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Endlich die Richtige?

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1. KAPITEL

„Ich werde heiraten!“, verkündete Holly. Sie war an diesem Morgen fünfzehn Minuten zu spät dran und knallte ihre Aktenmappe auf den Schreibtisch ihres Büros in der Event-Agentur „Wolke Sieben“.

„Du machst was?“, ertönte Beth’ Stimme entgeistert aus dem Lautsprecher der Telefonanlage.

Holly setzte sich an ihren Schreibtisch, schlug die Beine übereinander und entdeckte die Laufmasche in ihrer Strumpfhose. Ihre Stimmung erreichte einen erneuten Tiefpunkt. Sie nahm sich ein Paket mit einer neuen Strumpfhose von dem Vorratsstapel in der untersten Schublade des Schreibtisches und ging in das zu ihrem Büro gehörige Bad, um sich umzuziehen. Zwar musste sie laut werden, um von dort aus über die Telefonanlage von Beth verstanden zu werden, was bei ihrer gegenwärtigen Laune jedoch kein Problem war. „Ich sagte, ich werde heiraten!“

„Aber ich kann mich nicht erinnern, dass du dich in den vergangenen sechs Monaten mehr als einmal mit demselben Mann verabredet hättest“, wandte ihre Freundin am anderen Ende der Leitung verblüfft ein, „geschweige denn, dass du einem davon so nahe gekommen wärst, um ihn heiraten zu wollen!“

Hollys Assistentin Lydia wählte genau diesen Moment, um das Büro zu betreten. Sie blieb wie angewurzelt stehen, sodass aus dem Becher, den sie in der Hand hielt, der Kaffee beinahe überschwappte, und starrte fast beleidigt auf die Telefonanlage. Holly kam aus dem Bad, wieder makellos bekleidet, winkte Lydia ungeduldig zu, und diese stellte den Kaffeebecher sogleich in Reichweite für Holly auf den Schreibtisch.

Ohne um Erlaubnis zu bitten, mischte sich Lydia ganz selbstverständlich in das Privatgespräch ein. „Habe ich euch richtig verstanden? In der kurzen Zeit, die ich gebraucht habe, um Holly einen Kaffee zu machen, hat sie sich einen Bräutigam an Land gezogen?“

„Bist du das, Lydia?“, fragte Beth am anderen Ende der Leitung.

Lydia beugte sich über die Telefonanlage. „Wie geht es dir, Beth? Wann kommt das Baby?“

„Oh, es geht mir bestens, und das Baby soll ungefähr in einem Monat kommen …“

„Bitte, Mädels“, unterbrach Holly die beiden. „Hier werden gerade ganz wesentliche Entscheidungen für mein Leben getroffen.“

Lydia machte sofort eine Geste, als würde sie sich die Lippen verschließen.

„Tut mir leid, Darling“, meldete sich Beth vergnügt. „Aber Lydia ist schuld. Du weißt genau, dass ich mich nicht zurückhalten kann, wenn mich jemand nach dem Baby fragt. Bitte, rede jetzt weiter.“

„Danke.“ Holly atmete tief ein. „Heute Morgen, als ich gerade am letzten Block in der Lonsdale Street entlangging, hat mich dieser … Mann praktisch platt gewalzt. Mein Aktenkoffer landete in der Gosse, die Kulis rollten über die Straße, und meine wichtigen Unterlagen flatterten über den Gehweg. Und als ich dann auf Händen und Knien meine Sachen wieder einsammelte, besaß dieser Typ auch noch die Frechheit, mir zu sagen, ich solle besser aufpassen!“

„War er süß?“, erkundigte sich Lydia sofort.

Nein, süß war nicht der treffende Ausdruck. Holly rief sich seine braunen Augen in Erinnerung. Die dunklen Schatten der Erschöpfung darunter hatten unwillkürlich ihr Mitgefühl geweckt. Aber sein finsterer Blick, als er erkannte, dass sie alles fallen gelassen hatte, hatte derartige Gefühle rasch wieder erstickt. Trotz seines gereizten Tons hatte seine Stimme einen tiefen, warmen Klang gehabt … mit einem Anflug von amerikanischem Akzent. Nein, süß traf es wirklich nicht.

