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Eine schicksalhafte Winternacht

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1. KAPITEL

Whitechapel, London, 1898

Die Wachsfigur des Jesuskinds flog knapp an Rubys Kopf vorbei, schlug gegen die Ziegelmauer des Eisenbahnbogens und landete mit einem schmatzenden Geräusch auf dem Betonboden der Werkstatt. Ruby barg sie aus dem Staub und wiegte die winzige Figur wie ein Baby aus Fleisch und Blut in ihren Armen. Sie hielt die Tränen zurück und wischte Schmutz und Kies von der Figur. Eben noch war das engelsgleiche Gesicht ein frommes Kunstwerk gewesen, liebevoll erschaffen von ihrem Vater Aldo Capretti, dem besten Puppenmacher im East End, wenn nicht in ganz London. Das war zumindest Rubys Überzeugung, und sie war sich sicher, dass Hunderte von reichen kleinen Mädchen, stolze Besitzerinnen einer Capretti-Puppe, ihre Meinung teilten. Papa fertigte gewöhnlich keine religiös inspirierten Figuren, doch dieser Auftrag bildete eine Ausnahme, Pfarrer Brennan zu Gefallen, dem aufbrausenden katholischen Priester, der ihr, als sie noch klein war, eine Heidenangst eingejagt hatte. Und obwohl sie inzwischen beinahe zwanzig war, hatte er immer noch die Macht, sie in Angst und Schrecken zu versetzen.

Ruby schauderte bei dem Gedanken an Pfarrer Brennans Reaktion, wenn er erfuhr, dass die Krippe in der katholischen Kirche St. Augustine leer bleiben würde. In wenigen Tagen war Weihnachten.

Aldo, normalerweise so sanft und freundlich, stieß ein wütendes Brüllen aus, gefolgt von einer Schimpfkanonade: einer merkwürdigen Mischung aus italienischen und englischen Flüchen, die Ruby noch mehr entsetzten als das verzerrte Wachsgesicht des Jesuskinds. Aldo trampelte auf der Stelle und drohte Ruby mit der Faust. Sein Gesicht war blaurot vor Zorn, die Adern an seinem Hals traten hervor wie knotige Stränge. „Du dämliches, vertrotteltes, verdammtes kleines Miststück.“

„Papa, nein. Es war nicht meine Schuld.“ Ruby presste das Jesuskind an ihre Brust. Sie hatte so viele Stunden damit verbracht, jedes einzelne Haar penibel an dem kleinen Schädel zu befestigen, dass der Anblick solcher Verwüstung ihr das Herz brach. Schlimmer noch, die Haare waren echt; sie hatte jedes einzelne rabenschwarz schimmernde Strähnchen aus ihrer eignen Kopfhaut gerupft.

„Gib keine Widerworte. Du hast keine Achtung vor deinem Papa, das ist dein Problem.“

Ein Schatten fiel über den Eingang zu den Eisenbahnbögen. „Hey, was soll das Gezeter, Alter? Möchte wetten, man hört dich bis runter nach Wapping.“

Ruby fuhr herum, außer sich vor Empörung über die Einmischung. „Kümmer dich um deine eigenen Angelegenheiten, Billy Noakes.“

„Raus hier, du nichtsnutziger Windhund!“ Aldo machte einen Schritt auf Billy zu und ballte die Hände zu Fäusten.

„Beruhige dich, Meister“, sagte Billy grinsend. „Wenn du nicht willst, dass ich diese Püppchen zum Großhändler bringe, juckt mich das nicht.“

„Nein, warte“, rief Ruby, als er sich zum Gehen wandte. „Papa hat’s nicht so gemeint. Er ist heute nicht er selbst.“ Sie legte das Jesuskind behutsam auf die Eisenbahnschwelle, die als Werkbank diente, huschte in die dunklen Tiefen des Bogens und lud sich eine Teekiste mit Puppen auf, komplett mit Rüschenkleidchen und winzigen Strohhüten, die ihre Großmutter hergestellt hatte. Ruby taumelte unter der Last, und Billy sprang ihr bei und nahm ihr die Kiste ab.

„Nun mal langsam, Mädchen. Überlass die schwere Arbeit doch dem miesepetrigen alten Scheißkerl da.“

Aldo wollte sich auf Billy stürzen, doch der wehrte ihn mit der Teekiste ab. „War nur ein Spaß, Papa. Könnt ihr Itaker denn keinen Spaß verstehen?“

Aldo öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, wankte zurück und wäre zu Boden gegangen, hätte Ruby ihn nicht aufgefangen. Wütend fiel sie über Billy her. „Wo hast du eigentlich deinen Verstand? Musst du dich über einen kranken Mann lustig machen?“

Das freche Grinsen wich einem Stirnrunzeln, und Billy nickte. „Hast ja recht. Er sieht wirklich nicht besonders gut aus. Komm, ich lade die Kiste auf meinen Karren, dann helfe ich dir, ihn nach Hause zu bringen.“

Ta, aber mit deiner Frotzelei hast du schon genug angerichtet. Ich schaffe das allein.“

„Wie du willst“, sagte Billy mit einem lässigen Schulterzucken.

Ruby mühte sich ab, ihren Vater zu stützen, und bereute ihre übereilte Ablehnung, als sie sah, wie Billy die Teekiste zu seinem Karren schleppte, vor dem ein erbärmlicher Gaul mit Senkrücken wartete und trotz des Eisregens, der von einem bleigrauen Himmel fiel, friedlich den Inhalt seines Futtersacks fraß. Ruby legte sich Aldos Arm über die Schultern und versuchte, ihn auf seinen Hocker zu bugsieren, doch er hatte anscheinend die Kontrolle über seine Beine verloren, sodass Ruby und ihr Papa ins Straucheln gerieten. Ruby verbiss sich ihren Stolz und rief nach Billy. Er kam zurück in die Werkstatt gestapft.

„Überlass den alten Zausel lieber mir, Ruby.“ Billy packte Aldo beim Arm und warf sich den Mann über die Schulter. „Ich bringe euch beide nach Hause. Tobacco Court liegt auf meinem Weg.“

Ruby zögerte, zog sich das Schultertuch über den Kopf und fröstelte, als der Eisregen wie mit kalten Nadeln den dünnen Stoff durchdrang. Eigentlich widerstrebte es ihr, in Billy Noakes’ Schuld zu stehen, denn in Bezug auf Frauen hatte er einen schlechten Ruf und seine Geschäfte galten als ziemlich dubios. Andererseits jedoch konnte sie Papa unmöglich aus eigener Kraft nach Hause schaffen. Schweigend sah sie zu, wie Billy ihren Vater auf dem Kutschersitz unterbrachte und ihn mit einem Fetzen Sackleinen zudeckte, der kräftig nach den Ställen roch.

„Kommst du oder nicht?“ Billy hockte sich neben Aldo und griff nach den Zügeln. „Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit.“

Ein scharfer Ostwind direkt aus den Sümpfen von Essex schlug Ruby wie eine eisige Ohrfeige ins Gesicht und nahm ihr die Entscheidung ab. „Moment noch“, sagte sie, schlug das Holztor zu und drehte den Schlüssel im Schloss. Normalerweise wäre der Tod ihr lieber gewesen, als auf Billys Karren gesehen zu werden, und Mum würde einen Anfall nach dem anderen bekommen, wenn sie davon erfuhr, doch dieser Tag bildete eine Ausnahme, und sie kletterte hinauf und ließ sich neben ihrem Vater nieder. Das Pferd setzte sich langsam in Bewegung.

Die Cable Street war wie jeden Tag verstopft von einem chaotischen Durcheinander aus Bierkutschen, Karren und Wagen mit Ladung für die Docks bei Wapping und Shadwell. Die Luft war durchsetzt von den Dampfwolken der Lokomotiven, die über die Schienen in die Fenchurch Street Station rumpelten. Von den Leibern überstrapazierter Pferde stieg Schweiß auf und mischte sich mit dem Rauch aus den Tonpfeifen zwischen den Zähnen der Kutscher, deren Münder in einem Grinsen erstarrt zu sein schienen. Der Geruch nach heißer Asche, Pferdeäpfeln und Chemikalien aus den Fabriken gesellte sich zu dem stechenden Gestank ungeklärter Abwässer, die sich ins kaffeefarbene Wasser der Themse ergossen. Ruby kauerte sich unter ihrem Schultertuch zusammen. Ihre Zähne klapperten dermaßen, dass sie nicht einmal sprechen konnte, hätte sie Billy denn etwas zu sagen gehabt. Sie umklammerte Aldos Hand, der sich gegen sie fallen ließ. Sein Atem ging rasselnd, sein Gesicht war schweißüberströmt, obwohl seine Finger sich so kalt anfühlten wie ein Hühnerfuß.

Als der Karren in die Spivey Street einbog, ging der Eisregen in Hagel über. Er überzog die verrottenden Pflanzenreste und Exkremente auf dem Kopfsteinpflaster und schuf eine flüchtige Illusion von Schönheit, bis alles zu einem stinkenden Morast zusammenschmolz.

Barfuß und blaugefroren hockten schmuddelige Straßenkinder in Hauseingängen und bettelten oder lauerten im Hintergrund, bereit, einem arglosen Passanten in die Taschen zu greifen.

Billy trieb seinen alten Gaul zu einer schnelleren Gangart an. Er hielt die Peitsche parat, war auf Ärger gefasst, als sie die dunklen engen Lücken zwischen den Gebäuden passierten, diese kleinen Stückchen Hölle, in denen Prostituierte, Zuhälter und Gauner in ihrer permanent dämmerigen Unterwelt herumlungerten. Als sie sich Tobacco Court näherten, sah Ruby, wie Billys Griff um die Peitsche sich lockerte, und sie seufzte erleichtert auf. Hier war sie geboren und aufgewachsen, hier kannte sie sich aus, doch im Elendsviertel von Spivey Street ließ nur ein Dummkopf die Vorsicht außer Acht.

Trotz der rußgeschwärzten Backsteinmauern, der abblätternden Farbe und des allgegenwärtigen Verfalls war Tobacco Court eine ordentliche Adresse. Die Sackgasse war gesäumt von Arbeiterhäuschen mit jeweils zwei Zimmern im Erd- und im Obergeschoss. Die Bewohner waren größtenteils Kunstgewerbler und Handwerker, die ihre Familien knapp oberhalb der Armutsgrenze halten konnten, es sei denn, sie wurden vom Verhängnis der Arbeitslosigkeit oder einer chronischen Krankheit ereilt.

Ruby, die jede Familie im Court kannte und umgekehrt allen bekannt war, war froh, dass das hässliche Wetter die Nachbarn in ihren Stuben hielt. Die Straße war frei von den sonst üblichen Ansammlungen von Frauen in den Hauseingängen, die miteinander tratschten, und von den raufenden Kindern, die zu jung waren, um zu arbeiten oder zur Schule in der Kinder Street zu gehen. Ruby war erleichtert, dass niemand sie oder Billy sah, als sie Papa vor der Hausnummer sechzehn vom Karren hievten.

