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Ein Königreich für unsere Liebe

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1. KAPITEL

Der Saal war zum Bersten voll, und noch immer drängten ein paar Nachzügler hinein. Noch zehn Minuten, dann sollte die Pressekonferenz beginnen. Die Kameraleute überprüften ein letztes Mal die Einstellungen, die Reporter und Journalisten hielten erwartungsvoll die Schreibutensilien in den Händen; langsam wurde das Stimmengewirr leiser. Dann schlossen sich die Eingangstüren, und es wurde still.

Ein Mann betrat das Podium. Lizzie sah ihm gespannt entgegen. Seinetwegen war sie gekommen, und jetzt stand er vor ihr: Seine Majestät König Daniel, Regent von Voltavia und fünfundzwanzigster Herrscher seiner Dynastie. Er war fünfunddreißig Jahre alt und seit sechs Monaten König seines Landes.

Seit er anlässlich des Staatsbesuchs in London eingetroffen war, sah man sein Bild in allen Zeitungen. Lizzie hatte geglaubt zu wissen, wie er aussehe, und entdeckte jetzt zu ihrer Überraschung, dass dies nicht ganz stimmte. Die Fotos hatten einen Mann gezeigt, dessen ganze Haltung aristokratisches Standesbewusstsein ausdrückte und dessen schmales Gesicht von Strenge und Machtbefugnis sprach. Gleichzeitig aber waren seine Züge ausdrucksvoll und lebendig, und davon war in den Zeitungen nichts zu sehen gewesen. Fasziniert betrachtete Lizzie seine Augen. Sie waren dunkel und dennoch von einem ganz besonderen Glanz, den sie bisher nur ein einziges Mal gesehen hatte: auf einem Bild seines Großvaters.

Er war hochgewachsen und bewegte sich mit einer gewissen Steifheit. Wahrscheinlich sind ihm Pressekonferenzen wie diese mehr als zuwider, dachte Lizzie. In seinem Land verfügte er über erstaunlich viel Macht, und er würde Fragen der Presse nur ungern beantworten. Lizzie wusste aus sicherer Quelle, dass er sich lediglich zu Gunsten „freundschaftlicher internationaler Beziehungen“ zu diesem Treffen hatte überreden lassen.

Sie alle waren vor seiner Ankunft gewarnt worden, keine persönlichen Fragen zu stellen, seine verstorbene Gemahlin nicht zu erwähnen und nicht nach seinen zwei Söhnen oder seiner Tochter zu fragen. Keines der Kinder hatte ihn nach London begleitet.

Jetzt stand er vor den versammelten Journalisten, und jeder sah, wie unbehaglich ihm zumute war. Mit einem Ausdruck höflichen Interesses setzte er sich an den Tisch, der auf dem Podium für ihn bereitgestellt worden war.

Die Fragen begannen und rissen nicht mehr ab. Meistens galten sie den üblichen, unverfänglichen Themen, die bei derartigen Anlässen zur Sprache kamen. Seine Antworten waren ebenso unverbindlich. Man erwähnte die Freundschaft zwischen den beiden Ländern, die gemeinsamen Interessen, das übliche eben. Jemand fragte nach seinem Großvater König Alphonse, nach dessen Tod vor einem halben Jahr Daniel an die Macht gekommen war. Mit ein paar wohlformulierten Sätzen hob der Enkel das bleibende Vermächtnis seines Vorgängers hervor und was dieser für sein Land getan hatte.

Wie jeder wusste, hatte König Alphonse vor zehn Jahren einen schweren Schlaganfall erlitten und den Rest seines Lebens von der Außenwelt abgeschnitten in einem ständigen Dämmerzustand verbracht. Daniel hatte im Alter von fünfundzwanzig Jahren als Regent alle Pflichten eines Königs übernommen, ohne den Titel zu führen.

