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Eleanors Geheimnis

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1. KAPITEL

Dave Benson betrat die enge, dunkle Garderobe, die an das Büro grenzte, und schloss sorgfältig die Tür hinter sich.

Nach dem unerwarteten Anruf waren sie übereingekommen, dass es besser sei, wenn er den wichtigen Besucher empfangen würde. Eleanor, die gerade Tee für die beiden Männer kochte, schaute neugierig auf.

„Ja, es ist Robert Carrington, der Finanzier“, beantwortete Dave die unausgesprochene Frage seiner Geschäftspartnerin. „Und sein Angebot ist genau die Art von Auftrag, die wir uns erhofft haben …“ Obwohl seine Worte ermutigend klangen, schaute er keineswegs zufrieden drein. „Offenbar hat Carrington es satt, in London zu leben und zu arbeiten, und beabsichtigt, seine Geschäfte in Zukunft von seinem Landsitz aus zu führen. Ein Herrenhaus in der Nähe von Little Maldon. Er möchte dort ein Büro einrichten, mit einem Kommunikationssystem, das dem neuesten Stand der Technik entspricht.“

„Das hört sich doch wundervoll an!“

„Das wäre es auch, wenn ich den Handel perfekt machen könnte, aber Carrington ist ein schwieriger Mann …“ Sein finsterer Gesichtsausdruck irritierte Eleanor zunehmend. „Obwohl er von vornherein gewusst haben muss, dass wir nur eine kleine Firma sind, hat er nicht aufgehört, mich mit Fragen nach unseren Kapazitäten, unserer Auslastung und verfügbaren Zeit zu löchern. Ich habe ihm mehrfach versichert, dass wir der Aufgabe gewachsen wären, aber ich scheine ihn nicht überzeugt zu haben.“

Dave setzte sich auf den einzigen, ziemlich wackeligen Stuhl im Raum und schenkte sich eine Tasse Tee ein. Dann griff er nach einem Ingwerkeks und tunkte ihn in das heiße Getränk. Durch das schmale Fenster drang gedämpfter Verkehrslärm von der Edgeware Road zu ihnen herein.

„Solltest du nicht lieber wieder hinübergehen?“, fragte Eleanor, als Dave sich einen weiteren Keks nahm.

„Er telefoniert noch. Dieser arrogante Kerl besaß tatsächlich die Frechheit, mich aus meinem eigenen Büro zu komplimentieren, als sein Handy klingelte! ‚Würde es Ihnen etwas ausmachen?‘ Als ob ich der Bürobote wäre!“

„Reiß dich um Himmels willen zusammen, wenn du wieder zu ihm gehst“, bat Eleanor nervös. „Lass ihn nicht merken, wie du über ihn denkst.“

„Ich glaube, das weiß er bereits. Wir haben von Anfang an keinen Draht zueinander gefunden“, gestand Dave. „Sieh zu, ob du mit ihm zurechtkommst. Es ist zwar so gut wie nichts über sein Privatleben bekannt, aber auf mich wirkt er wie ein Mann, der etwas für Frauen übrig hat. Vielleicht hast du bessere Karten bei ihm.“

Eleanor bemühte sich, ihr Unbehagen über diese Art der „Kundenbetreuung“ zu unterdrücken. „Ich werde mein Bestes tun“, versprach sie spröde. „Obwohl ich mich an einen Artikel in der Finance International erinnere, in dem Robert Carrington als ausgesprochen harte Nuss beschrieben wurde.“

„Mag sein, aber wenn es uns nicht gelingen sollte, ihn zu knacken, stecken wir in großen Schwierigkeiten.“ Dave fuhr sich mit beiden Händen durch sein schwarzes lockiges Haar. „Es ist so etwas wie ein Wunder, dass ein Mann wie er ausgerechnet zu uns kommt. Wir dürfen uns diesen Auftrag nicht entgehen lassen“, sagte er beschwörend. „Also versprich ihm, was er nur will.“

„Ich sehe aber keinen Sinn darin, ihm etwas zu versprechen, was wir vielleicht nicht halten können“, wandte Eleanor unbehaglich ein.

