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Einmal ist nicht genug!

Heidi Rice

Einmal ist nicht genug!

1. KAPITEL

Jane Delamare war krampfhaft darum bemüht, ihren wild pochenden Herzschlag unter Kontrolle zu bringen, während sie die Ankunftsanzeige im Terminal Fünf von London Heathrow betrachtete und nach Flug 155 aus Los Angeles Ausschau hielt. Das Wort „Gelandet“ blinkte auf, woraufhin ihr Herz gleich wieder einen Satz machte.

Um Himmels willen. Reiß dich zusammen.

Jane schob die Hände in die Taschen ihrer abgetragenen Jeans und holte mehrmals tief Luft. Sie musste sich unbedingt beruhigen. Schließlich hatte sie eine Mission zu erfüllen – eine äußerst wichtige Mission – weshalb sie es sich nicht leisten konnte, einen Herzanfall zu erleiden. Das würde ihre Pläne mit Sicherheit in Gefahr bringen.

Wenn der Hollywood-Schwarm Cormac Brody die Ankunftshalle durchquerte, musste sie bereit sein, denn sie beabsichtigte, ihm eine Einladung zur Hochzeit ihrer besten Freundin zu überreichen und sicherzustellen, dass er auch wirklich kommen würde.

Daisy heiratete in zwei Wochen den millionenschweren Bauunternehmer Connor Brody, und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als dass ihr Verlobter sich mit seinem jüngeren Bruder versöhnte. Daher hatte Jane es sich zur Aufgabe gemacht, dafür zu sorgen, dass dieser zur Hochzeit kam – ob er nun wollte oder nicht.

Wie genau sie das anstellen sollte, wusste sie zwar noch nicht, aber sie war fest entschlossen, ihr Bestes zu geben. Daisy hatte ihr vor sechs Jahren geholfen, die schlimmste Phase ihres Lebens zu überstehen – als sie bereits geglaubt hatte, niemals mehr Gefühle für einen anderen Menschen empfinden zu können. Daher war sie ihr etwas schuldig.

Doch was, wenn sie scheiterte? Was, wenn Mac Brody mit einer ganzen Entourage von Bodyguards reiste und sie es nicht mal schaffte, in seine Nähe zu gelangen? Oder was, wenn er sich schlichtweg weigerte, die Einladung anzunehmen? Außerdem durfte sie nicht vergessen, dass es Ewigkeiten her war, seit sie sich das letzte Mal einem fremden Mann genähert, geschweige denn ihn zu etwas überredet hatte. Ihre Überzeugungskraft ging gegen null, was Männer anbelangte.

Sie war keine Verführerin – dazu fehlten ihr das Aussehen, die Attitüde und die geeigneten Kleider. Was bedeutete, dass sie an Mac Brodys guten Willen appellieren musste. Doch was sie bislang von ihm erfahren hatte, gab keinen Anlass zu großer Hoffnung.

Jane hatte vor zwei Wochen in Daisys heller Küche gesessen, als der Brief angekommen war … Und dieser Brief sagte alles über Mac Brody, Hollywood Superstar und irischer Bad Boy aus, was es zu wissen gab.

Also schön, er sah gut aus – wenn man denn auf groß, dunkelhaarig und gefährlich stand. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass sich unter der attraktiven Schale ein oberflächlicher, arroganter, selbstsüchtiger Egomane verbarg.

Janes Zorn erwachte von Neuem, als sie sich an Brodys Gefühllosigkeit erinnerte.

Daisy war so aufgeregt gewesen, so sicher, dass der Brief ein gutes Zeichen war. Doch dann hatte sie ihn aufgerissen und darin die Hochzeitseinladung gefunden – zusammen mit einer Nachricht von Brodys Agenten, in der dieser kühl mitteilte, dass Mr. Cormac Brody nicht an der Hochzeit teilnehmen werde und er Miss Daisy Dean darum bitte, von jeder weiteren Kontaktaufnahme abzusehen.