„Ta“, sagte sie, die Hand schon am Türgriff. „Ich komme jetzt zurecht.“

Billy stieß die Tür mit der Stiefelspitze auf. „Stell dich nicht an.“ Ohne Rubys Protest zu beachten, trug er Aldo ins Wohnzimmer und setzte ihn auf einen Bugholzstuhl. Granny Mole, die am Feuer gedöst hatte, schlug die Augen auf, und Sarah Capretti, blass vor Schreck, sprang auf die Füße.

„Aldo!“ Sarah schlang die Arme um ihn und schüttelte ihn. Sein Kopf sank an ihre Schulter. „Aldo, kannst du mich hören?“

„Papa hatte wieder einen Anfall“, berichtete Ruby hastig, im Wissen, dass ihre Mum eine sehr schlechte Meinung von Billy hatte. „Und Billy hat uns auf seinem Karren nach Hause gefahren.“

Sarah drehte den Kopf und funkelte Billy an. „Ein Gentleman nimmt in der Gegenwart von Damen die Mütze ab, und überhaupt, du bist hier nicht willkommen, Billy Noakes.“

„Danke, Billy“, sagte Ruby, beschämt wegen der Grobheit ihrer Mutter. „Nett, dass du uns geholfen hast.“

„Das hätte jeder andere auch getan“, erklärte Billy und zog sich die Mütze vom Kopf. „Aber ich finde, er sieht nicht gut aus.“

„Ich finde, er sieht halbtot aus“, meinte Granny Mole, hauchte auf ihre Brillengläser und putzte sie mit dem Rockzipfel. „Aber er ist schon seit Wochen so komisch. Ist ein bisschen meschugge geworden. Das hat man davon, wenn man einen Itaker heiratet. Ich hab’s ja gesagt, Sal, das bringt nichts als Kummer.“

„Sei still, Mum“, sagte Sarah und rieb Aldos Hand. „Aldo, Lieber, ich bin’s, Sarah.“

Aldos Lider flatterten, er öffnete die Augen. Seine bleichen Lippen bewegten sich, doch kein Ton kam aus seinem Mund.

„Du hast wieder einen Anfall gehabt, Schatz“, sagte Sarah sanft. „Bleib hier ganz ruhig sitzen, ich koche dir eine schöne Tasse Tee.“

Billy strebte rückwärts der Haustür zu. „Ich geh dann mal.“

Sarah straffte die Schultern. „Glaub nicht, ich wäre nicht dankbar, aber noch dankbarer wäre ich, wenn du nicht mehr herkommen würdest. Wir haben einen Ruf zu verlieren.“

„Mum!“ Ruby spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Jeder wusste, das Billy unerwünscht war, ein Mauschler, den Polizisten immer knapp einen Schritt voraus, doch er hatte ihnen Gutes getan. „Das ist ungerecht.“

„Werd nicht frech, Mädchen“, wies Sarah sie aufgebracht zurecht.

„Schon gut, Mrs Capretti, ich bin schon weg.“ Billy setzte seine Mütze wieder auf und wollte gerade zur Tür hinaus, als ein Mädchen, das fast genauso aussah wie Ruby, in einem Schwall kalter, verräucherter Luft ins Zimmer stürmte.

„Na, so was“, sagte Billy und beäugte sie anerkennend. „Da ist ja auch die andere Hälfte des Pärchens.“

„Mach die Tür zu, Rosetta.“ Sarah nahm den braunen Teekessel vom Dreifuß beim Feuer und richtete den Ausgießer auf Billy. „Er will gerade gehen.“

„Hallo, Billy.“ Rosetta warf ihm unter langen schwarzen Wimpern hervor einen Seitenblick zu und verzog die vollen roten Lippen zu einem provokanten Lächeln. „Und auf Wiedersehen. Schade, dass du nicht länger bleiben kannst.“

Ruby wusste, dass Rosetta ein Faible für Billy hatte und Mum gar nichts davon hielt. Sie packte ihre Zwillingsschwester beim Arm und zerrte sie ins Zimmer. „Wiedersehn, Billy. Du warst mir eine große Hilfe.“

„Immer gern zu Diensten, die Damen!“ Mit einem Zwinkern und einem Lächeln wandte Billy sich Rosetta zu. „Bis dann, Miss Rosetta.“

„Was hat er gesagt?“, fragte Granny. „Ich hasse es, wenn Leute nuscheln.“

Sarah sah Rosetta über Aldos Kopf hinweg böse an, während sie ihm die Teetasse an die Lippen hielt. „Will nur hoffen, dass er gar nichts gesagt hat. Ich will nicht, dass eine von euch sich mit Billy Noakes und seinesgleichen abgibt. Das führt zu nichts Gutem, und wir genießen schließlich ein Ansehen in Tobacco Court.“

„Im Gegensatz zu denen in der Spivey Street“, erwiderte Rosetta und schwang anzüglich die Hüften.

„Sei nicht so vulgär, Rose. Dein Vater ist Kunsthandwerker, Puppenmacher-Meister. Wir haben mit denen in der Spivey Street nichts zu tun. Wir sind vielleicht nicht reich, aber wir haben Werte, vergesst das nicht, Mädchen.“

„Als ob das möglich wäre!“ Rosetta löste ihr nasses Schultertuch und warf ihre Haube auf den Tisch. „Ist noch Tee in der Kanne, Mum? Mir ist so verdammt kalt.“

Aldo hob den Kopf und furchte die Stirn. „Wasch dir den Mund aus. Ich will nicht, dass eines meiner Kinder Kraftausdrücke benutzt.“

Rosettas Unterlippe zitterte. „Entschuldige. Papa. Ich hab dich lieb, Papa.“

Aldo lächelte schwach. „Du bist ein Biest, meine kleine Rosa.“

„Dir geht’s wieder besser, Papa.“ Ruby ließ sich neben seinem Stuhl auf die Knie fallen. „Wir hatten solche Angst um dich.“

Aldo tätschelte ihre Hand. „Ach, was. Das war nur eine kleine Kolik.“ Er schob die Teetasse von sich. „Kann nichts mehr trinken, Mama. Schmeckt irgendwie komisch.“

Sarah schüttelte den Kopf. „An meinem Tee ist nichts auszusetzen. Es liegt an dir, Alter. Wenn du vernünftig essen würdest, dann würdest du auch nicht aus den Latschen kippen und uns alle zu Tode erschrecken.“

Aldos Miene verdüsterte sich, er stand mühsam auf. „Ich muss mir dein Genörgel nicht anhören. Mir geht’s wieder gut. Ich geh zurück in die Bahnbögen.“

Sarah drückte ihn mit ihrem beträchtlichen Gewicht zurück auf den Stuhl. „Du gehst nirgendwo hin, Aldo Capretti, höchstens ins Bett.“

Aldo warf Ruby einen angstvollen Blick zu. „Pfarrer Brennan!“

„Das Fieber hat ihm den Verstand geraubt.“ Granny hob mahnend einen Finger. „Er denkt, er braucht einen Priester für die Letzte Ölung.“

Ruby verstand auf Anhieb, was ihren Vater sorgte. Das arme kleine Jesuskind mit dem zerdrückten Gesicht würde bei Pfarrer Brennen nicht gut ankommen. Sie biss sich auf die Unterlippe und überlegte, ob sie selbst den Schaden beheben konnte. Sie war, wenn auch nicht freiwillig, in mancherlei Hinsicht eine ziemlich tüchtige Puppenmacherin geworden. Papa fertigte die Rümpfe aus mit Sägemehl gefülltem Leinen, die Köpfe und Gliedmaßen aus Pappmaché, doch es war sein streng gehütetes Geheimnis, in welchem Verhältnis Wachs mit rotem und weißem Blei gemischt wurde, um die perfekte Hautpigmentierung zu erreichen. Ruby hatte ein bisschen darüber gelernt, wie das Wachs modelliert wurde, doch sie war keineswegs Expertin. Sie war hauptsächlich für den letzten Schliff zuständig, fürs Färben von Lippen und Wangen und das Einsetzen von Augenwimpern und Haaren.

„Priester, dass ich nicht lache!“ Sarah verschränkte die Arme vor ihrer beachtlichen Brust. „Ich begreife nicht, wie ein braves anglikanisches Mädchen wie ich sich mit einem verflixten Papisten einlassen konnte.“ Als niemand etwas entgegnete, warf sie die Hände hoch und verdrehte die Augen himmelwärts. „Was hat Pfarrer Brennan denn damit zu tun?“

Ruby drückte Aldos feuchtkalte Hand und sagte nichts; es war nahezu unmöglich, ihre Mutter hinters Licht zu führen, doch sie wusste, dass mächtig viel Ärger zu erwarten war, wenn Mum von dem Vorfall in den Bahnbögen hörte. Sie setzten auf das Geld von Pfarrer Brennan; ohne dieses Geld gab es kein Essen auf dem Tisch und keine Kohle fürs Feuer.

„Na?“, fragte Sarah, die Hände in die Hüften gestemmt. „Ich warte. Was habt ihr zwei angestellt?“

Aldo schwieg beharrlich, und Ruby sah sich gezwungen zu antworten. „Nichts, Mum. Ehrlich! Nur, Pfarrer Brennen will heute das Jesuskind abholen.“

„Und?“

„Und er wird nicht sehr erfreut sein, wenn er die Tür verschlossen und die Werkstatt verlassen vorfindet. Am besten gehe ich zurück in die Bahnbögen.“

„Nein, ich muss selbst gehen.“ Aldo erhob sich, krümmte sich dann jedoch zusammen und hielt sich den Bauch. Er stöhnte vor Schmerzen, Schweißperlen standen auf seiner Stirn. „Vielleicht gehe ich etwas später.“

„Vielleicht gehst du zu Bett“, meinte Sarah, packte ihn am Arm und dirigierte ihn zur Treppe. Dort hielt sie inne, um Luft zu holen, und wandte sich Rosetta zu, die am Tisch saß und Tee trank. „Gehst du nicht zurück zu Bronski?“

„Nein“, sagte Rosetta und reckte trotzig das Kinn vor. „Dahin bringen mich keine zehn Pferde zurück. Ich habe meinen letzten Saum genäht und den letzten Faden abgeschnitten.“

Sarahs Knie wollten nachgeben. Sie atmete tief durch, ihr Gesicht nahm die Farbe von gekochter Roter Beete an, die blauen Augen quollen vor. „Das glaubst du! Aber ich habe ein Wörtchen mit dir zu reden, Mädchen, sobald ich deinen Vater ins Bett gesteckt habe.“

„Ich schaffe das allein“, wehrte sich Aldo.

„Spar dir die Worte, Alter, du bist schwach wie ein Säugling.“ Halb trug Sarah ihn, halb schob sie Aldo, als sie hinter ihm die Treppe hinaufstampfte, die unter ihrer beider Gewicht knarrte und ächzte.

