Logo weiterlesen.de
Eine Hochzeit für Verliebte

KIMBERLY LANG

ANNA CLEARY

KELLY HUNTER

ALLY BLAKE

Eine Hochzeit

für Verliebte

Ins Deutsche übertragen von

Anita Nirschl

Zu diesem Buch

Weddinplanner küsst man nicht:

Berufliches von Privatem zu trennen ist für Weddingplannerin Grace oberstes Gebot. Vor allem bei der Hochzeit von Honey und Brent, deren ursprüngliche Weddinplannerin mit dem Zukünftigen einer anderen Braut durchgebrannt ist. Doch ihre guten Vorsätze geraten mächtig ins Wanken, als sie Beau Vaughn gegenübersteht – Koch des Hochzeitsmenüs und ihre erste große Liebe!

Im Guten wie im Bösen:

Die Einladung zur Hochzeit von Honey und Brent, trifft Eve wie ein Stich ins Herz. Hatte sie doch seit einem Kuss auf einer Geschäftsreise gehofft, Brent – ihren Chef – eines Tages für sich gewinnen zu können. Auf der Hochzeit will sie ihm ein letztes Mal die Möglichkeit geben, mit ihr auszubrechen, und zieht dabei die Aufmerksamkeit eines anderen Gastes auf sich …

Begleiter mit gewissen Vorzügen:

Dass Nina ihr Leben in Wohlstand aufgab, um mit einem Zirkusartisten durchzubrennen, hat ihre Familie ihr nie ganz verziehen. Wenigstens auf der Hochzeit ihrer Schwester Honey will sie deshalb die Erwartungen erfüllen. Ihr Kollege Alex kommt als gutaussehender Begleiter wie gerufen – und entpuppt sich als die beste Begleitung, die Nina für die Hochzeit hätte finden können …

Ein Bräutigam zum Verlassen:

Für Brents Hochzeit das erste Mal zurück in Bellefleur, ist Pippa sofort dem Getuschel der Hochzeitsgesellschaft ausgesetzt. Denn vor Honey war sie selbst einmal die Freundin des Bräutigams. Was zu ihrer Trennung geführt hat, weiß niemand – außer Pippa und der Bruder des Bräutigams, der ihr nach all den Jahren aufs Neue den Atem raubt …

Küss die Braut:

Honey und Brent haben es geschafft! Sie sind endlich verheiratet und fahren in einer schicken Limousine ihren Flitterwochen entgegen – doch dann hat Honey noch eine ganz besondere Überraschung für ihren Bräutigam.

KIMBERLY LANG

Weddingplanner

küsst man nicht

Für Kelly, Anna und Ally – im Namen aller Kolibris: Danke für eine fantastische Erfahrung.

1

An ihrem achtzehnten Geburtstag, zwei Tage nach ihrem Highschoolabschluss und knapp drei Wochen nach dem Tod ihres Vaters, hörte Gracie Lee Duggins auf zu existieren. Die Unterschrift auf ihrem Namensänderungsantrag war noch frisch, als sie um kurz nach zehn Uhr morgens das Gerichtsgebäude als Grace Henson verließ. Sie hatte zweitausend Dollar Bargeld vom Verkauf aller auch nur irgendwie wertvollen Habseligkeiten in der Tasche – und die feste Absicht, so schnell wie möglich aus Bellefleur, Louisiana, zu verschwinden und nie wieder zurückzukommen.

Leider schaffte sie es nur bis Baton Rouge, bevor ihr Wagen den Geist aufgab, und obwohl das nur eine knappe halbe Stunde von Bellefleur entfernt lag, hatte sie ihr Versprechen, niemals wieder einen Fuß in die Stadt zu setzen, sechs Jahre lang gehalten.

Jedenfalls bis gestern.

So viel zum Thema heilige Schwüre.

Gleich nach dem Ortsschild von Bellefleur bog Grace von der gewundenen zweispurigen Straße auf einen Kiesweg ab. Wie aus Vom Winde verweht tauchte kurz darauf die Belles-Fleurs-Plantage – der die Stadt ihren Namen verdankte – in all ihrer Vorbürgerkriegspracht vor ihr auf.

Auslandende Virginia-Eichen säumten die Auffahrt zum Haupthaus, das genau in der Mitte der üppigen Gärten lag, die der Plantage ihren Namen gegeben hatten. Es war eine absolut traumhafte Kulisse, das musste sie zugeben. Wie geschaffen für eine Märchenhochzeit.

In weniger als achtundvierzig Stunden würde Honey Moreau Brent Delacroix heiraten und damit die beiden ältesten und einflussreichsten Familien Bellefleurs im heiligen Bund der Ehe miteinander vereinen. Durch die pompöseste, übertriebenste Hochzeit, die die Welt je gesehen hatte.

Und Grace war nun dafür verantwortlich, es möglich zu machen.

Zum wohl tausendsten Mal rief sie sich in Erinnerung, was für eine großartige Chance das für sie war. Lana Parks, Honeys ursprüngliche Hochzeitsplanerin, hatte monatelang die harte Vorarbeit geleistet. Doch dann war sie am Samstag mit dem Bräutigam einer anderen Braut durchgebrannt und hatte diesen gewaltigen Hochzeitszirkus ohne Zirkusdirektor zurückgelassen. Alles, was Grace nun zu tun brauchte, war, die Sache durchzuziehen. Sie würde diejenige sein, die den guten Ruf von Grayson-Bennet Events rettete, was ihr jede Menge Pluspunkte bei den Chefs und womöglich auch ein besseres Büro einbringen würde.

Als wäre das nicht schon Druck genug, hatte Richter Moreau, Honeys Vater, sie bei ihrem Treffen gestern beiseitegenommen, um nochmals zu betonen, wie wichtig dieser Tag für sein kleines Mädchen war. Als ob sie das nicht gemerkt hätte! Er hatte ihr eine geradezu unanständig hohe Summe als Belohnung unter die Nase gehalten, um sicherzustellen, dass an Honeys großem Tag alles so makellos strahlte wie der riesige Klunker an ihrem Finger.

Aber es war nicht die Hochzeit, die Grace Magenschmerzen bereitete. Schließlich hatte sie in den vergangenen vier Jahren bei Grayson-Bennett schon Hunderte von Hochzeiten organisiert – und jede andere erdenkliche Art von Veranstaltung obendrein. Auch wenn diesmal der Umfang ein wenig respekteinflößend war, hatte sie trotz ihres Einstiegs in allerletzter Minute keinerlei Zweifel daran, der Aufgabe gewachsen zu sein.

Nein, es war der Gedanke, hier zu sein, bei diesen Leuten, wo sie sich doch nichts sehnlicher wünschte, als die unglücklichen ersten achtzehn Jahre ihres Lebens einfach zu vergessen.

Konzentrier dich, Grace. Du bist ein Profi. Mach deinen Job und ignorier alles andere.

Leichter gesagt als getan.

Ach was, Augen zu und durch. Du bist nicht mehr die arme kleine Gracie Lee von damals.

Für diese Leute schon.

Das kann dir doch egal sein.

Du lieber Himmel, diskutierte sie jetzt etwa tatsächlich schon mit sich selbst? Sie war noch keine vierundzwanzig Stunden mit diesem Projekt beschäftigt, und schon war sie nicht mehr zurechnungsfähig. Sie konnte nur hoffen, dass Richter Moreaus Sonderprämie hoch genug war, um sich davon eine hübsche Gummizelle in der Klapse leisten zu können.

