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Ein Sommer voller Hoffnung

Inhalt

 

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Mai
  8. Gincy | Das Dann-mal-los-Mädel
  9. Clare | Sie kann nicht nein sagen
  10. Danielle | Sie mag sich selbst
  11. Clare | Nichts kann sie aufhalten
  12. Gincy | Du kannst nie nach Hause
  13. Danielle | Die einzige Tochter
  14. Gincy | Unglücklicher Start
  15. Gincy | Drei Mädchen in einem Kahn
  16. Gincy | Sie ist, was sie ist
  17. Gincy | Einzelgängerin
  18. Gincy | Lakenwechsel
  19. Clare | Die Wurzel allen Übels
  20. Danielle | Schlechte Dinge und gute Menschen
  21. Clare | Anderer Leute Kinder
  22. Juni
  23. Gincy | Jungs und Mädels
  24. Clare | Das Ende einer Ära
  25. Danielle | Wenn man es am wenigsten erwartet
  26. Gincy | Das Schiff und das Meer
  27. Danielle | Ich liebe es amerikanisch
  28. Gincy | Mr. Romantik
  29. Clare | Verlobungsterror
  30. Gincy | Voller Überraschungen
  31. Clare | Persönlicher Freiraum
  32. Gincy | Modeopfer
  33. Danielle | Unbarmherzig und ungewohnt
  34. Gincy | Das Heiratsspiel
  35. Danielle | Die richtigen Schritte
  36. Gincy | Eine Hand wäscht die andere
  37. Clare | Baby-o-Rama
  38. Clare | Gib mir, was ich will
  39. Gincy | Fehlende Socken und schimmernde Rüstung
  40. Clare | Zusammenbruch der Kommunikation
  41. Danielle | Wenn das Liebe ist
  42. Juli
  43. Danielle | Ewige Bande
  44. Danielle | Junge Frau auf hoher See
  45. Clare | Plauderei 2004
  46. Gincy | Und noch was
  47. Clare | Die Ruhe und der Sturm
  48. Gincy | Sie gibt Widerworte
  49. Danielle | In einem Spiegel
  50. Gincy | Man weiß es erst, wenn man es versucht
  51. Gincy | Venus und Mars kollidieren
  52. Clare | Mutter und Töchter, die …
  53. Gincy | Wer lügt jetzt?
  54. Gincy | Interruptus
  55. Danielle | In Flagrante Delicto
  56. Clare | Tun, was ich sage
  57. Clare | Unabhängigkeitserklärung
  58. Gincy | Letzter verzweifelter Versuch
  59. Clare | Sex, Lügen und Beobachtungen
  60. Gincy | Wenn die Wahrheit doch nur größer wäre
  61. Clare | Treten und Schreien
  62. Gincy | Dreikäsehoch
  63. Clare | Sie will allein sein
  64. Clare | Atmosphärische Störung
  65. Gincy | Gut, schlecht, grässlich
  66. Clare | Mädchen auf Zelluloid
  67. August
  68. Gincy | Blut ist dicker
  69. Gincy | Ein Hauch von Einzelgängerin
  70. Clare | Freundlicher Himmel
  71. Danielle | Du kannst das Mädchen nehmen
  72. Danielle | Weine, wenn dir danach ist
  73. Clare | Wenn man es am wenigsten erwartet
  74. Danielle | Die Eltern kennen lernen
  75. Gincy | Mutter,Vater, Kind spielen
  76. Gincy | Inszenierung ist alles
  77. Gincy | Persönliche Verantwortung
  78. Danielle | Wie du es haben wolltest
  79. Gincy | Pflicht
  80. Gincy | Die schmutzige Wahrheit
  81. Danielle | Aus dem Lot
  82. Gincy | Ungeahnte Möglichkeiten
  83. Clare | Hilfe von oben
  84. Clare | Schwesternschaft
  85. Gincy | Mommyzilla
  86. Gincy | Den Stier bei den Hörnern
  87. Clare | Pleasantville
  88. Clare | Die Show, die niemals endet
  89. Gincy | In vino veritas
  90. September
  91. Danielle | Höhere Gewalt
  92. Gincy | Jede Frau ist eine Insel
  93. Clare | Zufällige Begegnung
  94. Danielle | In die richtige Richtung
  95. Gincy | Hoffnung und Ruhm
  96. Gincy | Ein Angebot, das sie …
  97. Gincy | Schärfer als ein Schlangenzahn
  98. Clare | Nächstenliebe
  99. Gincy | Häusliche Fallen
  100. Danielle | Alles Gute will verdient sein
  101. Gincy | Tapferes Herz
  102. Danielle | Der schrecklichste Monat
  103. Gincy | Das Nest verlassen
  104. Danielle | Single
  105. Clare | Fortitudo
  106. Clare | Impromptu
  107. Gincy | Sie hat sich gelöst
  108. Clare | Post mortem
  109. Danielle | Wem es jetzt Leid tut
  110. Gincy | Ausgeklügelte Pläne
  111. Epilog
  112. Gincy | Ende gut, alles gut
  113. Clare | Der Beginn von etwas
  114. Danielle | Zurück auf Anfang
  115. Dank

Über dieses Buch

 

Drei Frauen, die kaum unterschiedlicher sein könnten, und ein ereignisreicher Sommer.

Gincy, Clare und Danielle haben nichts gemeinsam – außer, dass sie ihren Sommer weit entfernt von der Großstadt, auf Martha’s Vineyard, verbringen wollen. Die pragmatische Gincy musste hart arbeiten, um aus ihrer Kleinstadt herauszukommen. Danielle kommt aus gutem Hause und sucht einen Ehemann, der in ihr privilegiertes Leben passt, während Clare einen letzten Hauch Unabhängigkeit genießt, bevor sie ihren ehrgeizigen Verlobten heiratet. Trotz dieser Unterschiede entsteht durch die ruhigen Strandtage und Nächte voller spannender Gespräche eine unerwartete Verbindung. Gemeinsam erleben sie einen Sommer voller Hochs und Tiefs, voller Männer und voller Hoffnung …

Über die Autorin

 

Holly Chamberlin kommt aus New York, wo sie auch englische Literatur studiert hat. Sie arbeitete mehrere Jahre als Lektorin, bevor sie sich als freie Redakteurin und Autorin selbstständig machte. Aktuell lebt sie mit ihrem Mann und ihrer sehr athletischen Katze Betty in Portland, Maine. Mehr Informationen über Holly Chamberlin gibt es auf ihrer Website: www.hollychamberlin.com.

Holly Chamberlin

Ein Sommer voller Hoffnung

Aus dem Amerikanischen von Elvira Willems

BASTEI ENTERTAINMAENT-Logo

Wie immer für Stephen Und diesmal auch für Joey

Mai

Gincy

Das Dann-mal-los-Mädel

Die Krise wurde um Viertel vor fünf entdeckt. Eine Viertelstunde, bevor neunundneunzig Prozent der Angestellten aus dem Gebäude eilten, um ihre sechzehn Stunden Freizeit zu genießen.

Mein Chef, Mr. Bill Kelly, kurz Kell, war fix und fertig. Er konnte nicht gut mit Krisen umgehen. Was er gut konnte, war, Verantwortung zu delegieren.

Er stürmte mitten in unser Büro. Die wenigen Haare, die er noch hatte, sträubten sich ihm, seine karierten Hemdschöße flatterten.

»Hört zu, Leute. Wir haben ein Problem. Die Idioten im Copyshop haben unser Angebot verschludert, und wir müssen es neu zusammenstellen. Heute Abend muss es beim Drucker sein.«

Ich beobachtete die vorhersagbare Reaktion meiner Kollegen.

Curran, der Chefgraphiker, schlich rückwärts aus dem Raum.

Norton, der Redakteur, fand das leere Blatt Papier, das er in der Hand hielt, plötzlich äußerst interessant.

Vera, die Verwaltungssachbearbeiterin unserer Abteilung, täuschte plötzlich bellenden Husten vor.

»Kell«, keuchte sie. »Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber ich glaube, ich bin wirklich krank. Wenn ich nicht bald nach Hause gehe und mich ins Bett lege …«

Kell wandte sich an mich. »Gincy, Sie bleiben doch, oder?«

»Es muss gemacht werden«, sagte ich und warf meinen Kollegen einen Blick voller Abscheu zu. »Dann mal los.«

Das bin ich. Das Dann-mal-los-Mädel. Virginia Marie Gannon.

Mein Arbeitsethos habe ich vermutlich von meinem Vater, obwohl unsere Berufe unterschiedlicher nicht sein könnten.

Dad hat einen Eisenwarenladen geführt, so einen von den kleinen, privaten, die von Monstern wie Home Depot inzwischen größtenteils vom Markt verdrängt wurden.

Ich bin Chefredakteurin eines Monatsmagazins, das an Abonnenten eines öffentlichen Fernsehsenders hier in Boston geschickt wird.

Wenn ich es mir recht überlege, weiß ich gar nicht, ob mein Vater eine Wahl hatte, als es um den Beruf ging. Er war nicht auf dem College. Mit ungefähr zwölf hörte ich von einer Cousine das Gerücht, er hätte nicht mal die High School abgeschlossen.

Ich weiß bis heute nicht, ob das wahr ist. Ich habe Dad nie direkt danach gefragt. Ich würde ihn in Verlegenheit bringen, und obwohl meine Eltern mir nicht gerade die liebsten Menschen auf der Welt sind, behandle ich sie mit Respekt. Das macht man so. Hart arbeiten und die Eltern achten. In dieser Hinsicht bin ich eine typische Gannon. In anderer Hinsicht? Nicht so sehr.

Egal, die Arbeit wurde erledigt, und um fünf nach halb sieben verließ ich unser Büro in der Bowdoin Street.

Als ich durch die Tür des George, eines American Café, rauschte, war es kurz vor sieben. Der Laden war verlassen wie ein Friedhof.

