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Ein Vampir zum vernaschen

Für Bobby, Shirley und Reg, Cathy und Bill, Mo,
Darryl und David. Für die Freundschaft und die Liebe.
Danke, dass ihr mich adoptiert habt.

Prolog

30. Januar

Sehr geehrter Mr. Argeneau,

ich hoffe, dieses Schreiben wird Sie erreichen. Außerdem hoffe ich, dass Sie bei guter Gesundheit sind und schöne Feiertage hatten. Das hier ist der zweite Brief, den ich an Sie schicke. Der erste wurde direkt vor Weihnachten abgesendet. Da ich annahm, er sei in dem Feiertagsdurcheinander verloren gegangen, versuchte ich, sie telefonisch zu erreichen, musste aber feststellen, dass wir Ihre Telefonnummer nicht haben und Sie offenbar auch nicht im Telefonbuch stehen.

Um zum Grund meiner Kommunikationsversuche zu kommen: Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, dass die Vampir-Serie, die Sie unter dem Namen Luke Amirault verfasst haben, bei den Lesern recht beliebt ist – tatsächlich beliebter, als wir erwartet hätten. Es gibt sogar ein beachtliches Interesse an einer Lesereise. So viele Buchhandlungen haben inzwischen deswegen bei uns angefragt, dass ich dachte, ich sollte mich mit Ihnen in Verbindung setzen und in Erfahrung bringen, ob und wann Sie daran interessiert wären, eine solche Tour zu unternehmen.

Bitte teilen Sie meinem Büro Ihre Telefonnummer und Ihre Antwort mit. Ich freue mich schon darauf, von Ihnen zu hören.

Mit freundlichen Grüßen

Kate C. Leever

Lektorin

Roundhouse Publishing Co., Inc.

New York, NY

1. April

Sehr geehrte Ms. Leever!

Nein.

Hochachtungsvoll

Lucern Argeneau

Toronto, Ontario

11. April

Sehr geehrter Mr. Argeneau,

heute Morgen erhielt ich Ihren Brief, dem ich entnehme, dass Sie kein Interesse an einer Lesereise haben. Ich möchte jedoch noch einmal ausdrücklich betonen, wie groß das öffentliche Interesse an Ihren Büchern ist. Dementsprechend groß ist Ihre Popularität. Zahlreiche Zeitschriftenredaktionen haben sich mit der Bitte um ein Interview mit Ihnen an uns gewandt. Ich muss wohl nicht eigens erklären, wie positiv sich solche Publicity auf zukünftige Verkäufe auswirkt.

Was die Lesereise angeht, hatten wir nicht nur Anrufe, die um eine Reihe solcher Veranstaltungen baten, sondern eine sehr erfolgreiche Buchhandelskette mit Filialen sowohl in Kanada als auch in den Vereinigten Staaten hat angeboten, sämtliche anfallenden Kosten zu übernehmen, wenn Sie sich zu einem Besuch der größeren Filialen bereit erklären. Sie würden Ihre Flüge und Hotelzimmer buchen und einen Wagen mit Fahrer zur Verfügung stellen, der Sie vom Flughafen zum Hotel und dann zu den jeweiligen Veranstaltungen in den Buchhandlungen und wieder zurück bringt. Das ist nicht gerade ein bescheidenes Angebot, und ich möchte Sie daher bitten, Ihre Ablehnung noch einmal genau zu überdenken.

Da Post von hier nach Toronto offenbar recht lange braucht – obwohl ihre Antwortbriefe die üblichen zehn Tage unterwegs sind –, schicke ich diesen Brief per Express. Für eine schnelle Antwort wäre ich Ihnen sehr verbunden – und bitte denken Sie diesmal daran, Ihre Telefonnummer anzugeben.

Mit freundlichen Grüßen

Kate C. Leever

Lektorin

Roundhouse Publishing Co., Inc.

New York, NY

15. Juni

Sehr geehrte Ms. Leever!

Nein.

Hochachtungsvoll

Lucern Argeneau

Toronto, Ontario

26. Juni

Sehr geehrter Mr. Argeneau,

wieder haben Sie vergessen, Ihre Telefonnummer mitzuteilen. Daher möchte ich Sie zunächst bitten, umgehend das Büro anzurufen und entweder mit mir selbst oder – falls ich zum Zeitpunkt Ihres Anrufs nicht zu erreichen bin – mit meiner Assistentin Ashley zu sprechen, wofür wir selbstverständlich gern die Kosten übernehmen. Es würde mich allerdings freuen, selbst mit Ihnen sprechen zu können, denn ich habe das Gefühl, dass Ihnen nicht bewusst ist, wie beliebt Sie inzwischen sind oder wie wichtig und notwendig der Kontakt mit den Lesern sein kann.

Ich weiß nicht, ob es Ihnen bekannt ist, aber im Internet wimmelt es von Fanseiten, und wir erhalten täglich körbeweise Post für Sie, die wir Ihnen mit getrennter Post zuschicken werden. Ich habe bereits in früheren Briefen die Anfragen bezüglich einer Lesereise erwähnt, möchte aber in diesem Zusammenhang noch einmal darauf hinweisen, dass diese Anfragen inzwischen Dimensionen angenommen haben, die wir kaum noch bewältigen können. Offenbar möchte so ziemlich jede Buchhandlung auf der Welt Sie um einen Besuch bitten und ist überzeugt, dass eine Signierveranstaltung großen Erfolg haben wird. Auch wenn Sie selbstverständlich nicht jede Buchhandlung aufsuchen können, sind wir der Ansicht, dass jeweils eine Filiale einer der größeren Ketten in den Großstädten sicher machbar wäre.

Ich möchte Ihnen auch nahelegen, ein oder zwei Interviews zu geben, und lege die Briefe bei, die wir von diversen Zeitschriften zu diesem Thema erhalten haben. Sie werden bemerken, dass diese Bitten fast ausschließlich von Verlagen stammen, die sich mit Liebesromanen beschäftigen. Ihre Popularität ist inzwischen etabliert, was sich auch in der Tatsache spiegelt, dass diverse Tageszeitungen und Literaturmagazine ebenfalls um Interviews bitten. Wir hatten sogar Anfragen von einigen der morgendlichen Nachrichtensendungen. Bei den Nachrichtensendungen würden Sie persönlich anwesend sein müssen, was für die Zeitschriften- und Zeitungsinterviews nicht unbedingt nötig wäre; das könnte entweder per Telefon oder sogar über das Internet erledigt werden, falls Sie über einen entsprechenden Zugang verfügen. Haben Sie eine E-Mail-Adresse? Wenn das der Fall ist, bitte ich um Mitteilung derselben und möchte Ihnen gleichzeitig empfehlen, sich Windows Messenger oder ein ähnliches Programm zuzulegen, damit wir auf diese Weise miteinander in Kontakt treten können. Mehrere meiner Autoren machen Gebrauch von dieser Möglichkeit, und es erweist sich als recht praktisch, auf diese Weise zu kommunizieren, und zwar viel schneller als auf dem herkömmlichen Postweg.

Es gibt noch viel mehr, was ich gerne mit Ihnen besprechen möchte. Bitte denken Sie daran, so bald wie möglich mein Büro anzurufen, gerne auch auf unsere Kosten. Ich weise noch einmal darauf hin, dass ich diesen Brief per Eilzustellung schicke.

Mit freundlichen Grüßen

Kate C. Leever

Lektorin

Roundhouse Publishing Co., Inc.

New York, NY

1. August

Sehr geehrte Ms. Leever!

Nein.

Hochachtungsvoll

Lucern Argeneau

Toronto, Ontario

1

Donnerstag, 11. September.

„Rachel schwört, dass sie in ihrem ganzen Leben keinen Sarg mehr sehen will.“

Auf diese Bemerkung seiner Mutter antwortete Lucern nur mit einem Knurren, während er und sein jüngerer Bruder Bastien den Sarg auf den Kellerboden stellten. Er wusste alles über die Aversion seiner künftigen Schwägerin: Etienne hatte ausführlich darüber berichtet. Deshalb brachte er das Ding auch bei Lucern unter. Etienne hatte nichts dagegen, den Sarg aus seinem Haus zu schaffen, damit seine Verlobte sich nicht mehr darüber aufregte, aber aus sentimentalen Gründen konnte er sich nicht dazu durchringen, sich endgültig von ihm zu trennen. Etienne schwor, er hätte seine besten Ideen gehabt, wenn er im stillen Dunkel dieses Sargs lag. Er war eben ein wenig exzentrisch. Er war die einzige Person, an die Lucern sich erinnern konnte, die je einen Sarg zur Generalprobe ihrer eigenen Hochzeit mitgebracht hatte. Der Geistliche war entsetzt gewesen, als er zufällig Zeuge wurde, wie die drei Brüder ihn von Etiennes Pick-up in Bastiens Van luden.

„Danke, dass du ihn hierher gefahren hast, Bastien“, sagte Lucern, als er sich wieder aufrichtete.

Bastien zuckte die Achseln. „Er hätte wohl kaum in deinen BMW gepasst. Außerdem“, fügte er hinzu, als sie die Treppe hinaufgingen, „ist es mir lieber, ihn zu transportieren, als ihn aufbewahren zu müssen. Meine Haushälterin würde Zustände kriegen.“

Lucern lächelte nur. Er hatte keine Haushälterin mehr, um die er sich Gedanken machen musste, und die Reinigungsfirma, die er engagiert hatte, um einmal in der Woche vorbeizukommen, säuberte nur das Erdgeschoss. Er brauchte also nicht zu befürchten, dass sie den Sarg entdecken würden.

„Geht alles klar mit der Hochzeitsplanung?“, fragte er, als er seiner Mutter und Bastien in die Küche folgte. Er knipste das Licht im Keller aus und schloss die Tür hinter sich, schaltete aber keine anderen Lampen ein. Die schwache Beleuchtung durch das Nachtlicht am Herd genügte, dass alle sicher zur Haustür gelangten.

„Ja. Endlich.“ Marguerite Argeneau klang erleichtert. „Und trotz Mrs. Garretts Bedenken, dass die Hochzeit übereilt stattfindet und Rachels Verwandte nicht genug Zeit hatten, ihre Teilnahme zu organisieren, werden sie alle kommen.“

„Wie groß ist denn die Familie?“ Lucern hoffte ehrlich, dass es nicht so viele Garretts gab, wie Hewitts auf Lissiannas Hochzeit erschienen waren. Die Vermählung seiner Schwester mit Gregory Hewitt war ein Albtraum gewesen. Der Mann hatte eine riesige Familie, und die Mehrheit seiner Verwandten schien aus Frauen zu bestehen – alleinstehenden Frauen, die Lucern, Etienne und Bastien betrachtet hatten, als wären sie der Hauptgang der Mahlzeit. Lucern konnte aggressive Frauen nicht ausstehen. Er war zu einer Zeit aufgewachsen, als ausschließlich Männer die Aggressoren gewesen waren und Frauen nur gelächelt und geschmachtet und ihren Platz gekannt hatten. An die Veränderungen der letzten Jahrzehnte hatte er sich noch nicht so recht gewöhnt und sehnte sich daher nicht gerade nach einem weiteren Debakel wie Lissiannas Hochzeit, wo er den größten Teil der Veranstaltung damit verbracht hatte, den weiblichen Gästen aus dem Weg zu gehen.

Zum Glück konnte Marguerite einige dieser Befürchtungen zerstreuen, indem sie zu berichten wusste: „Ziemlich klein, verglichen mit Gregs Familie, und nach der Gästeliste zu schließen überwiegend Männer.“

„Gott sei Dank“, murmelte Bastien und wechselte einen Blick mit seinem Bruder.

Lucern nickte zustimmend. „Ist Etienne nervös?“

„Überraschenderweise nicht.“ Bastien grinste schief. „Es macht ihm einen Riesenspaß, alles zu arrangieren. Er schwört, dass er die Hochzeit kaum erwarten kann. Rachel scheint ihn wirklich glücklich zu machen.“ Darüber wirkte er eher verwundert.

Lucern teilte die Ansicht seines Bruders. Er konnte sich ebenfalls nicht vorstellen, seine Freiheit für eine Ehefrau aufzugeben. An der Haustür blieb er stehen, drehte sich um und sah, wie seine Mutter die Post auf dem Flurtisch untersuchte.

„Luc, du hast hier Wochen alte, ungeöffnete Post! Liest du sie denn nicht?“

„Warum so überrascht, Mutter? Er geht doch auch nie ans Telefon. Wir können schon von Glück sagen, dass er sich manchmal dazu herablässt, die Tür zu öffnen.“

Bastien sagte das durchaus gutmütig, aber der Blickwechsel zwischen ihm und ihrer Mutter entging Lucern nicht. Sie machten sich Sorgen um ihn. Er war schon immer ein Einzelgänger gewesen, aber in der letzten Zeit hatte das geradezu extreme Formen angenommen, und alle schienen sich Gedanken zu machen. Sie wussten, dass er das Leben inzwischen gefährlich langweilig fand.

„Was ist in diesem Karton?“

„Keine Ahnung“, gab Lucern zu, als seine Mutter einen großen Karton vom Tisch nahm und ihn schüttelte, als wäre er federleicht.

„Denkst du nicht, es könnte vielleicht eine gute Idee sein, es herauszufinden?“, fragte sie ungeduldig.

Lucern verdrehte die Augen. Ganz gleich, wie alt er inzwischen sein mochte – seine Mutter mischte sich ein und nörgelte. Er hatte schon lange resigniert, was das anging. „Ich komme schon noch dazu“, murmelte er. „Es ist überwiegend lästiges Zeug von Leuten, die etwas von mir wollen.“

„Was ist mit diesem Brief von deinem Verlag? Der ist vielleicht wichtig. Sie würden ihn wohl kaum per Kurier schicken, wenn er nicht wichtig wäre.“

Lucern schaute verärgert drein, als seine Mutter nach dem FedEx-Umschlag griff und ihn neugierig hin und her drehte. „Nein, der Brief ist unwichtig. Sie gehen mir nur auf die Nerven. Der Verlag will, dass ich eine Lesereise unternehme.“

„Edwin will, dass du auf eine Lesereise gehst?“ Marguerite verzog das Gesicht. „Ich dachte, du hättest ihm von Anfang an klargemacht, dass Publicity dich nicht interessiert.“

„Nicht Edwin. Nein.“ Es überraschte Lucern nicht, dass seine Mutter sich an den Namen seines alten Lektors erinnerte; sie hatte ein hervorragendes Gedächtnis, und er hatte Edwin in den zehn Jahren, in denen er für Roundhouse Publishing schrieb, mehrmals erwähnt. Lucerns erste Werke waren als historische Fachbücher veröffentlicht und überwiegend an Universitäten gelesen worden. Diese Bücher wurden immer noch benutzt und waren vor allem deshalb beliebt, weil sie geschrieben waren, als hätte der Autor jedes Zeitalter, mit dem er sich beschäftigte, tatsächlich selbst erlebt. Was in Lucerns Fall selbstverständlich auch zutraf. Aber davon wusste die Öffentlichkeit nichts.

Lucerns letzte drei Bücher jedoch waren autobiografischer Natur gewesen. Eines von ihnen erzählte die Geschichte, wie seine Mutter und sein Vater sich kennengelernt hatten, eines berichtete, wie seine Schwester Lissianna ihrem Therapeuten-Ehemann Gregory begegnet war und sich in ihn verliebt hatte, und in einem anderen, das erst vor ein paar Wochen veröffentlicht worden war, ging es um seinen Bruder Etienne und Rachel Garrett. Lucern hatte die Bücher eigentlich nicht schreiben wollen, sie waren einfach irgendwie aus ihm herausgeflossen. Aber sobald er die Manuskripte vollendet hatte, war er zu dem Schluss gekommen, sie sollten für die Zukunft erhalten bleiben. Er hatte die Erlaubnis seiner Familie eingeholt und sie zu Edwin geschickt, der sie für brillante Romane hielt und als solche veröffentlichte. Und nicht nur als Romane, sondern als „paranormale Liebesromane“. Lucern war plötzlich Autor von Liebesromanen geworden. Das alles fand er eher peinlich, also tat er im Allgemeinen sein Bestes, nicht daran zu denken.

„Edwin ist nicht mehr mein Lektor“, erklärte er. „Er hatte Ende letzten Jahres einen Herzinfarkt und ist gestorben. Sie haben den Posten seiner Assistentin gegeben, und die geht mir seitdem gewaltig auf die Nerven.“ Wieder verzog er unwillig das Gesicht. „Diese Frau will mich benutzen, um Lorbeeren für sich selbst und den Verlag einzuheimsen. Sie ist der festen Überzeugung, dass ich bei ein paar Publicity-Ereignissen für die Romane anwesend sein soll.“

Bastien sah aus, als wollte er etwas sagen, hielt dann aber inne und drehte sich um, als ein Auto in die Einfahrt bog. Lucern öffnete die Haustür, und die beiden Männer sahen – einer überraschter als der andere –, wie ein Taxi neben Bastiens Van anhielt.

„Falsche Adresse?“, fragte Bastien, denn er wusste, dass sein Bruder nicht gerade gastfreundlich war.

„Muss wohl so sein“, bemerkte Lucern. Er kniff die Augen zusammen, als der Fahrer ausstieg und die hintere Tür für eine junge Frau öffnete.

„Wer ist denn das?“, fragte Bastien. Er klang sogar noch überraschter, als Lucern sich fühlte.

„Keine Ahnung“, antwortete Lucern. Der Taxifahrer holte einen kleinen Koffer und eine Reisetasche aus dem Kofferraum.

„Ich glaube, das ist deine Lektorin“, verkündete Marguerite.

Sowohl Lucern als auch Bastien fuhren herum, um ihre Mutter entgeistert anzustarren. Sie sahen, dass Marguerite den nun geöffneten FedEx-Brief las.

„Meine Lektorin? Was redest du denn da?“ Lucern stapfte zu ihr und riss ihr den Brief aus der Hand.

Seine Mutter ignorierte seine Unhöflichkeit und spähte neugierig nach draußen. „Da die Post so langsam ist und weil das Interesse an Ihren Büchern immer mehr zunimmt, hat Ms. Kate C. Leever beschlossen, persönlich mit dir zu sprechen. Was“, fügte Marguerite spitz hinzu, „dir schon lange bekannt wäre, wenn du dich dazu herablassen könntest, deine Post zu lesen.“

Lucern zerknüllte den Brief. Er beinhaltete tatsächlich all das, was seine Mutter gerade in Worte gefasst hatte. Und die Tatsache, dass Kate C. Leever mit der Abendmaschine um acht aus New York eintreffen würde. Nun war es halb neun. Die Maschine musste pünktlich gewesen sein.

„Sie ist hübsch, nicht wahr?“ Diese Bemerkung und der spekulative Tonfall seiner Mutter genügten, um Lucern in Alarmzustand zu versetzen. Marguerite klang wie eine Mutter, die sich auf den Ehestiftungspfad begeben hatte – ein Pfad, auf dem sie sich nur zu gut auskannte. Sie war schließlich auch als Erste auf die Idee gekommen, Etienne und Rachel zu verkuppeln, und wie das ausgegangen war, wusste man ja: Etienne steckte bis zum Hals in Hochzeitsvorbereitungen.

„Sie denkt schon wieder ans Ehestiften, Bastien. Bring sie nach Hause. Sofort“, befahl Lucern. Sein Bruder brach in Gelächter aus, was Lucern zu der Bemerkung veranlasste: „Vergiss nicht, wenn sie mit mir fertig ist, wird sie sich ganz darauf konzentrieren können, dir eine Frau zu finden.“

Bastien hörte sofort auf zu lachen und nahm seine Mutter am Arm. „Komm, Mutter. Das hier geht uns nichts an.“

„Natürlich geht es mich etwas an.“ Marguerite schüttelte seine Hand ab. „Ihr seid meine Söhne. Euer Glück und eure Zukunft gehen mich sehr wohl etwas an.“

Bastien versuchte zu widersprechen. „Ich verstehe nicht, wieso das jetzt wichtig ist. Wir sind beide gut über vierhundert Jahre alt. Warum hast du dir jetzt nach all dieser Zeit in den Kopf gesetzt, uns verheiraten zu wollen?“

Marguerite dachte einen Moment nach. „Na ja, seit dem Tod eures Vaters habe ich darüber nachgedacht …

„Guter Gott!“, unterbrach Lucern und schüttelte ablehnend den Kopf.

„Was habe ich denn gesagt?“, fragte seine Mutter.

„Genau das hat auch dazu geführt, dass Lissianna im Obdachlosenheim arbeitete und Greg begegnete. Dad ist gestorben, und sie hat angefangen zu denken.“

Bastien nickte feierlich. „Das sollten Frauen nicht tun.“

„Bastien!“, wies Marguerite ihn zurecht.

„Schon gut, schon gut. Du weißt doch, dass ich dich nur necke“, versuchte er seine Mutter zu beschwichtigen und nahm wieder ihren Arm. Diesmal schaffte er es, sie durch die Tür zu bugsieren.

„Ich allerdings nicht“, rief Lucern, der ihnen nachschaute, als sie die Verandatreppe zum Bürgersteig hinuntergingen. Seine Mutter redete dabei ununterbrochen tadelnd auf Bastien ein, und Lucern grinste angesichts der gequälten Miene seines Bruders. Bastien würde es den ganzen Heimweg lang abkriegen, das wusste er, und er tat ihm beinahe leid. Aber auch nur beinahe.

Sein Lachen erstarb jedoch, als er den Blick wieder der blonden Frau zuwandte, die offenbar seine Lektorin war. Seine Mutter unterbrach ihre Nörgeleien einen Moment, um die Frau zu begrüßen. Lucern fühlte sich beinahe versucht zu hören, was sie sagte, kam aber zu dem Schluss, es lieber zu unterlassen. Er bezweifelte ohnehin, dass er es wirklich hören wollte.

Er sah, wie die Frau nickte und seine Mutter anlächelte, dann nahm sie ihr Gepäck und kam den gepflasterten Weg zum Haus hinauf. Guter Gott, hatte sie etwa vor, bei ihm zu wohnen? In ihrem Brief hatte sie nicht erwähnt, wo sie zu übernachten gedachte. Sie hatte doch wohl vor, in einem Hotel abzusteigen, oder? Sie konnte schließlich kaum annehmen, dass er sie aufnehmen würde. Die Frau war wahrscheinlich einfach noch nicht an ihrem Hotel vorbeigefahren, beruhigte er sich und sah sie sich genauer an.

Kate C. Leever war etwa so groß wie seine Mutter, also relativ groß für eine Frau. Sie war schlank, hatte eine gute Figur und langes blondes Haar. Aus der Ferne wirkte sie recht hübsch. Tatsächlich erinnerte ihn Kate C. Leever in ihrem hellblauen Hosenanzug an ein kühles Glas Eiswasser. Das Bild war an diesem noch sommerlich warmen Septemberabend irgendwie angenehm.

Aber es zerplatzte jäh, als die Frau ihr Gepäck die Verandatreppe hinaufzerrte, vor ihm stehen blieb und ihn mit einem strahlenden, fröhlichen Lächeln bedachte, das ihre Lippen in die Breite zog und in ihren Augen glitzerte, und schließlich sagte: „Hallo! Ich bin Kate Leever. Ich hoffe, Sie haben meinen Brief bekommen. Die Post war immer so langsam, und Sie haben immer wieder vergessen, mir Ihre Telefonnummer zu schicken, also dachte ich, ich komme persönlich vorbei und bespreche mit Ihnen die Publicity-Möglichkeiten, die sich uns eröffnen. Ich weiß, dass Sie eigentlich nicht daran interessiert sind, an solchen Veranstaltungen teilzunehmen, aber ich bin sicher, dass Sie es sich noch einmal überlegen werden, sobald ich Ihnen mehr über den Sinn und Zweck erzählt habe.“

Lucern starrte einen Augenblick wie gebannt auf ihren üppigen, lächelnden Mund, dann riss er sich zusammen. Noch einmal überlegen? War es das, was sie wollte? Das war nicht schwer. Er überlegte noch einmal. Schnell.

„Nein“, sagte er und schloss die Haustür.

Kate starrte auf die Tür, an die Stelle, wo sich kurz zuvor Lucern Argeneaus Gesicht befunden hatte, und musste sich zusammenreißen, um nicht vor Wut zu schreien. Dieser Mann war der schwierigste, ärgerlichste, unhöflichste, unausstehlichste – sie schlug mit den Fäusten gegen die Tür –, störrischste, ignoranteste …

Die Tür wurde aufgerissen, und Kate setzte rasch ein unverkennbar falsches, aber strahlendes Lächeln auf – schon allein für die Anstrengung hätte sie die Bestnote erhalten sollen. Das Lächeln wäre ihr allerdings beinahe wieder aus dem Gesicht gerutscht, als sie ihr Gegenüber ansah. Zuvor hatte sie diese Gelegenheit nicht wirklich wahrgenommen. Noch vor einer Sekunde war sie so damit beschäftigt gewesen, sich an die Ansprache zu erinnern, die sie sich auf dem Flug ausgedacht und auswendig gelernt hatte; jetzt waren ihr all diese Worte völlig entfallen – tatsächlich hatte sie keine Ahnung mehr, was sie sagen sollte –, und so sah sie Lucern Argeneau das erste Mal wirklich an. Der Mann war erheblich jünger, als sie erwartet hatte. Kate wusste, dass er gut zehn Jahre für Edwin geschrieben hatte, bevor sie die Zusammenarbeit mit ihm begonnen hatte, aber er sah nicht älter aus als zwei- oder dreiunddreißig. Das bedeutete, dass er schon mit Anfang zwanzig mit dem Schreiben begonnen hatte.

Außerdem sah er schockierend gut aus. Sein Haar war schwarz wie die Nacht, seine Augen silbrig blau, als würde sich das Licht der Veranda in ihnen spiegeln, seine Züge ausgeprägt und gleichmäßig. Er war hochgewachsen und für einen Mann, der einer sitzenden Tätigkeit nachging, erstaunlich muskulös. Seine Schultern sprachen eher von körperlicher Arbeit als von intellektuellen Anstrengungen. Kate war gegen ihren Willen beeindruckt. Selbst seine mürrische Miene lenkte sie nicht von seinem guten Aussehen ab.

Ohne dass es einer Anstrengung bedurfte, wurde Kates Lächeln echter, und sie sagte: „Ich schon wieder. Ich habe noch nicht gegessen, und ich dachte, wir könnten uns vielleicht bei einem Essen zusammensetzen – selbstverständlich auf Verlagskosten – und darüber sprechen …

„Nein. Bitte entfernen Sie sich von meiner Schwelle.“ Lucern Argeneau schloss die Tür ein weiteres Mal.

„Na gut, das war schon mehr als nur ‚Nein‘“, murmelte Kate. „Tatsächlich war es sogar ein vollständiger Satz.“ Optimistisch wie immer beschloss sie, das als Fortschritt zu betrachten.

Sie hob die Hand und hämmerte erneut gegen die Tür. Ihr Lächeln war ein wenig mitgenommen, aber immer noch an seinem Platz, als die Tür zum dritten Mal aufging. Mr. Argeneau wirkte weniger erfreut denn je, sie immer noch auf seiner Schwelle zu finden. Diesmal sagte er nichts, sondern zog nur fragend eine Braue in die Höhe.

Kate nahm an, wenn es als Fortschritt zu betrachten war, dass er einen ganzen Satz gesprochen hatte, stellte sein Schweigen nun das Gegenteil dar – aber sie war entschlossen, sich dadurch nicht entmutigen zu lassen. Sie versuchte, ihrem Lächeln eine liebenswertere Nuance zu verpassen, räusperte sich und sagte: „Wenn Sie nicht gerne außer Haus essen, könnte ich vielleicht etwas bestellen und …

„Nein.“ Er war im Begriff, die Tür erneut zu schließen, doch Kate hatte nicht fünf Jahre in New York gelebt, ohne einen oder zwei Tricks zu lernen. Schnell streckte sie einen Fuß nach vorn und schaffte es, nicht das Gesicht zu verziehen, als die Tür dagegenkrachte und wieder zurückprallte.

Bevor Mr. Argeneau ihre Guerillataktik kritisieren konnte, sagte sie: „Wenn Sie kein bestelltes Essen mögen, könnte ich vielleicht ein paar Sachen einkaufen und etwas kochen, das Sie mögen.“ Als Zugabe fügte sie hinzu: „So könnten wir über ihre Bedenken reden, und ich könnte diese vielleicht ausräumen.“

Er erstarrte bei ihren Worten vor Überraschung. „Ich habe keine Bedenken“, verkündete er.

„Aha.“ Kate gestatte sich eine gesunde Dosis Zweifel, und sie war nur allzu bereit, auch Manipulation anzuwenden, falls sich das als notwendig erweisen sollte. Dann wartete sie, den Fuß immer noch an Ort und Stelle, und hoffte, dass man ihr ihre Verzweiflung nicht ansah. Aber sie wusste, dass ihre glatte Fassade im Begriff war zu zerbröckeln.

Der Mann schürzte die Lippen und ließ sich Zeit, über eine Antwort nachzudenken. Seine Miene ließ Kate befürchten, dass er im Geist Maß für einen Sarg nahm, als plante er, sie um die Ecke zu bringen und in seinem Garten zu verscharren, nur um sie loszuwerden. Sie versuchte, nicht allzu viel Gedanken an diese Möglichkeit zu verschwenden. Sie hatte als Edwins Assistentin zwar jahrelang mit Lucern Argeneau in Kontakt gestanden und war beinahe seit einem Jahr seine Lektorin, aber sie kannte diesen Mann nicht sonderlich gut. In ihren weniger wohlmeinenden Augenblicken hatte sie schon darüber nachgedacht, was für eine Art von Mann er wohl sein mochte. Die meisten ihrer Liebesroman-Autoren waren Frauen. Tatsächlich waren alle anderen Autoren, die sie betreute, Frauen. Lucern Argeneau, der als Luke Amirault schrieb, war der einzige Mann. Was für ein Mann würde Liebesromane schreiben? Und auch noch Vampir-Liebesromane? Sie war zu dem Schluss gekommen, dass er wahrscheinlich schwul war … oder ein Sonderling. Seine Miene in diesem Augenblick ließ sie zu „Sonderling“ neigen. Ein Sonderling, wie auch Serienkiller Sonderlinge waren.

„Sie haben ganz offensichtlich nicht die Absicht, sich zu entfernen“, stellte er schließlich fest.

Kate dachte über die Frage nach. Ein festes „Nein“ würde sie wahrscheinlich ins Haus bringen. Aber wollte sie das wirklich? Würde der Mann sie umbringen? Würde sie, wenn sie durch diese Tür ging, morgen eine Schlagzeile in den Nachrichten sein?

Sie brach diese unproduktiven und sogar beängstigenden Gedanken ab, reckte die Schultern und verkündete entschlossen: „Mr. Argeneau, ich bin von New York hierher geflogen. Diese Sache ist wichtig für mich. Ich bin entschlossen, mit Ihnen zu sprechen. Ich bin Ihre Lektorin.“ Das letzte Wort betonte sie, für den Fall, dass ihm die Bedeutung dieser Tatsache entgangen sein sollte. Für gewöhnlich hatte es eine gewisse Wirkung auf Autoren, obwohl Argeneau bisher keine Anzeichen an den Tag gelegt hatte, davon beeindruckt zu sein.

Sie wusste nicht, was sie noch sagen sollte, also blieb sie einfach stehen und wartete auf eine Antwort, die nicht kam. Argeneau drehte sich mit einem tiefen Seufzer einfach um und ging den dunklen Flur hinab.

Kate starrte auf seinen Rücken. Diesmal hatte er die Tür nicht zugeknallt. Das war doch ein gutes Zeichen, oder? War es eine Einladung, hereinzukommen? Sie nahm es als solche, griff nach ihrem kleinen Koffer und der Reisetasche und betrat das Haus. Es war ein Spätsommerabend, kühler als tagsüber, aber immer noch warm. Im Vergleich dazu wirkte das Haus wie ein Kühlschrank. Kate schloss automatisch die Tür hinter sich, damit die kühle Luft nicht entweichen konnte, dann blieb sie stehen, damit ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen konnten.

Und es war tatsächlich dunkel im Haus. Lucern Argeneau hatte sich nicht die Mühe gemacht, Licht anzuschalten. Kate konnte nicht viel sehen außer einem Rechteck trüben Lichts, offenbar die Umrisse einer Tür am Ende des langen Flurs, in dem sie stand. Sie war nicht sicher, woher das Licht kam, es war zu grau und trüb, um von einer Deckenlampe zu stammen. Kate war nicht einmal sicher, dass es sie zu Lucern Argeneau bringen würde, wenn sie auf dieses Licht zuging, aber es war die einzige Quelle von Helligkeit, die sie entdecken konnte, und sie war ziemlich sicher, dass er in diese Richtung gegangen war.

Sie stellte ihr Gepäck an der Haustür ab und bewegte sich vorsichtig auf dieses Rechteck aus Licht zu, das plötzlich so weit entfernt wirkte. Sie hatte keine Ahnung, ob der Weg frei war oder nicht – sie hatte sich nicht wirklich umgesehen, bevor sie die Tür geschlossen hatte –, aber sie hoffte, dass es unterwegs nichts gab, worüber sie stolpern konnte. Wenn doch, würde sie es schon merken.

Lucern blieb mitten in seiner Küche stehen und sah sich im trüben Schein des Nachtlichts um. Er war nicht ganz sicher, was er tun sollte. Er hatte nie Gäste, oder jedenfalls hatte er seit Hunderten von Jahren keine mehr gehabt. Was genau machte man mit ihnen? Nach kurzer Überlegung ging er zum Herd, griff nach dem Teekessel, der auf der Platte stand, und brachte ihn zur Spüle, um ihn mit Wasser zu füllen. Nachdem er ihn wieder auf die Platte gestellt und diese eingeschaltet hatte, holte er die Teekanne, ein paar Teebeutel und eine volle Zuckerschale. Das alles stellte er ziemlich planlos auf ein Tablett.

Er würde Kate C. Leever eine Tasse Tee anbieten. Sobald sie damit fertig war, würde er auch mit ihr fertig sein.

Hunger trieb ihn zum Kühlschrank. Als er die Tür öffnete, fiel Licht in den Raum und ließ ihn aufgrund der schlechten Beleuchtungsverhältnisse zuvor blinzeln. Sobald sich seine Augen der neuen Helligkeit angepasst hatten, beugte er sich vor, um einen der beiden Beutel mit Blut aus dem mittleren Fach zu nehmen. Außer diesen Beuteln gab es rein gar nichts im Kühlschrank. Der große weiße Kasten war vollkommen leer. Lucern hatte nicht viel fürs Kochen übrig. Sein Kühlschrank war schon seit dem Tod seiner letzten Haushälterin so leer gewesen.

Er verschwendete keine Zeit an ein Glas. Stattdessen hob er, immer noch in den Kühlschrank gebeugt, den Blutbeutel an den Mund und stieß die Zähne hinein. Das kühle Lebenselixier ergoss sich sofort in sein System und nahm seiner schlechten Stimmung die Schärfe. Lucern war immer so schlecht gelaunt, wenn es ihm an Nahrung fehlte.

„Mr. Argeneau?“

Er zuckte überrascht zusammen, als er hinter sich eine Stimme hörte. Dabei riss er den Beutel auf, den er immer noch an seinem Mund hielt, sodass die dunkelrote Flüssigkeit nur so über ihn spritzte. Das Blut lief wie eine kalte Dusche über sein Gesicht und in sein Haar, während er sich gleichzeitig instinktiv aufrichtete und sich den Kopf an der Unterseite des verschlossenen Gefrierfachs stieß. Fluchend ließ Lucern den ruinierten Beutel wieder in den Kühlschrank fallen und griff sich mit einer Hand an den Kopf, während er mit der anderen die Kühlschranktür zuwarf.

Kate Leever eilte an seine Seite. „Ach du lieber Himmel! Oh! Es tut mir so leid. Oh!“, quiekte sie, als sie das Blut auf seinem Gesicht und in seinem Haar sah. „Oh Gott! Sie haben sich am Kopf verletzt. Schlimm verletzt.

Eine solch erschrockene Miene hatte Lucern seit der guten alten Zeit nicht mehr gesehen, als Mittagessen noch bedeutete, in einen angenehm warmen Hals zu beißen und nicht in einen widerwärtigen kalten Beutel.

Dann fasste Kate Leever sich offenbar ein wenig, packte ihn am Arm und drängte ihn auf den Küchentisch zu. „Hier. Sie sollten sich lieber hinsetzten. Sie bluten sehr stark.“

„Es geht mir gut“, murmelte Lucern, als sie ihn auf einen Stuhl drückte. Er fand ihre Sorge eher lästig. Wenn sie zu nett zu ihm war, würde er sich vielleicht so schuldig fühlen, dass er ebenfalls mit Freundlichkeit reagierte.

„Wo ist Ihr Telefon?“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und sah sich in der Küche nach dem fraglichen Gegenstand um.

„Warum wollen Sie ein Telefon?“, fragte er hoffnungsvoll. Vielleicht würde sie ihn jetzt ja allein lassen, dachte er kurz, aber ihre Antwort machte diese Hoffnung zunichte.

„Um einen Krankenwagen zu rufen. Sie haben sich ernsthaft verletzt.“

Seine Sorge wuchs, als sie ihn wieder ansah, und er schaute an sich hinunter. Tatsächlich war sein Hemd ziemlich blutig, und er konnte spüren, wie die Flüssigkeit ihm übers Gesicht lief. Er konnte es auch riechen – scharf und würzig und eine Spur metallisch. Ohne nachzudenken, streckte er die Zunge heraus, um sich die Lippen zu lecken. Dann erst begriff er, was sie gesagt hatte, und er richtete sich abrupt auf. Es war zwar praktisch, dass sie glaubte, das Blut stamme von einer Wunde, aber er würde sich auf keinen Fall in ein Krankenhaus bringen lassen.

„Es geht mir gut. Ich brauche keine medizinische Hilfe“, erklärte er entschlossen.

„Was?“ Sie starrte ihn ungläubig an. „Sie haben überall Blut! Sie müssen sich wirklich wehgetan haben.“

„Kopfwunden bluten immer so heftig.“ Er machte eine abfällige Geste, dann stand er auf und ging zum Spülbecken, um sich das Gesicht zu waschen. Wenn er das nicht schnellstens tat, würde er die Frau nur noch mehr schockieren, indem er sich das Blut von den Händen und Unterarmen leckte, bis hinauf zu den Ellbogen. Das Wenige, das er hatte trinken können, bevor sie ihn erschreckt hatte, hatte seinen Hunger kaum gestillt.

„Kopfwunden bluten vielleicht stark, aber das hier ist …

Lucern zuckte zusammen, als Kate plötzlich an seine Seite trat und an seinen Kopf fasste. Tatsächlich war er so überrascht, dass er sich pflichtschuldigst vorbeugte, als sie ihn mit einer Geste dazu aufforderte … bis sie sagte: „Ich kann nicht sehen …

Er richtete sich sofort auf, als ihm klar wurde, was sie tat, dann beugte er sich rasch wieder über die Spüle und hielt den Kopf unter den Wasserhahn, sodass sie ihn nicht weiter untersuchen und sehen konnte, dass es gar keine Wunde gab.

„Es geht mir gut. Mein Blut gerinnt schnell“, sagte er, während kaltes Wasser über seinen Kopf und sein Gesicht lief.

Darauf hatte Kate Leever keine Antwort, aber Lucern konnte spüren, dass sie ihn von hinten anstarrte. Dann kam sie an seine Seite, und er fühlte, wie sie ihren warmen Körper gegen ihn drückte, als sie sich vorbeugte, um seinen Kopf noch einmal zu untersuchen.

Einen Augenblick lang war Lucern wie erstarrt. Er war sich ihrer körperlichen Nähe sehr bewusst, der Hitze, die von ihr ausging, ihres angenehmen Geruchs. Das irritierte ihn. Es war nicht der Geruch des Bluts in ihren Adern, der ihm in die Nase drang, sondern ein Hauch von Gewürz und Blüten und ihr eigener Duft, der seinen Kopf füllte, seine Gedanken umwölkte. Dann wurde er sich ihrer Hände bewusst, die unter dem Wasserhahn durch sein Haar fuhren und nach einer Wunde suchten, die sie nicht finden würden, und er riss den Kopf hoch, um ihr auszuweichen. Dieser Versuch wurde sofort aufgehalten von dem Wasserhahn, gegen den sein Schädel krachte. Schmerz durchzuckte ihn, und Wasser spritzte nach allen Seiten, was Kate mit einem leisen Aufschrei zurückspringen ließ.

Fluchend zog Lucern den Kopf unter dem Wasserhahn hervor und griff nach dem erstbesten Gegenstand, den er finden konnte – einem Geschirrtuch. Er wickelte es um seinen nassen Kopf, richtete sich auf und zeigte dann auf die Tür. „Raus aus meiner Küche! Sofort!“

Kate C. Leever blinzelte überrascht über diese Rückkehr seiner schlechten Laune, dann schien sie einen Zoll größer zu werden, als sie ihre eigene Widerspenstigkeit mobilisierte. Ihre Stimme war fest, als sie verkündete: „Sie brauchen einen Arzt.“

„Nein.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ist das das einzige Wort, das Sie kennen?“

„Nein.“

Frustriert riss sie die Hände hoch, um sie dann wieder sinken zu lassen – eine scheinbare Entspannung der Situation, die Lucerns Misstrauen auf den Plan rief.

Kate C. Leever lächelte und machte sich daran, den Tee zu kochen, den er vorbereitet hatte. „Dann geht es wirklich nicht anders“, sagte sie.

„Was geht nicht anders?“, fragte Lucern und beobachtete argwöhnisch, wie sie die beiden Teebeutel in die Teekanne warf und heißes Wasser darübergoss.

Kate zuckte schwach die Achseln und stellte den Kessel zurück. „Ich hatte die Absicht, mit Ihnen zu reden und mir dann später am Abend ein Hotelzimmer zu nehmen. Jetzt jedoch, da Sie sich verletzt haben und sich weigern, ins Krankenhaus zu gehen …“ Sie wandte sich von dem ziehenden Tee ab und zog eine Braue hoch. „Sie wollen es sich nicht noch einmal anders überlegen?“

„Nein.“

Sie nickte und drehte sich wieder um, um den Deckel auf die Teekanne zu setzen. Das leise Klirren hatte etwas seltsam Endgültiges an sich, als sie erklärte: „Ich kann Sie mit einer solchen Verletzung nicht allein lassen. Kopfwunden sind nicht ungefährlich. Ich denke, ich werde hierbleiben müssen.“

Lucern setzte dazu an, sie wissen zu lassen, dass sie ganz bestimmt nicht hierbleiben würde, als sie auf den Kühlschrank zuging und fragte: „Nehmen Sie Milch?“

Er erinnerte sich an den aufgerissenen Blutbeutel im Kühlschrank, stürzte an ihr vorbei und warf sich wild vor sie. „Nein!“

Sie starrte ihn mit offenem Mund an, bevor ihm klar wurde, dass er in panischer Pose mit weit ausgebreiteten Armen vor der Kühlschranktür stand. Sofort verlagerte er das Gewicht und lehnte sich gegen die weiße Tür, Arme und Fußknöchel auf eine Weise verschränkt, von der er hoffte, dass sie natürlicher wirkte. Zusätzlich bedachte er sie noch mit einem wütenden Blick. Mit dem Resultat, dass sie tatsächlich kurz den Mund schloss und einen Moment später unsicher sagte: „Oh. Ich schon. Wenn Sie welche haben.“

„Nein.“

Sie nickte bedächtig, wirkte aber immer noch besorgt und hob eine Hand, um sie weich und warm an seine Stirn zu legen, als wolle sie prüfen, ob er Fieber hatte. Lucern atmete ihren Duft ein und spürte, dass er sich ein wenig entspannte.

„Sind Sie sicher, dass Sie nicht ins Krankenhaus fahren wollen?“, fragte sie noch einmal. „Sie benehmen sich ein bisschen seltsam, und mit Kopfwunden ist nicht zu spaßen.“

„Nein.“

Lucern war erschrocken, als er hörte, wie tief seine Stimme nun klang. Er war noch besorgter, als Kate Leever lächelte und ihn neckend fragte: „Warum überrascht mich diese Antwort nicht?“

Sehr zu seinem Unbehagen hätte er beinahe zurückgelächelt. Aber er konnte sich gerade noch bremsen, starrte sie stattdessen noch verärgerter an und tadelte sich für seine kurzfristige Schwäche. Kate C. Leever, Lektorin, war vielleicht im Augenblick nett zu ihm, aber das lag nur daran, dass sie etwas von ihm wollte. Und es wäre besser für ihn, das nicht zu vergessen.

„Also gut, dann kommen Sie mit.“

Lucern schreckte aus seinen Gedanken auf und bemerkte, dass seine Lektorin das Teetablett aufgehoben hatte und auf die Küchentür zuging.

„Wir sollten ins Wohnzimmer gehen, wo Sie sich ein wenig hinsetzen können. Sie haben wirklich einen ziemlichen Schlag abbekommen“, fügte sie hinzu, als sie die Schwingtür mit der Hüfte aufschob.

Lucern machte einen Schritt auf sie zu, dann hielt er inne und schaute zum Kühlschrank zurück, weil ihm der andere volle Blutbeutel darin einfiel. Es war sein letzter, bis morgen Abend die nächste Lieferung kommen würde. Er hatte schrecklichen Hunger; ihm war ganz elend davon. Was zweifellos der Grund seiner Nachgiebigkeit gegenüber Kate C. Leevers radikaler Vorgehensweise war. Vielleicht würde nur ein einziger Schluck ihm Kraft genug für das bevorstehende Gespräch geben.

„Lucern?“

Er erstarrte, als er seinen Namen hörte. Wann hatte sie aufgehört, ihn mit Mr. Argeneau anzusprechen? Und warum klang sein Name aus ihrem Mund so aufregend? Er musste wirklich etwas essen. Er öffnete die Kühlschranktür und griff nach dem Beutel.

„Lucern?“ Diesmal lag Sorge in ihrer Stimme, und sie schien näher gekommen zu sein. Zweifellos fürchtete sie, dass er von der Verletzung ohnmächtig geworden sein könnte.

Er stieß ein frustriertes Knurren aus und schloss den Kühlschrank wieder. Das Letzte, was er brauchte, war ein weiteres Debakel, bei dem er Blut über sich verschüttete. Das hatte ihm bereits endlose Probleme eingebracht, wie die Tatsache, dass diese Frau nun vorhatte, bei ihm zu übernachten. Er hatte vorgehabt, die Idee kategorisch abzulehnen, aber dann war er abgelenkt worden, als Ms. Leever wieder auf den Kühlschrank zukam. Verdammt!

Also gut, er würde ihr schon Bescheid sagen. Er wollte verdammt sein, wenn er zuließe, dass sie blieb und wegen dieser Publicity-Veranstaltungen nervte. Es reichte jetzt. Er würde unbeugsam sein. Grausam, falls notwendig. Sie würde auf keinen Fall hierbleiben.

Lucern versuchte mit aller Macht, sie loszuwerden. Aber Kate C. Leever war wie eine Bulldogge, wenn sie sich erst einmal zu etwas entschlossen hatte. Nein, das mit der Bulldogge war das falsche Bild. Sie war eher wie ein Terrier. Ja, dieser Vergleich passte besser. Ein niedlicher, blonder Terrier, der an Lucerns Arm hing, die Zähne entschlossen in seine Manschette versenkt, und sich weigerte, sie loszulassen. Wenn er sie nicht ein paar Mal gegen die Wand schleudern wollte, wusste er beim besten Willen nicht, wie er ihr zuschnappendes Maul wieder loswerden konnte.

Das Hauptproblem bei dem Ganzen war die ungewohnte Situation. Lucern war zwar mehrere hundert Jahre alt, aber so etwas war ihm noch nie passiert. Seiner Erfahrung nach waren Leute einfach nur lästig und brachten Chaos mit sich. Besonders Frauen. Er war immer schon auf den Typ verfolgte Unschuld hereingefallen. Er konnte sich kaum mehr erinnern, wie oft er über eine Frau gestolpert war, die Ärger hatte, und plötzlich war sein ganzes Leben in Aufruhr geraten, ob er nun ein Duell, eine Schlacht oder einen ganzen Krieg für sie ausfechten musste. Selbstverständlich hatte er immer gesiegt. Dennoch, irgendwie hatte er die Frau nie bekommen. Am Ende hatte er nach all der Aufregung in seinem Leben immer zusehen müssen, wie seine Auserkorene mit einem anderen in den Sonnenuntergang schlenderte.

Aber das war hier nicht der Fall. Kate C. Leever, Lektorin, war keine Frau, die seine Hilfe brauchte. Tatsächlich betrachtete sie offenbar ihn als den Hilfsbedürftigen. Sie blieb „zu seinem eigenen Besten“ im Haus. In ihren Augen war sie seine Retterin und sie hatte vor, ihn jede Stunde aufzuwecken, für den Fall, dass er einschlafen sollte, um sich zu vergewissern, dass es ihm gut ging. Sie machte diese Ankündigung, sobald sie in seinem Wohnzimmer saßen, dann fischte sie in aller Ruhe die Teebeutel aus der Kanne und goss ihm eine Tasse ein, während Lucern sie fassungslos anstarrte.

Er brauchte ihre Hilfe nicht. Er hatte sich den Kopf wirklich nicht so fest angeschlagen, und selbst wenn, hätte sein Körper sich schnell regeneriert. Aber das war nichts, was er ihr verraten konnte. Am Ende sagte er einfach so streng und entschlossen wie er konnte: „Ich brauche Ihre Hilfe nicht, Ms. Leever. Ich kann auf mich selbst aufpassen.“

Sie nickte ruhig, trank einen Schluck Tee, lächelte freundlich und sagte dann: „Diese Bemerkung würde ich ernst nehmen, wenn Sie nicht gerade ein hübsches, aber blutbeflecktes geblümtes Geschirrtuch auf dem Kopf tragen würden.“

Lucern griff erschrocken an seinen Kopf und spürte das Geschirrtuch, das er vollkommen vergessen hatte. Als er anfing, es abzuwickeln, fügte Kate hinzu: „Nehmen Sie es bitte nicht wegen mir ab. Es steht Ihnen sogar ziemlich gut und lässt Sie erheblich weniger einschüchternd wirken.“

Lucern knurrte und riss das geblümte Geschirrtuch endgültig vom Kopf.

„Was war das denn?“, fragte seine Lektorin und riss die Augen auf. „Sie haben geknurrt!“

„Hab ich nicht!“

„Doch.“ Sie grinste breit und wirkte sehr erfreut. „Männer können so niedlich sein!“

In diesem Augenblick wusste Lucern, dass er diesen Kampf verloren hatte. Kein Argument der Welt würde sie dazu bewegen, das Haus zu verlassen.

Vielleicht, wenn er ihren Geist beherrschte …

Das war eine Fähigkeit, die er normalerweise aus Prinzip nicht anwendete und de facto seit geraumer Zeit nicht mehr eingesetzt hatte. Das war für gewöhnlich auch nicht mehr nötig, seit seine Familie Blutbanken benutzte, um sich zu ernähren, und nicht mehr jagte. Aber diese Gelegenheit schrie schier danach.

Während er beobachtete, wie Kate ihren Tee trank, versuchte er, in ihre Gedanken einzudringen, sodass er sie beherrschen konnte. Er war mehr als schockiert, als er auf eine feste Wand stieß. Kate C. Leevers Geist war ihm so unzugänglich, als wäre eine Tür geschlossen und dann verriegelt worden. Dennoch, er versuchte es eine Weile und fand seinen Mangel an Erfolg schließlich erschreckender, als er erwartet hätte.

Er gab nicht auf, ehe sie das Schweigen brach und den Grund ansprach, der sie hergebracht hatte. „Vielleicht sollten wir jetzt über diese Lesereise sprechen.“

Lucern reagierte, als hätte sie ihn mit einem glühenden Schürhaken geschubst. Er gab den Versuch auf, ihren Geist zu beherrschen und sie zum Gehen zu veranlassen und sprang auf. „Es gibt drei Gästezimmer. Sie befinden sich alle im oberen Stockwerk links. Mein Zimmer und das Arbeitszimmer liegen auf der rechten Seite. Halten Sie sich von diesen Räumen fern. Benutzen Sie das Gästezimmer Ihrer Wahl.“

Dann zog er sich eilig vom Schlachtfeld zurück und eilte wieder in die Küche.

Eine Nacht lang würde er sie wohl im Haus ertragen können, sagte er sich. Sobald die Nacht vorüber war und sie überzeugt sein konnte, dass es ihm gut ging, würde sie gehen. Dafür würde er schon sorgen.

Er versuchte, nicht daran zu denken, dass er zuvor ebenso entschlossen und sicher gewesen war, sie loswerden zu können, wenn sie erst ihren Tee getrunken hatte, und griff nach einem Glas und seinem letzten Blutbeutel im Kühlschrank. Dann ging er zur Spüle, um sich sein Abendessen einzugießen. Er würde wohl Zeit genug haben, ein Glas Blut zu kippen, während Ms. Kate C. Leever ihr Schlafzimmer auswählte.

Falsch gedacht. Lucern hatte gerade angefangen, das Blut aus dem Beutel ins Glas zu gießen, als die Küchentür hinter ihm aufging.

„Gibt es in dieser Stadt einen rund um die Uhr geöffneten Lebensmittelladen?“

Lucern ließ Glas und Beutel fallen, fuhr zu ihr herum und zuckte zusammen, als das Glas in der Spüle zerbrach.

„Tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken …“ Sie hielt inne, als er die Hand hob, um zu verhindern, dass sie noch näher kam.

„Äh …“, begann er, dann fuhr er erschöpft fort: „Was wollten Sie wissen?“

Er konnte ihre Antwort nicht wirklich hören. Der süße, metallische Geruch nach Blut hing schwer in der Luft, obwohl er bezweifelte, dass Kate es von der anderen Seite der Küche aus riechen konnte. Ihn jedoch lenkte es gewaltig ab, und noch ablenkender war das Gluckern, mit dem das Blut aus dem Beutel in die Spüle lief. Sein Abendessen. Sein letzter Beutel.

Im Geist schrie er laut NEIN! Sein Körper verkrampfte sich protestierend. Aus diesem Grund hörten sich Kate C. Leevers Worte nur an wie „bla bla bla“, als sie auf seinen leeren Kühlschrank zuging und hineinspähte. Diesmal versuchte Lucern nicht, sie aufzuhalten. Inzwischen war der Kühlschrank schließlich vollkommen leer. Er strengte sich ja durchaus an, sich auf das, was sie sagte, zu konzentrieren, in der Hoffnung, sein Abendessen doch noch retten zu können, wenn er schneller auf ihre Frage antwortete. Aber was er auch versuchte, er konnte nur hier und da ein Wort verstehen.

„Bla bla bla … nicht mehr seit dem Frühstück. Bla bla bla … haben wirklich nichts hier. Bla bla bla … einkaufen?“

Die letzte Reihe Blas endete auf einem hohen Ton, was Lucern annehmen ließ, dass es sich um eine Frage gehandelt hatte. Er war nicht sicher, was sie gefragt hatte, konnte aber spüren, dass eine Verneinung zu einem weiteren Streit führen würde.

„Ja“, rief er und hoffte, diese störrische Frau damit loszuwerden. Sehr zu seiner Erleichterung reagierte sie erfreut auf seine Antwort und ging wieder zur Flurtür.

„Bla bla bla … Zimmer aussuchen.“

Er konnte das Blut beinahe schmecken, so schwer hing der Geruch in der Luft.

„Bla bla bla … Bequemeres anziehen.“

Er hatte so schrecklichen Hunger!

„Bla bla zurück und wir können gehen.“

Die Tür schloss sich hinter ihr, und Lucern fuhr herum zur Spüle. Er stöhnte. Der Beutel war beinahe vollkommen leer. Er war platt. Oder zumindest so gut wie. Verzweifelt hob Lucern ihn hoch, hielt ihn über seinen Mund und versuchte, die letzten Tropfen herauszuquetschen. Es kamen genau drei, bevor er aufgab und den Beutel angewidert in den Müll warf. Falls es vorher noch fraglich gewesen war, bestand jetzt kein Zweifel mehr: Kate C. Leever würde sein Leben zur Hölle machen, bis sie wieder daraus verschwand. Das wusste er einfach.

Und welchem Ansinnen hatte er da gerade zugestimmt?

2

„Einkaufen!“

Kate lachte über Lucerns angewidertes Murmeln, als sie den rund um die Uhr geöffneten Supermarkt betraten. Er hatte das alle paar Minuten getan, seit sie das Haus verlassen hatten. Erst hatte er das Wort ausgesprochen, als könnte er nicht glauben, dass er wirklich zugestimmt hatte, so etwas zu tun. Dann, als er sie in seinem BWM zum Supermarkt fuhr, hatte sich diese Erschütterung in Abscheu verwandelt. Man sollte glauben, der Mann hätte niemals zuvor Lebensmittel eingekauft! Und seinen leeren Schränken nach zu schließen hätte sie ihm das auch beinahe abgenommen. Als sie eine Bemerkung über den Mangel an Vorräten in seinem Haus gemacht hatte, hatte er etwas darüber gemurmelt, noch keine neue Haushälterin gefunden zu haben. Kate nahm an, das bedeutete, dass er außer Haus aß, zumindest die meiste Zeit.

Sie hatte nicht weiter nachgefragt, was aus seiner Haushälterin geworden war. Seine Persönlichkeit war Antwort genug. Die arme Frau hatte wahrscheinlich gekündigt. Kate hätte das auf jeden Fall getan, da war sie sich sicher.

Sie führte ihn zu den Reihen leerer Einkaufswagen. Als sie gerade einen davon herausziehen wollte, knurrte Lucern etwas, das vielleicht „Gestatten Sie“ war, aber er hätte ebenso gut „Aus dem Weg, verdammt noch mal“ sagen können. Damit übernahm er den Wagen.

Nach Kates Erfahrung fuhren Männer immer am liebsten selbst – egal, ob es um ein Auto, einen Golfwagen oder einen Einkaufswagen ging. Wahrscheinlich hatte das etwas mit dem Bedürfnis nach Kontrolle zu tun, aber wie auch immer, es war praktisch; es bedeutete, dass es ihr überlassen blieb, den Wagen zu füllen.

Sie fing an, im Geist eine Liste der Dinge aufzustellen, die sie brauchte, als sie durch den Bereich mit den Molkereiprodukten voranging. Sie hatte sich vorgenommen, viel Obst und Gemüse für Lucern einzukaufen. Er war groß und muskulös, aber viel zu blass. Sie war sicher, dass er unbedingt grünes Blattgemüse brauchte.

Vielleicht würde das auch seine Laune verbessern.

Lucern brauchte Blut, das war der einzige Gedanke in seinem Kopf, als er Kate C. Leever zuerst durch die Abteilungen für Milchprodukte und tiefgekühlte Lebensmittel und nun den Kaffeegang hinunter folgte. Der Wagen füllte sich rasch. Kate hatte bereits diverse Joghurts, Käse, Eier und eine Tonne gefrorener Ein-Personen-Mahlzeiten hineingeworfen. Nun blieb sie vor dem Kaffee stehen und betrachtete die Päckchen, bevor sie sich ihm zuwandte und fragte: „Welche Marke mögen Sie denn?“

Er starrte sie verständnislos an. „Marke?“

„Kaffee? Was trinken Sie normalerweise?“

Lucern zuckte die Achseln. „Ich trinke keinen Kaffee.“

„Oh. Dann also Tee.“

„Ich trinke keinen Tee.“

„Aber Sie …“ Sie kniff die Augen zusammen. „Heiße Schokolade? Espresso? Cappuccino?“ Als er jedes Mal den Kopf schüttelte, fragte sie gereizt: „Was trinken Sie denn nun? Limonade?“

Ein amüsiertes Kichern lenkte Lucerns Aufmerksamkeit auf eine rundliche junge Frau, die ihren Wagen auf sie zuschob. Sie war die erste Einkäuferin, der sie begegneten, seit sie den Laden betreten hatten. Nach den Katastrophen mit den Blutbeuteln, dem Tee im Wohnzimmer und der kurzen Zeit, die Kate gebraucht hatte, um sich umzuziehen, war es jetzt beinahe Mitternacht. Der Supermarkt war um diese Zeit nicht sonderlich voll.

Nun, da ihr Kichern Lucerns Aufmerksamkeit erregt hatte, klimperte die Kundin mit den Wimpern, und Lucern lächelte unwillkürlich zurück, den Blick auf den Pulsschlag an ihrer Kehle gerichtet. Er stellte sich vor, wie er seine Zähne in ihren Hals senkte und das warme, süße Blut trank. Sie gehörte zu den Spendern, die er bevorzugte. Rundliche, rosige Frauen hatten immer das beste, gehaltvollste Blut. Dick und berauschend und …

„Mr. Argeneau? Erde an Lucern!“

Lucerns angenehme Tagträume wurden abrupt beendet. Widerstrebend wandte er sich wieder seiner Lektorin zu. „Ja?“

„Was trinken Sie denn nun?“, wiederholte sie.

Er schaute wieder die Kundin an. „Äh … Kaffee ist in Ordnung.“

„Sie sagten doch, dass Sie keinen Kaff… Also gut. Welche Marke?“

Lucern überflog die Möglichkeiten. Sein Blick blieb an einer dunkelroten Dose mit dem Namen Tim Hortons hängen. Er hatte immer angenommen, das wäre ein Donut-Laden. Dennoch, es war der einzige Name, den er kannte, also zeigte er darauf.

„Der teuerste, selbstverständlich“, murmelte Kate. Sie nahm eine Dose des fein gemahlenen Kaffees.

Lucern hatte nicht auf den Preis geachtet. „Hören Sie auf, sich zu beschweren. Ich werde den Einkauf bezahlen.“

„Nein, ich erwähnte bereits, dass ich zahlen werde, und dabei bleibt es auch.“

Hatte sie tatsächlich gesagt, sie würde zahlen, als sie vom Einkaufen gesprochen hatte?, fragte er sich. Er konnte sich nicht erinnern; er hatte zu diesem Zeitpunkt nicht besonders auf sie geachtet. Seine Gedanken waren mit anderen Dingen beschäftigt gewesen. Wie mit dem Blut, das in die Spüle floss und nicht in seinen ausgetrockneten Mund.

Sein Blick glitt zurück zu der rundlichen Kundin mit der pulsierenden Ader, die weiter den Gang entlangging. Er stellte sich vor, dass er aussah wie ein Hungernder, an dem ein Buffet vorbeigefahren wurde. Er musste sich anstrengen, sich nicht auf die Frau zu stürzen. Warmes, frisches Blut … viel angenehmer als das kalte Zeug in Beuteln, auf das er und seine Familie umgestiegen waren. Ihm war nicht klar gewesen, wie sehr ihm die altmodische Ernährungsweise fehlte.

„Lucern?“ Eine Spur von Gereiztheit lag in Kate Leevers Stimme, und das ließ ihn verärgert dreinschauen, als er sich wieder umdrehte. Sie war nicht mehr da, wo sie zuvor gestanden hatte, sondern weitergegangen und wartete nun auf ihn. Sie sah missbilligend aus, was ihn ebenfalls aufbrachte. Welchen Grund hatte sie schon, gereizt zu sein? Sie war schließlich nicht diejenige, die Hunger hatte.

Dann kam ihm eine vage Erinnerung an ihre Bemerkung, seit dem Frühstück nichts mehr gegessen zu haben. Also musste er widerstrebend zugeben, dass sie wohl ebenfalls Hunger hatte und daher ebenso viel Recht zu schlechter Laune wie er.

„Ich zahle“, verkündete er entschlossen, als er den Wagen weiterschob. „Sie sind Gast in meinem Haus. Ich werde Sie ernähren.“ Aber ich werde mich nicht von ihr ernähren, dachte er, obwohl er das am liebsten getan hätte. Nein, nicht am liebsten. Er hätte sich lieber von der rundlichen, kleinen Brünetten hinter ihnen genährt. Er hatte das Blut von schlanken, blonden Geschöpfen wie Kate C. Leever immer dünn und fad gefunden. Dicke-Mädchen-Blut schmeckte besser, einfach würziger.

Selbstverständlich konnte er jetzt niemanden beißen. Es war heutzutage zu gefährlich, und selbst wenn er persönlich das Risiko eingegangen wäre, hätte er nie die Sicherheit seiner Familie für ein paar Momente kulinarischen Vergnügens aufs Spiel gesetzt.

Das bedeutete jedoch nicht, dass er nicht davon träumen durfte, also verbrachte Lucern die nächsten Augenblicke damit, Kate an den Regalen mit Dosengemüse und den Nudeln vorbei zu folgen. Er stimmte zerstreut allem zu, was sie sagte, und erinnerte sich sehnsuchtsvoll an Mahlzeiten, die er in der Vergangenheit gehabt hatte.

„Mögen Sie mexikanisches Essen?“, fragte Kate.

„Oh ja“, murmelte er, denn die Frage brachte sofort das Bild einer temperamentvollen jungen Mexikanerin vor sein geistiges Auge, an der er sich in Tampico gelabt hatte. Sie war wirklich ein Leckerbissen gewesen. Warm und süß in seinen Armen, und sie hatte kleine erfreuliche Geräusche von sich gegeben, als er sowohl seinen Körper als auch seine Zähne in sie stieß … Oh ja. Sich zu ernähren konnte ein Ganzkörper-Erlebnis sein.

„Oder Italienisch?“

„Das ist ebenfalls köstlich“, sagte er freundlich und musste sofort an eine erfreuliche kleine Landarbeiterin an der Amalfi-Küste denken. Das war das erste Mal gewesen, dass er sich ganz unabhängig ernährt hatte. Ein Mann erinnerte sich immer an sein erstes Mal. Und schon der Gedanke an seine süße kleine Maria ließ ihm wärmer zumute werden. Solch tiefdunkle Augen und langes, lockiges, mitternachtsschwarzes Haar! Er erinnerte sich, mit seinen Händen durch ihr Haar gefahren zu sein, und wie ihr tiefes, ekstatisches Stöhnen, das sie ihm ins Ohr gehaucht hatte, als er ihr seine Jungfräulichkeit gegeben und gleichzeitig ihr Blut genommen hatte, ihn erregt hatte. Ja, das war wirklich ein wunderschönes und erinnerungswürdiges Erlebnis.

„Mögen Sie Steak?“

Wieder wurde Lucern aus seinen Erinnerungen gerissen, diesmal von einem Päckchen mit rohem Fleisch, das Kate ihm plötzlich vor die Nase hielt. Es war Steak, schön und blutig, und obwohl er normalerweise Menschenblut dem von Rindern vorzog selbst kaltes Blut in Beuteln –, roch dieses blutdurchtränkte Steak in diesem Moment sehr gut. Er atmete tief ein und mit einem Seufzen wieder aus.

Das Päckchen wurde wieder weggerissen. „Oder ziehen Sie weißes Fleisch vor?“

„Oh, nein. Rotes Fleisch ist besser.“ Er ging näher zu der Fleischtheke hin, zu der sie ihn geführt hatte, und sah sich um – zum ersten Mal, seit sie den Supermarkt betreten hatten, mit echtem Interesse. Er war immer ein Freund von Fleisch und Kartoffeln gewesen. Von englisch gebratenem Fleisch selbstverständlich.

„Also ein Fleischfresser“, stellte Kate trocken fest, als er nach einem besonders blutigen Päckchen mit Steaks griff. Das Blut floss heraus, und er hätte sich beinahe die Lippen geleckt. Dann legte er das Fleisch wieder zurück, denn er befürchtete, in seinem derzeitigen Zustand etwas zu tun, was sie verstören würde, wie zum Beispiel das Päckchen abzulecken. Er griff wieder nach dem Einkaufswagen und schob ihn weiter, in der Hoffnung, zu einem Bereich mit weniger Versuchungen zu gelangen.

„Warten Sie“, rief Kate, aber Lucern ging immer weiter und stöhnte beinahe, als sie mit mehreren Päckchen Steak angerannt kam und sie in den Wagen fallen ließ.

Na wunderbar, jetzt würde die Versuchung ihm folgen. Er musste wirklich essen. Er musste Bastien oder Etienne anrufen und sich von ihnen etwas Blut borgen. Vielleicht könnte er auf dem Weg nach Hause kurz bei Bastien haltmachen. Er könnte die nicht abzuschüttelnde Kate Leever mit den Einkäufen im Wagen lassen, hineinrennen, ein bisschen Blut hinunterkippen und …

Guter Gott! Er dachte wie ein Junkie!

„Obst und Gemüse als Nächstes, denke ich“, sagte Kate neben ihm. „Sie brauchen offenbar unbedingt Vitamine. Haben Sie schon einmal daran gedacht, in ein Sonnenstudio zu gehen?“

„Ich kann nicht. Ich habe ein … äh, ein Hautproblem. Ich bin allergisch gegen Sonne.“

„Das muss das Leben manchmal schwierig machen“, stellte sie fest. Sie sah ihn aus großen Augen an und fragte: „Ist das der Grund, wieso Sie so schwierig sind, was Lesereisen und andere Promoaktionen angeht?“

Er zuckte die Achseln. Als sie begann, alles mögliche Grünzeug in den Wagen zu laden, verzog er das Gesicht. In einer Gegenreaktion packte er einen Zwanzig-Pfund-Beutel Kartoffeln in den Wagen, aber auch der war bald von Grünzeug bedeckt: kleine, runde grüne Dinge, große, runde grüne Dinge, lange grüne Strünke. Guter Gott, die Frau hatte einen Grün-Fetisch!

Lucern schob den Wagen ein wenig schneller weiter und zwang Kate, sich zu beeilen, als sie mit den anderen Farben anfing. Orangefarbenes, rotes und gelbes Gemüse flog in den Wagen, und darauf folgte orangefarbenes, rotes und dunkelrotes Obst, bis es Lucern schließlich gelang, sie zur Kasse zu zwingen.

Sobald er den Wagen anhielt, begann Kate, die Einkäufe auf das Förderband zu legen. Er beobachtete sie zerstreut, als die rundliche Kundin ihren Wagen vorbeischob. Wieder lächelte sie und klimperte mit den Wimpern, dann winkte sie ihm kurz zu. Lucern lächelte zurück, den Blick erneut auf den Puls an ihrem Hals gerichtet. Er konnte ihr Herz praktisch schlagen hören, das Rauschen ihres Bluts, das …

„Lucern? Mr. Argeneau. Wo gehen Sie denn hin?“

Lucern blieb stehen, blinzelte und erkannte erst durch Kates Frage, dass er begonnen hatte, der rundlichen Kundin zu folgen, wie ein Pferd hinter einer Möhre hertrabte, die man ihm vor die Nase hielt. Sein potenzielles Abendessen blickte zurück und lächelte noch einmal, bevor es in dem Gang mit der Tiefkühlkost verschwand. Lucern starrte hinter ihr her. „Wir haben die Eiscreme vergessen.“

„Eis?“ Er hörte Kate an, wie verwirrt sie war, aber er hätte nicht mehr stehen bleiben können, um ihr zu antworten, selbst wenn er es gewollt hätte. Er eilte in den Gang mit den Gefrierschränken, aber dort befand sich neben der drallen Schönen auch noch eine andere Käuferin. Sie hatten bisher außer der Rundlichen keine anderen Kunden gesehen, aber jetzt war hier eine Frau und verhinderte, dass er sich einen raschen Biss nahm. Innerlich seufzend, ging er zu den Schränken mit dem Eis und sah sich zerstreut die Auswahlmöglichkeiten an. Schokolade, Kirsch, Vanille mit Schokostückchen.

Er warf seiner rundlichen Schönen einen Blick zu. Sie beobachtete ihn und lächelte kokett. Sie sah aus wie ein großes, lächelndes Steak auf Beinen. Verdammt! Es ist nicht nett, jemanden so zu verlocken, dachte er unglücklich und öffnete den Tiefkühlschrank weiter, während er sie immer noch anstarrte.

Sie kam näher und lächelte strahlend, als er eine Eiscremepackung aus dem Gefrierschrank nahm. Sie sagte kein Wort, sondern grinste nur recht ungezogen, als sie an ihm vorbeiging und ihn wie zufällig mit dem Arm streifte.

Lucern holte tief Luft, beinahe schwindlig von ihrem Duft. Oh ja, ihr Blut war süß! Oder war das die Eiscreme, die er hielt? Er griff nach einem weiteren Karton und sah seufzend, wie sie um die Ecke verschwand. Er wollte ihr folgen. Er konnte Hirnkontrolle anwenden, um sie für einen kurzen Biss hinten in den Laden zu locken. Aber wenn man ihn erwischte …

Seufzend gab er diesen Gedanken auf und griff nach Vanilleeis mit Schokosplittern. Er würde es noch eine kleine Weile aushalten können. Nur ein wenig länger, und er würde frei sein, um zu Bastien oder Etienne zu fliehen. Kate C. Leever war doch sicher nach ihrem Arbeitstag und dem Flug erschöpft und wollte schlafen gehen.

„Sie scheinen Eiscreme ja wirklich zu mögen“,

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