Rosetta grinste Ruby an. „Jetzt geht’s mir an den Kragen.“

„Ach, Rose! Was hast du getan?“

„Du weißt, dass ich es hier nicht aushalte“, sagte Rosetta und wickelte sich eine Strähne ihres glänzenden schwarzen Haars um den Finger. „Ich habe immer schon gesagt, dass ich eines Tages abhaue, und jetzt habe ich eine Chance, und die will ich ergreifen.“

Ruby warf einen besorgten Blick auf Granny Mole, die wieder eingeschlummert war, nachdem die Aufregung sich gelegt hatte. Sie senkte die Stimme. „Was redest du da?“

„Hab eine Anstellung in der Revue der Falstaff Music Hall in Old Street. Kein Wort zu Mum!“

„Du wirst doch nicht …!“

„Oh doch. In dem dreckigen Kellerloch da, wo man den ganzen Tag lang an Baumwollfusseln erstickt und sich die Augen verdirbt, würde ich doch nie einen reichen Kerl finden.“

„Mum bringt dich um, wenn sie das erfährt.“

„Tja, sie wird’s nicht erfahren, oder? Nicht, wenn du es ihr nicht verrätst. Tante Lottie ist auf meiner Seite. Von ihr kommt der Vorschlag, dass ich’s mal versuchen soll.“

„Psst!“ Ruby legte den Finger auf die Lippen. „Du weißt doch, was Mum und Granny von Tante Lottie halten.“

„Ist mir egal. Lottie hat in der Revue angefangen, und reiche Bewunderer haben um ihre Gunst gebettelt. Sogar der Prince of Wales, sagt sie.“

„Sie trinkt und hat ihr gesamtes Geld verspielt. Joe hat’s mir erzählt.“

„Unser großer Bruder versucht auch gern mal sein Glück, aber das hat er dir bestimmt nie erzählt. Er meint, mit Lottie kann man Pferde stehlen, und das denke ich auch. Wie auch immer, sie sagt, ich habe Talent.“ Rosetta stand auf, hob ihr Schultertuch auf und schnitt eine Grimasse. „Klitschnass! Leih mir deines, Ruby, sei so lieb.“

„Du gehst zurück zur Arbeit?“

„Nie im Leben! Ich bleibe nicht länger hier, nur um mich ausschimpfen zu lassen. Ich gehe nach Shoreditch und wohne bei Lottie. Das ist näher beim Theater, und sie liegt mir auch nicht ständig mit irgendwelchem Gekeife in den Ohren. Gib mir dein Schultertuch, bitte.“

„Nein, tut mir leid“, sagte Ruby. „Ich muss zurück in die Bahnbögen, jetzt gleich.“

Rosetta schmollte. „Ach, komm schon, Ruby. Du bist doch in null Komma nichts da. Ich muss den ganzen Weg nach Shoreditch laufen, und du willst doch nicht, dass ich mir den Tod hole, oder?“

Ruby zögerte; Rosetta war schon als kleines Kind immer sehr anfällig für Erkältungskrankheiten gewesen, und der Weg von Whitechapel nach Shoreditch war weit, besonders an einem kalten, nassen Tag wie diesem. Widerwillig tauschte sie ihr beinahe trockenes graues Schultertuch gegen Rosettas leuchtend rotes ein. Es war feucht und voller schmelzender Hagelkörner. „Was soll ich Mum sagen?“

„Dir fällt schon was ein. Du bist doch die Klügere von uns.“ Rosetta schlang sich das Tuch um den Kopf und führte triumphierend ein Tänzchen auf, hob ihre Röcke, und zeigte ein wohlgeformtes Bein, allerdings in einem dicken und an mehreren Stellen gestopften Wollstrumpf.

„Ich werde nicht lügen“, sagte Ruby, bemüht, nicht über Rosettas Mätzchen zu lachen.

Rosettas Lächeln erlosch; sie ergriff Rubys Hand. „Du achtest auf Papa, ja? Du gibst mir Bescheid, wenn es schlimmer wird?“

„Natürlich, Rose. Und du machst keine Dummheiten, ja?“

„Ich doch nicht!“ Rosettas unverwüstliche Lebensfreude brach sich mit einem frechen Grinsen Bahn und bannte ihre flüchtig besorgte Miene. „Du kennst mich doch, Ruby.“

„Nur zu gut.“ Ruby umarmte ihre Schwester und drückte sie an sich. „Pass gut auf dich auf, Rose.“

Das Klappen der Schlafzimmertür und Sarahs schwere Schritte auf der Treppe beendeten ihre Unterhaltung, und Rose war als Erste zur Tür hinaus, dicht gefolgt von Ruby. Der Eisregen war in fedrige Schneeflocken übergegangen, die vom Himmel wirbelten, als wäre über ihren Köpfen ein gigantisches Daunenkissen geplatzt. Kaum hatte Ruby die Tür hinter sich geschlossen, war Rosetta schon nicht mehr zu sehen. Ruby senkte den Kopf und hastete zurück zu den Bahnbögen. Sie schlitterte über das matschige Kopfsteinpflaster.

Als sie vom vergleichsweise sicheren Tobacco Court auf die Spivey Street gelangte, drang ein Schwall warmer Luft, versetzt mit dem Gestank von abgestandenem Bier und Tabakrauch, wie eine Dampfwolke aus der offenen Tür des „Nag’s Head“. Ein Mann torkelte aus dem Pub, stolperte und rutschte auf dem Schnee aus, prallte gegen einen Laternenmast und klammerte sich an ihn, als ginge es um sein Leben, als seine Beine ihm den Dienst versagten wie die einer Marionette mit gekappten Schnüren. Er sah so komisch aus, dass Ruby sich das Schultertuch vor das Gesicht halten musste, damit er sie nicht lachen sah, doch trotzdem hoffte sie, dass er sich nicht zu arg verletzt hatte.

Sie überquerte die Straße, um nicht an den anrüchigen, mit Brettern vernagelten vierstöckigen Häusern vorbeigehen zu müssen, die seit der Zeit ihrer Errichtung vor gut siebzig Jahren keinen Tropfen Farbe mehr abbekommen hatten. Zerlumpte, barfüßige Kinder lieferten sich eine Schneeballschlacht. Mit ihren spitzen, runzligen Gesichtern sahen sie aus wie Zwerge, ihr Schreien und Kreischen erinnerte eher an das Fauchen wilder Tiere als an menschliche Laute. Ruby hütete sich einzugreifen, als sie übereinander herfielen und blafften und knurrten wie Wolfsjunge. Sie beschleunigte ihre Schritte und zog sich das Tuch tiefer in die Stirn, um die Augen vor dem Schnee zu schützen. Der Ostwind brachte den Übelkeit erregenden Gestank gekochter Knochen von der Kleisterfabrik mit sich und übertünchte den Duft frisch gebackenen Brots vom Backhaus an der Ecke der Spivey Street.

Ruby lief die Cable Street hinunter zu den Bahnbögen. Sie rechnete beinahe damit, Pfarrer Brennan vor der Tür anzutreffen, schneebedeckt und kochend vor gerechtem Zorn, weil die Werkstatt verschlossen war, doch zum Glück wartete dort niemand. Drinnen war es kaum wärmer als draußen, und Rubys Finger waren steif und taub vor Kälte. Das Feuer in der kleinen Kohlenpfanne, über der Papa das Wachs schmolz und weich genug zum Formen hielt, war ausgegangen. Ruby stocherte in der Asche, hoffte, ihr ausreichend Wärme zum Arbeiten abringen zu können, doch es war sinnlos. Ihre Hände waren kalt, das Wachs war noch kälter, und als Ruby den Schaden an dem vormals perfekten Gesicht in Augenschein nahm, stellte sie fest, dass er nicht zu beheben war.

Sie kramte in einer Holzkiste voller Puppenköpfe und fand einen, der für eine Babypuppe gedacht, von Papa jedoch verworfen worden war, weil er seinen strengen Ansprüchen nicht genügte. Pfarrer Brennan würde jeden Augenblick erscheinen, und Ruby war verzweifelt. Sie biss die Zähne zusammen und betete um Vergebung für die Entweihung eines heiligen Gegenstands, als sie den ursprünglichen Kopf abschnitt und durch den neuen ersetzte, den sie mit einer dünnen Wachsschicht befestigte. Das Wachs hatte sie unter der Bluse auf ihrer Haut erwärmt, bis es geschmeidig war. Das Tageslicht schwand rasch, und Ruby zündete einen Kerzenstummel an. Von draußen hörte sie das unverkennbare Klatschen von Pfarrer Brennans Ledersohlen auf dem Pflaster. Das Tor kreischte in seinen rostigen Scharnieren, und schon stand er in der Tür. Sein schwarzer Umriss verschlang das letzte bisschen Tageslicht.

„Nun, Ruby, mein Kind. Hast du etwas für mich?“

Rubys Hände waren feucht von kaltem Schweiß; sie schluckte krampfhaft und streckte dem Priester die kleine Figur entgegen. „Ja, Herr Pfarrer.“

„Du weißt, dass es schon vor einer Woche hätte fertig sein sollen. Das ist nun wirklich keine gute Arbeit.“

„Nein, Herr Pfarrer.“

„Und wo ist Aldo?“

„Er ist krank, Herr Pfarrer.“

„Du willst doch nicht sagen, er hat getrunken, mein Kind?“

„Oh nein, Herr Pfarrer, Papa rührt keinen Tropfen an. Selbst, wenn er wollte, er könnte es sich nicht leisten.“

Pfarrer Brennan klemmte sich das Jesuskind unter den Arm, griff in seine Soutane und holte einen ledernen Geldbeutel hervor. „Du verlangst sicher eine Bezahlung, aber ich vermute, du nimmst es übel, wenn ich wegen der verspäteten Übergabe Geld abziehe.“

„Ja, Herr Pfarrer. Ich meine, nein, Herr Pfarrer. Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer.“

Er zerrte mit dicken, fleckigen Fingern, die Ruby an rohe Rindswürste erinnerten, an den Schnüren des Beutels, der ihm plötzlich aus den Händen glitt. Erstaunlich flink fing er ihn auf, doch die hastige Bewegung löste den behelfsmäßigen Kopf vom Rumpf des Jesuskinds, und er flog auf den Werkstattboden. Einen Augenblick lang herrschte völlige Stille; selbst das Rumpeln von Karrenrädern und das Getrappel von Pferdehufen draußen auf der Straße schienen auszusetzen, als Ruby und Pfarrer Brennan den abgetrennten Kopf durch den Staub rollen sahen.