»Wo sind denn alle?«, bellte ich in den schwach beleuchteten Raum. »Hier ist ja niemand!«

Eine dunkelhaarige junge Frau ungefähr in meinem Alter trat von der Bar weg. Ich bemerkte, dass ihre Brüste so groß waren wie die von Pamela Anderson. Fast.

Wie kann man so etwas nicht bemerken?

»Äh, hallo?«, sagte sie. »Wir sind hier. Ich und … Clare, stimmt’s?«

Eine zweite junge Frau, die blond war und so frisch und gesund wirkte, als käme sie direkt vom Dreh einer Seifenwerbung, die an irgendeiner Bergquelle aufgenommen wurde, glitt von einem Barhocker und stellte sich zu der ersten. Sie nickte und sah mich misstrauisch an.

Okay, vielleicht hatte sie dafür einen Grund. Bevor ich durch dieTür gestürmt war, hatte ich im Fenster rasch einen Blick auf meine Haare geworfen. Sie waren ziemlich zerzaust. Ich glaube, ich hatte morgens vergessen, sie zu kämmen.

Ich hatte jedoch nicht vergessen, sie zu waschen. Was mehr war, als ich am Tag zuvor getan hatte, denn da war ich seit vier Uhr früh auf den Beinen gewesen und hatte an einem Bericht für Kell, den Unfähigen, gearbeitet. Als ich aufblickte, war es bereits halb neun, und hätte ich noch geduscht, wäre ich zu dem Meeting um neun Uhr zu spät gekommen.

Wie so was eben so läuft.

»Also«, sagte ich. »Ich dachte, hier sollte heute Abend ein Treffen stattfinden. Ihr wisst schon, um Hausgenossinnen zu finden. Für ein Sommerhaus. In Oak Bluffs.«

»Es gab ein Treffen«, sagte die Dunkelhaarige in gedehntem Tonfall, »aber wie es scheint, war es um fünf nach sechs schon zu Ende. Als ich um halb sieben herkam, hatten sich alle schon gefunden.«

Sie nickte in Richtung der jungen Frau neben ihr. »Bis auf Clare. Und mich. Ich heiße übrigens Danielle.«

»Hey. Gincy.«

»Ein ungewöhnlicher Name«, meinte Danielle mit ausdrucksloser Stimme.

»Ja«, antwortete ich ebenso ausdruckslos, »stimmt.«

Die, die Clare hieß, hielt mir die Hand hin, und ich starrte darauf. Sie ließ sie wieder sinken.

»Eine junge Frau hat mir erklärt, die Häuser wären bereits alle vergeben«, sagte sie. Sie klang, als wollte sie sich entschuldigen. »Ich glaube, man muss sie schon im Februar oder März mieten und sich dann nach Hausgenossinnen umsehen. Nicht umgekehrt. Ich wusste das nicht.«

Ich stemmte die Fäuste in die Hüften. Wenn man das Hüften nennen kann.

Ich bin eher mager.

»Mist«, sagte ich. »Also, ich wusste das auch nicht!« Danielle stieß einen langen, dramatischen Seufzer aus.

»Keine von uns wusste das«, sagte sie. »Schätze ich.«

Ich war ehrlich enttäuscht. Ich wollte wirklich, dass dieser Sommer etwas ganz Besonderes wurde.

Und dann kam mir plötzlich eine Idee.

»Wartet mal«, sagte ich. »Die guten Häuser sind womöglich schon weg, aber das bedeutet doch nicht, dass es nicht noch schlechte zu mieten gibt. Oder?«

»Könnte sein«, sagte Clare zweifelnd.

»Ein schlechtes Haus?« Danielle verdrehte die Augen. Ich bemerkte, dass sie sehr viel Augen-Make-up aufgelegt hatte. Ich persönlich besaß seit drei Jahren dieselbe Tube Mascara. »Hört mal, das klingt mir aber unangenehm«, fuhr sie fort. »Das bedeutet zum Beispiel, eine Badewanne, aber keine Dusche, stimmt’s? Deckenventilatoren, aber keine Klimaanlage?«

Ich brach in schallendes Gelächter aus.

Ms. Frische Bergluft versuchte, ein Lächeln zu verbergen. »Es könnte sich lohnen, einen Blick zu riskieren«, sagte sie. »Ich … ich hatte gewissermaßen mein Herz an die Sache gehängt.«

Nach einem kurzen Augenblick, in dem niemand etwas sagte, meinte ich: »Also, was machen wir? Versuchen wir’s, oder was?«

»Also, ich habe nicht vor, den ganzen Sommer in der Stadt zu verbringen«, erklärte Danielle grimmig. »Der Dreck ist tödlich für meine Haut. Und wo ich gerade von tödlich spreche, ich habe kürzlich im Globe gelesen, dass die Kriminalität auf Bostons Straßen sich seit letztem Jahr verdreifacht hat. Und ihr wisst, wie die sind bei dem heißen Wetter.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Wie wer ist?« Danielle sah mich ungläubig an. »Na, Kriminelle?«

Okay, dachte ich. Aber ich achte sorgsam auf jegliche Zeichen von Engstirnigkeit.

»Ich bin allergisch gegen Zigarettenrauch«, sagte Clare plötzlich.

Ich beäugte sie scharf.

»Na ja«, gab sie zu, »nicht unbedingt allergisch. Ich mag ihn nur nicht. Ich bekomme Kopfschmerzen davon.«

Danielle nickte. »Und der Gestank von kaltem Rauch bleibt in meinen Haaren hängen, ganz zu schweigen von meinen Klamotten. Im Haus wird nicht geraucht. Einverstanden?«

Ich überlegte.

Ich war eigentlich gar keine große Raucherin. Eher eine Art Geselligkeitsraucherin. Eine willensschwache Raucherin. Es war der einzige Bereich meines Lebens, in dem ich willensschwach war. Mit einer Nichtraucherregel konnte ich leben.

Trotzdem gefiel es mir gar nicht, die Sache einfach so laufen zu lassen.

Ich gewinne gerne. Einer meiner sträflicheren Charakterzüge.

»Was ist mit der Veranda?«, entgegnete ich. »Falls es eine gibt. Oder im Hof?«

Danielle und Clare diskutierten dies mit Blicken, und dann nickte Danielle. »In Ordnung. Aber wenn der Rauch ins Haus zieht …«

»Ja, ja, in Ordnung. Wir stellen schon Hausregeln auf, bevor wir überhaupt ein Haus haben.«

Clare antwortete nicht, sondern schaute ungefähr zum zehnten Mal auf ihre Uhr.

»Heiße Verabredung?«, fragte ich.

Sie wurde rot und hob einen Anzug in einer Plastikhülle von der Reinigung vom Barhocker. »O nein! Ich habe einen Freund. Er arbeitet heute lange. Wir leben zusammen. Ich möchte nur zu Hause sein, bevor er heimkommt. Versteht ihr?«

Ich verstand überhaupt nichts, zuckte jedoch mit den Schultern. »Schön. Wir arbeiten die Regeln später aus.«

»Gut, denn ich möchte um acht etwas auf Lifetime gucken«, sagte Danielle.

Sie schlug eine Uhrzeit, ein Datum und einen Treffpunkt für einen Ausflug nach Vineyard vor. Wir versprachen einander, sämtliche Listen mit zu vermietenden Objekten mitzubringen, die wir auftreiben konnten, und Clare sagte, sie würde einen Termin mit einer Immobilienmaklerin aus Oak Bluffs machen.

Nachdem wir unsere Telefonnummern und E-Mail-Adressen ausgetauscht hatten, verabschiedete das seltsame Paar sich, und ich setzte mich dankbar an die Bar und bestellte ein Bier und einen Teller Nachos. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen. Die sechs Tassen Kaffee, die ich getrunken hatte, nagten an meiner Magenschleimhaut. Ich hörte sie förmlich kauen.

Das tat wohl auch der Barkeeper, denn er warf mir nach einem besonders lauten Knurren einen seltsamen Blick zu.

Ich lächelte süß. »Wenn Sie sich mit den Nachos beeilen könnten?«

Snobs konnte ich noch nie ausstehen.

Vielleicht, weil ich unter Menschen aufgewachsen bin, deren Vorstellung von Kultur eine Monstertruck-Rallye und daran anschließend übergroße gezuckerte Getränke im örtlichen Dairy Queen waren.

Ich war mir ziemlich sicher, dass die Hälfte der Bewohner meiner Heimatstadt – die ich nicht sehr liebevoll Deadly Spore, tödliche Keimzelle, New Hampshire nenne – miteinander verwandt war. Ich schätze, für einige Leute war Inzucht das Ziel und Inzest etwas, um dem langsamen Verstreichen der Zeit auf dem Land etwas entgegenzusetzen.

Die Beweise waren offensichtlich, zumindest für mich. In sämtlichen Klassen unserer örtlichen Grundschule und unserer High School befand sich mindestens ein Mitglied der ausgedehnten Familie Brown.

Maggie Sullivan war eine Brown. Bobby Manigan war ein Brown.

Petey Ming, der so asiatisch aussah, wie sein Nachname klang, war ein Brown; ich weiß zwar nicht genau, wie, aber er war einer.

Im Grunde war es so: Wenn man einen Stein warf, traf man einen Brown.

Notiz für die Uninformierten: Steinewerfen war ein bevorzugter Sport in TeichSchlick, New Hampshire, ebenso wie Beschimpfungen, gnadenloses Hänseln von jedem, der Vollkornbrot aß statt pappige Sandwichscheiben, sowie geschicktes Unterhose-über-den-Kopf-Ziehen.

Nicht dass ich mich je an einer dieser Sportarten beteiligt hätte, höchstens als entsetzte Zuschauerin.

Ich schwöre es.

Sehen Sie, seit ich mich zurückerinnern kann, sagen wir mal, ab vier Jahren, fühlte ich mich anders als die aufreizend dämlichen Trottel – okay, gibt es auch noch andere Trottel? –, die das Viertel bevölkerten, in dem ich von meiner Geburt an bis zu dem Tag lebte, an dem ich ElchKöttel, New Hampshire verließ, um in Boston, Massachusetts zur Uni zu gehen.

Addison University. Ah, der Himmel für Möchtegernkünstler.

Auch bekannt als Verlierer.

Das ist nicht fair. Nicht jeder, der auf die Addison ging, war ein Verlierer.

Klar, manche fingen so an und perfektionierten die Rolle im Laufe der Zeit bloß noch. Wer kannte solche Leute nicht. Es gab sie auf jeder High School. Leute, die mit ihrer Zukunft in Hollywood prahlten und aufschnitten und am Ende dann irgendwie nach Hause liefen, den sprichwörtlichen Schwanz zwischen die sprichwörtlichen Beine geklemmt, um einen Job als Barkeeper in der örtlichen Kneipe anzunehmen. Für den Rest ihres Lebens.

Andere Leute begannen ihr erstes Semester an der Addison mit strahlenden Augen und rührend optimistischen Ansichten darüber, dort würden sie sich auf ein Leben in der Welt der Künste vorbereiten. Dann wurden sie Verlierer, normalerweise etwa in der Mitte ihres zweiten Studienjahres, wenn ihnen klar wurde, dass sie überhaupt kein künstlerisches Talent besaßen.

Verlierer oder Blender oder eine faszinierende Mischung aus beidem.

Ich? Ich fing als achtzehnjährige Kombination aus Verliererin und Blenderin auf der Addison an. Ziemlich beeindruckend, würde ich sagen. Nicht jeder kriegt in so jungen Jahren so eine ekelhafte Persönlichkeit hin.

Noch beeindruckender – und seltener – ist es, dass ich am Ende meines vierten Jahres meiner Hochschulbildung weder eine Verliererin noch eine Blenderin war.

(Sehen Sie, ich weiß, wie man weder/noch richtig benutzt. Verlierer haben keine Ahnung von Grammatik. Sie buchstabieren Grammatik »Gramattik«. Blender scheren sich nicht um ordentliche Grammatik. Sie lassen sich ihre Geschichten von Speichelleckern schreiben.)

Also, wenn ich nach vier Jahren doofer Seminare über die neueste Mode der Schauspielkunst (unterrichtet von Leuten, deren einziger Anspruch auf Berühmtheit eine Fernsehwerbung für Deodorant war), lächerlich nutzloser Praktika in den winzigen Büros traurig primitiver Lokalzeitungen (zu deren Mitarbeitern immer ein total gelangweilter Jungcasanova in der Telefonzentrale gehörte) und viel zu vieler Themen-Partys (wie zum Beispiel »Komm als dein südamerikanischer Lieblingsphilosoph!«) weder eine Blenderin noch eine Verliererin war, was war ich dann?

Erstens: für den Arbeitsmarkt völlig ungeeignet und nicht gerade stolz darauf. Das machte mich nicht zur Blenderin.

Zweitens: im Besitz einer unzulänglichen Collegeausbildung und peinlich berührt deswegen. Das machte mich nicht zur Verliererin. Und erklärte meinen Wunsch, die Grammatikregeln zu lernen.

Dennoch wusste ich, wenn ich alles noch einmal machen müsste – was für ein Witz! –, wäre ich wahrscheinlich dieselbe dämliche Kuh wie beim ersten Mal. Ich bezweifelte, dass ich mich in Harvard, Brown oder Northeastern einschreiben würde, selbst wenn ich mit achtzehn gewusst hätte, was ich jetzt im reifen Alter von neunundzwanzig weiß.

Und die Uhr tickt. Die Dreißig drohen.

Nicht in diesem Kalenderjahr, doch am ersten Tag des nächsten. Ich verpasste es nur um drei Minuten, das erste Baby in WurmSchleim zu sein. Nancy Harrison, verheiratet mit einem Brown, brachte zur ewigen Enttäuschung meiner Mutter um 0 Uhr 02 einen strammen Knaben zur Welt.

Ich war mir nicht sicher, ob sie mir diese Verspätung je verzeihen würde, ganz zu schweigen davon, dass ich überhaupt geboren worden war.

Aber egal, dass ich neunundzwanzig wurde, hatte mich zum Nachdenken gebracht. Über Alter und berufliche Erfüllung und die Wege, die man nicht eingeschlagen hat. Und doch. Tatsache war, dass ich gearbeitet hatte, seit ich neun war, ich hatte babygesittet, Rasen gemäht und für ältere Herrschaften in der Nachbarschaft Botengänge erledigt.

Und dann hatte ich mir das College selbst finanziert.

Und anschließend war ich losgezogen, um eine nicht ganz so schreckliche Karriere beim öffentlichen Fernsehen zu machen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich arbeitete gerne, auch wenn ich nicht viel auf der Habenseite hatte, flüssig oder anderweitig, das Zeugnis abgelegt hätte von meinem Engagement. Die Raten für mein Studiendarlehen fraßen den Großteil meines Gehalts auf, und der Rest ging hauptsächlich für die Miete drauf.

Tatsache war, dass ich müde war. Richtig müde.

Und absolut entschlossen, in diesen letzten Monaten meiner relativen, wenn auch nicht mehr blauäugigen Jugend ein bisschen Spaß zu haben. Einen Haufen süßer Typen kennen zu lernen. Die ganze Nacht auszugehen. Den ganzen Tag zu schlafen, wenigstens am Wochenende.

Bevor ich mich wieder an die Arbeit machte.

Während ich dort allein an der Bar saß und mein Bier trank, fasste ich den Entschluss, ein Haus in Oak Bluffs zu mieten, selbst wenn es die schäbigste Bruchbude unter Gottes blauem Himmel war.

Und selbst wenn ich es mit dem seltsamen Pärchen teilen musste.

Die Blonde, Clare, sah aus, als käme sie geradewegs aus den Seiten eines Eddie-Bauer-Katalogs, frisch gewaschen und gesund. Ich bezweifelte, dass wir überhaupt irgendetwas gemein hatten.

Noch schlimmer war die Verhätschelte Prinzessin, Danielle. Mit ihren roten Nägeln und ihrer goldenen Halskette. Gewiss nicht der Typ, mit dem ich Freundschaft schloss.

Andererseits, mit wem tat ich das schon? Meine Freundinnen konnte ich an einer fingerlosen Hand abzählen.

Endlich kamen die Nachos. Ich stürzte mich sofort darauf und kleckerte mir Guacamole über die Bluse. Mein Bauch schwieg augenblicklich.

Gincy, sagte ich mir, das wird ein Mordssommer.

Clare

Sie kann nicht nein sagen

Ich habe zu Win nie nein gesagt. Ich wusste nicht recht, wie das geht.

»Besorg noch fettarme Milch«, fuhr er mit von der Freispechanlage leicht verzerrter Stimme fort. »Und Clare, Süße? Wenn du auch noch meinen schwarzen Anzug abholen könntest, das wäre toll. Ich bin erst gegen halb sechs fertig, aber das ist doch kein Problem für dich, oder?«

Zudem hatte ich ihm nichts von dem Sommerhaus erzählt. Ich wollte keinen Streit über etwas so Dummes wie die Reinigung vom Zaun brechen, wo ich doch wusste, dass uns ein richtig großer Streit ins Haus stand.

»Nein«, sagte ich und faltete saubere Wäsche zusammen, während ich das schnurlose Telefon zwischen Schulter und Kinn geklemmt hielt, »kein Problem.«

»Danke, Süße. Weißt du, wo du doch nachmittags frei hast …«

»Ich habe nicht frei, Win«, erwiderte ich automatisch. Wir hatten das schon x-mal durchgekaut. »Ich muss Aufsätze benoten und Stunden vorbereiten, und dann sind da die Hausarbeit und …«

Win kicherte nachsichtig. »Okay, okay, ich habe verstanden. Tut mir Leid, Süße. Schau, ich muss mich beeilen. Bis später. Oh«, fügte er hinzu, als fiele es ihm jetzt erst wieder ein, »ich bin wahrscheinlich nicht vor neun zu Hause, also schnapp dir was zum Abendessen, okay?«

Win senkte die Stimme, jetzt hatte sie etwas Langmütiges. »Ich muss mit diesem Mandanten nach der Arbeit noch was trinken gehen. Du weißt ja, wie das ist.«

Nein, ich wusste nicht, wie das war. Aber ich kam allmählich dahinter.

»Klar«, sagte ich. »Tschüs.«

Wir legten auf, und ich faltete die Wäsche fertig und räumte sie weg. Diese einfache Arbeit gab mir immer ein Gefühl von Erfüllung. Zumindest etwas in dieser Welt war sauber, ordentlich gefaltet und dort verstaut, wo es seit jeher hingehörte.

Wie mein so genanntes Leben?

Ich konnte zu Win noch nie nein sagen, nicht mal am Anfang unserer Beziehung.

Um ehrlich zu sein, Win hatte mich nie gebeten, etwas Furchtbares oder Unehrliches oder Kriminelles zu tun.

Er missbrauchte mich nicht. Nicht im gewöhnlichen Sinn des Wortes.

Es war nur … es war nur so, dass er mächtig war und ich …

Nicht mächtig.

Aber auch nicht dumm.

Sehen Sie, irgendwann habe ich begriffen, dass Win Macht über mich hat, weil ich ihm Macht über mich gebe.

Ich habe sie ihm von dem Augenblick an gegeben, als wir uns vor über zehn Jahren das erste Mal begegnet sind. Im Grunde wusste ich gar nicht, was ich tat.

Und wenn ich es gewusst hätte?

Mit achtzehn Jahren hieß ich Win – einen willensstarken, entschlossenen, auf seine Karriere konzentrierten Mann – mit einem erleichterten Seufzer in meinem Leben willkommen. Ich seufzte natürlich nicht wirklich, Sie wissen schon.

Doch Win um mich herum zu haben machte die Dinge für mich leichter. Obwohl meine Eltern und meine Professoren mich unter Druck setzten, ernsthaft über meine Zukunft nachzudenken, hatte ich zum Beispiel keine Ahnung, was ich tun oder werden wollte, bis Win mir half, mich für eine Karriere als Lehrerin zu entscheiden.

