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Engel der Dunkelheit (01) – Ewiger Schwur

ANNE MARSH

ENGEL DER

DUNKELHEIT

Ewiger Schwur

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Michaela Link

Zu diesem Buch

Und so befahl Michael, die aufständischen Engelskrieger aus dem Himmel zu verbannen und ihnen Seele und Flügel zu entreißen. Die Gefallenen sollten als Dämonen leben, zur Hälfte Männer, zur Hälfte Bestien. Allein ihre Seelengefährtin vermag es, sie von diesem Schicksal zu erlösen: Denn nur wenn die Gefallenen lernen, wahrhaftig zu lieben, werden sie ihre Seele zurückerhalten …

Mischka Baran ist verzweifelt: Ihre Cousine Pell ist spurlos verschwunden, und alles deutet darauf hin, dass sie ihre Seele an einen Gefallenen verloren hat – einen Dämon, dem einst die Seele entrissen wurde und der sich von den Gefühlen junger Frauen nährt. Mischka kann nicht glauben, dass Pell ein solches Bündnis eingegangen sein soll. Ihre Suche führt die junge Frau in den Nobelclub G2, wo sie auf den geheimnisvollen Besitzer Brends Duranov trifft. Obwohl sie weiß, dass Brends so gefährlich wie attraktiv ist, fühltMischka sich augenblicklich zu dem gefallenen Engel hingezogen. Sie zögert daher nicht, als dieser ihr ein verheißungsvolles Angebot macht: Gibt Mischka sich ihm mit Körper und Seele hin, hilft er ihr dabei, Pell aufzuspüren. Doch dann stellt sich heraus, dass deren Verschwinden mit einer Reihe von Morden zusammenhängen könnte – und dass nicht nur Pell, sondern auch Mischka in höchster Gefahr schwebt …

Die Gefallenen

Die erste Rebellion, die den Himmel erschütterte, war unvorstellbar. Die Rebellen gehörten der Engelsklasse der Herrschaften an, Wächter und Engelskrieger der mittleren Engelschöre, deren Aufgabe es war, den Thron des Himmels zu verteidigen. Für ihn zu sterben. Und dennoch überreichten die anderen Engelschöre dem Erzengel Michael unwiderlegbare Beweise, dass die schauerlichen Morde überall im Himmel das Werk eben dieser Herrschaften waren.

Als die Morde kein Ende nahmen, wusste Michael, dass er an den Rebellen und ihren Anführern ein Exempel statuieren musste. Die Rebellen unterminierten seine Autorität, und schlimmer noch – wie seine Leutnants ihm berichteten, bezichtigten die Rebellen Michael eben jener Morde, derer sie selbst überführt worden waren. Nichts dergleichen hatte jemals das perfekte Gewebe von Michaels Himmel gestört.

Was der Erzengel daraufhin ersann, war die grausamste Strafe, die man sich nur vorstellen konnte. Er befahl, den Rebellen Seelen und Flügel zu nehmen und sie aus dem Himmel zu verbannen. Die Gefallenen wurden auf die Erde geworfen, und um sicherzugehen, dass sie ihre Lektion lernten, verfluchte Michael jeden dazu, als Dämon zu leben, halb Mann und halb Bestie, die eine Hälfte in ewigem Krieg mit der anderen. Jedes Mal, wenn dem Mann die Kontrolle über sich entglitt, würde die Bestie auftauchen, ein Raubtier mit unstillbarem Hunger auf menschliche Seelen, geboren aus dem Verlust der eigenen Seele. Michael stellte ihnen nur eine einzige Hoffnung auf Erlösung in Aussicht: Wenn einer seine Seelenverwandte fand, die eine Frau, die ihn erlösen und ihn Liebe, Licht und Frieden lehren konnte, würde dieser Gefallene seine Flügel, seine Seele und den Himmel zurückerhalten, sobald er wahrhaft gelernt hätte, was es bedeutete zu lieben.

Dreitausend Jahre später, im Jahr 2090, war keiner von ihnen je wieder aufgestiegen, und die Gefallenen glaubten nicht mehr an das Versprechen von Seelenverwandten.

1

Für die menschlichen Bewohner von M City war das G2 ein verdammt heißer Club, ein Lokal, das man aufsuchte, wenn man gerade gutes Geld gemacht und eine Glückssträhne hatte. Man zog seine besten Tanzklamotten an, ließ aufblitzen, was man gerade an Barem hatte, und bereitete sich auf eine sehr, sehr harte Verhandlung vor. Denn nur wenige Auserwählte wurden eingelassen.

Brends Duranov, der an der Warteschlange entlangpirschte, witterte die Hoffnung, Erwartung und echte Verzweiflung der wartenden Möchtegern-Gäste. Ein Schritt über diese Plüschkordel hinweg und hinein in den Club – konnte dann nicht alles Mögliche geschehen? Die Menschen glaubten, dass seine dämonische Fähigkeit, einen Wunsch wahr werden zu lassen, jeden Preis wert war.

Brends wusste es besser.

Das heiße Interesse, der noch berauschendere Cocktail ihrer individuellen Seelen reizte den Süchtigen in ihm. Was er wollte – was er brauchte – stand dort in Reih und Glied und wartete nur auf ihn. Er musste bloß die Hand ausstrecken und wählen. Er brauchte sich nur eine Frau auszusuchen und ihr sein dunkles Angebot zu machen: Verbinde dich mit mir und schwöre, mir jeden meiner Wünsche zu erfüllen, im Gegenzug für eine einzige Gefälligkeit. Was sie auch haben wollte, er würde es ihr liefern. Sie brauchte ihm nur zu dienen, im Bett und auch sonst, und ihn über ihr Bündnis von ihrer Seele trinken lassen. Er würde alles an Licht und Güte in sich aufnehmen, was in ihrer Seele vorhanden war, bis sie leer und leblos war – oder wahnsinnig wurde.

Sie malten sich aus, dass sie sich selbst dienten, indem sie sich ihm unterwarfen.

Das war es, worauf diese Frauen auf der anderen Seite der schäbigen Samtkordel wirklich warteten. Für diese Chance waren sie gekommen, deswegen hatten sie ihre Schuhe mit den zehn Zentimeter hohen Absätzen angezogen und starrten ihn voller Verlangen an.

Er ließ den Blick über die Menge schweifen und hielt Ausschau nach einem ganz bestimmten Menschen. Sie hatte ihm während der letzten drei Nächte im Club nachgestellt. Ihr Duft – Honig und Moschus – machte ihn ebenso an wie der Gedanke an den Griff ihrer langen, geschmeidigen Finger um seinen Schwanz. Er spürte, wie er schon jetzt hart wurde.

Aber die Frau war nirgends zu sehen. Und plötzlich hatte er keinen Appetit mehr auf eine andere. Er würde sich mit keiner verbinden. Nicht heute Nacht.

Sie wollte ihn nicht.

»Chef?« Der Türsteher gleich neben dem Eingang wirkte überrascht, weil Brends nicht wie sonst zielstrebig auf den Vordereingang des G2 zugeschritten war, sondern innegehalten hatte. Das war noch nie zuvor geschehen. Die Frauen, die in der Schlange warteten, schoben sich näher heran.

Er knurrte etwas, das der Türsteher wohl als Gruß aufgefasst hatte, denn er hielt ihm die Tür auf, und er konnte hindurchgehen. Er drückte den Aufzugknopf so heftig, dass er das Messingpaneel durchstieß, und fluchte leise. Na gut, die unbekannte Frau war klug geworden und hatte das Weite gesucht. Er konnte es sich nicht leisten, denselben Fehler zweimal zu begehen.

