauchen.«

»Aye«, pflichtete Aileen ihr mit einem schwachen Lächeln bei und folgte Una, die sich vom Baum entfernte. »Ich sage dir, sie würde selbst für den Teufel Verständnis aufbringen, würde sie ihm begegnen.«

»Und ihm wahrscheinlich Met anbieten«, murmelte Una, während die beiden aus dem Blickfeld verschwanden und ihre Stimmen leiser wurden.

Dwyn verharrte reglos, als die Stimmen verklangen. Sie hatte kaum zu atmen gewagt, als ihre Schwestern unter dem Baum stehen geblieben waren, aber jetzt, nachdem die beiden fort waren, wurde ihr bewusst, dass sie sich sowieso nicht bewegen konnte. Ihr Rücken war fest gegen die Brust ihres Retters gepresst, und der Arm, den er um ihre Taille geschlungen hatte, fühlte sich wie ein eisernes Band unter ihren Brüsten an, das sie an Ort und Stelle festhielt … Und das – wurde ihr mit Bestürzung klar – hatte auch dafür gesorgt, dass ihre Brüste sich wieder aus dem Ausschnitt geschoben hatten. Jetzt war mehr als nur ein kleiner Teil der Brustwarzen zu sehen, auch wenn Dwyn nicht glaubte, dass der Mann das beabsichtigt hatte. Sie bezweifelte sogar, dass er bemerkte, was genau geschah. Oder sah er es doch?

Dwyn drehte den Kopf und neigte ihn so, dass sie den Mann ansehen konnte. Zu ihrer großen Erleichterung hatte er den Kopf abgewandt und blickte in die Richtung, in die ihre Schwestern verschwunden waren, als würde er warten, bis sie außer Sichtweite waren. Allerdings richtete er seinen Blick genau in diesem Moment nach unten auf sie und erstarrte, während der Druck seines Armes um ihre Taille stärker wurde. Was dazu führte, dass ihre Brüste noch mehr aus dem Kleid herausgequetscht wurden – und die Brustwarzen fast vollständig zu sehen waren.

Sowohl der Mann als auch Dwyn rührten sich einen Moment lang nicht. Sie errötete heftig und kämpfte darum, etwas zu sagen, um ihre Verlegenheit zu überspielen, als er plötzlich den Kopf senkte und seine Lippen auf ihre presste. Dwyn versteifte sich überrascht, als sein Mund erst nur kurz und dann noch einmal über ihren strich. Als er an ihrer Unterlippe zupfte und sanft daran zog, öffnete sie den Mund. Kaum hatte sie sich ihm geöffnet, bedeckte er ihren Mund ganz mit seinem. Dwyn keuchte auf, als sie seine Zunge in ihrem Mund spürte. Ihre Überraschung wich jedoch schnell und wurde von einem warmen Aufwallen von Erregung ersetzt, als seine Zunge ihren Mund zu erforschen begann.

Ohne zu wissen, was sie tat, reagierte Dwyn, oder sie versuchte es zumindest. Sie hatte keine Ahnung, was sie genau tun sollte, und bemühte sich, ihre Zunge aus dem Weg zu halten, während sich ihr Mund unter seinem bewegte. Er suchte jedoch nach ihrer Zunge, und als beide sich berührten, stöhnte Dwyn und entzog sich seinem Drängen nicht länger, sondern stieß sie seiner entgegen. Sie legte die Hände auf seinen Arm, der sie noch immer umschlungen hielt, und ihre Fingernägel bohrten sich in seine Haut, als sie seinen Kuss mit ihrem ganzen Sein erwiderte.

Jetzt war er es, der stöhnte, und einen Augenblick lang wurde der Kuss fordernder und begieriger. Es ist, als würde er versuchen, mich zu verschlingen, dachte Dwyn wie aus weiter Ferne und stellte fest, dass diese Vorstellung überhaupt nichts Bedrohliches hatte. Sie hob eine Hand und legte sie in seinen Nacken. Ihr Körper streckte und wand sich in seinem Griff, als sie versuchte, sich noch enger an ihn zu drücken – doch dann brach er den Kuss plötzlich ab und hob den Kopf.

Einen Moment lang starrte er sie nur an; sein heißer Blick glitt über ihr gerötetes Gesicht und wanderte zu ihren entblößten Brüsten. Dwyn folgte seinem Blick und sah, dass der dunkle Hof um die Brustwarzen sich zusammengezogen hatte und sich noch dunkler gefärbt hatte; die kleinen Knospen hatten sich verhärtet und ragten aus dessen Mitte wie Blumen, die das Sonnenlicht suchten.

Sie hatte dies kaum wahrgenommen, als der Mann plötzlich die Hände um ihre Taille legte, Dwyn herumdrehte und sie wieder auf ihren Ast setzte. Kaum spürte sie das harte Holz unter ihrem Gesäß, griff er nach ihrem Ausschnitt und zog ihn hoch, bis ihr Busen bedeckt war. Als er die Hände nicht sofort zurückzog, spürte sie die Wärme seiner Finger auf ihren Brüsten, die auf diese unbeabsichtigte Berührung höchst seltsam reagierten.

Dwyn atmete heftig, als er auf seine dunklen Hände starrte, die sich von ihrer hellen Haut abhoben. Als er plötzlich stöhnte, hob sie den Blick und sah, dass er die Augen geschlossen hatte und unter irgendetwas zu leiden schien.

»Ich – geht es Euch gut?«, fragte sie zitternd. Ihr Blick wanderte von seinem gequälten Gesichtsausdruck zu seinen Händen, die immer noch auf ihrem Busen lagen, und wieder zu ihm zurück. »Habt Ihr Euch verletzt, als Ihr mich hochgehoben habt? Ich weiß, dass ich schwer bin. Habt Ihr –« Sie hielt inne, und ihre Augen weiteten sich leicht, als seine sich plötzlich öffneten. Er sieht mich an wie eine köstliche Speise, nachdem er tagelang gehungert hat, dachte Dwyn. Dann zog er seine Hände abrupt weg – und verschwand. Sie starrte auf den leeren Ast vor sich, beugte sich vor und sah gerade in dem Moment nach unten, als der Mann leichtfüßig auf dem harten, festgetretenen Boden aufkam. Er griff nach dem Beutel, der neben dem Stamm gelegen hatte, und ging weg.

