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Ein Vampir für gewisse Stunden

 

1

Leigh war nur noch eineinhalb Blocks von zu Hause entfernt, als sie den Nachhall fremder Schritte vernahm. Zunächst dachte sie sich nichts dabei. Sie war in Kansas, hier passierte nie was. Erst recht nicht um fünf Uhr morgens. Selbst Dorothy und ihr Hund Toto hatten erst von einem Tornado mitgerissen und im Land Oz abgesetzt werden müssen, um etwas Abenteuerliches zu erleben.

Andererseits befand sie sich in Kansas City und nicht in irgendeinem abgeschiedenen Dorf. In dieser Stadt ereigneten sich durchaus Verbrechen, und sie war eine Frau, die um fünf Uhr früh ganz allein durch eine dunkle Straße ging. Zwar handelte es sich um ein Wohngebiet mit alten Gebäuden, in denen Familien lebten, aber nur ein paar Blocks weiter lag Downtown, wo sich Obdachlose und Junkies tummelten.

Ein Schauer lief Leigh über den Rücken, als ihr auffiel, dass die Schritte hinter ihr schneller geworden waren und rasch näher kamen. In den letzten fünf Jahren war Leigh diese Strecke schon Hunderte Male gegangen, und nie hatte sie sich dabei unbehaglich gefühlt … weshalb es ihr gar nicht gefiel, dass genau das jetzt der Fall war. Sie ermahnte sich, Ruhe zu bewahren. Gleichzeitig versuchte sie, sich daran zu erinnern, was sie im Selbstverteidigungskurs gelernt hatte, aber natürlich herrschte jetzt, da sie dieses Wissen dringend brauchte, gähnende Leere in ihrem Kopf.

Aber war das nicht immer so?

Sie fühlte, wie sich ihre Muskeln anspannten, als die Schritte näher und näher kamen. Wenn sie nicht bald etwas unternahm, würde ihr vielleicht niemand mehr helfen können.

Dieser Gedanke veranlasste sie, eine Entscheidung zu treffen. Sie änderte die Richtung, näherte sich der Bordsteinkante, um zur anderen Straßenseite zu wechseln, und warf wie zufällig einen Blick über die Schulter, als wolle sie sich vergewissern, ob sich auch kein Wagen näherte. Dieser Blick half jedoch nicht, ihre Sorgen zu zerstreuen. Ihr Verfolger war ein großer, schlanker Mann in dunkler Kleidung. Sein Gesicht konnte sie nicht erkennen, da es im Schatten der hochgeschlagenen Kapuze seiner Jacke lag. Nun fühlte sie sich nur noch unbehaglicher, noch nervöser und verängstigter.

Trotzdem tat sie so, als kümmere sie die Anwesenheit des Fremden nicht, und überquerte die Straße, während sich ihre Gedanken überschlugen und sie fieberhaft grübelte, wie sie sich am besten verhielt. Als sie in die andere Richtung schaute, musste sie einsehen, dass die von dunklen Häusern gesäumte Straße ansonsten menschenleer war. Nicht mal ein Auto war unterwegs. Niemand, von dem sie Hilfe erwarten konnte.

Hätte sie doch bloß ein Taxi genommen und sich nach Hause bringen lassen! Aber nie zuvor hatte es irgendwelche Schwierigkeiten gegeben, und woher hätte sie wissen sollen, dass es an diesem Morgen anders kommen würde? Außerdem war es jetzt zu spät, ihr Verhalten zu bereuen. Das half ihr auch nicht weiter.

Leigh spürte, wie eine eisige Hand ihr Herz zusammenpresste, als sie hörte, wie die Schritte ihr auf die andere Straßenseite folgten. Mit wachsamem Blick musterte sie die Häuser zu beiden Seiten und hielt Ausschau nach Anzeichen dafür, ob noch jemand wach war, damit sie entscheiden konnte, wo sie am ehesten mit Hilfe rechnen konnte. Doch sie befand sich in einer reinen Wohngegend. Hinter keinem Fenster brannte noch Licht. Die Menschen hatten sich vor Stunden schlafen gelegt. Leigh schien die Einzige zu sein, die lange arbeiten musste und daher um diese Zeit noch unterwegs war.

Das Coco’s, ein Restaurant mit Bar, das ihr gehörte, schloss um drei Uhr nachts. Genauer gesagt, die Bar schloss um drei. Das Restaurant machte schon viel früher zu. Leigh hatte die Spätschicht in der Bar, und wenn der letzte Gast gegangen war und die Putzkolonne ihre Arbeit aufnahm, zog sie sich ins Hinterzimmer zurück und erledigte den Papierkram. Dienstpläne ausarbeiten, Bestellungen aufgeben, Zeiterfassungskarten überprüfen, Belege des Tages sichten und so weiter. Üblicherweise war sie damit gerade dann fertig, wenn die Putzkolonne ihre Arbeit beendet hatte. Und falls nicht, wartete sie, um die Reinigungskräfte noch aus dem Lokal zu lassen und abzuschließen. Dann machte sie sich auf den Heimweg. Vor fünf oder halb sechs war das selten der Fall. Die meiste Zeit des Jahres herrschte dann noch Dunkelheit, und sämtliche Verbrecher lagen im Bett und schliefen fest.

So wie offenbar auch alle anderen in dieser Straße, dachte Leigh mutlos. Dann jedoch entdeckte sie ein paar Häuser weiter Licht auf einer Veranda. Nur ein paar Augenblicke später ging die Haustür auf, und eine ältere Frau im Morgenmantel trat heraus. Die Frau bemerkte nicht, dass Leigh sich ihr näherte, sondern war ganz auf einen Schäferhund konzentriert, der an ihr vorbei und die Stufen nach unten lief, um in den Garten zu gelangen.

„Mich vor Sonnenaufgang zu wecken“, meckerte die Frau, die in der Stille gut zu verstehen war. „Du hättest dein Geschäft machen sollen, als ich mit dir gestern Abend Gassi gegangen bin.“

Leigh schöpfte Hoffnung. Dort konnte sie vor ihrem Verfolger Zuflucht suchen und die Polizei rufen. Zumindest aber ein Taxi. Die Gegenwart des Hundes würde den Fremden hinter ihr sicherlich genug abschrecken, damit er sie in Ruhe ließ.

Sie beschleunigte ihren Schritt und wollte eben der Frau etwas zurufen, doch weiter kam sie nicht. Ihr war nicht aufgefallen, dass ihr Verfolger schneller geworden war. Nun jedoch stand er plötzlich vor ihr und zwang sie dazu, abrupt stehen zu bleiben.

„Hallo Leigh.“

Sie war völlig verblüfft, als der Fremde ihren Namen nannte. Doch dann schob er die Kapuze zurück, und sein Gesicht wurde erkennbar.

„Donny?“, fragte sie überrascht und zutiefst erleichtert. Donny Avries arbeitete seit einem Jahr in der Bar des Coco’s. Er war stets sehr umgänglich und kniete sich immer in seine Arbeit. Milly – Leighs Freundin und die Restaurantmanagerin während der Tagschicht – behauptete, er sei in sie verschossen und habe auf eine feste Nachtschicht gedrängt, um in ihrer Nähe sein zu können. Leigh hielt das alles für Unsinn. Außerdem kamen sie als Freunde gut miteinander aus. Als er vor über einer Woche spurlos verschwand, war sie wirklich außer sich gewesen.

Donny war zu jeder Schicht nicht nur pünktlich, sondern immer ein paar Minuten zu früh erschienen, doch seit Montagabend fehlte von ihm jede Spur. Leigh hatte versucht, ihn zu Hause anzurufen, jedoch meldete sich niemand. Als er auch am nächsten Abend nicht zur Arbeit kam, rief sie wieder an – abermals ohne Erfolg – und wandte sich schließlich an seine Vermieterin, damit die nach dem Rechten sah.

Die Frau hatte ihr berichtet, im Apartment sei alles ordentlich, allerdings mache seine Katze einen ausgehungerten Eindruck, und die Katzentoilette sei seit einer Weile offensichtlich nicht gesäubert worden. Es fand sich zwar kein Hinweis darauf, dass er zu einer seit Längerem geplanten Reise aufgebrochen war, dennoch hatte sie seine unmittelbaren Nachbarn befragt. Niemand hatte Donny gesehen, seit er am Samstagabend mit einigen Freunden losgezogen war. Daraufhin beschlossen sie, die Polizei zu verständigen.

Eine Woche war seitdem verstrichen, die Polizei war zweimal zu ihr ins Restaurant gekommen, um ihr Fragen zu stellen und letztendlich zuzugeben, dass er allem Anschein nach spurlos verschwunden war. Leigh sollte sich melden, falls sie etwas von ihm hörte.

„Wo bist du gewesen?“, fragte sie, während langsam Ärger in ihr aufstieg. Sie war krank vor Sorge um ihn gewesen, und jetzt stand er wohlauf vor ihr.

Nach kurzem Zögern entgegnete er nur: „Das wirst du schon sehen.“

Diese Antwort ließ Leigh stutzen, da sie nach all den Sorgen, die sie sich gemacht hatte, schlicht unzureichend war. Und wenn sie ehrlich war, dann machten seine Worte und dieses eigenartige Lächeln um seine Mundwinkel ihr Angst. Zudem schien mit seinen Augen etwas nicht zu stimmen.

„Nein, das werde ich nicht sehen“, widersprach sie entschieden. Ihre Angst hatte sich nun vollständig in Wut verwandelt, und sie war nicht länger in der Stimmung, sich anzuhören, was er zu seiner Verteidigung vorzubringen hatte. Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging weiter in die Richtung, in die sie auch zuvor unterwegs gewesen war. „Du kannst mir das morgen erklären, wenn du vorbeikommst, um deine fristlose Kündigung und den Scheck für dein restliches Gehalt abzuholen.“

Sie war nur ein paar Schritte weit gekommen, da blieb sie aus unerfindlichen Gründen stehen, und ihr Körper erlahmte geradezu. Ein leiser Aufprall war zu hören, als ihr die Handtasche aus den kraftlosen Fingern glitt und auf dem Grasstreifen neben dem Fußweg landete. Dann merkte sie, wie sie sich langsam umdrehte. Donny war jetzt nicht mehr allein, neben ihm stand ein anderer Mann – groß und schlaksig, mit langem strohblondem Haar, das in fettigen Strähnen sein schmales, bleiches Gesicht umrahmte. Außerdem hatte er gelblich-braune Augen, die von innen heraus zu leuchten schienen.

Als sei der plötzliche Verlust jeglicher Kontrolle über ihren eigenen Körper nicht schon genug, um ihr Angst einzujagen, genügte jetzt ein Blick in die toten Augen dieses Mannes, damit ihr das Blut in den Adern gefror.

„Hallo Leigh. Donny hat mir bereits eine Menge über dich erzählt.“ Er lächelte sie an, und Leigh konnte mit ansehen, wie seine oberen Eckzähne nach unten und vorn glitten, bis sie zwei spitze Reißzähne bildeten.

Ein Teil ihres Verstands schaltete sich bei diesem Anblick ab und behauptete, nichts davon sei real und sie solle sich wieder schlafen legen. Dann aber zuckte sie vor Entsetzen zurück, da der Mann urplötzlich auf sie zuschoss und sie in die Finsternis einhüllte, die ihn wie ein Umhang umgab. Leigh bemerkte ein Zwicken am Hals, und dann bahnten sich wie eine starke Droge Euphorie und pure Lust ihren Weg durch ihren Körper.

„Oh“, sagte Donny beleidigt, der sich irgendwo hinter dem Fremden aufhielt. „Ich wollte sie doch beißen.“

Leigh wunderte sich über seinen weinerlichen Tonfall, noch während die Lust nachließ und der Mann, der seinen Mund an ihren Hals gedrückt hielt, irgendetwas murmelte.

„Was?“, wollte Donny wissen, tauchte wieder in Leighs Blickfeld auf und tippte dem Mann auf die Schulter. „Was habt Ihr gesagt?“

Wieder murmelte der Mann etwas, das nach „Hmhm hmhmm“ klang. Dann hob er den Kopf, gab einen ungeduldigen Laut von sich und sah Donny über die Schulter an.

„Klappe halten!“, herrschte er ihn an, woraufhin Leigh dachte: Ach so, das hat er gesagt!

„Ich bin der Meister aller Vampire“, fuhr er fort, „und damit bin auch ich derjenige, der neue Kinder der Nacht erschafft.“ Leighs Augen weiteten sich. Ein Vampir?

Dabei war es gar nicht so schwierig, ihm jedes Wort zu glauben, wenn man sah, wie seine Reißzähne blitzten. Das Blut an den Spitzen stammte vermutlich von ihr, denn sie konnte ein warmes Rinnsal wahrnehmen, das an ihrem Hals herablief und von ihrer Bluse aufgesogen wurde. Das Rinnsal begann an der Stelle, an der er sie gebissen hatte. Es musste sich um Blut handeln. Also war er … ein Vampir? Okay. Aber Kinder der Nacht? Das klang doch ein bisschen kitschig und zu sehr nach einem billigen Horrorfilm.

Es war der Moment, in dem sie begriff, dass ihr Verstand womöglich mit ihr durchgegangen war. Sich inmitten einer solchen Situation derartige Gedanken zu machen war alles andere als klug. Bedauerlicherweise wurde ihr klar, dass sie nicht nur über ihren Körper jegliche Kontrolle verloren hatte, ihr Geist fühlte sich ebenso benommen an wie unter dem Einfluss eines Beruhigungsmittels. Es waren zwar ihre eigenen Gedanken, doch irgendwie regten die Ereignisse sie alle nicht wirklich auf. Ihr Verstand war zwar der festen Meinung, sie müsse aus Leibeskräften schreien, aber weder verspürte sie die dafür notwendige Angst, noch verfügte sie über genügend Energie, um einen Schrei auszustoßen.

„Das liegt daran, dass du von mir kontrolliert wirst“, sagte der Mann, der sie festhielt, als habe er ihre Gedanken gelesen – was er vermutlich auch getan hatte. Hieß es nicht, dass Vampire in der Lage waren, den Verstand ihrer Opfer zu manipulieren? Und man las auch immer wieder davon, dass ein Vampir unwiderstehlich attraktiv und zuvorkommend sei. Dummerweise war Donny nur ein völlig durchschnittlicher Typ mit rotem Haar und Sommersprossen, und diesen Meister aller Vampire konnte man auch nicht als ausgesprochen gut aussehend oder als charismatisch bezeichnen. Wenn sie genauer darüber nachdachte, war das Ganze sogar eine ernüchternde und ziemlich enttäuschende Erfahrung.

Ein tiefes Knurren lenkte ihre Aufmerksamkeit zurück auf den Meister aller Vampire, und mit einer gewissen Sorge nahm sie zur Kenntnis, dass er irgendwie sauer dreinblickte.

„Du wirst deine Meinung noch ändern“, grollte er und sah ihr tief in die Augen. „Du wirst dich nach mir verzehren, du wirst mich mehr begehren als jeden anderen und mir widerspruchslos Gehorsam leisten.“

Als er die Sache mit dem Gehorsam aussprach, sträubten sich Leigh die Nackenhaare. Sie war auf dieses Wort gar nicht gut zu sprechen. Es war der Lieblingsbegriff ihres Exmannes gewesen, den er üblicherweise immer dann ins Spiel brachte, wenn er kurz davorstand, sie mit den Fäusten von seinen Argumenten zu überzeugen. Was auch der Hauptgrund dafür war, dass sie ihn heute als ihren Ex bezeichnen konnte.

„Hey Morgan“, protestierte Donny mit kläglicher Stimme. „Was macht Ihr denn da? Wir sollten sie doch für mich wandeln.“

„Halt den Mund, Donald!“, herrschte Morgan ihn an. Seine zusammengekniffenen Augen waren auf Leigh gerichtet, und allem Anschein nach wurde ihm allmählich klar, dass er sie gar nicht voll und ganz unter seiner Kontrolle hatte. Völlig sicher war sie sich dessen, als er fragte: „Wie kannst du selbst denken? Das solltest du gar nicht. Und doch kann ich deine Gedanken hören.“

Leigh wusste darauf genauso wenig eine Antwort wie er. Wäre es ihr möglich gewesen, dann hätte sie mit den Schultern gezuckt. Aber auch wenn ihr eine gewisse Kontrolle über ihren Verstand geblieben war, galt das nicht für ihren Körper.

Morgan stieß ein tiefes Brummen aus, dann sah er nach unten. Leigh konnte den Kopf nach wie vor nicht bewegen, doch in ihrem Blickfeld erfasste sie noch gerade etwas, das wie ein Hund aussah. Sie erkannte in ihm sofort den Schäferhund aus dem Haus an der Straße wieder. Für ein paar Sekunden dachte sie, das Tier könne ihre Rettung bedeuten, aber dann bleckte Morgan die Zähne und stieß eine Mischung aus Fauchen und Knurren aus, das den Hund zurückweichen ließ. Zwar hielt er den Kopf gesenkt und fletschte ebenfalls die Zähne, doch sein eigenes Knurren hörte sich längst nicht so bedrohlich an.

„Morgan“, begann Donny nervös und ließ den Schäferhund nicht aus den Augen, der noch immer nahe genug war, um ihm Unbehagen zu bereiten.

„Ach, halt endlich die Klappe, Donald“, fuhr der Meister aller Vampire ihm über den Mund. Dann hob er Leigh zu deren Überraschung in seine Arme und wechselte mit ihr die Straßenseite.

Donny folgte den beiden und murmelte ungehalten etwas vor sich hin, wie Leigh bemerkte, da sie über die Schulter des Mannes schauen konnte. Dann wurde ihr die Sicht genommen, als Morgan mit ihr um das Heck eines schwarzen Vans herumging. Zwei Wagenlängen vor dem Van hatte sie zuvor die Straße überquert, und nun war sie davon überzeugt, dass Morgan von hier kommend aufgetaucht sein musste. Sie war sich sicher, nur die Schritte eines Verfolgers gehört zu haben – nämlich Donnys. Morgan hatte sehr wahrscheinlich im Wagen gewartet, und wäre sie nicht auf die andere Straßenseite gewechselt, dann hätte sich bestimmt die Schiebetür des Vans geöffnet, und sie hätten Leigh hineingezerrt, sobald sie auf gleicher Höhe war.

Vieles sprach dafür, dass sie die beiden zu einer Änderung ihres Plans gezwungen hatte, als sie auf die gegenüberliegende Seite ging.

„Du bist ein kluges Mädchen“, sagte Morgan, als er sie in den Laderaum des Vans setzte. „Genauso ist es gelaufen.“

Also hatte er schon wieder ihre Gedanken gelesen, ging es Leigh durch den Kopf, während er zu ihr einstieg. Donny schloss hinter ihnen beiden die Tür. Einen Moment später hörte sie, wie die Fahrertür aufging, und dann neigte sich der Van auf einer Seite ein wenig, als Donny einstieg und sich ans Steuer setzte.

„Ich weiß nicht, warum du immer noch einen Teil deines Geistes selbst kontrollierst, aber es fasziniert mich“, ließ Morgan sie wissen. Er zog sie auf seinen Schoß, sodass sie gegen seinen rechten Arm gelehnt lag, als der Motor angelassen wurde.

Wow, dachte sie spöttisch. Ich habe einen blutsaugenden Vampir beeindruckt.

Morgan schien sich über ihre Gedanken zu amüsieren. Zumindest verzog er seine Lippen zu einem Lächeln, wenngleich er todernst erklärte: „Und du wirst bald auch eine blutsaugende Vampirin sein. Ich frage mich, ob du mich besser leiden kannst, wenn ich dich erst einmal gewandelt habe.“

Leigh überlegte noch, ob er damit meinte, dass der eine Biss genügte, oder ob er sie noch zweimal würde beißen müssen, so wie es in Büchern und Filmen immer dargestellt wurde, da hob er plötzlich seinen Arm und schlitzte mit einem seiner Reißzähne eine Ader an seinem Handgelenk auf.

Oh, ist das eklig, schoss es ihr durch den Kopf.

„Ja“, stimmte Morgan ihr zu, als habe sie das laut ausgesprochen. „Und es tut verdammt weh, das kannst du mir glauben. Aber leider ist es notwendig.“

Leigh überlegte noch, warum es wohl notwendig war, da öffnete sich ihr Mund, und er drückte das blutende Handgelenk auf ihre Lippen. Die metallen schmeckende Flüssigkeit ergoss sich über ihre Zähne und die Zunge und lief ihr in den Rachen. Sie hatte die Wahl, das Blut zu schlucken oder daran zu ersticken. Sie schluckte es.

Trockenes Gras raschelte, und tote Zweige knackten unter den Stiefeln von Lucian Argeneau, als er sich dem Van näherte, der am Rand des Grundstücks inmitten der Bäume geparkt war. Zwei Männer standen im Grau der einsetzenden Morgendämmerung an der offenen Hecktür des Wagens, wählten Waffen aus und überprüften sie auf ihre Funktionstüchtigkeit. So wie er selbst waren sie beide in Schwarz gekleidet, über eins achtzig groß und muskulös. Das Haar trugen sie kurz geschnitten, einer der beiden war blond, der andere brünett.

„Alles bereit?“, fragte er und fuhr sich durchs kurze weißblonde Haar.

„Bereit“, erwiderte Bricker – der Brünette – ruhig, beugte sich in den Van und nahm zwei Benzinkanister heraus. „Wie sollen wir vorgehen?“

Lucian zuckte mit den Schultern, da er sich für die vor ihnen liegende Aufgabe nicht begeistern konnte. Über die Jahre hinweg hatte er so etwas schon sehr oft gemacht, sodass es für ihn kaum noch eine Herausforderung darstellte. Für ihn war es interessanter, neue Nester aufzuspüren, weniger sie auszuheben, aber selbst das hatte viel von seinem Reiz verloren.

Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass sie es auf Morgan abgesehen hatten. Er war der beste Freund von Lucians Zwillingsbruder Jean Claude gewesen, bis der andere Mann vor einigen Jahren gestorben war. Die beiden waren jahrhundertelang durch dick und dünn gegangen, und deswegen hatte Lucian ihn ebenfalls als einen Freund angesehen. Sogar als einen so guten Freund, dass Lucian die ersten Gerüchte ignorierte, als man sich erzählte, Morgan sei zu einem Abtrünnigen geworden. So etwas konnte einfach nicht stimmen. Doch die Gerüchte hielten sich beharrlich, und er musste sich mit der Angelegenheit beschäftigen, wenn auch nur mit wenig Enthusiasmus. Und nun stand er hier, die Gerüchte hatten sich als wahr erwiesen, was für Morgan das Todesurteil bedeutete.

„Jetzt geht die Sonne auf“, murmelte Mortimer und wiederholte Brickers Frage: „Wie sollen wir vorgehen?“

Lucian verbannte seine Überlegungen in einen abgeschiedenen Winkel seines Hinterkopfs und betrachtete die ersten Sonnenstrahlen, die im Begriff waren, die Nacht zu verdrängen. Dies war der beste Moment, um zuzuschlagen. Alle würden sie inzwischen ins Nest zurückgekehrt sein und sich darauf einrichten, den helllichten Tag zu verschlafen.

Weil Vampire natürlich nicht am Tag unterwegs sind, dachte er ironisch, während sein Blick die umstehenden Bäume erfasste und dann zu dem baufälligen Haus glitt, in dem sich Morgan mit dem von ihm zusammengesammelten Rudel Abtrünniger versteckt hielt. Im einsetzenden Tageslicht sah das Gebäude übel aus, aber er wusste, am Tag vermittelte es einen noch schlimmeren Eindruck. Dann brannte die Sonne unerbittlich auf die abblätternde Farbe, die vernagelten Fenster und den von Unkraut überwucherten Rasen.

Es erstaunte ihn immer wieder, auf welches Dasein sich die Abtrünnigen einließen. Man konnte fast meinen, wenn ihr Geist erst einmal gebrochen war und sie beschlossen, die Geißel der Erde zu sein, dann glaubten sie auch, dass ein Leben in normalen, zivilisierten Häusern für sie nicht mehr infrage kam. Oder aber sie wollten einfach nur den Erwartungen entsprechen, die die Sterblichen mit ihnen verbanden, da sie hofften, neue Mitglieder zu ihren Rudeln zu locken und die vorhandenen Mitglieder weiterhin zu versklaven. Schließlich durfte man eins nicht vergessen. Wenn die Sterblichen gewusst hätten, über wie wenig magische Fähigkeiten die Unsterblichen in Wahrheit verfügten, dann wäre die Verlockung vielleicht nicht so groß gewesen, einer von ihnen zu werden oder ihnen zumindest zu dienen.

Er wischte diese zynischen Gedanken beiseite, sah die beiden Männer an und antwortete endlich auf deren Frage: „So wie immer.“

Mortimer nickte, schloss die Wagentür und nahm Bricker den größeren Benzinkanister ab. Dann gingen sie alle drei bis zum Waldrand. Dort blieben sie stehen und musterten einmal mehr die Fenster. Es gab keinen Hinweis auf irgendwelches Leben im Gebäude, aber da die Hälfte aller Fenster mit Brettern vernagelt worden war, musste das nicht unbedingt etwas bedeuten.

„Geben wir ihnen noch ein paar Minuten, damit sie sich auch hingelegt haben, oder …?“ Mortimer ließ den Rest seiner Frage unausgesprochen, da plötzlich ein Motorengeräusch die Stille durchbrach. Überrascht sahen sie mit an, wie ein dunkler Van in die Einfahrt einbog und knirschend über den Kiesweg fuhr.

„Hmm“, machte Lucian, der zum ersten Mal in dieser Nacht Interesse erkennen ließ. Was da geschah, war ungewöhnlich. Normalerweise hätten die „Vampire“ längst alle im Haus sein und in ihren Särgen liegen müssen, was sie dem Anschein nach für sehr behaglich hielten.

Die drei zogen sich ein Stück weit in den Wald zurück, um nicht entdeckt zu werden, und beobachteten von dort, wie der Van dicht am Haus hielt. Der Fahrer sprang heraus und lief nach hinten, um die Hecktür zu öffnen.

Lucian erstarrte, als Morgan aus dem Van stieg und dabei eine Frau mit brünettem Haar in seinen Armen hielt. Sie trug einen kurzen schwarzen Rock und eine weiße Bluse mit Blutflecken. Ihr Blick erfasste hastig das Haus und den Garten, als suche sie nach einem Fluchtweg. Doch so schlaff, wie sie in Morgans Armen hing, musste der abtrünnige Unsterbliche die Kontrolle über ihren Körper übernommen haben. Eine Flucht würde ihr nicht mehr gelingen.

„Das ist ja Leigh“, stellte Mortimer bestürzt fest.

„Sie arbeitet in der Bar vom Coco’s. Dem Restaurant, in dem wir die ganze Woche gegessen haben“, erklärte Bricker, woraufhin Lucian einen zustimmenden Laut von sich gab. Justin Bricker war jung genug, dass er noch aß, und Garrett Mortimer kam mit, um ihm Gesellschaft zu leisten und ihm das eine oder andere vom Teller zu stibitzen.