„Verdammt, Ella! Halt mir jetzt bloß keine Moralpredigt! Bis er weiß, was wir leisten können und was nicht, haben wir den Job! Das allein zählt! Unser einziger Trumpf ist, dass wir sofort verfügbar sind. Er will dieses Büro nämlich so schnell wie möglich eingerichtet haben. Größere Firmen mit vollen Auftragsbüchern haben längere Wartezeiten. Sag ihm einfach, dass unsere gegenwärtige Arbeit gerade beendet ist und wir ihn vor dem nächsten Job dazwischenschieben können …“

Es gab keinen nächsten Job. Ihr Auftragsbuch war deprimierend leer.

„Lass einfach durchblicken, dass wir anfangen können, sobald er ‚Jetzt!‘ sagt. Wenn er möchte, gleich Montag. Und dass wir unbedingt einen Vorschuss brauchen, ehe wir irgendwelche Geräte bestellen können.“

„Aber Greenlees wird uns doch wohl …“

„Vergiss es, die Quelle ist versiegt. Die würden uns nicht einmal eine Büroklammer geben, bevor wir nicht unsere Schulden gezahlt haben.“

„Schulden? Aber wir haben sie doch gleich bezahlt, nachdem das Geld von unserem letzten Job gekommen war. Ich habe den Scheck selbst abgeschickt.“

Daves schmales Gesicht wirkte noch grimmiger, als er mit flackerndem Blick zu ihr aufsah. „Der ist geplatzt. Heute Morgen hatte ich ein sehr unangenehmes Telefonat mit Greenlees – und ein noch viel unangenehmeres mit der Bank …“

„Aber … da muss ein Fehler vorliegen.“

„Kein Fehler.“

Eleanor schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich bin mir sicher, dass genug Geld auf dem Konto war, um …“

„War es nicht“, schnitt Dave ihr das Wort ab. „Als ich die bestellte Software abholen wollte, haben sie auf sofortiger Zahlung bestanden. In dem Moment, als ich den Scheck ausgestellt habe, waren wir völlig pleite.“

„So schlimm ist es? Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Ich wollte dich nicht beunruhigen.“

„Du hättest es mir aber sagen müssen. Immerhin ist es meine Aufgabe, mich um die Rechnungen zu kümmern. Wenn ich informiert gewesen wäre …“

„Anstatt zu streiten schlage ich vor, dass du jetzt da raus gehst. Alles hängt jetzt von dir ab.“

Daves attraktives dunkles Gesicht hatte einen unschönen Ausdruck angenommen. „Und vergiss nicht, dass Carrington unsere letzte Hoffnung ist. Versprich ihm, was du willst – meinetwegen auch den Mond! Wir brauchen diesen Auftrag, um im Geschäft zu bleiben.

Die klirrende Kälte in seiner Stimme ließ Eleanor innerlich erschauern, und instinktiv wusste sie, dass sie dann nicht nur ihre Firma, sondern auch Dave verlieren würde. Denn ohne Aussicht auf eine viel versprechende Zukunft hatte sie ihm nichts zu bieten. Zumindest nichts, womit sie einen Mann wie ihn halten konnte. Und damit würde ihre Zukunft so grau und trostlos sein wie ihre Vergangenheit.

Sie musste einfach einen Weg finden, Robert Carrington davon zu überzeugen, ihnen diesen Auftrag zu überlassen!

Eleanor holte tief Luft und warf einen prüfenden Blick in den fleckigen Spiegel neben der Garderobe. Was sie sah, trug nicht dazu bei, ihr Selbstbewusstsein zu stärken. In ihrem schlichten dunklen Hosenanzug wirkte sie äußerst schlank, fast mager, und ihr herzförmiges Gesicht wirkte blass und angespannt. Aus dem strengen dunklen Haarknoten hatte sich eine einzelne Strähne gelöst. Mit einer automatischen Geste steckte Eleanor sie wieder fest, straffte ihre Schultern, griff nach dem Tablett und machte sich auf den Weg.