Als er aus dem privaten Aufzug stieg und die Türen lautlos hinter ihm zuglitten, traf ihn der Beat der Prog-Musik wie ein Schlag zwischen die Augen. Er schritt schnell auf den ruhigeren VIP-Bereich und den Ecktisch zu, der einzig für ihn reserviert war. Heute Nacht wartete dort jemand auf ihn: der Mann, der ihn gerufen hatte. Sein Herr.

Zer war zuerst und vor allem Soldat, ein hochgewachsener, breitschultriger Schatten, um den die Menschen einen großen Bogen machten. Niemand kam Zer in die Quere. Ein Band aus schwarzen, Wirbeln ähnelnden Tätowierungen zog sich um seine dicken Handgelenke, und er trug sein pechschwarzes Haar zu einem langen Pferdeschwanz zurückgebunden. Selbst in Ruhe wirkte er stets bereit zu einem ansatzlosen Schlag. Zer ließ niemals in seiner Wachsamkeit nach, entspannte sich niemals. Er glaubte nicht an Barmherzigkeit. Wahrscheinlich hatte er selbst niemals welche erfahren, wenn die Kerben und Narben auf seinem Gesicht etwas zu bedeuten hatten. Er nickte Brends zur Begrüßung knapp zu. Seine Bewegungen hatten die tödliche Anmut einer Schlange, einer Kobra, die jederzeit zum Angriff bereit war.

»Hast du die Zeitungen gelesen?« Zer warf die Frage lässig in den Raum, als seien er und Brends nur kurz voneinander getrennt gewesen und nicht für Monate. Den Gerüchten zufolge hatte Zer einen abtrünnigen Dämon verfolgt, der sich nicht in die Reservate schicken lassen wollte.

Da ein Dämon so gut wie unsterblich war, fiel es ihm mit zunehmender Lebenszeit immer schwerer, den nackten Hunger nach Gefühlen zu unterdrücken, der ihn beständig quälte. Der Mann in ihm überlebte dadurch, dass er diesen Hunger umsichtig stillte, indem er sich mit einem willigen Menschen verband, aber die in ihm eingeschlossene Bestie war ein Raubtier, das sich danach sehnte, eben jene Seele zu verschlingen, die ihm Nahrung gab. Manchmal überwältigte die Bestie den Mann, und manchmal verwandelte der Mann sich aus eigenen Gründen.

Als Michael sie aus dem Himmel verbannt und auf der Erde ausgesetzt hatte, war er darauf bedacht gewesen, ein wenig Salz in diese Wunden zu streuen. Er hatte ihnen nicht nur die Flügel ausgerissen und eine physische Wunde zurückgelassen, die keine noch so lange Zeit heilen konnte; er hatte sie auch ihrer sanfteren Gefühle beraubt. Da sie sich wie wilde Tiere verhalten hätten, hatte er gesagt, könnten sie auch wie solche leben. Sie würden Hunger, Schmerz, Furcht und Zorn empfinden, das heftige Verlangen, zu jagen, aufzuspüren und zu reißen. Er hatte sie zu einem Leben als wilde Raubtiere verdammt – aber mit einem unausweichlichen Hunger nach mehr. Und bekommen konnten sie dieses »Mehr« einzig und allein indirekt. Schloss er ein Bündnis mit einem Menschen, konnte der Dämon alles fühlen, was dieser Mensch fühlte. Genauer gesagt ernährte der Dämon sich von den Emotionen des Menschen und trank sie, wie ein Vampir Blut trank. Früher oder später hatten die Menschen nichts mehr übrig. Die meisten von ihnen verloren den Verstand.

Jetzt hatten die Zeitungen der Menschen brutale Morde durch Dämonen an der östlichen Landesgrenze gemeldet, und die öffentliche Meinung wendete sich gegen sie. Man musste sich um jeden abtrünnigen Dämon kümmern, der die Verwandlung und seinen Durst nach menschlichen Seelen nicht mehr beherrschen konnte. Und zwar schnell. Keine Überraschung, dass ihr Herr die Aufgabe selbst übernommen hatte.

Eine Tänzerin schob sich gefährlich nah heran, und der süße, puderige Duft ihres Parfüms kitzelte Brends’ Sinne. Sie roch gut. Gut genug, sie zu verzehren. Der Durst heute Nacht war schlimmer als der von gestern. Das Verlangen, tief von einem Menschen zu trinken und den vielfältigen Geschmack einer Seele zu kosten, deren Helligkeit langsam, nach und nach erlosch, ließ sich fast unmöglich unterdrücken. Brends hatte jedoch Jahrhunderte damit verbracht, den Durst zu unterdrücken; er würde also auch noch eine weitere Nacht überleben.

Trotzdem, das Durstgefühl machte ihn nervös, er war angespannter als gewöhnlich und nicht in der Stimmung, mit seinem Herrn über Belanglosigkeiten zu plaudern.

Sein Herr hatte gerufen. Brends war erschienen. Jetzt sollte der verdammte Bastard endlich zur Sache kommen, damit er in sein Büro zurückkehren und nachsehen konnte, ob sie doch noch beschlossen hatte zu erscheinen.

Teufel noch eins, welche Pläne hatte er geschmiedet, damit sie kam! Ein kleines Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Wenn sie ihrer Neugier nachgab – und der Instinkt sagte ihm, dass sie es tun würde –, verließ sie seinen Club nicht, bis er von den Geheimnissen, die sie vor ihm verbarg, gekostet hatte. Allerdings hatte er noch nicht beschlossen, wo er anfangen sollte. Würde er sie reizen, würde er ihren Mund quälen, ihren Hals, ihre Brüste, bis sie um mehr bettelte? Vielleicht würde er direkt zur Sache kommen, ihre cremeweißen Schenkel spreizen und ihre süße Öffnung lecken, als sei sie das Dessert und er ein Verhungernder.

Zer räusperte sich. »Als du gesagt hast, du wolltest dich hier mit mir treffen, dachte ich eigentlich, dass dazu auch Zuhören zählen würde.«

Verdammt! Er zwang sich, sich wieder auf den Mann zu konzentrieren, der ihm gegenübersaß, und er nickte kurz als Entschuldigung. Ein wissendes Glitzern trat in die Augen seines Herrn. Zer wusste, wie lange Brends ausgeharrt, sich geweigert hatte, ein neues Bündnis einzugehen. Er musste wissen, wie brennend und fordernd der Durst war, der ihn quälte.

Der Bastard genoss jede Minute mit ihm.

»Das geht jetzt schon seit Monaten so. Wir haben Menschenfrauen verloren, aber jetzt verlieren wir Brüder – und das nicht nur an den Durst. Sie ziehen aus, um zu kämpfen, und sie kehren nicht zurück. Irgendjemand ist völlig durchgeknallt und tötet unseresgleichen.« Zer legte die Finger über seiner breiten Brust zusammen und versuchte erfolglos, so auszusehen, als würde ihn die Möglichkeit, jemandem kräftig in den Arsch zu treten, nicht begeistern. Scheiße, keiner von ihnen verlor gern seine Brüder – und Brends wusste, dass sie sich auf jede nur mögliche Art und Weise für diese Tode rächen würden –, aber man überlebte nicht, wenn man seine Toten betrauerte und sich in der Vergangenheit versteckte. Man wehrte sich und kämpfte. Mit allen Mitteln. Die Freude wich aus Zers Gesicht. »Erst diese Woche hat es einen weiteren Todesfall gegeben. Wir haben es hier mit einem Abtrünnigen zu tun, der eine Vorliebe für Blut hat. Er tötet immer wieder, und wir können seine Taten nicht vertuschen.«

»Wenn der Killer einer von uns ist, der zum Abtrünnigen geworden ist, werden wir uns darum kümmern. Das haben wir immer getan. Die MVA weiß das.« Ganz zu schweigen davon, dass die MVA, die menschliche Polizeiabteilung, nicht dazu ausgerüstet war, mit einem Abtrünnigen fertigzuwerden. Nach dem letzten Versuch hatte es in der Einheit plötzlich eine Anzahl offener Stellen gegeben. Und das nicht, weil zufällig so viele Mitglieder in den Ruhestand gegangen waren. Während es Brends nicht besonders interessierte, ob die menschliche Bevölkerung zurückging, pflegte eine solche Sauerei einen mit Sicherheit in den Arsch zu beißen, wenn man sich nicht darum kümmerte.