Grace folgte dem Kiesweg um das Haupthaus herum zum Besucherparkplatz und blieb noch einen Augenblick lang im Wagen sitzen, um sich zu sammeln.

Sie hatte den gestrigen und den heutigen Tag damit verbracht, alle aufzusuchen, die bei diesem Ereignis eine Rolle spielten – den Floristen, die Band, den Pyrotechniker, der für das Feuerwerk auf dem Boot verantwortlich war, sogar einen Kettensägen schwingenden Eisbildhauer. Alle bis auf einen: Beau Vaughn, den Besitzer und Chefkoch der Belles-Fleurs-Plantage.

Eigentlich hätte er ganz oben auf ihrer Liste stehen sollen, doch sie hatte ihn sich bis zum Schluss aufgehoben, da sie ein wenig Zeit brauchte, um sich auf dieses Treffen vorzubereiten.

Grace überprüfte ihren Lippenstift im Rückspiegel, dann starrte sie ihr Spiegelbild stirnrunzelnd an. Es war wirklich lächerlich, wie viel Mühe sie heute in ihr Aussehen investiert hatte. Von der zusätzlichen Zeit für Haare und Make-up bis hin zu ihrem Outfit, das sie speziell danach ausgewählt hatte, dass es die Taille schmaler wirken ließ und ihre Brüste zur Geltung brachte …

Vielleicht war es lächerlich, aber Honey hatte sie gestern erst nach einer befriedigenden halben Stunde wiedererkannt, was über jeden Hauch eines Zweifels hinweg bewies, wie wenig sie noch mit der armen kleinen Gracie Lee gemeinsam hatte. Ein anständiger, schmeichelhafter Haarschnitt, Kleider, die passten und nicht schon seit Jahren aus der Mode waren, ein wenig Selbstbewusstsein – mehr war nicht nötig gewesen, um sich völlig neu zu erfinden.

Das Outfit war eine Rüstung. Dazu gedacht, sie sowohl zu schützen, als auch Beau ihre Vorzüge zu präsentieren. Während der Highschool hatte er sie keines Blickes gewürdigt, aber jetzt würde er sie unmöglich übersehen können. Er würde niemals ahnen, dass sie insgeheim über ihn lachte.

Grace holte noch einmal tief Luft, dann schnappte sie sich Honeys Unterlagen vom Beifahrersitz und ging auf die breiten Stufen zu, die zu einer großen Veranda führten. Es war ein wunderbar milder Frühling – perfekt für eine Hochzeit im Freien –, sodass die riesigen Türen geöffnet waren und den Blick durch die für die Südstaaten typische breite Durchgangshalle freigaben, die von der Veranda bis zum Vordereingang führte.

Sie zog ihre Notizen zurate. Die Gäste konnten ihre Autos vor dem Haus an den Parkservice übergeben, dann durch den Vordereingang ins Haus gehen und sich auf dem Weg zu dem Zelt hinter dem Haus einen Drink nehmen. Man konnte die Verandatüren hinter ihnen schließen und sie erst für Honeys großen Auftritt wieder öffnen …

Eine junge Frau in hellen Baumwollhosen und einem blauen Polohemd mit Belles-Fleurs-Logo empfing sie an der Tür. »Kann ich Ihnen helfen?«

»Ich bin Grace Henson und möchte zu Mr Vaughn. Es geht um die Moreau-Delacroix-Hochzeit.«

Sie nickte. »Er erwartet Sie bereits. Ich sage ihm, dass Sie hier sind. Sie können sich inzwischen gerne ein wenig umsehen.«

Als die Frau verschwand, richtete Grace ihre Aufmerksamkeit auf die Eingangstür und stellte sich vor ihrem inneren Auge Girlanden aus Geißblatt und Efeu vor. Zuerst war sie wegen des Geißblatts skeptisch gewesen, aber nachdem sie erfahren hatte, dass Beau bei der Vorstellung, »dieses Unkraut« auf seiner Plantage zu haben, einen regelrechten Anfall bekommen hatte, stand sie zu hundert Prozent hinter der Idee. Schade nur, dass der Florist nachgegeben und sich damit einverstanden erklärt hatte, jedes einzelne Staubblatt zu entfernen, damit auch ja kein Geißblatt aus Versehen in die Gärten von Belles Fleurs eindrang.

Diese Hochzeit schrammte zweifellos hart an der Grenze zu »total abgehoben« vorbei, schaffte es aber dennoch, irgendwie bezaubernd zu bleiben. Ganz wie die Braut selbst, musste Grace widerwillig zugeben.

Während der Highschoolzeit hatte die perfekte Honey eine große Rolle für sie gespielt. Honey war alles, was Gracie Lee nicht war: blonder, hübscher, lebhafter und wahnsinnig beliebt, genau die Sorte Mädchen, die jedes andere Mädchen gern sein wollte. Auf gewisse Weise war Grace überrascht, dass Honey sich überhaupt an sie erinnerte. Schließlich hatte sie auf Honeys gesellschaftlichem Radar kaum aufgeblinkt. Aber auch wenn Grace’ Erinnerungen an Honey und ihre Clique nicht unbedingt die besten waren, heilte die Zeit anscheinend mehr Wunden als gedacht, denn inzwischen ertappte Grace sich dabei, dass sie Honey tatsächlich ein kleines bisschen gern hatte, so verrückt das auch scheinen mochte. Obwohl Honey alle möglichen Forderungen stellte – und zum Glück hatte man ihr laut Grace’ Unterlagen schon ein paar der verrückteren Dinge wie etwa echte ausgestopfte Kolibris ausreden können –, schien sie aufrichtig in Brent Delacroix verliebt zu sein. Sie war zwar völlig gestresst und stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch, was Grace aus Erfahrung sofort erkannt hatte, aber dass Honey Brent liebte, daran hatte Grace keinen Zweifel. Nachdem sie schon Hochzeiten geplant hatte, bei denen sich die zickige Braut mehr um die Tischdecken als um ihren angeblich so geliebten Zukünftigen gesorgt hatte, war das etwas, das ihr zu Herzen ging. Völlig unerwartet musste sie feststellen, dass sie nicht mehr nur aus beruflichem Ehrgeiz wollte, dass diese Hochzeit ein Erfolg wurde.

Sie bekam Kopfschmerzen, wenn sie zu lange darüber nachdachte. Es war leichter, es einfach zu vergessen. Eigentlich sollte sie alles vergessen, dieses ganze dramatische Highschooltrauma, und endlich erwachsen werden. Es war Schnee von gestern und sie war nicht mehr Gracie Lee. Es wäre am klügsten, am erwachsensten …

Der Gedanke riss ab, als ihr Blick auf ein Foto von Beau in seiner weißen Kochjacke fiel, über einem Willkommensgruß an die Gäste von Belles Fleurs. Er hatte sich im Lauf der Jahre jedenfalls nicht sehr verändert. Beau Vaughn war der Held ihrer Träume während des ersten Highschooljahrs gewesen. Er war in der Abschlussklasse gewesen, ein Sportstar, Mister Superbeliebt. Kurz, eine unerreichbare, unerwiderte Schwärmerei für all die Gracie Lees dieser Welt. Himmlisch blaue Augen, hellbraunes Haar, das ihm in die Stirn fiel. Nur allzu deutlich sah sie vor ihrem inneren Auge, wie er es sich gedankenverloren aus dem Gesicht strich, nur damit es sofort wieder zurückfiel. Sie erinnerte sich außerdem viel zu gut an dieses Lächeln, das zu sagen schien, dass er den Witz schon dreißig Sekunden vor allen andern kapiert hatte. Und sie konnte auch nicht anders, als sich daran zu erinnern, wie dieses Lächeln sich in Spott verwandelt hatte, unmittelbar bevor er »Sag einfach Gute Nacht, Gracie« gesagt und sie dadurch am Boden zerstört hatte.

Scheiß aufs Erwachsensein. Das wird völlig überbewertet.

Sie war von einem eingebildeten Arsch öffentlich gedemütigt und seelisch zugrunde gerichtet worden. Nie im Leben würde sie das einfach vergeben und vergessen.

Honeys neue Hochzeitsplanerin sollte eigentlich in der Eingangshalle warten, doch stattdessen fand Beau sie im Garten, wo sie vor sich hin murmelte und sich Notizen machte. »Hallo?«

Als die Frau sich umdrehte, stellte er überrascht fest, dass sie viel jünger war als die Matronen, die normalerweise um Bräute herumschwänzelten – vielleicht erst Mitte zwanzig. Goldbraune Locken umrahmten ein herzförmiges Gesicht und große braune Augen. Sie hatte etwas an sich, das ihm eigenartig bekannt vorkam, es wollte ihm aber nicht einfallen, woher er sie kannte. Natürlich traf er eine Menge Leute – Belles Fleurs hatte sich in den letzten Jahren einen erfreulich guten Ruf aufgebaut, und er verbrachte inzwischen genauso viel Zeit damit, mit den Gästen zu plaudern, wie er in der Küche verbrachte. Es war ein wenig frustrierend, denn mit diesen Augen und den üppigen Kurven, die von dem Bleistiftrock und der eng geschnittenen Bluse noch betont wurden, war Grace Henson jemand, den er nicht so leicht vergaß. Früher oder später würde es ihm schon wieder einfallen. »Ich bin Beau Vaughn.«

Für einen Sekundenbruchteil wurden diese ausdrucksvollen Augen schmal, und wenn er sie nicht so aufmerksam gemustert hätte, wäre es ihm entgangen, ebenso wie ihr kaum merkliches Zusammenkneifen der Lippen. Obwohl es schnell durch ein breites Lächeln ersetzt wurde, schien sie ihn eindeutig nicht besonders zu mögen. Aber warum? Sie streckte die Hand aus. »Ich bin Grace Henson.«

Selbst ihren Namen zu hören, half ihm nicht auf die Sprünge. »Willkommen auf Belles Fleurs.«

»Was für ein bezauberndes Lokal. Sie haben mit der Restaurierung wunderbare Arbeit geleistet, besonders in so kurzer Zeit.«

Das war seltsam. »Sie kennen Belles Fleurs?«

Grace schluckte und kam leicht ins Stottern. Oh ja, ziemlich seltsam. »Honey hat mir ein wenig von seiner Geschichte erzählt.«

»Honey erzählt nie nur ›ein wenig‹ von irgendetwas.«

Um ihren Mundwinkel zuckte es amüsiert. »Stimmt. Ich weiß jetzt alles darüber, wie schockiert die Stadt war, dass Sie die Ausbildung zum Koch dem Jurastudium und Belles Fleurs dem Familienunternehmen vorgezogen haben. Sie ist ziemlich stolz darauf, wie hart Sie gearbeitet haben, um es zu restaurieren, anstatt es einfach verfallen oder von Ihrer Familie verkaufen zu lassen.«

Auch wenn Honey dazu neigte, manchmal ein bisschen zu viel zu erzählen, hätte nicht einmal sie einer völlig Fremden gegenüber die Einzelheiten von Familiendramen ausgeplaudert. »Kenne ich Sie, Grace? Sie kommen mir bekannt vor.«

Ihr Lachen war schrill. »Nein, Mr Vaughn, Sie kennen mich nicht.«

Obwohl die ganze Unterhaltung oberflächlich betrachtet völlig normal und geschäftsmäßig wirkte, konnte Beau die Feindseligkeit, die von Grace ausging, beinahe spüren. Doch das ergab einfach keinen Sinn. Auch wenn sie es schnell abgestritten hatte, war er immer mehr davon überzeugt, dass er sie von irgendwoher kannte. In ihrer Stimme lag ein Schmunzeln, das ihn regelrecht dazu herausforderte, sich zu erinnern. Normalerweise war er viel schneller von Begriff. »Alle nennen mich einfach Beau.«

Ihr Nicken war kaum wahrnehmbar. »Ich würde mich gern ein wenig mit den Örtlichkeiten vertraut machen und ein paar Dinge mit Ihnen durchgehen …«

Er seufzte. Diese Hochzeit hatte schon viel zu gewaltige Ausmaße angenommen. »Hat Honey schon wieder irgendwas geändert?«

»Nein, ich glaube nicht, dass es noch irgendwelche kurzfristigen Änderungen gegeben hat. Ich will nur sichergehen, dass kein Detail übersehen wird.« Grace überprüfte ihre Notizen. »Wie ich sehe, steht die endgültige Anzahl der Gäste schon fest, das ist gut.« Ihr Blick wanderte die Seite hinunter, und sie zog eine Augenbraue hoch. »Ganz schön beeindruckende Gästeliste. Das dürfte …«, ihre Lippen kräuselten sich erneut, »… interessant werden.«

Und es wird immer seltsamer. »Wie bitte?«

Sie stotterte leicht. »Ich meinte, äh … dass fast alle geladenen Gäste zugesagt haben.«

»Schließlich will jeder beim Ereignis des Jahres dabei sein.«

»Wohl eher des Jahrhunderts«, korrigierte sie. »Ich bezweifle, dass das blühende kleine Bellefleur je etwas Vergleichbares gesehen hat.«

Ihrem Akzent nach stammte Grace aus dieser Gegend von Louisiana, aber die sarkastische Bemerkung über das »blühende« Bellefleur verriet, dass sie sogar mit der näheren Umgebung vertraut war. Vielleicht war sie in einer der umliegenden Städte aufgewachsen. Das würde vielleicht erklären, warum sie ihm bekannt vorkam, aber weshalb sollte sie so tun, als wäre es nicht so? »Stimmt voll und ganz. Wir haben hier schon einige große Veranstaltungen auf die Beine gestellt, aber das hier übertrifft alles.«

Grace las immer noch in ihren Notizen. Sie nickte, um zu zeigen, dass sie ihm zuhörte, doch dann zuckte sie mit den Schultern und meinte beiläufig: »Aber so ist Honey eben, stimmt’s?«

»Kennen Sie Honey? Abgesehen von dieser Hochzeit, meine ich?«

Sie schrak leicht zusammen, und das leichte Stottern war wieder da. »Ich … ich weiß, wie Bräute sind. Mit all ihren Träumen von einer Märchenhochzeit.«

Das beantwortete seine Frage zwar nicht wirklich, aber ihre Reaktion verriet ihm, dass er recht hatte. Er kannte Grace Henson – irgendwoher –, und das wusste sie auch, aber sie wollte ihn nicht aufklären, weil die Tatsache, dass er noch nicht selbst darauf gekommen war, reizvoll für sie zu sein schien.

Grace setzte eine undurchdringliche Miene auf und fuhr fort. »Die Zelte und Stühle müssen morgen spätestens um vier für die Probe um fünf Uhr dreißig aufgestellt sein, und die Lieferanten …«

»… bekommen Samstagmorgen pünktlich um zehn Uhr Zugang zum Gelände«, antwortete er. Grace nickte wieder und hakte etwas auf ihrer Liste ab. Dabei bewegte sie stumm vor sich hin murmelnd die Lippen. Das war süß. Sie war süß. Sie hatte eine natürliche Ausstrahlung, jedoch kombiniert mit einer gewissen Üppigkeit: volle Lippen, große, ausdrucksvolle Augen, runde Kurven. Und von diesem Blickwinkel aus bot ihre ansonsten schlichte Bluse eine gute Sicht auf ihr Dekolleté. Mit gewecktem Interesse ließ er den Blick gemächlich über ihren Körper wandern, während ihre Aufmerksamkeit anderweitig beschäftigt war. Verdammt hübsche Beine. Das war frustrierend, denn an die würde er sich mit Sicherheit erinnern.

Schnell sah er auf ihre Hände. Grace war Linkshänderin, deshalb war ihr Ringfinger, an dem kein Ring steckte, deutlich zu sehen, während sie schrieb. Nicht verheiratet. Das Interesse wurde stärker. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?«

»Nein, danke, nicht nötig.« Sie blätterte eine weitere Seite in ihrem Notizblock um. »Ich würde allerdings gern den Ballsaal sehen. Dieser Grundriss kommt mir ziemlich optimistisch vor.«

»Es ist ein großer Raum, und er bietet bequemen Zugang zur Veranda und zu den Gärten.«

Grace schlang die Arme um ihren Notizblock und drückte ihn an die Brust. »Ich würde ihn trotzdem gern sehen«, entgegnete sie mit einem so professionellen Lächeln, dass es schon beinahe herablassend wirkte.

Darauf blieb ihm keine andere Wahl. »Hier entlang!«, wies er ihr den Weg ins Haus. Bei jedem Schritt hatte sie Fragen oder Anmerkungen. Manches davon war verständlich, und er stimmte ihr sogar zu, als sie den für die Hochzeitstorte vorgesehenen Ort an eine breitere, besser sichtbare Stelle verlegte. Als sie jedoch Anstalten machte, sich auf die Gedecke und Servietten zu stürzen, hob er abwehrend die Hand. »Ja, ja, ich weiß, wie viel Wäschestärke nötig ist, um Lilien zu falten. Die Servietten werden nicht in sich zusammenfallen. Das ist nicht die erste Hochzeit, die wir hier auf Belles Fleurs ausrichten. Meine Leute wissen, was sie tun.«

Grace holte tief Luft und straffte die Schultern. Obwohl sie nicht sehr groß war, ließ diese Haltung sie irgendwie respekteinflößend wirken. Wahrscheinlich hatte sie schon so manchem Gastronom oder Floristen ordentlich Beine gemacht. Allerdings lenkte dieser tiefe Atemzug seine Aufmerksamkeit nur wieder zurück auf den guten Blick auf ihr Dekolleté, eben weil sie nicht sehr groß war. »Das mag vielleicht nicht die erste Hochzeit auf Belles Fleurs sein, aber es ist die einzige Hochzeit, die für Honey und Brent zählt.« Die knappe Sachlichkeit in ihrer Stimme ließ seine Aufmerksamkeit wieder zurück zu ihrem Gesicht schnellen. »Es ist außerdem meine erste Veranstaltung an diesem Ort, deshalb habe ich nichts als Ihre Zusicherung, dass Sie und Ihr Personal der Aufgabe gewachsen sind. Und es tut mir sehr leid, aber Ihre Zusicherung ist nicht genug. Honey hatte diese Woche schon genug Aufregung durch den Wechsel ihrer Hochzeitsplanerin, und ich möchte nicht, dass sie sich darüber Sorgen machen muss, es könnten irgendwelche Kleinigkeiten übersehen werden. Mir ist bewusst, dass Ihnen dieses Treffen möglicherweise Umstände macht, aber es ist mein Job, dafür zu sorgen, dass Honeys Tag perfekt wird, und dazu muss ich mich vergewissern, dass Sie und Ihr Personal Ihren Job machen.«

Diese Aussage war eine versteckte Beleidigung, nichtsdestotrotz war es die Wahrheit. Sie sah ihm fest in die Augen, während sie auf seine Antwort wartete. Er konnte ihr kaum widersprechen, ohne wie ein kompletter Idiot zu klingen. Und obwohl er die Moreaus und die Delacroix schon sein ganzes Leben lang kannte, würde das Richter Moreau nicht davon abhalten, wie der Zorn Gottes über ihn hereinzubrechen, falls irgendetwas schiefgehen sollte. »Extra Stärke für die Servietten. Ist notiert. Weiter?«

Wenigstens war Grace gnädig und ging sofort zum nächsten Punkt über. Sobald sie mit der Tischaufstellung im Ballsaal zufrieden war – und er spürte eine kurze Genugtuung, als sie zugab, dass er mit dem Grundriss recht gehabt hatte –, wanderte sie weiter durchs Haus und machte sich dabei unablässig Notizen. Der Rundgang endete schließlich in der Küche, wo er sie dabei beobachtete, wie sie einen kritischen Blick über die glänzenden Edelstahloberflächen gleiten ließ. Das ging einen Schritt zu weit. »Ich versichere Ihnen, dass meine Küche den höchsten Maßstäben entspricht, was Sauberkeit und Qualität betrifft.«

»Oh, Ihr guter Ruf eilt Ihnen voraus. Daran habe ich keine Zweifel.«

»Würden Sie dann gern das Menü durchgehen?«

»Nein. Ich weiß, dass Sie dieses Menü zusammen mit Honey und Brent aus deren Lieblingsgerichten und Ihren Spezialitäten zusammengestellt haben, deshalb werde ich die Auswahl nicht infrage stellen. Und noch einmal, Ihr guter Ruf eilt Ihnen voraus. Wie ich gehört habe, ist Ihre Langustencremesuppe göttlich.« Wie aufs Stichwort fing ihr Magen an zu knurren, und eine leichte Röte stieg ihr in die Wangen.

»Vielleicht sollte ich Ihnen etwas davon bringen.« Sie machte Anstalten zu protestieren, doch er war schon auf dem Weg zum Kühlschrank. »Zufällig haben wir noch ein wenig von einer Veranstaltung von gestern Abend übrig. Die Suppe ist schnell aufgewärmt und passt sehr gut zu einem Glas Weißwein. Setzen Sie sich …«

Grace reagierte so schnell, dass man meinen konnte, er habe ihr überfahrenen Waschbär mit Rattengiftsoße angeboten. »Schon gut. Ich denke, wir sind hier fertig. Vielen Dank, dass Sie Ihre Zeit geopfert haben.« Die Worte purzelten überstürzt heraus, keine Spur mehr von der kühlen Professionalität von zuvor. »Hier ist meine Karte, rufen Sie mich an, wenn es irgendwelche Probleme gibt, ansonsten sehen wir uns morgen zur Probe. Ich finde schon selbst hinaus.« Eine Sekunde später war sie verschwunden, während er immer noch mit der Hand an der Kühlschranktür dastand und sich fragte, was zum Teufel eigentlich gerade passiert war.

Das hier war einfach zu merkwürdig. Er wärmte die Suppe trotzdem auf und schenkte sich ein Glas Wein ein, um die Ereignisse der letzten halben Stunde in Gedanken noch einmal durchzuspielen. Grace Henson konnte ihn ganz eindeutig nicht leiden. Er wusste nicht, warum, aber es war offensichtlich. Tatsächlich hatte sie sich ein bisschen so verhalten wie ein One-Night-Stand, den er am nächsten Tag vergessen hatte anzurufen.

Jedenfalls wusste sie eine Menge über Honey, Bellefleur und die Plantage. Im Nachhinein betrachtet, besaß sie eindeutig eine Vertrautheit mit den Zusammenhängen, die Honeys ursprüngliche Hochzeitsplanerin bei ihrem ersten Treffen nicht an den Tag gelegt hatte. Das passte jedoch nicht zu der Art, wie Grace sich verhielt.

Es war wie ein Puzzle, bei dem ihm ein paar Teile zu fehlen schienen. Zum Glück wusste er genau, wen er anrufen musste, damit sich die fehlenden Puzzleteile an Ort und Stelle fügten.

Mit einer Hand rührte er die Suppe um und scrollte mit der anderen durch sein Adressbuch, bis er die Nummer fand, die er suchte.

2

Auf der Fahrt nach Hause gab Grace sich große Mühe, an nichts anderes als an Hochzeitsvorbereitungen zu denken, aber Beau kam ihr immer wieder in den Sinn – und alles, was sie gesagt und getan hatte. Jedes Mal zuckte sie beschämt zusammen.

So viel zum Thema Professionalität. Hättest du dich vielleicht noch ein bisschen mehr zum Narren machen können?

Argh! Warum nur hatte sie sich bei seinem Anblick wieder wie fünfzehn gefühlt? Nein, nicht wie fünfzehn. Mit fünfzehn hatte sie romantisch naiv und mit weichen Knien für ihn geschwärmt. Ihre pubertären Hormone hatten zwar verrückt gespielt, aber damals war sie noch unerfahren gewesen und hatte nicht gewusst, was genau zwei Menschen miteinander anstellen konnten.

Jetzt wusste sie es.

Und dieses Wissen prallte mit voller Wucht auf die schlafenden Empfindungen ihrer jugendlichen Schwärmerei und ließ ihr die Knie auf völlig neue Weise weich werden. All die verletzten Gefühle und der alte Groll reichten nicht annähernd aus, um dagegen anzukämpfen.

Frustriert drehte sie die CD mit Honeys Hochzeitsmusik lauter und ging vor ihrem inneren Auge den Einzug der einzelnen Teilnehmer durch. Sie musste den Musikanten sagen, dass sie langsamer spielen sollten, sonst würden die Blumenmädchen den Gang entlangtraben …

Lieber Gott, er hat einfach fantastische Hände. Und als sie sie vorhin geschüttelt hatte, waren sie warm und leicht rau gewesen, gerade genug, dass sich beim Gedanken daran die feinen Härchen an ihren Armen sträubten.

Nein! Konzentrier dich auf die Blumenmädchen, Grace.

Als sie endlich zu Hause angekommen war, schmerzte ihr Kopf von dem inneren Kampf. Sie ließ ihre Tasche und die Schlüssel auf die Küchenzeile fallen und ging schnurstracks zum Kühlschrank, um sich eine Flasche Wein zu holen. Sie hatte sich geschworen, Alkohol nie als Stütze oder Fluchtmöglichkeit zu benutzen, aber schließlich gab es für jede Regel auch mal eine Ausnahme.

Ihr Vater war kein gewalttätiger oder bösartiger Säufer gewesen, er hatte durch seine Sucht nur als Elternteil versagt, aber seine zwanzig Jahre lange Sauftour hatte bei Grace ihre Spuren hinterlassen. Das Geflüster hinter vorgehaltener Hand, das Mitleid und die Armut hatten sie aus Bellefleur vertrieben und zu ihrem Schwur veranlasst, nie mehr zurückzukommen.

Sie hatte diesen Schwur gebrochen und es nicht nur überlebt, sie war auch verdammt stolz darauf, wie gut sie sich geschlagen hatte. Sie würde diesen Wein nicht aus Schwäche trinken, sondern um zu feiern.

Dennoch war das leise Plopp des Korkens, der aus der Flasche glitt, das süßeste Geräusch, das sie an diesem Tag gehört hatte. Das habe ich mir absolut verdient. Sie war versucht, direkt aus der Flasche zu trinken, griff aber dennoch nach einem Glas.

Sie nahm einen tiefen Schluck und schloss wohlig seufzend die Augen, während der weiche Pinot den schmerzenden Kloß in ihrer Magengrube auflöste. Dann streifte sie die Schuhe ab, zog die Bluse aus dem Rockbund, legte eine CD in den CD-Player und ließ sich entspannt auf die Couch fallen. Eine Sekunde später setzte sie sich wieder auf, hakte den BH auf und zog ihn durch die Ärmellöcher ihrer Bluse heraus. Die zusätzlichen Polster hatten ihren Dienst getan. Mehr als einmal hatte sie Beau dabei ertappt, dass er ihr in den Ausschnitt gesehen hatte. Sie hatte nur nicht damit gerechnet, dass sie so heftig auf seine Blicke reagieren würde. Wie peinlich – ganz egal, ob Beau es bemerkt hatte oder nicht. Sie wusste es, und das war schlimm genug.

Und ich muss da noch mal hin. Gott, sie war ein Idiot. Auch wenn Beau sie heute nicht erkannt hatte, standen die Chancen, dass sie das Wochenende überstand, ohne dass er herausfand, wer sie war, ziemlich schlecht. Ehrlich gesagt gingen sie gegen null. Selbst wenn Honey es nicht sofort Gott und der Welt erzählte, würde die gesamte Bevölkerung von Bellefleur da sein, und Grace machte sich keine großen Hoffnungen, dass die ganze Stadt urplötzlich an selektivem Gedächtnisverlust litt. Ihre einzige Rettung war, dass sowohl der Freitag als auch der Samstag sehr hektisch werden würden – für sie und für Beau. Sie wären zwar beide am selben Ort, würden aber notgedrungen nur kurz und geschäftlich miteinander zu tun haben. Zumindest an diese Hoffnung konnte sie sich klammern. Vielleicht hätte sie sofort mit der Wahrheit herausrücken und sich die ganze Mühe ersparen sollen.

Obwohl es schön gewesen war, ihn zu treffen, ohne dass er in ihr Gracie Lee sah.

Argh. Wenn sie das hier überlebte, würde sie nie, nie wieder nach Bellefleur zurückkommen. Dann würde sie niemandem mehr etwas beweisen müssen.

Dieser Gedanke gab ihr Auftrieb, bis das zweite Glas Wein Wirkung zeigte und ihre angespannten Nerven beruhigte. Nachdem sie in bequeme Shorts und ein Tanktop geschlüpft war, ging sie in die Küche und steckte ein tiefgekühltes Fertiggericht in die Mikrowelle. Nachdenklich betrachtete sie ihr beinahe leeres Weinglas und überlegte, ob sie sich noch ein weiteres gönnen sollte, entschied sich schließlich aber, damit zumindest so lange zu warten, bis das Abendessen auf dem Tisch stand.

Kaum hatte sie diesen Gedanken zu Ende gedacht, klopfte es an der Tür. Als sie öffnete, setzte ihr Verstand aus, denn dort auf ihrer Türschwelle stand niemand anderes als Beau.

»Du hast mich angelogen.«

Die Worte ergaben keinen Sinn, aber das tat die Tatsache, dass Beau Vaughn vor ihrer Tür stand, genauso wenig. Beau Vaughn. Hier. Und er sah absolut großartig aus in seinen ausgewaschenen Jeans und einem schlichten grauen T-Shirt, das sich an wohlgeformte Brustmuskeln und einen muskulösen, flachen Bauch schmiegte. Sollten Köche nicht eigentlich pummelig sein, wenn sie ständig ihr eigenes Essen kosteten? Während sich diese Gedanken überschlugen, begann ihr Verstand allmählich, seine Worte zu entwirren, aber sie schienen irgendwie nicht zu dem Schmunzeln auf seinem Gesicht zu passen. Wie viel hatte sie eigentlich getrunken? »Was?«, brachte sie schließlich heraus.

»Du hast mich angelogen. Ich habe dich gefragt, ob ich dich kenne, und du hast Nein gesagt.«

Eine seiner Augenbrauen ging nach oben, wie um sie zu verspotten. »Das war eine Lüge, Gracie Lee.«

Das »Gracie Lee« schien die Welt wieder geradezurücken, und der Schock, Beau auf ihrer Fußmatte stehen zu sehen, verwandelte sich in Wut. »Warum bist du hier? Und woher weißt du überhaupt, wo ich wohne?«

»Um deine erste Frage zu beantworten: Weil du mich angelogen hast. Und was deine zweite Frage angeht: Du stehst im Telefonbuch.«

Verdammt. »Ich habe dich nicht angelogen. Und selbst wenn, gibt dir das noch lange nicht das Recht zu stalken.«

Da war wieder dieses Lächeln, aber sie weigerte sich, sich davon einwickeln zu lassen. »Eine alte Freundin zu besuchen gilt wohl kaum als Stalking. Und du hast es doch getan. Gelogen«, fügte er erklärend hinzu. »Ich frage mich, warum.«

»Wir sind keine alten Freunde.« Beinahe verschluckte sie sich an dem Wort und der Lächerlichkeit dieser Vorstellung. »Du hast mich gefragt, ob du mich kennst, und die Antwort ist Nein. Du kennst mich nicht. Jetzt nicht, und damals ganz gewiss auch nicht.«

»Das ist doch Wortklauberei, Gracie Lee. Ich …«

Ein Schauer lief ihr über die Haut. »Ich heiße einfach nur Grace«, schnauzte sie ihn an. »Nicht Gracie Lee.«

Fragend zog er eine Augenbraue hoch. »Und Henson. Bist du vor irgendwas auf der Flucht?«

Nur vor meiner Vergangenheit. »Ich habe neu angefangen. Neue Stadt, neuer Name.« Beau setzte an, etwas zu sagen, doch sie schnitt ihm das Wort ab. »Ich habe deine Fragen beantwortet, also beantworte du jetzt bitte meine. Warum bist du hier?«

»Kann ich erst mal reinkommen?«

»Nein!« Das war furchtbar unhöflich, aber es platzte einfach aus ihr heraus, ohne dass sie nachdachte. Sie hatte nur nicht erwartet, dass er bei dem Wort so geschockt und leicht verletzt aussehen würde.

Er trat einen Schritt zurück, Verwirrung ins Gesicht geschrieben, und schob die Hände in die Gesäßtaschen seiner Jeans. »Also, das kam jetzt … unerwartet.«

Wahrscheinlich war er noch nie von einer Frau zurückgewiesen worden, und bei dem Gedanken durchzuckte sie eine kleine Spur gehässigen Vergnügens. Es war nicht dasselbe wie das, was er ihr angetan hatte – nicht einmal annähernd –, trotzdem fühlte sie sich ein klein wenig gerächt. »Geht es um Honeys Hochzeit?«, fragte sie.

»Nein.«

»Dann bist du also den ganzen Weg hierhergefahren, nur um mich eine Lügnerin zu nennen?«

Er wand sich unbehaglich. »Wenn du es so sagst …«

Also wenn das nicht lächerlich war … Wie sie hier standen, er draußen vor der Tür, während sie ihm den Eintritt verweigerte wie der Türsteher einer verrufenen Kneipe, der auf das richtige Losungswort wartete. Aber sie konnte ihn nicht hereinlassen. Sie trug ja nicht einmal einen BH, um Himmels willen! Grace verschränkte die Arme vor der Brust, um diese Tatsache zu verbergen, und bot ihm unverfroren die Stirn. »Nun, Mission erfüllt. Sonst noch was?«

Seine Haltung machte eine komplette 180-Grad-Wende. »Ehrlich gesagt ja. Ich würde wirklich zu gerne wissen, was ich eigentlich getan habe, dass du so sauer auf mich bist.«

Das klang aufrichtig, wenn auch ein bisschen gereizt, dennoch forschte sie in seinem Gesicht nach einem Hinweis darauf, dass er sich über sie lustig machen wollte. Als sie keinen fand, kam ihr ein Lachen über die Lippen. »Du weißt es wirklich nicht, oder?«

»Sonst würde ich nicht fragen.«

»Logisch.« Sie lehnte sich an den Türrahmen. »Der Frühjahrsball.« Das brachte ihr nichts als einen verständnislosen Blick ein. »In deinem Abschlussjahr?«

»Was soll damit gewesen sein?«

»Gott, du erinnerst dich nicht einmal mehr dran. Wow.« Als Beau nur die Schultern zuckte, fuhr sie sich mit der Hand übers Gesicht. »Warum überrascht mich das nicht? Grab mal in deiner Erinnerung. So ungefähr zwei Wochen vor dem Ball, als du und Lindsay gerade mit Pauken und Trompeten miteinander Schluss gemacht hattet …«

Er verdrehte die Augen. »Daran erinnere ich mich.«

Ihr Magen krampfte sich zusammen, als die Erinnerung zurückkehrte. »Am Tag darauf habe ich auf dem Parkplatz auf dich gewartet.« Der Moment, als es ihm dämmerte, stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. »Genau. Das meine ich.«

»Was? Du hast mir gesagt, dass du liebend gern an Lindsays Stelle mit mir auf den Ball gehen würdest.« Bei seinem sarkastischen Tonfall kniff sie die Lippen zusammen. Einen Moment später riss er die Augen auf. »Das hast du ernst gemeint?«

Gleich würde ihr der Schädel platzen. »Äh, jaa

»Du warst eine Neuntklässlerin«, sagte er, als würde das alles erklären.

»Na und?« Das lief nicht wie geplant. »Katie Carter und Melissa Wilson hatten mir erzählt, dass du mich gern zum Ball einladen wolltest, aber nicht sicher warst, ob ich schon einen Freund habe oder so was, und weil ich jünger war und du nicht wusstest, ob ich mich schon mit Jungs verabreden durfte, bla, bla, bla …« Sie hätte es wissen müssen. Sie hätte sich denken können, dass sich die fiesesten Zicken der Schule einfach nur einen Spaß auf ihre Kosten erlaubt hatten. Obwohl es fast zehn Jahre her war, konnte sie immer noch hören, wie Katie und Melissa sie danach verspottet hatten, spürte immer noch den schmerzhaften Kloß in der Brust. Es war die Art von Scham und Kränkung, die weder zeitlicher noch räumlicher Abstand völlig heilen konnten und über die man nicht hinwegkam. »Dass ich ihnen geglaubt habe, war dumm von mir, aber ich war so heftig in dich verknallt, und sie haben sich alle Mühe gegeben, mich zu überzeugen. Du hast mir nicht gerade eine sanfte Abfuhr erteilt, weißt du?«

Er sah tatsächlich ein wenig schuldbewusst aus. »Ich dachte, du wolltest mich nur aufziehen. Dass einer der Jungs dich zum Spaß dazu angestiftet hätte.«

»Nein. Katie und Melissa hatten den Spaß. Und sie haben auch dafür gesorgt, dass alle erfuhren, wie ich mich selbst überschätzt habe und du mich hast abblitzen lassen. Sogar in den drei Jahren danach hat mich das niemand vergessen lassen. Himmel, die Leute haben mir zum Schulabschluss sogar ›Sag einfach Gute Nacht, Gracie‹ in mein verdammtes Jahrbuch geschrieben.«

»Autsch. Das wusste ich wirklich nicht. Es tut mir leid, Grace.«

Seine Entschuldigung wirkte aufrichtig, aber verdammt noch mal, sie wollte sich nach zehn Jahren nicht einfach von einer Entschuldigung besänftigen lassen. Diese Kränkung war ein Ansporn für sie gewesen. Sie hatte sie gehegt und gepflegt, um das zu erreichen, was sie heute war.

