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Ein Vampir für jede Jahreszeit

1

Als Teddy aufwachte, stellte er fest, dass er sich über Nacht wie ein Maulwurf unter der Bettdecke eingegraben hatte und fror. Das war seltsam, denn normalerweise strampelte er im Schlaf immer die Laken weg, und kalt war ihm beim Aufwachen eigentlich auch nie.

Anscheinend war die Heizung ausgefallen. Er warf die Decke von sich, setzte sich auf und sah sich um. Im grellen Sonnenlicht, das von draußen ins Zimmer flutete, konnte er sehen, wie sich bei jedem Atemzug ein Wölkchen vor seinem Mund bildete.

Oh ja, die Heizung war definitiv aus. Er zog eine Grimasse, schwang sich aus dem Bett und eilte durch den Flur. Der Teppich unter seinen Füßen fühlte sich kalt an. Am Ende des Korridors lag der weitläufige Hauptraum des Hauses, eine Kombination aus Wohnzimmer, Küche und Esszimmer. Die linke, mit Teppich ausgelegte Hälfte bildete den Wohnbereich. Dort standen zwei Sessel, ein Sofa und eine Schrankwand mit einer Heimkino- und Musikanlage. Außerdem gab es einen offenen Kamin. Die rechte Hälfte war gekachelt und beherbergte die Küche und den Essbereich.

Auf dem Weg zum Wandthermostat warf Teddy automatisch einen Blick auf die Digitaluhr am Herd. Irritiert stellte er fest, dass die Anzeige nicht funktionierte, und blieb stehen. Auch das Display des DVD-Players unterm Fernseher war tot. Teddy ahnte schon, was los war. Probeweise betätigte er den Lichtschalter und war kaum überrascht, als nichts geschah. Nicht nur die Heizung war ausgefallen, sondern die komplette Stromversorgung.

»Na toll«, murmelte er verärgert und machte sich auf den Weg zurück ins Schlafzimmer. Im Cottage war es jetzt schon unangenehm kalt, und durch den Stromausfall würde es noch schlimmer werden. Wenn er weiter so – bloß im Schlafanzug und barfuß – im Flur herumstand, verschwendete er nur sinnlos Körperwärme. Also beschloss er, sich schnell anzuziehen und sich dann ein warmes Örtchen in der Stadt zu suchen, von dem aus er sich bei Marguerite melden und sie fragen konnte, wer für die Behebung des Stromausfalls zuständig war.

In einer Ecke des Schlafzimmers, das er für sich ausgewählt hatte, stand ein Stuhl, auf dem er seinen Koffer abgestellt hatte. Teddy klappte den Deckel auf und nahm sich das dickste Paar Socken heraus, das er finden konnte – und zur Sicherheit noch ein weiteres. Er ging mit den Socken in der Hand zum Bett, sah dabei zufällig aus dem Fenster und blieb jäh stehen.

Bei seiner Ankunft gestern Abend war es bereits dunkel gewesen, und im Scheinwerferlicht des Wagens hatten die vereisten Äste der Bäume und der hohe Schnee links und rechts der Einfahrt wunderschön ausgesehen und wie Edelsteine geglitzert. Doch heute wirkte die Landschaft schon nicht mehr so bezaubernd. Missmutig stellte er fest, dass über Nacht mindestens ein halber Meter Neuschnee gefallen war. Sein Pick-up war nur noch ein Schneehaufen in der Einfahrt.

»Mist«, fluchte er leise und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Was war nun zu tun? Warm anziehen, eine Schaufel suchen, seinen Truck ausgraben, dann in die Stadt fahren und dort ein warmes Café suchen, wo es gemütlicher war als hier, und von dem aus er Marguerite anrufen konnte.

Oder sollte er sie lieber gleich verständigen? Inzwischen war Teddy mit den Socken fertig und zog nun Jeans und Pullover über seinen Schlafanzug. Die Einfahrt freizuschaufeln, würde sicher eine ganze Weile dauern, und wenn er jetzt gleich anrief, wäre derjenige, der den Stromausfall beheben konnte, wahrscheinlich schon hier, ehe Teddy die Räumarbeiten beendet hätte.

Ja, dieser Plan war besser. Also zog sich Teddy fertig an und eilte in die Küche, wo er sein Telefon abgelegt hatte. Am Vorabend hatte er es noch ans Ladegerät angeschlossen. Dummerweise schien der Strom bereits kurz danach ausgefallen zu sein, denn die Ladestandanzeige war inzwischen weiter gesunken. Als er das Handy einschaltete, piepste es noch einmal warnend und ging dann aus.

Knurrend schob Teddy es in die Hosentasche, zog Mantel, Schal und Stiefel an, nahm sich seine Handschuhe und öffnete die Küchentür. Die Wohnräume im Cottage waren schon kalt, aber im Windfang herrschten erst recht eisige Temperaturen. Missmutig verzog er das Gesicht, blieb aber nicht stehen, sondern nahm sich schnell die Schaufel, die an der Wand lehnte, und eilte nach draußen.

Sobald er von der Veranda trat, steckte er knietief im Schnee. Er stapfte durch das pulvrige Weiß zum Pick-up, lehnte die Schaufel gegen den Truck und wischte den Schnee dann so lange vom Auto, bis er den Griff der Seitentür gefunden hatte. Er würde den Wagen starten, das Handy am Zigarettenanzünder laden und die Heizung aufdrehen, damit die Scheiben schon mal abtauen konnten, während er den Rest des Autos freilegte. Dummerweise hatte er die Wagentür am Vorabend abgeschlossen, und nun war das Schloss eingefroren – und den Enteiser hatte er, als er alles für seinen Trip zusammengepackt hatte, achtlos ins Handschuhfach geworfen – dort lag er noch immer. Er seufzte und ärgerte sich, dass er vergessen hatte, ihn mit ins Haus zu nehmen.

»Heute ist nicht mein Tag«, knurrte er und blickte zur Straße hinüber. Die schmale Auffahrt des Hauses wand sich unter einigen Bäumen entlang und gewährte den Bewohnern ein Maximum an Privatsphäre. Leider war sie aber auch sehr lang, und an einem Tag wie heute war das zweifellos ein Nachteil. Den Weg freizuschaufeln, würde Stunden dauern. Allerdings durfte Teddy darauf hoffen, dass ihm diese Arbeit erspart bliebe und er nur sein Auto und die unmittelbare Umgebung freischippen musste, denn Marguerite hatte erwähnt, dass die Bezirksverwaltung für die Räumung der Straßen verantwortlich war und es außerdem einen Hausmeister gab, der unter anderem die Einfahrt des Cottages frei hielt und sich auch sonst um alle anfallenden Arbeiten rund um das Haus der Willan-Schwestern kümmerte.

Bis die Straßen wieder geräumt waren und der Hausmeister herkommen konnte, um für die Einfahrt zu sorgen, wäre hoffentlich auch das Türschloss aufgetaut. Das Beste war wohl, erst einmal Feuerholz aus dem Schuppen zu holen, den Kamin im Wohnzimmer anzuzünden und sich etwas aufzuwärmen, während er wartete.

Aber ein Kaffee am Feuer wäre doch zu schön, dachte Teddy und spähte wieder sehnsüchtig in Richtung der Straße. Was war bloß mit dem Strom los?

Ihm lag es nicht, tatenlos herumzusitzen und auf Rettung zu warten. Also machte er sich auf und kämpfte sich die Auffahrt hinab. Er würde sich nur kurz eine Übersicht über die Lage verschaffen. Wenn die Straße frei wäre, würde er wieder umkehren, ein Feuer machen und auf den Hausmeister warten. Und wenn sie nicht geräumt war … na ja, er hoffte einfach darauf, dass dem nicht so wäre.