Dwyn sah ihm nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war, und lehnte sich mit einem zittrigen Seufzer zurück. Nun, war das nicht … Sie schüttelte leicht den Kopf und berührte mit den Fingern ihre immer noch prickelnden Lippen. Das war …

»Oje«, hauchte sie. Sie hatte gerade ihren ersten Kuss bekommen, und es war ziemlich schön gewesen. Zumindest glaubte sie das. Sie hielt es allerdings nicht für ein gutes Zeichen, dass der Mann einfach so fortgegangen war, und fragte sich, was es zu bedeuten hatte. Vielleicht hätte sie sich von ihm nicht küssen lassen sollen. Nicht, dass sie wirklich eine Wahl gehabt hatte, beschwichtigte sie sich. Es war irgendwie unerwartet gewesen, erst recht angesichts ihrer heiklen Position auf seinem Schoß –

Oh, hör auf damit, widersprach ihr Verstand sofort. Sie hatte ihn gar nicht aufhalten wollen, zumindest nicht mehr, seit seine Zunge in ihrem Mund gewesen war. Ab dem Moment hatte sie gewollt, dass er sie weiterküsste, und sie wünschte es sich auch jetzt noch, wie sie sich stirnrunzelnd eingestand. Wirklich, eigentlich wünschte sie sich, dass er immer noch da wäre, sie auf seinem Schoß hielt, sein Mund sich auf ihrem bewegte, seine Arme sie umfingen. Aber genau genommen wünschte sie sich, dass er noch mehr getan hätte. Sie war sich nicht sicher, was genau, aber … Ihre Hände hoben sich, schlossen sich beinahe beschützend über ihren Brüsten. Sie hatten geprickelt und waren hart geworden, als er sie geküsst hatte, und sie waren selbst jetzt noch seltsam empfindsam. Allein dadurch, dass sie sie durch den Stoff des Kleides hindurch mit ihren Handflächen streifte, begannen sie sofort wieder zu prickeln.

Sie ließ die Hände rasch sinken und drehte sich um, warf einen Blick über das Land jenseits der Mauer und versuchte, nicht an die seltsamen Empfindungen zu denken, die jetzt durch ihren Körper wirbelten. Oder daran, wer der Mann gewesen sein mochte. Und ob er sein Tun wiederholen würde, sollten sie sich in der Zeit, in der sie sich auf Buchanan aufhielt, noch einmal begegnen.

2

»Bruder!«

Geordie nickte seinem ältesten Bruder Aulay zu, als er sich dem Hohen Tisch näherte. Dort angekommen, beugte er sich zu seiner Schwägerin hinunter und küsste sie zur Begrüßung auf die Wange.

»Geordie! Wir haben uns schon gefragt, wo du steckst«, rief Jetta, sprang auf und umarmte ihn innig. Als sie sich von ihm löste und ihn ansah, fügte sie hinzu: »Wir hatten bis heute gar nicht mit dir gerechnet, aber dann hat der Stallmeister uns berichtet, dass heute Morgen dein Pferd im Stall gestanden hat.«

»Aye«, bestätigte Aulay ihre Worte und umarmte Geordie ebenfalls. Dann schlug er ihm freundschaftlich auf den Rücken und fragte: »Wo hast du letzte Nacht geschlafen?«

»Es war so voll in der Großen Halle, dass ich wusste, wir haben Besuch. Deshalb bin ich zur Obstwiese gegangen«, antwortete Geordie. Er ließ den Blick über die Gäste am Tisch schweifen; sie alle musterten ihn gespannt. Bis auf zwei, wie er bemerkte. Es waren die beiden Frauen, die auf der Obstwiese gewesen waren und Dwyn mit ihren höhnischen Bemerkungen verfolgt hatten. Jetzt wirkten sie sowohl ein wenig bestürzt als auch verdrossen. Vermutlich dachten sie an die höhnischen Blicke, mit denen sie ihn gemustert hatten, und bereuten jetzt ihr Verhalten.

»Eine gute Entscheidung«, sagte Aulay und zog damit Geordies Aufmerksamkeit wieder auf sich. »Ich fürchte, du hättest den Mädchen aus Innes einen gehörigen Schrecken eingejagt, wärst du einfach in dein Zimmer geplatzt.«

»Innes?« Er warf seinem Bruder einen scharfen Blick zu. »Dwyn?«

Aulay hob leicht die Brauen, aber er nickte. »Aye. Dwyn, Una und Aileen. Ihr Vater James schläft im Innenhof in seinem Reisezelt, aber den Mädchen haben wir gestern Abend dein Zimmer gegeben.«

Geordie hatte kein Reisezelt gesehen, als er den Burghof überquert hatte, aber es war auch spät und daher schon dunkel gewesen. Außerdem war er viel zu erschöpft gewesen, als dass er sich lange umgesehen hätte. Es war auch nicht wichtig. Seine Gedanken wurden ganz von der Vorstellung gefangen genommen, dass Dwyn gestern Nacht in seinem Bett geschlafen und ihr wundervolles Haar sich auf seinem Kissen ausgebreitet hatte, ihr Körper von seinen Laken und Fellen gewärmt worden war.

Als er merkte, dass seine Männlichkeit auf diese Gedanken reagierte, rückte er den Beutel, den er in der Hand hielt, etwas zurecht, um die wachsende Erregung in seinen Lenden zu verdecken. »Ich bin nur hereingekommen, um dich wissen zu lassen, dass ich zurück bin. Ich reite jetzt zum Loch, um mich zu waschen.«

»Ich werde dich begleiten. Wir müssen ohnehin miteinander reden«, erklärte Aulay und folgte Geordie dicht auf den Fersen, als der sich abwandte und wegging.

»Ich komme auch mit.«

Der eifrige Ruf Onkel Acairs veranlasste Geordie, sich noch einmal umzusehen, und er erhaschte einen Blick auf die in Jettas Gesicht aufflackernde Verzweiflung, weil es ihr ganz allein überlassen blieb, sich um die Gäste zu kümmern. Inzwischen war sein Onkel mit einer Geschwindigkeit aufgesprungen, die sein Alter Lügen strafte, um sich ihnen anzuschließen. Geordie warf seiner Schwägerin rasch einen entschuldigenden Blick zu, aber sie lächelte schon wieder und winkte sie weg. Sie hielt überrascht inne, als Aulay sich plötzlich umdrehte, zu ihr ging und sie küsste. Nicht rasch und flüchtig, sondern lang und tief. Jettas Gesicht hatte sich gerötet, und sie atmete schwer, als er sich nach dem Kuss von ihr löste.

Geordie schüttelte den Kopf und setzte seinen Weg fort, aber Aulay hatte ihn bereits eingeholt, als sie die Türen des Wohnturms erreichten. Die drei Männer schwiegen, während sie über den Burghof zu den Ställen gingen, um ihre Pferde zu holen. Erst, als sie den Loch erreicht und abgestiegen waren, ergriff Aulay das Wort.

»Ich schätze, du hast bemerkt, dass die meisten unserer Gäste Frauen sind«, begann sein Bruder.

»Aye«, bestätigte Geordie, während er die Zügel seines Pferdes an einem niedrigen Ast befestigte.

»Wie könnte er das nicht bemerken?«, knurrte Onkel Acair. »Im Moment kommen die Frauen aus allen Winkeln gekrochen. Es gibt im ganzen Wohnturm kein einziges Zimmer mehr, in dem ein Mann einen Augenblick Ruhe findet, ohne dass ihm kichernde Frauen auf den Fersen sind und Fragen stellen.« Seine nächsten Worten sprach er mit hoher Stimme, um die Frauen nachzuahmen: »Wer von den drei Brüdern sieht am besten aus, was meint Ihr? Wer ist der Stärkste? Welche Frau würde der hier wohl mögen? Oder der? Haben sie alle noch ihre Zähne? Welcher kämpft in einer Schlacht am tapfersten?« Er schüttelte den Kopf und sprach in seiner eigenen Tonlage weiter. »Das ist verdammt lästig.«

Geordie drehte sich zu seinem Bruder um und zog fragend eine Braue hoch.

Aulay wich dem Blick aus und verzog das Gesicht. »Es scheint, als wäret ihr drei – du, Rory und Alick – sehr begehrt«, murmelte er.

»Begehrt?«, johlte Acair amüsiert. »Sie werden gejagt, die drei.« Er durchbohrte Geordie regelrecht mit seinem Blick: »Wenn ich du wäre, Junge, würde ich wie der Teufel weglaufen, sonst wirst du schon bald von einem dieser Mädchen an die Kette gelegt.«

»Onkel«, knurrte Aulay gereizt. Er warf Geordie einen finsteren Blick zu: »Denk nicht mal dran, wegzulaufen. Seit mehreren Tagen habe ich eine Burg voller Frauen am Hals, und ich will, dass sie wieder verschwinden. Das werden sie aber erst tun, wenn du und deine Brüder euch eine ausgesucht oder euch wenigstens entschieden habt, dass ihr keine von denen wollt, und ihnen das mitteilt.«

Geordie stieß bei diesen Worten ein unwilliges Knurren aus und ging zum Wasser. Dort legte er rasch sein Plaid ab und schickte sich an, auch das Hemd auszuziehen. Doch dann hielt er inne und drehte sich zu Aulay um. »Wie zum Teufel kann es überhaupt sein, dass alle nach Buchanan gekommen sind?«

»Ah.« Aulay verzog das Gesicht. »Du erinnerst dich sicher daran, dass unsere Frauen und Saidh sich vor ein paar Monaten bei uns getroffen haben?«

Geordie nickte. Es war schwer, so etwas zu vergessen. Jetta hatte ihm, Aulay, Rory, Alick und Onkel Acair auf reizende, aber entschiedene Weise mitgeteilt, dass sie nicht willkommen wären und sich aus dem Staub machen sollten, während ihre Schwester und die Frauen ihrer Brüder ebenso wie Jo Sinclair und Annabel Mackay und deren Töchter zu Besuch kommen würden. Aulay hatte sie beim Wort genommen und Simon, seinem Zweiten Offizier, den Befehl über die Männer übertragen, während er, Geordie, Onkel Acair, Rory und Alick zur Jagdhütte aufgebrochen waren. Schon bald waren auch die übrigen Brüder zu ihnen gestoßen, ebenso wie MacDonnell, Sinclair und MacKay, die ihre Frauen nach Buchanan begleitet hatten, nur um dort freundlich, aber bestimmt von den Frauen weggeschickt zu werden.

Es war ziemlich voll in dem Jagdhaus geworden, und sie hatten viel geredet, gelacht und nächtelang getrunken. Den größten Teil eines Tages hatten sie dann damit verbracht, ihren Kater zu pflegen. Auf die Jagd waren sie deshalb so gut wie gar nicht gegangen. Aber der viele Alkohol war nötig gewesen, um des Nachts beim Schlafen den harten Boden als weniger unangenehm zu empfinden. Alles in allem war es jedoch eine schöne Zeit gewesen.

»Also«, stellte Aulay fest, »es scheint, als hätten sie sich über euch drei unterhalten – über dich und Rory und Alick – und darüber, wie sehr sie sich wünschen, dass ihr ebenfalls heiraten und euch irgendwo niederlassen würdet. Offensichtlich sind sie dabei auf die Idee gekommen, euch dabei irgendwie behilflich zu sein.«

»Gütiger Himmel«, hauchte Geordie.