Pfarrer Brennan fand als Erster die Sprache wieder und brüllte: „Frevel!“

Ruby beeilte sich, den Kopf aufzusammeln. „Es war ein Missgeschick, Herr Pfarrer.“

Pfarrer Brennan entriss ihr den Kopf und hielt ihn ins Licht. „Du gottloses Mädchen! Das hier ist ein Puppenkopf. Das schändliche wächserne Zerrbild eines menschlichen Säuglings!“

„Bitte, Herr Pfarrer, lassen Sie mich erklären.“

Pfarrer Brennan steuerte zur Tür. „Ich werde ein Wörtchen mit deinem Vater reden.“

Ruby folgte ihm hinaus auf die Straße. „Nein, bitte nicht. Papa geht es sehr schlecht. Das alles ist meine Schuld.“

Wütend fuhr Pfarrer Brennan zu ihr herum, packte ihre Hand und schloss ihre eisigen Finger um den Puppenkopf. „Gehe in dich, Ruby, und wenn du Zeit genug hattest, um über deine bösen Taten nachzudenken, kommst du zur Beichte.“

„Aber, Herr Pfarrer!“

„Und erwarte bloß keine Bezahlung!“ Pfarrer Brennan schritt davon und verschwand im Schneegestöber.

Ruby blickte ihm nach, und das flaue Gefühl im Magen hatte nichts damit zu tun, dass sie vergessen hatte, ihre Scheibe Brot mit Bratfett zum Abendbrot zu essen. Sie fürchtete sich nicht vor der Buße, die Pfarrer Brennan ihr nach der Beichte auferlegen würde, doch sie scheute davor zurück, ihrer Mutter zu berichten, dass einer von Papas merkwürdigen Wutanfällen der Grund für den Verdienstausfall war.

Ruby fröstelte, als die Schneeflocken auf ihrer dünnen Baumwollbluse schmolzen und ihr kalt über den Nacken rannen. Sie blies die Kerze aus und wickelte sich Rosettas nasses Tuch um Kopf und Schultern. Die Kälte, die ihr bis in die Knochen drang, nahm sie kaum wahr. Ruby musste einen Weg finden, die schlechte Nachricht so zu übermitteln, dass sie nicht allzu schlimm klang. Immerhin stand die Bezahlung der Großhändler für die Puppen noch aus. So kurz vor Weihnachten mussten sie sich doch gut verkaufen. Die gut situierten Leute waren doch sicher gern dazu bereit, für die Geschenke ihrer kleinen Töchter Geld auszugeben.

Ruby verriegelte das Tor und machte sich auf den Heimweg. Blieb zu hoffen, dass Mums Sorge um Papa ihre Reaktion auf das unselige Missgeschick abmilderte. Immerhin würde Pfarrer Brennans Verärgerung sie nicht stören. Mum hatte wenig bis gar nichts übrig für den Papismus im Allgemeinen und für Pfarrer Brennan im Besonderen, und Granny Mole auch nicht, die sich keine Gelegenheit entgehen ließ, über Katholiken, Itaker, Russen und Juden und praktisch jeden herzuziehen, den sie als Ausländer betrachtete.

Ruby seufzte. Sie würde ihrer Mutter nicht nur gestehen müssen, dass sie kein Geld für das Jesuskind bekamen, sondern auch, dass Rosetta gegangen war und bei Tante Lottie zu wohnen beabsichtigte. Vielleicht konnte die Eröffnung, dass Rosetta im Falstaff in der Revue tanzen wollte, noch ein Weilchen warten.

Es war dunkel, als Ruby schließlich in der Spivey Street anlangte und den Lampenanzünder einholte, als der die letzte Laterne anzündete. Ölige Pfützen gelben Lichts, vom Schnee reflektiert, füllten jetzt die dunkle Straßenschlucht. Auf halbem Weg durch die Straße erwischte ein großer Schneeball Ruby mitten zwischen die Schulterblätter, ein weiterer traf sie ins Gesicht, sodass sie kaum noch etwas sehen konnte. Umzingelt von einer Horde johlender Jungen, kaum älter als sechs oder sieben Jahre, blinzelte Ruby den Schnee aus den Augen und hielt sich schützend einen Arm vors Gesicht, als ein neuerliches Schneeballgeschwader auf sie niederprasselte. Einer der Bengel bekam ihr Tuch zu fassen, zog es ihr von den Schultern und wollte sich damit aus dem Staub machen, als jemand ihn mir nichts, dir nichts in die Höhe hob, ihn beim Kragen hielt und schüttelte, sodass er mit seinen dünnen Beinen in der Luft strampelte.

„Nicht doch, Kleiner!“

Verschwommen sah Ruby, wie ihre Quälgeister in alle Himmelsrichtungen davonstoben und Billy den Übeltäter auf einen Haufen Schneematsch fallen ließ.

„Nach Hause mit dir, bevor ich es mir anders überlege“, sagte Billy und bückte sich nach ihrem Schultertuch. Er reichte es ihr mit hartem Blick. „Ein rotes Tuch. Ich hatte gehofft, Rosetta über den Weg zu laufen, aber du bist’s, Ruby, nicht wahr?“

„Ist doch Jacke wie Hose“, erwiderte Ruby, wischte sich den Schnee aus dem Gesicht und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. „Wie auch immer, schon gut, danke. Ich finde allein nach Hause. Sie haben mich überrumpelt, aber damit lasse ich sie kein zweites Mal davonkommen.“

„Du bist ganz schön stur, Ruby“, meinte Billy und schnalzte mit der Zunge, um seinen alten Gaul samt Karren in Bewegung zu setzen. Ohne Vorwarnung hob er Ruby auf den Kutschbock. „Deck dich damit zu.“ Billy warf ihr einen Kartoffelsack zu, der unter einem Stapel Teekisten gelegen hatte.

Der Sack stank erbärmlich, war aber immerhin trocken, und Ruby kauerte sich darunter zusammen, während Billy das Pferd die Spivey Street hinunter zum Tobacco Court lenkte. Unter normalen Umständen wäre sie gleich wieder vom Karren gehüpft, hätte sich höflich bedankt und wäre ihres Wegs gegangen, doch Ruby war nass, durchgefroren und viel zu beschäftigt mit dem, was ihr bevorstand, um sich stolz und eigenständig zu zeigen. Zum Glück hatte Billy offenbar keine Lust zu plaudern oder Fragen zu stellen, und als sie sich Tobacco Court näherten, bat sie ihn anzuhalten. „Den Rest kann ich laufen, ta.“

Billy grinste sie unter dem Schirm seiner Mütze hervor an. „Angst, dass die Nachbarn reden, Süße?“

„Nein, ich will dir nur die Mühe ersparen, sonst nichts.“

„Keine Sorge. Alle wissen sowieso, dass du für mich und meinesgleichen nicht mal einen Gruß übrig hast. Aber deine Schwester Rosetta, na, die ist ganz anders.“

„Und was soll das heißen?“

„Sie ist schick, etwas Besonderes. Dagegen ist doch nichts einzuwenden?“

„Lass die Finger von meiner Schwester.“

„Nun mal langsam“, meinte Billy und zog sachte die Zügel an, bis das Pferd schnaubend vor Nummer sechzehn stehen blieb. „Es kommt mir so vor, als hätte deine Schwester ihren eigenen Willen.“

„Rosetta ist ein braves Mädchen. Du hast einen schlechten Ruf, Billy. Lass sie in Ruhe.“

„Ganz recht.“ Billy grinste. „Ich bin ein übler Geselle.“

Ruby stieg vom Karren. „Ich mache keine Witze. Halte dich von Rosetta fern.“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht.“ Billy sprang ebenfalls vom Kutschbock und klopfte dem Pferd den Hals. „Gut gemacht, Alter. Bald sind wir zu Hause.“ Er ging zum Heck des Karren, lud sich eine vertraut aussehende Teekiste auf die Schulter und stellte sie auf dem Pflaster ab. „Hab eure Puppen nicht verkaufen können, Süße. Hoffentlich habt ihr euch nicht auf den Schotter verlassen.“

Rubys Herz wurde bleischwer, doch sie hielt den Kopf erhoben; sie gönnte Billy nicht den Triumph zu sehen, wie wichtig das Geld gewesen wäre. „Woher soll ich wissen, ob du die Puppen überhaupt zu den Großhändlern gebracht hast?“

„Ich betrüge keine Freunde, Ruby. Ich war dort, aber sie haben sie nicht gewollt. Meinten, es sei zu spät, die Geschäfte hätten ihre Weihnachtsvorräte längst gekauft und brauchen nichts mehr. Pech gehabt, Mädchen.“

„Pech?“ Ruby sah ihn entgeistert an. „Du hast ja keine Ahnung.“

„Hä?“ Billy schob sich die Mütze in den Nacken und blickte Ruby an. „Was ist los?“

„Schaff sie weg, bitte, Billy. Ich kann es dir jetzt nicht erklären. Bewahre sie einfach für uns auf, bis mir ein Ausweg aus diesem Schlamassel einfällt.“

2. KAPITEL

Als Rosetta in Shoreditch bei Tante Lottie ankam, war sie nass bis auf die Haut und hatte kein Gefühl mehr in den Fingern und Zehen. Sie hatte keine genaue Vorstellung von der Entfernung zwischen Tobacco Court und Raven Street, doch es waren bestimmt drei oder vier Meilen, ihren schmerzenden Beinen nach zu urteilen.

Rosetta blieb einen Augenblick an der Ecke stehen, um zu verschnaufen. Sie rieb ihre Hände und stampfte mit den Füßen in dem Versuch, die Taubheit zu vertreiben. Raven Street, dachte sie, ist durchaus ein Aufstieg von den überfüllten Mietshäusern in Whitechapel, hatte aber bestimmt schon bessere Tage gesehen. Die Reihen von fünfstöckigen Backsteinhäusern waren zu Beginn des Jahrhunderts als Domizile für wohlhabende Kaufleute, Anwälte und Bankiers samt ihrem Personal errichtet worden. Jetzt, beinahe hundert Jahre später, waren die reichen Familien längst fortgezogen, und ihre großzügigen Häuser wurden in billige Pensionen, illegale Spielhöllen und Bordelle umgewandelt.

Tante Lotties Haus stand genau in der Mitte, und seine bröckelnde Fassade entsprach genau den Schilderungen in den Gruselgeschichten, die Rosetta so gern las. Sie zog Rubys nasses Tuch ein wenig fester um ihre Schultern, ging weiter, glitt auf dem glitschigen Pflaster aus und hielt sich an dem rostigen Eisengeländer vor dem Haus fest, als sie die Steinstufen zum Eingang hinaufstieg.

Sie hatte schon die Hand erhoben, um den Türklopfer zu betätigen, wich jedoch rasch einen Schritt zurück, als die Tür aufgestoßen wurde und ein Mann in einem grünlich schimmernden schwarzen Anzug sich an ihr vorbeidrängte, das Gesicht verborgen unter einem bis über die Ohren herabgezerrten zerbeulten Zylinder.