Der Weg zur Straße zog sich schier endlos hin. Als er endlich das Ende der Auffahrt erreicht hatte, war Teddy verschwitzt und außer Atem. Nach dem anstrengenden Marsch taten ihm außerdem die Knie weh – vor vierzig oder zwanzig Jahren wäre das noch ganz anders gewesen. Alt zu werden war wirklich furchtbar, dachte er bei sich und begutachtete missgelaunt die verschneite Straße. Sie war nicht geräumt worden, zumindest nicht bis zum Cottage. Schon in drei Metern Entfernung war sie nicht mal mehr zu erkennen.

Er überlegte, was er als Nächstes tun sollte. Sein Magen knurrte, die Beine schmerzten vom Ausflug in den Schnee, sein Mund war ganz ausgetrocknet und er schwitzte stark. Sein Gesicht dagegen brannte schon vor Kälte. Er zog den Schal weiter vors Gesicht, um sich vor den niedrigen Temperaturen zu schützen, und zwang sich dann weiterzugehen. Nur noch drei Meter, dachte er. Er würde nur noch um die nächste Kurve marschieren, um einen Blick auf die Straße zu werfen, und dann wieder ins Haus zurückkehren und den Kamin anzünden.

Als er die Abzweigung erreichte, wünschte Teddy, er hätte sich die Mühe erspart. Der Anblick der verschneiten Straße, die sich bis zum Horizont schlängelte, war einfach deprimierend. Sie war nicht geräumt, und so wie es aussah, würde es auch noch eine ganze Weile so bleiben. Entweder hatte es in der vorherigen Nacht neben dem Schneefall auch noch gestürmt, oder aber einige ältere Bäume hatten unter der Schneelast nachgegeben. Jedenfalls waren mindestens zwei auf die Straße gestürzt, der erste nur etwa drei Meter von seinem Standort an der Kurve entfernt, der zweite lag weiter weg. Sie müssten erst weggeschafft werden, ehe die Schneepflüge die Straße räumen könnten.

Die abgeknickten Bäume hatten Stromleitungen mitgerissen und so auch den Stromausfall verursacht. Der würde sich also nicht so schnell beheben lassen. Es sah ganz danach aus, als müsse er noch eine ganze Weile ohne Elektrizität auskommen – vorausgesetzt, dass er hierbliebe, dachte er seufzend. Vielleicht sollte er, sobald die Bäume entfernt und die Straßen frei wären, sofort kehrtmachen und die sechsstündige Rückfahrt nach Port Henry antreten.

Die Vorstellung bedrückte ihn. In zwei Tagen war Weihnachten – und um diese Jahreszeit versuchte Teddy, Port Henry so gut es ging zu meiden. Darum war er ja auch hier herausgefahren und hatte das Cottage gemietet. In Port Henry wussten alle, dass er keine Familienangehörigen mehr hatte, mit denen er die Feiertage verbringen konnte, und luden ihn darum zu sich ein. Wäre er in der Stadt geblieben, dann hätte er eine dieser Mitleidseinladungen annehmen müssen. Der Gedanke, Weihnachten als Fremdkörper in einer Familie zuzubringen, die ihn nur aus Barmherzigkeit bei sich aufnahm, deprimierte ihn.

Er schüttelte den Kopf und wollte sich gerade wieder auf den Rückweg machen, als er unter den Bäumen an der gegenüberliegenden Seite der Auffahrt eine Person entdeckte. Sie trug einen hellroten Skianzug und starrte ihn völlig bewegungslos aus dem Schatten der Bäume an. Sie war so dick vermummt, dass sich schwer beurteilen ließ, ob es sich um eine Frau, einen schlanken Mann oder einen Jugendlichen handelte. Doch dass beunruhigte Teddy nicht so sehr wie die absolute Starre dieser Person. Er spürte ein nervöses Kribbeln im Nacken. Dann schlug die Person die Kapuze zurück und Teddy erkannte, dass er es mit einer hübschen, jungen Blondine zu tun hatte. Sie lächelte ihn fröhlich an.

»Hallo, Sie müssen mein Nachbar sein«, begrüßte sie ihn freundlich und kam auf ihn zu.

»Sieht ganz so aus«, entgegnete Teddy und musste unwillkürlich lächeln. Er ging ihr entgegen und erklärte mit einem Nicken nach der Auffahrt hin: »Ich habe das Willan-Cottage über die Feiertage gemietet.«

»Und ich bin im Haus nebenan«, entgegnete sie und wies mit dem Daumen hinter sich. »Es gehört meinem Cousin Decker.«

Teddy spähte über ihre Schulter und konnte jenseits der kahlen Bäume ein großes Ferienhaus erkennen. Mit einem ironischen Lächeln sagte er: »Wir haben uns wohl einen ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um hier herauszukommen.«

Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. »Ein bisschen Schnee hat noch niemandem geschadet. Es wird ja außerdem bald geräumt werden.«

»Da wär ich mir nicht so sicher«, entgegnete Teddy. »Einige Bäume sind umgekippt, und einer hat die Stromleitung gekappt. Es dürfte ein Weilchen dauern, das wieder in Ordnung zu bringen.«

»Mist«, hauchte die Blondine, während sich ihre sorglose Miene verfinsterte. »Jemand wollte vorbeikommen und mir … Proviant bringen.«

»Dann sitzen wir im selben Boot«, erklärte Teddy. »Ich hatte eigentlich vor, gestern noch etwas einzukaufen, aber dann habe ich so viel Zeit in einem Geschäft für Anglerbedarf in Vaughan und in einigen Antiquitätenläden verbracht, dass ich zu spät hier ankam und die Besorgungen auf heute verschoben habe. Keine gute Idee, wie sich herausgestellt hat«, gestand er kopfschüttelnd und meinte noch: »Aber ich komme schon klar. Ich hab einen Kamin und eine Menge Feuerholz. Frieren muss ich zumindest nicht.«

Die Frau spähte nach der Straße und rang sich dann ein Lächeln ab, obwohl Teddy ihr die Beunruhigung ansehen konnte. »Ich habe etwas zu essen. Sie sind eingeladen.«

»Ich dachte, Sie warten auf eine Proviantlieferung?«, fragte er verwundert.

Sie wandte kurz den Blick ab, lächelte dann aber gleich wieder strahlend und erklärte: »Ich habe getrocknetes Essen und Dosen, aber jemand sollte heute noch frisches Obst und Gemüse und solche Sachen vorbeibringen. Und Kraftstoff für den Generator.«

»Sie haben einen Generator?«, fragte Teddy und horchte auf.

Sie nickte und verzog dann das Gesicht. »Leider läuft er momentan nicht. Ich wurde schon vorgewarnt, dass der Tank fast leer wäre, aber ich hab mich darauf verlassen, dass heute Nachschub käme. Als letzte Nacht der Strom ausfiel, muss sich der Generator automatisch eingeschaltet haben, und vor einigen Minuten ist er dann stehengeblieben. Darum bin ich auch hergekommen. Ich wollte nach dem Boten Ausschau halten.« Mit einem Blick auf die Straße fügte sie hinzu: »Aber die Lieferung wird wohl in nächster Zeit nicht kommen.«

»Nein«, pflichtete ihr Teddy bei und überlegte, wie lange es wohl ohne den Generator in ihrem Haus warm bliebe. Bestimmt nicht sehr lange. Er war gerade im Begriff ihr anzubieten, doch zu ihm zu kommen, als sie sich nach ihm umwandte und verschmitzt lächelnd erklärte: »Ich habe also Essen, aber keine Heizung – und Sie haben zwar Feuerholz, aber kein Essen. Sollen wir teilen?«

Irgendwie wirkte ihr Lächeln angespannt, aber Teddy schob es darauf, dass die arme Frau mitten im Wald mit einem Wildfremden gestrandet war. Sie hatte schließlich keine Ahnung, wer er war und allen Grund zur Sorge. Er hätte ja auch ein Axt schwingender Mörder sein können.