»Aye«, bestätigte Acair grimmig.

»Und?«, fragte Geordie, als Aulay nicht sofort weitersprach. »Was haben sie getan? Wie zur Hölle hängt das damit zusammen, dass die Burg voller Frauen ist?«

»Offensichtlich haben sie eine Liste aller Frauen erstellt, die sie kennen und von denen sie wissen, dass sie ihre Verlobten verloren haben und verfügbar sind. Dann haben sie die Liste verkleinert, indem sie nur noch diejenigen draufgelassen haben, die das älteste Kind sind und keinen Bruder haben, der das Land oder den Titel erben wird. Und schließlich haben sie Briefe an die Väter dieser Kandidatinnen geschrieben, in denen sie darauf hingewiesen haben, welche Vorteile ihnen die Verheiratung ihrer Töchter mit einem Buchanan bringen würde.«

»Vorteile?«, fragte Geordie mit einiger Erheiterung. »Ich besitze nicht einmal einen eigenen Pisspott. Was für ein Vorteil soll das wohl sein?«

Aulay sah ihn finster an. »Unsere Eltern haben dir Münzen und ein Stück Land hinterlassen, wie jedem von uns Geschwistern. Du weißt, dass du nur danach fragen musst, um es zu bekommen.«

»Aye, aber ein paar Münzen und ein bisschen Land sind nicht das Zuhause, in das ich eine Frau bringen kann«, führte Geordie an.

»Das ist ja das Gute dabei.« Aulay grinste. »Nachdem die interessierten Lairds geantwortet hatten, haben unsere Frauen ihnen zurückgeschrieben und ihre Bedingungen genannt. Nach Buchanan eingeladen wurden nur die Lairds mitsamt ihren Töchtern, die bereit waren, ihren künftigen Schwiegersohn als Erben einzusetzen und zuzusichern, dass er der nächste Laird werden wird.«

»Und die Väter all dieser Frauen, die jetzt in der Burg sind, haben sich damit einverstanden erklärt?«, fragte Geordie ungläubig.

»Geordie, wir sind Buchanans, ein starker und stolzer Clan. Wenn du dir jetzt noch klarmachst, dass Niels und Edith Laird und Lady von Drummond sind, und Saidh und Greer Laird und Lady von MacDonnell, und Conran und Evina Laird und Lady von Maclean, und Dougall und seine Murine nicht nur Laird und Lady von Carmichael hier in Schottland, sondern auch von Danvries in England …« Er hielt kurz inne, um das alles in Geordie einsinken zu lassen, ehe er weitersprach. »Und da sind die Sinclairs und die MacKays noch nicht einmal mit eingerechnet, die unsere Freunde sind. Oder Evinas Vetter Gavin, der ihr gleichermaßen wie ein Bruder und Sohn und jetzt der Laird von MacLeod ist. Wenn irgendjemand von uns Hilfe braucht, würden sie alle sofort mit ihren Männern kommen und helfen. Wir verfügen jetzt nicht nur über einen beträchtlichen Einfluss, sondern wissen auch nicht weniger als acht starke und wohlhabende Clans hinter uns, sollten wir angegriffen werden.«

»Aye«, fügte Acair hinzu. »Viele würden gern Teil unseres Kreises sein und diese Sicherheit genießen. Ganz besonders Männer, die nicht mit männlichen Erben gesegnet sind und versuchen müssen, ihre Töchter und Ländereien vor gierigen Nachbarn zu schützen, die sich gern eines davon oder sogar beides mit Gewalt einverleiben würden.«

Geordie schüttelte den Kopf. So betrachtet war es verständlich, dass die Väter an einer solchen Eheschließung interessiert waren. Trotzdem … »Du willst doch wohl nicht sagen, dass die Frauen das alles an einem einzigen Wochenende gemacht haben? Briefe schreiben und hin und her schicken?«

»Nein. Die ersten Briefe haben sie an dem Wochenende losgeschickt, an dem sie sich getroffen haben. Und Jetta hat den anderen Frauen jedes Mal geschrieben, wenn ein Laird geantwortet hat, und die anderen haben ihr in ihren Briefen Vorschläge gemacht, wie sie weiter vorgehen könnten.« Er wölbte die Brauen. »Ist dir nicht aufgefallen, dass ich in den letzten paar Monaten fast täglich einen meiner Männer mit einer Nachricht von Jetta an die anderen Frauen losschicken musste?«

Geordie hatte dies vor seiner Reise zu seinem Bruder sehr wohl bemerkt, aber er hatte gedacht, dass es einfach nur nett war, wie gut Jetta sich mit den anderen Frauen verstand. Seufzend schüttelte er erneut den Kopf. »Ich würde gerne sagen, dass es nett von Jetta und den anderen ist, sich all diese Mühe zu machen …«

»Aber?«, drängte Aulay, als Geordie nicht weitersprach.

»Aber ich will noch nicht heiraten.«

»Geordie, du bist jetzt neunundzwanzig Jahre alt«, erklärte Aulay.

»Aye, aber ich war viel damit beschäftigt, allen anderen zu helfen … Zuerst sind wir wegen Murine und Dougall hierhin und dorthin gereist und dann wegen Edith und Niels und dann …« Er verzog das Gesicht. »Und die letzten sechs Wochen habe ich damit zugebracht, Gavin dabei zu helfen, sich auf MacLeod niederzulassen.«

»Wie ist das eigentlich gelaufen?«, wollte Aulay jetzt wissen.

»Gut«, versicherte Geordie ihm. »Der Onkel hatte die Burg mit seiner Spielsucht und so weiter ziemlich heruntergewirtschaftet, deshalb waren die Leute mehr als froh, dass sie Gavin als ihren neuen Laird begrüßen konnten. Ich glaube, die Thyftbote, die Evinas Vater in Gavins Namen als Gegenleistung dafür erhalten hat, dass er über das schwieg, was Garrick MacLeod seiner Frau Glenna angetan hat, hat geholfen. Es wird allerdings eine ganze Weile dauern, den Schaden zu reparieren, den der Onkel angerichtet hat. Und Evina und Conran werden dem jungen Gavin helfen, sich als Laird einzugewöhnen.«

Aulay nickte, dann legte er Geordie eine Hand auf die Schulter und drückte sie, bis sein Bruder ihn anschaute. »Ich weiß, dass du in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht hast, der Familie zu helfen, und ich bin mir sicher, dass du das Gefühl hast, dadurch Zeit dafür verloren zu haben, dir die Hörner abzustoßen. Ich beharre ja auch gar nicht darauf, dass du jetzt sofort heiratest. Aber es ist kein Schaden, dir die Frauen anzusehen und herauszufinden, ob eine von ihnen dich interessiert. Dir bleibt auch immer noch die Möglichkeit, einem Vertrag nur dann zuzustimmen, wenn die Hochzeit erst in sechs Monaten oder einem Jahr stattfindet. Dann bleibt dir immer noch genug Zeit, dir die Hörner abzustoßen. Dies ist eine einmalige Gelegenheit für dich, Geordie. Wenn du dich jetzt für eine der Frauen entscheidest, wirst du nicht nur eine Gemahlin bekommen, sondern auch eine Burg und eigene Leute.«

»Aye«, murmelte Geordie, runzelte dann die Stirn und fragte: »Wie weit weg ist Innes?«

Aulay hob überrascht die Brauen, aber er antwortete. »Etwa so weit weg wie MacDonnell, aber es liegt weiter nordöstlich.«

Geordie nickte gedankenvoll.

»Ich wusste nicht, dass du die Leute von Innes kennst«, sagte Aulay nach einem Moment.

»Oh, das tue ich auch nicht«, entgegnete Geordie, der jetzt sein Hemd auszog und auf das am Boden liegende Plaid warf.

»Aber als ich gesagt habe, dass die Mädchen aus Innes gestern Nacht in deinem Zimmer geschlafen haben, hast du Dwyn erwähnt«, meinte Aulay sichtlich verwirrt.

»Nein, ich kenne sie nicht«, versicherte Geordie ihm noch einmal fest.

»Ah, Dwyn«, seufzte Acair, der neben Geordie stand und jetzt sein Plaid ablegte. »Das ist wirklich ein gutes Mädchen mit einem prachtvollen Busen, der einen Mann nachts wärmen kann.«

Geordie warf seinem Onkel bei diesen Worten einen finsteren Blick zu, aber vor seinem geistigen Auge sah er Dwyns Brüste vor sich. Guter Gott, dieser Anblick, als er – nachdem Dwyns Schwestern weggegangen waren – nach unten geschaut hatte und ihre wunderschönen Brüste sich über seinem Arm aus ihrem Kleid geschoben hatten … Er schluckte, als er sich daran erinnerte. Sein Mund wurde wässerig, wie in dem Moment selbst, und seine Zunge prickelte bei der Vorstellung, über die süßen Knospen ihrer dunklen Brustwarzen zu lecken und sie in den Mund zu nehmen. Geordie konnte sich immer noch nicht erklären, warum er sich zurückgehalten und nicht einfach seine Hände um die beiden vollen Rundungen gelegt und die süße Fülle geknetet hatte. Aber er hatte sich zurückgehalten.

Allerdings nicht, was das Küssen betraf. Und er wollte verdammt sein, wenn Dwyn seinen Kuss nicht erwidert hatte. Das Mädchen hatte sich zuerst unbeholfen angestellt, offensichtlich war sie unerfahren, aber sie hatte rasch gelernt. Das leise, lustvolle Stöhnen schon allein als Reaktion auf den Kuss hatte ihn fast dazu gebracht, sehr viel mehr zu tun. Als Geordie angefangen hatte, darüber nachzudenken, wie er sie von diesem Baum schaffen könnte, ohne dass sie aufhören mussten, sich zu küssen, hatte er gewusst, dass es Zeit war, das alles zu beenden und so schnell wie möglich von ihr wegzukommen. Er war also völlig abrupt verschwunden … Und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er nicht einmal geblieben war, um ihr vom Baum herunterzuhelfen.

»Na ja, du behauptest zwar, sie nicht zu kennen, aber es sieht ganz so aus, als würdest du das gern«, sagte Aulay trocken.

Geordie sah ihn verwirrt an, dann folgte er dem Blick seines Bruders hinunter zu seinen Lenden und bemerkte, dass seine Männlichkeit sich aufgerichtet hatte und bei den Gedanken, die ihm gerade durch den Kopf gegangen waren, aufgeregt zuckte. Fluchend drehte Geordie sich um, stapfte ins eiskalte Wasser des Lochs und tauchte unter. Dwyn war nicht die Frau, an der er sich die Hörner abstoßen konnte … aber er wünschte, er könnte es.

»Na gut«, sagte Acair gedehnt, während er und Aulay zusahen, wie Geordie vom Ufer wegschwamm. »Obwohl er behauptet, dass er noch nicht zum Heiraten bereit ist, denke ich, dass er an der kleinen Dwyn interessiert sein könnte.«

»Aye«, pflichtete Aulay ihm bei. »Es wäre also gut, wenn du in Zukunft davon absiehst, weitere Bemerkungen über ihren Busen zu machen. Er wirkte ganz und gar nicht erfreut, als du das erwähnt hast.«

»Entweder das oder ich könnte das Mädchen selbst umwerben«, sagte Acair, während sich ein Lächeln langsam in seinem Gesicht ausbreitete.

»Was?« Aulay drehte sich zu ihm um und sah ihn überrascht an.

»Na ja, ich bin auch ein Buchanan, Junge. Und sowohl unverheiratet als auch ohne Burg. Ich habe noch ein oder zwei gute Jahrzehnte vor mir und könnte genug Energie aufbringen, um ein oder zwei Kinder in den Bauch einer Frau zu pflanzen.« Er grinste plötzlich und fügte hinzu: »Zumindest wird das meine Geschichte sein, mit der ich Geordie davon überzeugen möchte, dass es einen Mitbewerber gibt. Es ist immer gut, einen Kerl wissen zu lassen, dass er nicht die einzige Möglichkeit ist, die eine Frau hat. Führt dazu, dass er sie mehr wertschätzt. Denk daran, wie es bei Dougall war, als auch die anderen Jungs Murine gern geheiratet hätten, um sie zu retten.«

»Aye.« Aulay schüttelte nachdenklich den Kopf. »Aber du musst Mavis einweihen. Sonst tötet sie aus Eifersucht noch euch beide.«

Acair versteifte sich. »Du weißt von mir und Mavis?«

»Natürlich.«

Acair runzelte die Stirn und sah zu Geordie hin. »Denkst du, Geordie weiß es auch?«

»Das bezweifle ich«, sagte Aulay nach einem Moment. Dann räumte er ein: »Ich weiß es auch nur, weil Jetta es herausgefunden und mir gesagt hat. Ich glaube nicht, dass sie es ihm gegenüber erwähnt hat. Sie würde deine Privatsphäre niemals verletzen.«

»Gut«, sagte Acair zufrieden. »Dann werde ich so tun, als würde ich das Mädchen umwerben.«

»Was ist mit Mavis?«, fragte Aulay. »Wirst du ihr alles erklären, damit sie nicht eifersüchtig ist?«

Acair dachte eine Weile darüber nach, dann schüttelte er den Kopf. »Nein, es ist besser, wenn ich es ihr nicht sage. Nur für den Fall, dass Geordie doch von ihr weiß. Er würde dann erwarten, dass sie eifersüchtig ist, und meine Mavis würde nicht mal lügen, um ihre Seele zu retten. Abgesehen davon«, fügte er trocken hinzu, »ist sie in letzter Zeit ein bisschen reizbar mir gegenüber geworden, und ich denke, es kann nicht schaden, auch sie daran zu erinnern, dass ich andere Möglichkeiten habe.«

Aulay hob beide Brauen, als er das hörte, und schüttelte den Kopf. »Tu, was du tun willst, aber nach meiner Erfahrung gibt es nichts, was eine Frau bitterer und gefährlicher macht, als von einem Liebhaber verschmäht zu werden. Ich würde also an deiner Stelle gut auf mich achtgeben, wenn du vorgibst, Dwyn zu umwerben.«

Acair zuckte unbesorgt mit den Schultern, zog sein Hemd aus und folgte Geordie ins Wasser.

»Da bist du ja!«

Dwyn machte sich nicht die Mühe, vom Buch hochzusehen, in dem sie gelesen hatte, als ihre Schwestern ins Zimmer gestürmt kamen. Als Aileen ihr dann das Buch aus der Hand riss, schnappte sie allerdings überrascht nach Luft, setzte sich abrupt auf und rief: »Schlag die Seite nicht zu!«

»Oh, das tue ich nicht«, sagte Aileen mit einem Anflug von Frustration und nahm das Stück Leinen, das Dwyn als Lesezeichen benutzte, aus dem vorderen Teil des Buches und legte es zwischen die Seiten.

»Ehrlich, Dwyn«, murmelte Una, griff nach Dwyns Hand und zog ihre Schwester vom Bett hoch. »Wir sind tagelang gereist, um hierherzukommen und dir einen Ehemann zu besorgen, und was tust du? Du versteckst dich in dieser Kammer, liegst den ganzen Tag auf dem Bett und liest Bücher.«

»Es sind die Kreuzzugs-Gedichte von Gille Brighade Albanach«, erklärte Dwyn und sah besorgt zu, wie Aileen das Buch vorsichtig auf den Tisch legte. »Das haben wir auf Innes nicht.«

»Wir haben auf Innes auch keine Männer. Zumindest keinen, den du heiraten könntest. Und genau deshalb sind wir hier«, machte Una klar. »Und jetzt lass dich anschauen.«

Seufzend stand Dwyn still und ließ sich von ihren Schwestern begutachten. Es überraschte sie nicht, dass beide eine missmutige Miene machten.

»Warum trägst du dieses Kleid?«, fauchte Una.

»Es ist das einzige, in dem ich Luft holen kann, ohne dass meine Brüste ständig herausquellen«, erklärte Dwyn unglücklich.

»Nun, das ist dumm. Denn das hier hast du während der Reise getragen, und jetzt ist es schmutzig. Das kannst du unmöglich zum Abendessen anziehen«, sagte Una fest. »Aileen, hol ihr ein sauberes Kleid. Das rosarote, darin sieht sie hübsch aus.«

»Oh, nein«, rief Dwyn und riss alarmiert die Augen auf. Nachdem es ihr gelungen war, ungesehen in den Wohnturm zurückzuschleichen, hatte sie ihre Kleider einer Durchsicht unterzogen. Nicht ein einziges davon passte, aber das rosarote war das schlimmste. Wenn sie mehr als nur oberflächlich atmete, quollen unweigerlich ihre Brüste aus dem Ausschnitt – was sie an eine Wühlmaus denken ließ, die sich aus ihrem Loch traute und sich mit großen Augen umsah.

»Oh doch«, beharrte Una. »Es passt hervorragend zu deinem Teint. Und da wir gerade davon sprechen –«

»Au!« Dwyn machte einen Satz zurück und funkelte ihre Schwester böse an, nachdem die sie plötzlich schmerzhaft in die Wangen gekniffen hatte.

»Ich versuche nur, dir etwas mehr Farbe zu geben«, sagte Una verzweifelt.

»Sei nicht so wütend, Dwyn«, mischte sich Aileen ein und hielt ihr das rosarote Kleid hin. »Wir versuchen nur, dir einen Ehemann zu besorgen. Wir beide fühlen uns einfach schlecht, weil wir verlobt sind und du –«

»Na schön«, unterbrach Dwyn sie seufzend und schüttelte den Kopf, während sie anfing, die Schnüre des Kleides zu lösen, das sie trug. Ihre Schwestern, die beide jünger waren als sie, taten so, als wäre es das Ende der Welt, wenn sie nicht heiratete. Keine von ihnen verstand ihre Haltung in dieser Angelegenheit und wieso sie nicht alles tat, um einen Gemahl zu finden, aber sie kannte ihren Wert. Sie war eine gute Frau, und sie war nicht hässlich, zumindest glaubte sie das nicht. Aber sie war auch nicht hübsch, nicht auf die Weise jedenfalls, die Blicke auf sich zog, im Gegensatz zu den reizenderen Frauen hier auf Buchanan. Die einzige Möglichkeit, wie sie an einen Ehemann geraten konnte, bestand vermutlich darin, dass einer nach Innes kam und dort aus irgendeinem Grund eine Weile blieb. Wenn man sie erst kannte … Natürlich war es unwahrscheinlich, dass so etwas passierte, also hatte sie sich damit abgefunden, als alte Jungfer zu enden, vielleicht eines fernen Tages sogar ins Kloster zu gehen. Aber da es ihren Schwestern so viel bedeutete, würde sie dieses rosarote Kleid tragen … und hoffte, dass sie nicht aus Mangel an Luft ohnmächtig wurde oder sich und ihre Familie demütigte, indem ihre Brüste voll und ganz aus dem Ausschnitt rutschten.

»So«, sagte Aileen einige Momente später, als sie damit fertig war, bei den Schnüren zu helfen. Sie trat einen Schritt zurück, um Dwyn zu begutachten.

»Das Kleid sieht hübsch aus«, sagte Una schließlich. »Aber …«

»Ihre Haare«, sprach Aileen an ihrer Stelle weiter, und ihre Schwester nickte.

»Oh! Nein, wartet!« Dwyn hob die Hände, um ihren Kopf zu schützen.

»Nein. Du hast so schöne Haare, Schwester. Du solltest sie zeigen und nicht so verstecken – oh«, sagte Una überrascht, als sie einige Nadeln aus Dwyns Haaren zog. Goldene Strähnen lösten sich und fielen Dwyn lang über den Rücken.

»Oje«, hauchte Aileen. »Sie sind so lang. Wann sind sie so lang geworden?«

Una schüttelte den Kopf und wandte sich zum Gehen. »Ich hole die Bürste.«

»Sie sind wundervoll, Dwyn«, sagte Aileen ernst, nahm einige Strähnen in die Hand und zog sie zur Seite, bevor sie sie wieder sinken ließ. »Wieso trägst du sie nie offen? Ich glaube, ich habe sie seit Jahren nicht mehr gesehen, nicht einmal, wenn ich zu dir gekommen bin, um dich morgens zu wecken.«

»Ich habe sie nie heruntergelassen«, sagte Dwyn mit einem verzweifelten Seufzer. »Sie sind lockig und verknoten sich schrecklich, wenn ich sie nicht zu einem Knoten feststecke.«

»Sie sind längst zu schwer, um sich noch zu locken. Jetzt liegen sie in hübschen Wellen«, erklärte Una, als sie mit einer Bürste zurückkehrte. Sie reichte sie Aileen, die sie in die Hand nahm, während sie das Lederband löste, mit dem Dwyn ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst hatte. Sie begann, die Haare zu bürsten. »Warum hast du sie nicht abgeschnitten, wenn du sie so lang gar nicht magst?«, fragte sie.

Dwyn verzog das Gesicht. »Ich musste Mutter versprechen, sie niemals abzuschneiden. Sie sagte, ich würde ihr eines Tages dafür dankbar sein, aber …« Sie zuckte mit den Schultern.

»Oh, Catriona und Sasha werden sich an ihrer eigenen Zunge verschlucken, wenn sie Dwyn so sehen«, sagte Aileen aufgeregt, als sie einige Zeit später das Ergebnis ihrer Bemühungen betrachtete.

»Aye«, bestätigte Una zufrieden, begegnete Dwyns Blick und meinte: »Du siehst hübsch aus.«

Dwyn schüttelte nur den Kopf. Ihr Gesicht war immer noch das gleiche, nur das Drumherum hatte sich geändert. Ihre Haare waren eine weitere Ablenkung, so wie ihre Brüste. Der einzige Unterschied war, dass sie ihre Brüste jetzt unter ihren Haaren verstecken konnte, wenn sie herausrutschten.

3

»Guter Gott im Himmel.«

Geordie sah bei dieser Bemerkung seines Onkels auf und folgte dessen Blick zur Treppe. Drei Frauen kamen die Stufen herunter, und er brauchte einen Moment, um Dwyns Schwestern wiederzuerkennen, Una und Aileen. Die andere Frau kannte er nicht, aber als er ihre langen Haare sah, die ihr über den Rücken strömten, verengten sich seine Augen. Ihr Haar war eine Pracht, es reichte ihr bis zu den Knien, war ein schimmernder Vorhang aus hellem Gold, der ein Eigenleben zu haben schien, wie er so hin und her schwang.

»Ein Mann muss sich wie im siebten Himmel fühlen, mit diesen Brüsten an seiner Brust und eingehüllt in diese herrlichen Haare«, knurrte Acair und sprang auf, um die Halle zu durchqueren.

Geordie runzelte die Stirn, während sein Blick zu den Brüsten der Blonden wanderte, und seine Augen weiteten sich, als er sie jetzt wiedererkannte. Die großen, vollen Brüste gaben sich gerade alle Mühe, dem rosaroten Kleid zu entkommen, in das sie gezwängt worden waren, und er wusste sofort, dass es Dwyn war. Geordie richtete den Blick auf ihr Gesicht, beinahe beschämt, dass er als Erstes ihre Brüste wiedererkannt hatte.

»Dwyn sieht mit den langen Haaren richtig hübsch aus, aber wieso verhält sich Onkel Acair so seltsam?«, fragte Jetta neben ihm.

»Er hat beschlossen, Dwyn den Hof zu machen«, sagte Aulay langsam und erheitert.

»Was?«, fragte Jetta überrascht.

»Was?«, rief Geordie zur gleichen Zeit aus.

Aulay zuckte mit den Schultern und richtete den Blick auf Geordie, als er sagte: »Du hast gesagt, dass du sie nicht kennst und noch nicht so weit bist, sesshaft zu werden. Abgesehen davon ist er ebenfalls ein unverheirateter Buchanan. Und er dachte, dass ihm eine eigene Burg auch gefallen würde.«

»Oh.« Jetta runzelte die Stirn. »Ich hatte nicht daran gedacht, ihn einzuschließen, denn, na ja, was ist mit Mav–«

»Mavis«, sagte Aulay plötzlich und lächelte über Geordie hinweg; als er sich umdrehte, sah er die ältere Dienerin hinter sich stehen. Sie hielt einen Krug Bier in der Hand und hatte einen harten Ausdruck im Gesicht, während sie zusah, wie Acair sich vorbeugte und Dwyns Hand hob, um einen Kuss darauf zu drücken. Als er sich dabei vorbeugte, kam sein Kopf Dwyns Brüsten gefährlich nah, wie Geordie missbilligend bemerkte.

»Oh, Mavis«, hörte er Jetta mitfühlend sagen. Als er sich umschaute, sah er die ältere Frau zur Küche laufen, den vollen Krug noch immer in der Hand. Jetta folgte ihr mit besorgter Miene, und Geordie wandte sich mit finsterem Blick an seinen Bruder.

»Sieh mich nicht so an«, wehrte Aulay sich und hob die Hände. »Ich habe nichts getan.«

»Du weißt, dass Acair und Mavis –«

»Ich weiß«, bestätigte er. »Aber ich wusste nicht, dass irgendwer sonst es weiß.«

»Alle wissen es«, sagte Geordie schwer.

»Aye, nun, sie sind nicht verheiratet, so wenig wie du und die kleine Katie es wart.«

»Was soll denn das nun wieder heißen?«, fragte Geordie und spannte sich an.

»Nichts«, entgegnete Aulay sofort und seufzte. »Es ist nur so, dass Liebschaften mit Bediensteten selten lange andauern, und Onkel Acair ist ebenso ein Adeliger wie wir. Es gibt keinen Grund, warum er nicht heiraten und Laird von Innes werden könnte, wenn er das wünscht.«

»Mavis ist nicht nur eine Bedienstete«, hielt Geordie dagegen. »Sie ist wie eine Mutter für uns, seit unsere eigene Mutter gestorben ist. Eigentlich schon vorher. Sie war immer wie eine zweite Mutter für uns.«

»Aber sie war nicht unsere Mutter, und sie ist nicht mit Acair verheiratet«, hielt Aulay ernst dagegen. »Es steht ihm frei, zu umwerben, wen er will.«

Geordie öffnete schon den Mund zu einer Antwort, hielt aber inne, als er die Stimme seines Onkels neben sich hörte.

»So, Mädchen. Setzt Euch einfach hier neben mich. Ich werde Euch von einer Dienerin etwas zu trinken kommen lassen.«

Geordie sah sich finster dreinblickend zu seinem Onkel um und fragte gehässig: »Warum fragst du nicht Mavis? Sie war eben noch mit einem Krug Bier hier.«

»Nun, jetzt ist sie aber nicht hier, also – Katie, Liebes«, rief er und lächelte an Geordie vorbei. »Sei bitte so gut und hole dieser reizenden Lady etwas zu trinken.«

Geordie warf einen Blick über die Schulter und sah, dass die dunkelhaarige Dienerin zur Küche eilte. Er drehte sich wieder zum Tisch um und musterte Dwyn. Die Aufmerksamkeit seines Onkels schien sie nervös zu machen, denn sie hielt den Blick scheu gesenkt, und ihr Gesicht hatte fast die gleiche rosarote Farbe wie ihr Kleid. Es bestand kein Zweifel daran, dass sie erleichtert war, als ihre Schwestern von ihrem Gespräch mit ihrem Vater zurückkehrten und sich auf ihre andere Seite setzten. Um ihnen Platz zu machen, mussten Lady Catriona Lockart und Lady Sasha Kennedy auf der Bank ein Stück weiterrutschen. Die Schwester, die Una hieß, hatte allerdings keine Probleme, sie darum zu bitten. Geordie war sich fast sicher, dass die anderen beiden Frauen dagegen protestieren würden – beide hatten ziemlich gehässige Mienen –, aber dann bemerkten sie, dass er zusah, und Catriona lächelte und stieß Sasha an, drängte sie zur Seite, bevor sie sich zu ihr beugte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. Sashas Blick schoss für einen kurzen Moment in seine Richtung, während sie auf der Bank ein Stück weiterrutschte.

Geordie knurrte und nahm sich vor, Alick und Rory vor diesen beiden Frauen zu warnen. Sie waren zwar hübsch anzusehen, aber er konnte jeden Mann, der eine von ihnen zur Ehefrau bekam, nur bemitleiden. Und er wollte verdammt sein, würde er eine dieser Giftschlangen in seiner Familie dulden. Was für eine Art Frau machte sich einen Spaß daraus, eine andere zu verhöhnen und zu quälen? Die Frauen seiner Brüder würden sie hassen.

»Bitte sehr, Mylady.«

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Ein Highlander in Nöten" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen