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Ein Königreich für die Leidenschaft

1. KAPITEL

„Was? Wie kommst du auf die Idee, dass ich sie heiraten muss?“ AJ Rahia versuchte die Stimme zu dämpfen und sah sich kurz um. Nur wenige Meter entfernt von ihm stand die Frau, von der die Rede war. Wie alle Gäste, die zu dieser Trauerfeier gekommen waren, war sie schlicht und elegant gekleidet.

Traurig lächelnd ergriff AJs Mutter seine Hand. „Das ist deine Pflicht, mein Sohn. Wenn der König stirbt, muss einer seiner Brüder die Nachfolge antreten und die königliche Witwe heiraten.“

Plötzlich hatte AJ das Gefühl, als rückten die Wände des alten Palastes näher an ihn heran. „Das ist doch lächerlich. Schließlich leben wir im einundzwanzigsten Jahrhundert. Außerdem bin ich absolut sicher, dass sie mich genauso wenig heiraten will wie ich sie.“ Er zwang sich, sich nicht nach der hübschen jungen Witwe umzudrehen, die er seit ihrer Hochzeit fünf Jahre zuvor nicht mehr gesehen hatte.

Während die Mutter ihm liebevoll die Hand drückte, sagte sie leise, wenn auch nachdrücklich: „Sie ist sanft und schön.“

„Aber Mutter!“

„Und ich habe keinen anderen Sohn außer dir.“

Wieder empfand AJ dieses unbestimmte Schuldgefühl – wie jedes Mal, wenn er nach Rahiri zurückkehrte. Nach seiner Geburt, die offenbar sehr schwer gewesen war, hatte seine Mutter keine Kinder mehr bekommen können. Dass er das Rückflugticket nach Los Angeles bereits in der Tasche hatte, hatte er der Mutter bisher verschwiegen, und sogleich meldete sich sein schlechtes Gewissen. Eigentlich war er nur zur Trauerfeier gekommen, wenn man diese Veranstaltung überhaupt eine Trauerfeier nennen konnte, fand sie doch ohne den Leichnam statt.

„Bestimmt wird sie erst mal trauern und nicht an eine erneute Heirat denken.“ Zärtlich legte er der Mutter den Arm um die Schultern. „Und danach findest du sicher den richtigen Mann für sie.“

„Einen König kann man nicht suchen.“ Eindringlich sah die Mutter ihn an. „Zum König wird man geboren.“

„Aber ich wurde nicht als König geboren. Sondern um Actionfilme zu drehen, was ausgesprochen gut bezahlt wird.“

Doch seine Mutter winkte nur ab. „Ja, ja, aber für diesen Kinderkram bist du doch allmählich wirklich zu alt. Komm nach Hause, mein Sohn. Hier gehörst du hin, und wir brauchen dich.“

Die Last drückte immer mehr auf AJs Schultern. „Um das Land zu regieren? Kein Interesse. Was ist mit Cousin Ainu? Er hält sich doch für eine erstklassige Führungspersönlichkeit und wird die Aufgabe bestimmt mit großer Begeisterung übernehmen.“

Allmählich wurde seine Mutter ungehalten. „Seit Menschengedenken haben die Rahias das Land Rahiri regiert. Diese Tradition muss unbedingt aufrechterhalten werden.“

„Aber manchmal wirkt sich ein Wechsel sehr positiv aus.“ Leider klang das nicht ganz so überzeugend, wie AJ gehofft hatte. „Neue Besen kehren gut, und das Alte …“ Entsetzt sah er, wie der Mutter die Tränen in die kohlschwarzen Augen traten. „Entschuldige, das war sehr unsensibel von mir“, stieß er schnell hervor. „Natürlich wollte ich damit nicht sagen, dass Vanus Tod …“

Etwas Positives ist? Allerdings war das sein erster Gedanke gewesen, als er vom Tod seines Bruders gehört hatte. Andererseits wurde jetzt von ihm erwartet, dass er in dessen Fußstapfen trat – sehr schmale Fußstapfen wohlgemerkt, denn der Bruder hatte immer nur die teuersten Designerschuhe getragen –, und das war alles andere als positiv.