Im Büro traf sie auf einen hoch gewachsenen Mann, der mit dem Rücken zu ihr am Fenster stand. Er blickte auf den Verkehr einige Stockwerke unter ihnen. Er hatte breite Schultern und dichtes weizenblondes Haar. Seine Haltung wirkte entspannt und doch wachsam. Ohne Hast wandte er sich um, und Eleanor fiel auf, dass seine dichten Brauen und Wimpern etwas dunkler waren als sein Haar. Ihr stockte der Atem. Nach Daves abfälliger Schilderung hatte sie einen distinguierten Geschäftsmann in den Fünfzigern erwartet. Ein Urteil, das so gar nicht auf ihr Gegenüber zutraf.

Robert Carrington konnte höchstens Anfang dreißig sein und wirkte durch seine jungenhaft sportliche Erscheinung eher noch jünger. Und dass, obwohl er mit seinem dunklen Anzug und der eleganten Seidenkrawatte durchaus konventionell gekleidet war. Irgendetwas nicht Fassbares an seiner Erscheinung beunruhigte und irritierte Eleanor. Da sie nur stumm dastand und ihn anstarrte, hob er schließlich fragend eine Braue.

Sofort fühlte sie das Blut in ihre Wangen steigen und verwünschte sich wegen ihrer Unbeholfenheit. Sie stellte das Tablett auf dem Schreibtisch ab, trat mit einem offenen Lächeln auf ihren Gast zu und reichte ihm die Hand zur Begrüßung.

„Mr Carrington? Ich bin Eleanor Smith.“ Obwohl sie nicht klein war, überragte er sie um einiges. Kraftvoll umfasste er ihre schmalen Finger, und im nächsten Moment war sie von seinen bernsteinfarbenen Augen gefangen, in denen goldene Funken glitzerten. Eleanor schluckte mühsam und brachte es nicht fertig, sich aus seinem intensiven Blick zu lösen. Wie die Augen eines Wolfes, dachte sie schaudernd.

„Smith, wie in Smith und Benson?“ Seine Stimme war angenehm dunkel und die Frage brach den Bann.

„J…ja“, stammelte sie.

Er wandte den Kopf, schaute auf das Teetablett und dann wieder in Eleanors Gesicht. „Dann sind Sie also nur für Ihre Bürohilfe eingesprungen?“

Mit Mühe nahm Eleanor sich zusammen und sagte so ruhig wie möglich: „Unglücklicherweise leiden wir im Moment an Personalknappheit.“ Im Bemühen, sich ihr Selbstvertrauen zurückzuerobern, setzte sie sich auf den ledernen Chefsessel hinter dem Schreibtisch und wies auf den gegenüber stehenden Besucherstuhl. „Nehmen Sie doch bitte Platz, Mr Carrington.“

Robert Carrington ging um den Schreibtisch herum und ließ sich auf dem kleinen Drehstuhl nieder. Stühle machen nicht aus, wer der Chef ist, und beide wussten das.

Eleanor schenkte Tee in eine der Tassen ein. „Milch und Zucker?“

„Wenig Milch, keinen Zucker.“

Eleanor bemerkte entsetzt, dass ihre Hände heftig zu zittern begannen, als sie ihrem Gast den Tee reichte. Er versuchte noch, ihr entgegenzukommen, aber da war das Unglück schon geschehen. Wie in Zeitlupe sah sie, dass die Tasse umfiel und sich ihr Inhalt auf die Untertasse und Robert Carringtons Hose ergoss. Während Eleanor wie erstarrt dasaß, stellte er die halb volle Tasse auf dem Schreibtisch ab, zog ein makellos sauberes Taschentuch hervor und bemühte sich, den Schaden zu beheben. Erst jetzt fiel Eleanor auf, dass er schon bei den ersten Anzeichen ihrer Unsicherheit aufgesprungen war, und damit die Katastrophe eingedämmt hatte.

Doch irgendwie frustrierte sie seine vorausschauende Reaktion eher, als dass sie ihm dankbar war. Hatte er etwa mit ihrer Ungeschicklichkeit gerechnet?