Alphonse galt nach wie vor als Sinnbild einer Epoche, die man als Glanzzeit der Monarchie ansah. Als er seinerzeit den Thron bestieg, herrschten Könige noch mit absoluter Macht. Sein bedauernswerter Zustand der letzten Jahre hatte dem Ansehen, das man ihm auch nach seiner langen Herrschaft noch entgegenbrachte, keinen Abbruch getan.

Während Daniel weiterhin höfliche Nichtigkeiten von sich gab, verglich Lizzie in Gedanken seine Gesichtszüge mit denen seines Großvaters, dessen Bild bei ihr zu Hause an der Wand hing. Die Ähnlichkeit war nicht zu leugnen. Sie hatten beide die gleiche aristokratische Nase, das gleiche markante Kinn und den gleichen Gesichtsausdruck: stolz, verschlossen und unnachgiebig.

Von Alphonse wurde behauptet, er sei der bestaussehende Mann seiner Zeit gewesen, auch dann noch, als er bereits in den Achtzigern war. Allerdings galt er ebenso als der sittenstrengste. Zwanzig Jahre lang hatte er seiner königlichen Gemahlin die Treue gehalten, obwohl es ihm an Gelegenheiten zu Seitensprüngen nie gefehlt hatte. Auch nach dem Tod der Königin waren keine Gerüchte über Liebschaften von ihm an die Öffentlichkeit gedrungen. Wenn er sich die eine oder andere gegönnt hatte, dann war er mit äußerster Diskretion vorgegangen. Niemand konnte ihm etwas nachweisen.

Nur einer Frau war es gelungen, in aller Öffentlichkeit von ihm bewundert zu werden: Elizabeth Boothe, damals eine gefeierte Künstlerin und Star unzähliger musikalischer Komödien. Sie war mit ihrem eigenen Ensemble in Voltavia aufgetreten, und der König hatte allen Vorstellungen beigewohnt. Ob es auch in den Privatgemächern Darbietungen gegeben hatte, blieb umstritten, und sein unantastbarer Ruf war dem König erhalten geblieben.

Nun war Daniel an der Macht. Er glich seinem außergewöhnlichen Großvater nicht nur äußerlich, sondern auch insofern, als sein Privatleben auf ähnlichen Bahnen verlaufen war. Er hatte in jungen Jahren eine geeignete Prinzessin geheiratet und war ihr bis zu ihrem Tod vor drei Jahren ein treuer Gemahl geblieben. Seither wusste man auch über sein Privatleben nichts Anrüchiges zu berichten.

Endlich nahm das Frage- und Antwortspiel ein Ende, und diejenigen unter den Anwesenden, die dem König persönlich begegnen wollten, hatten nun die Gelegenheit dazu. Er begann, die Reihe der Gäste abzuschreiten und blieb vor jedem stehen, um ihm oder ihr die Hand zu reichen und ein paar Worte zu wechseln. Er stellte belanglose Fragen, auf die man ihm ebensolche Antworten gab, denen er mit gut gespieltem Interesse zuhörte.

Wahrscheinlich langweilt er sich zu Tode, dachte Lizzie.

Schließlich war sie selbst an der Reihe. Höflich lächelnd stand der König vor ihr, als sein Adjutant ankündigte: „Miss Elizabeth Boothe.“

Der König zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde, doch sein Lächeln blieb unverändert. Sie stand nahe genug, um das überraschte, leicht schockierte Aufflackern in seinen Augen wahrzunehmen. Man hat den Namen in Voltavia also noch nicht vergessen, dachte Lizzie befriedigt.

Während der König ihr die Hand reichte, warf er einen schnellen Blick auf das Namensschild an ihrer Schulter. Es enthielt lediglich ihren Vor- und Zunamen. „Die Schilder Ihrer Kollegen nennen alle die Zeitung, für die sie arbeiten“, bemerkte er. „Sie sind wohl keine Journalistin.“

„Das ist richtig, Euer Majestät“, erwiderte Lizzie lächelnd.