Daisy war in Tränen ausgebrochen, und Jane hatte kaum mit ansehen können, mit welchem Kummer Connor die knappen Zeilen gelesen hatte.

Welches Recht besaß Brody, ihre Freunde derart zu verletzen? Und was noch schlimmer war – er hatte ja nicht mal den Mumm, sich selbst die Hände schmutzig zu machen und ihnen persönlich zu schreiben.

Jane schob sich durch die wartende Menge und stützte sich auf der Absperrung ab. Sie ignorierte ihren wilden Herzschlag und beobachtete die erschöpft aussehenden Ankömmlinge des Transatlantik-Flugs, die nach und nach in die Ankunftshalle kamen. Wenn ihr Plan funktionieren sollte, musste es ihr gelingen, ihre Feindseligkeit zu verbergen. Doch was auch immer geschehen sollte, sie würde Brody nicht die Genugtuung bereiten, zu betteln.

Dann käme sich dieser schreckliche Mensch auch noch überlegen vor.

Als eine einsame Gestalt durch die Absperrung trat, kniff sie die Augen zusammen. Konnte das Brody sein? Falls ja, dann war er nicht das, was sie erwartet hatte. Gebeugte Schultern, gesenkter Kopf, die Hand um den Koffergriff gekrampft – der Mann schien sich redlich zu bemühen, um keinen Preis aufzufallen.

Und es funktionierte. Wäre seine Größe nicht gewesen, hätte ihm vermutlich niemand einen zweiten Blick geschenkt. Doch da bemerkte Jane, wie der Fremde sich bewegte, und wusste mit absoluter Sicherheit, dass es sich um Mac Brody handeln musste. Er hatte den gleichen geschmeidigen Gang wie sein Bruder Connor.

Entschlossen kämpfte sie sich durch die Menge, um ihn am Ausgang zu stellen – ihr Puls galoppierte bereits wieder davon.

Den Blick konsequent auf den grauen PVC-Boden gerichtet, blendete Mac Brody den lauten Geräuschpegel um sich herum aus und dehnte die Schultern, um Anspannung und Erschöpfung abzuschütteln.

Er hatte sich auf Flughäfen noch nie besonders wohl gefühlt, und mit Heathrow verband er einige besonders unangenehme Erinnerungen. Als er vor drei Jahren das letzte Mal hier gewesen war, hatten die Paparazzi bereits auf der Lauer gelegen. Es war nur eine Woche nach seiner öffentlichen Trennung von Supermodel Regina St. Clair gewesen und lediglich zwei Tage nachdem Gina ihre Geschichte an die Presse verkauft und ihn wie einen wahren Mistkerl dargestellt hatte, der jede Nacht eine andere Frau vernaschte.

Ginas übertriebene Fantasien hätten ja als witzig durchgehen können, wenn nicht etliche Leute sie geglaubt hätten. An jenem Tag hatte die Reportermeute Lunte gerochen, und sie verfolgte ihn seitdem auf Schritt und Tritt. Es hatte ihm noch nie behagt, im Fokus des Medieninteresses zu stehen, insofern war es eine harsche Lektion gewesen.

Mac schaute auf und suchte nach dem Ausgang. Als er weder Anzeichen von Reportern noch Fotografen entdeckte, seufzte er erleichtert. Zum Glück hatte er von frühester Kindheit an gelernt, sich praktisch unsichtbar zu machen – die Leute bemerkten ihn in einer Menge fast nie, es sei denn, er wollte bemerkt werden.

Als er das Schild sah, das ihm den Ausgang wies, wechselte er die Richtung, doch in diesem Moment trat eine kleine, zierliche Gestalt hinter einer Säule hervor und versperrte ihm den Weg.

„Was zum Teufel …?“ Er blieb abrupt stehen, um die junge Frau nicht umzurennen.