Also würde er den Schlamassel beseitigen. Keine große Sache. Er hatte Hunderte von Abtrünnigen aufgespürt; bei dem hier würde es nicht anders sein. Es war schlechte Politik, sich in die Ermittlungen der MVA einzumischen, ohne sich seiner Tatsachen verdammt sicher zu sein. Es hatte immer negative Konsequenzen, wenn man der MVA auf die Zehen trat – sonst wäre Brends es vollauf zufrieden gewesen, die Angelegenheit dadurch zu bereinigen, dass er ein paar Kehlen aufschlitzte. Die Lösungen, die vor zweitausend Jahren funktioniert hatten, waren nach heutigen Maßstäben zu brutal, daher würde er es zuerst mit Diplomatie versuchen. Mal sehen, was er ausrichten konnte.

»Es könnte ein anderer Paranormaler sein«, meinte Zer. Die Dämonen waren nicht die einzigen paranormalen Bewohner von M City – nur die auffälligsten. Es gab Vampire, Banshees und alle möglichen anderen dunklen Kreaturen.

»Aber du glaubst es nicht.«

»Der hier tötet zum Vergnügen.« Zer trommelte mit den Fingern auf den Tisch. »Es muss ein Muster geben, aber wir erkennen es nicht.«

»Also, gehen wir alles noch einmal durch«, schlug Brends vor. »Sein erster Mord war der an einer Touristin. Wir haben immer angenommen, sie sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, nur ein weiterer Mensch, der seine Nase in Angelegenheiten gesteckt hat, die ihn nichts angingen.«

»Alte M-City-Familie, dieses zweite Opfer«, bemerkte Zer. Er zeichnete mit der Klinge ein Muster um seine Finger. Eine falsche Bewegung, und ihm würde ein Finger fehlen, aber Zer machte niemals eine falsche Bewegung. Es war gut, einen solchen Mann im Rücken zu haben, und das war der Grund, weshalb ihm so viele diese ganzen Jahrtausende über gefolgt waren. Warum sie ihm immer noch folgten. Wenn man Zer in die Augen sah, glaubte man. Man musste glauben.

»Sie kannte M City. Sie hatte einen menschlichen Ehemann.«

»Börsenheini.« Zer nickte. Das wusste er bereits. Sie wussten es beide, aber manche Muster waren nicht auf den ersten Blick erkennbar. Es half, darüber zu reden. »Stinkreich, selbst nach den meisten Maßstäben. Wenn sie nicht in ihrem Stadthaus war, hat sie sich in einer Limousine herumkutschieren lassen. Privatflugzeuge.«

Kein schlechter Schutz für einen Menschen. Nicht annähernd so gut wie das, was Brends zu bieten hatte, aber es sollte in etwa dem entsprechen. »Und dennoch hat man sie drei Meilen weit weg von ihren Bodyguards gefunden. In einem Negligé.«

Die Presse hatte bei diesem Ereignis ihren großen Tag gehabt. Das rote Negligé war sehr teuer gewesen, sehr knapp und sehr blutverschmiert. Irgendjemand hatte die Salonlöwin vom Brustbein bis zum Becken aufgeschlitzt. Leider waren zuerst Menschen am Tatort gewesen, und die Bilder waren durchgesickert, bevor die Dämonen etwas tun konnten.

»Dann zwei weitere.«

»Von denen wir wissen.«

Brends dachte nach, während er auf dem schmalen silbrigen Videoplayer, den Zer ihm hingeworfen hatte, die Folge blutiger Tatortvideos abspielte.

»Sie sind alle menschlich.«

Zer warf ihm einen Blick zu. »Offensichtlich.«

»Und alle weiblich.«

»Ja. Alter?« Zer hatte sich diese Frage anscheinend selbst schon gestellt. Mehr als einmal.

»Ziemlich verschieden – so etwa zehn bis zwölf Jahre Unterschied. Auch keine Ähnlichkeit hinsichtlich des Aussehens. Blondinen, Brünette. Teufel, der Bastard hatte sogar ein paar Rothaarige dabei.«

Die einzige offensichtliche Gemeinsamkeit war dem Bericht des Leichenbeschauers zu entnehmen: Die Frauen waren alle mit derselben Klinge ausgeweidet worden. Die Schneide war unverwechselbar gewesen.

»Was ist mit der Waffe? Können wir die identifizieren?«

Sie konnten es versuchen, aber M City war randvoll mit illegaler Schmugglerware. Ein bestimmtes Messer zu finden war nichts anderes als die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Wichtiger war, welche Kraft notwendig gewesen sein musste, um eine Schneide wie diese – verdammt, irgendeine Schneide – durch einen menschlichen Körper zu ziehen. Der Mörder hatte die Frauen aufgeschlitzt wie ein Jäger seine Beute, wenn er sie ausweiden will. Er hatte Knochen durchtrennt. Dann hatte er wiederholt in die Brusthöhle gestochen.

»Kranker Bastard.«

»Ja.« Brends goss bernsteinfarbene Flüssigkeit in ein Glas. »Also ist er wahrscheinlich einer von uns. Er hat die Klinge. Er hat die Kraft. Ich kümmere mich darum.«

2

Der hämmernde Beat der Clubmusik ging Mischka Baran durch Mark und Bein. Das G2 war nicht gerade für Subtilität bekannt. Eine beinahe sichtbare Welle von Lärm drang aus dem trügerisch schicken Eingang des Clubs, ein akustischer Angriff, der es unmittelbar auf ihr Gehirn abgesehen hatte.

Was spielte es für eine Rolle, wenn sie die Musik nicht mochte? Sie war nicht hier, um Spaß zu haben. Und wenn beim bloßen Gedanken, durch diese Tür zu treten, ihre Hände schwitzten und ihr Herz raste – nun ja, das war ihr Geheimnis, nicht wahr?

In der schieren Menge umherwirbelnder menschlicher Leiber, die sich im Club drängten, verschwand sie binnen Sekunden – trotz der Panik, die dazu führte, dass sie beinahe hyperventilierte. Nein, die eigentliche Überraschung war, dass das G2 genau die Art von Club war, die sie erwartet hatte. Die Gerüchte hatten nicht im Geringsten übertrieben. Die Unzahl von Tänzern drehte und wand sich, gespiegelt in den psychedelischen Paneelen an der Decke, zum Rhythmus der hämmernden Musik. Einer Art computersynthetisierter Tanzmusik. Ein DJ wirbelte ein gutes Stück über der Menge herum. Mischka stolzierte zu einer der Theken aus Glas und Chrom und beäugte den Barkeeper, der sich auf den Weg zu ihr machte.