Noch immer hielt er ihre Hand. „Sind Sie vielleicht Schauspielerin?“

Mit dem glänzenden tizianroten Haar, ihrer atemberaubenden Figur und dem schönen Gesicht sah sie in der Tat eher wie eine Künstlerin aus.

„Nein, Majestät“, entgegnete sie. „Das bin ich nicht. Aber meine Großtante, nach der ich benannt bin, war Elizabeth Boothe, die Schauspielerin. Sie hatte viele Bewunderer in Ihrem Land.“

Wieder erschien in seinen Augen das überraschte, leicht schockierte Aufflackern: Sie hatte es gewagt, dieses delikate Thema zu erwähnen!

„In der Tat“, erwiderte er ausdruckslos und machte Anstalten weiterzugehen. Doch Lizzie fuhr schnell fort: „Ich bin Historikerin, Majestät, und schreibe gerade ein Buch über König Alphonse. Ich würde es sehr schätzen, wenn ich Ihnen ein paar Fragen über ihn stellen dürfte.“

Während sie sprach, verstärkte sich der Griff ihrer Hand, und sie hielt ihn somit gegen seinen Willen fest. Sein erstaunter Blick sagte ihr, wie sehr sie damit gegen das Protokoll verstieß. Anstatt ihn loszulassen, behielt sie seine Hand in der ihren und erwiderte seinen Blick – ein gewagtes Vorgehen, aber Gefahr hatte Lizzie noch nie abgeschreckt. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie sich der Adjutant an seiner Seite versteifte und auf das Zeichen des Königs wartete, der Zusammenkunft ein Ende zu bereiten. Aber dieses Zeichen kam nicht, und das Erstaunen machte nach und nach einem anderen Ausdruck Platz: War es Neugierde oder vielleicht sogar Interesse? Vor Aufregung begann Lizzies Herz, schneller zu schlagen. Es schien, als sei sie auf dem richtigen Weg, als wäre sie fast am Ziel …

Doch plötzlich erlosch das Interesse, und seine Augen wurden ausdruckslos. Er entzog ihr die Hand und sagte steif: „Ich bedauere unendlich, aber zu persönlichen Gesprächen ist mein Aufenthalt leider nicht lang genug.“ Dann nickte er ihr zu und wandte sich dem nächsten Gast zu.

Bald darauf war der Empfang zu Ende. Höflich, aber bestimmt geleitete das Botschaftspersonal die Gäste zum Ausgang, und Lizzie machte sich ärgerlich und mit sich selbst unzufrieden auf den Heimweg.

Sie wohnte in einem kleinen, gepflegten Haus, das sie vor fünf Jahren von ihrer Großtante Elizabeth Boothe geerbt hatte. Hier hatte die Schauspielerin, die im Alter von der Königin geadelt worden und seitdem auf der Anrede Lady bestanden hatte, die letzten Jahre ihres Lebens verbracht. Geschenke ehemaliger Bewunderer, Theaterprogramme von Aufführungen, die fünfzig Jahre zurücklagen, und Fotografien aus ihrer Glanzzeit waren in jedem Zimmer zu finden.

Lizzie hatte ihre Tante sehr gern gehabt und das Haus möglichst so belassen, wie sie es von ihr geerbt hatte.

Im Salon zeigte eine riesige, kolorierte Fotografie die Künstlerin in all ihrer Schönheit auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Und daneben hing ein Bild ihres berühmtesten Bewunderers, König Alphonse von Voltavia: imposant, selbstherrlich und trotz seiner knapp siebzig Jahre immer noch erstaunlich gut aussehend. Am unteren Rand des Porträts konnte man seine eigenhändig geschriebene Widmung lesen: In Freundschaft und Dankbarkeit, Alphonse.

Lizzie schloss die Haustür mit einem Knall und warf ihre Handtasche auf den nächststehenden Stuhl. Dann stellte sie sich vor das Bild ihrer verstorbenen Großtante.

„Es war katastrophal“, gestand sie ihr. „Nichts ging so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Stattdessen habe ich ihn verärgert. Das hast du wohl nicht von mir erwartet, wie? Wo ich mir so viel darauf einbilde, ein Profi zu sein.“

Mit strahlenden Augen lachte die Lady aus dem kostbar gerahmten Bild auf ihre Nichte herab. Sie schien an nichts anderes als ihren Gesang zu denken.

Doch Lizzie erriet, was sie ihr jetzt entgegnet hätte, und fuhr fort: „Ich weiß. Ich weiß. ‚Kleider machen Leute.‘ Das hast du immer gesagt. Und ich habe nicht auf dich gehört. Wäre ich in einem alten Tweedkostüm und mit einer Hornbrille erschienen, dann hätte er mich wahrscheinlich ernst genommen. Aber warum sollte ich nicht anziehen, was mir gefällt?“

Was sollte man dazu sagen? Wenn eine Historikerin eine moderne junge Frau von einsfünfundsiebzig war, mit tizianrotem Haar und der Figur eines Fotomodells, warum sollte sie dann keine Miniröcke tragen und Schuhe mit irrsinnig hohen Absätzen, die ihre hübschen Beine genau ins rechte Licht setzten? Warum sollte sie ihre großen meergrünen Augen und den vollen, sinnlichen Mund, der für die Freuden des Lebens wie geschaffen war, nicht durch geschicktes Make-up noch mehr zur Wirkung bringen?

Die Antwort auf diese Fragen lautete, dass Lizzie ihrer Erscheinung ebenso viel Aufmerksamkeit widmete wie ihrem Beruf. Sie war eine sehr schöne Frau und eine ausgezeichnete Historikerin. Aber heute hatte sie versagt.

„Einen Moment lang war ich sicher, dass ich es schaffen würde“, berichtete sie weiter. „Er sah mich an, als ob er … ich war mir so sicher … aber dann ist er mir im letzten Augenblick doch noch entwischt. Dir wäre das bestimmt nicht passiert.“ Sie seufzte tief auf. „Eine Gelegenheit, ihn umzustimmen, bekomme ich bestimmt nie mehr.“ Niedergeschlagen ging sie in die Küche, um sich mit einer Tasse Tee zu trösten.

Am nächsten Morgen erhielt Lizzie unverhofft doch noch eine Chance, ihr Versagen wettzumachen. Auf einer goldgeränderten Einladung gab sich König Daniel die Ehre, sie für den Abend zu einem Ball in die Botschaft von Voltavia einzuladen. Lizzie stieß einen Triumphschrei aus und widmete sich sofort mit größter Aufmerksamkeit der Frage, was sie zu dem denkwürdigen Ereignis anziehen sollte.

Sie wählte ein elegantes Abendkleid aus schwarzem Samt mit einer kleinen Schleppe, doch abgesehen von diesen konservativen Attributen war es alles andere als dezent. Es saß wie angegossen; das Dekolleté hielt sich gerade noch an der Grenze der Schicklichkeit, brachte allerdings ihre herrlichen Schultern und Brüste bestens zur Geltung. Die schmale Taille und sanft geschwungenen Hüften erschienen in der samtenen Hülle noch schlanker, die langen Beine noch länger. Das Kleid saß so eng, dass es unmöglich gewesen wäre, ohne den tiefen Schlitz, der beim Gehen immer wieder einen Blick auf ihre Beine freigab, auch nur einen Schritt zu tun. Dazu trug sie zierliche Sandaletten aus Goldleder mit den üblichen hohen Absätzen und einen schwarzen Pashminaschal, dessen Enden mit Goldfäden bestickt waren und den sie lässig über ihre nackten Schultern geworfen hatte.

In diesem Outfit würde sie alle Blicke auf sich ziehen. Sie war eine Frau, die davor nicht zurückschrak und es sich ohne jeden Zweifel auch leisten konnte – was durchaus nicht dasselbe war, wie ihre Tante so schön und in beißendem Ton zu sagen pflegte.

Vorsichtshalber bestellte Lizzie das Taxi besonders früh, denn sie wollte sichergehen, dass sie vor dem König in der Botschaft ankam. Sie kannte die Regeln der höfischen Etikette und wusste, dass er als Letzter eintreffen würde. Wer nach ihm kam, musste draußen bleiben.

Zu ihrer Erleichterung war auf den Taxifahrer Verlass, und sie kam pünktlich in der Botschaft an. Freundlich wies man ihr den Weg zum Ballsaal. Hier schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Kronleuchter hingen von der Decke und reflektierten sich in prunkvollen Spiegeln an den Wänden, alles zeugte vom Glanz längst vergangener Jahrhunderte. Am anderen Ende des Saales hatte man ein Podium errichtet und einen Thronsessel bereitgestellt, über dem das Wappen von Voltavia prangte: ein imposanter Bär in Angriffspose. Seit über tausend Jahren war er das Landessymbol.

Nach und nach trafen auch die letzten Gäste ein. Jeder stand an dem zugewiesenen Platz, fächelte sich Kühlung zu und sehnte sich nach einem Drink. Dann öffneten sich die Flügeltüren am anderen Ende des Saales; der König trat ein und schritt langsam auf den Thronsessel zu.

Ihre Großtante hatte Lizzie einmal einen Ball im Schloss von Voltavia geschildert, zu dem König Alphonse in einer mit Goldtressen verzierten Galauniform erschienen war. „Er sah prachtvoll aus, meine Liebe! Einfach großartig!“ Wie schade, dass diese Zeiten vorbei sind, hatte Lizzie damals gedacht. Doch als sie Daniel im schwarzen Frack mit weißer Krawatte erblickte, trauerte sie den vergangenen Zeiten nicht länger nach. Seine eindrucksvolle, breitschultrige Gestalt schien für die elegante Kleidung wie geschaffen zu sein.

Der Ball begann mit den Pflichttänzen, zu denen der König der Reihe nach mehrere Damen von Rang und Namen auf die Tanzfläche führte – unter ihnen eine Angehörige des britischen Königshauses, die Gattin des Botschafters, die Frau eines international bekannten Bankiers. Lizzie wusste, dass es noch eine Weile dauern würde, bevor sie selbst an die Reihe kam.

Unterdessen fehlte es ihr nicht an Tanzpartnern. Frederick, der persönliche Adjutant des Königs, forderte sie mehrmals auf. Er war nicht nur ein guter Tänzer, sondern auch recht neugierig und stellte ihr viele Fragen. Natürlich auf seinen Befehl, sagte sie sich und gab entsprechend nichtssagende Antworten. Wenn Daniel etwas über sie wissen wollte, dann sollte er gefälligst selbst fragen.

Ab und zu begegnete sie ihm auf der Tanzfläche, doch er blickte kein einziges Mal in ihre Richtung. Sie nahm an, dass er es aus Höflichkeit gegenüber seinen Tanzpartnerinnen nicht tat. Nur einmal, als er einen Tanz aussetzte und in königlicher Abgeschiedenheit auf dem Thronsessel saß, sah Lizzie, dass er ihr mit den Blicken folgte. Danach wusste sie, dass er ihre Anwesenheit bemerkt hatte, auch wenn er nicht zu ihr hinsah.

Schließlich kam Frederick wieder auf sie zu – diesmal jedoch nicht, um mit ihr zu tanzen. Mit einer korrekten kleinen Verbeugung wandte er sich an sie: „Seine Majestät gibt sich die Ehre, Sie zu einem Tanz aufzufordern.“

„Sehr gern. Vielen Dank.“

Sie folgte ihm zum Podium, wo der König sie erwartete. Als Lizzie vor ihm stand, versank sie in einen Hofknicks, aber anstatt wie die anderen Frauen den Kopf zu senken, blickte sie ihm direkt ins Gesicht – herausfordernd und kühn, wie es ihrem Temperament entsprach. Er verbeugte sich leicht und reichte ihr den Arm. Sie legte ihre Hand darauf, und er führte sie auf die Tanzfläche. Das Orchester begann, einen langsamen Walzer zu spielen.