„Sie sind Cormac Brody.“ Ihre Stimme zitterte leicht, doch sie war laut genug, um Aufmerksamkeit zu erregen.

„Sprechen Sie leise“, befahl er ihr und suchte hektisch die Menge ab. Glücklicherweise schien niemand sie gehört zu haben.

„Es tut mir leid, Sie zu stören, aber ich muss Sie sprechen“, erklärte die Unbekannte höflich. Dennoch hörte er eine gewisse Schärfe heraus. „Es ist extrem wichtig.“

„Extrem wichtig, tatsächlich?“ Das hatte er schon etliche Male gehört. Innerlich formulierte er bereits eine entschiedene Zurückweisung, doch als sein Blick erst über ihre Figur glitt und sich dann auf ihr Gesicht richtete, wollte sie ihm einfach nicht über die Lippen kommen.

Wer auch immer die Frau war, sie sah verdammt hübsch aus.

In der abgetragenen Jeans und dem verwaschenen T-Shirt hätte sie eher wie ein Junge wirken müssen, doch irgendwie stand ihr das Outfit. Es schmeichelte ihren zarten Kurven – der schmalen Taille und den kleinen, aber festen Brüsten.

Und dann war da dieses herzförmige Gesicht.

Die großen, nicht ganz grünen, nicht ganz blauen Augen zogen die eigentliche Aufmerksamkeit auf sich, doch wenn man das weiche dunkelblonde Haar, den makellosen Teint und die sinnlichen Lippen hinzunahm – plus der Tatsache, dass sie nicht mal einen Hauch Make-up trug – so war die Wirkung absolut atemberaubend.

Mac fragte sich, ob sie ein Fan war. Hoffentlich nicht.

„Und was ist so extrem wichtig?“ Einen kurzen Augenblick konnte er ihr schenken – immerhin war er schon seit Ewigkeiten nicht mehr so fasziniert gewesen. „Ich habe im Moment nicht viel Zeit, Darling.“

Die großen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, was noch niedlicher aussah. „Hören Sie auf, mich so herablassend zu behandeln, Mr. Brody.“

Mac blinzelte überrascht. Mit dieser scharfen Reaktion hatte er nicht gerechnet. Sie war auf keinen Fall ein Fan. „Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie meinen Namen nicht so laut sagen würden“, erwiderte er mild, auch wenn es nun schon das zweite Mal war, dass er sie darauf aufmerksam machte. „Ich lege keinen Wert darauf, erkannt zu werden.“ Faszinierend oder nicht, allmählich wurde sie lästig.

Erneut schaute er an ihr vorbei, um sicherzugehen, dass sie ihn nicht verraten und unerwünschte Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt hatte. „Verdammt.“

Die Fremde blickte ihn fragend an, dann begann sie sich langsam umzudrehen. Doch Mac packte sie an den Schultern und drängte sie gegen die Säule, um sie beide aus Pete Danners Blickwinkel zu manövrieren. Seine persönliche Nemesis. Jener Fotograf, der ihn vor drei Jahren wie ein Bluthund verfolgt hatte. Diese Erfahrung wollte er jetzt keinesfalls wiederholen.

„Bewegen Sie sich nicht!“, befahl er. Rasch stützte er seine Ellbogen neben ihrem Kopf ab und hielt sie mit seinem Körper gefangen. „Wenn der Mann dort drüben mich sieht, wird diese Reise eine einzige Qual.“

Jane sog scharf den Atem ein. Sie war so schockiert, dass sie ganz vergaß, wieder auszuatmen.

Was passierte hier?

In der einen Sekunde hatte sie noch in unglaublich blaue Augen geblickt und dabei festgestellt, dass Cormac Brody wesentlich attraktiver war, als erlaubt sein sollte, und mindestens genauso arrogant, wie sie befürchtet hatte. Im nächsten Moment presste er sie mit seinem harten, muskulösen Körper gegen die Säule.

