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Ein Vampir und Gentleman

 

1

Ein gellender Schrei riss Elvi aus dem Schlaf und ließ sie hochfahren, noch bevor sie richtig wach war. Es gab einen dumpfen Knall, und fluchend fiel sie wieder zurück, denn sie hatte sich schmerzhaft den Kopf am Deckel ihres Sargs gestoßen.

Sie stöhnte, während ihr Schädel dröhnte, und kniff die Augen zusammen, weil sie nur tanzende Sterne sah. Diesmal hatte sie sich den Kopf wirklich heftig angeschlagen, und am liebsten hätte sie sich mit beiden Händen an die Stirn gefasst und sich hin und her gewälzt, doch die Enge des Sargs ließ solche Bewegungen nicht zu.

Dann ertönte ein zweiter Schrei, der Elvi daran erinnerte, weshalb sie eigentlich aufgewacht war.

Mit einer Hand drückte sie kräftig gegen den Deckel und stieß ihn zur Seite. Dann zog sie sich mühsam aus dem Sarg, was als erste Amtshandlung am Morgen – und damit noch vor dem ersten Blutbeutel – unglaublich kräftezehrend für sie war.

Sie lief aus dem Zimmer, ohne einen Morgenmantel über ihr weißes Baumwollnachthemd zu ziehen. Im Flur erreichte sie ein dritter Schrei, gefolgt von einem vierten, kaum dass sie in Mabels Raum gestürmt war. Die Tür flog mit solcher Wucht auf, dass die Klinke vermutlich ein Loch in den Verputz riss, doch das war Elvi egal.

Sie entdeckte Mabel sofort, die in ihrem Morgenmantel mit dem Rücken zur Wand auf dem Bett stand, das silbergraue Haar völlig wirr und zerzaust, die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen. Die Frau fuchtelte mit einer Bürste herum und versuchte damit nach einer Fledermaus zu schlagen, die dicht unter der Zimmerdecke entlangflatterte. Ihr entsetztes Kreischen stieß sie offenbar immer dann aus, wenn ihr das Tier zu nahe kam. Elvi beobachtete, wie die Fledermaus eine scharfe Kurve flog, um nicht gegen die Wand zu prallen, und dann wieder auf Mabel zugeschossen kam, die einen weiteren Schrei ausstieß.

Das Tier machte einen Bogen um die Bürste und verschwand ins Badezimmer. Elvi war mit wenigen Schritten an der Tür, warf sie ins Schloss und hatte damit die Fledermaus eingesperrt.

„Oh!“ Mabel sackte auf dem Bett zusammen und drückte die Bürste an ihre Brust. „Oh, Gott sei Dank.“

Elvi stemmte die Hände in die Hüften und sah ihre Mitbewohnerin verärgert an. „Du hast letzte Nacht das Fenster offen gelassen.“

Mabel seufzte angesichts des vorwurfsvollen Tonfalls. „Ich musste es aufmachen. Es war so heiß, Elvi.“

„Ich weiß, dass es heiß war. Ich wohne schließlich auch hier.“

„Aber du hast Fliegengitter an deinen Fenstern. Jedenfalls im Schlafzimmer.“

„Ich schlafe in einem Sarg“, betonte Elvi. „Ein Sarg hat keine Fenster. Glaub mir, ich weiß, dass es heiß war. Trotzdem darfst du dein Fenster nicht aufmachen, solange die Fliegengitter nicht ersetzt worden sind.“

„Und wann wird das verdammt noch mal endlich so weit sein?“, fragte Mabel ungeduldig. „Es ist inzwischen zwei Wochen her.“

„Die müssen vom Hersteller extra gebaut und angeliefert werden“, erklärte Elvi zum wiederholten Mal.

„Ja, ja, weil jedes verfluchte Fenster in diesem Haus andere Maße hat“, murmelte Mabel.

Amüsiert über Mabels Verärgerung verzog Elvi den Mund. „Willkommen in der wunderbaren Welt der viktorianischen Häuser. Ist es hier nicht großartig?“

„Ha!“, fauchte Mabel, richtete sich dann aber erschrocken auf, als sie sah, dass Elvi sich zur Tür begab. „He! Wo willst du denn hin?“

„Zurück in meinen Sarg.“

„Und was wird aus der Fledermaus?“, fragte Mabel verängstigt, kletterte so schnell aus dem Bett, wie es ihr zweiundsechzig Jahre alter Körper zuließ, und eilte Elvi nach.

„Was meinst du?“

„Na, willst du sie denn nicht aus dem Badezimmer schaffen?“

„Sehe ich etwa so dumm aus?“, erwiderte Elvi ungläubig. „Ich komme dem Ding bestimmt nicht zu nahe. Ruf den Tierschutzverein an.“

„Den Tierschutzverein? Da ist doch um diese Uhrzeit kein Mensch.“

„Irgendjemand muss doch für Notfälle zu erreichen sein. Ruf an und frag nach“, rief Elvi ihr noch über die Schulter zu.

„Aber das kann Stunden dauern“, jammerte Mabel. „Kannst du dich nicht um das Biest kümmern? Ich meine, du müsstest dich doch irgendwie verwandt mit ihm fühlen.“

An der Tür zu ihrem eigenen Zimmer blieb Elvi stehen und drehte sich verdutzt um. „Findest du etwa, ich habe Ähnlichkeit mit einer fliegenden Ratte?“

„Nein, nein, natürlich nicht“, versicherte Mabel ihr rasch. Dann fügte sie hinzu: „Aber du bist eine Vampirin, und das da drin ist eine Fledermaus … Ihr solltet euch doch eigentlich irgendwie untereinander verständigen können oder spüren, was der andere will … oder so was in der Art. Vielleicht könntest du ja versuchen, mit ihr zu reden.“

„Klar, deswegen sind wir ja auch alle in der Lage, mit Affen zu reden. Wenn wir das nächste Mal in den Zoo gehen, müssen wir das unbedingt ausprobieren“, schnaubte Elvi und wiederholte: „Ruf den Tierschutzverein an.“

„Elvi!“, rief Mabel und stampfte mit dem Fuß auf, als Elvi keine Anstalten machte, zu ihr zurückzukommen. „Solange das Ding da drin ist, kann ich nicht duschen gehen!“

„Mabel, in diesem Haus gibt es noch sechs weitere Badezimmer mit Dusche und Wanne. Nimm einfach eins von denen.“

„Aber …“

Elvi schloss die Tür hinter sich, ehe sie sich noch mehr Protest anhören musste, und ging zurück zum Sarg, blieb aber stehen, als ihr Blick auf den Digitalwecker auf ihrem Nachttisch fiel. Auf der Stelle machte sie kehrt, zog die Tür auf und sah hinter Mabel her. „Es ist neun Uhr!“

„Und?“, war Mabels mürrische Antwort.

„Warum hast du mich nicht um acht geweckt? Ich hatte dich doch ausdrücklich darum gebeten.“

„Weil du nicht gut geschlafen hast und weil du erschöpft bist. Darum habe ich beschlossen, dich ausschlafen zu lassen … was ich ziemlich rücksichtsvoll finde. Allerdings bin ich ja auch ein netter und rücksichtsvoller Mensch, ganz im Gegensatz zu gewissen Leuten, die einer guten alten Freundin nicht mal den Gefallen tun wollen, mit einer Fledermaus zu reden.“

Elvi ließ diesen erneuten Versuch, ihr Schuldgefühle einzureden, an sich abprallen. „Mabel, heute hat Owen Geburtstag. Ich muss einen Kuchen backen und mich um die Dekoration kümmern, und dann …“

Mit einem gedehnten und demonstrativ leidenden Seufzer drehte sich Mabel zu ihr um. „Ums Dekorieren habe ich mich längst gekümmert, und dann bin ich nach Hause gekommen, um zu duschen und um mich für die Feier fertig zu machen. Nach dem Duschen wollte ich dich dann wecken. Was den Kuchen angeht …“ Sie zuckte mit den Schultern. „Die werden schon warten. Ohne dich kann die Party sowieso nicht losgehen.“

Als Elvi sie nur stumm ansah, scheuchte Mabel sie mit den Händen fort. „Mach schon, geh duschen. Ich ziehe mich an und komme dir helfen. Schließlich kann ich ja nicht duschen.“

„Ruf den Tierschutzverein an“, knurrte Elvi, die sich einfach kein schlechtes Gewissen einreden lassen wollte, und warf die Tür hinter sich zu.

„Ich kann es nicht fassen. Eine Unsterbliche schaltet eine Suchanzeige im Toronto Star! Einfach unglaublich.“

Victor warf DJ einen leicht gereizten Blick zu. Hätte der jüngere Unsterbliche nicht am Steuer des BMW gesessen, in dem sie beide unterwegs waren, wäre ihm eine Kopfnuss sicher gewesen. So aber konnte er nur knurrend erwidern: „DJ, ich habe dich schon verstanden, als du es das erste Mal gesagt hast … was vor zwei Stunden und mindestens hundert Wiederholungen war. Ich hab’s kapiert. Also hör endlich auf damit.“

„Tut mir leid, aber …“ DJ Benoit schüttelte so nachdrücklich den Kopf, dass sein schulterlanges sandfarbenes Haar durch die Luft peitschte, dann wiederholte er: „Ich kann’s nur einfach nicht fassen.“

Victor verdrehte die Augen und blickte durch die getönten Scheiben hinaus in die Nacht. Sie befanden sich auf einem Highway und hatten ihre zweieinhalbstündige Autofahrt schon fast hinter sich. Die anderen Wagen nahm er nur als vorbeizuckende Lichter wahr, da DJ einfach alles und jeden überholte und sich keine Sorgen um irgendwelche Strafzettel machte. Victor protestierte nicht, und er übte auch keine Kritik. Der jüngere Mann fühlte sich offensichtlich immer noch unter Zeitdruck, weshalb er ungeduldig war und die Fahrt schnell hinter sich bringen wollte. Es würde noch eine Weile dauern, bis auch DJ einsah, dass es keinen Grund zur Eile gab. Die Zeit war für ihresgleichen kein Feind, dem man ein Schnippchen schlagen musste.

„Ich will damit sagen, dass es eine Suchanzeige in der Rubrik Vermischtes ist“, sagte DJ und lenkte damit Victors Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Als ob ein Vampir so was wie ein Fahrrad ist, das jemand in der Garage stehen hat und loswerden will. Was hat sie sich nur davon erhofft?“

„Vermutlich einen Lebensgefährten“, meinte Victor ironisch.

„Auf diese Weise findet man keinen Lebensgefährten“, widersprach DJ entschieden, fügte dann jedoch unsicherer hinzu: „Oder etwa doch?“

Victor reagierte mit einem Schulterzucken. „Es gab schon seltsamere Zufälle.“

„Ja, aber … ihr muss doch klar sein, dass sie sich damit den Zorn des Rates zuzieht. Eine Kleinanzeige! Um Gottes willen! Das ist ein schwerer Fauxpas. Wir sollen schließlich niemanden auf unseresgleichen aufmerksam machen.“

„Hmm“, erwiderte Victor. „Wir können nur hoffen, dass die Sterblichen, die sie gesehen haben, sie für einen Witz halten oder dass die Anzeige von einer armen Seele aufgegeben worden ist, der die eine oder andere Tasse im Schränkchen fehlt.“

„Von einem völlig Durchgeknallten“, brummte DJ und nickte dann entschieden. „Wahrscheinlich ist sie auch durchgeknallt. Eigentlich muss das doch der Fall sein. Überleg mal, so dämlich wäre doch keiner von uns.“

Victor verkniff sich die Erwiderung, dass der Mann es vor wenigen Augenblicken selbst noch geglaubt hatte und dass er sich seit zwei Stunden darüber ausließ, wie jemand von ihrem Schlag eine Annonce in einer Zeitung aufgeben konnte. Sollte er doch seine Meinung ändern, wie es ihm gefiel. Victor selbst hatte noch keinen Entschluss gefasst. Er wartete damit, bis er die Frau kennengelernt hatte.

„Was meinst du dazu?“

„Was meine ich wozu?“, fragte Victor.

„Ob das ihr Ernst ist“, sagte DJ, der sich nach wie vor darüber ereiferte, was sie wohl erwartete und mit wem sie es zu tun hatten.

„Woher soll ich das wissen?“, konterte er gereizt. „Ich weiß rein gar nichts über diese Frau. Immerhin hast du auf ihre Anzeige geantwortet und ihr seit drei Wochen Dutzende Briefe geschrieben.“

„E-Mails“, korrigierte DJ. „Wir müssen dich wirklich endlich mal ins 21. Jahrhundert zerren, Argeneau. Hättest du einen Computer und wüsstest, wie man damit umgeht, dann könntest du deine E-Mails selbst schreiben, anstatt mir das überlassen zu müssen.“

„Was genau der Grund ist, weshalb ich nicht vorhabe, mir einen Computer zuzulegen“, gab Victor spitz zurück. „Und da du also derjenige bist, der mit ihr Kontakt aufgenommen hat, kannst du mir auch mal sagen, was du von ihr hältst. Wird das ein aussichtsloses Unterfangen? Treffen wir auf eine Gothic-Anhängerin, die sich als Vampirin ausgibt?“

DJ runzelte die Stirn, während er überlegte. „Ich bin mir nicht sicher. Wir haben so ungefähr ein Dutzend Mails geschickt, aber über die Frau an sich habe ich nicht viel herausbekommen. Auf meine Fragen habe ich nur ausweichende Antworten bekommen.“ Den Blick auf die Straße gerichtet, fügte er hinzu: „Genau genommen hat sie in ihren Mails nur selbst unzählige Fragen gestellt. Es schien ihr sehr wichtig zu sein, eine Bestätigung dafür zu bekommen, dass du tatsächlich das bist, was du zu sein behauptest.“

„Dass du das bist, was du zu sein behauptest“, korrigierte Victor den offensichtlichen Versprecher. „Ich habe die E-Mails ja nicht mal gelesen.“

„Ich weiß, aber ich habe sie in deinem Namen beantwortet, und ich habe deine E-Mail-Adresse benutzt, um ihr zu antworten.“

„Was?“ Victor wandte sich ihm abrupt zu. „Ich habe keine E-Mail-Adresse.“

„Jetzt schon“, ließ DJ ihn wissen. „OneHotArgeneau@hotmail.com.“

Ehe Victor seiner Wut freien Lauf lassen konnte, ergänzte DJ hastig: „Na ja, du hast mir gesagt, ich soll auf die Anzeige antworten und versuchen, ihr Interesse zu wecken, damit wir mehr über sie herausfinden können. Ich dachte mir, die Chancen auf eine Reaktion sind besser, wenn du dich bei ihr meldest. Du bist einfach interessanter als ich.“

„Und wie kommst du auf die Idee?“, fragte er verwundert.

„Du bist reich“, kam die prompte Antwort. „Und der Bruder des mächtigsten Unsterblichen auf diesem Kontinent, ganz zu schweigen davon, dass du zu einer der ältesten Familien gehörst. Die Weiber lieben so was. Geld, Macht … und dass du gut aussiehst, kann auch nicht schaden.“

„Sie kann sich ja nun wirklich kein Bild von mir machen“, betonte Victor mürrisch.

„Ich habe ihr ein Foto gemailt“, erklärte ihm DJ und verteidigte sein Handeln sofort, als Victor ihm wieder an die Gurgel zu gehen drohte. „Na, sie wollte eben ein Foto von dir sehen. Ich habe ihr das einzige geschickt, das ich besitze. Das von dir und Lucian auf Lissiannas Hochzeit. Allerdings …“, fuhr er nach einem Blick auf Victors schulterlanges Haar, die schwarzen Jeans und das T-Shirt fort, „… hattest du die Haare da viel kürzer, und du hast einen Anzug getragen. Viel Ähnlichkeit mit dem Foto hast du im Moment nicht.“

Victor schaute ihn finster an, zwang sich dann aber, sich zu entspannen. „Und was hast du im Tausch für das Foto und die Angaben zu meinem Stammbaum erhalten?“

DJ verzog das Gesicht. „Nicht so viel, wie ich gehofft hatte. Eine kurze Zusammenfassung ihres Lebens, außerdem ein Foto.“

Er tastete blind mit einer Hand auf dem Rücksitz herum und holte eine Akte nach vorn, die er vor der Abfahrt dort deponiert hatte und die er nun Victor übergab. „Das steht alles in einer der Mails.“

Victor schlug die Akte auf und sah als Erstes eine Kopie der Kleinanzeige.

Vampir von attraktiver, selbstständiger Vampirin gesucht. Für gemeinsame Freizeitgestaltung, vielleicht auch Beziehung. Möglicher Umzug darf kein Hindernis sein. Bitte nur echte Vampire!

Kopfschüttelnd blätterte er die Akte durch, während DJ ihm berichtete, was er von der Frau erfahren hatte.

„Sie ist Witwe und Teilhaberin an einem mexikanischen Restaurant und einer Pension. Den Namen des anderen Teilhabers habe ich vergessen, aber beide Betriebe befinden sich in Port Henry. Da hat sie auch ihr ganzes Leben verbracht.“

Victor nahm die Zusammenfassung mit einem unwilligen Brummen zur Kenntnis, dann stieß er auf das Foto. Es zeigte eine wunderschöne Frau mit langem dunklem Haar, großen dunklen Augen und vollen roten Lippen. Auf der Rückseite stand der Name Elvi.

Nach einem nur flüchtigen Blick legte er das Foto zurück in die Mappe. Zugegeben, sie war wirklich eine gut aussehende Frau, aber Schönheit allein konnte ihn kaum überzeugen. Er hatte in seinem Leben so viele schöne Frauen gesehen, dass ihn das nicht mehr beeindruckte. Seine Erfahrung war, dass Schönheit die beste Methode war, um von anderweitiger unerträglicher Hässlichkeit abzulenken oder sie zu tarnen. Der Teufel würde auch niemanden verführen können, wenn er sich mit Warzen und Schleim überzogen präsentierte.

„Und?“, fragte DJ, als Victor die Akte wieder auf den Rücksitz legte. „Wie findest du sie?“

„Ich glaube, ein Foto und das wenige, was du mir sagen konntest, reicht nicht, um mir ein Urteil über sie zu erlauben“, sagte er und bemerkte die Hinweisschilder für ihre Ausfahrt. „Aber wir werden ja schon bald mehr herausfinden.“

DJ gab einen Laut von sich, der seine Skepsis unterstreichen sollte. „Wahrscheinlich vergeuden wir hier nur unsere Zeit. Der Name Argeneau schien sie nicht zu beeindrucken. Wäre sie eine von uns, hätte sie darauf reagieren müssen.“

Victor zuckte die Schultern. „Wir sind nicht die einzige alte und mächtige Familie. Vielleicht kommt sie selbst auch aus einer und zeigt sich deshalb nicht beeindruckt. Oder sie ist gerade erst aus Europa angereist. Der Name Argeneau hat dort nicht mehr den Bekanntheitsgrad wie zu der Zeit, bevor wir umgezogen sind. Es gibt noch immer viele alte und mächtige Familien. In jedem Fall muss die Frau gründlich durchleuchtet werden.“

„Genau“, stimmte DJ ihm zu, setzte dann eine fröhlichere Miene auf und meinte: „Und wenn sie nur eine durchgeknallte Spinnerin ist, können wir uns sofort auf den Rückweg nach Toronto machen. Wir wären dann noch locker vor Mitternacht wieder zu Hause.“

Ein flüchtiges Lächeln war Victors ganze Antwort, während er zusah, wie die Landstraße allmählich einen städtischeren Charakter annahm. Den Farmen und Scheunen, die in der Dunkelheit auftauchten, folgten erste Wohnhäuser, dann Geschäfte. Eine Tankstelle mit angeschlossenem Donut-Shop, Secondhandläden und Banken.

„Wir treffen uns mit ihr in ihrem Restaurant?“, fragte Victor und betrachtete interessiert die an ihnen vorbeiziehenden Geschäfte.

„Ja, im Bella Black’s“, antwortete DJ. „Das soll an der Main Street liegen. Laut ihren Angaben auf halber Strecke zwischen der zweiten und dritten Ampel auf der linken Seite.“

„Das ist jetzt die zweite Ampel“, sagte er, als sie an einer roten Ampel anhalten mussten. Beide suchten sie die Neonreklamen auf der linken Straßenseite ab.

Bella Black’s“, las DJ in dem Augenblick laut vor, als Victor das Lokal entdeckte. Port Henry war erkennbar eine der älteren Städte in Ontario. Die meisten Geschäftsfassaden waren im viktorianischen Stil gehalten, und das Bella Black’s stellte da keine Ausnahme dar. Der Neonschriftzug war groß und farbenfroh, und das Schaufenster war mit einem Blumenkranz bemalt worden, in dessen Mitte ein grüner Leguan prangte.

Victor musterte das sonderbare Motiv, dann sah er sich auf der Straße um, wo soeben ein Wagen auf den letzten freien Parkplatz fuhr. Ein Pärchen stieg aus und betrat das Restaurant.

Die Ampel sprang auf Grün um, und DJ fuhr langsam los. Durch die geöffnete Tür konnten sie einen kurzen Blick ins Innere des Lokals werfen, sahen aber nur Licht und Farben und zahlreiche Gäste. Dann fiel die Tür hinter dem Pärchen zu, und auf der Straße war wieder alles ruhig.

„Ist offenbar voll da drin“, kommentierte DJ. „Sieht fast so aus, als würden hier überall nur die Wagen der Gäste stehen.“

„Hm“, meinte Victor. „Bieg hier ab.“

In einer Seitenstraße entdeckten sie einen freien Platz, und Victor stieg sofort aus. Er nutzte die Gelegenheit, Arme und Beine zu strecken, und er war froh darüber, aus dem Wagen heraus zu sein. In Autos fühlte er sich immer eingeengt und sogar ein wenig klaustrophobisch, als wäre er in einem Gefängnis aus Blech eingesperrt. Motorräder waren ihm wesentlich lieber, aber das hier war eine geschäftliche Angelegenheit, und was sein musste, das musste eben sein.

„Tja“, sagte DJ zu Victor, als er sich auf dem Fußweg zu ihm gesellte. „Ich schätze, es macht nicht so viel aus, dass du deinem Foto nicht sehr ähnlich siehst. Sie wird dich sicher schon daran erkennen, dass sie dich nicht erkennt.“

„Was bitte soll das denn heißen?“, fragte er irritiert.

„Na ja, in diesem Städtchen wohnen vielleicht … sagen wir mal fünfhundert Leute. Sie wird bestimmt jeden hier mit Namen kennen. Wir fallen auf wie zwei schwarze Schafe in einer Herde weißer.“

„Ja, richtig“, stimmte Victor zu und ging etwas schneller, als sie sich der Tür näherten. Er wollte diese Sache einfach hinter sich bringen und herausfinden, ob diese Frau eine Unsterbliche war oder nicht. Falls nicht, konnten sie kehrtmachen und nach Hause fahren. Falls doch …

Victor presste die Lippen zusammen.

Wenn Elvi Black eine Unsterbliche war, musste er alles über sie herausfinden, was es zu wissen gab, und sie zum Rat bringen, damit der sein Urteil fällen konnte. Wie DJ gesagt hatte, galt es als großer Fauxpas, mit dieser Kleinanzeige Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Er musste in Erfahrung bringen, welche Fehltritte sie sich sonst noch geleistet haben mochte. Und wenn er an die Gerüchte dachte, die in der Klubszene von Toronto kursierten, wonach eine Vampirin in einer der südlichen Kleinstädte leben sollte, dann war die Kleinanzeige nicht ihr einziger Fehler gewesen.

DJ zog die Restauranttür auf, und Victor blieb stehen, als ihm eine Wolke aus Hitze und Lärm entgegenschlug, die eine Fülle an köstlichen Gerüchen mit sich trug. Der Blick, den sie im Vorbeifahren in das Lokal werfen konnten, hatte ihnen nur einen ersten oberflächlichen Eindruck vermittelt, denn das Restaurant war nicht nur gut besucht, sondern regelrecht überfüllt. Jeder Stuhl und jeder Hocker war besetzt, und es drängten sich mindestens noch einmal so viele Gäste an der Bar – und jeder einzelne Gast verstummte und drehte sich zu ihnen um. Sogar die Mariachi-Band, die zwischen den besetzten Tischen auf- und abgelaufen war, hörte auf zu spielen.

„Bist du schon mal in Mexiko gewesen?“

Victor reagierte auf DJs Frage mit einem Kopfschütteln.

„Ich auch nicht“, gestand DJ. „Aber ich glaube, es könnte mir da gefallen.“

Zweifelnd verzog Victor das Gesicht, ignorierte die neugierigen Blicke der Gäste und betrachtete das farbenfrohe Dekor des Lokals. Die Wände waren in blasser Cremefarbe gestrichen, auf der die unterschiedlichsten Farbtupfer verteilt waren. Ein Sombrero in Blau und Gold hing an der Wand. Auf einem Regalbrett standen eine leuchtend grüne Plastik eines Leguans mit seinem Jungen, dazu mehrere Tontöpfe mit Sonnenblumen, und hier und da hatte man Farbdrucke aufgehängt, die meisten von dem mexikanischen Maler Diego Rivera. Gekrönt wurde diese Farbenvielfalt durch bunte Girlanden, Ballons und ein Happy Birthday-Banner.

Selbst ohne Letzteres bot das alles für Victor zu viel Farbenpracht und Unruhe. Er bevorzugte beruhigendes Blau und kühle Weißtöne. Das hier … das war so laut und grell, dass es seine Sinne blendete.

„Kann ich euch helfen, Jungs?“

Victor sah den Mann an, der sich ihnen genähert hatte. Mit etwa eins achtzig war er gut fünfzehn Zentimeter kleiner als Victor und immer noch knapp zehn Zentimeter kleiner als DJ, strahlte aber die Autorität aus, die ihm sein Abzeichen und die Uniform verlieh. Offenbar war er der örtliche Polizist, möglicherweise sogar der einzige, da sie sich in einer Kleinstadt befanden.

„Also?“, forderte der Officer ihn etwas schroffer auf, da Victor ihn lediglich schweigend ansah.

„Nein“, antwortete Victor nur und wollte an ihm vorbeigehen, blieb aber gleich wieder stehen, als er feststellen musste, dass der Polizist seinen Arm gepackt hatte.

„Das hier ist eine geschlossene Gesellschaft“, erklärte er mürrisch, und damit wurde Victor auch klar, warum man sie beim Hereinkommen so angestarrt hatte.

„Ich bin eingeladen“, gab Victor zurück. Seine Worte schienen aus jedem Winkel des Lokals widerzuhallen, in dem gebanntes Schweigen herrschte. Mit einem Mal fühlte er sich sehr unbehaglich, während der Officer ihn genauer musterte.

„Victor Argeneau?“, fragte er schließlich ein wenig zögerlich.

Victor nickte und wunderte sich, woher der Mann seinen Namen kannte. Mit Schrecken fiel ihm das T-Shirt seines computervernarrten Neffen Etienne ein, das der eine Weile getragen hatte. „Ich bin die Kleine, mit der du im Chatroom Cybersex hattest“ stand darauf, und sekundenlang fürchtete Victor, dieser Mann könnte sich hinter dem Namen Elvi Black verbergen. Doch dann lächelte der Polizist flüchtig und sagte: „Sie sehen aber dem Foto nicht ähnlich, das mir Mabel von Ihnen gezeigt hat. Da hatten Sie die Haare kürzer, und Sie haben einen Anzug getragen und eine Krawatte.“

Wer Mabel sein sollte, wusste er nicht, und es war ihm auch egal, aber das fragliche Foto war exakt das, das DJ an Elvi Black geschickt hatte.

„Und einen Freund haben Sie auch mitgebracht“, stellte der Officer fest und musterte DJ abschätzig. Wenn Victor im Vergleich zu seinem Foto ungepflegt aussah, konnte man das von DJ erst recht sagen. Vor etwa einem Jahr hatte er eine Art Allergie gegen das Rasieren entwickelt, und mittlerweile erinnerte er eher an einen jungen Grizzly Adams. Im Gegensatz zu Victor trug er blaue Jeans und dazu ein weißes T-Shirt mit dem Namen Alexander Keith’s und dem Logo der bekannten Biersorte darauf. DJ war für Mode nicht sehr zu haben.

„Er hat mich hergefahren“, antwortete Victor und ärgerte sich sogleich darüber, dass er überhaupt etwas erwidert hatte.

„Haben Sie keinen Wagen?“, fragte der Officer argwöhnisch.

Victor kniff wieder die Lippen zusammen. In Kanada begegnete man Leuten nicht ganz so respektvoll, wenn die kein eigenes Auto besaßen.

„Ich habe mehrere Wagen, ich fahre sie nur nicht gern“, stellte Victor kurz und knapp klar, dann fragte er: „Wo ist Elvi?“

„Sie ist noch nicht hier. Ich soll Ihnen so lange Gesellschaft leisten.“

Als Victor fragend eine Braue hob, schüttelte der Mann den Kopf und streckte ihm die Hand entegegen. „Wo sind bloß meine Manieren? Teddy Brunswick, Captain der Polizei von Port Henry. Stets zu Diensten.“

Victor schüttelte ihm die Hand und beobachtete aufmerksam das breite Grinsen auf Captain Teddy Brunswicks Gesicht. Er wirkte wie ein Sheriff aus einer der alten Schwarz-Weiß-Serien, die er sich früher immer angesehen hatte, und eigentlich wunderte er sich, dass nicht irgendwo ein trotteliger Deputy herumstand. Victor war vom Fernsehen ganz begeistert, und es hätte ihn nicht gewundert, wenn dem Captain ein Untergebener vom Typ Don Knotts gefolgt wäre. Zum Glück konnte er sich aber eine entsprechende Frage verkneifen.

„Captain Brunswick.“ Victor nickte ihm zu, und da der seinen Namen bereits kannte, drehte er sich um und deutete auf seinen jüngeren Begleiter. „DJ.“

„DJ was?“, hakte der Officer prompt nach.

Die Frage brachte den jüngeren Unsterblichen zum Lächeln. „DJ Benoit. Werden Sie meinen Namen in Ihr System eingeben, um festzustellen, ob gegen mich etwas vorliegt?“

„Ja“, antwortete Captain Brunswick, ohne dass es ihm unangenehm zu sein schien.

Daraufhin lachte DJ, schaute Victor an und erklärte: „Ich mag den Mann.“

„Er hat dich soeben beleidigt“, stellte der amüsiert fest. Der Junge brachte ihn oft zum Lächeln, was sonst nur selten vorkam. In den letzten drei Jahrhunderten hatte es nur wenige Dinge gegeben, die er als lustig empfunden hatte, aber die Arbeit mit DJ war in etwa so, als habe man einen übermütigen jungen Hund um sich. Tatsächlich war er Victor viel sympathischer als die vielen todernsten Männer, mit denen er früher gearbeitet hatte, und er fühlte sich in DJs Gegenwart wohl. Doch sobald der es einem jungen Hund nachtat und bei irgendwem auf den Teppich pinkelte, würde Victor sofort einen neuen Partner anfordern.

„Sie sollten sich nicht beleidigt fühlen“, beschwichtigte Captain Brunswick. „Ich habe mich auch nach Argeneau und allen anderen erkundigt, die herkommen, um sich mit unserer Elvi zu treffen.“

Victor kam zu dem Schluss, dass Captain Brunswicks Erinnerung unbedingt gelöscht werden musste, und das galt allem Anschein nach auch für diese Mabel. Erst dann wurde ihm klar, was der Mann soeben gesagt hatte. „Die anderen?“, wiederholte er und warf DJ einen finsteren Blick zu. „Es kommen noch andere?“

DJ zuckte mit den Schultern, um ihm zu verstehen zu geben, dass er davon nichts gewusst hatte. Brunswick antwortete belustigt: „Sie dachten doch nicht, Sie hätten als Einziger auf die Anzeige reagiert, oder etwa doch?“ Bevor Victor etwas erwidern konnte, fuhr der Captain bereits fort: „Heute Abend erwarten wir sechs Männer, und Sie sind als Erster eingetroffen.“

Diese Neuigkeit gefiel Victor überhaupt nicht. Doch größere Sorge bereitete ihm Brunswicks Miene, die mit einem Mal einen missbilligenden Zug angenommen hatte.

„Ich hoffe, von denen bringt nicht auch noch jeder einen Freund mit, sonst platzt das Haus aus allen Nähten“, bemerkte der Officer. „Kommen Sie, Sie haben jetzt lange genug hier herumgestanden. Ich bringe Sie zu Ihrem Tisch.“

Als Captain Brunswick sich abwandte, um ihnen den Weg zu zeigen, wollte DJ bereits losgehen, aber Victor packte ihn am Arm und hielt ihn zurück. „Was soll das heißen, ‚sonst platzt das Haus aus allen Nähten‘?“

„Ich sagte doch, Elvi hat uns für eine Woche eingeladen“, erklärte DJ.

„Ja“, bestätigte er ungeduldig. „Aber ich bin davon ausgegangen, dass wir in einem Hotel übernachten, nicht bei jemandem zu Hause.“

„Es ist eine Pension, Casey Cottage. Es gehört Elvi“, murmelte DJ. „Das geht schon in Ordnung.“

„Kommt ihr Jungs heute noch hier rüber, oder hat euch der Gedanke an die Konkurrenz Angst gemacht?“

Victor versteifte sich. Brunswick stand an einem freien Tisch auf der rechten Seite des Restaurants, von dem Victor fest überzeugt war, dass der vor ein paar Minuten noch besetzt gewesen war. Da niemand das Restaurant verlassen hatte, mussten die Gäste sich wohl zu anderen an die Bar gesellt haben.

„Diese Geschichte wird von Minute zu Minute interessanter“, flüsterte DJ, während sie zu Brunswick gingen.

Von Victor erhielt er als Antwort nur ein Brummen. Aus seiner Sicht wurde die Situation mit jeder Minute komplizierter und besorgniserregender.

„Da wären wir.“ Brunswick blockierte die andere Seite des Tischs und erwartete offenbar von ihnen, dass sie sich nebeneinander auf die Sitzbank quetschten.

Sofort ging Victor zur Seite und gab DJ ein Zeichen. Wenn er schon Autos als beengend empfand, würde er auf keinen Fall auf der zur Wand gelegenen Seite der Sitzbank Platz nehmen.

DJ verzog den Mund und rutschte durch, Victor nahm neben ihm Platz und ignorierte, wie der jüngere Unsterbliche vor sich hin murmelte und auf seinem Platz herumrutschte, um sein Unbehagen kundzutun. Die Bank war tatsächlich viel zu klein für zwei Erwachsene und erst recht für solche, die über eins fünfundachtzig groß waren und nicht gerade eine schmale Statur aufwiesen. Sie beide besaßen den Körperbau der alten Krieger, was praktisch war, wenn man sich auf der Jagd befand. Eine hoch aufragende Gestalt wirkte einschüchternd, und das war immer von Vorteil.

„Mabel wird sich zu uns setzen, sobald sie und Elvi eingetroffen sind“, ließ der Captain sie wissen, während im Lokal die Gespräche wiederaufgenommen wurden. Die Mariachi-Band hatte offenbar eine Pause eingelegt, aber die Blicke der anderen Gäste verrieten, dass sie sich wohl nicht mehr über ihre vorherigen Themen unterhielten, sondern eher über Victor und DJ.

Victor ignorierte die Blicke und nickte als Reaktion auf Brunswicks Bemerkung. Noch immer wusste er nicht, wer Mabel sein sollte, und es kümmerte ihn auch weiterhin nicht. An Port Henry interessierte ihn nur eines: Er wollte diese Elvi kennenlernen, um herauszufinden, ob sie tatsächlich eine von ihnen war oder ob sie sich in ihren Wagen setzen und nach Hause fahren konnten.

Früher hatte Victor Spaß an seiner Arbeit gehabt, doch in der letzten Zeit wurde er ihrer überdrüssig. Er war ein Jäger, der keine Lust mehr auf die Jagd hatte. Das machte ihn wohl mehr oder weniger nutzlos. Andererseits musste er sich eingestehen, dass er nicht unbedingt den dringenden Wunsch verspürte, einfach nur zu Hause zu sitzen. Es kam ihm so vor, als könne ihn nichts mehr zufriedenstellen, doch genau genommen war das schon seit dem Tod seiner Frau Marion so. Seit einer Weile fühlte er sich auch öfter müde, was seine Unzufriedenheit nur noch steigerte. Es war etwas, worüber er nicht allzu intensiv nachzudenken versuchte. Er mochte sich langweilen und keinen Spaß mehr am Leben haben, aber er verspürte auch nicht den Wunsch, zu einem Abtrünnigen zu werden, wie es so vielen seiner Art ergangen war, die diese gleiche Phase erreicht hatten.

„Mabel“, sagte DJ plötzlich, da er offenbar den Namen zuordnen konnte. „Sie ist Elvis Freundin und die Miteigentümerin des Restaurants und der Pension, richtig?“

Brunswick nickte. „Ihre beste Freundin. Wenn Mabel Sie nicht leiden kann, können Sie Elvi gleich vergessen. Die beiden sind schon von Kindheit an die besten Freundinnen. Sie ist …“

Er hielt abrupt inne, da es im Lokal plötzlich wieder ruhig wurde, und sah zur Tür. Dann stand er auf. „Da ist noch einer gekommen. Entschuldigen Sie mich bitte.“

 

2

Elvi föhnte gerade ihre Haare, als Mabel anklopfte und etwas rief. Mürrisch schaltete sie den Föhn aus und erwiderte: „Was?“

„Bist du bald fertig?“, hörte sie die ungeduldige Stimme ihrer Freundin.

„Ja, ja, ich bin gleich da.“ Sie wickelte die Schnur um den Haartrockner, ehe sie ihn weglegte, und warf einen sehnsüchtigen Blick auf die Wanne. Zwar hatte sie geduscht, aber ein Bad wäre ihr viel lieber gewesen. Elvi liebte ihre Badewanne, ein großer Whirlpool mit Unterwasserdüsen. Bei dieser Anschaffung hatte sie nicht gespart, denn sie fand, dass sie es sich verdient hatte. Schließlich hatte sie ihr luxuriöses Bett gegen einen Sarg eintauschen müssen, und da war eine solche Wanne zumindest eine Art gerechter Ausgleich.

Mabel war sich gar nicht so sicher gewesen, ob ein Bad überhaupt für sie infrage kam. Über Dracula war in dieser Hinsicht nirgendwo ein Wort erwähnt. Nachdem Elvi aber ihr Leben lang großen Wert auf Körperpflege gelegt hatte, würde sie auf keinen Fall darauf verzichten – ob sie nun tot war oder nicht. Falls sich ihre Haut ablöste, sobald sie mit Wasser in Berührung kam, war es dann eben so. Zwar war ihre Haut dann tot, aber wenigstens sauber.

Zum Glück war das nicht geschehen, und Elvi hatte die letzten fünf Jahre wie gewohnt baden und duschen können, ohne dass sich irgendwelche negativen Folgen eingestellt hätten. Gott sei Dank.

„Wir sind spät dran“, rief Mabel von draußen.

Elvi verdrehte die Augen, ging zur Tür und öffnete. „Natürlich sind wir spät dran. Deinetwegen habe ich verschlafen“, gab sie gereizt zurück, als sie nur in ein Badelaken gewickelt aus dem Badezimmer kam.

„So viel zum Thema Dankbarkeit“, murmelte Mabel und drückte ihr ein Glas Blut in die Hand. „Trink das aus, und dann zieh dich an. Ich habe das neue Kleid auf dein Bett gelegt.“

Sie hob eine Braue, trank die kalte, dickliche Flüssigkeit zur Hälfte aus und entgegnete: „Ich habe kein Bett, Mabel, ich habe einen Sarg. Ich wünschte, ich hätte noch ein Bett.“

Während sie eine Grimasse schnitt, nahm Mabel das halb leere Glas an sich und gab Elvi einen Schubs, damit die sich in Bewegung setzte. „Anziehen!“

Elvi ging auf den Sarg in der Mitte ihres großen, fast leeren Schlafzimmers zu und ließ die Schultern hängen. Oh Gott, wie sehr fehlte ihr doch ihr Bett. Ein riesiges, luxuriöses Bett, das sie und Harry noch kurz vor seinem Tod gemeinsam ausgesucht hatten. Es hatte sich angefühlt, als würde man auf einer Wolke liegen. Und nun musste sie in einer Holzkiste schlafen.

Neben dem Sarg aus Walnussholz blieb sie stehen und betrachtete ihn finster.

Mabel bemerkte ihren düsteren Gesichtsausdruck und sagte: „Vielleicht kann Brendan etwas tun, damit der Sarg bequemer wird.“

Ihre Miene verfinsterte sich weiter. Sie hatte schon eine Bettdecke hineingelegt, aber wenn sie noch irgendetwas dazupackte, würde sie selbst nicht mehr hineinpassen, und es war schon jetzt bedrückend eng.

„Ich bezweifle, dass er etwas tun kann“, erwiderte sie, da sie nicht wollte, dass Mabel den örtlichen Leichenbestatter bemühte. Der Mann hatte schon genug Arbeit damit gehabt, den Boden mit Erde aus Mexiko und aus ihrem Garten zu bedecken und das Ganze so abzudichten, dass weder Geruch noch Erde durch den Satinbezug nach außen gelangten. Sie wollte ihn nicht noch mehr einspannen, da es ihr unangenehm war, anderen zur Last zu fallen.

Sie zog das Kleid an, das Mabel ihr hingelegt hatte, zupfte hier und da, bis es richtig saß. Als sie dann an sich herabsah, verzog sie den Mund. Es war zwar ein neues Kleid, aber es sah fast genauso aus wie alle anderen, die sie zur Arbeit trug. Lang, schwarz und gerade geschnitten, mit tiefem Ausschnitt und figurbetont bis zu den Knien, wo der Schlitz begann, damit sie einigermaßen gut laufen konnte. Trotzdem würde sie bei jedem Schritt nur bedingt ausholen können, und jedes Mal war dabei ihr Unterschenkel zu sehen.

Das war noch so eine ärgerliche Sache: die Garderobe der Untoten. Sie entsprach nämlich in keiner Weise ihrem eigenen Stil.

„Ich wünschte, ich müsste diese dämlichen Kleider nicht tragen“, murmelte sie und griff hinter sich, um den Reißverschluss hochzuziehen.

„Alle sind begeistert davon“, erklärte Mabel und schob Elvis Hände zur Seite, um sich selbst um den Reißverschluss zu kümmern. „Das erwarten die Leute eben.“

„Hmm“, brummte Elvi. „Ob sie wohl enttäuscht wären, wenn ich zur Abwechslung mal eine Jogginghose und ein T-Shirt tragen würde?“

„Das kannst du diese Woche nicht machen“, warnte Mabel sie entschieden. „Wir haben das Haus voller Gäste.“

„Wirklich?“, fragte Elvi überrascht. Nach jener schicksalhaften Reise, die Elvis Leben ein Ende gesetzt hatte, waren sie und Mabel auf die Idee gekommen, als Geschäftspartnerinnen tätig zu werden. Sie hatten ein mexikanisches Restaurant eröffnet, dem sie den Namen Bella Black’s gegeben hatten. Der Name war Mabels Idee gewesen, und es war auch ihre Idee gewesen, das Haus zu verkaufen, in dem sie mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann gelebt hatte, und bei Elvi einzuziehen, die nur drei Blocks vom Restaurant entfernt wohnte. Das hatte ihnen beiden vieles deutlich erleichtert. Aber für sie beide allein war das Haus einfach viel zu groß gewesen, bis Mabel auf die Idee gekommen war, das alte viktorianische Gebäude in eine Pension umzubauen, die als zweites finanzielles Standbein dienen konnte, sollten sie mit dem Lokal Schiffbruch erleiden.

Wovon allerdings kaum auszugehen war. Das Bella war an jedem Abend gut besucht, was sie wohl auch Elvis Status als eine Art stadtbekanntes Maskottchen verdankten. Den größten Teil ihrer Ehe war sie Hausfrau gewesen, sie liebte es, zu kochen und sich um das Wohl anderer zu kümmern. Auch wenn sie nun nichts mehr essen konnte, war es ihr weiterhin möglich, in der Küche zu wirken, und das tat sie auch bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Für sie gab es kaum etwas Schöneres, als die Speisen zu berühren und zu riechen, die sie selbst längst nicht mehr zu sich nehmen konnte. Wenn sie anderen dabei zusah, wie die ihre Gerichte aßen, dann kam es ihr fast wieder so vor, als würde sie auch davon kosten.

Also hatten sie das alte viktorianische Herrenhaus renoviert, den Speicher ausgebaut und drei Zimmer mit einem eignen Badezimmer ausgestattet, um das Casey Cottage zu eröffnen, das nach Elvis Tochter benannt war.

Das einzige Problem bestand darin, dass die meisten Gäste Einheimische waren, die eine Übernachtung buchten, nur damit sie anschließend erzählen konnten, eine Nacht im Haus einer Vampirin verbracht zu haben. Sie kamen mit bestimmten Vorstellungen dorthin, wie eine Vampirin aussehen und wie sie sich verhalten müsse. Vorstellungen, die vor allem auf Fernsehserien wie Elvira, Herrin der Finsternis und Ähnlichem basierten – und die Elvi dazu zwangen, diese albernen Kleider nicht nur im Restaurant zu tragen, sondern dank der Übernachtungsgäste meistens auch noch im Haus. Diese verdammte Herrin der Finsternis hatte ihr damit wirklich einen Bärendienst erwiesen, fand Elvi. Dazu gehörte auch die Tatsache, dass sie mittlerweile von jedem mit Elvi angesprochen wurde, obwohl ihr richtiger Vorname Ellen lautete. Sie wäre ja auch noch mit Ellie einverstanden gewesen, wie sie vor ihrem Tod von den meisten ihrer Freunde genannt worden war. Aber nein, jeder nannte sie einfach Elvi!

„Hier, vergiss nicht deine Glöckchen.“

Verärgert verzog Elvi den Mund, als sie das Fußkettchen mit den kleinen Glocken entgegennahm. Es war ein Geschenk von Mabel, das die ihr gleich nach ihrer Wandlung geschenkt hatte – angeblich, weil sie es für so reizend hielt. Elvi kannte aber den wahren Grund, denn Mabel wollte verhindern, dass sie sich an sie heranschlich und sie erschreckte. Mabel hätte das zwar nie zugegeben, doch seit Elvis Tod machte die ihr ein wenig Angst. Wären sie nicht schon so lange Zeit befreundet gewesen, hätte sie sich möglicherweise längst von Elvi abgewandt. Also trug sie die albernen Glöckchen zu Hause, während sie beide sich nach und nach an die Veränderungen ihrer Lebensgewohnheiten anpassten.

Außerdem sollte das angeblich zu ihrem Image als sinnliche Vampirin gehören. In ihrer Aufmachung kam sie sich allerdings überhaupt nicht sinnlich, sondern schlicht lächerlich vor. Dennoch kam sie all diesen Ansinnen widerspruchslos nach. Immerhin waren die Leute von Port Henry der einzige Grund, dass sie diesen gravierenden Einschnitt in ihr Leben überstanden hatte, und deren Besuch ihres Restaurants machte es ihr überhaupt möglich, über die Runden zu kommen. Wenn sie sie also in einem schwarzen Kleid und mit einem Fußkettchen mit kleinen Glocken sehen wollten, dann würde sie ihnen diesen Gefallen eben tun.

„Fertig?“, fragte Mabel, als Elvi die Schultern straffte.

„Ich muss noch meine Haare hochstecken“, sagte sie.

„Lass sie heute Abend so“, schlug ihre Freundin vor.

„Aber …“

„Es sieht so besser aus.“

Seufzend fuhr Elvi sich durchs Haar und wünschte, sie könne in einen Spiegel schauen, um sich davon zu überzeugen, dass ihre Frisur ordentlich saß. Aber jeder wusste, Vampire hatten kein Spiegelbild, auch wenn es unmittelbar nach ihrem Tod noch der Fall gewesen war. Da sie davon ausging, dass dieser Zustand nach und nach eintrat und sie nicht auch noch diesen letzten Beweis für den Verlust ihrer Menschlichkeit sehen wollte, hatte sie im Bad und im Schlafzimmer alle Spiegel abgehängt, und verständnisvoll, wie Mabel nun einmal war, nahm sie auch die übrigen Spiegel im Haus von den Wänden, bis nur die in den Gästezimmern und einer in ihrem eigenen Badezimmer übrig waren. Elvi war deshalb vollständig darauf angewiesen, dass andere ihr sagten, ob sie gut aussah oder nicht.

„Brauche ich noch Make-up?“, fragte sie.

„Du brauchst nie Make-up“, erwiderte Mabel. „Aber nimm noch diesen weinroten Lippenstift, der dir so gut steht.“

Sie ging ins Badezimmer, trug den Lippenstift aus langjähriger Routine auch blind so auf, dass er nicht über die Konturen ihres Mundes hinausgeriet, dann kehrte sie ins Schlafzimmer zurück.

„Perfekt“, sagte Mabel, als sie sie sah. „Und jetzt komm.“

Auf dem Weg zum Restaurant schwieg Elvi und musterte Mabel aus den Augenwinkeln, wobei ihr mit Sorge auffiel, wie blass ihre Freundin war und dass sich dunkle Ränder unter ihren Augen abzeichneten. Mabel hatte behauptet, sie habe Elvi ausschlafen lassen, weil die so übermüdet wirkte, doch in Wahrheit sah sie selbst in letzter Zeit auch bleich und abgekämpft aus. Die Frau war zweiundsechzig, und sie sollte es mit der Arbeit etwas langsamer angehen lassen. Stattdessen jedoch kümmerte sie sich um das Restaurant, die Pension und zudem noch um alles, was am Tag im Haushalt anfiel, was Elvi nicht mehr erledigen konnte. Anstatt einen Gang zurückzuschalten, hatte Mabel inzwischen mehr zu tun als zuvor, und das bereitete ihr Sorgen.

Mabel war nicht nur ihre Freundin, sie war auch so etwas wie ein Rettungsanker. Elvi war sich sicher, dass sie ohne ihre Freundin das alles nicht durchgestanden hätte, und in letzter Zeit grübelte sie oft darüber nach, was werden sollte, wenn Mabel irgendwann einmal starb. Sie hatten beide schon ihre Ehemänner und etliche Freunde an den Tod verloren. Wie viele Jahre würde Mabel noch dem Sensenmann aus dem Weg gehen können? Elvi hoffte, es würden noch mindestens zwanzig sein, aber da musste sie schon großes Glück haben. Wenn das Glück sie im Stich ließ, würden es deutlich weniger sein, und diese Vorstellung betrübte Elvi zutiefst.

„Da wären wir“, sagte Mabel gut gelaunt, als sie einparkte.

Elvi löste den Sicherheitsgurt und stieg aus, um Mabel zum Hintereingang des Lokals zu folgen. Dabei wanderte ihr Blick hinauf zum Nachthimmel, der von Sternen übersät war und den nicht eine einzige Wolke trübte. Den Tag über war es sicher genauso wolkenlos gewesen, und die Sonne hatte bestimmt für angenehm hohe Temperaturen gesorgt.

Diese Sonne war eine Sache, die Elvi ganz entsetzlich fehlte. Sie hatte den Sommer immer geliebt, wenn die Sonne schien und die Blumen, die Bäume und das Gras zum Wachsen brachte. Wäre sie vor die Wahl zwischen Essen und Sonne gestellt worden, sie hätte nicht gewusst, wofür sie sich entschieden hätte.

Ihr Blick glitt zum Hintereingang, als Mabel die Tür öffnete und ihnen eine Woge aus Lärm und Stimmengewirr entgegenschlug. Es war so laut, als würden sich die Gäste nicht im Lokal, sondern in der Küche aufhalten. Eine derartige Lautstärke hatte Elvi noch nie erlebt.

Irritiert ging sie an Mabel vorbei und durchquerte die Küche, um in den kleinen Flur zwischen dem vorderen und dem hinteren Teil des Lokals zu gelangen. Erstaunt schaute sie durch den Perlenvorhang und konnte kaum fassen, wie viele Leute sich an den Tischen und der Bar drängten.

„Mein Gott, das verstößt doch bestimmt gegen die Brandschutzvorschriften“, murmelte sie.

„Das hat der Brandmeister auch gesagt, als ich ihn und seine Familie zu ihrem Tisch geführt habe“, meinte Mabel amüsiert. „Er hat mich gewarnt, wenn wir noch mal so viele Gäste erwarten, müssten wir ein paar Tische draußen auf den Fußweg stellen.“

Elvi nickte gedankenverloren, wunderte sich aber nicht, dass Mike Knight nicht auf einer Räumung des Lokals bestanden hatte. Immerhin wurde die Party zu Ehren seines Sohnes gegeben. Mike war der Chef der örtlichen Feuerwache, und er war ein beliebter Mann, der Freunden und Nachbarn gern half. Das Gleiche ließ sich auch über seine Frau Karen sagen, und selbst Sohn Owen kam ganz nach seinen Eltern. Die Zahl der Teenager, die inmitten der Erwachsenen anwesend waren, lieferte dafür einen überzeugenden Beweis. Auf Elvi wirkte es, als habe sich die halbe Stadt in ihrem Lokal versammelt.

„Ich weiß, im ersten Stock ist nicht eingedeckt, aber vielleicht sollten wir ihn doch öffnen, damit es hier nicht ganz so voll ist“, überlegte Elvi und ignorierte den Hunger, der sich bei ihr angesichts so vieler Menschen regte. So überfüllt, wie das Lokal war, konnte die Klimaanlage der Hitze nicht Herr werden, die diese Menschen ausstrahlten. Es war warm, die Leute schwitzten, und die von ihnen ausgehenden Gerüche rollten wie eine Welle über Elvi hinweg, deren Zähne bereits zu wachsen begannen. Das halbe Glas Blut zu Hause war nicht genug gewesen, wie ihr jetzt mit Schrecken bewusst wurde. Sie hätte einen ganzen Beutel trinken sollen.

„Schon geschehen“, erwiderte Mabel und zeigte hinauf zur Empore, wo sich fast noch einmal so viele Menschen tummelten.

Elvi starrte nach oben, doch ihre Sinne waren allein auf Mabel gerichtet, und plötzlich stellte sie fest, dass sie langsam und tief einatmete, um das Aroma zu genießen. Mabel hatte Diabetes vom Typ 2, und ihr Blut war immer eine Spur süßlicher als das der anderen, obwohl sie Tabletten nahm. Süßlicheres Blut war zugleich köstlicher, wie Elvi bemerkt hatte, als sie ein paar Mal von ihrer Freundin getrunken hatte, da sie kurz nach ihrer Wandlung keine andere Quelle gewusst hatte, um ihren Hunger zu stillen. Sie gestattete es sich, das Aroma zu genießen, doch als sich ihre Zähne regten, da wandte sie sich mit einem leisen Stöhnen von Mabel ab.

„Du hast Hunger.“ Mabel schaute sie besorgt an. Nach fünf Jahren erkannte sie die Anzeichen auf Anhieb. „Ich hätte dich das Glas austrinken lassen sollen, das ich dir gebracht hatte. Soll ich dir noch ein Glas bringen, bis der Kuchen fertig ist?“

Elvi überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. Es wühlte sie jedes Mal auf, wenn sie von einem anderen Menschen trank, weil sie sich dann vorkam wie ein Tier. Doch je stärker der Hunger wurde, umso weniger regte sie sich auf. Sie konnte warten, und das sagte sie ihr auch.

Mabel nickte, ihr Blick jedoch wanderte zu den Helfern in der Küche, Pedro und Rosita, und zu den Kellnern, die hin- und hereilten, um alle Gäste zu bedienen.

Um das Personal auf sich aufmerksam zu machen, klatschte sie in die Hände. „Jeder, der hier nicht gebraucht wird, hält sich von der Küche fern. Außer Elvi, mir, Pedro und Rosita hat hier niemand was zu suchen.“ Sie lächelte kurz dem mexikanischen Paar zu, dann fügte sie an: „Ich werde die Gerichte auf den Tisch im Flur stellen, sobald sie fertig sind, und ihr legt da auch die neuen Bestellungen hin, damit ich sie entgegennehmen kann.“

Elvi wurde etwas ruhiger, als die Bedienungen den Raum verließen, und sah Mabel dankbar an. Es war nicht das erste Mal, dass sie bis auf Pedro jeden weggeschickt hatte. Sie verstand es als Vorsichtsmaßnahme, wenn Elvi Hunger verspürte, und die wusste diese Geste zu schätzen.

„Ich kümmere mich besser mal um den Kuchen“, erklärte Elvi leise, entfernte sich von dem Perlenvorhang und schaute in die Küche. „Vielleicht sollte ich zwei backen, denn ich glaube kaum, dass einer bei dieser Masse Leute genügt.“

„Das hätte ich dir auch gleich vorgeschlagen“, stimmte Mabel ihr zu.

Mit einem knappen Nicken machte sich Elvi an die Arbeit.

„Wer ist es?“ DJ erhob sich von der Sitzbank und renkte sich den Hals aus, um zu sehen, wer das Lokal betreten hatte. Seine Bemühungen waren nicht von Erfolg gekrönt.

„Niemand, den wir kennen“, versicherte Victor ihm. Von seinem Platz aus musste er sich nur zur Seite beugen, um den großen, schlanken jungen Mann zu sehen, der am Eingang stand.

Der Junge betrachtete mit finsterer Miene die Menge, die ihn nun genauso neugierig musterte wie zuvor Victor und DJ. Er konnte kaum älter als zwanzig sein und war in typischer Gothic-Manier gekleidet: weite schwarze Jeans, ein wallendes schwarzes Hemd, Nietenhalsband und ebensolche Armbänder. Sein Haar trug er lang, und es war so schwarz, dass es gefärbt sein musste. Dazu war er geradezu unnatürlich blass.

Er ist geschminkt, überlegte Victor, als er die schwarzen Lippen und die zahlreichen Piercings sah.

„Einer von uns?“, fragte DJ, der seine Bemühungen aufgab, etwas zu sehen, und sich zurück auf seinen Platz sinken ließ.

„Das wäre er gern“, brummte Victor und wandte sich von dem Jungen ab, mit dem sich mittlerweile Brunswick unterhielt. „Gothic-Aufmachung, Make-up und die Miene auf finster getrimmt.“

„Wundert mich nicht“, meinte DJ. Als Victor ihn fragend anschaute, ergänzte er: „Na, ich meine damit, dass wohl kaum einer von unserer Art auf eine Kontaktanzeige in der Zeitung reagieren wird.“

„Hmm“, gab Victor vielsagend zurück. Seiner Meinung nach konnte niemand wissen, was andere Leute tun würden oder nicht. Er hatte in seinem Leben schon seltsamere Dinge zu Gesicht bekommen.

„Wenn sie tatsächlich eine von uns ist, dann wird sie den Typ sofort durchschauen“, sagte DJ unbesorgt. „Natürlich kann sie …“

Victor sah den jüngeren Mann neugierig an, da der mitten im Satz verstummt war. Als er dessen erschrockenen Gesichtsausdruck bemerkte, fragte er: „Was ist los?“

„Ich glaube, dieser Leguan hat sich gerade bewegt“, antwortete er misstrauisch.

Als Victor sich daraufhin die leuchtend grüne Plastik genauer ansah, fiel ihm auf, dass es sich sogar um zwei erwachsene Leguane mit zwei Jungtieren auf dem Rücken handelte. Sie alle waren stocksteif, und Victor schüttelte schließlich den Kopf. „Sei nicht albern, das ist nur eine Skulptur.“

„Nein, ich bin mir sicher, eben …“

„Sie können sich zu diesen beiden Herren setzen.“

Brunswick war offenbar nicht klar, dass der Junge sich nur für einen Vampir ausgab, da er ihn zu ihnen setzte.

„Vlad, das sind Victor Argeneau und DJ Benoit“, machte der Officer sie miteinander bekannt. „Gentlemen, das ist Vladimir Drake.“

„Vladimir Drake?“, wiederholte DJ und verzog dabei das Gesicht, als habe er Schmerzen. Victor wusste genau, was der jüngere Mann dachte. Es war schon schlimm genug, sich als Vampir auszugeben, aber so etwas zeigte nun wirklich nur schlechten Geschmack.

„Ja. Haben Sie damit etwa ein Problem?“, gab der Junge abweisend zurück und ging dann zum Gegenangriff über. „Und welcher Vampir nennt sich schon DJ? Wofür steht das überhaupt?“

„Das steht für Dieudonne Jules“, antwortete er freundlich. „Die Leute kommen mit DJ einfach besser zurecht.“

„Dieudonne? Wie in ‚gottgegeben‘?“, fragte Vlad spöttisch, der zumindest ein wenig Französisch zu beherrschen schien. Allerdings war das keine sehr große Leistung, da sie sich in Kanada befanden. „Und Benoit ist die Kurzform von Benedictine, richtig? Das heißt so viel wie ‚gesegnet‘.“ Nun verzog er den Mund. „Ein Vampir mit den Namen Gottgegeben und Gesegnet? Ja, sicher.“

DJ blickte zu Victor. „Man sollte meinen, dass er sich mit Namen richtig gut auskennt und intelligenter ist, als er aussieht, aber ich habe seinen Verstand gelesen.“

Victor musste flüchtig lächeln. Auch er hatte einen Blick in den Kopf des Jungen geworfen und dabei festgestellt, dass Vlad die Bedeutung von Dieudonne durch den Französischunterricht in der Schule hatte ableiten können und dass er selbst in Wahrheit Benedict hieß. Den Namen hatte er schon vor Jahren nachgeschlagen und dabei auch Benoit als Abwandlung entdeckt. Anschließend hatte er sich wochenlang von jedem so anreden lassen, bis er auf einen neuen Trend aufmerksam geworden war.

„Ja, als ob ihr zwei meine Gedanken lesen könntet“, amüsierte sich Vlad. „Ich möchte wetten, ihr seid nicht mal richtige Vampire.“

„Zeig du mir deine, dann zeige ich dir meine“, murmelte DJ.

„Was soll ich euch zeigen?“, fragte Vlad lachend. „Wollt ihr vielleicht meinen Schwanz sehen? Ihr seid keine Vampire, ihr seid Schwule!“

Victor legte beschwichtigend eine Hand auf DJs Arm, dann wandte er sich dem Jungen zu und sah ihm lange und eindringlich in die Augen, bis der sich unter seinem Blick zu winden begann. Schließlich machte er den Mund auf und ließ seine Zähne herausgleiten, damit sein Gegenüber die langen, scharfen und perlweißen Eckzähne betrachten konnte, dann zog er sie wieder ein und schloss den Mund.

„Heilige Scheiße!“, keuchte Vlad, der unter seinem bleichen Make-up noch weißer geworden war und zu zittern begann. Seinem großspurigen Gehabe zum Trotz hatte er ganz offensichtlich nicht damit gerechnet, an diesem Abend einem echten Vampir zu begegnen. Nach Victors Einschätzung war der Junge nur noch Sekunden davon entfernt, sich in die Hose zu machen.

„Lauf lieber nach Hause, Kleiner“, knurrte er ihn an, da seine Geduld bald am Ende war. „Hier spielen die großen Jungs, und bei denen hast du nun wirklich nichts zu suchen.“

Vlad zögerte vielleicht einen Herzschlag lang, dann sprang er von der Bank auf und rannte zur Tür. Victor lehnte sich zur Seite, um ihm nachzusehen, wie er das Restaurant verließ. Im gleichen Moment tauchte er in Vlads Gedanken ein, ließ ihn kurz innehalten, löschte seine Erinnerung und ersetzte sie durch eine an ein enttäuschendes Treffen mit einer übergewichtigen, alten Elvi.

Zufrieden darüber, dass Vlad nicht durch Toronto rennen und jedem von Vampiren berichten würde, die in Port Henry ihr Unwesen trieben, lehnte sich Victor zurück.

„Wenigstens einer weniger, für den wir ein Bett finden müssen“, erklärte Brunswick, als er zusah, wie die Tür hinter Vlad zufiel, dann setzte er sich wieder zu ihnen an den Tisch und musterte Victor neugierig. „Konnten Sie wirklich seine Gedanken lesen?“

Victor hob bei dieser Frage eine Augenbraue. Wenn Elvi tatsächlich eine von ihnen war, dann sollte sie diese Fähigkeit auch besitzen, und Brunswick müsste davon wissen. Schließlich behauptete er von sich, gut mit ihr befreundet zu sein. Andererseits war es Sterblichen meistens unangenehm, wenn sie wussten, dass jemand sich in ihrem Kopf umsehen konnte. Ein solches Wissen würde eine Freundschaft belasten, weshalb Elvi es womöglich für sich behalten hatte.

Ehe er sich entschließen konnte, ob ein solches Eingeständnis für Ärger sorgen würde oder nicht, kamen die Gespräche im Lokal abermals zum Erliegen. Brunswick sah zur Tür. „Da ist noch einer. Wir reden später weiter.“

Victor sah ihm nach, als er den Tisch verließ, dann beugte er sich erneut zur Seite, um einen Blick auf den Neuankömmling zu werfen. Er fluchte, als er den großen blonden Mann hereinkommen sah, der sich im Lokal umsah.

„Wer ist es?“, wollte DJ wissen, der abermals versuchte, etwas zu sehen, obwohl das schon beim ersten Anlauf nicht geklappt hatte.

„Harpernus Stoyan“, erwiderte Victor, ohne den Deutschen aus den Augen zu lassen, der eine Cordhose und ein legeres Hemd trug.

„Harper?“, fragte DJ überrascht. „Hier? Woher weiß der denn …“

„Vermutlich aus der gleichen Quelle wie wir“, murmelte Victor und setzte sich wieder gerade hin, als Brunswick den Mann zu ihnen an den Tisch führte.

„Du meinst, er hat tatsächlich auf die Kleinanzeige geantwortet?“ Der jüngere Mann klang so verblüfft, dass Victor unwillkürlich die Augen verdrehte. Das war ein weiteres Zeichen für DJs Jugendlichkeit … weniger auf sein Alter, als auf seine Denkweise bezogen. Victor selbst hatte vor langer Zeit erfahren müssen, dass ein Unsterblicher, wenn er eine gewisse Phase in seinem Dasein erreichte, zu fast allem bereit war, um einen Lebensgefährten zu finden. Zu seinem Leidwesen hatte er seine Lebensgefährtin bereits gefunden, geliebt und wieder verloren, sodass er sich keine großen Chancen ausrechnete, jemals auf eine andere Frau zu treffen, die seiner ersten nachfolgen konnte.

„Das ist …“, begann Brunswick, als er den Tisch erreichte. Weiter kam er jedoch nicht, da Harper bereits erkannt hatte, wer dort saß.

„Victor! DJ!“, rief er. Seine freudige Überraschung verwandelte sich recht schnell in Verärgerung, und er schüttelte den Kopf. „Nicht zu glauben, dass ich hier ausgerechnet auf euch beide stoße. Sieht aus, als hätte ich Konkurrenz bekommen.“

Brunswick stutzte. „Sie drei kennen sich?“

„Wir sind alte Freunde“, gab Victor zurück, während er aufstand, um Harper zu begrüßen.

„Also, das hätte ich nun wirklich nicht erwartet“, äußerte Brunswick, sah an ihnen vorbei zur Tür und seufzte wieder. „Nummer vier von sechs.“

Harper und Victor drehten sich gleichzeitig um und schauten zur Tür, dann zogen sie beide eine finstere Miene, als sie den nächsten Neuankömmling erkannten.

„Edward Kenric“, sagte DJ, der den Mann ebenfalls sehen konnte, da er an den Gang gerutscht war. Im Gegensatz zu den anderen war Edward offenbar der Meinung gewesen, ein mexikanisches Restaurant verlange nach Abendgarderobe, und so war er in einem Smoking erschienen, das Haar hatte er glatt nach hinten gekämmt, um seine aristokratischen Gesichtszüge zu betonen.

Brunswick entging DJs abfälliger Ton nicht. „Ich nehme an, den kennen Sie auch?“

„Oh ja, den kennen wir“, bestätigte DJ und fügte dann leise hinzu: „Diesen aufgeblasenen Arsch.“

Der Captain lächelte flüchtig, fragte dann aber sogleich: „Ist er einer von Ihnen?“

Fast hätte Victor verneint, in der Hoffnung, Brunswick würde den anderen Unsterblichen zum Gehen auffordern. Dann wäre die ganze Sache nicht mehr ganz so kompliziert. Doch als er eben zu einer Antwort ansetzen wollte, fiel ihm noch rechtzeitig ein, erst Brunswicks Gedanken zu überprüfen. Dabei stellte er fest, dass ihm fast ein schwerer Fehler unterlaufen wäre. Der Officer hatte an seiner Reaktion längst erkannt, mit wem sie es zu tun hatten, und seine Frage diente in Wahrheit dem Zweck festzustellen, ob Victor eine ehrliche Antwort gab oder ob er versuchen würde, einen Mitbewerber um Elvis Gunst auszuschalten.

„Ja, er ist einer von uns“, entgegnete er schließlich und ergänzte dann: „An unserem Tisch wird es allmählich zu eng. Vielleicht sollten Sie ihn woanders Platz nehmen lassen.“

„Vorzugsweise sehr weit von uns weg“, pflichtete Harper ihm bei.

„Zum Beispiel auf dem Parkplatz“, schlug DJ vor.

„Der Parkplatz ist im Moment belegt“, konterte Brunswick amüsiert. „Ich finde, er sollte sich zu Ihnen setzen. Danach werden wir uns wohl nach einem anderen Tisch umsehen müssen, vorausgesetzt, die anderen sind auch echt.“

Bevor einer von ihnen etwas erwidern konnte, hatte der Captain sich bereits umgedreht und ging zur Tür.

„Du hättest ihm sagen sollen, dass Edward keiner von uns ist“, murmelte DJ, während er Brunswick nachblickte. „Jetzt haben wir diesen Mistkerl am Hals.“

„Nein, das hätte er nicht“, widersprach Harper und setzte sich Victor und DJ gegenüber. „Das war ein Test. Brunswick hatte bereits geahnt, dass Edward zu uns gehört. Hätte Victor es verneint, dann hätte er gehen müssen.“ Damit war bewiesen, dass er ebenfalls die Gedanken des Mannes gelesen hatte. Als er dann wieder zur Tür sah, machte er eine verwunderte Miene. „Ist das nicht … wie heißt er doch gleich?“ Harper dachte angestrengt nach. „Verdammt … Alessandro irgendwas?“

„Cipriano“, murmelte Victor beim Anblick des Mannes, der soeben das Lokal betreten und sich zu Edward und Brunswick gestellt hatte. So wie sie war auch Alessandro recht lässig gekleidet, sein weites weißes Hemd steckte locker in der Jeans.

„Cipriano ist okay“, warf DJ ein. „Dann fehlt nur noch einer. Sobald er eintrifft, bekommen wir hoffentlich endlich diese Elvi zu sehen.“

„Dann sind wir insgesamt sechs?“, fragte Harper interessiert.

„Fünf. Ich bin nur sein Fahrer“, berichtigte DJ ihn und fügte hinzu: „Allerdings gab es noch einen sechsten Kandidaten, aber der war nur ein Möchtegern-Vampir und hat sich getrollt, nachdem Victor ihm die Zähne gezeigt hat.“

Harper lachte, doch dann wurde er auf irgendetwas an der Tür aufmerksam.

„Der Letzte ist eingetroffen“, verkündete er und kniff die Augen zusammen. „Er ist keiner von uns, aber da ist etwas …“ Er hielt inne und stutzte. „Da stimmt was nicht. Er ist schwer zu lesen, seine Gedanken sind chaotisch.“

Victor lehnte sich zur Seite und warf einen prüfenden Blick auf den Mann. Der machte einen recht normalen Eindruck: braune Haare, durchschnittliches Aussehen, eine Cordjacke über einem lässigen Oberteil, dazu eine Anzughose. Als Victor in den Geist des Mannes eindrang, begegnete ihm ein Durcheinander aus Zorn und unzusammenhängenden Gedanken. Sein Name war Jason Lerner, und Victor hatte sich kaum zu dessen wahren Absichten vorgearbeitet, da erklärte Harper: „Er ist verrückt. Er ist hergekommen, um Elvi zu pfählen, aber nicht um zu sehen, ob sie seine Lebensgefährtin sein könnte.“

„Das war seine Absicht“, gab Victor zurück und kämpfte sich weiter durch den Kopf des Mannes. „Aber Brunswick hat ihm soeben Edward und Alessandro als Unsterbliche vorgestellt, und jetzt glaubt er, dass sie ihm als Ziel genügen.“

„Shit“, murmelte DJ und richtete sich auf, weil er sehen wollte, was sich da vorn abspielte.

„Ich glaube, keiner der beiden hat sich die Mühe gemacht, ihn zu lesen“, überlegte Harper. „Kannst du den Mann kontrollieren, Victor? Ich kann es nicht, aber du bist älter, und vielleicht …“

Harper brach mitten im Satz ab, da Victor aufsprang und zur Tür rannte.

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