Rosetta warf sich gegen die schwere Eichentür, damit sie ihr nicht vor der Nase zufiel. „Hallo“, rief sie und trat in die höhlenartige Eingangshalle. Ihre Stimme hallte gespenstisch durch die dunklen Korridore. „Tante Lottie, bist du zu Hause?“

„Wer ist da?“

Rosetta blickte auf zum Treppenabsatz im ersten Stock und sah ein blasses, von wildem grauem Haar gerahmtes Gesicht über dem Geländer schweben. „Ich bin’s, Rosetta.“

„Lunger da nicht rum, Mädchen. Komm rauf.“ Der Kopf verschwand, und Rosetta stieg vorsichtig die Treppe hinauf, darauf bedacht, nicht mit dem Fuß in einem der klaffenden Löcher hängen zu bleiben, die den Teppich durchsetzten. Sie folgte Lottie in deren Wohnzimmer. Ein Himmelbett mit verblichenen Seidenvorhängen nahm direkt der Tür gegenüber den Großteil einer Wand ein. Ein großzügig geschnitzter Kleiderschrank drängte sich gegen einen Waschtisch. Daneben stand ein Beistelltisch mit einer Vielzahl von gerahmten Fotografien, die Lottie in der Blüte ihrer Jahre zeigten, und zusammengewürfeltem Nippes.

Auf der Stirnseite des Zimmers flankierten zwei mit Chintz bezogene Sessel ein loderndes Kaminfeuer. In einem ließ Lottie sich nieder. „Na, von zu Hause weggelaufen, wie?“

Rosetta trat zum Feuer. „Nicht ganz.“

„Wie siehst du überhaupt aus? Zieh die nassen Sachen aus, bevor du dir eine Erkältung und den Tod holst.“

Rosetta legte ihre Haube und das Schultertuch ab und warf beides auf einen mitten im Zimmer stehenden Klavierhocker, obwohl weit und breit kein Klavier zu sehen war.

„Tropf mir den Teppich nicht nass, Mädchen.“

„Verzeih, Tantchen.“

„Und nenn mich nicht Tantchen. Du weißt, dass ich das nicht leiden kann.“ Lottie griff nach einem Krug auf dem Tisch neben ihrem Sessel, füllte ein Wasserglas halb mit einer klaren Flüssigkeit und nahm mit einem Seufzer der Befriedigung einen großen Schluck.

Rosetta krauste die Nase, als der unverkennbare Gingeruch sie traf, und rückte näher ans Feuer. Solch ein Feuer hatten sie zu Hause nie, aber Mum sagte ja auch immer, Lottie sei eine verschwendungssüchtige Kuh, und deshalb sei sie da gelandet, wo sie jetzt war.

„Setz dich, Rosetta. Du bringst Unordnung in meine Wohnung.“

„Ich habe meine Arbeit bei Bronski aufgegeben.“ Rosetta zog einen Fußhocker heran und setzte sich. „Ab morgen habe ich eine Anstellung in der Revue im Falstaff, und ich dachte, du würdest mich vielleicht bei dir wohnen lassen.“

Lotties Gesicht wurde von Falten zerfurchtet, als sie den Kopf in den Nacken warf und lachte. „Gut so. Du machst es richtig, cara; mit der Arbeit in diesem Ausbeuterbetrieb hast du dein Leben vergeudet. Du siehst gut aus, Rosetta, du hast schöne Beine. Du kannst es weit bringen, wenn du schöne Beine und ein hübsches Paar Tittchen hast. Ich hätte zu gern das Gesicht deiner Mama gesehen, als du ihr das gesagt hast.“

Rosetta stieg die Röte in die Wangen, und zwar nicht nur wegen der Feuerhitze. „Ich habe Mum nichts vom Theater gesagt. Sie hält nichts von …“ Rosetta brach ab, biss sich auf die Unterlippe, hatte sich gerade noch rechtzeitig bremsen können, bevor ihr beinahe herausgerutscht wäre, dass Mum nichts vom Theater hielt, von ihrer Schwägerin übrigens auch nicht, und zwar überhaupt nichts.

„Du brauchst es mir nicht zu sagen. Ich weiß, wie deine Mama über mich denkt, aber jetzt wirst du das neue dunkle Schaf der Familie sein, Rosetta.“ Lottie lachte leise und kippte ihren Drink in sich hinein.

„Ich glaube, du meintest: das neue schwarze Schaf.“

„Du wirst berühmt wie ich“, sagte Lottie, hob eine knochige Hand und strich sich übers Haar, das früher einmal die Krönung ihrer Herrlichkeit gewesen sein musste, eine Mähne von wilden tizianroten Locken. Doch jetzt umwehte es ihren Kopf in einem Gewirr von graumeliertem Gekräusel. „Ich war die Königin des Varietés.“

„Du meinst, ich könnte auch so werden?“ Rosetta umschlang ihre Knie mit den Armen und forschte in Lotties Gesicht nach einer Antwort. „Ich möchte weiterkommen. Ich will schöne Kleider und ein halbwegs annehmbares Leben. Ich will nicht frühzeitig alt werden.“

„Den ersten Schritt hast du getan. Jetzt musst du hart im Nehmen sein.“

„Zu Hause versteht kein Mensch, wie ich mich fühle, nicht einmal Ruby.“

Lottie neigte den Kopf zur Seite und musterte Rosetta, wie eine Amsel einen saftigen Wurm beäugt. Ein träges Lächeln legte sich um ihre Lippen. „Ich erkenne mich selbst in dir, Rosetta, vor zwanzig, vielleicht dreißig Jahren. Gentlemen haben um mich gekämpft, haben mich mit Geschenken überhäuft.“

„Du hattest Liebhaber?“

Lottie schenkte sich noch einen großzügigen Schluck Gin ein. „Ich weiß nicht mehr, wie viele. Alle waren wahnsinnig verliebt in mich. Sogar der Prince of Wales persönlich.“

„Dann stimmt es also?“

„Es stimmt. Ich war damals sehr schön, und meine Liebhaber machten mir teure Geschenke: Diamanten, Gold, das eine oder andere Rennpferd.“

„Aber“, sagte Rosetta und blickte sich stirnrunzelnd in dem schäbigen Zimmer um, „wo ist das alles geblieben? Du kannst doch nicht alles beim Glücksspiel verloren haben, wie Mum behauptet?“

Lottie schnitt eine Grimasse. „Meine einzige kleine Schwäche, cara. Ich konnte dem Spieltisch nicht widerstehen, musste immer wieder mein Glück beim Pferderennen versuchen. Alles, was ich jetzt noch besitze, ist das, was du hier siehst, dieses Haus und meine kleinen Erinnerungsstücke. Der Rest ist, traurig genug, draufgegangen, um meine Schulden zu begleichen, aber ich bereue nichts. Ich habe mein Leben gelebt, Rosetta. Du musst deines auch leben, so, wie du es dir wünschst.“

„Und kann ich eine Weile hierbleiben?“

„Du kannst bleiben, solange du willst. Ich weiß nicht, ob wir ein freies Zimmer haben; diese Dinge überlasse ich deinem Onkel Sly. Er ist jetzt mein Geschäftsführer. Er kümmert sich um die zahlenden Gäste.“

„Draußen auf der Treppe hat mich einer von denen fast umgerannt. Ein komischer alter Knacker, ganz in Schwarz, wie eine Krähe.“

„Das dürfte unser Mr Wilby gewesen sein, Trauergast von Beruf. Ich nehme nur berufstätige Herren auf. Das hier ist eine anständige Herberge, im Gegensatz zu den Vorstellungen deiner Mama.“ Lottie lehnte sich im Sessel zurück und schloss die Augen. „Ich bin müde. Geh, such Sly. Er versorgt dich mit einem Zimmer und was zu essen.“

„Ja, Tantchen. Lottie, wollte ich sagen.“

Lottie öffnete ein Auge. „Und zieh die nassen Sachen aus. Nimm dir aus meinem Kleiderschrank, was du brauchst. Du hast wahrscheinlich nichts mitgebracht.“ Sie wies mit einer Hand in Richtung Kleiderschrank und wandte das Gesicht ab. „Du bist mir so ähnlich, Rosetta, so sehr ähnlich.“

Rosetta ging zum Schrank, machte die Tür auf und schnappte nach Luft, als der stechende Geruch von Mottenkugeln ihr den Atem verschlug. Die Kleidungsstücke waren schrecklich altmodisch, doch sie fand immerhin eine Seidenbluse, einen seidenen, mit roten Rosen bestickten Flamenco-Manton und einen schlichten schwarzen Rock aus Bombasin, der Lottie vor zehn oder fünfzehn Jahren gepasst haben mochte, heute jedoch mit Sicherheit zu eng war.

Rosetta überließ Lottie ihrem Nickerchen beim Feuer und begab sich auf die Suche nach Onkel Silas. Sie fand ihn in der von heißem Dampf erfüllten Küche im Kellergeschoss, wo er am Herd stand und den Inhalt eines großen Topfs umrührte. Der verlockende Duft von Gemüsesuppe ließ Rosetta das Wasser im Mund zusammenlaufen und erinnerte sie daran, dass sie außer einer Scheibe Brot zum Frühstück noch nichts gegessen hatte.

„Hallo, Süße.“ Ein zahnloses Grinsen spaltete Slys Gesicht und ließ die Zigarettenkippe wackeln, die in seinem Mundwinkel hing. „Hab bei diesem verdammt scheußlichen Wetter nicht mit einem Besuch von dir gerechnet.“

Rosetta legte ihre Kleider auf einem Stuhl ab und gab dem Onkel pflichtschuldigst ein Küsschen auf die Wange. Sly roch nach Tabak, Zwiebeln und Schweiß, und sie wich zurück und rümpfte die Nase. „Ich bleibe bei euch, wenn du mich aufnimmst, Onkel Sly. Lottie sagt, du hast vielleicht einen Schlafplatz für mich.“

Sly nahm die Zigarette aus dem Mundwinkel und warf sie ins Feuer. „Zufällig wird ein Zimmer im Dachgeschoss frei, aber wir sind keine Wohlfahrtseinrichtung. Ich erwarte, dass du bezahlst.“

„Ja, natürlich“, beteuerte Rosetta hastig. „Ich habe eine Anstellung und kann zum Ende der Woche bezahlen, wenn es dir so recht ist.“

„Nur, damit wir uns richtig verstehen, Rose. Ich suche Bettzeug für dich zusammen, wenn du einen Happen gegessen hast.“

Ta, Onkel Sly.“

Sly nahm eine fettige Schöpfkelle von einem Haken über dem Herd und tauchte sie in die Suppe. „Essen kostet übrigens extra.“

Das Dachzimmer war nicht sonderlich sauber, und Rosetta betrachtete angewidert die nackten Bodendielen voller Mäusedreck und die Spinnwebgirlanden, die wie schmutzige Spitzentüchlein von den Dachsparren hingen. Das Zimmer, spärlich ausgestattet mit einem schmalen Eisenbett auf einer ausgefransten rechteckigen Wollmatte, einer Kommode mit drei Schubladen und einem Kerzenhalter und einer Waschschüssel mit chinesischem Muster in Blau darauf, war kalt und abweisend.