Ihr wurde schwindlig. Mühsam erinnerte sie sich daran, dass sie atmen sollte. Mit dem nächsten Luftzug wurde ihr überdeutlich bewusst, dass sie jeden einzelnen Zentimeter seines Körpers spüren konnte.

„Was tun Sie da?“, keuchte sie.

So nah war sie einem Mann schon seit sechs Jahren nicht mehr gewesen. Eigentlich hätte sie den ganzen Flughafen zusammenschreien müssen. Doch neben dem Schock wurde sie von einer unbekannten Hitze erfasst.

Er rückte ein kleines Stückchen von ihr ab, wobei er immer noch über ihre Schulter blickte. Sie atmete noch einmal tief ein.

„Gott sei dank. Er ist weg.“ Sein warmer Atem streifte sanft ihr Ohr, was einen Schauer in ihr auslöste. „Ich schulde dir etwas, meine Schöne.“

„Ich … ich bekomme keine Luft“, stammelte sie.

Sein Blick richtete sich auf ihr Gesicht.

„Stimmt etwas nicht?“

Sie stimmen nicht, wollte sie ihn anschreien, doch sie brachte keinen Ton heraus. Erst musste sie aufhören, zu zittern.

Er neigte den Kopf. „Entspann dich, Darling.“

Ihr stockte der Atem, als er mit dem Daumen zärtlich über ihre Wange strich und dann die Finger in ihrem Haar vergrub. „Was hältst du davon, wenn wir das hier ausprobieren?“, murmelte er heiser, wobei ihr seine Lippen so nah waren, dass sie die frische Minznote seines Atems riechen konnte.

Dann senkte sich sein Mund auf den ihren.

Sobald seine festen Lippen die ihren berührten, spielte ihr Puls verrückt. Es war, als wäre sie von einem elektrischen Stromschlag erfasst worden.

Sie sollte ihn von sich stoßen. Doch als sie die Hände auf seine Brust legte, spürte sie das Beben seiner Muskeln unter ihren Fingern, und wie von selbst strich sie über seinen flachen Bauch. Ihre Lippen teilten sich, sodass seine Zunge ungehinderten Zugang hatte. Sie spürte ein loderndes Feuer in sich. Ihr Schoß pulsierte, und ihre Brustspitzen versteiften sich – jeder rationale Gedanke war dahin.

Im nächsten Moment schob er seine Hand unter ihr T-Shirt und streichelte die seidig glatte Haut darunter. Dann spürte sie es. Die harte Ausbuchtung, die sich gegen ihren Bauch presste.

Jane versuchte, seiner Nähe zu entkommen, und bemühte sich, die Kontrolle über ihren verräterischen Körper zurückzugewinnen. Da löste er sich von ihr.

„Whoa. Das war ganz schön heiß.“ Seine abgehackte Atmung stand der ihren in nichts nach. Er lehnte seine Stirn gegen ihre. „Wir hören besser auf, ehe die Dinge völlig außer Kontrolle geraten.“

Jane versteifte sich. Die Realität wirkte wie eine eiskalte Dusche auf ihre bis dato flammende Leidenschaft.

Was hatte sie getan? Nach sechs Jahren freiwilliger Enthaltsamkeit küsste sie einen völlig Fremden in aller Öffentlichkeit. Einen Fremden, den sie nicht mal mochte!

„Würden Sie bitte Ihre Hand entfernen?“, sagte sie. Dass er immer noch ihre Haut liebkoste, fand sie furchtbar peinlich. Sein Daumen lag direkt unterhalb ihrer Brust.

Er zog seine Hand zurück und legte sie auf ihre Hüfte. „Was hältst du davon, wenn wir uns einen Ort suchen, an dem wir das hier ungestört fortsetzen können?“

Hektisch zog sie ihr T-Shirt herunter. Ihre Wangen waren flammend rot. Hielt er sie etwa für eine Prostituierte?