Wahrscheinlich menschlich, befand sie. Gewiss kein Dämon, basierend auf dem, was sie bei ihren Recherchen gelernt hatte. Weder war er groß, noch wirkte er brutal genug. Stattdessen waren seine Züge fein gemeißelt, ein glatter, gerader Kiefer, der beinahe zu hübsch war, um maskulin zu sein. Ein Hingucker, sicher, aber fast sicher menschlich. Paranormale hatten eine gewisse Prägung, die zu lesen sie gelernt hatte. Ihre Gesichter ließen sie sofort an die Grausamkeit denken, die regelmäßig unter ihrer Oberfläche lag. Bei den wenigen, die sie persönlich kennengelernt hatte, war es um Mord und schwere Körperverletzung gegangen.

Richtig. Je eher sie Antworten bekam, desto eher konnte sie die Flucht ergreifen und sich davonmachen. Sie zog ihren Videoplayer und einen altmodischen, gelben Block hervor und ging die Liste durch, die sie angefertigt hatte, damit sie nicht kneifen konnte. Irgendjemand in diesem Club hatte Pelinor Arden, ihre Cousine, gesehen oder von ihr gehört, und sie brauchte diesen Jemand nur zu finden. Die Logik legte nahe, dass sie mit dem Barkeeper begann.

»Orangensaft«, bestellte sie, während der Barkeeper sie mit einer hochgezogenen Augenbraue betrachtete. Ihr Budget reichte in einem Club wie diesem gerade für einen Saft aus, und ohne ein Getränk in der Hand konnte sie jede Hoffnung, mit der Menge zu verschmelzen, gleich fahren lassen. Teufel, sie kam sich bereits overdressed vor. Ihr elegantes kleines Schwarzes endete fünf Zentimeter oberhalb ihrer Knie, aber ein diskreter Blick auf die Tänzer belehrte sie, dass es hier ungefähr fünfzehn Zentimeter zu weit über ihren Hintern reichte. Wo immer sie sich hindrehte, zeigte sich nackte Haut. Andere Frauen musterten sie, taten sie ab. Sie war keine Rivalin für das, was sie wollten.

Sie würde keinem gefallenen Engel einen zweiten Blick wert sein.

Ihr sollte es recht sein.

Mischka verließ sich auf die Tatsache, dass ihre Cousine – ganz im Gegensatz zu ihr selbst – niemals übersehen wurde. Man vergaß Pell nicht, wenn man sie erst einmal kennengelernt hatte. Auf keinen Fall. Auf den ersten Blick erschien sie allerdings adrett und gewöhnlich. Glattes, schulterlanges braunes Haar, wie es jetzt das Bild auf dem Videoplayer zeigte. Die Spitzen waren ein ganz klein wenig gelockt. Der hohe, saubere Bogen ihrer Augenbrauen erweckte den Eindruck, als sähe sie Mischka direkt an. Das Foto vermochte leider nicht die Energie wiederzugeben, die in dem schlanken, straffen Körper steckte. Ja, ihre Cousine war sehr direkt. Klar. Realistisch. Und dann wurde man von ihrem mutwilligen, launischen Humor wie ein Blitz getroffen. Sie vereinnahmte einen, und dann lachte man mit ihr. Pell war witzig. Die Menschen waren gern mit ihr zusammen, weil sie Spaß an ihnen hatte. Sie hatte an jedem Spaß. Deshalb hatte Mischka schreckliche Angst, dass ihre Cousine einen Handel mit dem Teufel eingegangen war.

Als der Barkeeper das Getränk über die Theke schob, schlang sie die Finger um das kühle, hohe Glas und legte den Videoplayer auf das Trinkgeld, bevor er es einstecken konnte. »Ich suche jemanden.«

Der Saft war kalt und schmeckte künstlich süß. Sie hätte lieber direkt aus der Flasche getrunken – nachdem sie selbst den Originalverschluss geöffnet hätte. Aber das war offensichtlich nicht elegant genug für diesen Club. Ihr Pech. Trotzdem, der Saft war feucht, und ihre Kehle war trocken. Und sie hatte bereits dafür bezahlt.

In den bleichen Augen des Barkeepers blitzten Ärger und vorsichtige Ergebenheit auf, als er sich vorbeugte, um sich über die Musik verständlich zu machen. »Nein«, sagte er, bevor sie auch nur auf die Abspieltaste drücken konnte. Seine Hand rutschte von dem dünnen Stapel Banknoten, und er wollte sich abwenden. »Ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Sie wissen ja nicht mal, was ich will«, argumentierte sie.

»Bargeld. Videoplayer. Wie aus dem Ei gepellt, aber konservativ. Nicht zu aufgedonnert.« Er deutete mit einem nonchalanten Ruck seines Daumens auf ihr Outfit. »Sie sind hinter einem von ihnen her und wollen Insiderinformationen. Ich kann Ihnen nicht helfen. Sobald Ihr Freund, Ihre Schwester, Ihre beste Freundin, wer auch immer« – er zuckte die Achseln – »einen Pakt mit einem dieser Teufel geschlossen hat, kann ich nichts mehr tun. Ich schenke nur die Drinks aus.«

Wirkte sie wirklich so fehl am Platz? »Ich muss meine Cousine finden.«

»Sicher. Das sagen sie alle. Und ich wette, Sie meinen, sie sei um sich tretend und schreiend in diesen Club geschleppt worden. Dass sie unmöglich wissen konnte, worauf sie sich einließ, weil sie nicht diese Art von Mädchen ist.«

Na ja. Aber es stimmte. Und selbst wenn es nicht gestimmt hätte, würde sie Pelinor nicht einfach im Stich lassen, nur weil sie den Fehler ihres Lebens begangen hatte.

»Haben Sie die Verwandtschaft gleich mitgebracht?« Der Barkeeper sah über ihre Schulter hinweg, und sie fragte sich, ob er einen Panikknopf drückte. »Den großen Bruder oder einen verärgerten Freund?«

Während des letzten, unvergesslichen Familienstreits vor zwei Wochen hatte ihre Cousine gebrüllt, dass sie ausgehen würde. Zurück in den Club. Und dass sie sich verdammt noch mal mit einem Dämon verbinden werde, wenn das nötig wäre, um sich die Familie vom Hals zu schaffen. Pell mochte nichts für die altmodischen Moralvorstellungen ihrer Eltern übrig haben – oder dafür, dass sie immer wieder eine Parade von Börsenmaklern und Ärzten zu ihren Sonntagsdinners einluden –, aber Mischka würde nicht zulassen, dass ihre Cousine eine solche Liebe und Unterstützung so mir nichts dir nichts wegwarf. Teufel! Sie hätte alles darum gegeben, dass ihre eigenen Eltern noch da wären, die ihr mit unmöglichen Blind Dates und peinlichen Litaneien ihrer vorgeblichen Tugenden zusetzten.

Pell wusste gar nicht, wie gut sie es hatte.

»Ich habe sie zu Hause gelassen«, sagte Mischka und legte beide Hände auf die Theke, wo der Barkeeper sie sehen konnte. »Ich bin allein. Ich schätze, die restliche Familie wird noch eine Woche brauchen, bevor sie über ihre Empörung hinweggekommen ist« – ganz zu schweigen von sinnlosen Sprüchen à la ›Wie man sich bettet, so liegt man‹ – »bevor sie hierher nachkommt. Sie könnten sich einigen Ärger ersparen, Serge.« Sie las seinen Namen von dem silbernen Namensschild ab, das er präzise an sein gut gebügeltes Gucci-Hemd gesteckt hatte. An der Uniform seiner menschlichen Tagelöhner hatte der Besitzer des Clubs nicht gespart; sie war genauso teuer und gut gepflegt wie die Clubwände. Obwohl die Wände dem Besitzer wahrscheinlich mehr bedeuteten. Dämonen neigten dazu, ihre menschlichen Nachbarn für austauschbar zu halten.