„Ich weiß, mein Kind. Du bist sehr direkt und musst das sagen, was dir gerade durch den Kopf geht. Du warst schon immer so: schwer zu bändigen und ein freier Geist …“

„Und vollkommen ungeeignet, König zu sein.“ Ganz so wild, wie man immer sagte, war er als Kind nicht gewesen. Aber dieser Ruf hing ihm an, und das war in der jetzigen Situation vielleicht von Vorteil.

„Komm, sprich mit Lani.“ Seine Mutter blieb eisern. Sie packte den Sohn mit festem Griff und zog ihn mit sich, bis sie vor der jungen Witwe standen. „Lani, du erinnerst dich doch noch an AJ? Vanus jüngeren Bruder?“

Mit weit aufgerissenen Augen starrte Lani ihn an, dann senkte sie schnell den Blick und setzte ein gezwungenes Lächeln auf. „Ja … ja, natürlich. Schön, dich wiederzusehen.“

Sie wusste, was auf sie zukam, und war entsetzt.

Als AJ ihre Hand in seine nahm, spürte er, dass sie zitterte. Schmal und aufrecht stand Lani vor ihm und sah ihn an. Wie es die Tradition vorschrieb, trug sie ein langes blaues Trauergewand, das Haar fiel ihr glatt über den Rücken. An ihre goldbraunen Augen konnte er sich noch gut erinnern, nicht aber an den gequälten Ausdruck, der darin lag. „Es tut mir so leid …“, sagte er leise und wandte den Blick ab, wie es die Höflichkeit erforderte. Außerdem war es für sein Seelenleben besser, denn Lani Rahia war eine ausgesprochene Schönheit.

Ihren ebenmäßigen Gesichtszügen war anzusehen, dass sie rahirische und amerikanische Vorfahren hatte. Die helle, klare Haut bot einen reizvollen Kontrast zu dem schweren dunkelbraunen Haar, das in der Sonne bisweilen kupfergolden schimmerte. Dass sein Bruder – oder war es vielleicht eher die Mutter gewesen? – sie zu seiner Königin gemacht hatte, obgleich sie aus bescheidenen Verhältnissen kam, konnte AJ nur zu gut verstehen.

Dennoch hatte er keineswegs die Absicht, den Platz seines Bruders einzunehmen und ihr König zu werden.

Ohne dass es Lani bewusst war, entzog sie AJ die Hand und strich sich nervös über die Hüfte. Wenn sie daran dachte, dass diese kurze Berührung erst der Beginn von ganz anderen Intimitäten war, wurde ihr elend. Denn ihr war klar, was man von ihr erwartete. Sie sollte den jüngeren Bruder ihres verschwundenen Mannes heiraten.

Immerhin war er höflich genug, sie nicht direkt anzusehen, wie es für Amerikaner sonst üblich war. Zwar war er kein Amerikaner, aber er hatte die ganze Zeit, die sie mit seinem Bruder verheiratet gewesen war, in Los Angeles gelebt. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er größer als sein Bruder war und auch kräftiger gebaut. Eigentlich sah er doch ganz freundlich aus. Aber sie wusste nur zu gut, wie leicht das Äußere täuschen konnte.

„Vanus plötzliches Verschwinden muss ein furchtbarer Schock für dich gewesen sein.“ AJs tiefe Stimme riss Lani aus ihren Gedanken. Verwirrt blickte sie ihn an.

Doch dann fasste sie sich. „Ja, schrecklich. Er war spätnachts noch mal rausgegangen, um über Verschiedenes nachzudenken, wie er sagte. Und ist nicht zurückgekehrt.“ Zitternd vor Angst hatte sie im Bett gelegen und auf seine Rückkehr gewartet. Denn er wolle „noch den Job beenden“, hatte er gedroht und sie dabei kalt angesehen. Und sie hatte steif vor Schrecken die Minuten und dann die Stunden gezählt, aber er war nicht zurückgekommen. Erst als die Vögel in der Morgendämmerung angefangen hatten zu singen, hatte sie sich langsam aus ihrer Erstarrung gelöst.

„Es muss schlimm sein, nicht zu wissen, was eigentlich passiert ist.“ AJs Stimme klang weich vor Mitgefühl, was Lani seltsam berührte. AJ … was war das überhaupt für ein Name?! Da er von allen nur AJ genannt wurde, hatte sie keine Ahnung, wie er wirklich hieß.

„Wir wissen immer noch nicht, was passiert ist.“ Ihre Schwiegermutter tupfte sich die Augen trocken. „Aber nach drei Monaten …“, sie schniefte leise, „nach drei Monaten muss ein Nachfolger ernannt werden.“

Lani überlief es eiskalt. Nur zu genau wusste sie, was das bedeutete. Nach rahirischer Tradition musste der Nachfolger sie heiraten. Ursprünglich hatte dadurch verhindert werden sollen, dass zwischen den Kindern des verstorbenen Königs und seinen Geschwistern ein Streit um die Thronfolge entbrannte. Aber Lani hatte keine Kinder.

„Drei Monate … da haben wir ja noch einen Monat Zeit“, meinte AJ. „Und wenn der König keine Geschwister hat, wer erbt dann den Thron?“

Wieder betupfte seine Mutter sich die Augen. „Das hat es noch nie gegeben. Die Familie Rahia ist dafür bekannt, sehr fruchtbar zu sein. Wenigstens meistens.“ Aufschluchzend drückte sie sich das Taschentuch an die Lippen.

„Aber Mom, nun beruhige dich doch.“ AJ legte ihr den Arm um die Schultern und drückte sie kurz an sich. „Wir finden eine Lösung, ganz bestimmt.“ Bei seiner zärtlichen Geste wurde Lani ganz warm ums Herz.

Unter Tränen lächelnd, sah die Mutter ihn an. „Danke, mein Sohn. Aber willst du nicht mit Lani auf die Terrasse gehen? Sie kann sicher eine kleine Verschnaufpause gebrauchen. Erst die Trauerfeier und dann die vielen Leute …“

AJ sah seine zierliche Schwägerin an, und ihr wurde der Mund trocken. Lieber wäre sie der Trauergemeinde weiter ausgeliefert gewesen als mit ihm, ihrem zukünftigen Mann, allein zu sein. Doch als AJ ihr den Arm bot und sagte: „Wie ist es, möchtest du …?“, hatte sie keine andere Wahl. Sie legte ihm die Hand auf den Arm, der kräftig und muskulös und nicht so sehnig und hart war wie der ihres Mannes, und nickte zögernd.

„Gut. Dann entschuldige uns bitte, Mutter.“

„Aber selbstverständlich.“ Priia strahlte. Alles lief nach Plan.

Während Lani mit AJ den Saal durchquerte, versuchte sie, eine neutrale Miene aufzusetzen. Erwarteten all diese Menschen tatsächlich, dass sie den Mann an ihrer Seite heiratete? Sahen sie schon den künftigen König vor sich, während der alte gerade erst gestorben war? Das heißt, vielleicht war er gar nicht tot. Schließlich war sein Leichnam nie gefunden worden. Oder sein Boot.

„Ich muss mich für meine Mutter entschuldigen“, murmelte AJ, als sie in den weiten kühlen Gang traten und ihre Schritte auf den weißen Marmorfliesen widerhallten. Behutsam löste er Lanis Arm von seinem.

Was ging in ihm vor? Leicht verwirrt sah sie ihn an. „Sie hat sicher nur die besten Absichten.“

„Meinst du denn, dass das wirklich das Beste ist?“ Fragend richtete er die braunen Augen auf sie.

„Ich weiß es nicht“, stieß sie leise hervor. „In diesen Dingen habe ich keine Erfahrung.“ Und einem rahirischen Prinzen gegenüber würde sie es nicht wagen, die Richtigkeit dieser alten Tradition anzuzweifeln. Denn wenn er seinem Bruder ähnelte, würde er sie sofort streng zurechtweisen.

„Aber du bist doch eine erwachsene Frau mit einer eigenen Meinung. Findest du es normal, jemanden zu heiraten, den du nicht kennst?“

„Vanu habe ich auch nur dreimal gesehen, bevor ich ihn geheiratet habe“, sagte sie, rot vor Verlegenheit.

„Dann hat meine Mutter das Ganze arrangiert, oder?“

„Ja.“ Am liebsten wäre Lani davongerannt und hätte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Sie war den Tränen nahe. Aber nicht, weil ihr Mann nicht mehr da und aller Wahrscheinlichkeit nach tot war. Sondern weil sie eine trostlose Zukunft vor sich hatte. Entweder musste sie jemanden heiraten, den sie nicht kannte und deshalb auch nicht liebte. Oder sie fiel bei Hofe in Ungnade, weil sie sich der Tradition verweigerte. Schnell wandte sie das Gesicht ab, weil sie spürte, dass sie die Tränen nicht länger zurückhalten konnte.

„Nun wein doch nicht, Lani, bitte. Komm, wir setzen uns auf die Terrasse. Die frische Luft wird uns guttun.“

Kurz warf Lani ihm einen Blick zu. Wie meinte er das? An frischer Luft mangelte es nun wirklich nicht, denn der breite Gang war zum Garten hin nur durch offene Arkaden getrennt. Aber selbst die frische Luft empfand Lani als bedrückend. Wahrscheinlich wegen der Erwartungen, die darin hingen und die sie als Last empfand.

Da AJ über einen Meter achtzig groß war, reichte Lani ihm kaum bis zur Schulter. Und wegen des langen Gewandes hatte sie Schwierigkeiten, mit ihm Schritt zu halten. Als er das bemerkte, blieb er stehen. In dem dunklen Anzug und bei den tropischen Temperaturen muss ihm doch warm sein, dachte sie und fragte leise und mit gesenktem Blick: „Möchtest du etwas Kaltes trinken?“

„Nein, danke. Lani, bitte, glaub mir, ich habe wirklich nichts gegen dich. Du bist ein sehr nettes Mädchen. Aber ich bin in den Staaten zu Hause. Ich bin Regisseur und …“

„Ich weiß“, warf sie eifrig ein. „Deine Mutter ist sehr stolz auf dich. Mindestens einmal im Monat sieht sie sich die ganze Drachenjäger – Serie an.“

„Was? Davon hat sie noch nie etwas gesagt.“

„Doch. Sie ist dein größter Fan.“ Unwillkürlich musste Lani lächeln, als sie AJs Verblüffung bemerkte.

„Das ist wirklich eine Überraschung. Fast genauso groß wie die, dass ich dich heiraten soll.“

„Ich weiß.“ Betreten blickte Lani zu Boden. Sollte sie sich dafür entschuldigen? Aber es war doch wirklich nicht ihre Schuld. Und vielleicht würde er sie missverstehen. Auch wenn er seinem Bruder nicht ähnlich sah, so konnte er doch den gleichen bösen Charakter haben. Und auf sie losgehen, wenn sie es nicht erwartete.

„Tut mir leid, ich hätte nicht davon anfangen sollen“, sagte er schnell, als er ihre Befangenheit bemerkte. „Es ist nur alles so unsinnig. Außerdem habe ich am Dienstag ein wichtiges Treffen mit einem Geldgeber in Los Angeles.“

Dann hatte er wirklich nicht vor, hierzubleiben und sie zu heiraten? Bei diesem Gedanken wurde Lani leichter ums Herz. Dass er sie nicht wollte, sollte sie eigentlich als Beleidigung auffassen. Aber sie war nur erleichtert. An die wahre Liebe glaubte sie sowieso nicht mehr, und die eine Ehe reichte ihr vollkommen.

Von der Terrasse aus hatte man einen atemberaubenden Blick über das bewaldete Haialia-Tal. Unter einer Palme standen zwei bequeme Sessel, und AJ und Lani setzten sich.

„Was ist deiner Meinung nach mit Vanu passiert?“, wollte AJ von ihr wissen.

„An dem Morgen fehlte im königlichen Jachthafen ein kleines Segelboot, mit dem er manchmal rausgefahren ist. Manche sind davon überzeugt, dass Vanu mit dem Boot unterwegs war. In der Nacht herrschte ein ziemlich starker Sturm.“ Wie oft hatten sie in den letzten beiden Monaten Bilder von Vanu verfolgt, wie er gegen die Wellen ankämpfte.

„Möglich ist aber auch, dass sich das Boot einfach losgerissen hat. So etwas ist schon häufiger passiert. Der Hafen ist nicht gut gesichert.“

„Das ist wahr. Aber die Insel ist nicht sehr groß, und man hätte Vanu finden müssen. Er hat sie bestimmt verlassen. Und da die Flugzeuge alle da sind, kann er nur das Boot genommen haben.“

„Aber warum?“ Fragend sah AJ sie an.