Er war ein guter, wenn auch etwas steifer Tänzer, der mit den Schritten vertraut war. Im Gegensatz zu ihm tanzte Lizzie leichtfüßig und locker und folgte seiner Führung voller Anmut.

„Ich bin sehr froh, dass Sie trotz der kurzfristigen Einladung kommen konnten“, sagte er.

Lizzie antwortete in angemessenen Worten, wie sehr sie sich geehrt fühle. Dann fügte sie hinzu: „Darf ich fragen, woher Ihnen meine Adresse bekannt war, Majestät?“

„Ich habe Nachforschungen über Sie anstellen lassen“, erwiderte er gelassen. „Man hat mir bestätigt, dass Sie Historikerin sind. Ich nehme an, dass Sie bereits mehrmals an das Presseamt von Voltavia geschrieben haben.“

„Leider ohne den geringsten Erfolg, Sir. Bisher erhielt ich nur höfliche Absagen. Dabei meine ich es wirklich ernst.“

„Das ist mir klar. Die Zahl der Titel und Lehraufträge, die Sie innehaben, ist äußerst beeindruckend – wenn auch etwas beängstigend.“

„Sie haben keinen Grund, sich zu ängstigen, Sir“, erwiderte Lizzie tugendhaft. „Ich beiße nicht.“

„Aber Sie haben den Instinkt einer Jägerin, wie Ihre Jagd auf eine Einladung zur Pressekonferenz beweist. Bitte streiten Sie es nicht ab.“

„Das tue ich auch nicht.“

„Und bin ich Ihre Beute?“

„Selbstverständlich. Ich jage nur große Bären – nur für die lohnt sich der Aufwand.“

Mit einem schwachen Lächeln und einem Anflug von Neugier sah er zu ihr hinab. „Und Sie glauben also, dass es sich diesmal für Sie ‚lohnen‘ wird.“

„Darüber bin ich mir noch nicht sicher. Es kommt ganz darauf an, ob Sie mir geben werden, was ich gerne hätte.“

„Aha. Das ist also Ihr Maßstab für Männer – ob sie Ihnen geben, was Sie gerne hätten.“

Mit gut gespielter Überraschung hob Lizzie ihre fein geschwungenen Augenbrauen. „Aber natürlich. Gibt es denn sonst noch andere?“

„Ich habe den Eindruck, dass Sie versuchen, mit mir zu flirten, Miss Boothe.“

„Ganz gewiss nicht!“, erwiderte sie schockiert. „Es wäre äußerst unpassend für mich – oder jede andere Frau –, mit dem König zu flirten.“

„In der Tat?“

„Natürlich. Das Vorrecht gehört dem König.“

Er ließ sich von ihrem sittsamen Ton irreführen und runzelte die Stirn, als sei er nicht sicher, sie richtig verstanden zu haben. Dann lächelte er ein wenig. „Und wenn nun der König nicht mit der Dame flirtet? Wäre es möglich, dass sie dann selbst die Initiative ergreift?“

„Das würde sie nicht wagen“, erwiderte Lizzie mit unbeweglicher Miene. „Aus Angst, er könne sie für impertinent halten.“

„Irgendwie glaube ich, dass Sie sich von der Meinung eines Mannes nicht beeinflussen lassen, Miss Boothe.“

„Aber Seine Majestät ist ja auch kein Mann, sondern ein König.“

„So denken Sie also über mich?“

Sie sah ihm voll ins Gesicht und erklärte: „Es liegt an Ihnen, Sir, mir mitzuteilen, was ich denken soll.“

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