»Sehen Sie sich das Video an, mir zuliebe«, schmeichelte sie. »Sie können mir sagen, ob Sie sie gesehen haben. Mehr nicht, ich verspreche es«, fügte sie hinzu, als Serge errötete.

»Es wird Ihnen so oder so nicht gefallen, was ich sage«, brummte er, aber sie spürte, dass er schwach wurde. Er würde hinsehen, und sei es auch nur, damit sie wieder von seiner Theke verschwand, ohne eine Szene zu machen. Sie warf ihm den absichtlich neckischen Blick zu, den sie so oft bei Pelinor gesehen hatte, und er knickte ein. »In Ordnung. Geben Sie mir den Player!«

Sie schob ihm das silbrige Ding hin und sah, wie das schelmische Gesicht ihrer Cousine auf dem flachen Schirm auftauchte. Selbst auf dem Kopf stehend versprühte ihre Cousine das pure Leben. Ihre heisere Stimme plauderte angeregt mit jemandem, der nicht auf dem Schirm zu sehen war, und sie erzählte eine ihrer Lieblingsreisegeschichten. Pell habe Hummeln im Hintern, behauptete ihre Mutter immer voller Zuneigung. Man konnte das Mädchen nicht an einem Fleck festnageln; es war im nächsten Moment schon wieder unterwegs. Die junge Frau auf dem Bildschirm jedoch beschrieb einen exotischen Strand, einen besonders effektiven alkoholischen Drink und eine gefährliche Begegnung der paranormalen Art. Mischka war sich ziemlich sicher, dass ihre Tante noch nie davon gehört hatte.

Altmodische Pell.

Ihr wäre fast die Anspannung des Barkeepers entgangen. Wie elektrisiert ließ er den Videoplayer wieder auf die Theke fallen.

»Nein«, sagte er schnell. Zu schnell. »Die da kenne ich nicht.«

Die da? Wie viele Frauen kamen denn eigentlich ins G2 und bändelten hier mit Paranormalen an? Allein die Möglichkeit war für ihn nicht weiter schockierend gewesen. Er hatte nicht mal mit der Wimper gezuckt – bis er das Video gesehen hatte.

»Sie erkennen sie, Serge. Sie haben sie hier gesehen.«

Er antwortete nicht, daher beugte sie sich weiter vor. Pell hätte gewusst, wie sie diesen Mann um den Finger wickeln und wie sie die verdammte Antwort aus ihm herausflirten könnte. Zum hundertsten Mal seit Pells Verschwinden wünschte sie sich, sie könnte ihre Cousine sein. Dass sie die Kraft und den Mut gehabt hätte, die Regeln zurechtzubiegen. Ein wenig zu leben und herauszufinden, nur ein einziges Mal, wie es war, das ungezogene Mädchen zu sein.

Stattdessen musste sie wieder mal den Aufräumdienst übernehmen.

»Hören Sie«, seufzte er, »Sie wollen es nicht wissen, glauben Sie mir. Sie wird wahrscheinlich in ein paar Wochen oder Monaten wieder auftauchen, und dann können Sie all das hinter sich lassen. Aber wenn Sie jetzt Fragen stellen, werden Sie Antworten bekommen, die Sie vielleicht nicht hören wollen. Nichts wird mehr so sein wie zuvor.«

Sie wusste das; deswegen war sie ja auch hier. »Sagen Sie es mir«, verlangte sie, ohne den Blick von seinen Augen abzuwenden. Er würde ihr eine Antwort rundheraus verweigern oder sie ihr geben müssen, so viel stand verdammt noch mal fest. Sie würde ihn nicht so leicht vom Haken lassen.

»Na schön.« Er schob ihr den Videoplayer wieder hin, und diesmal nahm sie ihn. »Ja, ich habe sie gesehen. Sie ist mehr oder weniger Stammgast hier. Manchmal ist sie mit einem Haufen anderer Frauen gekommen. Einige von ihnen waren als Dämonen-Junkies bekannt, Frauen, die rasch mit einem von ihnen für eine Nacht anbändelten. Vielleicht auch zwei. Für kleine Gefälligkeiten, Sie verstehen. Nichts Großes. Vielleicht eine Beförderung dort, wo sie arbeiten, oder dergleichen.«

Davon hatte sie gehört.

»Doch die meisten von ihnen«, fuhr er fort, »waren Jungfrauen, was das betrifft. Oh, sie waren interessiert, sicher, aber sie hatten ihre Seelen noch nicht verkauft. Wir hatten eine Wette laufen«, gab er zu, »wie lange es dauern würde, bevor die Nächste sich verkaufen und wer sie sein würde.«

Entzückend. Ihre Cousine war also Handelsware.

»Pelinor?«

»Ist das ihr Name? Klasse Mädchen. Sie war mit einem von ihnen befreundet. Total seltsam«, sagte er nachdenklich. »So etwas habe ich noch nie gesehen, vor allem nicht hier im G2. Dieser Dämon saß da und redete mit ihr, tanzte vielleicht mit ihr. Er hat ihr Drinks spendiert.«

»Aber sie war nicht mit ihm zusammen?«

»Nein, nicht wenn Sie mit zusammen meinen, dass er sie um den Verstand gebumst hat. Und er hat auch nicht ihre Seele getrunken. Jedenfalls nicht beim letzten Mal, als sie vor zwei Wochen hier war.«

»Und?«

»Und nichts. In der Nacht war viel los. Das war das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe, und Sie haben gefragt. Ich habe weder sie noch ihn seither wiedergesehen.« Er steckte die Geldscheine ein, und der Lohn von zwei Tagen verschwand in der Tasche seiner teuren Hose. »Noch einen Drink?«

Sie drängte weiter. »Sie kennen seinen Namen?«

»Nein. Aber er ist ein Freund des Besitzers.« Er zuckte die Achseln. »Wenn Sie den Mumm haben, fragen Sie Brends Duranov, ob er Ihre Cousine gesehen hat. Die halten jedoch zusammen, und es wird ihm egal sein, wenn sein Freund sie leer getrunken hat. Hören Sie«, seufzte er, »es ist ein herber Rückschlag, ich weiß, aber lassen Sie es sich von einem gesagt sein, der Bescheid weiß: Gehen Sie nach Hause und warten Sie ab! Ihre Cousine wird wahrscheinlich heimkommen, wenn sie so weit ist. Und selbst, wenn nicht, könnten Sie nichts weiter ausrichten. Sie sind nur menschlich.« Ein ausdrucksloser, verlorener Blick trat in seine Augen. »Und die sind es nicht. Sie dürfen nie vergessen, dass die nicht menschlich sind.«

Erstaunlich, was Jersey mit einem weiblichen Hintern anstellte.

Brends beobachtete die Eisprinzessin, die seinen Barkeeper beschwatzte, und bewunderte die Art, wie sich ihr Kleid an ihren Körper schmiegte, während er sich fragte, ob sie sich darüber im Klaren war, welche Wirkung das Ganze auf ihr männliches Publikum hatte.

Wahrscheinlich nicht.

Mit einem Grollen in der Kehle sog er ihren Duft tief in die Lungen. Er hatte seine mysteriöse Frau gefunden, die Frau, die ihn drei Nächte hintereinander in seinen Träumen verfolgt und die er draußen vor seinem Club gewittert hatte.

Also, warum war sie hier?