Beaus geräuschvolles Schnuppern riss sie aus ihren Gedanken. »Ähm, was ist denn das für ein Geruch?«

Der plötzliche Themenwechsel ließ sie stutzen, doch dann stieg ihr selbst der Geruch in die Nase. »Verdammt!« Sie rannte zur Mikrowelle. Beim Öffnen der Tür wurde der Gestank nach verschmortem Plastik noch schlimmer. Als sie den Plastikteller herausnehmen wollte, verbrannte sie sich daran die Finger und ließ das Ganze auf die Arbeitsplatte fallen. Kochende Bratensoße spritzte in alle Richtungen und verbrannte ihr auch noch den Handrücken. »Verdammte Scheiße!«

»Hier. Unter den Wasserhahn.« Beau hielt ihre Hand unter kaltes Wasser. Als sie aufschrie und die Hand wegziehen wollte, hielt er sie fest. »Nur noch ein bisschen«, redete er ihr gut zu.

»Der blöde Timer ist kaputt. Normalerweise bleibe ich daneben stehen und passe auf, aber du hast mich abgelenkt.« Sie brach ab, als ihr bewusst wurde, dass Beau hinter ihr stand, nah genug, dass sie den Stoff seiner Jeans an ihren nackten Beinen spürte. Seine Hände umfassten warm ihre Handgelenke und sein Atem streifte das Haar an ihrer Schläfe. Unwillkürlich spannte sie die Oberschenkelmuskeln an, und das Wasser, das über ihre Hand rann, fühlte sich mit einem Mal gar nicht mehr so kalt an. Sie schluckte schwer. »Warum kommst du denn nicht rein?«, fragte sie sarkastisch.

Er lachte leise, wobei seine Brust ihren Rücken berührte. »Es sah für mich nach einem Notfall aus.« Sie wollte den Wasserhahn zudrehen, doch er hielt ihre Hand fest. »Noch nicht. Mit Verbrennungen kenne ich mich aus. Je länger man sie kühlt, desto besser.«

Etwas schnürte ihr die Kehle zu, deshalb nickte sie nur.

»Darf ich fragen, was das sein soll? Oder besser, mal war?«

Sein verwirrter und leicht angewiderter Tonfall half ihr, ihre eigene Stimme wiederzufinden. »Das war mal mein Abendessen.«

»Du wolltest das doch nicht ernsthaft essen, oder?«

Er klang so aufrichtig entsetzt, dass sie lachen musste. »Doch, so war’s jedenfalls geplant.«

»Das ist ja widerlich, Grace.«

»So schlecht ist es gar nicht. Für ein Tiefkühlgericht wenigstens.«

Sein Seufzen klang beinahe gequält. »Lass einfach die Hand weiter unter dem kalten Wasser.« Mit einem Geschirrtuch beförderte Beau die Reste ihres Abendessens in den Müll, dann schaltete er den Dunstabzug ein. »Es wird eine Weile dauern, bis der Gestank verflogen ist.« Beau bewegte sich in ihrer winzigen Küche mit sicherer Gelassenheit. Offensichtlich war er es gewöhnt, mit solchen Katastrophen umzugehen. Als er jedoch die Wohnungstür schloss, kam Grace ihre Wohnung auf einmal sogar noch kleiner vor.

Sie war allein. Mit Beau Vaughn. Ein wahr gewordener Teenagertraum – nur dass sie in diesem Traum keine verbrannte Hand verarztet hätte. Und dass sie angezogen gewesen wäre. Und Beau hätte sie zuerst auf Knien mit einem Dutzend Rosen und einer Packung Eiscreme um Verzeihung angefleht.

Das hier war alles andere als ein wahr gewordener Wunschtraum, aber sie war zumindest allein mit Beau, und er schien sich bei ihr zu Hause zu fühlen. Es war zutiefst unwirklich.

Die große Frage war allerdings, warum sie ihn nicht bat, wieder zu gehen.

Auf dem Fensterbrett stand eine Aloe-Vera-Pflanze. Beau brach eines der Blätter ab, bevor er das Wasser abstellte und Grace um die Küchenzeile herum zu einem Stuhl führte. Dort tupfte er ihre Hand mit dem Geschirrtuch trocken und bestrich die Verbrennungen dann vorsichtig mit dem klebrigen Gel. Es war eine langsame, sanfte Liebkosung, und nicht ausschließlich zu medizinischen Zwecken. Sie sandte ihr einen Schauer über die Haut.

Jetzt konnte Grace das verbrannte Plastik nicht mehr riechen. Jedes Mal, wenn sie Luft holte, atmete sie eine Nase voll von Beaus Duft ein – nach Kräutern und Gewürzen. Sie fragte sich, was er gekocht haben mochte, weil sie plötzlich sehr hungrig wurde.

Ja, das komische Gefühl in meinem Bauch ist nur Hunger – nach Essen. Das ist alles.

Beaus Blick huschte kurz zu ihrer Brust und dann schnell wieder zurück zu ihrer Hand. Als sie verstohlen ebenfalls an sich herunterspähte, wäre sie am liebsten im Erdboden versunken. Kein BH, kaltes Wasser, die Nähe zu Beau. Ihre Nippel waren aufgerichtet und zeichneten sich deutlich unter dem dünnen Baumwollstoff ab.

Beau trat einen Schritt zurück und räusperte sich. »Besser?«

Sie schluckte die Enttäuschung hinunter, die der körperliche Abstand zwischen ihnen in ihr auslöste. »Viel besser. Danke.«

»Gut.« Beau warf sich das Geschirrtuch über die Schulter und öffnete die Kühlschranktür. »Aber du brauchst immer noch ein Abendessen.«

»Ich hab noch mehr Tiefkühlgerichte im Gefrierfach …«

»Und das ist ein sehr deprimierender Gedanke. Kochst du nicht gern?«

»Ich kann ehrlich gesagt nicht kochen. Aber mit der Mikrowelle bin ich ein Ass.«

Sie glaubte zu hören, dass er tadelnd mit der Zunge schnalzte. »Du hättest vorhin die Suppe essen sollen.« Beau wandte sich vom Kühlschrank zum Vorratsregal und warf dann einen Blick in jeden einzelnen Küchenschrank. Er runzelte die Stirn. »Du machst es mir nicht einfach, was?«

»Was mache ich nicht einfach?«

Er ignorierte die Frage. »Ich habe Eier gesehen. Hast du Parmesan?«

Das war vermutlich die merkwürdigste Unterhaltung, an der sie je teilgenommen hatte, aber sie antwortete trotzdem. »Ich glaube, da ist noch eine Dose im Kühlschrank.«