„Es … tut mir schrecklich leid!“, entschuldigte sie sich. „Ich hoffe, der Schaden ist nicht allzu groß?“

„Zumindest nicht lebensbedrohlich“, erwiderte er trocken, knüllte das Taschentuch zusammen und warf es mit einer lässigen Geste in den Papierkorb.

„Lassen Sie mich Ihnen eine frische Tasse Tee einschenken“, bat Eleanor kleinlaut, doch ihr Vorschlag fand keinen Anklang.

„Nennen Sie mich ruhig einen Feigling, aber das möchte ich lieber nicht riskieren.“

Kein Zweifel, dass er die peinliche Situation genoss! Dave hatte recht – Robert Carrington war ein harter Geschäftsmann. Aber sie musste sich zusammenreißen, um ihre Abneigung nicht zu zeigen. Durch ihre Ungeschicklichkeit hatte sie bereits genug Schaden angerichtet.

„Es tut mir leid“, wiederholte sie.

Robert winkte ab. „Vergessen Sie es.“ Er griff nach seiner halb vollen Tasse und hob sie wie zum Toast. „Ich hoffe, Sie haben vor, mir beim Tee trinken Gesellschaft zu leisten, sonst müsste ich Sie doch noch für die Bürohilfe halten.“

Eleanor biss sich auf die Lippe und schenkte sich auch Tee ein. Nur widerwillig nahm sie einen winzigen Schluck und schauderte in Erinnerung an die vielen Tassen der braunen, unansehnlichen Brühe, die man ihr im Sunnyside aufgezwungen hatte. Seit der Zeit im Kinderheim hasste sie dieses Getränk.

„Nur interessehalber …“, drang Roberts sonore Stimme in ihre unerfreulichen Erinnerungen. „Wie viel Personal haben Sie? Benson konnte mir auf diese Frage keine klare Auskunft geben.“

„Hmm, ich bin sicher, er hat Ihnen bereits erklärt, dass wir eine sehr kleine Firma sind und …“

„Wie viel?“

„Zwei.“

„Ich verstehe.“

„Das stellt keinerlei Problem für uns dar“, versicherte Eleanor förmlich. „Wobei es natürlich von der Größe der Aufträge abhängt und von der vorgegebenen Zeit. Wenn wir zusätzliche Arbeitskräfte brauchen, wie Tischler, Elektriker oder Installateure, dann stellen wir sie befristet ein.“ Zumindest war das ihr Plan gewesen, sollten sie tatsächlich einmal einen größeren Auftrag ergattern. „Was zum Beispiel Ihr Vorhaben betrifft … Soweit ich meinen Partner verstanden habe, beabsichtigen Sie …“

„Was ist denn mit Benson passiert? Kneift er?“

Verärgert über die unhöfliche Unterbrechung runzelte Eleanor die Stirn. „Er hatte noch einen Termin“, erklärte sie kühl.

„Wohl eher kalte Füße“, konterte Robert Carrington. „Und deshalb hat er beschlossen, eine schöne Frau vorzuschicken, um mich weich zu klopfen?“

„Ich bin vielleicht nicht schön, aber ich bin immerhin die Seniorpartnerin der Firma. Und niemand schickt mich, um irgendetwas zu tun!“

„Schön für Sie!“ Robert Carrington sprang auf die Füße und kam um den Schreibtisch herum. Sanft umfasste er Eleanors Kinn und zwang sie, ihn anzuschauen. Wie versteinert saß sie da, während er ruhig ihre großen grauen Augen unter den geschwungenen Brauen studierte und dann seinen Blick über die hohen Wangenknochen und die gerade Nase zu dem großzügigen, weichen Mund und dem festen Kinn wandern ließ. Langsam hob er einen Finger und berührte ganz zart die gezackte, dünne Narbe, die sich von Eleanors Schläfe bis über ihre Wange hinzog. „Was lässt Sie glauben, dass Sie nicht schön sind?“

Wie unzählige Male zuvor hörte Eleanor wieder diese schreckliche Stimme in ihrem Kopf: Ist es nicht eine Schande, dass sie durch diese hässliche Narbe verunstaltet ist …? Und plötzlich war sie sich ganz sicher, dass Robert Carrington sich nur über sie lustig machte.