„Groß“, antwortete Holly zögernd. „Dunkles, zerzaustes Haar. Grübchen in beiden Wangen. Hat angenehm geduftet. Aber das tut nichts zur Sache.“

„Tut nichts zur Sache?“, widersprach Beth über das Telefon. „Er klingt perfekt!“

„Das meine ich auch“, pflichtete Lydia ihr bei.

Und Beth, die einen starken Hang zum Esoterischen hatte, fügte schwärmerisch hinzu: „Gerade wenn man aufhört zu suchen, findet er dich. Es ist Kismet.“

Holly verdrehte die Augen. „Er hat mich nicht gefunden, Beth, sondern mich ausgeschimpft und verletzt. Sieh her!“ Sie zeigte Lydia eine kleine Schürfwunde an ihrem Knie, und ihre Assistentin machte ein mitfühlendes Gesicht.

„Und den Burschen willst du heiraten?“, fragte sie dann etwas verwirrt.

„Nein! Ihr habt beide nicht verstanden, worum es geht. Diese schreckliche Episode hat mir die Augen geöffnet. Mein geselliges Leben beschränkt sich ausschließlich auf den Besuch von Partys, die wir organisieren. Anstatt Männer kennen zu lernen, lerne ich nur männliche Partylöwen kennen. Die führen mich mit ihrem attraktiven, charmanten und selbstbewussten Auftreten in die Irre, aber sie sind nichts als Blender. Der ‚Gentleman‘ von vorhin war sehr attraktiv, kompromisslos und rücksichtslos und somit die Verkörperung all dessen, was den Männern, die ich kennen lerne, fehlt. Das ist eine narrensichere Theorie.“

„Ich muss zugeben, ich bin verwirrt“, sagte Lydia. „Wenn es nicht der Typ ist, wen, in aller Welt, willst du dann heiraten?“

„Das ist ja der Punkt … Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Ben ihn für mich finden wird.“

„Mein Ben?“, fragte Beth übers Telefon.

„Natürlich. Siehst du denn nicht, dass das der einzige Weg ist? Ben arbeitet für eine große Firma und hat viele Angestellte unter sich, zumeist junge Männer, die er selbst ausgesucht hat und somit besser kennt als jeder andere. Er kann mir jemanden aussuchen, den er selber gut leiden mag, und dann werden wir vier auf immer die besten Freunde sein. Du weißt schon … man lebt Tür an Tür, lädt sich gegenseitig zum Grillen ein, geht gemeinsam auf Campingtour …“

„Aber du hasst Camping!“

„He, Beth, ich scherze nicht. Du musst doch zugeben, der Plan ist perfekt.“

„Und das alles, weil du auf der Straße mit einem sehr attraktiven, gut riechenden Burschen mit Grübchen zusammengeprallt bist?“, fragte Beth, immer noch ungläubig.

„Es war, als hätte er mir bei unserem Zusammenprall etwas Vernunft eingebläut.“

„Er hat dir wohl eher eine Gehirnerschütterung verpasst“, meinte Lydia respektlos, was Holly mit einem ungnädigen Blick quittierte.

„Der Typ muss ja ein toller Hecht gewesen sein, um ausgerechnet dich zu veranlassen, vom Heiraten zu reden“, meldete sich Beth über die Telefonanlage.

„Was soll das heißen … ausgerechnet mich?“

„Komm schon, Holly. Ich kenne keine Frau, die so beherrscht und unabhängig ist wie du. Du meine Güte, du hast in deinem Schreibtisch im Büro sogar einen Stapel Ersatzstrumpfhosen in verschiedenen Farben!“

Hollys Blick schweifte unwillkürlich zu besagtem Stapel. Sie stieß die Schublade mit dem Fuß zu.

„Und plötzlich willst du dein zukünftiges Glück in die Hände eines anderen Menschen legen“, fuhr Beth fort.

„Ben ist nicht irgendjemand, das weißt du genau. Ich traue ihm zu, dass er eine gute Wahl treffen wird.“

„Ich kann nicht glauben, dass du es wirklich ernst meinst“, gestand Beth. „Aber gut, komm heute Abend zum Essen zu uns, damit wir meinen armen, ahnungslosen Mann überfallen können.“

„Danke, Beth. Du bist die beste Freundin auf der Welt.“

„Dass du mir es bloß nicht vergisst!“

Nachdem Beth das Gespräch beendet hatte, ging auch Lydia zur Tür. Auf der Schwelle drehte sie sich aber noch einmal um und fragte: „Hat er dir geholfen, deine Sachen wieder aufzuheben?“

Holly, die sich bereits den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch zugewandt hatte, blickte auf. „Wie? Ja, er hat praktisch sofort sein Gepäck abgestellt und sich gebückt, um mir zu helfen. Aber dabei hat er mich ausgeschimpft, weshalb das auch ohne Bedeutung ist.“

„Und du bist mit gesenktem Kopf und in Gedanken schon ganz bei deinen heutigen Projekten vor dich hin gegangen, ohne auf irgendetwas zu achten, stimmt’s?“

„Sicher …“

„Aber das ist auch ohne Bedeutung, richtig?“

Holly warf Lydia einen giftigen Blick zu, was diese jedoch nicht abschreckte.

„Ein großer dunkelhaariger, gut aussehender Fremder rennt dich um und geht dann in die Knie, um dir zu helfen. Und du hältst das für schlecht. Ich dagegen würde den Rest des Tages verträumt aus dem Fenster sehen, wenn mir so etwas passieren würde. Leider habe ich nicht so viel Glück. Ich musste mich auf dem Weg hierher mit einer Horde Schüler in die U-Bahn quetschen.“ Lydia seufzte dramatisch, und Holly lächelte wider Willen.

„Dir ist doch klar, dass ich dein Boss bin und es deshalb dein Job ist, mich gebührend zu bedauern, oder?“

„Und ich dachte, es sei mein Job, dir Kaffee zu bringen, auf Stühlen zu stehen, sodass du mich mit Stoffen behängen kannst, und alle Anrufe von irgendwelchen Männern abzuwimmeln, mit denen du am Abend zuvor ein langweiliges Date verbracht hast.“

„Natürlich“, antwortete Holly nach kurzem Überlegen, „das auch.“

Lydia verließ den Raum und ging zurück an ihren Schreibtisch, um zumindest eine Weile verträumt aus dem Fenster zu sehen und sich vorzustellen, sie würde die Lonsdale Street entlanggehen und mit großen dunkelhaarigen, gut aussehenden Fremden zusammenprallen.

Jake half dem Fahrer, die letzten Gepäckstücke in den Kofferraum des Taxis zu laden. Als sie dann losfuhren, strich er sich durch das zerzauste Haar, lehnte sich zurück und ließ den Blick einen Moment auf dem erschöpften Ausdruck seines Spiegelbildes im Seitenfenster verweilen.

Dann wandte er den Blick nach draußen, wo die ihm vertrauten Häuserfluchten seiner Heimatstadt vorbeizogen. Er war sich noch nicht sicher, was er davon halten sollte, wieder zu Hause zu sein. So weit, so gut. Und eine heiße Dusche und ein erholsamer Schlaf in seinem eigenen Bett würden es noch besser machen. Aber wie lang würde es diesmal dauern, bis in ihm der Wunsch erwachte weiterzuziehen?

So oder so, Melbourne war eine großartige Stadt. Wenn er allein an die bezaubernde Frau dachte, mit der er gerade auf der Straße den kurzen Austausch gehabt hatte. Eine typische Frau aus Melbourne … heller, seidiger Teint, elegant bis ins kleinste Detail, ein hinreißendes Gesicht und eine natürlich selbstbewusste Haltung. So eine Frau fand man sonst nirgendwo auf der Welt. Jedenfalls er hatte bislang keine solche gefunden. Während der Fahrt nach Hause schweiften seine Gedanken immer wieder zu der Brünetten mit den blitzenden blauen Augen, die es irgendwie geschafft hatte, ihn aus seiner sonst für ihn typischen Gemütsruhe zu reißen.

Jetlag. Es musste am Jetlag liegen.

„Schatz?“ Bens Stimme schallte aus der Eingangsdiele.

Holly schluckte. Sie hatte nicht gehört, dass er die Haustür aufgeschlossen hatte.