»Du lieber Himmel, das ist mein persönlicher kleiner Küchenalbtraum!« Er hielt die Dose hoch und sah sie finster an. »Kauf richtigen Käse. Das Zeug hier ist zwar echt übel, aber ich werde mich wohl damit begnügen müssen.« Er zauberte eine Packung Spaghetti hervor, von der sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie sie im Vorratsschrank hatte. »Das hier geht supereinfach, also pass auf und lerne. Zuerst …«

»Was machst du da eigentlich?«

Er sah sie an, als wäre sie äußerst schwer von Begriff. »Ich mache dir was Anständiges zu essen.«

»Das brauchst du nicht.«

Da war wieder dieses träge Lächeln. »Grace, Leute zu bekochen ist mein Beruf. Und ich kann dich nicht guten Gewissens eins von diesen widerlichen Tiefkühldingern essen lassen.«

»Beau …«

»Und außerdem schulde ich dir wirklich ein Essen, nachdem ich vor zehn Jahren dein freundliches Angebot abgelehnt habe.« Er zog eine Augenbraue hoch. »Wenn du lieber essen gehen würdest, ein Freund von mir hat ein Bistro in der Stadt.«

Das Ganze war mehr als merkwürdig. Es hatte etwas Persönliches, beinahe Intimes an sich, dass Beau für sie kochen wollte, und es gab ihr ein äußerst unbehagliches Gefühl, aus Gründen, die sie nicht näher erforschen wollte. Aber essen zu gehen … Gütiger Himmel, das klang beinahe nach einer Art Date, und an so etwas wollte sie nicht einmal denken. Das würde die Grenze zum Unwirklichen eindeutig überschreiten. Das hier andererseits auch. Wie es aussah, würde sie so oder so etwas zu essen bekommen. Na ja, schließlich hatte sie wirklich Hunger.

Grace gab dem Wein und ihrem knurrenden Magen die Schuld und winkte mit der nicht verbrannten Hand in Richtung Herd. »Nur zu.«

Beau schenkte ihr sein Hammerlächeln, das ein heftiges Flattern in ihrem Bauch auslöste. Er stellte das Glas vor sie hin und nahm die Weinflasche aus dem Kühlschrank. »Mehr Wein?«

»Ja, bitte.« Den würde sie definitiv brauchen.

»Und dann sah ich die Gästeliste und die Namen der Hochzeitsgesellschaft und … Na ja, sagen wir einfach, ich finde, Honey ist ganz schön mutig

Bei Grace’ tiefem Seufzer musste er lachen. »So schlimm ist es auch wieder nicht«, entgegnete er.

»Ich bitte dich. Das Ganze ist ein regelrechtes Mienenfeld. Als ob man die Fortescues und die Delacroix miteinander in einen Raum stecken könnte, ohne dass dabei die Feindseligkeit von Generationen hochkocht. Und das dann auch noch auf Belles Fleurs zu veranstalten …«

»Als Belles Fleurs nach dem Krieg von meiner Familie gekauft wurde, hat sich dieser Streit doch praktisch erledigt.«

Sie sah ihn an, als zweifle sie an seiner Intelligenz. »Glaubst du allen Ernstes, dass es dabei immer noch nur um ein Stück Grundbesitz geht? Das wäre zu einfach.« Grace verdrehte die Augen, was in ihm die Frage weckte, ob sie vielleicht etwas wusste, wovon er keine Ahnung hatte. »Mal sehen, wen haben wir denn sonst noch, der für Zündstoff sorgen könnte? Da wären schon mal Brents alte Highschoolliebe Eve und Honeys Schwester, die sich von der Familie entfremdet hat. Oh, und dann sind da auch noch Honeys boshafte Cousinen und Lady Calliope. Die zwischenmenschlichen Spannungen sind immer der schwierigste Teil beim Planen einer Hochzeit.« Sie zuckte mit den Schultern. »Dass ich alle Mitwirkenden und deren Probleme schon kenne, war einer der Hauptgründe, warum ich einspringen sollte.«

Und sie hatte diese Aufgabe souverän und professionell übernommen, um sicherzustellen, dass Honeys großer Tag reibungslos verlief. Was umso beeindruckender war, weil sie vermutlich allen Grund hatte, mindestens die Hälfte der Beteiligten – einschließlich der Braut – für deren Jugendsünden zu hassen. Grace war nicht mehr die Gracie Lee von früher, so viel war sicher. Die Leute von Bellefleur konnten sich auf eine kräftige Überraschung gefasst machen.

»Allerdings muss ich zugeben«, fügte sie hinzu, »dass ich es alles andere als gern getan habe.«

Wenigstens war sie ehrlich. »Unter diesen Umständen ist das kein Wunder.«

»Ich hätte liebend gern nie wieder einen Fuß in diese Gegend – geschweige denn in die Stadt selbst – gesetzt.«

Dann hätte er nie erfahren, dass diese Grace überhaupt existierte. »Ich bin jedenfalls froh, dass du es getan hast.«

»Bis jetzt war es auch nicht so schlimm wie erwartet, darum tut es mir nicht unbedingt leid, dass ich den Job bekam, als Lena mit dem Bräutigam …« Sie brach so plötzlich ab, dass er schon glaubte, sie habe sich auf die Zunge gebissen. »Als wir in letzter Minute einen Ersatz finden mussten«, korrigierte sie sich.

»Also ist Honeys ursprüngliche Hochzeitsplanerin wirklich mit einem Bräutigam durchgebrannt?« Das wurde zwar gemunkelt, aber bis eben hatte er es nicht geglaubt.

Mit einem Seufzen satter Zufriedenheit ließ Grace ihre Serviette auf den leeren Teller fallen und griff nach dem Weinglas. Das Essen, der Wein und die Unterhaltung hatten langsam, aber sicher dafür gesorgt, dass sie sich entspannte, und die Feindseligkeit, die von ihr ausgegangen war, war endlich verschwunden. Inzwischen schien sie sich sogar gut zu amüsieren. Überraschenderweise tat er das ebenfalls – viel mehr, als er erwartet hatte.

Er konnte kaum glauben, wie sehr sie sich verändert hatte. Es fiel ihm schwer, die Gracie Lee aus seiner Erinnerung mit der Frau in Einklang zu bringen, die ihm an diesem winzigen Tisch gegenübersaß. Andererseits war ihm die schüchterne, unbeholfene Gracie Lee damals nie besonders aufgefallen. Jetzt allerdings machte sie sich auf seinem Radar deutlich bemerkbar, und er war froh, dass er dem Impuls, sie zu suchen, nachgegeben hatte. Nachdem ihre Schutzmauer aus Professionalität gefallen und die eisige Verachtung geschmolzen war, stellte sich heraus, dass Grace einen scharfen Verstand und Sinn für Humor hatte. Zu schade, dass sie diese Seite von sich auf der Highschool nie gezeigt hatte – oder war das etwas, das sie erst entdeckt und perfektioniert hatte, nachdem sie Bellefleur verlassen hatte?

»Das ist zwar nicht gerade etwas, das wir an die große Glocke hängen wollen, aber es stimmt.«

Er brauchte ein paar Sekunden, um sich daran zu erinnern, wovon sie gerade gesprochen hatten. Ach ja, die Hochzeitsplanerin. »Kommt so was öfter vor?«

»Nur wenn der Bräutigam wie Matthew McConaughey aussieht.« Sie lachte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Eine Hochzeit für Verliebte" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen