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Eine Liebe, so unendlich wie das Meer

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PROLOG

Heiß. Laut. Erdrückend.

Die Tanzfläche der Bar vom Weeping Reef Resort war der perfekte Ort, um den Stress des Tages abzuschütteln, und für Chantal Turner war es auch der perfekte Ort, um ihre Bewegungen zu üben. Sie schwang die Hüften zum pulsierenden Rhythmus der Musik, strich sich mit den Händen durch die Haare und schob die feuchten Strähnen aus ihrer Stirn. Ein Schweißtropfen rann über ihren Rücken, aber sie ließ sich nicht aufhalten. Um Mitternacht war die Nacht noch jung, und sie würde tanzen, bis ihre Füße nicht mehr konnten.

Sie genoss eine kurze Atempause von ihrem Lebensplan, um die Sonne zu genießen, während sie auf den wunderbaren Whitsundays ein wenig Geld verdiente. Aber in der Sekunde, wo das hier vorbei wäre, würde sie zurück aufs Festland fahren und alles geben, um sich einen Platz in einem Modern Dance-Ensemble zu sichern. Sie lächelte. Das Leben, das vor ihr lag, war hell und summte nur so vor Möglichkeiten.

Heute war der Großteil ihrer Clique nicht mitgekommen. Da Chantals Freund kein großer Tänzer war, stand er an der Bar, nippte an seinem Drink und unterhielt sich mit einem anderen Mitarbeiter des Resorts. Doch das war ihr egal – der Beat der Musik, der durch ihren Körper floss, war alles, was sie brauchte.

„Hübsche Mädchen sollten nicht alleine tanzen müssen.“

Eine tiefe, männliche Stimme erklang nah an ihrem Ohr, und der Geruch nach Meer und Kokosnusswachs stieg Chantal in die Nase und jagte einen heißen Blitz in ihren Unterleib.

Diesen Geruch würde sie überall erkennen. Eine Hand legte sich leicht auf ihre Hüfte, aber sie hörte nicht auf, sich zu bewegen, bis der Rhythmus der Musik langsamer wurde.

„Vergeude nicht deine Anmachsprüche an mich, Brodie.“ Sie drehte sich um und löste sich aus seinem Griff. „Es gibt hier genügend andere Ladys in Ferienstimmung, die deine kitschigen Annäherungen zu schätzen wissen.“

„Kitschig?“ Er presste eine Hand an seine muskulöse Brust. „Du bist eine harsche Frau, Chantal.“

Seine braun gebrannten, breiten Schultern streckten sich unter einem locker sitzenden schwarzen Tanktop. Am Kragen schaute ein Tattoo heraus. Ein tätowierter Anker erstreckte sich über die Innenseite seines Unterarms. Brodie schaute sie an, seine zerzausten, sonnengebleichten Haare fielen ihm in sein attraktives Gesicht und seine hellgrünen Augen.

Er ist tabu, Chantal. Supertabu. Du darfst ihn nicht anfassen … du darfst nicht mal darüber nachdenken, ihn anzufassen.

Brodie Mitchell machte einen Schritt vor, um den rudernden Armen einer anderen Tänzerin auszuweichen. Ihre Arme streiften einander, als Chantal weitertanzte. Sie würde sich von Brodie und seinem umwerfenden Körper nicht davon abhalten lassen, Spaß zu haben.

Ein anderes Lied kam, und sie hob die Hände in die Luft, kreiste mit den Hüften und stieß sanft gegen Brodie. Seine Finger packten ihre Hüfte, als hätte ein Magnet sie zusammengezwungen. Jede Berührung schoss wie Lava durch ihre Adern.

„Du kannst nicht so tanzen und erwarten, dass ich nicht mitmache.“

Sein Atem war heiß an ihrem Ohr. Ihr ganzer Körper kribbelte, als die Wirkung der Cocktails, die sie getrunken hatte, bevor sie auf die Tanzfläche gegangen war, einsetzte. Der Alkohol wärmte sie, verlieh ihren Gliedern eine träge, fließende Beweglichkeit. Mit schwindeligem Kopf versuchte sie, sich aus seinem Griff zu lösen, stolperte aber, als eine andere Tänzerin gegen sie stieß. Sie wurde hart gegen Brodie gepresst, die Hände flach an seiner steinharten Brust. Er roch gut. So verdammt gut.

Wider besseres Wissen strich sie mit den Fingern über seine Brust, kreiste die Hüften und legte den Kopf in den Nacken. Die Musik floss durch sie hindurch, der schwere Bass hämmerte in ihrer Brust. Sie hätte vermutlich nicht so viele Blue Hawaiians trinken sollen – von dem ganzen Rum und Curaçao drehte sich schon alles.

„Ich kann tanzen, wie ich will“, sagte sie und reckte herausfordernd das Kinn. „Mr. Kitsch.“

„Dafür wirst du bezahlen.“ Er grinste, schlang seinen Arm um ihre Taille und zog sie noch näher. „Es gibt einen Unterschied zwischen charmant sein und kitschig sein, weißt du?“

„Du glaubst, du bist charmant?“, neckte sie ihn und ignorierte die sich aufbauende Spannung, die dafür sorgte, dass ihre Mitte gnadenlos pochte. Das war der Alkohol – der machte sie immer scharf. Es hatte absolut nichts mit Brodie zu tun.

„Ja, ich glaube zufällig, dass ich charmant bin.“

Seine Lippen strichen über ihr Ohr, und jeder Zusammenstoß ihrer Oberschenkel jagte ihr einen Schauer über den Rücken.

„Das ist mir auch schon öfter bestätigt worden.“

„Und von wie vielen Frauen genau?“ Sie unterdrückte ein Grinsen, war aber neugierig, wie viele Kerben er wohl in seinen Bettpfosten geschnitzt hatte. Brodie hatte einen gewissen Ruf, und sosehr sie es hasste, es zuzugeben, konnte Chantal verstehen, warum.

Es lag nicht nur daran, dass er ein unglaublich hübsches Gesicht und einen Körper hatte, der aussah wie aus einer Unterwäschereklame. Heiße Jungs gab es hier im Resort wie Sand am Meer. Nein, Brodie hatte noch mehr: einen dreisten Humor in Verbindung mit dem Talent, dass alle Menschen sich in seiner Nähe einfach wohlfühlten.

„Ein Gentleman genießt und schweigt.“

„Komm schon. Du darfst auch auf die nächsten Hundert aufrunden.“ Sie zog sich zurück, um ihm in die Augen zu sehen.

Er packte ihr Handgelenk und zog ihren Arm hinter seinen Rücken, sodass sein Gesicht ganz nah an ihrem war. „Ich bin nicht so schlimm, wie du denkst, kleine Miss Perfect.“

„Das bezweifle ich stark.“

Die Musik wechselte zu einem langsamen Lied, und Brodie schob seinen Oberschenkel zwischen ihre. Ein Keuchen entfuhr ihr, als ihr Körper mit seinem verschmolz. Sie sollte jetzt aufhören. Das hier war falsch. Aber es fühlte sich besser an als alles, was sie in diesem Moment sonst tun könnte. Besser sogar, als auf einer Bühne zu tanzen.

„Ich wette, du bist sogar noch schlimmer.“

„Ha!“ Er legte eine Hand an ihre Wange. „Das würdest du gerne genau wissen, oder?“

Ihr Körper schrie zustimmend auf, ihr Atem stockte, als sein Gesicht so nah vor ihrem schwebte. Der süße Geruch von Rum auf seinen Lippen vermischt mit erdiger Männlichkeit traf sie so machtvoll, dass ihre Knie unter ihr nachgaben.

Erschrocken zuckte sie zurück, als die Erkenntnis sie traf. In seinen Augen spiegelte sich der gleiche Schock. Das hier war mehr als nur ein harmloser Flirt.

Wie hatte sie sich nur in Brodie verlieben können? Er war ein Faulpelz, ein Charmeur, der sich durchs Leben quatschte, anstatt hart für das zu arbeiten, was er wollte. Er war das genaue Gegenteil von ihr – und so falsch für sie, dass es schon beinahe wieder komisch war. Doch das Gefühl seiner Hand an ihrem Gesicht, seine Hüfte an ihrer, das Flüstern seines Atems an ihrer Wange war das Berauschendste, was sie je erlebt hatte.

Oh nein! Das passiert gerade nicht … das passiert auf keinen Fall!

„Du fühlst es auch, oder?“ Ein besorgter Ausdruck huschte über sein Gesicht, und schnell ließ er seine Hände fallen, als hätte er etwas Heißes angefasst. „Lüg mich nicht an, Chantal.“

„Ich …“

Sie unterbrach sich, als sie aus dem Augenwinkel jemanden sah. Scott.

„Was zum Teufel ist hier los?“, dröhnte er. Seine Wangen waren gerötet, seine Lippen zu einer grimmigen Linie zusammengepresst.

„Gar nichts, Mann.“ Brodie hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück.

Er war größer als Scott, aber kein Kämpfer. Die Schuldgefühle in seinen Augen spiegelten die in Chantals Herzen wider. Wie hatte sie das nur tun können? Wie hatte sie sich in den besten Freund ihres Freundes verlieben können?

„Für mich sah das aber nicht nach nichts aus. Du hattest deine Hände überall.“

„Es ist nichts, Scott.“ Chantal packte seinen Arm, doch er schüttelte sie ab. „Wir haben nur getanzt.“

„Ha!“ Sein Lachen war ein scharfes Bellen ohne jeglichen Humor. „Sag mir, dass du nichts für Brodie empfindest. Denn es sah ganz sicher nicht wie ein platonischer Tanz zwischen zwei Freunden aus.“

Sie versuchte, Worte zu finden, die ihre Gefühle erklärten, aber es gelang ihr nicht. Also schloss sie die Augen und drückte ihre Handflächen an die Stirn. Dann öffnete sie sie wieder und sah, wie Scotts Faust auf Brodies Gesicht zuschoss.

„Nein!“

1. KAPITEL

Ablehnung war schon für einen durchschnittlichen Menschen hart, aber für Tänzer gehörte sie zum Alltag. Das halbherzige „Danke, aber nein“ nach einem nicht erfolgreichen Vortanzen? Ja, das kannte sie. Schlechte Kritiken im Kulturteil der örtlichen Zeitung? Die waren unausweichlich. Ein nicht begeistertes Publikum? Unangenehm, aber so eines hatte jeder Tänzer mindestens einmal im Laufe seiner Karriere.

Man hatte Chantal Turner erzählt, dass es mit der Zeit leichter würde, aber es fühlte sich im Moment nicht leicht an, den Kopf zu recken und das Zittern ihrer Lippen zu unterdrücken. Sie stand im grellen Licht der Scheinwerfer mitten auf der Bühne und verlagerte ihr Gewicht von einem nackten Fuß auf den anderen. Der verblichene Samt der Theatersitze vor ihr sah aus wie ein rotes Meer, und die Scheinwerfer ließen dunkle Flecken vor ihren Augen tanzen.

Die Bühne war ihr liebster Ort auf der ganzen Welt, aber heute fühlte sie sich wie das Sinnbild ihres Versagens an.

„Ich fürchte, dein Stil ist nicht ganz das, wonach wir suchen“, sagte der Regisseur und spielte mit seinem Handy. „Er ist sehr …“

Er schaute seinen Partner an, und beide schüttelten den Kopf.

„Traditionell“, sagte er mit einem sanften Lächeln. „Für diese Show suchen wir nach Tänzern mit einem moderneren, härteren Stil.“

Chantal überlegte zu widersprechen – ihm zu sagen, dass sie das lernen, ihren Stil anpassen könnte. Aber der Gedanke, ein weiteres Nein zu hören, war zu viel.

„Trotzdem danke.“

Wenigstens hatte sie heute als Letzte vorgetanzt, sodass niemand mehr da war, um Zeuge ihrer Zurückweisung zu werden. Sie blieb kurz stehen, um in ihre Turnschuhe zu schlüpfen und sich ein Sweatshirt über ihr Tanktop zu ziehen.

Der letzte Regisseur hatte ihr gesagt, sie tanze zu abstrakt. Nun war sie zu traditionell. Sie biss sich auf die Unterlippe, um den Protest zu unterdrücken, der aus ihr herausplatzen wollte. Es war nicht professionell, mit den Regisseuren zu diskutieren – und wenn sie eines war, dann ein Profi. Ein Profi, der in letzter Zeit keine guten Jobs mehr zu kriegen schien …

Das war das vierte Vortanzen in diesem Monat, bei dem sie versagt hatte. Nicht einmal ein Hauch von Interesse. Sie hatten sie mit ausdrucksloser Miene beobachtet und ihr Urteil mit chirurgischer Präzision gefällt. Die Gründe waren unterschiedlich gewesen, aber das Ergebnis war immer das gleiche. Aber sie wusste, dass sie besser tanzte, als alle sagten.

Zumindest hatte sie das mal …

Ihre Turnschuhe knirschten auf dem Kies des Theaterparkplatzes, als sie zu ihrem alten Wagen ging. Sie hatte Glück, dass er überhaupt noch lief. Er hatte Rostflecken, die rote Farbe platzte an allen Ecken ab, und der zweite Gang hakte ständig. Aber trotzdem war er vermutlich das Verlässlichste, was sie in ihrem Leben besaß, da die ganze Zeit, die sie in ihren Tanz gesteckt hatte, sich ja scheinbar nicht auszahlte. Ganz zu schweigen von ihrem Konto, das erschreckend leer aussah.

Was ihren Exmann Derek vermutlich freuen würde.

Nein, sie würde nicht an den Kontrollfreak denken oder an das Trümmerfeld, das ihre Ehe gewesen war.

Sie setzte sich hinters Lenkrad und sah auf ihr Handy. Eine SMS von ihrer Mutter, die ihr Glück fürs Vortanzen wünschte. Sie zuckte innerlich zusammen. Das war nur eine weitere Erinnerung daran, dass die ganzen Opfer, die ihre Mutter gebracht hatte, damit sie tanzen konnte, umsonst gewesen waren.

Entschlossen betrachtete sie sich im Rückspiegel und schürzte die Lippen. Sie würde sich davon nicht unterkriegen lassen. Das war nur ein kleiner Rückschlag. Man hatte ihr oft gesagt, dass sie eine begabte Tänzerin war. Verdammt, sie war vor einigen Jahren sogar für eine Dokumentation über modernen Tanz gefilmt worden. Sie würde es irgendwie in eines dieser Ensembles schaffen – und wenn sie dafür ihr Letztes geben musste.

Doch trotz der positiven Affirmation schlich sich der Zweifel in ihr Herz. Warum lief im Moment alles so falsch?

Panik stieg in ihr auf und erschwerte ihr das Atmen. Sie schloss die Augen und zwang sich, tief durchzuatmen, um sich zu beruhigen. Panik würde nicht helfen. Zum Glück war es ihr gelungen, einen befristeten Job als Tänzerin in einem kleinen Theater vor den Toren Sydneys zu ergattern. Er war nicht prestigeträchtig, aber es musste ja auch nicht für immer sein.

Ein kleiner Job würde ihr ausreichend Geld einbringen, um die nächsten Wochen zu finanzieren. Außerdem wurde ihr ein Zimmer gestellt. Sie würde diese Phase überstehen, egal wie.

Sie ballte und entspannte die Fäuste – eine Technik, die sie gelernt hatte, um ihre Muskeln zu entspannen, wann immer die Panik aufwallte. Zum Glück waren die Panikattacken inzwischen nicht mehr die Monsterwellen, die drohten, sie unter Wasser zu ziehen, sondern mehr wie kleine Spritzer im Pool, nachdem jemand hineingesprungen war. Damit konnte sie umgehen.

Kleine Schritte … Jeder winzige Fortschritt zählt.

Sie schob die dunklen Gedanken beiseite, fuhr vom Parkplatz und klemmte ihr Handy in die Halterung an der Windschutzscheibe. Wie auf Kommando klingelte es, und das Gesicht ihrer alten Freundin Willa erschien auf dem Display. Chantal überlegte kurz, bevor sie ranging. Sie war nicht in der Stimmung zu reden, aber sie hatte eine zweistündige Fahrt vor sich, und nur Musik zu hören würde ihr schnell langweilig.

Außerdem hatte Chantal nach ihrer Scheidung erkannt, dass wahre Freunde selten waren, also hatte sie sich bemüht, mit Willa in Kontakt zu bleiben. Ihren Anruf jetzt zu ignorieren würde das alles zunichtemachen.