Kurz zuckte sie mit den schmalen Schultern. Ja, warum? Doch spielte das jetzt noch eine Rolle? Ihre Ehe war vorbei, und keiner brauchte zu erfahren, dass das Leben mit Vanu die Hölle auf Erden gewesen war. Das zumindest war sie ihrer Schwiegermutter schuldig, die alles dafür getan hatte, damit sie sich am Hof wohlfühlte, und die ihren ältesten Sohn geliebt, ja, vergöttert hatte. „Wahrscheinlich war er ruhelos. Und konnte nicht schlafen.“ Gedankenverloren blickte sie in die Ferne, wo der Tropennebel in den Bäumen hing. „Er ist oft nachts noch im Garten spazieren gegangen. Er brauchte wohl nicht viel Schlaf.“

„So war er auch schon als Kind. Manchmal hatte ich den Eindruck, er schläft überhaupt nicht.“

Das stieß er so düster hervor, dass Lani ihn erstaunt ansah. Die Brauen zusammengezogen, starrte AJ vor sich hin. Kein Wunder, dachte sie, er trauert um Vanu, den älteren Bruder, den er nie mehr wiedersehen wird. Äußerlich ähneln sich die beiden Brüder wirklich nicht, fiel ihr dabei auf. Vanus scharf geschnittenes Gesicht mit den schmalen Lippen und den stechenden Augen war das krasse Gegenteil von AJs freundlichen Zügen, den warmen braunen Augen und dem wohlgeformten Mund.

Sie hatte Vanu nicht aus Liebe geheiratet. Alle hatten gemeint, sie müsse es tun, es sei ihre große Chance, die sie als Tochter einer Wäscherin nicht ausschlagen dürfe. Damals hatte sie nicht gewusst, wie sie sich darüber hinwegsetzen sollte.

„Und wie geht es meiner Mutter?“, fragte er jetzt leise. „Wie erträgt sie den Verlust?“

„Nur schwer. Sie weint viel, und das sieht ihr überhaupt nicht ähnlich.“

„Ja, es muss schrecklich sein, ein Kind zu verlieren. Immerhin hat sie noch dich. Ich weiß, dass sie sehr an dir hängt.“

Lani lächelte traurig. „Sie war so nett zu mir. Alle waren nett zu mir.“ Nur Vanu nicht.

„Wenn ich nun wieder nach Los Angeles zurückkehre, wirst du wohl als Königin regieren, oder?“

„Ich?“ Lani fuhr hoch und sah ihn erschrocken an. „In meinen Adern fließt doch kein königliches Blut.“

„Das nicht. Aber durch die Heirat mit Vanu bist du nun mal die Königin. Hast du das nicht gewusst?“, fügte er lächelnd hinzu.

„Doch. Aber im Grunde bin ich doch nur ein einfaches Mädchen vom Land.“

„Wieso? Bist du nicht in New Jersey geboren?“

„Ja. Aber als ich sieben war, haben meine Eltern sich scheiden lassen, und meine Mutter ist mit mir wieder in ihre Heimat Rahiri gezogen.“

„Dennoch wirkst du sehr viel gebildeter als das übliche Mädchen vom Land.“

Nachdenklich sah AJ sie an, und Lani überlief es heiß.

„Es gibt hier gute Schulen, dafür hat dein Vater gesorgt. Viele unserer Lehrer haben im Ausland studiert.“

„Ist dein amerikanischer Vater nicht sogar Professor?“ Er beugte sich weiter vor, sodass Lani seinen herben männlichen Duft wahrnahm.

Wieder wurde sie rot. Was sollte diese Fragerei? „Ja, er ist Geologe. Und er hat meine Studienpläne immer unterstützt. Ich hatte angefangen, Geschichte zu studieren, brach das Studium aber ab, als ich Vanu geheiratet habe.“ Vanu war immer ärgerlich geworden, wenn er sie mit einem Buch erwischte. Ein so hübscher Kopf, hatte er gemeint, solle nicht mit solchen Sachen vollgestopft werden.