Rosetta, an Mums strenge Sauberkeitsvorschriften gewöhnt, spürte einen Kloß im Hals. Sie hatte immer ein Zimmer mit Ruby und Granny Mole geteilt, und jetzt würde sie zum ersten Mal in ihrem Leben allein schlafen; Ruby würde ihr fehlen, fehlte ihr jetzt schon. Rosetta straffte die Schultern und wehrte sich gegen den Anflug von Heimweh; sie durfte jetzt einfach nicht aufgeben. Sie ging zum Fenster, wischte in der Mitte einer der kleinen Scheiben eine Stelle sauber und spähte hinaus auf die Dächer gegenüber und die Straße tief unten. Draußen sah alles grau aus, verschleiert von wirbelnden Schneeflocken. Rosetta wollte die Vorhänge zuziehen, doch sie zerfielen unter ihren Händen zu Fetzen. Sie wandte sich vom Fenster ab, öffnete eine Schranktür, und der Geruch von abgestandenem Bier wehte ihr entgegen, als eine Kaskade von leeren Flaschen sich über ihre Füße ergoss.

So habe ich es mir nicht vorgestellt, dachte sie, schob die Flaschen mit einem Fuß zurück in den Schrank und schlug die Tür zu. Wieder überkam sie das Heimweh, doch sie ließ die Schultern nicht hängen; sie durfte nicht schwach werden. Das war erst der Anfang, und sie würde dafür sorgen, dass sich alles zum Besseren wandelte.

Die eisige Temperatur in dem Raum drang ihr bis in die Knochen, und Rosetta wusste, sie musste ihre nassen Sachen ausziehen, sonst würde sie erfrieren. Sie hatte gerade angefangen, sich zu entkleiden, als ein lautes Hämmern an der Tür sie erschrocken herumfahren ließ.

Bevor sie Gelegenheit hatte, etwas zu sagen, öffnete sich die Tür, und Onkel Sly steckte den Kopf ins Zimmer. „Hast du was an, Süße?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, kam er ins Zimmer. Rosetta wollte schon protestieren, aber dann sah sie, dass er nicht nur einen Stapel Wolldecken und zwei fadenscheinig aussehende Laken bei sich hatte, sondern auch einen Eimer, in dem glühende Kohlen rauchten.

„Bitte schön, Süße. Das heizt das Zimmer schön auf, wenn es erst mal richtig brennt. Später schicke ich das Mädchen mit einem zweiten Eimer rauf. Feuer kostet übrigens extra.“

Er warf die Wolldecken aufs Bett, ging zum Kamin und schüttete die Kohlen auf den Rost. Dann zog er eine Selbstgedrehte hinter einem Ohr hervor, hob mit der Zange ein glühendes Kohlenstück hoch und zündete die Zigarette an. Hustend und grinsend saugte er den Rauch in seine Lungen. „Ich an deiner Stelle würde heute Nacht die Tür verriegeln“, sagte er und watschelte aus dem Zimmer.

Zuerst richtete das Feuer nicht viel gegen die Kälte aus, doch das orangene Glimmen vermittelte zumindest den Anschein von Wärme. Als Rosetta schließlich trockene Kleider anhatte und die Flammen an der Kaminwand zu züngeln begannen und Funkenbilder in den Ruß malten, wurde sie etwas zuversichtlicher. Neue Vorhänge vor dem Fenster würden den Raum freundlicher aussehen lassen, und vielleicht konnte sie das Dienstmädchen überreden, ein bisschen sauberzumachen.

Morgen begannen die Proben im Theater, und dann verdiente sie ihr eigenes Geld. Jeden Penny, den sie erübrigen konnte, würde sie für neue Kleider ausgeben.

Rosetta brauchte lange, um in dem fremden Zimmer auf der klumpigen Matratze einzuschlafen, ohne Rubys warmen Körper tröstlich an ihrer Seite zu spüren. Ihr war, als wäre sie gerade erst eingedämmert, als ein lauter Knall und aufgebrachte Stimmen sie im Bett hochfahren ließen. Es war dunkel im Zimmer, das Feuer war schon vor Stunden erloschen, das bleiche Rechteck des Fensters war gerade noch zu erkennen. Im ersten Augenblick wusste Rosetta nicht, wo sie sich befand, und sie zog sich die Decken bis unters Kinn, als die Kälte sie erschauern ließ.

Die Stimmen wurden lauter, und sie nahm schwere Schritte wahr, die die teppichlose Treppe hinaufpolterten. Schleppende Sprache, Gesang und Flüche klangen vertraut in ihren Ohren; das alles hörte sie oft genug nach Kneipenschluss aus dem Nag’s Head an der Ecke zur Spivey Street. Jemand rüttelte an der Klinke, und die Tür erzitterte, als hätte sich jemand mit der Schulter gegen sie geworfen.

Rosetta erstickte einen Schrei, indem sie sich das Laken in den Mund stopfte. Sie hielt den Atem an, und das Herz hämmerte ihr so heftig in der Brust, dass sie glaubte, man müsste es durch die Wand hindurch hören. Jemand stieß einen Schwall von Flüchen aus, gefolgt von einem Hieb gegen die Tür, dann entfernten sich die Schritte. Aus der Ferne klangen noch einmal Gelächter und Türenschlagen zu ihr herüber, danach wurde es still. Rosetta rollte sich zusammen und kuschelte sich verängstigt unter die Bettdecke.

Als sie am nächsten Morgen Onkel Sly befragte, zuckte er die Achseln, manövrierte seine Kippe von einem Mundwinkel in den anderen und wiederholte seinen Rat, nachts die Tür abzuschließen. Er tauchte einen Stapel schmutziger Teller in den Spülstein, und ein Schwall von fettigem Abwaschwasser traf das kleine Mädchen, das auf einem umgestülpten Eimer stehen musste, um das Geschirr abwaschen zu können. Es warf ihm einen giftigen Blick zu, sagte aber nichts.

„Da ist noch Tee in der Kanne“, meinte Sly und deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung Herd. „Die Herren haben das ganze Brot aufgegessen, aber ich schicke Elsie zum Bäcker, wenn sie hier fertig ist.“

Rosetta warf einen Blick auf Elsies schmale Schultern; sie konnte nicht älter als elf oder zwölf Jahre sein, und ihre Schulterblätter stachen unter der dünnen Bluse hervor wie knospende Engelsflügel. Rosetta empfand Mitleid für das magere kleine Mädchen, das augenscheinlich genug zu tun hatte, ohne sich auch noch zum Bäcker schicken lassen zu müssen. „Schon gut“, sagte sie und hoffte, dass Sly ihr Magenknurren nicht hörte. „Ich habe keinen Hunger, Onkel.“

„Auch gut. In diesem Haus musst du flott sein, sonst kriegst du nichts zu essen“, erklärte Sly und hockte sich auf einen Stuhl neben dem Herd. „Die gierigen Kerle lassen nichts auf dem Teller liegen. Dieses verfressene Pack.“

Rosetta schenkte sich eine Tasse Tee ein, trank ein Schlückchen und musste ein Würgen unterdrücken. Er war abgestanden, bitter und zäh wie Teer. „Was für Herren wohnen denn hier, Onkel Sly?“

„Alle möglichen. Frag lieber nicht. Was du nicht weiß, macht dich nicht heiß.“ Sly zwinkerte und tippte an seine Nase. „Solange sie ihre Miete bezahlen, ist es mir egal, was sie so treiben.“

„Gestern Nacht waren sie alle sturzbesoffen“, murmelte Elsie. „Sind durch die Küche gepoltert und haben mir einen Mordsschrecken eingejagt.“

„Halt die Klappe, Mädchen“, sagte Sly mit finsterer Miene. „Sie waren nur in bester Stimmung, Rose. Hör nicht auf Elsie, sie hat einen leichten Stich.“ Er neigte sich Rosetta zu und senkte die Stimme. „Ist regelmäßig von ihrem Alten verprügelt worden. Irgendwie hat das ihr Gehirn angegriffen.“

Es war schwer, sich einen Vater vorzustellen, der seinem Kind so etwas antat. Rosetta dachte an Papa, und es schnürte ihr die Kehle zu. Die Erinnerung an sein liebevolles Lächeln und die Art, wie er an ihren Locken zupfte, wenn er sie necken wollte, weckte Schuldgefühle in ihr. Warum hatte Papa ausgerechnet zu dem Zeitpunkt krank werden müssen, als sie den Entschluss gefasst hatte, von zu Hause wegzugehen? „Das ist gemein“, sagte sie laut.

„Vergeude dein Mitleid nicht an ihresgleichen“, meinte Sly, der sie offenbar missverstanden hatte. „Sie hat genug zu essen und jede Nacht einen Schlafplatz am Feuer. Sie kriegt keine Prügel, nicht mal, wenn sie was Schlimmes getan hat. Braucht nur hin und wieder mal eins hinter die Ohren, damit sie nicht vergisst, wo sie hingehört.“

Rosetta hatte sich überhaupt nicht auf Elsie bezogen, doch das wollte sie Sly gegenüber nicht zugeben. Trotzdem überkam sie ein beinahe überwältigendes Mitleid mit Elsie. Zu Hause hatte niemand ihr oder Ruby jemals ein Härchen gekrümmt, und wenn ihr Bruder Joe mal eine ordentliche Tracht Prügel von Mum bezogen hatte, dann nur, weil Joe sich mal wieder in schreckliche Gefahr gebracht hatte.

Bevor Joe bei einem Drucker in der Fleet Street in die Lehre gegangen war, war er immer wieder in Schwierigkeiten geraten, hatte geklaut und sich mit den Jungen aus der Spivey Street eingelassen. Granny Mole pflegte zu sagen, er habe den schlechten Charakter der Caprettis geerbt.

Sly stand auf, griff nach der Teekanne, trat zu Elsie und hob sie von dem Eimer. „Hier kannst du später weitermachen. Zeit, Madam das Frühstück aufs Zimmer zu bringen.“ Er leerte den Inhalt der Teekanne in die Spüle und brühte frischen auf.

Elsie warf ihm unter ihren langen hellen Wimpern hervor einen Blick zu, huschte in die Speisekammer und kam mit einem Tablett, beladen mit einem Teller, auf dem sich mehrere Scheiben Butterbrot befanden, einem Topf Marmelade und etwas aufgeschnittenem Fleisch wieder heraus.

Sly stellte die Teekanne aufs Tablett, und unter dem Gewicht gaben Elsies Knie nach, doch sie wankte aus der Küche, trug das Tablett mit in rechten Winkeln abgespreizten Ellenbogen.

„Du machst dich am besten auf den Weg zum Falstaff“, sagte Sly, setzte sich wieder und legte die Füße auf die Herdstange aus Messing. „Kost und Logis besprechen wir, wenn du deinen Lohn gekriegt hast.“

Rosetta biss sich auf die Unterlippe. Sie hatte Hunger, und der Anblick von Tante Lotties Frühstück ließ ihren Magen rumoren wie Regenwasser in einem Fallrohr. „Ich brauche meine Kleidung von zu Hause, Onkel. Kann ich Elsie schicken, damit sie sie holt?“

Sly kramte in seiner Tasche nach seinem Päckchen Woodbines, zog die letzte Zigarette heraus und zündete sie mit einem Fidibus an. „Sie kann gehen, wenn du ihr Geld für ein Päckchen Woods mitgibst. Ohne meine Kippen komme ich nicht durch den Tag.“

Rosetta fing Elsie ab, als sie die Treppe heruntergestolpert kam und sich das Ohr rieb, das verdächtig rot war. Sie blinzelte wie ein verängstigtes Kaninchen angesichts der Anweisung, zum Tobacco Court zu gehen. Dort sollte sie die Dame, die ihr die Tür öffnete, bitten, ihr die Tasche mit Rosettas Sachen zu überreichen, die Rosetta unter Granny Moles Bett versteckt hatte. Rosetta war nicht sicher, ob Elsie alles begriffen hatte, und wiederholte ihren Auftrag noch einmal. Dann drückte sie zwei Pennies in Elsies von der Arbeit raue Hand. „Dafür kaufst du zehn Woodbines für Mr Silas, hast du verstanden?“

Elsie starrte dumpf auf die Münzen.

Ein Blick auf die Standuhr im Flur verriet Rosetta, dass sie zu spät zum Theater kommen würde, wenn sie nicht auf der Stelle zur Old Street aufbrach. Sie kramte in ihrer Tasche, fand einen Viertelpenny und drückte ihn Elsie in die Hand. „Das ist für den Weg. Kauf dir was Süßes, Elsie.“

Elsie sah sie zunächst verständnislos an, dann quollen zwei große Tränen aus ihren Augen, die so blassblau waren, dass sie beinahe farblos wirkten, wie die Augen von Schafen. „Für mich?“

Rosetta schloss die Finger des Mädchens um die Münzen. „Die Pennies sind für Woodbines für Mr Silas, und der Viertelpenny ist für dich. Bring meine Sachen her, wie ich es dir erklärt habe, dann kriegst du noch einen Viertelpenny.“ Sie holte ihr immer noch ein wenig feuchtes Tuch und die immer noch ein wenig schlaffe Haube von dem wackligen Garderobenständer aus ihrem Zimmer, legte beides an und machte sich auf den Weg zum Theater.

Rosetta erreichte das Theater mit zehnminütiger Verspätung. Ihre Schuhe und ihr Rocksaum waren durchnässt vom Schneematsch auf den Gehsteigen. Eine blassgelbe Sonne hatte sich durch die graue Wolkendecke gekämpft, und dank eines gemeinen Ostwinds war Rosetta durchgefroren bis auf die Knochen. Im Probenraum wärmte sich der Rest der Tanzgruppe unter dem Adlerblick einer kleinen, dunkelhaarigen schwarz gekleideten Frau an der Barre auf. Sie wandte sich zu Rosetta um und zog die dunklen Brauen über ihrer Adlernase zusammen. „Du kommst zu spät.“

Die anderen Mädchen kicherten, und Rosetta spürte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Verlegen stand sie da, knetete die Hände hinterm Rücken, wusste, dass alle Augen auf sie gerichtet waren und dass sie in ihren alten, vielfach gestopften Kleidern, die feucht an ihren Beinen klebten, ein Bild des Jammers bot.

„Wie heißt du, Mädchen?“

„Rosetta Capretti, Miss.“

„Du sagst Madame zu mir. Ich bin Madame Smithsova, und du tust, was ich sage. Mädchen, die sich nicht hundertprozentig ihrer Kunst hingeben, dulde ich nicht in meiner Truppe.“

„Ja, Madame.“ Rosetta warf einen verstohlenen Blick zu den Mädchen hinüber, die sie offen angrinsten und sich augenscheinlich freuten, dass ausnahmsweise einmal jemand anderer unter Madames scharfer Zunge zu leiden hatte. Sie alle trugen kurze Kleidchen mit Tüllröcken, rosa Strumpfhosen und Ballettschuhe; Rosetta fühlte sich übertrieben angezogen und so unpassend wie eine Schmeißfliege auf Zuckerguss.

„Zieh dich aus“, sagte Madame und klopfte mit ihrem Ebenholzstock auf den Boden. „Keine Zeitverschwendung, Mädchen. Du hältst die Probe auf.“

Rosetta glühte vor Scham, konnte jedoch nichts anderes tun als gehorchen und schälte sich aus ihrer Oberbekleidung, bis sie barfuß und bibbernd in Hemd und Unterhose dastand. Das Gezischel und Gekicher der Mädchen verstummte abrupt, als Madame wieder mit ihrem Stock auf den Boden klopfte. „Ruhe. Ich dulde solch schlechtes Benehmen nicht in meiner Klasse. Rosetta, stell dich ans Ende der Barre und mach es den anderen Mädchen nach.“

Rosetta nahm Aufstellung hinter einem hübschen Mädchen mit flammend rotem Haar und Sommersprossen.

„Gib einfach acht, wie ich es mache, Mausi“, sagte sie mit einem mitfühlenden Lächeln. „Ich heiß übrigens Tilly.“

Madame stieß ihren Stock auf den Boden. „Die vier Positionen, Mädchen, gefolgt von Rond de jambe par terre und Pliés. Und eins, und zwei und drei und vier. Streck den Rücken, Rosetta. Schau, wie Tilly es macht. Und eins, und zwei …“

Als der Vormittag vorüber war, taten Rosetta sämtliche Knochen weh. Vor Erschöpfung brach sie fast zusammen.

„Das war grauenhaft. Ihr seid schwerfällig wie Elefanten, ihr alle.“ Madame unterstrich ihre Worte, in dem sie mit dem Stock nach den Mädchen in ihrer unmittelbaren Nähe hieb. „Ihr eignet euch nicht mal für den Zirkus, geschweige denn für die Revue im Falstaff. Jetzt dürft ihr zehn Minuten Pause machen, und dann üben wir eure Tanznummern.“ Sie rauschte aus dem Raum und schlug die Tür hinter sich zu.

Alle fingen zur gleichen Zeit an zu reden, ließen sich auf den Boden sinken, massierten sich die schmerzenden Beinmuskeln und rieben sich die wunden Füße.

„Man könnte meinen, wir wären im verdammten Corps de Ballet“, murrte Tilly.

„Ich hätte nie gedacht, dass wir das alles durchmachen müssen“, flüsterte Rosetta. „Ist es jeden Tag so?“

Tilly nickte. „Heute ist sie guter Laune. Pass bloß auf, wenn sie mal schlechte Laune hat.“

„Solche Unterhosen wie du hätte ich auch gern.“ Ein keck aussehendes Mädchen mit gelblichem blondem Haar schlenderte zu ihnen herüber und blickte Rosetta von oben herab an. „Was ist denn wohl dein Talent? Kannst du Eiskrem von einem Straßenkarren verkaufen?“

„Ach, lass sie in Ruhe, Aggie“, sagte Tilly.

„Entschuldige, dass ich atme“, erwiderte Aggie und warf ihr Haar zurück. „Besser wäre, du würdest deiner kleinen Itaker-Freundin eine Strumpfhose leihen, Tilly, sonst lachen wir uns alle kaputt.“

Rosetta sprang auf. „Ich schäme mich nicht dafür, dass ich Halbitalienerin bin, aber ich bin London geboren und aufgewachsen. Behalte deine dummen Bemerkungen für dich, sonst gibt’s was auf die Fresse.“

Aggies braune Augen blitzten. „Versuch’s doch mal.“

„Halt, halt“, schrie Tilly, rappelte sich auf und drängte sich zwischen die beiden. „Reicht es nicht, wenn Madame uns anschreit? Müsst ihr zwei jetzt auch noch so garstig sein?“

„Sie hat angefangen“, entgegnete Aggie und wich zurück.

„Überhaupt nicht wahr.“ Rosetta konnte das nicht auf sich sitzen lassen, und zunächst sah es so aus, als würde Aggie nachgeben.

„Prügelei“, rief irgendjemand, und die Mädchen drängten heran, hatten ihre schmerzenden Gliedmaßen anscheinend vergessen. Ihre Gesichter leuchteten vor Vorfreude auf einen Kampf. Aggie ging Rosetta gegenüber in Angriffsposition, und es hätte damit enden können, dass sie einander in den Haaren lagen und die Gesichter zerkratzten, hätte sich in diesem Augenblick nicht die Tür geöffnet.

„Hey, Rosetta!“ Billy Noakes stand in der Tür, die Daumen in seinen breiten Ledergürtel gehakt, und seine nussbraunen Augen strahlten vor unverhohlener Bewunderung, als er die spärlich bekleideten Mädchen musterte. „Morgen, die Damen.“ Schwungvoll zog er seine Mütze und verneigte sich galant, worauf die Mädchen mit Kichern und allgemeiner Aufregung reagierten.

In Unterwäsche ertappt zu werden, war Rosetta über alle Maßen unangenehm, und sie verschränkte die Arme vor der von ihrem Hemd nur halb bedeckten Brust. Kein Mann, nicht einmal Papa oder Joe, hatte sie jemals in Unterwäsche gesehen. Sie wäre am liebsten im Erdboden versunken, als Billy sie von Kopf bis Fuß beäugte, mit einem anerkennenden Grinsen und einem Zwinkern in den Augen, das ihr Herz noch schneller klopfen ließ.

„Na, hallo“, sagte Aggie und trat an Billys Seite. „Wie heißt du denn, Kleiner?“

„Billy Noakes, Straßenhändler und Geschäftsmann. Ich würde dir gern meine Karte geben, aber mein Drucker lässt mit dem Nachschub auf sich warten.“

„Komm doch heute Abend und schau dir die Revue an, Billy Noakes“, sagte Aggie und klimperte mit den Wimpern. „Aggie Brown ist stets zu haben für eine Einladung zu Fleischpastete und Kartoffelbrei mit einem hübschen Burschen, und hinterher könnten wir es uns noch gut gehen lassen, sozusagen.“

Rosetta vergaß ihre Verlegenheit und flitzte los. Es juckte ihr in den Fingern, Aggie in ihr dreistes Gesicht zu schlagen, doch sie blieb abrupt stehen, als Madame Smithsova aufs Äußerste gereizt in den Raum marschierte. „Was soll das bedeuten?“ Sie stieß Billy ihren Stock in die Rippen. „Herren sind in meinen Übungsräumen nicht zugelassen. Geht das auf deine Kappe, Miss Capretti?“

„Machen Sie ihr keine Vorwürfe, Missis“, sagte Billy und zeigte ein Lächeln, das Steine hätte erweichen können. „Bitte verzeihen Sie die Störung, aber ich komme mit einer Nachricht von ihrem armen kranken Vater, und ich sehe wohl, dass Sie eine Dame sind, die Verständnis für die Bedeutung familiärer Angelegenheiten hat.“

Madames Augenbrauen schoben sich zusammen und krümmten sich wie Raupen, doch ihre schmalen Lippen verzogen sich bebend zu etwas Ähnlichem wie einem Lächeln. „Es verstößt gegen die Regeln, aber …“

Billy packte sie um die mollige Taille und küsste ihre mit Rouge geschminkte Wange. „Wusste ich doch, dass Sie eine Gute sind, Missis. Länger als ein paar Sekunden will ich Miss Capretti auch gar nicht aufhalten.“ Er fasste Rosetta beim Arm und schob sie hinaus auf den Korridor.