»Das hört sich vernünftig an, junge Frau. Aber dann sollte ich mich vielleicht erst einmal vorstellen.« Er streckte ihr die behandschuhte Hand hin. »Mein Name ist Theodore Brunswick. Ich bin Polizeichef in einer kleinen Stadt namens Port Henry. Das liegt südlich von hier.«

Sie starrte ihn für einen Augenblick ausdruckslos an. Dann strahlte sie. »Das ist so süß von Ihnen.«

Teddy fragte sich verwundert, was denn so süß daran sein sollte, Polizeichef von Port Henry zu sein. Gut, die Stadt war ziemlich klein, aber -

»Sie versuchen mich zu beruhigen, damit ich mich nicht von Ihnen bedroht fühle. Das ist so nett von Ihnen. Vielen Dank.«

»Oh«, machte Teddy nur und fühlte, wie seine Gesichtshaut schon wieder brannte. Diesmal lag es allerdings nicht an der Kälte. Er errötete wie ein Schuljunge. Wie peinlich, hoffentlich hielt sie seine roten Wangen für eine Folge des Frosts. Er gab ihre Hand frei und murmelte rechtfertigend: »Na ja, heutzutage können junge Frauen nicht vorsichtig genug sein. Ich wollte nicht, dass Sie mich möglicherweise für gefährlich halten und sich Sorgen machen.«

»Sie haben ja so recht«, stimmte sie fröhlich zu und bemerkte dann: »Allerdings stellen sich Vergewaltiger oder Serienkiller selten als solche vor. Eigentlich ist es sogar die beste Masche, sich als Polizist auszugeben und das Mädchen auf diese Weise in Sicherheit zu wiegen, um sich einen Vorteil zu verschaffen.«

Teddy riss die Augen auf und erklärte verdrießlich: »Ich habe meine Marke im Haus. Ich kann sie Ihnen zeigen und auch meine Waffe und –« Sie kicherte, und er unterbrach sich.

»Ist schon gut, ich glaube Ihnen«, beteuerte sie grinsend. »Warum machen Sie nicht schon mal Feuer? Ich hole uns inzwischen was zu essen.«

»Klingt nach einem guten Plan«, brummte Teddy irritiert. Irgendetwas an diesem Mädchen war seltsam. Er beobachtete, wie sie zum Haus zurückkehrte, und beneidete sie für die Mühelosigkeit ihrer Bewegungen.

»Theodore?«

Sie hatte sich nach ihm umgedreht und lächelte ihn nun neckisch an. Teddy entging das vorwitzige Glitzern in ihren Augen nicht. Etwas schroff erwiderte er: »Nenn mich einfach Teddy.«

»Teddy«, murmelte sie, als ließe sie sich den Namen auf der Zunge zergehen. Offenbar gefiel er ihr, denn ihr Lächeln wurde immer frecher und ihre Augen wanderten über seinen Körper, bis sie an seinen Lenden hängen blieben. »Ich glaube, ich würde mir nachher gern deine Kanone ansehen«, sagte sie gedehnt.

Teddy klappte die Kinnlade herunter, und er starrte ihr mit offenem Mund hinterher. Hatte sie gerade tatsächlich – nein, es war sicher nicht so gemeint gewesen, wie er dachte, dass …

»Nein«, sagte Teddy zu sich selbst und schüttelte den Kopf. Sie hatte es nicht so gemeint. Um Himmels willen, er war ein alter Mann und sie ein ganz junges Ding, jung genug, um seine Enkelin zu sein. Wahrscheinlich hatte sie das nur noch nicht bemerkt, weil er sich so gründlich gegen die Kälte vermummt hatte und während des Gesprächs eigentlich nur seine Augen sichtbar gewesen waren.

Teddy wandte sich ab und trottete wieder die Auffahrt hinauf. Dabei redete er sich ein, dass sie ganz sicher das Interesse an ihm verlieren würde, wenn sie seine knittrige Visage zu sehen bekam. Wahrscheinlich wäre es dem armen Mädchen dann sogar peinlich, dachte er amüsiert. Erst, als er bereits die halbe Strecke hinter sich gebracht hatte, fiel ihm auf, dass sie ihm ihren Namen überhaupt nicht verraten hatte.

Fröhlich pfeifend sammelte Katricia Dosen und Tüten zusammen und räumte sie in zwei leere Pappkartons, die sie in der Speisekammer entdeckt hatte. Sie achtete kaum auf das, was sie da einpackte, aber sie wusste ja auch nicht, was Teddy Brunswick gern mochte – oder was sie selbst mochte. Schon seit Jahrhunderten hatte sie das Essen der Sterblichen nicht mehr angerührt.

»Katricia Argeneau Brunswick.« Das klang gut, stellte sie lächelnd fest.

»Katricia und Teddy Argeneau Brunswick.« Noch viel besser, befand sie und packte verträumt seufzend eine weitere Büchse in den Karton.

Verdammt. Sie hatte doch tatsächlich ihren Lebensgefährten getroffen. Katricia kostete den Gedanken genüsslich aus. Es gab nichts auf der Welt, was für einen Unsterblichen so wichtig war wie ein Lebensgefährte. Sie alle sehnten sich danach und warteten darauf, denjenigen zu treffen. Manchmal dauerte es Jahrhunderte, manchmal sogar noch länger. Manche fanden diesen Gefährten aber auch niemals. Doch wenn es geschah, wenn man die einzige Person fand, gleichgültig ob sterblich oder unsterblich, die man nicht kontrollieren konnte und deren Gedanken man nicht lesen konnte, dann war das der wichtigste Moment im Leben eines Unsterblichen. Denn mit diesem Gefährten würde man den Rest seines langen Lebens teilen. Als sie gestern von Toronto hierhergekommen war, hatte sie mit so etwas nicht gerechnet. Obwohl – eigentlich hätte sie doch eine Ahnung haben müssen. Marguerites erfolgreiche Kuppeleien sprachen sich, zumindest innerhalb der Familie, langsam herum. Man munkelte, dass sie über die gleichen außergewöhnlichen Fähigkeiten verfügte wie einst Katricias Großmutter, das weibliche Familienoberhaupt Alexandria Argeneau. Alexandria hatte bis zu ihrem Tod vor etwa zweitausend Jahren für den Großteil ihrer Kinder und viele andere ihresgleichen Lebenspartner gefunden. Es wurde erzählt, dass sie eine Art sechsten Sinn dafür besessen hatte. Jedes Paar, das sie zusammenführte, wurde zu Lebensgefährten – und bei Marguerite war es nun genauso.

Trotzdem hatte Katricia genau damit nicht gerechnet, als Marguerite sie eingeladen hatte, Weihnachten mit der Familie zu verbringen. Insbesondere, da sie das Angebot aus Gewohnheit höflich aber bestimmt abgelehnt hatte. Hätte sie vorher darüber nachgedacht, hätte sie sich bestimmt darauf eingelassen, nämlich in der Hoffnung, dass Marguerite einen Lebensgefährten für sie gefunden hätte. Doch leider hatte sie nicht nachgedacht, und so war ihre Antwort sehr bestimmt ausgefallen. Katricia mied Familienzusammenkünfte. Eigentlich mied sie alle Arten von Gruppenveranstaltungen. Sie fand es so ermüdend, ständig ihre Gedanken kontrollieren zu müssen, dass sie sich mit der Zeit mehr und mehr zurückgezogen hatte. Besonders Feiertage, an denen sich vor allem die älteren Familienmitglieder trafen, verbrachte sie lieber allein. Ihre Gedanken vor ihnen abzuschirmen, war unmöglich, und Katricia wollte doch nicht, dass einer ihrer Onkel in ihrem Kopf herumspionierte.