„Wir sind hier, Darling!“, rief Beth, die in einem Sessel saß, den sie ihrem schmerzenden Rücken zuliebe in die Küche geschleppt hatten. Holly begegnete dem bezeichnenden Blick ihrer Freundin. Das ist deine letzte Chance, es dir noch anders zu überlegen, besagte er. Aber Holly war fest entschlossen. „Folge einfach dem köstlichen Duft von Brathähnchen à la Holly in die Küche.“

Ben kam herein, beugte sich herab und küsste seine Frau, ohne auch nur zu fragen, warum der Wohnzimmersessel in der Küche stand. Holly hielt ihm ebenfalls ihre Wange zum Kuss hin und wurde nicht enttäuscht.

„Was verschafft uns das Vergnügen deiner Gesellschaft, Prinzessin?“ Ben spähte über ihre Schulter auf das so verlockend duftende Abendessen. Holly gab ihm einen Klaps auf die Finger, als er versuchte, sich ein Stück Tomate zu stibitzen.

Nach einem prüfenden Blick auf Beth, die ihr hinter Ben aufmunternd den hochgereckten Daumen zeigte, antwortete Holly: „Ich möchte, dass du mir zu einem Date mit einem deiner Angestellten verhilfst.“ Mit angehaltenem Atem wartete sie auf das unvermeidliche Nein.

„Kein Problem“, erwiderte Ben, und Holly war zu verblüfft, um ihn daran zu hindern, eine Kirschtomate zu naschen.

„Wirklich?“

„Natürlich. Es geht um Derek aus der Lohnbuchhaltung, stimmt’s? Der hat schon seit langem ein Auge auf dich geworfen.“

„Also zuerst einmal … es geht nicht um Derek. Ich meine … igitt!“

„Komm schon, Ben“, kam Beth ihr zu Hilfe. „Du weißt doch, dass sie auf große dunkelhaarige, attraktive Männer steht. Derek ist ein Langeweiler.“

„Um wen geht es dann?“

Holly räusperte sich umständlich und erklärte Ben dann mit wachsender Begeisterung ihre geniale Theorie und ihren Plan, bis Ben nicht mehr daran zweifeln konnte, dass sie es ernst meinte.

„Ihr beide meint es ernst, richtig?“, fragte er unnötigerweise.

„Todernst“, bekräftigte seine Frau. „Ich habe ihr Horoskop erstellt … Holly ist scharf.“ Sie bemerkte Bens entsetzten Blick und stieß ihn lachend in die Rippen. „Scharf auf die ganz große Chance natürlich, du Dummkopf. Nein, es ist wirklich ernst, Ben. Sie kommt allmählich in die Jahre.“

„Sie ist siebenundzwanzig, du meine Güte!“

„Und ich möchte ihre Ehrendame sein, solange ich noch jung und hübsch genug bin, wenigstens eine kleine Chance zu haben, die Braut auszustechen.“

„Ihr beide seid komplett verrückt, und ich sollte euch nicht mehr in einem Raum miteinander allein lassen!“, meinte Ben kopfschüttelnd.

„Aber du wirst es tun, nicht wahr, Darling?“

Ben begegnete den erwartungsvollen Blicken der beiden Frauen und brachte es nicht übers Herz, abzulehnen.

2. KAPITEL

Am nächsten Abend flanierte Holly also am Arm des Ehemannes ihrer besten Freundin durch die vordere Bar des Sport- und Nachtclubs „Fun and Games“. Sie hatte sich schwer in Schale geworfen und trug ein hautenges, schulterfreies schwarzes Seidenkleid, dessen Rock bis zum Oberschenkel geschlitzt war.

„Hattest du für heute Abend an irgendjemand Bestimmten für mich gedacht?“, brüllte sie Ben ins Ohr, damit er sie über die dröhnende Musik hinweg verstehen konnte.

„Also, ehrlich gesagt, habe ich dein Foto an die Wand in der Männertoilette in der Firma gepinnt zusammen mit einem Hinweis, dass du heute Abend hier sein würdest“, antwortete er ungerührt. „Auf diese Weise können sie dich ganz zwanglos ansprechen.“

„Das ist nicht komisch!“ Holly kniff ihn ziemlich unelegant in den Arm. „Was ist das überhaupt für eine Veranstaltung hier?“

„Von unserer eigenen Firma. Das ist Lincolns Idee. Wir veranstalten all unsere Feiern in den verschiedenen Clubs, die uns gehören, sodass wir praktisch ständig in uns selber investieren.“

Holly nickte. „Genial. Nur schade, dass ‚Lincoln Holdings‘ all seine Veranstaltungen intern managt. Ich hätte viel Spaß mit einem Budget dieser Größenordnung.“ Sie schmiegte sich enger an Ben. „Ist der große Boss heute auch hier?“

„Lincoln? Tut mir leid, Holly, aber den kannst du von deiner Liste streichen. Er hat in den letzten Jahren unsere internationalen Geschäfte von New Orleans aus geleitet.“

„Ich wette, er ist groß und dunkelhaarig und unwerfend attraktiv“, meinte Holly schmollend, und Ben lächelte nur. Holly wertete diese Reaktion als einen Hinweis, dass sein Boss ein verheirateter Workaholic war mit drei nervenden Kindern, einem Bierbauch und zu hohem Blutdruck.

Ben nahm ihre Hand und zog Holly hinter sich her durch die Menschenmenge in einen privaten Veranstaltungsraum, der zu einer Art Theater umgestaltet worden war. Deckenscheinwerfer tauchten den Raum in blendendes Licht, schalldichte Wände schlossen die dröhnende Popmusik von nebenan aus, sodass man nur das Klingen von Gläsern und ein fröhliches Stimmengewirr hörte.

Sie folgte Ben zu ihrem Platz vorbei an mehreren attraktiven Männern in Abendanzügen, deren Anblick ihr Herz höher schlagen ließ. Nachdem sie dann Platz genommen hatten, wandte sie sich an Ben, um ihn zu fragen, was sich hinter dem Samtvorhang verbarg, der in der Mitte des Raumes von der Decke bis zum Boden reichte. Doch genau in diesem Moment wurde er langsam hochgezogen und enthüllte … einen Boxring!

Ben unterhielt sich mit zwei Kollegen in der Reihe davor. Begeistert fachsimpelten sie über die beiden Boxer, die gleich vor ihnen zur Sache gehen würden.

Holly zupfte Ben am Ärmel. „Da vorn ist ein Boxring.“

Er lächelte nachsichtig. „Damit die Boxer für sich bleiben und sich nicht durch die Menge prügeln.“

„Aber … ich dachte, dies sei eine Geschäftsfeier und wir würden am Tisch sitzen und gepflegt zu Abend essen und du würdest mich lauter eleganten, distinguierten Herren vorstellen.“

„Wir sitzen. Wir essen.“ Ben warf sich eine Hand voll Nüsse in den Mund, die er von einem vorbeikommenden Ober aufgegriffen hatte. „Und dies hier sind Mark und Jeremy.“ Die beiden unscheinbaren Herren mittleren Altes aus der Reihe vor ihnen lächelten höflich.

Holly packte Ben bei den Satinaufschlägen seines Smokings und sorgte so dafür, dass das übermütige Funkeln in seinen Augen rasch erstarb. „Aber so habe ich es mir ganz und gar nicht vorgestellt!“

„He, entspann dich, Holly. Es wird dir gefallen.“

Holly verschränkte mit skeptischer Miene die Arme. „Es überrascht mich, dass sich ‚Lincoln Holdings‘ mit einer derart primitiven und zweifelhaften Unternehmung in Verbindung bringen lässt.“

„Sämtliche Angestellte von ‚Lincoln Holdings‘, vom Geschäftsführer bis hin zum Wachpersonal, treffen sich zu diesen Abenden. Bürointerne Probleme wirken plötzlich klein und nichtig, wenn man sie damit vergleicht, wie schwer sich diese Burschen im Ring ihren Lebensunterhalt verdienen müssen. Und du solltest doch am besten wissen, dass man bei einem erfolgreichen Gag bleiben sollte.“

„Aber dies ist nicht bloß ein Gag, Ben. Hier werden die Leute ermutigt, ihre Probleme mit den Fäusten auszutragen. Wessen Idee war das überhaupt?“

„Lincolns natürlich“, antwortete Ben lächelnd. „Der Gute ist eine Quelle der Inspiration.“

Holly dachte jetzt eher an einen Schlägertyp und war plötzlich froh, dass Bens Boss die Veranstaltung nicht besuchen würde. Sie hätte ihm nämlich unmissverständlich klargemacht, was sie von seiner kleinen Soiree hielt … ohne Rücksicht auf seinen Blutdruck. Es frustrierte sie maßlos, dass sich zu Hause in ihrem „magischen“ Aktenkoffer, wie Lydia ihn immer bewundernd nannte, allein ein Dutzend besser geeignete und fantasievollere Ideen für derartige Veranstaltungen befanden.

Ein Raunen lief durch die Menge, als in diesem Moment ein Ansager, bekleidet mit Abendanzug und schwarzer Fliege, in den Ring sprang und von den Deckenbalken ein Mikrofon herabgelassen wurde. Die Leute erhoben sich von ihren Plätzen. Holly tat es ihnen nach, aber nur, um sich einen Weg durch die Reihen zu bahnen und sich irgendwo eine Zuflucht zu suchen.

Im Waschraum sank sie auf eine große, mit pinkfarbenem Samt bezogene Ottomane, die mitten in dem Raum stand. Sie schloss die Augen und malte sich aus, wie sie sich an Ben rächen würde, als sie hörte, wie die Tür aufging. In der Erwartung, Trost bei einer mitfühlenden Seelenverwandten zu finden, öffnete Holly die Augen … und erblickte eine Person, die alles andere als feminin war!

Herein kam ein Mann, der gut einen Meter neunzig groß sein mochte, bekleidet mit einem Smoking, der maßgeschneidert auf den breiten Schultern saß und die athletische Statur betonte. Der Anblick allein raubte Holly den Atem. Vielleicht war dieser Abend ja doch kein Flop.

Im nächsten Moment jedoch machte es bei ihr klick … Tags zuvor war sein dunkles Haar noch länger und zerzaust gewesen. Jetzt war es frisch geschnitten und elegant frisiert. Aber die dichten Brauen und die dunkelbraunen Augen waren unverkennbar … Das war der Grobian, der sie gestern auf der Straße über den Haufen gerannt hatte!

Sofort war sie hellwach und auf der Hut. Der Typ strahlte Charisma und Selbstvertrauen aus. Jede andere Frau hätte dieser gefährlichen Kombination vermutlich nicht widerstehen können. Aber sie, Holly, war nicht irgendeine x-beliebige Frau. Sie hatte eine narrensichere Theorie, und sie hatte Ben, der sie genau gegen solche Kerle abschirmen sollte.

Nur, wo war Ben, wenn sie ihn wirklich brauchte? Schön, sie und ihre Theorie mussten sich selbst verteidigen. Und ihr wichtigstes Anliegen war, den Mann zu vertreiben, bevor er sie wieder erkennen würde!

Holly sprang auf. „Entschuldigen Sie, aber dies ist der Waschraum für Damen!“

Der Fremde nahm es gelassen. „Dem ist nicht so“, antwortete er mit leicht amerikanischem Akzent und deutete auf zwei Türen auf der anderen Seite des Raumes. „Dort geht es zu den getrennten Waschräumen. Dies ist eine gemeinschaftliche Ruhezone.“

„Oh.“ Holly sank zurück auf die Ottomane. Nun gut, er würde also jeden Moment im Waschraum für Herren verschwinden, sodass sie ihr Heil in der Flucht suchen konnte.

Aber den Gefallen tat er ihr nicht. Schließlich blickte Holly unbehaglich auf und musste feststellen, dass der Typ lässig an der Tür lehnte, ihr somit den Weg nach draußen versperrte, und sie beobachtete. Unübersehbar amüsiert ließ er den Blick über ihr dunkles Haar schweifen, das sie an diesem Abend zu kunstvollen Locken hochgesteckt hatte, weiter hinab über ihr zartes Gesicht, das unter seinem intensiven Blick errötete, und hinunter über ihren Hals und ihre Schultern, die ihr plötzlich ganz furchtbar entblößt vorkamen.

Holly folgte dem Blick des Fremden weiter hinab und stellte fest, dass der Schlitz im Rock ihres Kleides uneingeschränkt ihre langen, übereinander geschlagenen Beine enthüllte. Die schimmernden, hauchzarten Strümpfe ließen die leichte Schürfwunde am Knie erahnen, die sie sich bei dem kleinen Handgemenge mit ihm auf der Straße zugezogen hatte. Rasch stellte Holly die Beine nebeneinander und zog den Rock über die Knie, um die verräterische Wunde zu verbergen.