Also tippte sie auf das Display und bemühte sich um ihre fröhlichste Stimme. „Hey Willa.“

„Wie geht es meiner Lieblingstänzerin?“

Willas übersprudelnde Begrüßung weckte sehnsüchtige Erinnerungen.

„Ich hoffe, sie nimmt die Kunstwelt im Sturm?“

Chantal zwang sich zu einem Lachen. „Ja, so in der Art. Es geht langsam, aber ich arbeite daran.“

„Du schaffst das, das weiß ich. Als ich dich in der Oper von Sydney habe tanzen sehen … das war unglaublich. Wir sind alle so stolz auf dich, dass du deine Träume verfolgst.“

Chantals Magen zog sich zusammen. Sie wusste, dass nicht alle, auf die Willa sich bezog, stolz auf sie waren – vor allem, weil ihr Tanzen erst dafür gesorgt hatte, dass die Gruppe vor acht Jahren auseinandergebrochen war.

Außerdem sahen sie nur, was sie ihre Freunde sehen lassen wollte. Wenn man ihre Social-Media-Seiten und ihre Website für bare Münze nahm, dann lebte sie den Traum einer jeden Künstlerin. Was sie nicht wussten, war, dass Chantal alle dunklen, unangemessenen Teile ausgelassen hatte, auf die sie nicht stolz war: ihre hässliche Scheidung, ihr leeres Konto, die Gründe, warum sie sich für ein kleines Engagement an der Küste entschieden hatte, wo sie sich doch darauf konzentrieren sollte, in ein bekanntes Ensemble aufgenommen zu werden …

„Danke, Willa. Wie geht es deinem Bruder? Ist er immer noch in Übersee?“ Sie hoffte, dass der Themenwechsel nicht zu offensichtlich war.

„Luke hat mir heute eine SMS geschickt. Er arbeitet an irgendeinem großen Deal, aber es sieht so aus, als ob er bald nach Hause kommt.“ Willa seufzte. „Vielleicht kriegen wir ja bald doch die ganze Gang mal wieder zusammen.“

Die „ganze Gang“ war die Clique, die sich gebildet hatte, als sie alle in dem magischen Weeping Reef Resort auf den Whitsundays gearbeitet hatten. War das wirklich schon acht Jahre her? Sie erinnerte sich noch so lebhaft, als wäre es gestern gewesen. Das überirdische Blau des Meeres, der fast weiße Sand … sie hatte jede Sekunde davon geliebt. Bis sie alles vermasselt hatte.

„Vielleicht“, sagte sie.

„Ein paar von uns kommen schon heute Abend zusammen.“ Willa legte eine bedeutungsvolle Pause ein. „Wenn du Zeit hast, würden wir uns freuen, dich zu sehen.“

„Tut mir leid, Willa, aber ich muss heute Abend arbeiten.“

Chantal bog auf die Auffahrt zum Highway, der aus Sydney herausführte. Im Rückspiegel funkelten die Lichter der Stadt.

„Oh? Irgendwo in der Nähe?“

„Ich fürchte nicht. Ich bin gerade auf dem Weg nach Newcastle.“

„Ach, stimmt ja. Kenne ich das?“

„Vermutlich nicht. Es ist ein kleines Theater namens Nine East … sehr intim.“

Sie zwang sich, freudig zu klingen, auch wenn sie sich am liebsten auf einer einsamen Insel versteckt hätte, bis ihre Fähigkeit zu tanzen zurückgekehrt wäre. Gott allein wusste, warum sie Willa den Namen gesagt hatte. Sie betete, dass ihre Freundin ihn nicht im Internet nachschlagen würde.

„Hör mal, Willa, ich muss jetzt auflegen. Ich bin im Auto unterwegs.“

„Okay. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder?“

Die Hoffnung in ihrer Stimme verursachte Chantal leichte Schuldgefühle. Sie wollte die Gruppe nicht sehen. Oder besser gesagt, sie sollten nicht erfahren, dass ihr Leben nicht so war, wie sie es glaubten.

„Ja, hoffentlich.“

Es gab doch nichts Schöneres, als in der Gesellschaft von Freunden zu sein, während einem die milde Brise vom Meer über die Haut strich und man ein kühles Getränk in der Hand hielt. Dazu noch die Lichter der Stadt, die sich im Wasser spiegelten, und einen Ausblick auf die Sydney Harbour Bridge vor dem tintenblauen Abendhimmel, und es war ein beinahe perfekter Abend.

Brodie Mitchell lehnte sich gegen die Reling seiner Jacht und musterte die Gruppe vor sich. Der Champagner floss, die Musik stieg in die Luft, und alle lachten und unterhielten sich angeregt über ihre gemeinsame Zeit im Weeping Reef Resort. Seitdem war viel Zeit vergangen, aber Brodie musste lächeln, als er daran dachte, dass die Gruppe jetzt genauso lebhaft war wie damals, als sie alle noch Kinder waren, betrunken von der Freiheit und Schönheit des Resortlebens.

„Hey Kumpel.“ Scott Knight gesellte sich mit einem Bier in der Hand zu ihm. „Trinkst du heute gar nichts?“

„Ich versuche, mal brav zu sein.“ Brodie grinste und prostete ihm mit seiner Wasserflasche zu. „Ich trainiere für einen Halbmarathon.“

„Wirklich?“ Scott sah ihn fragend an.

Brodie schlug seinem Freund auf die Schulter und lachte. „Ja, wirklich.“

Sosehr er sich darüber ärgern wollte, dass seine Freunde ihm nicht zutrauten, einen Halbmarathon zu laufen, so sehr konnte er sie verstehen. Auf Wettbewerbslevel zu laufen erforderte eine gewisse Hingabe und Routine, und beides war nicht Brodies Stil. Er war eher der lässige Typ, der auf Surfen, Sand und Mädchen in Bikinis stand. Keinen Alkohol zu trinken und im Morgengrauen aufzustehen, um zu trainieren … Das war eher nicht sein Ding.

„Du musst zugeben, das passt nicht sonderlich gut zu deinem Lebensstil.“ Scott machte eine Geste, die die Jacht und die Aussicht einschloss.

Das Boot war wirklich eine Augenweide – Luxus im reinsten Sinne des Wortes, von dem klassischen Innenausbau bis zu der handwerklichen Qualität des Decks.

In einer großen Familie aufzuwachsen hatte bedeutet, dass der wöchentliche Einkauf der Mitchells viele Mäuler stopfen musste und dass Schulbücher immer von einem zum anderen weitergegeben wurden. Sie waren nicht arm gewesen, aber er war nie auch nur in die Nähe von etwas so Exquisitem wie einer Jacht gekommen. Jetzt gehörte ihm ein Jachtcharterbusiness mit mehreren Booten.

„Ich bin nicht ganz allein auf die Idee gekommen“, gab Brodie zu und trank einen Schluck von seinem Wasser. „Da ist dieser Typ im Hafen, der mich ständig damit genervt hat, dass ich anfangen sollte, zu laufen. Er hat mit mir um hundert Dollar gewettet, dass ich es nicht schaffe, an einem Lauf teilzunehmen.“

„Also hast du gleich mit einem Halbmarathon angefangen?“ Scott schüttelte lachend den Kopf. „Warum probierst du es nicht mal mit lockeren zehn Meilen?“

Brodie grinste achselzuckend. „Wenn ich schon früh aufstehe, kann es auch genauso gut für was Großes sein.“

„Sagt der Kerl, der einmal lieber ausgeschlafen hat, als in der Jury für einen Bikiniwettbewerb zu sitzen.“

„Und der es seitdem bedauert.“

Scott verschränkte die Hände hinterm Kopf und lehnte sich gegen die Reling. „Das waren noch Zeiten.“

„Du siehst so aus, als würdest du heute deinen Traum leben.“ Brodie versuchte, den Neid aus seiner Stimme herauszuhalten.

Ein glückliches Grinsen breitete sich auf Scotts Gesicht aus, als seine Freundin Kate ihm von der Tanzfläche aus zuwinkte, wo sie mit Willa, Amy und Amys Freundin Jessica die Hüften schwang. Die Mädchen lachten und tanzten mit Champagnergläsern in der Hand. Genau wie in alten Zeiten.

„Das tue ich“, sagte Scott ernst.

Gerade als Brodie das Thema wechseln wollte, löste Willa sich aus der Gruppe und gesellte sich zu den Jungs. Sie ließ sich neben Brodie auf die Bank fallen, schlang ihren Arm um seine Schulter und zog ihn in eine schwesterliche Umarmung.

„Ich bin so froh, dass du wieder in Sydney bist“, sagte sie.

„Und wo ist dein Mann heute Abend?“, fragte Brodie.

„Arbeiten.“ Sie zog eine Schnute. „Aber er hat versprochen, nächstes Mal dabei zu sein. Ich glaube, er hat sich ein bisschen geärgert, dass er dieses Jachterlebnis verpasst.“

Brodie lachte leise. „Ja, das ist tatsächlich ein Erlebnis. Meine Klienten bezahlen viel Geld, um sich von dieser Schönheit über das Wasser tragen zu lassen, und sie ist jeden Cent wert.“

„Rate mal, mit wem ich heute Nachmittag gesprochen habe.“ Mit einem unschuldigen Lächeln wechselte Willa das Thema.

Fragend hob Brodie eine Augenbraue. „Mit wem?“

„Mit Chantal.“

Allein ihren Namen zu hören reichte, um Brodies Blut schneller durch seine Adern rauschen zu lassen. Chantal Turner war das einzige Mädchen, dem es je gelungen war, seine Aufmerksamkeit länger als für fünf Minuten zu fesseln. Sie hatte damals auf den Whitsundays eine nahezu magnetische Anziehungskraft auf ihn ausgeübt. Das einzige Problem war – sie war Scotts Freundin gewesen. Er war ihr zu nahe gekommen, hatte mit dem Feuer gespielt und sich dafür ein blaues Auge eingefangen. Schlimmer noch, danach hatte er für fast acht Jahre seinen besten Freund verloren.

Brodies Blick glitt zu Scott, doch in seinem Gesicht war keine Anspannung zu lesen. Er war zu sehr damit beschäftigt, Kate zu bewundern, um Willa zuzuhören.

„Sie tritt heute Abend auf“, fuhr Willa fort. „Nur ein kleines Stück die Küste rauf.“

Brodie schluckte. Das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war, Chantal Turner tanzen zu sehen. So, wie sie sich bewegte, zwang sie die stärksten Männer in die Knie, und Brodie hatte eine spezielle Schwäche für Frauen, die wussten, wie sie ihren Körper einsetzen konnten.

„Wir könnten doch hinfahren – schließlich haben wir ein Boot.“ Willa grinste und stieß ihn mit dem Ellbogen an.

„Woher weißt du, dass sie auftritt?“ Er nahm einen Schluck Wasser, weil sein Mund auf einmal ganz trocken war.

„Sie hat es mir erzählt.“

„Ich weiß nicht, ob wir …“ Brodie zwang sich, ganz tief durchzuatmen, als Bilder von seinem Beinahe-Kuss mit Chantal sein Gehirn fluteten.

Das war das letzte Mal gewesen, dass er sie gesehen hatte. Er war nicht sicher, was sie wiederzusehen mit seinem Entschluss anstellen würde, die Vergangenheit ruhen zu lassen. Wenn es um Chantal ging, schien er nicht mehr klar denken zu können.

„Wir sollten hinfahren.“ Scott klopfte Brodie auf die Schulter, als wolle er ihm erneut versichern, dass er ihm jene Nacht nicht mehr übel nahm. „Ich bin sicher, sie würde sich über unsere Unterstützung freuen.“

Inzwischen waren Amy, Jessica und Kate herübergekommen, um sich nachzuschenken.

„Wir haben gerade über einen kleinen Törn die Küste hinauf gesprochen“, sagte Scott und goss den Mädchen Champagner ein. „Chantal hat heute einen Auftritt.“

„Oh, das sollten wir unbedingt machen!“, sagte Amy, und die anderen Frauen nickten zustimmend.

Dann schauten ihn alle erwartungsvoll an. Mit einem einfachen Wiedersehen würde er doch klarkommen, oder nicht …?

„Warum nicht?“, sagte Brodie und drückte sich von seinem Stuhl ab.

Als Chantal auf den Parkplatz der Location bog, deren Adresse man ihr in der E-Mail mitgeteilt hatte, wurde ihr das Herz schwer. Die Buchung war in letzter Sekunde erfolgt – man hatte sie kontaktiert, ihre kurzen Videoausschnitte auf ihrer Website gelobt und gefragt, ob sie den nächsten ...

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