Ich war gerne Lehrerin, sehr gerne. Zudem war ich eine gute Lehrerin. Ich war engagiert und manchmal sogar einfallsreich. Meine Fünftklässler auf der York, Braddock and Roget schienen mich wenigstens zu mögen.

Win, so schien es, kannte mich, wo ich mich doch nicht mal selbst kannte.

Es gab noch andere Gründe, warum ich mich in Win Carrington verliebte.

Ich wusste, dass er eines Tages heiraten und eine Familie gründen wollte, und ich wollte das auch.

Meine Mutter, die nie einem Beruf nachgegangen ist und direkt nach dem College geheiratet hat, drängte unsere junge Beziehung vorwärts. Vielleicht erkannte sie in Win etwas von meinem Vater, einem erstklassigen Familienmann, wenn man die Sache vom finanziellen Standpunkt aus betrachtet.

Mein Vater.

Daddy hatte mich stets geliebt, wenn auch auf formelle, distanzierte Art. Doch er beachtete mich nie besonders, und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich kein Junge war. Sein ganzes Interesse galt James, fünf Jahre jünger als ich, und Philip, zwei Jahre älter.

Seinen Erben.

Daddy war so altmodisch, dass er fast wie eine Figur aus einem viktorianischen Roman wirkte. Doch er war nur allzu real. Und mich teilte er von Anfang an meiner Mutter zu.

Seine zwei Mädchen.

Mutter suchte meine Kleider aus und brachte mich zu den Treffen der Pfadfinderinnen, während Daddy meine beiden Brüder mit in sein hübsches Büro an der Medizinischen Fakultät der Universität von Michigan nahm, wo er Chef der Urologie war.

Mutter besuchte meine Ballettvorführungen, während Daddy meine Brüder auf Angeltrips mit in den Norden nahm.

Mutter brachte mir das Nähen und Stricken bei, während Daddy die Jungen ermutigte, sich in der Schule und beim Sport hervorzutun.

Diese Dynamik veränderte sich so lange nicht, bis ich anfing, mit Win auszugehen. Plötzlich wurde ich für meinen Vater sichtbar. Plötzlich war ich seiner persönlichen Aufmerksamkeit wert.

Und je mehr Win erreichte, desto höher stieg ich in Daddys Achtung. Wenigstens kam es mir so vor.

Als Win an der Juristischen Fakultät von Harvard angenommen wurde, fuhr Daddy mit uns allen übers Wochenende nach Chicago.

Als Win den Schreibwettbewerb der juristischen Zeitschriften gewann, gab Daddy mir einen großen, fetten Scheck, als hätte ich den Preis gewonnen.

Und als man Win in der Kanzlei Datz, Parrish und Kelleher dieTeilhaberschaft anbot, spendierte Daddy uns beiden ein Wochenende auf der Canyon Ranch in den Berkshires.

Alles war ausgezeichnet.

Und dennoch, kurz vor diesem Maiabend, an dem ich mich darauf festlegte, einen Großteil des Sommers mit zwei Fremden zu verbringen, und trotz der Geschenke und des Beifalls von meinem Vater, begann sich etwas in mir zu verändern.

Ich hatte das Gefühl aufzuwachen. Ich hatte das Gefühl einzuschlafen.

Und für jemanden, der für seine Ausgeglichenheit bekannt war, war das ziemlich beängstigend.

Ich fühlte mich schrecklich rastlos und dann wieder lethargisch; einmal war ich voller nervöser Energie, dann kam ich morgens kaum aus dem Bett.

Meine Lieblingshobbys, wie Stricken und Powerwalking am Fluss, reizten mich plötzlich nicht mehr.

Ich gewöhnte mir an, sämtliche Anrufe vom Anrufbeantworter entgegennehmen zu lassen, um keine gute Laune vortäuschen zu müssen.

Das bisschen sexuelle Verlangen, das ich besaß, versickerte im Sand.

Clare Jean Wellman. Ich war stets das Mädchen gewesen, das freundlich war und leicht zu erfreuen.

Doch plötzlich war ich total unzufrieden.

Und wütend. Aber ich war mir nicht sicher, warum.

Traurig war ich auch, aber die Quelle der Traurigkeit konnte ich ebenso wenig ausmachen.

Win schien meinen Stimmungsumschwung und mein verändertes Verhalten nicht zu bemerken. Zumindest sprach er mich nie darauf an. Wofür ich ihm, glaube ich, dankbar war. Merkwürdig, aber wahr.

Ich war ihm dankbar für seine Gleichgültigkeit oder das, was ich dafür hielt.

Ich fing an, Frauenzeitschriften nach Artikeln über Stimmungsschwankungen und hormonale Schwankungen zu durchsuchen, über etwas, was die Astrologen die Saturn-Rückkehr nennen, und schließlich über Depressionen.

Doch eine Wellman geht nicht in Therapie.

Außerdem fragte ich mich immer wieder, warum ich eine Therapie brauchte? Ich hatte einen sicheren Job, eine gute Familie und ein hübsches Zuhause.

Ich hatte Win.

Vielleicht, dachte ich, fehlt mir gar nichts. Vielleicht …

Und dann las ich eines Tages, als ich in einer Zeitschrift namens New England Homes blätterte, einen Artikel über Martha’s Vineyard, und mir kam in den Sinn, einfach so, dass ich eine Weile wegfahren könnte.

Allein. Zumindest ohne Win.

Die Ferien begannen Mitte Juni, und das neue Schuljahr fing erst nach dem Labor Day an.

Warum musste ich in Boston bleiben, wenn ich irgendwo in der Natur sein konnte?

Ich vermisste es, Zeit auf dem Land zu verbringen und am Wasser zu sein. Ich hatte es mir nicht ausgesucht, in einer großen Stadt zu leben. Doch Win hatte beschlossen, New York oder Boston, und ich hatte Boston gewählt, als das kleinere der beiden städtischen Übel.

Ein Sommer in der Hitze der Stadt? Oder ein Sommer am Meer?

Abgesehen davon arbeitete Win schrecklich viel, und ich wusste, dass irgendwann im August ein wichtiger Prozess anstand, was bedeutete, dass wir in absehbarer Zeit nicht zusammen Urlaub machen konnten.

Die Idee war verlockend. Ohne Win verreisen.

Ich kam mir vor, als hätte ich ein spannendes schmutziges Geheimnis.

Zwei Tage lang tat ich nichts anderes, als darüber zu phantasieren, wie es wäre, einen Teil des Sommers ohne Win zu verbringen.

Und dann sah ich an einem Laternenpfosten einen Zettel, auf dem die »Hausgefährtinnen-Börse« im George angekündigt wurde.

Und das war’s. Ich sagte zwei Fremden verbindlich zu, zusammen ein Sommerhaus in Oak Bluffs zu mieten.

Was hatte ich nur getan?

Immer wieder stellte ich mir auf dem Heimweg in unseren geräumigen Loft in der Harrison Avenue im South End diese Frage. Es war wie ein Lied in meinem Kopf, passend zu meinen Schritten: Was hab ich getan, oh, was hab ich getan?

An der Ecke Shawmut Street kam ich an einem winzigen geschäftigen Restaurant namens The Dish vorbei. Es war ein milder Abend, und an den kleinen Tischen auf dem Bürgersteig saßen mehrere Gäste.

An einem Tisch saß eine Frau allein, ihr Mops hockte zu ihren Füßen. Sie war ungefähr fünfundvierzig und schlicht gekleidet; sie wirkte zufrieden und entspannt.

Das könnte ich nie, dachte ich. Allein in einem Restaurant essen.

Oder?

Dafür, dass ich mit meinem Freund zusammenlebte, verbrachte ich schrecklich viel Zeit allein.

Es wäre nett, dachte ich, den Nerv zu haben, tatsächlich mehr allein zu unternehmen, wie einen warmen Frühlingsabend in einem freundlichen Restaurant um die Ecke zu verbringen.

Die Frau fing meinen Blick auf, als ich vorbeiging, und lächelte. Ich erwiderte ihr Lächeln verlegen und ging weiter.

Nur Mut, Clare, sagte ich mir. Dieses Haus für den Sommer zu mieten ist ein Schritt in die richtige Richtung. Es ist ein Schritt in Richtung Unabhängigkeit.

Das ist doch das, was du willst, oder? Unabhängigkeit?

Aber was will Win für dich?, fragte eine klitzekleine Stimme.

Er würde nicht entzückt sein über meinen Plan, so viel war sicher. Die wahre Frage war: Hatte ich den Nerv, mich seinen Wünschen zu widersetzen?

Mit anderen Worten, hatte ich den Nerv, nein zu ihm und ja zu mir zu sagen?

Ich ging zu Foodie’s, einen mittelgroßen Supermarkt gegenüber der großen Kathedrale, um die Milch für Win zu kaufen und ein Fertiggericht als Abendessen für mich.

Als ich auf den Plastikbehälter mit Makkaroni und Käse wartete, dachte ich an die zwei Frauen, die wahrscheinlich meine Hausgenossinnen werden würden.

Danielle schien okay zu sein. Sie war ein bisschen aufgemotzter als die meisten Leute, die ich kannte, aber sie schien ein netter Mensch zu sein.

Ich mag nette Menschen.

Nettigkeit ist meiner Meinung nach eine unterbewertete Eigenschaft.

Gincy?

Nun, da machte ich mir ein wenig Sorgen. Darüber, wie wir zurechtkommen würden. Ich spürte schon, dass sie eine Kämpfernatur war. Eine kleine Unruhestifterin. Ein bisschen wild.

Vielleicht, dachte ich, sollte ich jedes weitere Urteil aufschieben, bis wir uns wieder treffen.

Ich bezahlte meine Einkäufe und eilte, mit einer weißen Plastiktüte und Wins Anzug aus der Reinigung bepackt, hinüber zur Harrison Avenue.