„Dann fang doch wieder an, wenn du Lust dazu hast.“ AJ lachte kurz auf. „Ich für meinen Teil bin fürs Pauken völlig ungeeignet. Das Filmset ist meine Welt.“

„Dann bist du glücklich in Los Angeles?“

„Absolut. Ich habe nie Sehnsucht nach Rahiri.“

„Aber deine Mom hat Sehnsucht nach dir.“

„Ich weiß. Deshalb besucht sie mich auch so oft, scheinbar, weil sie dringend shoppen muss.“ Lächelnd schüttelte er den Kopf. „Aber ich freue mich über ihre Besuche und habe den Eindruck, sie allein hält bereits die Wirtschaft in Schwung.“

„Ist dies dein erster Besuch hier? Ich meine, seit der Hochzeit?“

„Ja. Vielleicht sollte ich deshalb ein schlechtes Gewissen haben. Aber ich passe hier nicht mehr her und hatte in den letzten Jahren auch sehr viel zu tun.“ Langsam lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Auch in dem dunklen Anzug ist zu sehen, wie muskulös er ist, ging es Lani durch den Kopf. Eigentlich seltsam, dass er in den letzten Jahren nie wieder hier war. Und trotzdem erwartete man von ihm, dass er den Thron übernahm? Das war sehr unwahrscheinlich. Also brauchte sie auch nicht zu befürchten, ihn heiraten zu müssen. Erleichtert atmete sie aus. Je eher er wieder abreiste, desto besser.

„Obwohl es hier wirklich wunderschön ist“, fügte er langsam hinzu und ließ den Blick in die Ferne schweifen. Immer noch hing der Nebel in den hohen tropischen Bäumen, und darüber erhob sich der strahlend blaue Himmel. „Ich hatte ganz vergessen, wie schön.“

So schnell gab Priia Rahia nicht auf. Auch während der nächsten Tage versuchte sie immer wieder, AJ zum Bleiben zu bewegen. „Hier, mein Junge, nimm doch noch von diesen Makronen. Die hast du doch immer so gern gegessen.“ Damit hielt sie ihm einen Teller mit Keksen unter die Nase.

„Danke, Mom“, wehrte er lächelnd ab. „In den letzten drei Tagen habe ich viel zu viel gegessen. Habe ich dir übrigens schon gesagt, dass mein Flug morgen früh um sechs geht?“

„Nein!“ Entsetzt sah sie ihn an. „Den musst du verschieben! Du hast doch kaum Zeit mit Lani verbracht.“

Kurz sah er sich um. Lani war nirgends zu sehen. „Wieso? Ich war viele Stunden mit ihr zusammen. Sie ist wirklich sehr süß.“

„Und wenn du König bist, wird sie dir eine gute Königin sein.“ Entschlossen verschränkte Priia die Arme vor der Brust, sodass die goldenen Armreifen klimperten.

„Das wird nicht geschehen.“

„Doch. Das ist die einzige Lösung.“ Energisch sah sie ihn an. „Auch wenn die Umstände tragisch sind, ihr seid füreinander bestimmt.“

„Irrtum, meine Bestimmung liegt ganz woanders. In drei Wochen muss ich mit dem vierten Teil von Höllenmonster beginnen und danach mit dem fünften Teil vom Drachenjäger, sofern die Finanzierung steht.“

„Ach was! Vierter Teil, fünfter Teil, die sind doch vollkommen unwichtig, wenn es schon so viele gibt. Aber es gibt nur ein Rahiri, und du bist unser zukünftiger König.“

„Aber meine Leute verlassen sich auf mich. Es steht viel auf dem Spiel.“

„Eben. Wir verlassen uns auch auf dich. Ich rechne mit dir.“

Was für eine vertrackte Situation. AJ seufzte leise. Bisher hatte hier niemand auf ihn gebaut, denn er war nicht der Thronerbe gewesen. Plötzlich war alles anders, nur er war noch der, der er immer schon gewesen war.

Plötzlich beugte sich seine Mutter vor, legte ihm die Hand auf den Arm und sah den Sohn beschwörend an. „Da kommt Lani. Sag ihr nicht, dass du abreisen willst. Du darfst nicht weg!“

Unwirsch schüttelte er die Hand ab. „Oh, doch. Aber das heißt nicht, dass ich nicht nett zu ihr sein werde.“ Freundlich lächelte er der jungen Witwe zu, die in ihrem bestickten, langen goldfarbenen Kleid einfach entzückend aussah. Die goldenen Ohrringe glänzten in dem dunklen Haar, und ein großer Rubin schmückte den zierlichen Hals. Das Opferlamm. Wieso war sie nur bereit, sich auf die Forderungen seiner Mutter einzulassen? Hatte sie keinen eigenen Willen? Wollte sie nicht selbst bestimmen, wer ihr zukünftiger Mann sein würde? „Hallo, Lani.“

„Guten Tag, AJ.“ Respektvoll neigte sie kurz den Kopf.

Diese, wie er empfand, demütige Geste regte ihn schon wieder auf. Er liebte selbstbewusste Frauen. „Komm.“ Ohne ihre Zustimmung abzuwarten, hakte er sich bei ihr unter und zog sie mit sich. Bei der Berührung überlief ihn ein kurzes Prickeln, aber er achtete nicht weiter darauf. Unterwürfige Frauen wie Lani waren nicht sein Fall, basta. Er führte sie in einen geräumigen Innenhof, der von Palmen gesäumt war. „Du bist einfach zu nett, Lani.“

„Ich … äh …“

Ihr Stottern regte ihn nur noch mehr auf. „Was ist nur los mit dir? Kannst du nicht mal einen zusammenhängenden Satz sagen?“

Erschreckt starrte sie ihn mit ihren goldbraunen Augen an. Hatte sie etwa Angst vor ihm? „Entschuldige …“ Sie biss sich auf die volle rosa Unterlippe, und dass sein Körper darauf unmissverständlich reagierte, ärgerte AJ. Zugegeben, sie war wunderschön, aber das bedeutete schließlich nicht, dass sie auch eine gute Ehefrau abgeben würde.

Als sie den Kopf senkte, verdeckte das schimmernde Haar ihr Gesicht, und unwillkürlich regte diese Bewegung AJs Fantasie an. Wie es sich wohl anfühlte, wenn er die Hände durch ihr Haar gleiten ließ? Oder wenn es ihm über die Brust strich, während sie nackt über ihm kniete und ihn verlangend ansah? Blödsinn, das würde nie geschehen … Wütend auf sich selbst, wandte er sich ab. „Ich reise übrigens morgen ab. Dann bist du wieder ganz auf dich gestellt, Schwägerin.“

„Was?“

Das klang fast wie ein Schrei, und AJ drehte sich hastig um. „Du hast genau verstanden, was ich gesagt habe. Schluss mit dieser Farce. Wir haben nichts gemein, du und ich. Und ich denke nicht daran, unser beider Leben auf dem Altar der rahirischen Traditionen zu opfern.“

Dass sie auch darauf nichts zu sagen wusste, sondern ihn nur fassungslos ansah, wunderte AJ nicht. Allerdings wurde sie jetzt rot und stieß schließlich hervor: „Du magst mich nicht.“

Sofort hatte er ein schlechtes Gewissen, denn das Ganze war ja nicht ihre Schuld. Sie hatte sich nur so verhalten, wie sie meinte, sich als wohlerzogene Rahirianerin verhalten zu müssen. Nur Pech, dass er wohlerzogene Rahirianerinnen nicht ausstehen konnte. Frauen, die bereit waren, ihr eigenes Leben aufzugeben, um sich ganz ihrem Mann zu widmen und ihm zu dienen, waren ihm zuwider. „Du bist einfach zu lieb und nett“, wiederholte er leise.

„Ich bin überhaupt nicht nett“, brach es so plötzlich aus ihr heraus, dass er sie erstaunt ansah. „Ich gebe mir zwar Mühe, aber …“ Wieder fehlten ihr die Worte.

Die geröteten Wangen könnten leicht den Eindruck erwecken, dass sie sexuell erregt ist, ging ihm durch den Kopf, als er sie betrachtete. Und ihre leicht geöffneten vollen Lippen scheinen sich nach einem Kuss zu verzehren. Und das Funkeln ihrer Augen? Könnte das nicht als Sehnsucht missverstanden werden? Er begehrte diese Frau mit jeder Faser seines Körpers, wollte sie besitzen, und das machte ihn nur umso wütender.

Warum sagte sie nicht ehrlich, was sie empfand? War sie nicht fähig, eine unmissverständliche Reaktion zu zeigen? Je länger er darüber nachdachte, desto drängender wurde das Bedürfnis, sie herauszufordern. Schließlich ließ er sie mit dem ganzen Schlamassel sitzen und lieferte sie der Verachtung der königlichen Familie und des Volkes aus. Warum zeigte sie ihm nicht, dass sie wütend war und stieß ihn zurück?

Und wenn er …? Er trat dicht vor sie hin, riss sie in die Arme und drückte ihr die Lippen auf den Mund.

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