Eine Geste, die ihrem Gegenüber natürlich nicht entging. Ein kleines Lächeln, bei dem jeder Frau die Knie weich geworden wären, huschte über sein Gesicht, und geradezu unwiderstehliche Grübchen erschienen in beiden Wangen.

Bleib stark, Holly. Bleib stark.

Ihre einzige Hoffnung war, dass das belustigte Funkeln in seinen braunen Augen kein Hinweis darauf war, dass er sie erkannt hatte!

Sie war es. Sie musste es sein. Sie war die Frau mit dem Aktenkoffer und dem hitzigen Temperament.

Sie war ganz anders gekleidet und schrie ihn diesmal nicht an … also hätte er sie eigentlich gar nicht erkennen dürfen. Aber er hatte während des gestrigen und des heutigen Tages unaufhörlich an ihr seidiges dunkles Haar, die ausdrucksvollen Augen und ihre natürliche Eleganz denken müssen, dass er schon fast überzeugt gewesen war, sie sei lediglich eine durch das Jetlag hervorgerufene Einbildung gewesen.

Doch sie war Wirklichkeit. Kaum zu glauben … er ging durch diese Tür auf der Suche nach etwas Ruhe und Frieden … und da saß sie, auf einer pinkfarbenen Ottomane drapiert, wie ein hinreißendes Geschenk in einer zauberhaften Verpackung!

Jake setzte an, sich ihr vorzustellen. Immerhin waren sie einander ja schon begegnet … gewissermaßen. Und vor allem konnte sie sich während seines Aufenthaltes hier als eine nette Abwechslung für ihn erweisen.

Gerade noch rechtzeitig hielt er sich zurück. Sie hatte ihn auch erkannt, das war ihr anzusehen, aber sie schien ganz und gar nicht glücklich über das Wiedersehen. Gut, sie beide waren eher aufeinander geprallt, als sich zu „begegnen“, doch für ihn machte sie das nur noch denkwürdiger. Anstatt den Vorfall jedoch lachend abzutun oder ihn erneut mit Vorwürfen zu überhäufen, wirkte sie befangen und verlegen, als hätte sie sich am liebsten in ein Mauseloch verkrochen.

Vielleicht war es also nicht der richtige Zeitpunkt, sich vorzustellen. Vielleicht sollte er sich lieber noch eine Weile an ihrer Befangenheit und Verlegenheit ergötzen.

„Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor, aber ich weiß einfach nicht, woher“, sagte Jake, wobei er Holly betont forschend und nachdenklich ansah.

Hilfe!

„Arbeiten Sie für die Firma?“, fragte er.

Das fehlte noch! „Nein, glücklicherweise nicht“, antwortete sie ehrlich.

„Sie haben etwas gegen ‚Lincoln Holdings‘?“, fragte er interessiert.

Sie zuckte die Schultern. „Ich bin kein großer Fan von Bier und Boxen. Damit bin ich vermutlich auch kein großer Fan von ‚Lincoln Holdings‘.“

Jake erwiderte eine Weile gar nichts, was Holly nur noch nervöser machte. „Haben Sie vor, die ganze Nacht hier zu bleiben?“, erkundigte er sich dann.

„So weit hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich bin in Begleitung hergekommen, brauche also irgendeine Fahrgelegenheit nach Hause.“ Sie wich seinem Blick aus und hielt das Gesicht so weit abgewandt, wie es noch als höflich gelten konnte.

„Ich könnte Ihnen ein Taxi rufen lassen, wenn Sie möchten.“

„Nein, danke.“ Und nun verschwinden Sie endlich!

„Nun, wenigstens kann ich doch Ihrem Begleiter sagen, dass Sie sich hier befinden“, bot er an. „Ich bin sicher, er möchte Sie nur ungern lange aus den Augen verlieren.“ Und er lächelte erneut.

Holly verspürte ein heftiges Kribbeln im Bauch. Ein derartig entwaffnendes Lächeln war einfach nicht fair. Wenn dieser Mann noch einmal lächelte, würde sie auf dieser pinkfarbenen Ottomane dahinschmelzen!

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