Brody legte einen Finger unter ihr Kinn und hob es an, sodass sie ihn ansehen musste. „Stimmt etwas nicht?“

Natürlich stimmt etwas nicht. Ein Sexbesessener hat mich gerade angefallen!

Sie riss sich los. „Es ist a-alles in Ordnung“, stammelte sie. „Ich … ich habe etwas für Sie.“

Ein sinnliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Ich denke, das haben wir bereits festgestellt.“

Jane errötete noch mehr – und ihre Brustspitzen richteten sich auf. Verdammt sollte er sein. Wieso hatte er diese Wirkung auf sie? „Ich rede nicht von sexuellen Gefälligkeiten.“ Sie griff nach seinem Arm und drückte ihm den Umschlag in die Hand. „Das ist eine Einladung zur Hochzeit Ihres Bruders.“

Sofort versteifte er sich, und das Lächeln verschwand.

„Sie stammt von meiner besten Freundin Daisy, der Verlobten Ihres Bruders“, fügte Jane hinzu.

Ganz kurz glaubte sie, irgendetwas in seinen Augen aufflackern zu sehen. Doch es verschwand so schnell, dass sie nicht sicher war, ob sie es sich nicht nur eingebildet hatte.

„Ich habe keinen Bruder“, entgegnete er und zerknüllte die Einladung in seiner Hand.

Das war ein Szenario, mit dem sie nicht gerechnet hatte. „Natürlich haben Sie einen Bruder“, platzte sie heraus, wobei sie sich fragte, was zwischen diesem Mann und Connor vorgefallen war.

Er wirkte völlig ungerührt. Jane hatte sich zwar geschworen, nicht zu betteln, aber nach dem, was sie gerade getan hatte, schien es keine große Sache mehr. Sie holte tief Luft. „Bitte. Sie müssen kommen. Es ist wirklich wichtig.“

„Für mich nicht“, erwiderte er mit solcher Arroganz, dass sich ihr die Nackenhaare aufstellten. Er hielt die Einladung hoch. „Sie können Ihrer Freundin das hier zurückgeben und ihr sagen, dass ich nicht interessiert bin.“

„Wie können Sie nur so gefühllos sein?“, rief sie, ehe sie die Worte aufhalten konnte.

„Was geht Sie das an?“, schoss er zurück.

Bei seinem eiskalten Ton versteifte sie sich. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Daisy meine Freundin ist“, verteidigte sie sich.

„Ich verstehe“, versetzte er. „War der Kuss Daisys Idee oder Ihre?“

Jane starrte ihn mit offenem Mund an. „Sie wissen doch wohl ganz genau, dass der Kuss Ihre eigene Idee war.“ Was warf er ihr denn vor? „Wissen Sie was, Mr. Brody?“ Zur Hölle mit der Bettelei, sie hatte die Nase gestrichen voll von Mac Brody und seinem monumentalen Ego. „Nur weil Sie reich und berühmt sind, haben Sie noch lange nicht das Recht, Ihre Familie wie Dreck zu behandeln. Daisy und Connor sind wundervolle Menschen, und sie verdienen verdammt viel mehr als Sie.“

„Ach, tatsächlich?“ Sein spöttischer Unterton machte sie wahnsinnig. „Wenn Sie mich für einen solchen Mistkerl halten, warum haben Sie mich dann geküsst?“

Wenn er nicht sofort aufhörte, von diesem Kuss zu reden, dann würde sie ihn verprügeln. „Da kannte ich Sie noch nicht. Jetzt schon.“

Um seine Mundwinkel zuckte es. Offensicht war er gegen Beleidigungen immun. „Dabei haben Sie das Beste noch gar nicht kennengelernt.“

Bei der lebhaften Erinnerung an seine Erektion wurde sie erneut rot. Trotzig schob sie das Kinn vor und ignorierte das merkwürdige Flattern in der Magengegend. „Ich denke, Sie überschätzen Ihre Anziehungskraft, Mr. Brody.“

Er lachte. „Aber Sie werden sich nie sicher sein, oder?“

Jane machte sich nicht die Mühe, ihm darauf auch noch eine Antwort zu geben. Dennoch verfolgte sie sein lautes Lachen, als sie wütend davonstürmte.