Die einzige familiäre Verpflichtung, die sie in den letzten zehn Jahren wahrgenommen hatte, war die große Hochzeit in New York im Februar letzten Jahres gewesen. Da sie in New York lebte und arbeitete, hätte ihre Abwesenheit nur unnötige Fragen aufgeworfen. Doch wie erwartet war die Feier die reine Hölle gewesen. Ihre Gedanken abzuschirmen und gleichzeitig Konversation zu betreiben, war ungefähr so schwierig gewesen, wie einen Purzelbaum zu schlagen und gleichzeitig mit Messern zu jonglieren – schlicht unmöglich. Sie war sich sicher, dass mehrere Verwandte ihre Gedanken mitbekommen hatten, denn einige ihrer Onkel und sogar Marguerite hatten besorgt gewirkt, als sie sich mit ihr unterhalten hatten. Bestimmt hatten sie alle bemerkt, wie düster und deprimierend es in ihrem Kopf aussah.

Katricia musste unwillkürlich lächeln. All die Finsternis und Traurigkeit waren mit einem Schlag vergessen gewesen, als sie Teddy Brunswick auf der Einfahrt entdeckt und ganz automatisch versucht hatte, seine Gedanken zu lesen, um herauszufinden, wer er war und was er hier zu suchen hatte. Doch dann hatte sie feststellen müssen, dass es ihr unmöglich war, in seinen Kopf einzudringen. Das war ein Schock gewesen – und plötzlich sah sie auch die vielen Schwierigkeiten, die sie mit ihrem Last-Minute-Urlaub gehabt hatte, in einem ganz neuen Licht.

Ursprünglich hatte sie vorgehabt, Skiurlaub in Colorado zu machen, doch dann war ihr Flug ärgerlicherweise nach Toronto umgeleitet worden. Katricia hatte stinksauer reagiert. Der Pilot konnte ihr auch keine Erklärung für diese Anweisung liefern, und als sie schließlich in Toronto aus dem Privatflugzeug der Argeneaus stieg, war sie bereits auf hundertachtzig. Auf dem Rollfeld erwartete sie schon ihr Onkel Lucian Argeneau.

Er erklärte die Umleitung des Fluges mit schlechtem Wetter und verfrachtete sie in seinen Wagen. Ihre Frustration hatte einen Höchststand erreicht. Sie saß im Auto und sagte im Kopf Kinderreime vor sich her, damit Onkel Lucian ihre Gedanken nicht lesen konnte, und machte sich gleichzeitig Sorgen, dass sie nun über die ganzen Feiertage bei ihrer Familie festsitzen würde und die Kinderreime wahrscheinlich von früh bis spät wiederholen müsste. Lucian hatte sie zu Marguerite gebracht, und als diese erwähnte, dass Decker ein Ferienhaus besaß und dass sie, statt Weihnachten mit der Familie zu verbringen, auch dort hinfahren könnte, hatte sich Katricia auf diese Möglichkeit wie eine Ertrinkende auf einen Rettungsring gestürzt. Bereits kurz darauf saß sie schon wieder mit ihrem Gepäck im Auto und ließ sich vom Navigationssystem zum Haus leiten.

Und nun war sie hier eingeschneit, mitten in der Wildnis von Zentralontario, mit Teddy Brunswick, dessen Gedanken sie nicht lesen konnte. Das war das erste Anzeichen, dass der Sterbliche möglicherweise ihr Lebensgefährte war. Normalerweise konnten Unsterbliche wie sie in Sterblichen wie in einem offenen Buch lesen. Dass dies bei Teddy nicht gelang, hatte ihr einen höllischen Schrecken versetzt – einen positiven Schrecken allerdings. Ein Lebensgefährte … bei dieser Vorstellung lächelte sie selig.

Natürlich war seine verschlossene Gedankenwelt nur ein erstes Anzeichen, ermahnte sie sich. Es gab auch vereinzelte Sterbliche, die sich generell nicht lesen ließen. Normalerweise waren das Verrückte oder Menschen, die unter einer speziellen Krankheit litten – wie beispielsweise einem Gehirntumor. Teddy Brunswick wirkte allerdings nicht geisteskrank. Allerdings musste sie sich eingestehen, dass ein Tumor oder etwas Ähnliches immer noch infrage kam.

Bald würde sie es genau wissen. Wenn Teddy tatsächlich ihr Lebensgefährte wäre, würden sich in Kürze weitere Symptome einstellen. Dass sie wieder Appetit auf normales Essen verspürte, gehörte jedenfalls schon mal dazu. Neugierig nahm sie eine weitere Packung in die Hand und studierte das Etikett.

»Bisquik.«

Schulterzuckend stopfte sie sie in den Karton. Plötzlich fiel ihr der Haken an dem Szenario, das sie sich ausgemalt hatte, auf. Ihre gute Laune bekam einen Dämpfer.

Katricia war sich ziemlich sicher, dass ihr Flug nicht wegen schlechten Wetters umgeleitet worden war, sondern dass dies zu einem ausgeklügelten Plan gehört hatte, der zum Ziel hatte, sie mit ihrem Lebensgefährten zu verkuppeln. Soweit schön und gut, aber der Schneesturm der letzten Nacht war sicherlich nicht eingeplant gewesen, und daraus könnten sich noch weitere Schwierigkeiten ergeben.

Beide Kisten waren inzwischen voller Lebensmittel. Katricia stapelte sie aufeinander und trug sie aus der Speisekammer.

Mit Sicherheit hatte Marguerite ihr Aufeinandertreffen arrangiert. Ob Teddy wohl über die Unsterblichen Bescheid wusste? Allgemein wurden sie als Vampire bezeichnet, doch diesen Begriff schätzten Katricia und ihresgleichen nicht besonders. Sie waren schließlich keine verfluchten, seelenlosen Monster, die jedem Sterblichen an die Kehle gingen. Ihre Lebensspanne war zwar sehr lang und sie wurden körperlich niemals älter als fünfundzwanzig, dreißig Jahre, doch dafür und für ihr Verlangen nach Blut gab es eine rein wissenschaftliche Erklärung. Seit man über Blutbanken verfügte, vermieden sie es grundsätzlich, sich noch direkt von Sterblichen zu ernähren. Aber dass Marguerite sie hier hinaufgeschickt hatte, um sie mit Teddy zusammenzubringen, hieß noch lange nicht, dass der auch von ihresgleichen wusste. Was bedeutete, dass sie nicht riskieren durfte, ihm die Wahrheit zu sagen – nämlich, dass der Nachschub, den sie erwartete, nicht aus Benzin und Nahrungsmitteln, sondern aus Benzin und Blutbeuteln bestand. Wahrscheinlich würde es ihn berechtigterweise beunruhigen, wenn er erfuhr, dass er zusammen mit einem Vampir eingeschneit war, dem die Blutvorräte ausgegangen waren.

2

Teddy brauchte nicht lang, um den Kamin in Gang zu bringen. Er machte ein großes Feuer und hoffte, dass das Haus schnell wieder warm werden würde. Gerade hatte er sich erhoben, um nach nebenan zu gehen und dem Mädchen mit den Vorräten zu helfen, als er auf den Stufen zur Veranda Schritte hörte. Schnell eilte er zur Tür und riss sie auf. Draußen stand seine Nachbarin schon, balancierte zwei Kartons in einer Hand und hatte die andere gerade angehoben, um zu klopfen.