„Ich habe schließlich einen Spiegel“, entgegnete sie spröde.

„Und? Wie würden Sie sich selbst beschreiben?“

„Farblos. Unbedeutend. Verunstaltet.“

„Wenn Sie natürlich so voreingenommen sind, brauchen Sie gar nicht erst in den Spiegel zu schauen. Versuchen Sie lieber, sich mit den Augen ihrer Mitmenschen zu sehen – der Menschen, die Sie schätzen und lieben. Zum Beispiel Ihr Verlobter …“

Unwillkürlich überlegte Eleanor, wie oft sie wohl in Daves Augen die Bestätigung ihres eigenen Urteils gesehen haben mochte.

Während sie noch versuchte, diesen unglücklichen Gedanken in den Hinterkopf zu verbannen, saß Robert Carrington bereits wieder ihr gegenüber auf dem Besucherstuhl und beobachtete sie aufmerksam. Immer noch spürte sie seine Berührung auf ihrer Wange, als hätte er dort ein Brandmal hinterlassen. Eleanor unterdrückte das Verlangen zu fliehen und räusperte sich energisch.

„Ich glaube, wir sind etwas vom Thema abgekommen, und ich nehme an, Sie sind viel zu beschäftigt, um hier ihre Zeit zu vergeuden.“

„Oh, ich würde das nicht als Vergeudung bezeichnen. Manchmal kann es sehr aufschlussreich sein, ein wenig abzuschweifen. Es hilft, den Sinn auf das eigentlich Wichtige zu richten.“

Eleanor zählte innerlich bis zehn. „Nun gut, nachdem wir nun eine Weile abgeschweift sind, kommen wir doch wieder zum Geschäftlichen.“ Ihr Ton besagte eindeutig, dass sie nicht den ganzen Nachmittag zu verschwenden gedachte.

Robert Carringtons goldbraune Augen verfinsterten sich und sein spöttisches Blinzeln zeigte ihr, dass er ihren Bluff mühelos durchschaute. „Natürlich habe ich Verständnis dafür, wenn Sie zu beschäftigt sind, um mir mehr von Ihrer kostbaren Zeit zu opfern“, sagte er geschmeidig.

„Nein!“, rief sie fast panisch aus. „So war das nicht gemeint.“ Als ihr klar wurde, wie verräterisch ihre überzogene Reaktion auf ihn wirken musste, hätte sie sich ohrfeigen können. „Mr Carrington, ich glaube, Sie wissen recht gut, dass wir diesen Auftrag wollen“, sagte sie ohne weitere Umschweife. „Und ich kann Ihnen nur versichern, dass wir alles tun werden, um Sie zufrieden zu stellen, sollten Sie uns die Chance dazu geben.“

„Wie lange arbeiten Sie schon in diesem Geschäft?“

Eleanor gab sich einen Ruck. „Nicht ganz ein Jahr.“

„Würden Sie mir verraten, wie es zu der Gründung dieser Firma kam?“ Obwohl höflich formuliert, klang es mehr nach einem Befehl, als nach einer Frage. Aber was hatten sie laut Daves Aussage noch zu verlieren? Eleanor beschloss, ihrem möglichen Auftraggeber reinen Wein einzuschenken.

„Es war Daves Idee. Computertechnik und Kommunikationselektronik sind schon immer seine Stärke gewesen. Und er ist wirklich gut!“, versicherte sie eifrig.

„Und was ist mit Ihnen?“

„Da ich über keine einschlägigen Erfahrungen verfügte, hat er mich dazu ermutigt, ein Jahr lang einen Abendkursus zu absolvieren, damit wir Partner werden könnten.“

„Aber warum abends?“

Eleanor zögerte mit der Antwort. Was gingen diesen fremden Menschen eigentlich ihre Privatangelegenheiten an?

„Es erscheint mir als ein ziemlich harter Weg“, fügte er als Erklärung hinzu.

„Tagsüber musste ich für meinen Lebensunterhalt arbeiten“, erklärte sie knapp.

„Und wo?“

„In einem Hotel.“

„Als Empfangsdame?“

„Wie kommen Sie darauf?“, fragte Eleanor in echter Verblüffung.