Was für ein arroganter, sexbesessener, rücksichtsloser Kerl!

Jane kochte vor Wut. Sie hatte völlig recht gehabt, was Mac Brody anging. Er hatte eine so wundervolle Familie wie Daisy und Connor und deren kleinen Sohn Ronan gar nicht verdient. Gott sei dank kam er nicht zu der Hochzeit. Es war eine wahre Erleichterung, dass sie diesen schrecklichen Mann niemals wiedersehen musste!

Macs Lächeln verblasste, als er der jungen Frau hinterhersah. Sein Blick richtete sich auf den Jeansstoff, der ihren Po umschmeichelte. Erneut spürte er ein Ziehen in den Lenden.

Er hätte sie nicht derart provozieren sollen. Aber als er erst gesehen hatte, wie sehr ihr Zorn ihre wundervollen blau-grünen Augen aufblitzen ließ, war das unvermeidbar gewesen. Genauso unwiderstehlich wie der Drang, sie zu küssen.

Himmel! Als er das panische Aufflackern von Verlangen in ihren ausdrucksvollen Augen gesehen hatte, hatte seine Lust das Kommando übernommen und sein Gehirn ausgeschaltet. Der Wunsch, sie zu schmecken, war einfach zu überwältigend gewesen.

Dennoch, Spontaneität war eine Sache, Leichtsinn eine ganz andere.

Kopfschüttelnd griff er nach seinem Koffer, den er im Eifer des Gefechts einfach abgestellt hatte. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er die Hochzeitseinladung immer noch in der Hand hielt.

Er machte sich auf den Weg zum nächsten Mülleimer. Wie er ihr gesagt hatte, besaß er keinen Bruder mehr. Er brauchte keine Familie und hatte nicht die Absicht, die Hochzeit zu besuchen. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war, in ein Wespennest aus Emotionen zu stechen. Oder die quälenden Erinnerungen neu heraufzubeschwören, die er vor einem halben Leben begraben hatte.

Doch als er bereits den Arm ausstreckte, um die Einladung wegzuwerfen, hielt er plötzlich inne. Er hob den zerknüllten Umschlag etwas näher zu sich heran und atmete den ganz leichten Duft ein, den sie darauf hinterlassen hatte. Seife und Wildblumen. Verlangen durchströmte ihn. Ein Verlangen, das er schon viel zu lange nicht mehr verspürt hatte.

Er begehrte sie. Das konnte er zugeben. Nach diesem atemberaubenden Kuss bestand sowieso keinerlei Zweifel daran. Sie war nicht annähernd so kultiviert – oder so willig – wie die Frauen, mit denen er normalerweise ausging, aber aus irgendeinem Grund faszinierte sie ihn. Und das geschah nur äußerst selten.

Nachdenklich starrte er auf den Umschlag. Vielleicht lag ihr Reiz darin, dass sie so anders war. Außerdem verkörperte sie etwas, was ihm schon seit Ewigkeiten nicht mehr begegnet war – eine echte Herausforderung.

Dabei kannte er nicht mal ihren Namen.

Mac fluchte leise, dann steckte er die Hochzeitseinladung in seine Hosentasche.

2. KAPITEL

Während die S-Bahn durch die westlichen Vororte von London ratterte, spielte Jane in Gedanken immer wieder die peinliche Begegnung mit Mac Brody durch.