»Ich wollte gerade rüberkommen und dir helfen. Du hättest das nicht alles allein schleppen sollen«, ermahnte er sie und griff nach einem der Kartons.

»Die Kisten sind nicht schwer«, beteuerte sie und huschte schnell an ihm vorbei, bevor er ihr etwas abnehmen konnte. Sie stellte die Kartons hinter Teddy in der offenen Küche ab und zog sich danach die Stiefel aus. Teddy schlug die Tür zu, um die Kälte auszusperren, und wandte sich dann zu ihr um. Nachdenklich beobachtete er, wie sie aus den Schuhen schlüpfte. Sie waren voller Schnee, also konnte sie sie im Haus natürlich nicht anbehalten. Auch er hatte seine vor der Tür gelassen, aber dafür trug er noch immer Mantel, Schal, Mütze und Handschuhe. Im Cottage war es so frostig wie in einem Kühlschrank, und der Boden fühlte sich so kalt wie eine Eisbahn an. Die dünnen Söckchen, die sie trug, waren für diese arktische Kälte nicht geeignet.

»Hier«, sagte er zu ihr, streifte schnell die Slipper ab und gab sie ihr. »Sie sind zwar zu groß, aber du bekommst zumindest keine kalten Füße.«

»Und was ist mit dir?«, fragte sie verwundert.

»Ich trage zwei Paar Thermosocken übereinander. Das sollte genügen«, murmelte er und ging in die Küche, um die Kisten auszuräumen. Er hob eine von ihnen an und stellte erstaunt fest, wie schwer sie war. Ist die Kleine Bodybuilderin oder was?, dachte er irritiert, während er beide Kartons auf die Theke hievte und deren Inhalt untersuchte.

»Vielen Dank.«

Die Blondine kam in den übergroßen Hausschuhen aus dem Windfang geschlurft. Beinahe hätte er gegrinst, doch dann riss er sich noch schnell zusammen, denn er wusste, wie einfach es war, junge Leute zu beschämen – und sie sollte sich auf keinen Fall unwohl fühlen. Sie schloss die Tür zum Windfang. Teddy senkte den Blick auf die Kisten und entgegnete: »Gern geschehen. Wie heißt du eigentlich?«

»Oh, ich hab mich wohl noch gar nicht vorgestellt?«, realisierte sie schmunzelnd, trat neben Teddy an die Theke und half ihm dabei, die Kartons auszuräumen. »Ich heiße Katricia, aber du kannst mich Tricia nennen.«

Teddy entging nicht, dass sie ihren Nachnamen nicht erwähnte, doch er fragte nicht weiter nach. Stattdessen erkundigte er sich: »Warum Tricia und nicht Kat?« Er nahm eine Dose aus der Kiste und studierte das Etikett. Tomatensuppe.

»Ich finde, dass Kat irgendwie zickig klingt«, erklärte sie gedankenverloren und räumte die Lebensmittel weiter aus. »Außerdem machen Männer mit dem Namen gern Unsinn und verniedlichen ihn, nennen mich Kitty Kat oder Kätzchen – oder gleich Muschi.«

Teddy fiel vor Verblüffung die Dose, die er gerade aufgenommen hatte, wieder aus der Hand. »Muschi?«

Sie grinste über seine entgeisterte Reaktion und erklärte: »Normalerweise kommt das von Typen, die mir an die Wäsche wollen. Kannst du dir vorstellen, wie ein Kerl darauf kommt, dass er mich so ins Bett kriegen könnte?«

»Ähm.« Teddy starrte sie vollkommen verdattert an. Er war es nicht gewohnt, dass eine Frau so offen mit ihm sprach. Normalerweise behandelte man ihn eher mit Hochachtung und Respekt, was wohl an seinem Posten lag. Als Polizeichef betrachteten einen die Leute eben anders. Zumindest die meisten. Er musste an Mabel und Elvi denken. Sie kannten sich schon seit der Schulzeit, und die beiden behandelten ihn trotz seines Titels nach wie vor als einen Freund. Doch selbst sie sagten nicht solche Sachen zu ihm wie …

»Du würdest mich doch nicht so nennen und glauben, dass du mich damit rumkriegst, oder, Teddy?«

Er zwinkerte irritiert und versuchte, ihre Worte zu verdauen. Ihm fiel auf, dass sie sich umgewandt hatte und näher zu ihm aufgerückt war. Sie sah ihn aus großen, blauen Augen an, während ihr Mund leicht geöffnet war. Teddy musste an Mary Martin aus Port Henry denken. Die Dame war etwa zwei Jahre jünger als er, verwitwet, und jedes Mal, wenn er ihr über den Weg lief, klebte sie wie eine Klette an ihm. Mary hatte zweifellos ernsthaftes Interesse an ihm und war wahrscheinlich fest entschlossen, ihn zu heiraten, doch er war verdammt noch mal viel zu alt, um ans Heiraten zu denken. Zwar tat es ihm leid, dass er diese Erfahrung nie im Leben gemacht hatte, aber …

Katricias kleine, rosafarbene Zunge zuckte hervor. Sie leckte sich die Lippen, und Teddys Gedanken verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Sie war noch näher herangekommen, stellte er erschrocken fest. Ihre Mäntel berührten sich bereits. Dann hob sie eine Hand und legte sie an seine Brust. Neuer Schrecken überkam ihn, denn er wankte so widerstandslos auf sie zu wie eine Motte, die zum Licht gezogen wurde – nur handelte es sich in diesem Fall um eine ziemlich alte Motte und ein sehr junges Licht.

Er schüttelte den Kopf, trat schnell einen Schritt zurück und zog sich die Mütze herunter. Zwar war es im Haus noch immer bitterkalt, aber dieses junge Mädchen sollte endlich sehen, mit wem sie es hier zu tun hatte. Wahrscheinlich würde es sie beschämen, dass sie mit einem so alten Sack geflirtet hatte, aber wenn sie nicht damit aufhörte, würde es für sie beide nur noch peinlicher werden.

Um nicht miterleben zu müssen, wie entsetzt sie wahrscheinlich auf sein ergrautes Haar reagierte, wandte er sich ab, durchschritt das Zimmer und legte die Mütze auf den Esstisch. Um ihr Zeit zu geben, sich von dem Schock zu erholen, einen Senioren angebaggert zu haben, zog er auch noch den Schal aus und faltete ihn ordentlich zusammen, ehe er sich wieder umdrehte und ihr sein verwittertes Gesicht zeigte.

Er hatte damit gerechnet, dass sie ihn mit schreckgeweiteten Augen und offenem Mund anstarren würde. Doch stattdessen begutachtete sie ihn nur interessiert von oben bis unten, als wäre er ein Pferd, das sie kaufen wollte. Dann verkündete sie lächelnd: »Teddy Brunswick, du bist ein gutaussehender Mann.«

Er zwinkerte und runzelte die Stirn. »Ich bin ein alter Mann.«

Schmunzelnd schüttelte sie den Kopf. »Du bist zwar nicht mehr fünfundzwanzig, aber das bedeutet noch lange nicht, dass du nicht toll aussiehst. Du hast ein markantes Gesicht, schöne Augen und volles, sexy silbergraues Haar.« Da er sie daraufhin nur noch skeptischer ansah, fügte sie hinzu: »Wie? Glaubst du etwa, dass dich dein Alter unattraktiv macht? Was meinst du, wie viele Frauen würden Sean Connery von der Bettkante schubsen?«

Er riss die Augen auf. Katricia grinste frech und zog sich nun selbst Schal und Mütze aus. Glücklicherweise kam sie nicht noch näher, sondern legte beides ordentlich auf die Theke und fuhr dann mit dem Auspacken der Kisten fort.

Sobald sie sich von ihm abwandte, wich auch Teddys Anspannung. Doch er gesellte sich trotzdem nicht wieder zu ihr, sondern blieb unbeweglich stehen und musterte ihr Profil. Sie war keine ausgesprochene Schönheit. Teddy hatte Rothaarige schon immer lieber gemocht als Blondinen. Sie war sehr bleich und ihre Gesichtszüge schienen einem Renaissancegemälde zu entstammen. Trotzdem hatte sie etwas, das ihn ansprach. Erschrocken verdrängte Teddy diesen Gedanken ebenso schnell, wie er ihm gekommen war.

Nichts an dieser jungen Frau war ansprechend, wies er sich selbst zurecht. Sie war ein Kind, konnte kaum fünfundzwanzig sein – im Vergleich zu ihm ein Baby. Das durfte er nicht vergessen. Teddy Brunswick würde sich nicht wie ein alter Narr aufführen, der kleinen Mädchen hinterherjagte, die jung genug waren, um seine Enkelin zu sein. O nein, er würde keine von diesen Witzfiguren werden, hinter deren Rücken sich alle lustig machten.

Nach dieser erfolgreichen Gardinenpredigt begab sich Teddy zum Feuer, warf noch ein Holzscheit in die Flammen und fachte die Glut wieder an, bis das Feuer hoch loderte. Zufrieden mit der Hitze, die der Kamin nun wieder ausstrahlte, sah er sich im Raum um, bis sein Blick an den offenen Schlafzimmertüren hängen blieb und er nachdenklich die Stirn runzelte.

»Was ist los?«, wollte Katricia wissen. Sie wühlte nicht mehr in den Kisten, sondern musterte ihn neugierig.

»Ich habe nur gerade gedacht, dass ich die Schlafzimmertüren schließen sollte, damit die Wärme hier im Raum bleibt«, erklärte er und hängte den Schürhaken zurück.

»Ich mache das«, bot sie an und marschierte los.

Teddy ließ sie gewähren. Auf diese Art würde sie auch gleich sehen, wo sich das Badezimmer befand und müsste später nicht mehr nachfragen. Nachdem sie den Raum verlassen hatte, wagte er sich wieder zu den Kisten und fuhr fort, die Lebensmittel zu sortieren. Als er die Dose mit Kaffeepulver entdeckte, hätte er beinahe laut aufgestöhnt. Natürlich funktionierte ohne Strom auch die Kaffeemaschine nicht. Aber vielleicht könnte er ja im Kamin Wasser kochen und dann mithilfe eines Filters und einer Kaffeekanne einen einigermaßen trinkbaren Kaffee brauen. Eine Tasse Kaffee – was für eine verlockende Vorstellung. Vielleicht würde er danach auch wieder klarer denken können. Er stellte die Dose zur Seite und machte sich auf die Suche nach einer Kanne.

Katricia ließ sich Zeit und spähte neugierig in jedes der Schlafzimmer, einerseits aus echtem Interesse und andererseits, damit Teddy ein bisschen Zeit für sich hatte. Sie musste seine Gedanken nicht lesen, um zu wissen, dass er sich in ihrer Gegenwart unwohl fühlte. Wahrscheinlich war sie zu schnell und offensiv vorgegangen, doch sie hatte sich einfach nicht zurückhalten können, denn sie wollte unbedingt herausfinden, ob er ihr Lebensgefährte war. Appetit verspürte sie jedenfalls noch keinen, aber das einzige Essen, das ihr momentan zur Verfügung stand, war ja auch Dosen- und Tütenfutter und nicht sehr verlockend. Der sicherste Weg wäre, Teddy zu küssen und auszuprobieren, ob sich die gemeinsame Lust einstellte, von der sie schon so viel gehört hatte.

Doch das würde wohl nicht so einfach werden. Teddy hatte unübersehbar Probleme mit dem scheinbaren Altersunterschied, der zwischen ihnen bestand. Das hatte sie ganz klar erkannt, als er vorhin Schal und Mütze ausgezogen und ihr sein Gesicht wie eine Monstrosität vorgeführt hatte. Sie würde geduldig sein müssen – was nicht gerade eine von Katricias Stärken war. Sie kämpfte sowieso schon mit dem Drang, einfach zurück in die Küche zu spazieren und ihn schlichtweg zu bespringen. Das Einzige, was sie davon zurückhielt, war die Sorge, dass der arme Kerl möglicherweise einen Herzinfarkt oder etwas Ähnliches bekommen könnte. Es wäre schon ein riesiges Pech, wenn sie ihren Lebensgefährten mit einer Herzattacke ins Jenseits schicken würde, ehe sie die Chance bekam, um ihn zu werben und ihn zu wandeln.

Die Vorstellung gefiel ihr nicht, und sie setzte schnell die Inspektion der Schlafzimmer fort. In einem Raum entdeckte sie Teddys Koffer und lächelte. Dieses Zimmer hätte sie sich auch ausgesucht. Es lag am linken hinteren Ende des Korridors. Vom Fenster aus konnte man die gesamte Auffahrt überblicken und würde eventuelle Besucher sofort bemerken. Es bot eine optimale Verteidigungsposition. Bestimmt hatte er es ausgewählt, weil er ein Cop war. Lächelnd zog sie die Tür ins Schloss und ging zurück. Im Wohnzimmer fand sie Teddy kniend am Kamin vor. Verwundert registrierte sie die Kessel und Kannen, die er am Rand des Feuers aufgereiht hatte.

»Was tust du da?«, fragte sie interessiert, trat hinter ihn und schaute ihm über die Schulter. Als sie bemerkte, wie er sich versteifte, rückte sie ein wenig von ihm ab.

»Ich experimentiere«, entgegnete er schroff, stand auf und ging um sie herum in die Küche zurück. »Ich koche Wasser für Kaffee und Hühnersuppe. Das ist zwar keine klassische Frühstückskombination, aber in unserer Lage dürfen wir nicht wählerisch sein.«

»Clever«, kommentierte Katricia und beobachtete, wie Teddy in der Küche Kaffee in einen Filter schaufelte.

»Clever?«, sagte er belustigt, stellte den Kaffee zur Seite und wühlte in einer Kiste. »Eher verzweifelt. Ohne meinen Java bin ich nicht zu gebrauchen.«

»Java?«, fragte Katricia und hielt die Hände ans wärmende Feuer.

»Kaffee«, erläuterte er. »Da du sowieso schon vorm Feuer sitzt, könntest du die Suppe für mich im Auge behalten?«

»Klar«, antwortete Katricia und beobachtete ihn dabei, wie er Mütze und Schal wieder anzog.

»Ich will mal sehen, ob ich die Tür meines Trucks inzwischen aufbekomme. Dann könnte ich den Motor starten und das Handy im Auto aufladen«, erklärte er und ging zur Tür. »Wenn es wieder funktioniert, kann ich Marguerite anrufen und vielleicht einen Weg finden, wie wir wieder zu Strom kommen.«

»Marguerite?«, rief Katricia verblüfft.

Teddy musterte sie fragend, wahrscheinlich, weil sie vor Überraschung laut geworden war. Sie räusperte sich und fragte etwas gelassener: »Wer ist denn Marguerite?«

»Marguerite Argeneau ist eine Freundin von mir. Dank ihr konnte ich dieses Cottage mieten. Ich möchte sie fragen, ob sie weiß, an wen ich mich wegen des Stromausfalls wenden muss«, antwortete er gedehnt und sah sie immer noch seltsam an. Dann schüttelte er den Kopf, ging in den Windfang, wo seine Stiefel standen, und zog die Tür hinter sich zu. Katricia starrte ihm hinterher und biss dabei auf ihrer Lippe herum.