Von all diesen Ängsten abgesehen, war ich ziemlich aufgeregt. In gewisser Hinsicht war es mir sogar egal, was Win von meinem Plan hielt. Und das gab mir ein Gefühl der Freiheit, etwas, was ich, glaube ich, noch nie zuvor empfunden hatte.

Ich atmete tief durch und stellte mir einen Augenblick lang vor, ich stünde am Strand, allein mit den Sternen, dem Mond und dem Schlagen der schwarzen Wellen.

Mein Leben schien plötzlich sehr furchterregend zu sein.

Und, möglicherweise, ganz wunderbar.

Danielle

Sie mag sich selbst

Es war nicht meine Schuld, dass ich zu spät zu diesem Treffen kam.

Ich meine, welches Meeting in der Geschäftswelt beginnt je pünktlich?

Ich sag’s Ihnen. Keins. Kaum eins.

Ich war seit sieben Jahren leitende Verwaltungssachbearbeiterin im Bostoner Büro eines großen Bauunternehmens und ich hatte meinen Teil an Meetings gehabt.

Nicht einmal Ingenieure, die doch für ihre Präzision und Konzentration bekannt sind, kommen pünktlich zu Meetings. Nicht immer jedenfalls.

Wer würde also erwarten, dass ein Meeting sich zufällig zusammenfindender Frauen zwischen zwanzig und Mitte dreißig, die ein bisschen Geld hatten, um es für einen hübschen Sommerurlaub auszugeben – ein Meeting, das in einer absolut zwanglosen Bar wie dem George abgehalten wurde –, pünktlich um sechs Uhr beginnen würde?

Ich bitte Sie.

Die meisten Leute in meinem Büro, das in der Nähe des städtischen Campus der Northeastern University liegt, verließen das Gebäude frühestens um halb sieben. So sagte man mir, denn ich sorgte dafür, dass ich spätestens um fünf da raus war. Ich verdiente einfach nicht genug, um bis sieben Uhr zu arbeiten.

Das war der Job meines Mannes.

Zumindest würde das sein Job sein, sobald ich einen gefunden hatte.

Jedenfalls verließ ich das Büro an diesem Tag wie üblich um Punkt fünf Uhr, wodurch mir jede Menge Zeit blieb, auf meinem Weg von der Huntington Avenue rüber zur Boylston Street, fast oben beim Park, gemächlich durch das Einkaufszentrum zu schlendern. Es war ein sehr schöner Tag Ende Mai, und einen Augenblick lang überlegte ich, auf eine Abkürzung durch das Einkaufszentrum zu verzichten und stattdessen lieber ein bisschen frische Luft zu schnappen.

Doch dann dröhnte, während ich an der Ampel wartete, ein ekelhafter Bus vorbei, der dicken schwarzen Rauch ausstieß, und ich dachte: Was? Ich soll meine Lunge noch mehr zerstören, als sie durch diese stinkende Stadtluft eh schon zerstört ist?

Nein, vielen Dank.

Ich vermute, ich hätte nicht durch das ganze Einkaufszentrum gehen müssen. Es brachte mich von meinem Weg ab.

Und ich vermute, ich hätte keinen Abstecher durch die obere Etage machen müssen. Aber ich tat es, und da geschah es. Im Schaufenster von Nine West sah ich das süßeste Paar Pantoletten, und sie riefen nach mir.

»Danielle Leers!«, riefen sie. »Sieh uns an! Stell dir nur vor, du trägst uns zu einem Dinner im Davio’s.«

Nun, jede Frau, die etwas auf sich hält, wird Ihnen das bestätigen, wenn ein Paar sagenhafte Schuhe nach ihr schreit, dann marschiert sie stante pede in den Laden und probiert sie an.

Natürlich sahen die Pantoletten an meinen Füßen sensationell aus, besonders mit dem Raspberry Royale, das ich auf den Zehennägeln trug.

Sicher, sobald der Sommer kam, würde ich Sassy Strawberry tragen, doch ich war Expertin genug, um zu wissen, dass meine Farbe passte – dazu brauchte ich nicht die Hilfe von InStyle.

Ich kaufte die Pantoletten. Und als ich im Hochgefühl des eben Erstandenen den Laden verließ, fiel mir plötzlich wieder ein, dass ich die Sommerhaus-Miet-Börse inzwischen vollkommen vergessen hatte.

Ich schaute auf die Uhr, sah, dass es bereits sechs Uhr war, und eilte mit einem Achselzucken in Richtung des nächsten Ausgangs. Ich rechnete mir aus, dass es sicherer war, zu Fuß zu gehen, falls ich es überhaupt noch zu diesem Meeting schaffen wollte.

Was mir nicht gelang. Als ich ins George kam, war das Meeting vorbei, und alle hatten sich schon mit Hausgenossinnen zusammengetan, bis auf mich und zwei andere Mädchen, die auch zu spät gekommen waren.

Nun, lange Rede, kurzer Sinn, wir drei beschlossen, einfach nach Vineyard zu fahren und zu hoffen, dass wir etwas Anständiges zu mieten fanden.

Da war ich also und hatte mich darauf festgelegt, mir mit zwei völlig fremden Frauen ein Haus zu teilen – nun, zumindest zu versuchen, ein Haus zu finden.

Von den beiden schien keine mich so recht zu mögen. Vielleicht, dachte ich, ist das gut.

Mit der einen, die Clare hieß, rumzuhängen konnte witzig werden. Sie war okay. Ihre Klamotten waren ein wenig farblos, aber ihre Haare waren wenigstens hübsch frisiert, wenn auch simpel. Und sie hatte einen Freund, also würde sie mir keine Konkurrenz machen.

Obwohl ich mich fragte, warum sie ohne besagten Freund ein Haus mietete.

Die andere, Gincy? Bei ihr war ich mir nicht so sicher. Die Haare des Mädchens waren eine Katastrophe. Und sie hatte überhaupt keinen Schmuck getragen. Außer, man betrachtete schäbige kleine Silberstecker im Ohr als Schmuck. Was ich nicht tat.

Aber sie würde mir ebenfalls keine Konkurrenz machen. Kein Mann, mit dem ich gerne ausginge, würde, wenn er noch bei Verstand wäre, mit diesem verkorksten Mädchen ausgehen wollen.

Schließlich war es eigentlich auch gar nicht wichtig, ob ich gut mit meinen beiden Hausgenossinnen auskam. Ich mietete ja kein Sommerhaus, um neue Freundinnen zu finden.

Mit Freundinnen konnte ich noch nie viel anfangen. Stimmt schon, zu ein paar Mädchen, mit denen ich in Oyster Bay aufgewachsen bin, habe ich Kontakt gehalten. Das ist auf Long Island und gehört zu New York. Wir schickten uns gelegentlich E-Mails, und ich traf sie, wenn ich nach Hause fuhr, um meine Familie zu besuchen.

Aber ich hatte nicht viel mit Amy, Michelle und Rachel gemein. Nicht nur, weil sie alle verheiratet waren und ich nicht.

Ich war von Anfang an anders.

Zum Beispiel war ich die Einzige aus der Gruppe, die von zu Hause auszog, um aufs College zu gehen.

Während Amy und Rachel auf ein örtliches Community College gingen und Michelle jeden Tag zur New York University pendelte (ihre Eltern wollten nicht, dass sie in einem Studentenwohnheim wohnte), ging ich auf die Boston University und machte meinen Magisterabschluss in Kommunikationswissenschaft mit Nebenfach Kunstgeschichte.

Vier Jahre lang flog ich über die Feiertage und im Sommer nach Hause nach Long Island, und obwohl ich es immer schön fand, war ich jedes Mal froh, wenn ich wieder nach Boston zurückkehren und mein eigenes Leben leben konnte.

Als mein Studienabschluss näher rückte, ließen meine Eltern durchblicken, dass sie davon ausgingen, ich würde nach Hause zurückkehren, um mir einen Job in New York zu suchen.

Ich lehnte mich gegen die Vorstellung auf.

Ich liebte meine Familie. Aber ich wollte mein so genanntes Erwachsenenleben nicht unter ihren Augen beginnen. Sie hatten mir genug zugesetzt, als ich nach Boston aufs College gegangen war, aber ich blieb konsequent, ich musste allein sein, um weiterzukommen.

Und es war absolut unmöglich, dass ich nach diesen vier Jahren wieder nach Hause zog.

Meine Privatsphäre war mir zu wichtig geworden.

Amy, Michelle und Rachel waren mit dreiundzwanzig verheiratet.

Mein Vater fragte vorsichtig, ob ich nicht vielleicht auch heiraten wollte.

Meine Mutter überlegte, was mit diesen steifen Neuengländern nicht stimmte, dass sie eine nette junge Frau nicht erkannten, wenn sie einer begegneten.

Ich hatte es, ehrlich gesagt, nicht eilig zu heiraten. Vorerst.

Was mich wieder zu dem Sommerhaus bringt. Ich hatte beschlossen, ein Haus in Oak Bluffs zu mieten, weil ich mir ein Haus auf Nantucket Island oder in einer der superteuren Gegenden von Vineyard, wie etwa Edgartown, nicht leisten konnte.

Ich wusste, dass ich meine Eltern um Geld bitten konnte. Sie würden es mir geben, aber zuerst würden sie versuchen, mir die Idee mit dem Haus auszureden, stattdessen sollte ich im Sommer lieber ein paar Wochen zu ihnen kommen.

Und das wollte ich nicht. Ihre Liebe konnte echt überwältigend sein. Ich habe immer noch Angst, ich könnte in ihrer emphatischen Umarmung ersticken.

Und ich war scharf auf die Umarmung von jemand anderem.

In erster Linie wollte ich ein Sommerhaus mieten, weil es an der Zeit war, einen Ehemann zu finden.

Einen Ehemann, der einer Danielle Sarah Leers würdig war.

Wer war Danielle Sarah Leers in diesem schicksalhaften Sommer? Lassen Sie mich Ihnen ein wenig von ihr erzählen.

Größe: 1,63 Meter. Genau richtig.

Farbe: olivfarbene Haut, braune Augen und, dank Studio Salon, perfekt geschwungene Augenbrauen.

Haar: dick und dunkelbraun; ich trage es gerne offen auf den Schultern und immer perfekt gekämmt.

Figur: Einige nannten mich üppig. Andere sagten, ich ähnelte der jungen Sophia Loren.

Oder Catherine Zeta-Jones.

Oder, an meinen besten Tagen, Jennifer Lopez.

Wirklich. Die Leute haben mir das erzählt. Sie können meine Mutter fragen.

Vor langer Zeit hatte mal ein Typ den Nerv, mir zu sagen, ich sei ein kleines bisschen zu fett. Ich antwortete, er solle zusehen, dass er Land gewinne. Wie ich aussah, war meine Sache, und zwar ganz allein meine. Er wollte einen Rückzieher machen und behauptete, er habe es als Kompliment gemeint, aber da war es zu spät. Was mich anging, war der Typ bereits Geschichte.

Sehen Sie, ich habe immer geglaubt, es sei sehr gut, Selbstachtung zu haben. Meine verdanke ich meinen Eltern. Sie haben mich von ganz früh an gelehrt, ich sei hübsch und intelligent und habe es vollkommen verdient, glücklich zu werden, Liebe zu erfahren und gesellschaftlichen Erfolg zu erlangen.

Sie haben es mich gelehrt, und ich habe zugehört. In der Schule war ich womöglich nicht immer so aufmerksam, besonders in Erdkunde und Gemeinschaftskunde – als hätte ich mir je den Tag davon verderben lassen, dass ich, was weiß ich, Uruguay zum Beispiel nicht auf einer Karte finden konnte! Aber zu Hause hörte ich sehr aufmerksam zu.

Ich war allerdings nicht völlig von mir eingenommen. Ich kannte Mädchen, die völlig von sich eingenommen waren, sie waren einfach unausstehlich. Unausstehlich zu sein war und ist untragbar und wird es immer bleiben. Aber ich fand es entschieden wichtig, mich in meiner Haut wohl zu fühlen. Das Gefühl zu haben, gute Dinge zu verdienen.

Warum auch nicht?

Wie meine Großmutter so gerne sagte: »Tot ist man noch lange genug.«

Denken Sie darüber nach.

Wie auch immer, über ein oder zwei Kilo machte ich mir nicht zwanghaft Gedanken. Ich wusste, ich war hübsch, mit oder ohne die ein oder zwei Kilo.

Und Männer mussten Gentlemen sein, sonst lief bei mir nichts.

Ich ging regelmäßig zur Massage und zur Kosmetikerin und alle zwei Wochen zur Maniküre und zur Pediküre. Im Büro fragte mich mal jemand, warum ich mir imWinter die Mühe machte, mir die Zehennägel schneiden zu lassen.

»Es ist kein Sandalenwetter«, meinte sie. »Niemand sieht deine Zehen.«

»Richtigstellung«, erwiderte ich. »Ich sehe meine Zehen. Und ich bin diejenige, die zählt.«

Seit der High School trug ich nur Gelbgold, niemals Silber. Nicht dass ich Silber hasste; ich hatte nur beschlossen, ein Kennzeichen zu haben, einen wieder erkennbaren Stil. Und ich hatte früh gelernt, dass eine Frau einen persönlichen Juwelier haben sollte, jemanden, dem sie vertrauen konnte.

Ich finde, jede Frau sollte eine Menge Dinge für sich selbst haben. Es läuft alles auf Selbstachtung hinaus.

Wenn ich mitbekam, dass Frauen es zuließen, dass Männer auf ihnen herumtrampelten – dieselben Männer, die wollten, dass die Frauen ihr Essen selbst bezahlten, die nicht wie verabredet anriefen und die in der Öffentlichkeit Jogginghosen trugen –, hätte ich schreien können.

Ich dachte: Wo soll es enden mit der Welt, wenn derart schlechtes Benehmen nicht verboten ist?

Es war doch so: Man gab Männern den kleinen Finger, und sie nahmen gleich den ganzen Arm. Man musste ihnen Grenzen setzen. Man musste dafür sorgen, dass sie sich an die Regeln hielten. Und wenn sie sich nicht an die Regeln hielten, waren sie raus aus dem Spiel. Punkt.

Ich betrachtete mich als guten Menschen.

Ich spendete die Kleider der vergangenen Saison einem Obdachlosenheim. Wissen Sie, die Irrtümer, die Sachen, die man nicht hätte kaufen sollen.

Nicht dass mir viele Irrtümer unterliefen.

Am Ende des Jahres stellte ich dem Women’s Lunch Place einen Scheck aus.

»Wenn man so viel hat wie wir«, sagte mein Vater oft, »sollte man ein bisschen was davon abgeben.«

Eines Tages, denke ich, wenn ich Kinder habe, bringe ich ihnen bei, was meine Eltern mir beigebracht haben. Ich sorge dafür, dass sie stolz, stark und großzügig werden, und dann folgen Glück und Erfolg auf den Fuß.

Wenigstens hat man es mir so erklärt. Was das Glück anging, da hatte ich manchmal so meine Zweifel. Nicht dass ich über diese Zweifel geredet hätte oder so.

Obwohl ich Zweifel hatte, hatte ich auch so etwas Ähnliches wie einen Glauben. Meine Familie lebte nicht koscher und ging auch nicht in die Synagoge, aber an den hohen Feiertagen versammelten wir uns zu den besonderen Mahlzeiten. Die Frauen kochten, und die Männer sangen und lasen einige Gebete.

Von denen ich die meisten nicht verstand, weil ich in der Schule nie Hebräisch belegt hatte.

Bitte. Es gab im Leben genug, um das man sich kümmern musste, wenn man einen Job und ein soziales Leben hatte.

Trotzdem hatte ich stets das Gefühl, dass Tradition wichtig war, und schwor, wenn ich heiraten würde, würden mein Mann und ich unsere Kinder die Bedeutung der Tradition lehren.

Womit wir wieder beim Thema Ehemann wären.

Vor langer Zeit hatte ich einmal den Plan gefasst, Mr. Right im Alter von fünfundzwanzig oder so zu begegnen.

Vielleicht war es nicht sosehr ein Plan, sondern vielmehr so, dass ich mir ganz sicher war, dass es so kommen würde. Ich wäre einfach nie auf die Idee gekommen, Mr. Right würde mir nicht mit Mitte zwanzig über den Weg laufen.

Doch da war ich, neunundzwanzig und Single. Und im Sommer wurde ich dreißig. Am zehnten August.

Dreißig.

Ich konnte es kaum glauben.

Plötzlich wurde mir sehr, sehr deutlich bewusst, dass viele Frauen in den Straßen von Boston jünger waren als ich. Ich gewöhnte mir an, sie zu mustern, wie rein ihre Haut war, wie dicht ihr Haar, wie weiß ihre Zähne strahlten, wie fest ihr Fleisch war.

Rivalinnen. Gefährliche Rivalinnen.

Nicht dass ich das Vertrauen in mich verloren hätte, aber …

Sieh den Tatsachen ins Auge. Dreißig ist alt für eine Frau.

Danielle, sagte ich mir, es ist höchste Zeit, dass du Nägel mit Köpfen machst. Es ist höchste Zeit, dass du den Bund fürs Leben schließt.

Heiraten war ein Zeichen von Reife, stimmt’s? Es verkündete der Welt: »Seht, ich bin erwachsen. Ich kann über Hypotheken, Dachrinnen und Schneefräsen, über Grundsteuer, Schwiegereltern, Schulsysteme und Lebensversicherungen reden, da macht mir keiner was vor. Auch meine Eltern nicht.«

Heiraten war das Ende der Kindheit oder einer verlängerten Zeit des Erwachsenwerdens oder so.

Es war das Ende von etwas.

Nun, ich war bereit, ein Ende zu setzen. Ich war bereit, erwachsen zu werden.

Ich war bereit, dem Club beizutreten.

Jetzt war alles, was ich zu tun hatte, Mr. Right zu finden.

Keine große Sache, sagte ich mir. Er war irgendwo da draußen.

Und er würde mich lieben in meinen neuen Pantoletten.

Clare

Nichts kann sie aufhalten

Win war nicht glücklich über das Sommerhaus.

Was ich auch nicht erwartet hatte. Dennoch erschreckte mich sein Missfallen ein wenig.

Win würde mich nie schlagen. Das war es nicht. Es war der Blick in seinen Augen, der eiserne Blick, der mich aus seinen Überlegungen auszuschließen schien.

Wir befanden uns in der teuren, supermodernen Küche, die Win für unser teures, supermodernes neues Zuhause ausgesucht hatte.

»Wenn du dir Sorgen um das Geld machst«, sagte ich, »die Miete zahle ich aus dem Zuschuss meiner Eltern.« Der Blick wurde intensiver. »Stell nie meine Fähigkeit, für uns beide zu sorgen, infrage«, sagte er mit leiser, kalter Stimme. »Ich bin hier der Mann. Vergiss das nicht.«

Was konnte ich darauf erwidern? Ich wandte mich von ihm ab, nahm ein Küchenhandtuch und machte mich daran, das Besteck abzutrocknen.

»Clare, warum bestehst du darauf, diese Sachen von Hand zu spülen?« Win war aufgebracht. »Wir haben eine Geschirrspülmaschine, die kann das erledigen.«

Ich wirbelte herum. »Du hast sowieso immer viel zu viel zu tun, um viel Zeit mit mir zu verbringen. Was spielt es für eine Rolle, wenn ich ein Weilchen wegfahre?«

Oder wenn ich mein Geschirr gerne per Hand abwasche?

»Es spielt eine Rolle, weil …« Win unterbrach sich. Schlug eine andere Taktik ein.

Als Nächstes würde seine Stimme schmeicheln. Darauf angelegt sein, mich einzulullen.

Er kam näher und legte mir die Hand auf die Schultern.

»Süße, warum fährst du nicht nach Hause und verbringst den Sommer bei deiner Mutter?«

Warum? Damit sie ein Auge auf mich haben kann?

»Ich nehme das Haus.« Ich machte mich von ihm los.

»Du kannst mich nicht daran hindern, Win.«

Win atmete tief durch, bevor er seine Prophezeihungen vom Stapel ließ. »Hör mal zu, Clare, du wirst das bereuen. Aber weißt du was? Wenn du nicht auf meinen Rat hören willst, auch gut. Ich versuche nur, dich davor zu bewahren, einen großen Fehler zu machen.«

Du versuchst nur, mich daran zu hindern, mein Leben zu leben.

Win ging zurück an seinen Laptop, zu irgendeiner Datei, die er für die Arbeit durchsehen musste. Ich lief ins Schlafzimmer und setzte mich auf die Bettkante.

Wieder kam mir in den Sinn, wie allein ich war. Ich hatte, bis auf ein paar Frauen von Wins Kollegen, keine Freundinnen.

Und das waren keine richtigen Freundinnen. Nicht solche, die ich schon von der Grundschule her kannte, enge Freundinnen, mit denen zusammen ich gekichert hatte, die meine Familie fast so gut kannten wie ich selbst, die wussten, dass ich Eiscreme am liebsten gleich aus dem Behälter löffelte.

Eine Stunde später kam Win ins Bett. Ich lag unter der Zudecke, hatte meine Kleider aber noch an. Wir schwiegen beide.

Geh nie wütend zu Bett. Das war einer der Lieblingsratschläge meiner Mutter, wenn es um Beziehungen ging. Sie schwor, sie und Daddy wären nie zu Bett gegangen, ohne sich nicht vorher wieder versöhnt zu haben.

Ich glaube, das war gelogen.

Gincy

Du kannst nie nach Hause

Ich weiß nicht, warum ich zu Hause anrief. Meine Eltern rufen mich nie an.

Fast nie.

Ich hatte ihnen eigentlich auch nichts zu sagen.

Von meinem Job verstanden sie nichts. Über mein Privatleben wollte ich sie nichts wissen lassen. Nicht dass da im Augenblick irgendetwas Heißes gelaufen wäre.

Trotzdem.

Ich rief am folgenden Nachmittag vom Büro aus an, mit meiner Telefonkarte. Ich hatte nicht die Angewohnheit, das Bürotelefon, das E-Mail-Programm oder den Bürokopierer privat zu nutzen, im Gegensatz zu einigen anderen Leuten, deren Namen ich nicht nennen werde.

Zum Beispiel meine Freundin im Büro, Sally. Sie war gewissermaßen auch außerhalb der Arbeit meine Freundin, obwohl wir bis dahin noch nicht oft zusammen einen trinken gegangen waren. Nur dreimal. Und sie hatte jeden dieser betrunkenen Abende angestiftet.

Sie war ein liebes Mädel, trotz ihrer sorgfältig einstudierten beinharten Erscheinung.

»Mom? Hier ist Gincy. Ich rufe aus Boston an.«

Das musstest du ihr wohl gleich unter die Nase reiben, was?

Mein besseres Ich schüttelte beschämt den Kopf.

»Hallo, Virginia«, antwortete meine erbitterte Mutter.

»Ist etwas passiert? Ich hoffe, du brauchst kein Geld, denn wir können dir keins schicken, wo …«

Ich verdrehte die Augen, auch wenn es niemand sah.

»Mom! Ich will kein Geld. Meine Güte. Können wir uns bitte ganz normal unterhalten? Himmel nochmal.«

»Ich wünschte, du würdest nicht solche Ausdrücke benutzen, Virginia. Du weißt, was ich von gotteslästerlichen Reden halte.«

Ja, dachte ich. Was der Grund dafür ist, dass sie aus meinem Mund quellen, sobald wir uns unterhalten. Ich kann nichts dafür, Mom. Das liegt irgendwie an dir.

»Wie geht es dir, Mom?«, fragte ich und unterdrückte das Verlangen, meine Hand an den Tisch zu tackern. Es würde mich davon ablenken, wie schmerzhaft diese Unterredung war. »Wie geht es Dad?«

»Oh, uns geht’s gut, was soll uns schon fehlen, außer Geld  …«

»Und Tommy?«

Mein Bruder, gerade fünfundzwanzig, hatte auf das College verzichtet, um an der Kasse des örtlichen Harriman’s, eines riesigen Supermarkts, so richtig einen draufzumachen. Wir waren noch nie miteinander klargekommen, auch als Kinder nicht. Tommy hatte etwas Gemeines an sich. Und was noch schlimmer war, obwohl er sich ganz schön dämlich gab, hatte ich den Verdacht, dass er in Wirklichkeit ziemlich klug war. Nur faul. Und Faulheit verabscheute ich.

Mom seufzte. »Er trifft sich mit einem Stück Abfall, das er in BaumStumpf aufgegabelt hat. Diese Stadt produziert mehr Müll …«

Natürlich war nichts je Tommys Schuld. Seine hinterhältige Freundin, der beste Freund, der einen schlechten Einfluss hatte, die Polizei, die nichts Besseres zu tun hatte, als einen jungen Mann zu verhaften, der sich nur die Hörner abstieß. Alle hatten Schuld an Tommys erbärmlichem Leben.

»Oh!«, sagte meine Mutter. »Ich habe allerdings Neuigkeiten.«

Der Keller steht schon wieder unterWasser, weil ihr zu knauserig seid, einen Sickerdrän einzubauen oder wie immer man dieses Ding nennt, das verhindert, dass der Keller voll Wasser läuft?

»Erinnerst du dich an deine Cousine Jody?«

Wie hätte ich sie je vergessen können? Als Kind war sie ein kackewerfendes Ekel gewesen.

»Ähm, ja, Mom. Ich war ihre Babysitterin.«

»O ja. Nun, sie geht von der High School ab, um ein Baby zu bekommen!«

Na, das ist natürlich eine interessante Karriereentscheidung, dachte ich.

»Wer ist der Vater?«, fragte ich, als würde ich das kleine Arschloch kennen. »Wird sie heiraten?«

»Nun, natürlich, Virginia! Onkel Mike würde es nicht im Traum einfallen, seine Tochter in Sünde leben zu lassen oder sein Enkelkind als Bastard aufwachsen zu sehen. Wie kannst du nur so etwas denken? FroschPipi ist keine Großstadt, weißt du.«

Es gab absolut nichts, was ich darauf sagen konnte, also wechselte ich abrupt das Thema. »Weißt du was, Mom? Ich miete mir für den Sommer ein Haus auf Martha’s Vineyard. Mit zwei anderen Frauen. Direkt am Strand. Ein Haus.«

Einen Augenblick war Stille in der Leitung.

Dann: »Heißt das, du kommst zu Jodys Hochzeit nicht nach Hause?«

Da waren wir wieder.

Was hatte ich erwartet? Etwa, dass meine Mutter sich für mich freuen würde?

»Hol Dad an den Apparat, Mom.«

Das Gespräch mit meinem Vater war kurz. Ich erzählte ihm von meinen Plänen.

»Schätze, dann sehen wir dich diesen Sommer nicht«, bemerkte er. »Pass gut auf dich auf ganz allein da draußen auf irgendeiner Insel.«

Ja, Dad, ich halte Ausschau nach Meeresungeheuern. Ich habe gehört, sie steigen immer bei Vollmond aus der Tiefe …

»Ich komme schon zurecht, Dad.«

Das tue ich immer.

Ich legte auf und rieb mir die Augen. Verdammtes Neonlicht. Und inmitten des geschäftigen Büros, wo Telefone klingelten, Computer sirrten und Stimmen riefen, fühlte ich mich plötzlich sehr, sehr allein.

Und dann war da Sally. In all ihrer stoppeligen, purpurroten Haarpracht.

»Hey«, sagte sie und starrte auf das schwarze Brett schräg hinter mir. »Hast du Lust auf ein Bier nach der Arbeit?«

Ich bemerkte ein neues Nasenpiercing.

»Klar«, sagte ich. »Danke.«

Danielle

Die einzige Tochter

Der Anruf war nicht so schlimm, wie ich erwartet hatte.

Meine Mutter lamentierte und jammerte ein wenig, aber nachdem ich ihr versichert hatte, dass Martha’s Vineyard sehr beliebt sei bei akzeptablen Junggesellen – und nicht nur bei Schwulen –, nahm sie meine Pläne für den Sommer mit einem Seufzen hin.

»Wenigstens«, sagte sie, »vergeudest du nicht deine Zeit, indem du dich ohne Ziel und Zweck amüsierst. Danielle, ich bin so glücklich, dass du beschlossen hast, häuslich zu werden und zu heiraten.«

»Nun«, sagte ich, nervlich leicht angespannt. »Zuerst muss ich noch den passenden Mann finden, Mom.«

»Pfff!«, tönte meine Mutter. Ich konnte förmlich vor mir sehen, wie sie mit ihrer pummeligen Hand durch die Luft fuhr und dieses kleine dumme Hindernis beiseite fegte.

»Als wäre das ein Problem? Sieh dich an! Du bist großartig. Jeder Mann, der bei Verstand ist, würde sterben, um dich zu heiraten.«

Der bei Verstand war.

Notiz ans Ich: Nimm dich vor Irren in Acht.

»Danke, Mom. Ist Dad da?«

Als Allererstes sagte er: »Weißt du, deine Mutter fände es toll, wenn du diesen Sommer zwei Wochen nach Hause kommen würdest. Geht das?«

Da waren sie. Schuldgefühle.

»Ich habe einen Mietvertrag unterzeichnet, Dad«, log ich. »Abgesehen davon …«

»Weißt du, David möchte dich sehen. Er und diese Verlobte, wie heißt sie noch?«

»Roberta.«

Warum tat Dad immer so, als vergäße er die Namen sämtlicher Freundinnen von David?

»Vielleicht kann David mich auf Vineyard besuchen kommen«, fügte ich hinzu, wohl wissend, dass Dad noch mindestens eine Schuldgefühl-Karte im Ärmel hatte.

»Was ist mit deinem armen, alten Vater, hast du auch an den gedacht?«, sagte mein Vater jetzt in halb neckendem Tonfall. »Liebst du ihn nicht mehr? Hast du jemanden gefunden, den du mehr liebst als deinen Vater?«

Das war immer der tödliche Schlag. Obwohl ich, anders als viele andere weibliche Wesen, niemals versucht habe, daraus Vorteile zu ziehen, war ich Daddys kleines Mädchen.

»O Dad, natürlich nicht. Du weißt, dass du immer die Nummer eins sein wirst. Es ist nur, dass …«

»Danielle, geh und amüsier dich. Ich scherze nur, ich mache nur Witze. Du bist eine junge Frau, ein hübsches Mädchen, du solltest deinen Spaß haben.«

»An meinem Geburtstag bin ich zu Hause«, sagte ich, während Tränen in meinen Augen brannten. »Im August. Übers Wochenende.«

»Mein kleines Mädchen wird dreißig.« Dad seufzte. »Du machst einen alten Mann aus mir!«

»Du bist nicht alt, Dad«, sagte ich und dachte: Mein Dad ist doch nicht alt, oder? Fünfundsechzig. Das war doch heutzutage nicht alt, oder?

»Nun, ich werde alt, und Gott sei Dank. Weißt du, warum?«

Tröstliche Vertrautheit. Und grausliche Vertrautheit.

»Weil man, wenn man nicht alt würde, bereits tot wäre«, deklamierte ich.

Dad kicherte. »Genau! Und jetzt mach mal, amüsier dich am Meer.«

Ich versprach, es zu versuchen.

Gincy

Unglücklicher Start

Ich nehme an, wir hätten auch den Sprung wagen und unbesehen ein Haus mieten können.

Der Maklerin vertrauen. Ihren Märchen glauben.

Am Ende hätte es keine große Rolle gespielt. Als wir endlich so weit waren, etwas zu mieten, war für den Sommer über nur noch Schrott auf dem Markt. Wenigstens in Oak Bluffs.

Unsere Maklerin erwähnte ein paar kleinere Anlagen am Tisbury Great Pond. Kein Strom. Unzuverlässige Wasserleitungen. Spektakuläre Aussicht. Viel Ruhe und Frieden.

»Wir wollen weder Ruhe noch Frieden«, verkündete Danielle. Mir und Clare flüsterte sie zu: »Und die einzige Aussicht, die mich interessiert, ist der Blick auf eine muskulöse maskuline Brust!«

Ich hatte schnell mitbekommen, dass Danielle gelegentlich dazu neigte, sich des Vokabulars von Liebesschmonzetten zu bedienen.

Das Wetter trug auch nicht gerade dazu bei, uns das Haus schmackhaft zu machen. Der Tag war kühl, feucht und grau. Ich hatte es versäumt, über mein kurzärmliges T-Shirt eine Jacke anzuziehen, und hatte entsprechend Gänsehaut an den Armen.

Ich überlegte: War Vineyard den Kummer wert? Es war nicht gerade leicht zu erreichen, sagen wir mal im Vergleich zu Cape Cod. Zuerst musste man einen Bus nach Falmouth nehmen und von dort die Fähre nach Oak Bluffs.

Vielleicht, dachte ich, sollte ich mir die ganze Idee eines Sommerhauses aus dem Kopf schlagen und mir an den Wochenenden und den freien Tagen einen Mietwagen nehmen und Tagestouren an Orte wie Sturbridge Village und zum Haus von Louisa May Alcott in Concord unternehmen. Oder war es Lexington?

O ja. Als wenn ich mich an einem dieser Orte je amüsieren könnte.

»Meine Damen, nichts für ungut«, sagte Terri gerade, »aber hören Sie mir zu. Ich rede hier nicht um des Redens willen. So spät haben Sie keine Wahl. Sie nehmen’s, oder Sie werden sagen, mein Gott, hätten wir doch auf Terri gehört, glauben Sie mir.«

»Kommen Sie aus Brooklyn?«, fragte ich.

»Na und?« Terri sah mich misstrauisch an, als würde ich sie öffentlich eines alten Verbrechens in der Nachbarschaft beschuldigen.

Ich zuckte die Achseln. »Ich frage ja nur. Ich finde es immer toll, wenn ich einen Akzent zuordnen kann.«

»Was für einen Akzent? Na, egal, sind wir jetzt im Geschäft, oder was?«

Es hätte so oder so ausgehen können. Ich meine, das Haus war ziemlich miserabel, selbst an meinen niedrigen Maßstäben gemessen. Ein spitzenmäßiger viktorianischer Prunkbau? Weit gefehlt. Eher eine heruntergekommene Baracke.

Zwei winzige Schlafzimmer, mehr aufgemotzte Kammern als richtige Zimmer. Was interessant war, denn Schränke gab es nicht. Der Kühlschrank stammte aus dem Jahr 1965 oder so. Der Schimmelgestank war so heftig, dass wir die Hütte monatelang würden lüften müssen. Eine Couch, auf die nicht mal ich mich setzen würde, ohne vorher ein sauberes Laken darüber zu breiten. Und mehrere Flaschen Febreze zu versprühen.

Das Gute an dem Haus? Es lag in Oak Bluffs.

Und Oak Bluffs war ein ziemlich abgefahrener Ort. Früher war hier mal die Erweckungsbewegung tätig, was etwas mit den Methodisten zu tun hatte, einer Gruppe, die Katholiken und gemäßigteren Protestanten eine Heidenangst einjagte. Die Erweckungsbewegung und alles, was damit zusammenhing, führte Ende des neunzehnten Jahrhunderts zu einer ungeheuren Zahl von im Schweizer Stil erbauten Holzhäusern und in der Folge zur wachsenden Beliebtheit von Oak Bluffs als Urlaubsort für den durchschnittlichen Mittelklasseamerikaner.

Ich wusste nicht, wie die Geschichte abgelaufen war, aber ich wusste, dass es in Oak Bluffs immer noch eine pulsierende und wohlhabende afro-amerikanische Gemeinde gab.

Und viele Bars.

Danielle rümpfte die Nase. »Die Küche ist ziemlich schmutzig.«

»Die kann ich putzen«, sagte Claire prompt. »Ich meine, es müsste gemacht werden.«

»Wie oft werden wir überhaupt kochen?«, fragte ich. »Ich denke, die meiste Zeit hängen wir eh draußen rum.«

Woher willst du eigentlich das Geld für all das Rumhängen nehmen?, fragte eine lästige kleine Stimme in meinem Kopf.

Halt’s Maul, erklärte ich ihr.

Danielle hatte ein anderes Problem. »Die Farbe blättert überall ab.«

»Draußen. Na und?«

»Ähm, vielleicht ist die bleihaltig?«

»Sitzt du denn rum und knabberst Farbchips?«, schoss ich zurück.

»Ich meine ja nur.«

Terri zuckte die Achseln.

»Das Bad ist schrecklich klein«, bemerkte Clare und tippte sich mit dem Finger ans Kinn.

»Wir benutzen es nacheinander«, antwortete ich.

Terri seufzte. »Also, was wollen Sie? Es ist kein Palast. Wenn Sie sich einen Palast leisten könnten, kämen Sie nicht nach Oak Bluffs. Mehr sage ich nicht.«

»Mehr sagt sie nicht, Clare. Danielle. Kommt«, drängte ich, obwohl ich immer noch ein bisschen unsicher war, den Sprung wirklich zu wagen.

Lass uns nochmal darüber nachdenken, Gincy. Sommerwochenenden am Strand? Oder einWochenende in FarnSpore, um an der Hochzeit eines schwangeren Teenagers und anderen ähnlich hochrangigen Familienfesten teilzunehmen?

War ich verrückt, oder was?

»Nehmen wir es jetzt oder nicht?«, fragte ich.

Wir standen auf der winzigen, wackeligen Veranda und sahen einander mit zaghafter Miene an, als Danielles Blick über meine Schulter schoss und sie, bevor ich aus dem Weg gehen konnte, meinen Arm packte. Ihre langen, lackierten Fingernägel waren scharf wie Rasierklingen.

»Autsch!«, schrie ich und riss meinen Arm los. »Meine Güte, du bist ja schlimmer als Vampira! Pass doch auf mit diesen Krallen.«

»Tut mir Leid«, murmelte sie, den Blick immer noch auf einen Punkt an der Straße geheftet. »Mädels, das müsst ihr sehen. Oh. Oh. Oh.«

»Was?«, fragte ich gereizt und drehte mich um, um zu sehen, was ihre Aufmerksamkeit so fesselte.

Und da war es. Gottes Geschenk an Frauen. Und an Männer. Ließ alles ausflippen, was Augen im Kopf hatte.

Zumindest das körperliche Ideal. Und auch noch in Radlerhosen. Verdammt.

»Oh, das kann nicht echt sein«, sagte ich. »Oder doch?« Der Typ kam in unsere Richtung und hatte bemerkt, dass wir ihn mit offenem Mund anstarrten. Er schien sich nichts daraus zu machen, falls sein Grinsen und sein affektiert stolzierender Gang als Hinweis gedeutet werden konnten.

Breite Schultern, schmucke Taille, flacher Bauch, muskulöse Beine und, wie hätte es anders sein können, ein toller Hintern.

»Er sieht ziemlich gut aus«, sagte Miss Perfekt-mit-Freund.

»Ziemlich gut?«, kreischte ich. »Sehen wir denselben Typ? Er ist das schärfste Teilchen, das mir je untergekommen ist!«

»Kein Teilchen«, verbesserte Clare mich. »Ein Mensch. Und ja. Er ist scharf.«

Danielle zwinkerte, und der Adonis zwinkerte zurück.

»Hetero. Eindeutig.«

»Und?«, drängte Terri mit einem lauten Ploppen ...

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