Als sie zwanzig Minuten später an der Ladbroke Grove Station ausstieg und bis zum Ende der Portobello Road ging, gestand sie sich endlich die Wahrheit ein. Mac Brody mochte ja ein arroganter Frauenheld sein, gegen den Casanova wie ein Waisenknabe wirkte, aber er war nicht der Einzige, den in dieser Sache Schuld traf. Sie selbst hatte einen mindestens ebenso großen Anteil an dem Debakel dieses Morgens.

Rasch eilte sie an Daisys Boutique Funky Fashionista vorbei und warf nur einen ganz kurzen Blick in das Schaufenster, das sie am Vortag mehrere Stunden lang sorgfältig dekoriert hatte. Auf ihre Arbeit war sie durchaus stolz, dennoch wurde sie in diesem Augenblick von einem furchtbar schlechten Gewissen überfallen.

Wie hatte sie bloß so leichtsinnig und unverantwortlich handeln können? Warum musste sie eine derartige Katastrophe anrichten?

Sie rieb sich die Wange an der Stelle, an der Brodys Bart sie gekratzt hatte. Wenn sie ganz ehrlich war, dann musste sie zugeben, dass ein Blick von ihm gereicht hatte – bei der ersten Berührung seiner Lippen waren ihre guten Absichten vergessen gewesen. Von diesem Zeitpunkt an hatte allein die Ekstase regiert.

Aber wie hatte sie sich ausgerechnet ihn aussuchen können? Einen Mann mit der moralischen Integrität einer Ratte?

Frustriert schob sie die Hände in die Hosentaschen und bog in die Straße Colville Gardens ein.

Vergiss den dummen Kuss.

Es war nicht wichtig. Es durfte nicht wichtig sein. Mac Brodys gefährlicher Sex-Appeal und sein verteufelt gutes Aussehen mussten jeder Frau, die sich ihm auf zweihundert Meter näherte, den Kopf verdrehen – und sie war ihm noch deutlich näher gekommen. Das war alles.

Jane seufzte schwer, als Mrs. Valdermeyers Häuschen in Sicht kam. Das schlichte Gebäude wirkte direkt neben Daisys und Connors eleganter viktorianischer Villa wie eine armselige Hütte.

Im Moment wollte sie sich einfach nur in ihrem Zimmer, das sie bei Mrs. Valdermeyer zur Untermiete bewohnte, verkriechen und den Rest des Tages mit der Buchhaltung der Boutique verbringen. Vielleicht half ihr das ja, um sich einzureden, dass dieser Morgen so gar nicht stattgefunden hatte.

Sie nahm die erste Stufe. Dann blieb sie stehen.

„Verdammt“, fluchte sie. Es durchschnitt den friedlichen Sommernachmittag wie ein Messer.

Es ging nicht. Vor sechs Jahren hatte sie sich geschworen, immer für das geradezustehen, war sie getan hatte. An diesem Morgen hatte sie eine Sache so richtig vermasselt und dabei zwei Menschen im Stich gelassen, die sie liebte.

Auch wenn sie vielleicht auf mildernde Umstände plädieren konnte, sie war es Daisy schuldig, ihr alles zu beichten und sich zu entschuldigen.

„Ich bin so froh, dass du vorbeikommst.“ Daisy strahlte sie über die Schulter hinweg an, während sie sie durch die pompöse Eingangshalle ihres Heims führte. „Der Stoff für mein Brautkleid ist endlich eingetroffen. Er ist absolut wundervoll – du musst ihn dir anschauen!“

„Toll“, entgegnete Jane und bemühte sich, zumindest ein bisschen Begeisterung vorzutäuschen, während sie die helle, freundliche Küche der Villa betraten. „Wo ist Ronan?“, wechselte sie das Thema und hoffte, auf diese Weise das Unvermeidliche zumindest noch ein wenig hinauszögern zu können.

„Er hält sein Mittagsschläfchen. Der kleine Rabauke.“ Daisy füllte am Spülbecken den Wasserkessel.

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