Sie hatte auch ein Handy. Es steckte schon seit dem Morgen in ihrer Tasche, und bisher war sie überhaupt nicht auf die Idee gekommen, es zu benutzen, nicht mal, um Erkundigungen über die ausstehende Blutlieferung einzuholen. Das war wirklich ein überdeutliches Zeichen dafür, dass sie seit der Entdeckung, Teddys Gedanken nicht lesen zu können, völlig neben sich stand.

Leise murmelnd zog sie das Telefon aus der Tasche und wartete dann ab, bis Teddy im Nebenraum mit den Stiefeln fertig war und ins Freie stapfte.

Schnell rührte Katricia noch einmal die Suppe um, ging dann in die Küche und spähte durchs Fenster. Teddy stand neben dem Wagen und hantierte an der Seitentür. Rasch öffnete sie das Telefonbuch des Handys und rief die Nummer ihrer Tante an. Marguerite nahm beim zweiten Klingeln ab und fragte fröhlich: »Hallo Tricia, meine Liebe, wie ist dein Urlaub?«

»Ich kann Teddy nicht lesen!«, platzte sie direkt heraus, ohne sich mit Höflichkeiten aufzuhalten.

»Oh, wie schön!« Sie klang nicht im Mindesten überrascht. »Ich hatte gehofft, dass ihr euch begegnet. Ist er nicht ein stattlicher Mann?«

»Ja«, hauchte Katricia. Noch nie zuvor war ihr ein so schöner Mann begegnet wie Teddy Brunswick. Natürlich war sie aufgrund der Tatsache, dass sein Kopf vor ihr verschlossen blieb und er darum möglicherweise ihr Lebensgefährte wäre, etwas voreingenommen. Das konnte einem den Blick schon trüben. Aber auch objektiv betrachtet war er ein gutaussehender Kerl.

»Er wirkt so würdevoll und ist ein richtiger Gentleman. Ich habe auf Fotos gesehen, wie er als junger Mann aussah und kann dir versprechen, wenn er erst mal gewandelt ist, wird er noch umwerfender aussehen. Er …«

»Weiß er über uns Bescheid?«, unterbrach sie Katricia mit der Frage, die ihr am meisten auf der Seele brannte. Wenn er Bescheid wusste, dann konnte sie ihm einfach gestehen, dass sie ihn nicht lesen konnte und ihn dann vernaschen und so herausfinden, ob er ihr Lebensgefährte war – oder doch nicht.

»Ja, meine Liebe, das tut er. Er ist der Polizeichef von Port Henry, einer reizenden Kleinstadt. Dein Onkel Victor ist mit seiner Elvi dort hingezogen. Viele dort wissen von uns. Du kannst ihm ruhig verraten, was du bist. Er wird keine Angst haben.«

»Wie viel weiß er genau? Ich meine, kennt er sich mit Lebensgefährten und solchen Dingen aus?«

Marguerite zögerte. Katricia erwartete bereits ein Nein von ihr, als sie erklärte: »Nun … ja, er weiß darüber Bescheid, Liebes. Allerdings hielte ich es für klüger, wenn du ihm die Chance geben würdest, dich noch ein bisschen besser kennenzulernen, bevor du ihn damit konfrontierst, dass du ihn nicht lesen kannst.«

»Was?«, entfuhr es Katricia erstaunt. Beinahe weinerlich fragte sie: »Aber warum?«

Marguerite lachte leise. »Ich kann schon verstehen, dass es verführerisch ist, ihm sofort zu eröffnen, dass er dein Lebensgefährte ist, aber …«

»Ist er es denn überhaupt?«, unterbrach sie Marguerite abrupt.

»Was? Dein Lebensgefährte?«, entgegnete Marguerite verwundert. »Ich dachte, du könntest ihn nicht lesen?«

»Das stimmt, aber manchmal kann man ja auch die Gedanken der Sterblichen nicht lesen, weil …«

»Teddy lässt sich sehr gut lesen«, beruhigte sie Marguerite. »Tatsächlich bist du, soweit ich weiß, die erste Unsterbliche, die nicht in seinen Kopf eindringen kann. Selbst Elvi und Mabel gelingt es schon hin und wieder, und die beiden sind ja noch ganz ungeübt.«

»Oh«, raunte Katricia und biss sich auf die Lippe. »Aber warum sollte ich ihm dann verschweigen …«

»Er ist sterblich, Liebes«, unterbrach Marguerite sie sanft. »Vielleicht wäre es ein bisschen viel auf einmal. Gib ihm die Gelegenheit, dich erst ein wenig kennenzulernen. Du willst ja wohl nicht, dass er panisch in seinen Truck springt und nach Port Henry flüchtet.«

»Das kann er gar nicht«, versicherte Katricia und erzählte ihrer Tante von den Bäumen, die die Straße blockierten, und von dem Stromausfall.

»O je. Ich werde Lucian verständigen, damit er ein paar Männer schickt, die die Straße räumen, und –«

»Oh, nein, tu das nicht«, widersprach Katricia sofort. »Wenn die Straße frei ist, fährt er vielleicht weg. Im Augenblick bin ich gerade bei ihm im Haus. Wir teilen uns Deckers Vorräte. Wenn du die Straße freimachen lässt …«

»Dann gibt es keinen Grund mehr für euch, das Haus zu teilen«, vollendete Marguerite den Satz für sie. »Ihr habt also Feuerholz und genug zu essen?«

»Ja.«

»Dann ist es ja nicht unbedingt nötig, dass die Straße sofort geräumt und der Strom repariert wird, nicht?«, meinte Marguerite. »Aber melde dich augenblicklich, falls sich die Situation ändert oder es notwendig werden sollte, dass alles schnell gerichtet wird.«

»Versprochen.«

»Ich werde mich mit Bastien wegen der Blutlieferung in Verbindung setzen. Sie können sie ja mit einem Schneemobil vorbeibringen. Vielleicht kann ich ja auch eines für euch arrangieren. Dann könnt ihr weiter das Haus teilen, habt aber die Möglichkeit, nötigenfalls Proviant zu besorgen oder sogar essen zu gehen, damit euch nicht irgendwann die Decke auf den Kopf fällt.«

»Das wäre schön«, sagte Katricia und musste lächeln. Die Vorstellung, dass Teddy hinter ihr auf einem Schneemobil saß, war toll. Er würde die Arme um sie legen, und gemeinsam würden sie in die Stadt brettern, um einzukaufen oder eben essen zu gehen. Und auf dem Rückweg würde sie wahrscheinlich hinten sitzen und sich an ihm festklammern. Erfahrungsgemäß wollten Männer ja immer lieber selbst fahren, und sie war bereit, Zugeständnisse zu machen, insbesondere wenn sie die Arme um ihn schlingen und die Brust an seinen Rücken schmiegen könnte und …

Lieber Gott, bin ich vielleicht bedürftig!, dachte Katricia kopfschüttelnd. »Du bist ganz sicher, dass ich es ihm nicht gleich sagen sollte? Vielleicht würde es ihm ja gar nichts ausmachen.«

»Vielleicht«, lenkte Marguerite zwar ein, doch es klang nicht sehr sicher. »Ich finde es nur besser, vorsichtig zu bleiben. Eine Lebensgemeinschaft ist eine delikate Angelegenheit. Ich würde dir raten, noch ein oder zwei Tage zu warten. Momentan bist du schließlich eine vollkommen Fremde für ihn, mein Liebes.«

»Stimmt«, gab Katricia seufzend zu und ließ den Blick zu Teddy wandern, der sich noch immer am Auto zu schaffen machte.

»Ich werde Bastien vorschlagen, dass der Kurier nicht nur Blut, sondern auch Lebensmittel bringen soll«, sagte Marguerite plötzlich. »Vielleicht auch noch ein paar Decken und … Katricia, es könnte etwas dauern, bis die Lieferung bereit ist. Hältst du es noch bis morgen früh oder eventuell auch etwas länger ohne Blut aus?«

»Ja, kein Problem«, beteuerte Katricia. »Wenn es sein muss, geht es auch noch zwei, drei Tage ohne. Vierundzwanzig Stunden sind kein Problem.«

»Gut, dann überlass alles Weitere mir. Ich werde alles arrangieren.«

3

Fluchend brach Teddy seine Bemühungen ab. Es gab keine Möglichkeit, das Auto zu öffnen, es sei denn, man schlug eine Scheibe ein – und dazu war er noch nicht bereit. In einer Notsituation hätte er es womöglich getan, aber so schlimm war es nicht. Sie hatten Feuer, Essen und ein Dach über dem Kopf, ja, sogar Kaffee. So ließ es sich noch eine Weile aushalten.

Er trat vom Auto weg, warf einen Blick in Richtung der Straße und überlegte, ob er nachsehen sollte, ob bereits geräumt worden war oder jemand die umgeknickten Bäume beseitigt hatte. Doch er entschied sich dagegen, denn es war schon sehr unwahrscheinlich, dass sich in der Zwischenzeit etwas getan hatte. Laut Marguerite war das County für die Straßen zuständig, und diese abgelegene Strecke hatte für die Räumungskräfte sicher keine hohe Priorität. Wahrscheinlich würden sie hier erst ganz zum Schluss auftauchen, was bedeutete, dass vor dem Abend oder sogar erst dem morgigen Tag niemand käme, um sich um die Schneeverwehungen zu kümmern und dabei die defekten Stromleitungen bemerkte, was wiederum hieß, dass vor übermorgen voraussichtlich niemand den Stromausfall beheben würde. Aber da übermorgen Heiligabend war, schien auch dies ziemlich aussichtslos. Wahrscheinlich würden sie noch bis nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag im Dunkeln sitzen. Bei dem Gedanken, dass das Weihnachtsessen in diesem Jahr dann aus Hühner- oder Tomatensuppe bestehen würde, zog er eine Grimasse.

»Fröhliche Weihnachten«, knurrte er in sich hinein und machte sich schließlich auf den Weg zurück zum Haus. Als er die Treppen erklomm, fiel ihm ein, dass das Wasser inzwischen kochen müsste. Endlich konnte er den Versuch starten, einen Kaffee aufzubrühen. Diese Aussicht heiterte ihn wieder etwas auf, und er beschleunigte seinen Schritt.

Im Windfang streifte er die Stiefel ab und betrat den Wohnraum. Hier war es inzwischen merklich wärmer geworden, sogar so mollig, dass er nicht nur Schal und Mütze, sondern sogar den Mantel ausziehen konnte. Gerade hatte er begonnen, sich aus der warmen Kleidung zu pellen, als sein Blick auf Katricia fiel, die nach vorn gebeugt vor dem Feuer stand und in der Suppe rührte. Auch sie hatte Schal und Mütze abgelegt – und den Skianzug. Sie trug jetzt noch einen babyblauen Pullover und dünne, hautenge Leggings. Die saßen so knapp, dass sie genauso gut hätte nackt sein können. Außerdem konnte Teddy erkennen, dass sich unter dem geschmeidigen Stoff kein Höschen abzeichnete. Fasziniert musterte Teddy ihre Kurven. Du liebe Güte, es würde ihn nicht verwundern, wenn sich der blaue Stoff nur als Bodypainting herausstellte. O Mann, das waren wirklich der knackigste, kleine Hintern und die wohlgeformtesten Beine, die er seit Langem gesehen hatte.

»Das Wasser kocht, aber ich wusste nicht, ob ich es schon in dieses Konstrukt, das du vorbereitet hast, eingießen darf oder ob du es lieber selbst tun möchtest. Soll ich das übernehmen?«

Sie sah ihn über die Schulter hinweg an. Verwirrt registrierte Teddy ihre Frage und riss sich vom Anblick ihres straffen Pos los.

»Ähm … nein, ist schon in Ordnung. Ich mach das«, murmelte er und zog sich endlich den Mantel aus. Mütze und Schal stopfte er in die Taschen und drapierte dann alles über einen Stuhl im Esszimmer. Dort hing auch schon ihr Skianzug. Besser, sie legten die Sachen hier ab als im Windfang, denn dann wären sie später, wenn sie sie wieder anziehen wollten, nicht so kalt. Teddy kam die Idee, ein Handtuch zu suchen und auch noch die nassen Stiefel in den Wohnraum zu holen, damit sie trocknen konnten und er beim nächsten Trip nach draußen die Füße nicht wieder in steife, schneeverkrustete Schuhe zwängen musste.

Er setzte den Einfall sofort in die Tat um, ging in sein Schlafzimmer und nahm das große Badehandtuch, das er mitgebracht hatte, aus dem Koffer. Auf dem Weg ins Wohnzimmer faltete er es ordentlich zusammen, holte dann die zwei Paar Stiefel aus dem Windfang und stellte sie darauf ab.

Dabei fiel ihm ein, dass inzwischen sicherlich auch schon die Suppe kochte. Er nahm sich zwei Ofenhandschuhe, die auf der Mikrowelle lagen, und ging zum Feuer. Als Katricia ihn bemerkte, richtete sie sich auf und trat zur Seite. Teddy war erleichtert. Jetzt hatte sie wohl begriffen, dass er ein alter Mann war, und die unsinnige Flirterei aufgegeben.

»Wie lange kocht die Suppe denn schon?«, fragte er und zog die Handschuhe über.

»Seit einigen Minuten«, antwortete sie und murmelte dann andächtig: »Das riecht toll.«

Teddy musterte sie verwundert von der Seite. Es war doch nur Dosensuppe, nichts Besonderes. Aber andererseits hatte sie wahrscheinlich, genau wie er, seit dem Vortag nichts mehr gegessen und – Dosensuppe hin oder her – auch er war so hungrig, dass der Duft, der aus dem Topf gestiegen war, als er ihn vom Feuer genommen hatte, verführerisch auf ihn wirkte.

Vorsichtig trug Teddy die Suppe in den Küchenbereich und stellte sie zum Abkühlen auf dem Herd ab. Katricia folgte ihm. Sie blieb neben dem Herd stehen, während Teddy zur Theke ging und Wasser durch den Filter goss, den er von der Kaffeemaschine abmontiert und auf eine Kanne gesetzt hatte.

Dampf stieg auf und umhüllte sein Gesicht mit Kaffeeduft. Teddy seufzte voller Vorfreude und musste sich zusammenreißen, um nicht gleich das ganze Wasser auf einmal in den Filter zu schütten. Immer mit der Ruhe. Schließlich sollte ein guter Kaffee dabei herauskommen und nicht nur braune Brühe. Interessiert schielte er zu Katricia hinüber, und ein leises Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Sie hatte den Topf geöffnet und inhalierte mit geschlossenen Augen den Duft der Suppe.

»Hol’ doch zwei Schüsseln und eine Schöpfkelle, dann kannst du schon mal servieren«, schlug Teddy vor.

Das ließ sich Katricia nicht zweimal sagen und machte sich sofort auf die Suche. Bis er das letzte Wasser durch den Filter gegossen hatte, hatte sie die Suppe auf zwei Schalen aufgeteilt und sogar noch zwei Suppenlöffel gefunden.

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