Sicher, das G2 zog einige seltsame Vögel an, aber die meisten von ihnen sahen so aus, als würden sie sich amüsieren. Oder es versuchen. Sie hatte einen verdammten Saft bestellt, um Gottes willen, und dann hatte sie das Zehn-Dollar-Getränk auf der Theke stehen lassen. Als könne sie kontaminiert werden, wenn sie auch nur einen Schluck in seinem Club trank. Auf irgendeiner Ebene wusste er, dass er unvernünftig war. Vielleicht war sie nur eine weitere Menschenfrau, die sich unters gemeine Volk mischte, die hier eine Stippvisite machte, um die Dämonenware zu kosten und Geschichten für ihre Freundinnen daheim zu sammeln. Eine Mutprobe vielleicht. Oder eine kleine rebellische Geste. Er hatte den Typ schon getroffen. Dafür gesorgt, dass sie bekamen, was sie wollten – und dass sie den angemessenen Preis für ihre Vergnügung zahlten.

Sie kam ihm jedoch beinahe wie eine Hexe vor, wie die glatte, schwarze Haarmähne ihr das Gesicht umrahmte und sich geschmeidig um die starke Linie ihres Kinns teilte. Von seinem versteckten Beobachtungspunkt drei Treppen weiter oben konnte er die weiße Linie ihres Scheitels genau erkennen.

Perfekt. Jedes Haar an seinem Platz.

Sie hatte einen zielstrebigen, fast katzenhaften Gang, der sie direkt über seinen Tanzboden führte, so präzise, als wisse sie ganz genau, wo sie hinging. Was sie wollte. Es war verdammt sexy. Und es war ebenso gut möglich, befand er, dass sie keine Ahnung hatte, dass jedes männliche Wesen in ihrer Nähe dieses fest verschnürte kleine Päckchen auspacken wollte.

Oder vielleicht wusste sie es doch, und es war eine weitere Waffe in ihrem Arsenal.

Er war sich unsicher, was er erotischer fand.

Wenn sie auf ein wenig Action aus war, musste das seine Glücksnacht sein.

Oder auch nicht.

Sie ließ einen Videoplayer aufblitzen, und der Jäger in ihm wurde sogleich wachsam. Von seinem Platz aus war der Bildschirm zu weit entfernt, aber offensichtlich suchte sie jemanden. Stellte Fragen. Fragen, die seine Kundschaft verständlicherweise nervös machte. Der Barkeeper schüttelte den Kopf, aber Momente später hatte der kleine Bastard die Geldscheine eingesteckt und hielt das Gesicht dicht an ihres. Brends machte sich im Geiste eine Notiz, später in der Nacht ein kleines Gespräch mit seinem Angestellten zu führen. Ein Gespräch, das eine unerwartete Abfindung beinhalten würde, falls der dreiste kleine Bastard sich nicht umgehend auf seine Seite der Theke zurückbegab und den Job erledigte, für den Brends ihn bezahlte.

Vielleicht würde Brends seinen Job machen.

Er würde herausfinden, was sein neuester Gast im Schilde führte. Und dann noch etwas mehr.

3

Oh, zum Teufel! Pell, die gerade von der Damentoilette kam, blieb wie angewurzelt stehen. Sie erkannte die schlanke, elegante Gestalt, die an der Theke hockte. Sie hatte sich wohl selbst etwas vorgemacht, zu glauben, ihre Familie – und ihre Cousine – würde sie gewähren lassen, wenn sie drohte, sich mit einem gefallenen Engel zu verbinden. Sie hätte wissen sollen, dass Mischka sie nicht gehen lassen würde. Sie nicht fallen lassen würde, wenn sie glaubte, sie könne es irgendwie verhindern. So war Mischka. Sie hatte ein Leben damit verbracht, ihre kleine Cousine vor sich selbst zu retten, und im Allgemeinen – im Allgemeinen – war Pell dankbar dafür gewesen. An eine solche Liebe konnte man kein Preisschild heften.

Sie war nicht dankbar. Nicht heute Nacht. Nicht diesmal.

Mit bis zum Hals schlagendem Herzen ging Pell an den privaten Tisch zurück. Und zu ihm. Vielleicht hatte Dathan eine Idee, was sie als Nächstes tun sollte. Ihr selbst waren die Fluchtpläne gerade eben ausgegangen. Die brodelnde Menge von Tänzern würde ihre Bewegungen für den Moment tarnen, aber sie konnte sich nicht lange auf die Anonymität verlassen. Mischka war zu logisch, zu präzise.

Zu stur.

Pell würde geschnappt werden, es sei denn, sie zauberte ein Kaninchen aus dem Hut. Jetzt. Sie war perplex, dass Mischka ihre Drohung, mit einem Dämon davonzulaufen, nicht durchschaut hatte, dass sie den Plan nicht als das erkannt hatte, was er war. Manchmal war Mischka naiv. Manchmal.

Gefallene Engel waren für Pell eine Liga zu hoch. Sich auf einen Dämon einzulassen, bedeutete das Ende. Sie hatte sie immer für Seelenverwandte gehalten, da es hieß, sie seien aus dem Himmel geworfen worden, weil sie nicht so ganz perfekt gewesen seien. Nun, sie war auch nicht perfekt. Und sie war dafür bekannt, einige Regeln gebrochen zu haben. Okay. Mehr als einige. Ihre Freundschaft mit Dathan verletzte jedoch wahrscheinlich mindestens einen internationalen Vertrag. Jetzt konnte sie nur hoffen, dass ihr Freund in der Lage sein würde, sie aus ihrem gegenwärtigen Schlamassel zu retten.

Denn Mischkas unerwartete Anwesenheit im Club war nur die Spitze des Eisberges.

Sie entdeckte eine Lücke in der Menge und schlüpfte durch die Öffnung. Es war ein Fehler gewesen, sich von Dathan beschwatzen zu lassen, hierherzukommen, an einen Ort, an dem sie bekannt war. Und Mischka wusste, dass sie manchmal hier war.

Als sie zu der ledernen Bank zurückkam, auf der Dathan sich wie ein Pascha mit seinem Harem lümmelte, schickte er sofort die Groupies weg, nachdem er ihren Gesichtsausdruck bemerkt hatte. Eine junge Blondine warf ihr einen Blick zu, den Pell nicht ganz deuten konnte. Teils Rausch, teils Ärger. Pech, wenn sie eifersüchtig war, denn es würde nichts passieren. Dathan war nichts weiter als ihr Freund, kein Geliebter. Wenn er sie benutzen wollte, um unwillkommene Gesellschaft zu verscheuchen, war das für sie in Ordnung. Worte waren billig, und es scherte sie nicht, ob die Clubbesucher sie für ein Dämonenliebchen hielten. Doch Gott stehe ihr bei, wenn Mischka das sah. Oder wenn ihre Eltern davon erfuhren.

Der Begriff Tod würde es nicht einmal annähernd beschreiben.

»Sie ist hier«, sprudelte es aus ihr heraus, während sie sich neben ihn auf die Bank setzte. Die Hitze seines massigen Körpers war ein willkommener Trost, und sie kämpfte gegen den Drang an, sich in den Schatten dieses Umfangs und dieser Stärke zu verkriechen. Heute Nacht würde sie ein großes Mädchen sein. Wirklich. Gleich nachdem sie ihn um einen letzten Gefallen gebeten hatte.

Dathans große Hand legte sich um ihre. Sie erwartete, dass er sie von der Bank hochziehen würde, aber stattdessen drehte er ihre Hand in seiner und hüllte sie in tröstliche Wärme ein. Verankerte sie.

»Keine Panik.« Mehr sagte er nicht, aber mit der freien Hand zog er ein Handy heraus und wählte. Er sprach einige leise, kehlige Worte in einer unbekannten Sprache.

Er muss einen Plan haben. Gott sei Dank. »Hat dir niemand gesagt, dass es unhöflich ist, vor anderen eine fremde Sprache zu benutzen?« Sie sprach in einem leichten Ton, aber gleichzeitig huschte ihr Blick auf der Suche nach Mischka über den brodelnden Tanzboden.

Er fauchte ein letztes Wort ins Telefon und klappte es zu. Dunkle Augen glitten nach oben, und für einen Moment fragte sie sich, ob sie sich versehentlich zu einem Fremden gesetzt hatte. Er sah anders aus. Härter.

»Nein«, meinte er gedehnt. »Wirklich? Vielleicht solltest du in Erwägung ziehen, mir Lektionen zu geben, in – Linguistik.« Die Worte klangen beinahe schmutzig. Spielerisch. Wenn sie sich nicht solche Sorgen gemacht hätte, dass Mischka sie entdecken könnte, wäre sie versucht gewesen zu spielen. Sie neckten einander jetzt schon seit Monaten, flirteten miteinander. Es war gut, einen Freund zu haben, bei dem sie sich wohlfühlte. Und sie wussten beide, dass die Worte nur Worte waren.

»Nicht, Dathan. Nicht jetzt«, sagte sie.

Er starrte sie mit dunklen Augen an, dann entkrampfte sich sein Gesicht, und die ungewohnte Anspannung schmolz dahin. »In Ordnung«, stimmte er zu. »Nicht spielen. Also, warum sagst du mir nicht, was los ist?«

Der feste Druck seiner Hand, die ihre streichelte, rieb die panische Anspannung weg, bis sie zur Glückseligkeit zerschmelzen wollte. Das war Dathan. So unkompliziert. Immer da. Wirklich, sie verstand nicht, warum Mischka ein solches Vorurteil gegen gefallene Engel hatte. Dathan war ihr Freund. Der ältere Bruder, den sie nie gehabt hatte. Sie verließ die Stadt, wenn das Verlangen zu groß wurde, reiste, so weit ihr Geld sie brachte, aber wann immer sie nach M City zurückkehrte, wartete er auf sie. Dathans Finger streichelten mit festen Strichen ihre Hände. Als sie eine wunde Stelle entdeckten, von der sie gar nichts gewusst hatte, pressten sie sich kenntnisreich darauf. Der Schmerz schwand, und sie unterdrückte ein wohliges Stöhnen. Gott, Dathan hätte in einem Fünf-Sterne-Wellnesshotel ein Vermögen verdienen können. Seine Hände waren pure Magie.

»Ich stecke in Schwierigkeiten«, gab sie zu.

»Tatsächlich?«, fragte er trocken und beugte seinen dunklen Schopf über ihre Hand. »Ich bin schockiert, Pell. Wie untypisch. Erzähl mir davon, und wir werden sehen, was ich tun kann.«

Dieses Haar, dachte sie, war sündig, von der Farbe der Mitternacht und der verlorenen Seelen, obwohl er es normalerweise gnadenlos aus seinem Gesicht kämmte. Dathan war weder gut aussehend noch schön, aber die kräftigen Linien seines Gesichtes hatten sie immer ein wenig animalisch angezogen. Da andere Frauen ihn anstarrten, wenn er einen Raum betrat, ging es ihnen vermutlich ähnlich.

Jetzt nahm sie sich die Zeit und ließ den Blick über die vertraute harte Linie seines Kinns und seiner Wangen gleiten. Dathan hatte die goldenen Augen eines Tieres, und immer nahm er seine Umgebung wahr. Selbst entspannt auf dem Ledersitz ihr gegenüber, seinen unmöglich massigen Leib in diesen engen Raum gepfercht, erkannte sie die lockere Haltung des Kämpfers. Seine rechte Hand verließ kein einziges Mal seine Klinge, ein Daumen strich wieder und wieder über die scharfe Schneide. Beschützer, sang ihr Bauch. Raubtier, ergänzte ihr Verstand.

»Nun«, sagte sie und fragte sich, warum ihr dieses Geständnis so peinlich war. »Du kennst meine Familie. Und ich habe dir von meiner Cousine erzählt.«

»Von Mischka.« Er nickte. »Der Perfekten.«

»Ja«, sagte sie düster. »Nun, sie ist davon überzeugt, dass ich beschlossen habe, meine Seele an die gefallenen Engel zu verkaufen und …« Es gab wirklich keine Möglichkeit, es taktvoll auszudrücken, befand sie. Schließlich war der Mann, der ihre Hand hielt, einer von ihnen, obwohl sie wusste, dass er sie niemals ausnutzen würde. Sie waren schließlich Freunde.

»Und du würdest sie gern von der absoluten Unwahrheit dieser speziellen Annahme überzeugen?« Seine Hand bewegte sich keinen Millimeter. »Was natürlich der Grund ist, warum du die beiden letzten Wochen in meinem Gästezimmer verbracht hast und jetzt hier in meiner sehr öffentlichen Gesellschaft bist. Kluger Schachzug, Pell. Deine Cousine wird kein notariell beglaubigtes Dokument akzeptieren, wenn sie Wind davon bekommt. Was sie getan hat.« Sein Kopf fuhr hoch. »Andernfalls hättest du dir nicht die Mühe gemacht, mir das zu sagen.«

Bingo. »Mischka ist hier im Club.«

Er schüttelte den Kopf. »Genau. Ich nehme an, du würdest gern zur Hintertür hinausschlüpfen?«

»Ja.« Sie sah ihn erwartungsvoll an. »Das ist mein gegenwärtiger Plan.«

»Baby, du hast die schlechtesten Pläne, die ich je gehört habe. Falls«, fügte er skeptisch hinzu, »das überhaupt ein Plan genannt werden kann. Ich habe den starken Verdacht, es ist dir gerade erst eingefallen.«

Es war nichts auszusetzen an Spontanität, daher streckte sie ihm die Zunge heraus. »Du bist langweilig, Dathan.«

Der Ausdruck in seinen Augen war einer, den sie nicht recht zu deuten vermochte. »Praktisch«, konterte er. »Falls du Probleme mit deiner Cousine hast, Pell, musst du mit ihr reden. Wenn du mit mir von hier verschwindest, wird es ihr jemand erzählen, und das geht auch nur, wenn sie dich nicht entdeckt hat, als du sie entdeckt hast. Dann wird sie dir niemals glauben.«

Das war der peinliche Teil. »Ja, nun, sie könnte Gründe für ihre Sorge haben.«

»Tatsächlich.« Er musterte sie.

Sie hielt inne. Andererseits war dies Dathan, und sie waren Freunde, und sie konnte ihm die Wahrheit sagen. »Vielleicht habe ich behauptet, ich würde mir einen gefallenen Engel suchen.«

»Und?« Tödliche Gewalt lag in dem Wort.

»Und mehr oder weniger angedeutet, dass ich mich mit ihm verbinden würde.«

»Und warum solltest du dich mit einem von uns verbinden wollen?«, fragte er gedehnt.

Sie kämpfte gegen den Drang zu fliehen. »Sicherheit«, platzte sie heraus. »Schutz.«

»Vor wem?«

Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. »Du wirst mir nicht glauben, Dathan. Niemand glaubt mir.«

Sie hatte sich nicht schon wieder an ihn wenden wollen, mit weiteren Beweisen für ihre Unvollkommenheit. Für die endlose Abfolge von vermasselten Dingen, aus denen ihr Leben bestand. Denn Freundschaft hatte ihre Grenzen, und diesmal … nun, diesmal war sie nicht allein nach Hause gekommen. Diesmal war ein Mann hinter ihr her gewesen.

»Dein Freund?«

Schön wär’s. Es wäre so viel einfacher gewesen. Sie schüttelte den Kopf.