„W… was soll das? Warum bist du hierher gekommen, Billy? Wie hast du mich gefunden?“ Rosettas Zähne klapperten vor Kälte, sodass sie kaum sprechen konnte.

Billy zog seine Jacke aus und legte sie ihr um die Schultern. „Du wirst noch krank, wenn du halbnackt hier herumläufst.“

Die Jacke war warm von seinem Körper, und sein Duft hing in dem Stoff: der für London typische rußige Geruch, Makassaröl und Leder; eine würzige Mischung, die nur Billy eigen war. Rosetta zwang ihre Gedanken wieder in die Gegenwart. „Was willst du, Billy?“

„Ich habe dieses dumme Mädchen auf meinem Karren zurück zur Raven Street gebracht. Hab sie vor eurem Haus auf dem Gehsteig gefunden, sie hat sich die Augen ausgeheult. Mehr als ihren Namen und wo sie wohnt hab ich nicht aus ihr herausgekriegt.“

„Ich hab sie losgeschickt, sie sollte meine Sachen von zu Hause holen. Ich habe nichts Vernünftiges zum Anziehen.“

Billy grinste. „Für mich siehst du gut aus, so, wie du bist, Mädchen.“

„Werd bloß nicht vulgär“, sagte Rosetta, zog die Jacke fester um sich und gab sich Mühe, beschämt zu wirken, obwohl die Wärme in seinem Tonfall und die Intensität seines Blicks Schmetterlinge in ihrem Bauch zum Flattern brachten. „Hat sie die Klamotten geholt oder nicht? Und wieso warst du überhaupt bei uns?“

„Ich musste an diese Puppen denken, die dein alter Herr nicht an die Großhändler losgeworden ist. Und Weihnachten steht vor der Tür, und dann die Sache mit Pfarrer Brennan, da dachte ich, es könnte knapp werden, und ich weiß ja, dass Ruby deswegen krank vor Sorge ist.“

„Rosetta.“ Tilly steckte den Kopf aus der Tür zum Proberaum. „Madame sagt, du sollst sofort reinkommen, oder du fliegst raus.“

„Ich komme schon“, entgegnete Rosetta und gab Billy die Jacke zurück. „Ich finde, das geht dich nichts an, und warum kümmert’s dich überhaupt?“

Billy schnappte sich seine Jacke. „Wie du meinst.“

Er wandte sich zum Gehen, doch Rosetta hielt ihn am Ärmel zurück. „Nun hab dich nicht so, Billy. Hat Elsie meine Sachen geholt oder nicht?“

„Wirklich, du bist schon ’ne Marke. Denkst du eigentlich immer nur an dich selbst?“

„Beeil dich aber“, rief Tilly und winkte hektisch.

„Wenn du nur gekommen bist, um auf meine Kosten deinen Spaß zu haben, kannst du dich gleich wieder aus dem Staub machen.“ Rosetta warf den Kopf in den Nacken und drehte sich um. „Ruby wird’s schon für mich richten.“

„Kein Grund zu schmollen“, sagte Billy. „Wann hast du hier Schluss?“

„Um fünf Uhr“, sagte Tilly und zerrte Rosetta in den Probenraum. „Sehr viel früher, wenn du dich jetzt nicht verziehst.“

Hatte Rosetta die Übungen schon als hart empfunden, erwiesen sich die Proben, die am Nachmittag stattfanden, als noch zermürbender. Die anderen Mitglieder der Truppe kannten die Schritte, doch Madame ließ die Mädchen wie ein Feldwebel jede Nummer immer und immer noch einmal wiederholen, bis alle perfekt im Takt tanzten. In den kurzen Verschnaufpausen wurde Rosetta von der Gewandmeisterin in ein festes Mieder geschnürt, dass ihr den Atem zu nehmen drohte, und mit mehreren Kostümen ausstaffiert.

„Sei um Punkt sechs wieder hier“, sagte Tilly, als die Mädchen am Ende des Probennachmittags in ihre eigenen Kleider schlüpften. „Komm um Gottes willen nicht zu spät und iss nichts, was schwer im Magen liegt, sonst spuckst du die ganze erste Reihe voll.“

Rosetta kicherte trotz der Schmerzen in ihren verkrampften Muskeln und der Blasen an ihren wunden Füßen. „Ich fühle mich wie zerschlagen. Ich glaube, ich schaffe nicht mal den Weg zurück zu meiner Unterkunft, geschweige denn den Auftritt heute Abend.“

„Daran gewöhnst du dich“, meinte Tilly und wickelte sich ein Wolltuch um Kopf und Schultern. „Hoffentlich schneit es nicht. Meine Frostbeulen quälen mich seit Tagen.“

Draußen regnete es unablässig. Es war ein wahrer Wolkenbruch; die schweren Tropfen bildeten winzige tanzende Springbrunnen, wenn sie aufs Pflaster aufschlugen. Rosetta blieb in der Tür stehen und wappnete sich für die unvermeidliche kalte Dusche. Sie überlegte, ob sie nicht lieber die Stunde im Theater verbringen sollte, statt sich bis auf die Haut durchnässen zu lassen. Sie hob kaum den Blick, als das Rumpeln von Karrenrädern näher kam, das Gefährt langsamer wurde und vor ihr anhielt, und sie war schon im Begriff, zurück ins Theater zu gehen, als sie Billy ihren Namen rufen hörte. Kurz zögerte sie, dann raffte sie ihre Röcke und rannte durch die tiefen Pfützen über das Pflaster. Billy streckte ihr die Hand entgegen, zog sie neben sich auf den Sitz und reichte ihr einen aufgespannten Schirm. Er ließ die Zügel schnalzen, und sein alter Gaul trottete gehorsam los.

„Ich habe nicht damit gerechnet, dass du kommst“, sagte Rosetta und duckte sich unter den Schirm.

„Ich habe doch gesagt, ich komme, oder?“, meinte Billy, ohne sie anzusehen, während er sich hochkonzentriert seinen Weg durch das Gewimmel von Karren, Droschken und Mietkutschen bahnte, die die Old Street verstopften.

„Komm nicht auf dumme Gedanken, Billy, bloß weil ich mich von dir nach Hause fahren lasse. Ich bin felsenfest entschlossen, mich im Theater durchzusetzen, und ich habe keine Zeit für Schmusereien.“

„Bilde dir bloß nichts ein.“

„Warum setzt du dich dann so ein für mich und meine Familie? Was hast du davon?“

„Vielleicht gar nichts.“

„Das glaube ich dir nicht. Ein Billy Noakes macht nichts umsonst.“

Billy wandte den Kopf und grinste sie an. „Bald ist Weihnachten, ist das nicht Grund genug?“

Rosetta musterte ihn misstrauisch, doch er richtete seine Aufmerksamkeit bereits wieder auf die Straße. Kutschieren wurde noch schwieriger durch die Menschenmassen, die aus den Geschäften strömten und sich zwischen den Fahrzeugen hindurchschlängelten, und die blendenden Spiegelungen von den Fackeln an den Marktständen verbunden mit den Gaslichtpfützen, die sich auf dem nassen Kopfsteinpflaster ausbreiteten.

Rosetta konnte Billy Noakes nicht recht einschätzen. Er war ein Windhund und zweifellos in alle möglichen merkwürdigen Geschäfte verwickelt; wahrscheinlich machte man sich am besten nicht allzu viele Gedanken darüber, wie er sein Geld verdiente. Rosetta schaute ihn unter dem Schirm hervor verstohlen an und betrachtete sein Profil, während er auf die Straße blickte. Er sah auf irgendwie protzige Art gut aus, und sie spürte, dass unter dem Charme und der Schöntuerei eine Willenskraft lauerte, genauso stark wie ihre eigene.

„Also“, sagte Billy und zog an den Zügeln, sodass der Gaul an der Ecke Spivey Street und Tobacco Court stehen blieb. „Willst du reingehen und deine Leute besuchen?“

„Nein. Hol mir einfach meine Sachen, sei so nett, Billy.“

„Willst du nicht mal deinen Vater sehen?“

„Gehst du jetzt rein oder nicht?“

Billy starrte sie mit hochgezogenen Brauen an, dann lachte er. „Ich kenne keinen Menschen, der so selbstsüchtig ist wie du, Rosetta. Das heißt, abgesehen von mir selbst.“

„Schimpft ein Esel den anderen Langohr“, erwiderte Rosetta steif. „Holst du mir jetzt meine Sachen, oder muss ich selbst reingehen und alle wieder aus der Fassung bringen?“

3. KAPITEL

Früh am Morgen des Heiligen Abends kam Ruby in Bronskis Manufaktur in der Henchard Alley, einer Nebenstraße der Whitechapel Road, an. Die Weigerung der Großhändler, Ihnen die Puppen abzunehmen, war ein schwerer Schlag gewesen, und Rosetta hatte, typisch für sie, ihren Lohn verscherzt, indem sie ihre Stelle aufgab. Widerstrebend war Ruby zu dem Schluss gekommen, dass es nur einen Ausweg aus dieser verzweifelten Situation gab. Wenn sie Rosettas rotes Schultertuch trug und ihr Haar mit einem Stückchen roter Schleife hochband, konnte man Ruby für ihre Schwester halten, solange sie nicht den Mund aufmachte. Sie sahen sich zwar zum Verwechseln ähnlich, doch ihre Stimmen waren unterschiedlich wie die von Lerche und Taube. Rosetta hatte, wie alle Italiener, die Liebe zur Musik im Blut und besaß die entsprechende Singstimme; selbst in einer ganz normalen Unterhaltung hob und senkte sich ihre Stimme in fließenden Arpeggien. Ruby war sich schmerzlich bewusst, dass ihre eigene Stimme zwar sanft und tief war, aber über keine dieser zauberhaften Eigenschaften verfügte. Ihre Stimme würde sie verraten, sobald ihr ein Wort über die Lippen kam.

Sie stand mit den anderen Arbeiterinnen in der Schlange und wartete mit ihnen darauf, in das einstöckige Backsteingebäude eingelassen zu werden. Es war früher einmal eine Schmiede gewesen, beherbergte jetzt jedoch Bronskis Bekleidungs-Imperium. Frauen und Kinder jedes Alters hatten sich in der bitterkalten dunklen Morgenfrühe aufgereiht, gähnten und scharrten mit den Füßen.

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