„Sie haben eine schöne Stimme und eine kultivierte Aussprache.“

So etwas Ähnliches hatte Dave auch einmal gesagt. Umso schwerer fiel ihr die Antwort auf Robert Carringtons Frage. Stolz reckte sie ihr Kinn vor. „Ich habe in der Küche gearbeitet.“

„Das ganze Jahr über?“ Eleanor nickte. „Konnte Benson Sie nicht unterstützen?“

„Dazu war er nicht in der Lage.“ Tatsache war, dass sie stattdessen für Dave in seinem letzten Jahr am College aufgekommen war.

„Aber was hat Sie nur veranlasst, diese Doppelbelastung auf sich zu nehmen?“

Eleanor hob die schmalen Schultern. „Dave und ich fühlten uns von der Idee angezogen, selbstständig zu sein und nur für uns selbst zu arbeiten …“

In Wirklichkeit war es seit sie denken konnte ihr persönlicher Traum gewesen, etwas für sich ganz allein zu haben. Ein eigenes Geschäft – vielleicht einen Secondhand-Buchladen oder eine gemütliche Teestube mit einer kleinen Wohnung im Obergeschoss …

Sicherheit und Unabhängigkeit.

Erst später hatte ihr Traum dann auch Dave mit eingeschlossen.

Eleanor war ein ruhiges, introvertiertes Kind gewesen, das nach Aussage der Erwachsenen schon immer in seiner eigenen Welt gelebt hatte. Obwohl sie als überdurchschnittlich intelligent und aufgeweckt galt, hatten ihre Zensuren selten über dem Durchschnitt gelegen. Nach der Schulzeit arbeitete sie in der Küche des Kinderheimes, in dem sie den Großteil ihres Lebens verbracht hatte.

Sobald sie dafür alt genug gewesen war, hatte sie sich für die jahrelange Fürsorge bedankt und war der grauen Trostlosigkeit von Sunnyside entflohen – mit einigen Kleidungsstücken, ein Paar Lieblingsbüchern und – schallplatten und Kenntnis der gutbürgerlichen Küche. Sie hatte ganz in der Nähe des Heimes eine Anstellung als Küchenhilfe in einem Hotel gefunden. Die Arbeit war hart, der Lohn gering, aber sie hatte zum ersten Mal ein eigenes Zimmer. Wenn es auch eng und dunkel war, es gehörte ganz allein ihr.

Ihr privates Reich! Der erste Geschmack von Freiheit!

Eleanor ging niemals mit den anderen Hotelangestellten aus oder kaufte sich neue Kleider, sondern sparte eisern jeden Penny, den sie von ihrem schmalen Gehalt abzweigen konnte. Und da sie trotz ihrer Weigerung, sich den anderen anzuschließen, immer höflich und freundlich war, ließ man sie schließlich in Ruhe ihren eigenen Weg gehen. Sobald sie feste Arbeitszeiten hatte, besorgte Eleanor sich noch einen zweiten Job in einem Supermarkt, in dem sie abends und an ihren freien Tagen die Waren in den Regalen auffüllte. Später arbeitete sie sogar noch bis in die Nacht an der Kasse einer Supermarktkette.

Nach drei Jahren harter Arbeit hatte sie sich bereits so viel zusammengespart, dass es kaum mehr als ein weiteres Jahr dauern mochte, bis sie sich ihren geheimen Traum von einem eigenen kleinen Geschäft erfüllen konnte.

Einen Freitagabend sah sie im Supermarkt einen jungen Mann in Jeans und abgetragener Jacke, der nur wenige billige Nahrungsmittel in seinem Korb hatte.

Dave!

Obwohl sie ihn vor mehr als fünf Jahren zum letzten Mal gesehen hatte, erkannte Eleanor ihn sofort wieder. Dieses anziehende, schmale Gesicht mit der feinen, geraden Nase und den haselnussbraunen Augen unter den geschwungenen dunklen Brauen war einfach unverkennbar. Das lockige nachtschwarze Haar fiel ihm in die Stirn.

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