»Gläubiger.«

Dathan klang herablassend amüsiert. »Wie viel bist du schuldig?«

Er war immer sehr großzügig gewesen, aber Geld würde dieses spezielle Problem nicht lösen. »Ich schulde ihm gar nichts.«

Dathans Augen wurden schmal. Für einen Moment verschwand der träge Ausdruck aus seinem Gesicht, als habe jemand einen Vorhang vor ein Fenster gezogen. Er sah hart aus. Gefährlich. Ungewohnt. »Ihm? Diese Person, die dir folgt, ist ein Mann?«

»Ja.« Warum sollte Dathan das interessieren?

»Du hast deinen Freund mit nach Hause gebracht?«

»Er ist nicht mein Freund, und ich bin es leid, ›Zwanzig Fragen‹ zu spielen, Dathan.« Sie hätte selbst einen Zufluchtsort finden sollen. Sie hätte nicht mit ihm hierherkommen sollen. Es war nur so, dass Dathan eine Angewohnheit war, die sie anscheinend nicht loswerden konnte.

»Dafür sollte ich dir den Arsch versohlen.« In seinen dunklen Augen glänzte ein unbekanntes Gefühl. Er war ihr bester Freund, aber sie konnte nichts gegen die verbotene Hitzewelle angesichts der Bilder tun, die seine Drohung in ihr auslöste. Er würde es nicht tun. Sie sollte nicht so über ihren besten Freund denken. Aber sie konnte die Bilder nicht verbannen.

Dathan tat niemals etwas halb, sobald er sich einer Sache verschrieben hatte. Da wäre die köstliche Bloßstellung, wenn er ihr das allzu kurze Kleid hoch- und ihren Schlüpfer herabzöge. Der erste Schlag würde eine Hitzewallung durch ihren Hintern schicken und ein Prickeln in ihrem ganzen Leib hervorrufen.

Hatten sich seine Augen verdunkelt? Gewiss konnte er die Erregung nicht riechen, die ihren Slip feucht machte. Er konnte nicht wissen, welchen Fantasien sie des Nachts nachhing. Er war ein gefallener Engel, kein Gedankenleser.

Und sie hatte nicht gehört, dass gefallene Engel sich darauf spezialisiert hätten, Fantasien zum Leben zu erwecken. Lügnerin, zirpte die kleine Stimme in ihrem Kopf. Lügen haben zwar kurze Beine, aber lange … Sie wollte nicht weiterdenken, weil sie auch so schon ganz feucht war. Vor Verlangen. Nach einem der gefallenen Engel. Und da hatte sie gedacht, ihr Abend könne unmöglich noch schlimmer werden!

»Versuch es doch«, schlug sie leichthin vor, »und ich werde es dir heimzahlen, Dathan.« Verlegen rutschte sie auf dem Ledersitz hin und her, und das glatte Material klebte an ihrer nackten Haut. War das peinlich! Sie wusste, dass Dathan sich unter ihren menschlichen Freunden eines gewissen Rufs erfreute, aber sie hatte diese Seite an ihm nie kennengelernt. Der charmante, nonchalante Gefährte war wie weggeblasen.

Er beachtete ihr Unbehagen nicht. »Wenn er nicht dein Freund ist, wer ist er dann?«

»Nur ein Typ.« Eine Beschreibung, die dem Mann, den sie kennengelernt hatte, nicht einmal ansatzweise gerecht wurde. »Ich war im Südpazifik auf Reisen und habe ihn in einem Beachclub kennengelernt. Ich war nur ein paar Tage auf dieser speziellen Insel, und ich wusste nicht, ob ich bleiben oder abreisen sollte. Er hatte von meiner Ankunft gehört, daher kam er vorbei, um sich vorzustellen.« Sie konnte die Erinnerungen an diese dunklen Augen immer noch nicht abschütteln. Der Mann war kalt gewesen, so kalt. Beinahe unheimlich in der tropischen Hitze, die sie umgab. Die meisten Einheimischen waren herrlich warm, sonnengebräunt und fröhlich, und ihre Neugier auf sie wurde im Zaum gehalten vom Respekt für die Grenzen, die sie unbewusst gezogen hatte. Eilor hatte das nicht interessiert. Er war an ihren Tisch gekommen und hatte sich ihr gegenüber hingesetzt. Sicher, er hatte ihr den obligatorischen Drink spendiert, aber da war etwas beinah Besitzergreifendes in seinen Augen gewesen. Er hatte ihr Angst gemacht. Und dann hatte er gesagt, er habe nach ihr gesucht. Irgendwie glaubte sie nicht, dass er ›an diesem Tag‹ meinte. Er hatte nach ihr gesucht, und er war auf diese Insel gekommen, um sie zu finden. Er war ihr gefolgt.

Sie hatte auf ihre Instinkte gehört und war weggelaufen.

»Und er ist dir hierher gefolgt.«

»Könnte sein.« Das war der Punkt, an dem die meisten ihrer Bekannten es mit Logik versucht hätten, mit Abraten oder mit unverhohlenem Unglauben. Wie wahrscheinlich war es schließlich, dass ihr ein x-beliebiger Fremder um den halben Globus gefolgt war?

»Wann hast du bemerkt, dass er dir gefolgt ist?«

»Als ich den Flughafen erreichte.«

»Du hast den Flughafen vor drei Wochen erreicht, Pell.« Dathans Stimme hatte einen strengen Unterton angenommen. Na schön, sie hatte die Augen vor der Wahrheit verschlossen. Nichts davon war ihr wirklich erschienen.

»Ich wollte sicher sein, bevor ich es irgendwem erzähle. Es kommt mir alles so verrückt vor.«

Drei Wochen Gänsehaut, drei Wochen, in denen sie das Gefühl gehabt hatte, ein unsichtbarer Beobachter würde sie verfolgen. Schlimmer noch, sie hatte gewusst, dass der Beobachter sie jederzeit erwischen konnte. Sie hatte nicht zu der Wohnung zurückgehen wollen, die sie sich manchmal mit ihren Freundinnen teilte. Nach Hause zu gehen, hatte ebenfalls nicht allzu gut funktioniert. Sie war angespannt gewesen. Nervös. Am Ende hatte sie Streit gesucht, damit sie fluchtartig verschwinden konnte.

Sie beäugte ihr Gegenüber. Anscheinend war sie direkt in Dathans Arme geflohen.

»Du hast mich warten lassen.«

»Wir sind Freunde«, fauchte sie. »Hast du gedacht, ich wollte dich auch damit belästigen?«

»Wir sind Freunde.« Er sah sie an, und sie konnte den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht deuten. »Ja, meine Liebe. Und Freunde sollten wirklich ehrlich zueinander sein, meinst du nicht?«

»Sicher.« Schließlich war es nicht so, als ob sie ihn in dieser Sache angelogen hätte.

»Absolut.« Er ließ ihre Hand los und schob sie weg. Mit der anderen Hand goss er geschickt Champagner aus der Flasche ein, die in dem Kühler neben dem schlanken Tisch stand. Er schob das Glas zu ihr hinüber, und sie legte die Finger aus Gewohnheit um den Stiel. »Wie hat er ausgesehen?«

Er war groß gewesen. Dunkel. Und die Bar, in der sie einander begegnet waren, war noch dunkler gewesen. Trotzdem, er war ihr irgendwie bekannt vorgekommen. Vielleicht, weil seine rauen, brutalen Gesichtszüge sie an die gefallenen Engel erinnerten. »Wie einer von euch«, sagte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte. Na ja, niemand hatte sie je zuvor der Diplomatie beschuldigt. Toll gemacht, Pell!

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