Lucian machte sich nicht die Mühe, etwas zu essen, aber er hatte die Woche über einiges über ein „hübsches kleines Ding“ gehört, das ihnen spät am Abend in der Bar noch etwas zu essen serviert hatte. Beide schienen vom Charme der Kleinen und ihrem Sinn für Humor angetan zu sein, und er vermutete, dass Leigh eben jenes „hübsche kleine Ding“ war. Auf jeden Fall gefiel es keinem der Männer, mit ansehen zu müssen, wie sie die Stufe der Veranda hinaufgetragen wurde. Ganz offensichtlich sollte sie Morgans nächstes Opfer werden.

„Wir müssen ihr helfen“, sagte Bricker.

Mortimer nickte zustimmend. „Genau.“

„Sie könnte freiwillig mitgekommen sein“, gab Lucian zu bedenken, auch wenn ihr Blick verraten hatte, dass das nicht der Fall war.

Beide Männer schwiegen und sahen zu, wie Morgan die Frau ins Haus trug.

„Nein, auf keinen Fall“, erklärte Mortimer voller Überzeugung, als sich die Tür hinter dem Trio schloss. Er klang mürrisch und wütend, und Mortimer wurde nur sehr selten wütend.

„Auf keinen Fall“, pflichtete Bricker ihm bei.

Mit einem Schulterzucken wandte sich Lucian wieder dem Haus zu. „Wir sollten ihnen noch so etwa zehn Minuten geben, damit sie sich für die Nacht fertig machen können.“

„Aber je länger wir warten, umso schlimmer wird es für Leigh“, protestierte Bricker.

„Er hat sie bereits gebissen und ihr sein eigenes Blut gegeben“, stellte Mortimer klar, der davon erfahren haben musste, als er Leighs Gedanken gelesen hatte. „Mehr wird er nicht unternehmen, bis sie ihre Wandlung abgeschlossen hat.“

Bricker beugte sich vor und schaute Lucian an. „Wir holen sie doch da raus, oder?“ Als Lucian zögerte, fuhr er fort: „Sie hat noch niemanden gebissen, und sie will nicht dort sein. Leigh ist wirklich sehr nett.“

„Wir werden sehen“, entgegnete Lucian schließlich.

Da Bricker erkannte, dass er mehr als diese Antwort nicht bekommen würde, schwieg er, machte aber eine besorgte Miene.

Lucian nahm davon keine Notiz und überprüfte stattdessen seine Ausrüstung. Er musterte eindringlich seine Armbrust, dann zählte er die speziell angefertigten Holzpfeile im Köcher, den er an sein Bein gebunden hatte. Zufrieden darüber, dass alles in Ordnung war, zog er die Pistole aus der Tasche, vergewisserte sich, ob sie auch vollständig geladen und gesichert war, und steckte sie wieder weg.

Sein Blick kehrte zurück zum Haus, voller Ungeduld, endlich losschlagen zu können. Dann zwang er sich, die ganzen zehn Minuten zu warten. Als seine Digitaluhr ihm zeigte, dass dieser Zeitraum verstrichen war, schloss er seine Hand fester um die Armbrust und ging wortlos auf das Haus zu.

Mortimer und Bricker hielten sich rechts und links von ihm, als er zwischen den Bäumen hervortrat und sich dann dem baufälligen Gebäude näherte. So leise wie möglich erklommen sie die Stufen zur Veranda.

„Sehr unachtsam“, murmelte Mortimer, als Lucian den Türknauf drehte und die Tür prompt aufging. Der rothaarige Typ hatte sich nicht mal die Mühe gemacht abzuschließen, was Lucian nicht sonderlich überraschte. Wenn er erst vor Kurzem gewandelt worden war, dann hielt er sich für unbesiegbar. Keiner von Morgans Anhängern konnte älter als ein Monat sein, denn zu der Zeit waren die ersten Gerüchte aufgekommen, Morgan sei abtrünnig geworden.

Die drei Männer schlichen sich ins Haus, während sie auf jedes noch so leise Geräusch achteten. Wie erwartet, war das Erdgeschoss verlassen. Nachdem sie die Benzinkanister in der Küche abgestellt hatten, teilten sie sich auf und durchsuchten die beiden oberen Stockwerke, um sicherzustellen, dass sich dort niemand versteckt hielt. Nachdem das erledigt war, kamen sie in der Küche zusammen und näherten sich der Kellertür.

Lucian war von Natur aus ein gründlicher Mensch, und wer mit ihm arbeitete, den drillte er auf die gleiche Gründlichkeit. Sie sammelten stets zunächst alle Informationen, die in Erfahrung zu bringen waren, bevor sie sich ihrem eigentlichen Ziel näherten. Wenn man den Grundriss eines Gebäudes kannte, erleichterte das die Arbeit ganz beträchtlich. In diesem Fall hatten sie die Tochter des früheren Eigentümers aufgespürt. Nach dem Tod der Mutter hatte sie das Haus verkauft, doch sie war dort aufgewachsen und kannte sich so gut aus, dass sie ihnen alle Besonderheiten sagen konnte. Außerdem ließen sie sie eine grobe Grundrisszeichnung anfertigen, ehe sie bei ihr jegliche Erinnerung an ihren Besuch löschten.

Jetzt begaben sich Mortimer und Bricker zur linken Seite der Tür, während Lucian nach rechts ging. Sobald alle ihre Positionen eingenommen hatten, nickte er den beiden zu, hob seine Armbrust und griff mit der freien Hand nach dem Türknauf. Seine Hand erstarrte nur einen Fingerbreit vom Knauf entfernt mitten in der Luft, als der sich von selbst zu drehen begann.

Lucian zog ruckartig die Hand zurück und wartete. Die Tür ging nur ein Stück weit auf, dann kam die Brünette namens Leigh heraus und betrat vorsichtig die Küche.

Während Lucian sie erstaunt ansah, wandte sie langsam den Kopf zur Seite und stutzte bei seinem Anblick. Er sah die plötzliche Angst in ihren Augen und machte hastig einen Schritt auf sie zu, um eine Hand auf ihren Mund zu legen und sie von der Tür wegzuziehen, wobei er sie mit dem Rücken gegen seine Brust presste.

Sie spannte sich kurz an, als wolle sie sich zur Wehr setzen, dann wurde sie ruhig. Lucian bemerkte, dass sie mit großen Augen Mortimer und Bricker anstarrte, die ihr beide aufmunternd zulächelten. Auf ihn wirkten die zwei wie ein Paar Idioten, doch Leigh schien darauf zu reagieren. Bricker legte einen Finger auf die Lippen, um ihr zu verstehen zu geben, sie solle ruhig sein, während Mortimer sie mit solcher Konzentration anstarrte, dass er ihr vermutlich beruhigende Gedanken und vielleicht auch die gleiche stumme Warnung zukommen ließ. Die Frau entspannte sich und sank gegen Lucian, der unwillkürlich darauf reagierte, dass sie ihren Po ungewollt gegen seine Lenden drückte.

„Ich bin eben erst eingeschlafen, Donald. Ich mag es nicht, für so etwas aufgeweckt zu werden.“

Lucian versteifte sich, als diese Stimme aus dem Keller bis in die Küche schallte. Leigh regte sich nicht, und sie hielt sogar den Atem an. Ihm wurde deutlich, wie sehr es ihm missfiel, dass sie solche Angst verspürte.

„Es tut mir leid, Meister“, erwiderte jemand – vermutlich Donald –, der sich allerdings eher abweisend als reumütig anhörte, „aber ich habe den ganzen Keller abgesucht und …“

„Weil sie sich nicht im Keller versteckt hält. Sie wird weglaufen, du Idiot!“, gab Morgan wütend zurück.

„Aber wieso denn? Warum will sie nicht?“ Donald klang jetzt frustriert, ja sogar weinerlich.

„Nicht jeder will ein Kind der Nacht sein. Ich habe dich gewarnt. Ich habe dir gesagt, du darfst sie keinen Moment aus den Augen lassen, bis wir sie völlig unter Kontrolle haben. Nicht für einen einzigen Moment! Das habe ich dir gesagt! Sie wird sich nicht bereitwillig verwandeln lassen. Solange sie mich nicht als Meister akzeptiert, wird sie versuchen wegzulaufen.“

„Ich habe nur eine Minute lang nicht auf sie aufgepasst. Ich …“

„Du hättest jede einzelne Minute auf sie aufpassen müssen. Hol sie zurück, und dann …“

„Und wenn sie schon draußen ist? Die Sonne geht bereits auf!“

„Du wolltest sie haben. Sie ist …“

Der Sprecher verstummte mitten im Satz, und Lucian spürte, wie er sich weiter anspannte. Die Stimmen waren von Sekunde zu Sekunde näher gekommen, und vermutlich hatten die beiden Personen den Fuß der Treppe erreicht. Das plötzliche Schweigen deutete darauf hin, dass irgendetwas ihre Anwesenheit verraten hatte.

Lucian schaute zu Mortimer und Bricker, aber er war sich sicher, dass keiner der beiden vom Keller aus zu sehen war. Dann jedoch ließ er seinen Blick über die Frau wandern, die er an sich gedrückt hielt, und sofort wurde ihm bewusst, welches Problem sie darstellte. Er hatte Leigh nicht weit genug mit sich nach hinten gezogen. Sie war zwar so klein, dass sie mit dem Kopf kaum bis an seinen Halsansatz reichte, aber sie war sehr wohlproportioniert, und ein Teil dieser Proportionen, die in der strahlend weißen Bluse steckten, ragte über den Rand des Türrahmens hinaus.

„Ist das da eine Brust?“, hörte er Donald fragen und kniff die Augen zu.

Die nachfolgende Stille zog sich zu lange hin, womit für Lucian klar war, dass Morgan versuchte, Leighs Geist zu erfassen, um von ihr einen Lagebericht über die Situation in der Küche zu erhalten. Es wäre naiv gewesen zu glauben, dass der Mann sie für eine hirnlose Barkeeperin hielt, die zu dumm war, das Haus zu verlassen, und die stattdessen in der Küche stand und ihren Nabel betrachtete. Nein, Morgan vermutete, dass hier oben irgendetwas lief.

Da der Überraschungsangriff damit hinfällig geworden war, schob Lucian Leigh zur Seite, damit er sich vorbeugen und um den Türrahmen herum hinunter in den Keller spähen konnte. Mortimer tat das Gleiche auf der anderen Seite der Tür, und so starrten sie den Bruchteil einer Sekunde zwei Männern direkt ins Gesicht, die am Fuß der Treppe standen.

Und dann brach die Hölle los.

Morgan und Donald drehten sich abrupt um und rannten durch den dunklen Korridor davon, sodass sie Sekunden später aus dem Blickfeld verschwunden waren. Bricker und Mortimer stürmten hinterher, während Lucian Leigh weiter von der Küchentür wegzog und sie auf einen Stuhl am Küchentisch platzierte.

„Sie bleiben da“, zischte er ihr zu, wobei er zum ersten Mal ihr Gesicht aus nächster Nähe zu sehen bekam. Sie war eine schöne Frau. Glänzendes kastanienbraunes Haar umspielte in großzügigen Wellen ihre Schultern. Sie hatte mandelförmige Augen, eine gerade Nase und hohe Wangenknochen, die ihr ovales Gesicht betonten. Außerdem war sie schrecklich blass und schwankte leicht auf dem Stuhl, was bei ihm die Frage aufwarf, wie viel Blut sie verloren haben mochte.

Er hätte sie auch danach gefragt, aber mehrere Schüsse aus dem Keller erinnerten ihn an seine vorrangige Aufgabe. Lucian ließ Leigh in der Küche zurück und eilte nach unten zu seinen Kameraden.

 

2

„Wo ist Leigh?“

An der obersten Stufe angekommen, hielt Lucian inne. Er und Mortimer hatten das Nest gesäubert und überall im Keller Benzin vergossen, und nun waren sie zurück im Erdgeschoss. Bricker dagegen war zwischendurch nach oben gelaufen, um sich um die Benzinkanister zu kümmern. Den kleineren hatte er zu ihnen nach unten gebracht, dann war er mit dem größeren in den ersten Stock gegangen, um eine Benzinspur von dort bis ins Parterre zu legen.

„Ich hatte sie an den Tisch gesetzt“, sagte Lucian. „Vielleicht hat Bricker sie schon zum Wagen gebracht.“

„Ja, könnte sein“, stimmte Mortimer ihm müde zu.

Lucian drehte sich um und vergoss weiter das Benzin auf dem gekachelten Boden, doch er selbst fühlte sich auch erschöpft. Immerhin war es eine Menge Arbeit gewesen.

In dem Nest hatten sich mehr Vampire aufgehalten als erwartet, da Morgan an die dreißig Anhänger hatte um sich scharen können – und nicht alle hatten einfach nur dagelegen, damit Lucian und seine Männer sie mühelos von ihrem Leid erlösen konnten. So war einige Zeit verstrichen, bis die Arbeit getan war.

Erst nachdem sie alle Kellerräume abgegangen waren, wurde ihnen bewusst, dass Morgan in dem ersten Trubel hatte entwischen können, der entstanden war, als sie das Untergeschoss stürmten. Das Gleiche galt für den Mann, der Donald genannt wurde. Beide waren durch eine weitere Kellertür entkommen, die in den Garten hinter dem Haus führte. Die Tochter des früheren Eigentümers hatte offenbar vergessen, dieses Detail zu erwähnen.

Schlechte Laune über diesen Vorfall, den sie als Fehlschlag werteten, prägte die Atmosphäre, als sie begannen, das Benzin zu verteilen. Inzwischen wechselten sie von der Küche in den Flur, wobei Lucian Mortimer in Richtung Haustür folgte. Dabei trafen sie auf Bricker, der mit seinem Kanister soeben aus dem Wohnzimmer kam.

„Hast du Leigh zum Van gebracht?“, fragte Mortimer ihn.

Bricker machte ein erstauntes Gesicht. „Nein, ich dachte, Lucian hätte das gemacht, bevor er uns in den Keller gefolgt ist.“

„Nein“, entgegnete Mortimer kopfschüttelnd. „Er hat sie an den Küchentisch gesetzt und da zurückgelassen.“

Lucian zuckte mit den Schultern und widmete sich wieder seiner Arbeit, das Benzin in der Diele zu verteilen. „Morgan wird sie sich geschnappt haben. Sobald wir ihn eingeholt haben, werden wir auch sie wiederfinden.“

Keiner der anderen Männer machte einen erfreuten Eindruck, aber sie zogen sich rasch zur Haustür zurück, um ihm aus dem Weg zu gehen. Bricker leerte seinen Kanister, dann warf er ihn zur Seite und verließ das Gebäude. Mortimer folgte ihm. Lucian kippte den Rest aus, bis ihm einen halben Meter vor der Tür das Benzin ausging.

Er entledigte sich ebenfalls seines Kanisters, dann zog er ein Feuerzeug der Marke Zippo aus der Tasche, entzündete es und warf es über die Schulter nach hinten, während er auf die Veranda hinaustrat. Das Benzin ging in dem Augenblick in Flammen auf, als er die Tür hinter sich zuzog.

Erst als er die Stufen hinabging, bemerkte Lucian die Frau. Sie kniete dort auf dem Kies, wo Morgans Van gestanden hatte. Die Arme eng um die Taille geschlungen, schwankte sie leicht hin und her. Es war offensichtlich, dass sie von Schmerzen gequält wurde, und nur eine Mischung aus Entschlossenheit und Überlebenswillen hatte ihr die Kraft gegeben, das Haus ohne fremde Hilfe zu verlassen.

Mortimer und Bricker hockten sich vor und neben sie und musterten sie sorgenvoll.

„Sie wandelt sich“, erklärte Mortimer, als Lucian neben ihnen stehen blieb.

Natürlich wandelt sie sich, dachte er erschöpft. Er hatte gehofft, sie hätte noch kein Blut bekommen. Dann wäre es möglich gewesen, ihre Erinnerung zu löschen und sie ihres Weges ziehen zu lassen. Doch dafür war es nun zu spät. Sie war jetzt eine Unsterbliche, man musste sich um sie kümmern und sie ausbilden.

Das einzig Gute war, dass sie im Gegensatz zu den anderen in diesem Keller nicht lange genug in Morgans Gewalt gewesen war, um aus ihr eine herzlose Killermaschine zu machen.

„Wir müssen sie ins Hotel bringen und uns um sie kümmern“, betonte Mortimer, woraufhin Lucian das Gesicht verzog.

„Wir haben keine Zeit, um einen Babyvampir zu bemuttern“, gab er sachlich zurück. „Wir müssen Morgan finden, bevor er ein neues Nest anlegt.“

„Ja, trotzdem können wir sie nicht einfach hier zurücklassen“, widersprach Mortimer. „Bricker und ich werden auf sie aufpassen.“

„Und was ist mit Morgan?“, wollte Lucian wissen.

Die beiden Männer sahen sich an, dann sagte Bricker: „Unser Plan lautete doch ohnehin, ins Hotel zurückzufahren, ein wenig zu schlafen und heute Abend ausgeruht weiterzumachen, richtig?“

„Richtig“, räumte Lucian ein und sah zum Himmel und zu der grellweißen Sonne. Es war inzwischen Vormittag, und das Licht wurde mit jeder Minute intensiver. Er bückte sich und schnallte den Köcher von seinem Bein ab, solange Mortimer sein Plädoyer hielt.

„Na ja, die Wandlung dauert normalerweise nicht länger als vierundzwanzig Stunden. Acht Stunden schlafen wir, dann bleibt einer von uns im Hotel und passt auf sie auf, während die beiden anderen sich auf die Suche nach Morgan und diesem Donald machen. Die sind nur zu zweit unterwegs, also müssen wir sie eigentlich nicht mit drei Mann jagen.“

„Und wer wird den Tag über aufbleiben, um sie mit Blut zu versorgen?“, fragte Lucian und richtete sich auf, den leeren Köcher in der Hand.

„Bricker und ich wechseln uns ab.“

Erfreut war Lucian darüber nicht, jedoch blieb ihm vermutlich keine andere Wahl. Außerdem fühlte er sich im direkten Sonnenlicht unbehaglich, und er wollte diese Diskussion so bald wie möglich beenden.

„Schön, aber ihr seid für sie verantwortlich“, erklärte er abrupt und ging zu den Fahrzeugen, die sie jenseits der Bäume, die das Haus umgaben, auf einem schmalen Feldweg abgestellt hatten, der sonst von niemandem benutzt wurde.

Lucian atmete erleichtert auf, als er sich in die Sicherheit des Mietwagens zurückziehen konnte. Zwar drang noch immer etwas Sonnenlicht durch die Windschutzscheibe, aber so war es deutlich besser als unter freiem Himmel. Armbrust und Köcher steckte er in die große Reisetasche auf dem Beifahrersitz, dann setzte er sich gerade hin und sah wieder nach draußen. Bricker trug die Brünette zum Van, der eine Wagenlänge entfernt stand, während Mortimer mit beiden Waffen vor ihm herlief.

Kopfschüttelnd beobachtete er Mortimer, wie der die Hecktüren des Vans öffnete und Bricker mit der Frau auf den Armen hineinkletterte. Er wusste, die beiden hatten ihre Aktion nicht bis zu Ende durchdacht. Die Frau würde sich noch zum Problem entwickeln. Sie stöhnte und wand sich vor Schmerzen, da die Wandlung nun im vollen Gang war. Auf ihrer Bluse prangte ein großer rostbrauner Fleck, der nichts anderes war als getrocknetes Blut, und es war bereits nach zehn Uhr. Die Hotellobby würde um diese Zeit gut besucht sein, aber irgendwie mussten sie die Frau ins Hotel bringen.

Als Mortimer die Hecktüren schloss und um den Wagen lief, um selbst einzusteigen, ließ Lucian seinen Mietwagen an und fuhr rückwärts den Feldweg entlang. Nachdem er auf die Straße eingebogen war und losfuhr, zog er sein Mobiltelefon aus der Hemdtasche und drückte die Eins für die darunter gespeicherte Kurzwahl. Im Rückspiegel verfolgte er mit, wie auch der Van zurück auf die Straße fuhr.

„Hallo?“, meldete sich eine Stimme, nachdem die Verbindung zustande gekommen war.

Lucian lächelte schwach, als er den schläfrigen Tonfall hörte. Offenbar hatte er seinen Neffen aufgeweckt. „Guten Morgen, Bastien.“

Nach einer kurzen Pause ertönte ein misstrauisches: „Onkel Lucian?“

„Richtig. Ich habe dich doch nicht aufgeweckt, oder?“

Bastien reagierte mit einem mürrischen Brummen. „Wie ist es gelaufen? Hast du Morgan gekriegt?“

„Nein, er ist mit einem anderen Mann entwischt. Jemandem mit Namen Donald.“

„Ich benötige schon mehr Informationen, wenn du willst, dass ich diesen Donald aufspüre …“, begann Bastien.

„Das ist nicht der Grund für meinen Anruf“, unterbrach ihn Lucian. „Wie lange würde es dauern, bis eine der Firmenmaschinen hier sein könnte?“

„Eine der Firmenmaschinen?“, wiederholte Bastien.

„Ja.“

„Hmm, im Augenblick ist nur eine verfügbar, alle anderen sind heute gebucht“, überlegte er laut. „Ich müsste den Piloten und den Copiloten anrufen. Die müssten sich fertig machen und zum Flughafen fahren, die Maschine betanken, den Flugplan erstellen und nach Kansas runterfliegen. Wie lang wird der Flug sein? Zwei Stunden? Zweieinhalb?“

„Eher zweieinhalb“, schätzte Lucian. Während des Flugs hatte er nicht genau auf die Zeit geachtet.

„Zweieinhalb“, murmelte Bastien. „Dann dürfte es mindestens vier bis fünf Stunden dauern, wahrscheinlich sogar noch etwas länger, bevor die Maschine da ist. Nein, ganz sicher noch länger“, fügte er hinzu und erklärte: „Mir fällt gerade ein, dass der einzige Pilot, der momentan zur Verfügung steht, eine Stunde vom Flughafen entfernt lebt.“

„Also sechs Stunden oder länger?“, hakte Lucian etwas mürrisch nach.

„Ich hatte dir ja angeboten, eine Maschine für dich bereitzustellen, bis du fertig bist. Aber du hast gesagt …“

„Ja, ja“, unterbrach Lucian ihn ungehalten. Er hasste es, sich irgendwas im Sinne von ‚Ich hab’s ja gleich gesagt’ anhören zu müssen. „Schick einfach die Maschine runter. Bevor sie losfliegen, sollen sie mich im Hotel anrufen, dann fahre ich zum Flughafen und hole sie ab.“

„Okay, sonst noch was?“

„Nein.“ Lucian hatte bereits aufgelegt, ehe ihm klar wurde, dass er sich weder bedankt noch verabschiedet hatte. Nachdem er schon so lange allein lebte, war aus ihm ein unhöflicher Rüpel geworden, aber zum Glück waren seine Verwandten daran gewöhnt, Bastien eingeschlossen.

Er steckte das Telefon zurück in die Tasche und nahm die nächste Abzweigung, um zum Hotel zurückzufahren. Er hatte gehofft, sich direkt zum Flughafen begeben zu können, um mit der jungen Frau auf das Flugzeug zu warten. Sechs Stunden waren eine lange Wartezeit, wenn einem vor Müdigkeit fast die Augen zufielen. So wie es nun aussah, würden sie Leigh doch ins Hotel bringen müssen.

„Wie sollen wir sie auf unser Zimmer schaffen?“, fragte Mortimer, als er, am Ziel angekommen, aus dem Van ausstieg und zu Lucians Wagen kam. Offenbar hatte er sich während der Fahrt auch Gedanken darüber gemacht.

Lucian ließ den Blick durch die Garage des Hotels schweifen. Es sollte möglich sein, ungesehen mit ihr bis zum Aufzug zu kommen, doch der würde fast mit Sicherheit im Erdgeschoss und womöglich auch noch auf anderen Etagen halten. In der kurzen Zeit, die sie in diesem Hotel einquartiert waren, hatte er feststellen können, wie viele Hotelgäste sich fast immer in den Aufzügen drängten. Und vieles sprach dafür, dass sie zwischen dem Lift und dem Flur zu ihrem Zimmer zwanzig bis sechzig anderen Gästen begegnen würden. Bei so vielen Leuten die Erinnerung tilgen zu müssen war gar nicht nach seinem Geschmack.

Lucians Überlegungen wurden von einem Motorengeräusch unterbrochen, als ein Stück weiter ein Wagen auf einen freien Parkplatz fuhr. Sie sahen beide zu, wie eine Frau ausstieg und sich damit abmühte, ein großes schwarzes Gepäckstück aus dem Kofferraum zu ziehen.

Noch bevor er überhaupt den Gedanken geformt hatte, fand sich Lucian neben der Frau wieder. Er zeigte ihr sein strahlendstes Lächeln, aber als das ihr die nackte Angst in die Augen treten ließ, wurde er wieder ernst und drang stattdessen in ihren Verstand ein. Eine einzelne Person war immer noch besser zu kontrollieren als sechzig.

„Das ist nicht dein Ernst, oder?“, keuchte Bricker Minuten später, als Lucian die Hecktüren des Vans öffnete und er den großen, mittlerweile leeren Koffer sah.

„Wenn du eine bessere Methode weißt, wie wir sie nach oben schaffen können, ohne dass ich bei der Hälfte der Hotelgäste das Gedächtnis löschen muss, dann bin ich ganz Ohr“, sagte Lucian und setzte den Koffer ab. Er verstand diese Aufregung nicht. Es handelte sich um einen großen Koffer, der genügend Platz bot. Er besaß Rollen, ließ sich also leicht von der Stelle bewegen. Er war aus Stoff, sodass sie nicht ersticken konnte, außerdem würde sie nicht lange in dem Koffer bleiben müssen. Der Weg zum Aufzug war nicht weit, die Fahrt dauerte nicht lange, und die Suite war auch schnell erreicht … und außerdem war sie nicht mal richtig bei Bewusstsein. Es war also nicht so, als würde sie davon wirklich etwas mitbekommen.

Schließlich zuckte Mortimer hilflos mit den Schultern. Bricker seufzte, betrachtete die Frau, die sich in seinen Armen krümmte, und sah dann wieder Lucian an. „Okay, dann mach den Koffer auf.“

Lucian schlug den Deckel auf, dann blickte er sich um, damit er Gewissheit hatte, dass sich niemand im Parkhaus aufhielt, der beobachten konnte, wie Bricker Leigh in dem Koffer verstaute. Die einzige mögliche Augenzeugin war die Frau, der der Koffer gehörte, aber die saß in ihrem Wagen und schlief fest. Mortimer würde ihr den Koffer zurückbringen, sobald die Arbeit getan war, und dann den gesamten Zwischenfall aus ihrem Gedächtnis tilgen. Lucian hatte ihr bereits als Dank für ihre unfreiwillige Hilfe einen Fünfzig-Dollar-Schein in die Handtasche gesteckt, den sie in ihrer Erinnerung auf dem Parkdeck gefunden hatte. Es missfiel Lucian, jemandem zu Dank verpflichtet zu sein, selbst wenn der Betreffende davon gar nichts wusste.

„Vielleicht sollte ich den Reißverschluss nicht ganz zuziehen, damit sie in jedem Fall genug Luft bekommt“, meinte Bricker.

Lucian drehte sich um und sah in den Van, wo Bricker die Frau bereits im Koffer untergebracht und ihn ein Stück weit zugezogen hatte. Wie erwartet, bot das Gepäckstück mehr als genug Platz. Leigh saß da, die angewinkelten Beine gegen die Brust gedrückt, den Kopf auf die Knie gelegt, während über ihr noch gut fünfzehn Zentimeter Luft waren.

„Ich fasse den Koffer unten, damit wir ihn aus dem Wagen heben können“, erklärte Mortimer, nachdem Bricker den Reißverschluss bis auf zwei Fingerbreit zugezogen hatte.

Damit den beiden Platz genug blieb, ging Lucian zur Seite, dann schaute er auf seine Uhr. Seit seinem Telefonat mit Bastien waren erst zwanzig Minuten vergangen. Wenn es bis hinauf in ihr Zimmer so reibungslos weiterging, dann konnte er noch gut vier bis fünf Stunden schlafen, bevor er zum Flughafen fahren musste. Bei dem Gedanken daran verzog er den Mund. Acht Stunden Schlaf wären ihm lieber gewesen, aber fünf reichten immer noch, vor allem im Vergleich zu seinen beiden Begleitern, die die ganze Nacht über würden wach bleiben müssen.

„Alles klar.“ Bricker stieg aus dem Van und schlug die Tür zu.

Lucian nickte und ging vor den beiden her zum Lift. Nachdem er den Aufzug gerufen hatte, sah er über die Schulter und stellte fest, dass die Männer erst die Hälfte des Wegs zurückgelegt hatten. Bricker zog den Koffer, aber er und Mortimer kamen nur langsam voran, da sie mehr damit beschäftigt waren, ihn ja nicht zu sehr über den Betonboden holpern zu lassen.

Anstatt die beiden mit deutlichen Worten daran zu erinnern, dass die Frau in dem Koffer bewusstlos war, wandte er sich einfach wieder dem Lift zu, dessen Türen sich soeben geöffnet hatten. Er nickte dem Ehepaar zu, das die Kabine verließ, dann drückte er auf die Taste, die die Türen offen hielt, und wartete auf seine Begleiter. Seiner Meinung nach legte er eine erstaunliche Geduld an den Tag, indem er sich jeden Kommentar darüber verkniff, wie behutsam die zwei Männer den Koffer über die schmale Fuge zwischen Parkdeck und Kabine zogen. Kaum waren sie im Aufzug, ließ Lucian die Taste los, damit die Türen sich schlossen, dann drückte er den Knopf für die Etage, in die sie mussten.

„Meint ihr, es geht ihr gut da drin?“, fragte Bricker, als sich der Lift in Bewegung setzte.

„Ich weiß nicht“, murmelte Mortimer. „Vielleicht sollten wir mal nachsehen.“

Bevor Lucian die beiden anherrschen konnte, dass sie sich wie zwei Idioten benahmen, ertönte auf einmal ein helles Glockensignal, der Aufzug hielt an, die Türen glitten auf und gaben den Blick auf die Lobby frei, wo gut zwei Dutzend Gäste warteten, die alle zu ihren Zimmern wollten.

Lucian presste die Lippen zusammen und stellte sich schützend vor Bricker und Mortimer, damit niemand gegen den Koffer stoßen und feststellen konnte, dass es sich bei dessen Inhalt nicht bloß um ordentlich zusammengelegte Wäsche handelte. Mortimer und Bricker sicherten den an der Rückwand stehenden Koffer, sodass er ringsum geschützt war.

Zähneknirschend sah Lucian mit an, wie sich ein Gast nach dem anderen in die kleine Kabine zwängte, bis sie nahezu überfüllt war und die übrigen in der Lobby stehenden Leute missmutig aufhörten zu drängen. Die Türen schlossen sich, und der Lift fuhr endlich weiter nach oben.

Im ersten Stock wurde die Fahrt gleich wieder unterbrochen. Zwei Personen stiegen aus, eine stieg ein. Auf der nächsten Etage stiegen zwei zu und einer verließ den Aufzug. Danach leerte sich die Kabine aber bei jedem Halt spürbar, bis sich ab dem achten Stock außer ihnen nur noch zwei Paare im Lift befanden. Die hielten etwas mehr Abstand zueinander, um den Raum zu nutzen, nur Lucian blieb weiter dicht vor dem Koffer stehen. Leigh hatte begonnen, sich im Innern zu bewegen, und er wollte nun wirklich nicht, dass ihre Mitfahrer etwas davon mitbekamen, wie sich der Koffer mal da, mal dort ausbeulte.

Allerdings wäre er doch besser ein Stück nach vorn getreten, wie ihm einen Augenblick später bewusst wurde, als er plötzlich einen Schlag in die Kniekehlen bekam, der ihn beinahe zu Boden geworfen hätte. Er konnte noch eben nach dem Handlauf greifen, der sich an den Kabinenwänden entlangzog. Während er sich dort festhielt, bekam er weitere Treffer ab. Das lenkte ihn so sehr ab, dass er erst nach einer Weile begriff, warum Bricker laut zu pfeifen begonnen hatte: Nicht nur, dass Leigh um sich trat und schlug, sie stöhnte jetzt auch noch.

Ihm entging nicht, wie die beiden Paare sich verwundert umschauten, um dem Stöhnen auf den Grund zu gehen, also begann auch Lucian zu pfeifen. Dummerweise wusste er nicht, welches Stück Bricker zum Besten gab, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als zu einer völlig anderen Melodie anzusetzen. Da das noch immer nicht genügte, um die von Leigh verursachten Laute zu übertönen, stimmte Mortimer ebenfalls mit ein – wiederum mit einem anderen Lied.

Mit großer Erleichterung nahm Lucian zur Kenntnis, dass beide Paare beim nächsten Halt gemeinsam den Aufzug verließen. Die Türen schlossen sich, und er trat einen Schritt zur Seite, da sie nur noch eine Etage höher mussten.

Ungläubig verdrehte er die Augen, als er beobachtete, wie Mortimer über die Stelle des Koffers strich, die sich wieder und wieder von innen ausbeulte, und murmelte: „Schon gut, Leigh, wir sind fast da.“

„Mach das nicht“, warnte ihn Bricker. „Du weißt nicht, welche Körperstellen du da zu fassen kriegst.“

Kopfschüttelnd wandte sich Lucian ab und verließ auf ihrer Etage den Aufzug. Mortimer und Bricker waren zwei der härtesten, zähesten Kerle, die er kannte, aber seit Leigh die Szene betreten hatte, benahmen sie sich wie ein Paar alte Weiber. Es tat schon fast weh, das mit ansehen zu müssen.

Er überließ den Koffer samt Inhalt den beiden und ging durch den Korridor zu ihrer Suite mit zwei Schlafzimmern. Als sie endlich ins Zimmer kamen, saß er längst auf dem Bett und zog seine Schuhe aus.

Schließlich stand er auf, ging zur Tür und knöpfte dabei sein Hemd auf. Dort traf er gerade noch rechtzeitig ein, um mit anzusehen, wie die zwei den Reißverschluss aufzogen. Sie waren noch nicht ganz fertig damit, da rollte Leigh auch schon heraus. Die beiden Männer warfen den Koffer zur Seite und eilten zu der Frau. Ein Blick genügte Lucian, um zu erkennen, dass sie bewusstlos war. Ihr Gesicht war bleich, sie war nass geschwitzt, und sie wälzte sich auf dem Boden, als würde sie unter Krämpfen leiden.

Lucian schaute zu, wie Mortimer und Bricker sie zur Couch tragen wollten, doch als sie wie zwei kraftlose alte Frauen herumzufuchteln begannen, entschied er, dass es Zeit wurde, einzuschreiten und die Sache in die Hand zu nehmen.

„Einer von euch muss den Koffer zurückbringen und danach zum nächsten Krankenhaus fahren und einen Infusionsständer und mehr Blutkonserven holen.“

„Das erledige ich“, erklärte sich Mortimer sofort bereit, schloss den Koffer und ging zur Tür. „Wie viel Blut?“

„Jede Menge. Und noch eine Kühlbox“, fügte Lucian hinzu. Als er die schreiende Frau betrachtete, ergänzte er schließlich noch: „Und auch Schmerzmittel und ein paar Schlaftabletten.“

„Und was soll ich machen?“, wollte Bricker wissen, nachdem Mortimer aufgebrochen war.

„Pass einfach auf, dass sie sich nicht selbst verletzt“, meinte Lucian schulterzuckend.

„Sollte ich nicht wenigstens versuchen, ihr etwas Blut zu geben?“, fragte er besorgt. Offenbar wollte er sich unbedingt irgendwie nützlich machen.

„Versuchen kannst du’s ja, aber wahrscheinlich wird sie es in dieser Phase gleich wieder auswürgen.“

„Was?“ Bricker konnte kaum fassen, was er da zu hören bekam. „Und wie haben das die Leute hingekriegt, bevor der Tropf erfunden wurde?“

Lucian verzog das Gesicht. „Die mussten eben durchhalten, bis die Wandlung ihrer Zähne abgeschlossen war, und dann haben wir sie vorsichtig trinken lassen.“

„Wie lange wird es noch dauern, bis sich ihre Zähne gewandelt haben?“

Müde schüttelte Lucian den Kopf. „Das ist bei jedem Einzelnen anders, Bricker. Es hängt von der Körpergröße ab, dem Alter, wie viel Blut die Person bekommen hat, wie schnell der Stoffwechsel arbeitet …“

Der Mann wirkte so verloren, dass Lucian beinahe zu ihm gegangen wäre, um ihm aufmunternd auf die Schulter zu klopfen. Stattdessen jedoch wandte er sich ab und kehrte in sein Zimmer zurück. „Ich lege mich eine Weile schlafen. Weck mich, falls jemand anruft.“

Widerstrebend wachte Lucian kurze Zeit später auf, da wildes Geschrei seine Sinne attackierte.

Leigh befand sich nun unüberhörbar mitten in ihrer Wandlung. Sie kreischte gellend und vor allem ohne Unterbrechung. Es war ein verzweifelter, durchdringender Schrei, der fast das Hämmern an der Tür übertönte.

Grummelnd drehte Lucian sich auf die andere Seite, warf sich auf sein Kissen und kniff entschlossen die Augen zu. Als sich aber die aufgebrachten Rufe eines Mannes unter das Gekreische und das Klopfen mischten, stand er doch noch fluchend auf.

Wütend darüber, dass ihm nicht mal der wenige Schlaf vergönnt war, den er einkalkuliert hatte, ging er mit ausholenden Schritten zur Tür des Salons und riss sie auf. Was er dann aber zu sehen bekam, ließ ihn mitten in der Bewegung erstarren.

Leigh lag nicht mehr auf der Couch, sondern auf dem Fußboden mitten in dem frei geräumten Zimmer, trat und schlug um sich, wand sich und rollte hin und her. Was Lucian jedoch vor allem schockierte, war Bricker. Auf den ersten Blick hätte man glauben können, dass er auf die junge Frau einprügelte. Der große Vampir lag quer über ihr, mit einer Hand versuchte er, ihre Handgelenke zu fassen zu bekommen, mit der anderen griff er nach ihren Knöcheln. Gleichzeitig wurde er heftig durchgeschüttelt, da Leigh unter ihm wie wild herumzappelte.

„Was zum Teufel machst du denn da?“, erkundigte sich Lucian schließlich, musste aber brüllen, um den Lärm zu übertönen.

„Ich versuche, sie davon abzuhalten, dass sie sich verletzt!“, brüllte Bricker zurück und packte die Hand, die Leigh gerade frei bekommen hatte und mit der sie nun um sich schlug.

„Da ist jemand an der Tür, oder hast du kein Klopfen gehört?“, fuhr Lucian aufgebracht fort.

Ungläubig sah ihn Bricker über die Schulter an. „Schon, aber im Augenblick bin ich beschäftigt.“

„Mein Gott, Bricker! Du bist stärker als diese Frau. Fessle sie“, herrschte er den Mann an.

„Ich will ihr nicht wehtun, wenn ich versuche, sie daran zu hindern, dass sie sich selbst verletzt“, fauchte Bricker.

Das Hämmern an der Tür wurde lauter, und die Rufe schienen nun nicht mehr von nur einem Mann zu kommen. Seufzend begab sich Lucian zur Tür. „Dann werde ich eben aufmachen.“

„Oh ja, vielen Dank.“ Bricker klang alles andere als dankbar.

Lucian öffnete die Tür und sah sich drei Männern gegenüber: einem schmächtigen Herrn, der offenbar der Hotelmanager war, und zwei muskulösen Typen in der Uniform des Sicherheitsdienstes. Er zwang sie alle, einen Schritt zurückzuweichen, während er hinaus in den Flur trat und die Tür hinter sich zuzog, damit das Kreischen ein wenig gedämpft wurde. Allzu sehr half das nicht, denn auch wenn es nicht mehr ganz so laut war, konnte man die Geräuschkulisse aus der Suite immer noch deutlich genug wahrnehmen.

„Es gab mehrere Beschwerden wegen des Lärms“, begann der Manager mit vor Wut bebender Stimme, verlor dann aber die Beherrschung und brüllte: „Was um alles in der Welt ist da drinnen los, Mr Argeneau?“

Lucian machte sich gar nicht erst die Mühe, zu einer Erklärung anzusetzen. Stattdessen glitt er in den Geist des Managers und übernahm die Kontrolle, um seine Gedanken zu löschen. Anschließend nahm er sich die beiden Sicherheitsleute vor. Augenblicke später kehrte die Gruppe zum Aufzug zurück, ohne sich an den Zwischenfall erinnern zu können. Lucian sah ihnen nach, wie sie den Lift betraten, dann wandte er sich der Suite zu – und musste feststellen, dass er sich ausgesperrt hatte, da seine Codekarte im Zimmer lag. Er klopfte, wusste aber um die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens. Bricker konnte ihn bei dem Lärm in der Suite nicht hören.

Er sank gegen die Tür und gab die Hoffnung auf, in nächster Zeit in sein Bett zurückkehren zu können.

Lucian döste an der Tür zur Suite, als ihn jemand an der Schulter packte und schüttelte. Er öffnete die Augen einen Spaltbreit, hob den Kopf und sprang dann abrupt auf, als er sah, dass Mortimer über ihn gebeugt stand. Er trug eine große Kühlbox in der Hand.

„Was suchst du denn hier?“, fragte Mortimer und übergab ihm die Box, damit er seine eigene Codekarte hervorholen konnte. Das Licht am Schloss sprang auf Grün, und er machte die Tür auf.

Kopfschüttelnd ging Lucian an ihm vorbei nach drinnen. Er war schlicht zu müde, um sich mit Erklärungen aufzuhalten. Während Mortimer zu Bricker eilte, um ihm zu helfen, die Frau zu bändigen, stellte Lucian die Kühlbox auf den Wohnzimmertisch, der an eine Wand geschoben worden war, wohl um zu verhindern, dass Leigh sich an ihm den Kopf aufschlug.

Als Erstes hielt Lucian Ausschau nach den Medikamenten und zog aus der Ampulle mit dem Mittel eine Spritze auf, die die Frau hoffentlich am ehesten ruhigstellen würde. Er ging zu Mortimer und Bricker, kniete sich hin und schob den Ärmel von Leighs Bluse hoch. Dann hielt er mit der einen Hand ihren Arm fest, mit der anderen setzte er ihr die Spritze und injizierte das Mittel. Noch bevor er die Nadel wieder aus ihrer Vene gezogen hatte, verstummte Leigh und zuckte kaum noch.

Mit einem zufriedenen Brummen kehrte Lucian zum Tisch zurück, legte die Spritze weg und nahm einen Blutbeutel aus der Kühlbox. Er bohrte seine Zähne durch den Kunststoff, ließ sich in einen der weich gepolsterten Sessel sinken, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen.

In dieser Haltung verharrte er, bis der Beutel leer war, und ignorierte dabei Mortimers und Brickers ständiges Murmeln. Dann setzte er den Beutel ab und sah sich im Zimmer um.

Die beiden Männer hatten Leigh erneut auf die Couch gelegt, sie mit Kissen und Decke versorgt und ihr eine Infusion gelegt, damit das Blut direkt in ihren Kreislauf gelangte. Bricker wischte ihr mit einem feuchten Tuch den Schweiß von Hals, Händen und Unterarmen, während Mortimer einen Lappen auf ihre Stirn legte. Nach ein oder zwei Minuten tauchte er ihn wieder in Wasser, wrang ihn aus und platzierte ihn abermals auf ihrer Stirn.

Lucian bekam vor Erstaunen den Mund kaum zu, da er so etwas noch nie erlebt hatte. Diese Männer waren harte, herzlose Jäger. Was war bloß in sie gefahren?

Das Telefon auf dem Tisch neben seinem Sessel klingelte, und er nahm den Hörer ab. Erleichterung erfasste ihn, als er Bastiens Stimme vernahm.

„Du hast Glück“, verkündete sein Neffe. „Einer unserer Direktoren sollte heute von Lincoln in Nebraska nach Kalifornien fliegen, aber die Geschäfte halten ihn noch einen Tag länger dort fest, und er braucht die Maschine nicht. Sie ist jetzt auf dem Weg zu dir nach Kansas.“

„Hmm“, murmelte Lucian. „Wann ist sie hier?“

„Wenn du sofort zum Flughafen fährst, bist du mit etwas Glück vor ihr da.“

Verblüfft setzte Lucian sich auf. „So schnell?“

„Sie ist jetzt unterwegs, und Lincoln ist deutlich näher als Toronto“, betonte Bastien.

„Ja, aber ich muss …“

„Ich habe bereits eine Limousine für dich angefordert“, unterbrach Bastien ihn sanft. „Sie müsste jeden Augenblick eintreffen. Ich habe auch mit der Autovermietung vereinbart, dass sie deinen Wagen aus dem Hotelparkhaus abholen.“

Lucian wollte einwenden, er benötige den Wagen noch. Er beabsichtigte nicht, an Bord der Maschine zu gehen, vielmehr sollte sie Leigh ausfliegen.

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