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Engel der Dunkelheit 02 – Unsterbliche Sehnsucht

ANNE MARSH

Engel

der Dunkelheit

Unsterbliche Sehnsucht

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Christian Bernhard

Zu diesem Buch

Und so befahl Michael, die aufständischen Engelskrieger aus dem Himmel zu verbannen und ihnen Seele und Flügel zu entreißen. Die Gefallenen sollten als Dämonen leben, zur Hälfte Männer, zur Hälfte Bestien. Allein ihre Seelengefährtin vermag es, sie von diesem Schicksal zu erlösen: Denn nur wenn die Gefallenen lernen, wahrhaftig zu lieben, werden sie ihre Seele zurückerhalten …

Einst war Zer ein Engel – doch nun ist er ein Dämon, der Anführer aller Gefallenen, denen die Seele entrissen wurde und die sich nun von den Gefühlen junger Menschen nähren. Schon seit über dreitausend Jahren sucht Zer nach der Frau, in deren Blut seine Erlösung von diesem schrecklichen Fluch liegt – seine Seelengefährtin. Doch die Zeit läuft ihm davon: Denn Cuthah, der Erzfeind der Gefallenen, hat begonnen, mögliche Gefährtinnen aufzuspüren und eine nach der anderen gnadenlos zu ermorden. Auch die College-Professorin Nessa St. James steht auf seiner Liste. In letzter Sekunde gelingt es Zer, die junge Frau vor den Mördern in Sicherheit zu bringen. Aber Nessa ist mehr als nur eine Seelengefährtin: Die mutige Wissenschaftlerin ist im Besitz wertvoller Informationen über die Gefallenen, die nun für sie zum Verhängnis zu werden drohen. Um Nessa vor Cuthah schützen zu können, versucht Zer sie zu einem Bündnis mit ihm zu überreden. Doch diese hat nicht vor, ihre Unabhängigkeit zu opfern und sich dem gefallenen Engel hinzugeben – auch wenn er noch so verführerisch ist.

Die Gefallenen

Vor dreitausend Jahren entzweite eine Rebellion den Himmel. Eilig ergriff Michael Schritte gegen die aufständischen Herrschaften. Über Jahrtausende hatten diese Engel dem Himmel gedient. Die Herrschaften waren erschaffen worden, um loyale Krieger des Himmels zu sein, und hatten nie an ihrer Aufgabe gezweifelt. Sie kämpften. Sie verteidigten. Sie töteten auf Michaels Befehl hin. Im Kampf Gut gegen Böse waren sie diejenigen, welche die vorderste – die entscheidende – Verteidigungslinie bildeten. Doch blutrünstige Gräueltaten waren verübt worden, und die Herrschaften machten Michael dafür verantwortlich. Die Krieger des Himmels erhoben die Waffen gegen ihn – und verloren.

Als die Herrschaften fielen, verurteilte Michael sie zu einer schier immerwährenden Strafe. Auf seinen Befehl hin riss man den aufständischen Himmelswächtern die Flügel aus und verbannte sie aus dem Himmel. Diese gefallenen Engel wurden auf die Erde geschickt und dazu verdammt, als böse Geister, als Dämonen, zu leben; nach Licht und Tugendhaftigkeit dürstend, die nicht in ihren eigenen verdorbenen Seelen zu finden waren. Keiner der Gefallenen konnte seine einmal verlorenen Flügel wiedererlangen und in den Himmel zurückkehren – bis dieser Mann seine Seelenverwandte gefunden und sich in sie verliebt hatte; jene Frau, die seine dunkle Seele erlösen und ihm Liebe, Licht und Frieden geben konnte. Im Jahr 2090 wurde die erste Seelenverwandte gefunden.

1

Zer rannte zum G2. Und weil er ein wenig überschüssige Energie abbauen musste, näherte er sich dem Club vom Dach aus. Die körperliche Anstrengung, über Dächer zu laufen und die Lücken zwischen den Gebäuden zu überspringen, gab ihm einen Kick. Das Schöne daran war, dass man nie genau wusste, ob man mit dem Fuß abrutschen würde. Wenn es doch nur genauso leicht gewesen wäre, es endlich zu packen und diesem Jahrtausend der Leere ein Ende zu bereiten und damit endlich den Verdacht zu widerlegen, dass man vielleicht, nur vielleicht, aus dem Himmel verstoßen wurde, weil man nicht gut genug war – und nicht etwa wegen eines perfekt durchdachten Plans.

Die Sicherheitsleute empfingen ihn genau in dem Moment, als er einen Stiefel auf das Dach des Clubs setzte. Wie sollte es auch anders sein, schließlich war Brends, Zers Lieutenant, kein Idiot – wenn es darum ging, auf seinesgleichen aufzupassen, besaß der Mann die Hartnäckigkeit eines hungrigen Jagdhunds. Doch noch bevor Zer das Kennwort murmeln konnte, hatte die Patrouille ihn bereits erkannt. Jeder wusste, wer Zer war: der Herr. Derjenige, der die Gefallenen aus diesem verdammten Sturm heraus zurück zu Ruhm und Ehre führen sollte. Dass er damit schon mehr als tausend Jahre überfällig war, spielte da keine Rolle.

Zwei Männer, einer links und einer rechts, flankierten ihn. Falls sie ihn aus dem Verkehr ziehen wollten, hatten sie ihre Chance vertan. Er war angreifbar gewesen, als er mit dem Fuß auf der Dachkante aufgesetzt hatte, nun jedoch befand er sich auf festem Boden.

Sein lederner Staubmantel umwehte ihn, als er die Stufen in den Club hinunterstieg, wobei er seine Frustration und die überbordende Energie an der Treppe mit dem schlichten Linoleumbelag und dem steril wirkenden Geländer ausließ. Während er sich lautlos hinabbewegte und sein Schatten vor ihm über die Stufen glitt, dachte er darüber nach, was er in den letzten Wochen gelernt hatte.

Die nächtlichen Kämpfe gegen die Abtrünnigen, die Jagd auf die menschliche Bevölkerung von M City machten, stellten nur die Spitze des Eisbergs dar. Das Verlangen, menschliche Emotionen zu trinken, war schlimmer als jede Droge. Bei den Übeltätern handelte es sich um Gefallene, die diesem Verlangen entweder nicht mehr standhalten konnten oder es schlichtweg nicht länger wollten. Vollkommen von dieser dunklen Begierde beherrscht, wüteten sie, waren komplett außer Kontrolle. Geradezu wahnsinnig ergingen sie sich völlig in einer Gewaltorgie und tranken, bis ihre menschlichen Opfer starben.

Zu allem Übel scharte Cuthah, ein korruptes Mitglied der Herrschaften, der für die Verbannung der Gefallenen aus dem Himmel gesorgt hatte, ganz offensichtlich wie angedroht eine Armee um sich. Sicher, während der letzten Aussprache mit den Gefallenen war von dem Arschloch geradeheraus so etwas angekündigt worden, doch Zer hatte gehofft – und zwar länger, als er es hätte tun sollen –, Cuthah wolle sich nur aufspielen und ein wenig in Szene setzen. Schließlich war er in dem Kampf der Unterlegene gewesen, der nun das Gesicht wahren musste.

Schön wär’s.

Vielleicht hätte Zer die Abtrünnigen einfach machen lassen sollen. Der Himmel mochte die Herrschaften zwar rausgekickt haben, es gab jedoch keinen Befehl, sie zu töten. Zumindest noch nicht. Einige der Gefallenen kämpften immer noch um ihre Erlösung. Der Rest gab dem Hunger nach Seele nach und wurde zu Abtrünnigen. Doch drauf geschissen, ob er nun wusste, warum er kämpfte oder nicht; ganz abgesehen davon, dass er auch dreitausend Jahre, nachdem sie auf so verheerende Weise in Ungnade gefallen waren, immer noch als Anführer der Gefallenen fungierte – ob einem das nun passte oder nicht. Und einem Kampf ging er niemals aus dem Weg.

Zer und seinesgleichen mochten zügellose Frauenhelden sein, die die Vergnügungen, welche die Welt bereithielt, mehr als genossen, aber sie töteten keine Unschuldigen. Sie verführten sie vielleicht, brachten sie aber nicht um.

Die eng tanzenden und sich lasziv zur Musik bewegenden Menschen auf der überfüllten Tanzfläche wichen ihm weit aus, als er durch den Club schritt.

Er pflanzte sich auf die gepolsterte Sitzbank im Privatbereich des Clubs und legte die Füße auf den Tisch. Sein Platz in seiner Welt. Hier war er der König, das wusste jeder – ob Mensch oder Gefallener.

Nun, da er sicher auf der Bank Platz genommen hatte, schloss sich der Durchgang zwischen der glotzenden Menge auf der Tanzfläche wieder und passend zu der durch Drogen herbeigeführten Euphorie der Masse wurde die Musik aufgedreht. Sünde und Sex. Der Gestank beider Laster haftete seinen Menschen an. Und abhängig wie er war, sog er sie mit allen Sinnen ein und trank diesen köstlichen Cocktail. Da sie selbst nichts fühlen konnten, waren die Gefallenen darauf angewiesen, Emotionen von den Menschen um sich herum zu erhalten. Es gab verschiedene Wege, diese Gefühle anzuzapfen, doch der beste davon war Sex. Und Zer gierte förmlich danach.

Er wollte mehr.

Immerzu mehr.

»Haben Sie die Frauen von der Liste ausfindig gemacht?« Nael, einer von Zers Lieutenants, verschwendete keine Zeit mit den üblichen Begrüßungsfloskeln. Der komplett in Leder gekleidete Gefallene ließ sich in den Sitz gegenüber von Zer plumpsen.

Eine Kellnerin stellte ein Tablett mit Flaschen und Gläsern auf den Tisch, wobei sie den Blick über die trainierten Muskeln an Zers Unterarmen schweifen ließ. Unvermittelt schien ihr Interesse an ihm einzusetzen – ebenso jedoch auch ihr Abscheu, als sie die schwarzen Male um seine Handgelenke registrierte und feststellte, was er war. Die Dame stand also nicht auf Dämonen. Bereit, den Gehaltsscheck einzustecken und im Club zu arbeiten, war sie aber anscheinend schon. Ihr Pech. Mit Zer hätte sie in einer Nacht mehr verdient als mit ihrem Job in einer ganzen Woche.

Während sie sich wieder entfernte, schenkte er ihrem Po einen kurzen Blick. Die Frau bewegte sich schnell, aber geschmeidig, und bei jedem Schritt spannten sich die Muskeln in ihren Oberschenkeln an. Sie wäre eine heiße Nummer gewesen, dachte er mit Bedauern, fähig, durchzuhalten und ihn die halbe Nacht lang zu reiten und noch so manch anderes zu tun.

Er hätte sie gern probiert.

Doch leider wäre eine Kostprobe nicht ausreichend gewesen, wenn sie ihn erst auf den Geschmack gebracht hätte. Er wäre dem Zwang unterlegen, noch eine zweite zu nehmen. Und noch eine. Bis er sie damit schließlich umgebracht hätte. Doch er würde nicht außer Kontrolle geraten. Nicht diese Nacht.

»Ich habe mich noch nicht umgesehen.« Er war zu sehr damit beschäftigt gewesen, Abtrünnige zu töten und sich an die Reste seines Verstands zu klammern. Ohne die Füße vom Tisch zu nehmen, streckte er einen Arm aus und griff sich eine der Flaschen, machte den Verschluss auf und goss sich einen Schluck gut gekühlten Wodka ein.

»Aber bald«, meinte Nael. »Wir sollten sie als Erste finden, bevor es Cuthah gelingt. Wenn sie wirklich Seelenverwandte sind und nicht bloß Verbündete, dann haben wir ihm etwas voraus.«

Das G2 war voller potenzieller Verbündeter – Menschen, die mehr als bereit waren, den Gefallenen im Gegenzug für eine Gefälligkeit vorübergehend ihre Seele zu überlassen. Eine Seele für etwas Entgegenkommen. Der Haken daran war jedoch, dass die Verbindung umso länger hielt, je größer dieser Gefallen ausfiel. Doch damit hatte Zer kein Problem.

Nein, seines lag vielmehr darin, dass der Erzengel Michael, als er die Herrschaften verbannt, ihnen die Flügel und die Fähigkeit, etwas zu fühlen, genommen und sie damit zu einer der Ewigkeit gleichkommenden Existenz als böser Geist auf der Erde verdammt, ihnen ebenso ihre Erlösung in Aussicht gestellt hatte. Vorausgesetzt, ein Dämon fand seine Seelenverwandte. Es gebe eine für jeden gefallenen Engel, so ungefähr war es von Michael beschworen worden – eine Frau, die den ihr vorherbestimmten Mann erlösen und ihm seine Flügel wiedergeben könne. Es hatte ganze dreitausend Jahre gedauert, die erste Seelenverwandte zu finden, und die schlechten Aussichten, weitere dieser Frauen aufzuspüren, ließ Zers Stimmung nicht gerade steigen.

Michaels Gefolgsmann Cuthah hatte bereits jede potenzielle Seelenverwandte, derer er habhaft werden konnte, getötet, um zu verhindern, dass die Gefallenen wieder Zutritt zum Himmel erlangten. Diese vier Frauen mussten als Nächste auf seiner Liste stehen. »Wir haben ihre Namen, also dürfte es nicht allzu schwer sein, sie zu finden.« Das stimmte natürlich. Die Frage war nur, zu wem diese Frauen gehören würden. Zer hielt sein Glas umklammert, das sich in seiner Hand langsam erwärmte, lümmelte sich auf seinem Platz und ließ mit todbringendem Interesse den Blick über die tobende Menschenmenge unter ihnen schweifen.

Die meisten der Tanzenden waren Menschen. Diejenigen von ihnen, die dafür wöchentlich mit einem Scheck entlohnt wurden, glitten mit ihren schweißnassen, glatten Körpern an Polestangen aus Stahl und Glas hinab. Bei jeder ihrer Bewegungen blitzten heiße, knappe Ledertangas und diamantenbesetzte Armbänder und Fußkettchen auf, während der stampfende Beat wie ein Liebhaber in die tanzende Menge drang. Und egal, wohin Zer auch schaute, er sah in den Augen der Gäste, welche die scharfe Auswahl begutachteten, verräterisch dieses gierige Verlangen aufblitzen.

Es gab nur eine einzige Regel im G2: Vergnügen. Dafür war das Zahlungsmittel dieses ganz eigenen Reichs spiritueller Art. Wer die Gefälligkeit eines Gefallenen wollte, bezahlte dafür. Und zwar mit einem Teil seiner Seele. Im G2 war es also möglich, dass eine Nacht unvergesslichen Vergnügens gleichzeitig auch ein überaus gefährliches Geschäft wurde: Ein Dämon erfüllte einen Wunsch, der alles umfassen konnte, was sich ein Mensch vorzustellen vermochte, und erhielt im Tausch dafür ein Stück von dessen Seele.

Erstaunlicherweise zeigten sich nur allzu viele der Tänzer bereit, sich auf dieses Geschäft einzulassen – für die Gefallenen der beste Weg, ihre unvermeidliche Gier nach Seele zu stillen.

Zer faltete das Blatt Papier auseinander, doch er musste die Worte darauf nicht erst lesen, um zu wissen, was dort stand. Er kannte die Liste auswendig. Vier Namen. Von vier potenziellen Seelenverwandten. Es galt, die Frauen ausfindig zu machen, aufzusuchen und eine kleine gewaltsame Rettungsaktion durchzuführen. Sobald er die Frauen dann sicher im G2 hätte, würde er seinen Brüdern die Auswahl überlassen. Sie sollten sich mit der zu ihnen passenden Seelenverwandten zusammentun.

Natürlich wäre es leichter gewesen, wenn sie sich einfach ein paar Mädchen auf der Tanzfläche hätten herauspicken können. Diese Frauen wollten an diesem Ort sein und waren an dem interessiert, was die Gefallenen zu bieten hatten. Aber vielleicht würde das bei den vier Frauen auch der Fall sein. Wenn die Bezahlung stimmte, wären sie womöglich ebenso einfach zu verführen und hätten kein Problem damit, sich selbst, ihre Körper und ihre Seelen, für ein kleines persönliches Treffen mit den Gefallenen herzugeben. Doch das konnte er nur herausfinden, indem er sich an ihre Fersen heftete.

»Such eine Adresse für mich heraus.«

Mit einem knappen Nicken zog Nael einen Organizer aus der Tasche seines Staubmantels. Das Gehäuse entsprach militärischen Qualitätsstandards, sodass man versucht war, mit einem Armee-Geländefahrzeug darüberzurollen und die Widerstandfähigkeit der Hardware auszuloten. Wie seinen Bruder könnte wohl nur ein nuklearer Holocaust dieses Gehäuse zerstören. Es sah verdammt gut aus, war aber stark wie Teflon. Nael machte sich keine großen Gedanken darüber, wer oder was er nun darstellte, und genau deshalb hatte Zer ihn als rechte Hand gewählt.

Das Klirren von Eiswürfeln und das Klacken der Tasten waren zu hören, als Nael sich um die Angelegenheit kümmerte. Nach einigen langen Minuten blickte er endlich auf.

»Ich hab eine.«

»Nur eine?«

»Brauchst du etwa mehr als das, um loszulegen? Abgesehen davon, lebt sie hier in der Nähe. Offenbar ist sie nicht der Typ, der groß ausgeht, sonst hätten wir sie hier sicher schon einmal gesehen.«

Musste man seiner Seelenverwandten bloß in die Augen schauen und wusste es? Die Erfahrung sagte Zer, dass sich nichts jemals so einfach gestaltete. Die Ausnahmeregelung in Michaels Urteilsspruch war mit einer langen Liste von Vorbehalten und Einschränkungen verbunden gewesen. Nie im Leben hätte er es ihnen so leicht gemacht, dass sie nur zufällig auf dem Gehsteig eine Frau anzurempeln brauchten. Oder eben auf der Tanzfläche.

Das hatten sie erfahren müssen, als Brends der ersten von ihnen begegnet war. Um ehrlich zu sein, beneidete er seinen Bruder nicht gerade um seine Seelenverwandte. Sie war ziemlich emotional, ein richtiger Klotz am Bein, und Zer band sich nicht gern. Es sei denn – und bei dem Gedanken daran verzog er die Lippen zu einem kalten Lächeln – er behielt die Oberhand. Der Drang zu dominieren war tief in seinen Genen verankert, und ob Brends es nun zugab oder nicht, er hatte sein Herz und seine Seele in die Hände einer Frau gelegt.

Zer drehte das Glas in seiner Hand, welches das teuflische Leuchten in seinen Augen reflektierte. Verdammtes Biest.

Nael beäugte ihn. »Möchtest du, dass ich eine andere Frau für dich finde?«

Auch das würde ihm gelingen. Gott, der Bruder stand auf das Internet, Datenbanken und raffinierte Hackerattacken. In diesem Fall ging es darum, Codes zu knacken und gegen mindestens ein Dutzend Datenschutzgesetze zu verstoßen, um an die Informationen zu gelangen, die Zer brauchte.

»Nein.« Es spielte überhaupt keine Rolle, mit welcher er anfing. »Wen hast du denn?«

»Eine Dr. Nessa St. James. Sie ist Dozentin an der besten Universität von M City und soll dieses Jahr eine Professorenstelle bekommen – und jetzt zieh dir das rein – ihre Spezialgebiete sind Genetik und Bibelforschung. Sie ist diejenige, die den Gentest entwickelt hat, bei dem man auf ein Stäbchen pinkeln muss.« Nael zog bedeutungsvoll die Augenbrauen nach oben.

Nessa St. James’ Leben würde in Kürze eine 180-Grad-Wendung nehmen. Zer hatte zwar nicht erwartet, dass die nächste Seelenverwandte eine von denen war, die auf der Tanzfläche seines Clubs herumwirbelten, aber eine Dozentin? Verdammt, so eine verspeisten seine Jungs noch vor dem Frühstück und spuckten sie wieder aus. Sie würde darauf bestehen, Händchen zu halten, und so etwas machte er nicht. Niemals.

»Sie gehört zu den besten Genforschern der Welt, Zer.« Nael drehte den Palm so, dass Zer auf das kleine Display schielen konnte.

Zer ignorierte dies jedoch und starrte Nael an, der dem Blick standhielt. Die gute Frau Doktor befand sich auf Cuthahs Liste, was bedeutete, dass sie eine potenzielle Seelenverwandte war, und sie besaß die Fertigkeiten, um Cuthahs kleines biologisches Geheimnis zu entschlüsseln. Der hatte nämlich behauptet, die Seelenverwandten trügen eine Art biologischen Strichcode – etwas in ihrer DNA, wodurch man auf sie aufmerksam wurde. Und obwohl Zer nicht sicher war, ob er Cuthahs Behauptung Glauben schenken sollte, musste er sie doch überprüfen. Wenn das mal kein Wink des Schicksals war.

»Wir sollten Sie uns schnappen«, schlug Nael vor, als ob es sprichwörtlich ein Spaziergang wäre, in eine Universität zu marschieren und jenen speziellen Menschen, den sie brauchten, herauszuschleifen.

»Auch sie wird sich kaufen lassen.« Zer beschloss, dass er nur herausfinden musste, was sie wollte. Was sie begehrte. Mit Geld ließ sich alles regeln. Er würde ihr Labor aufkaufen und ihr die Fördergelder streichen. Und dann würde er ihren Bibliotheksausweis sperren lassen, denn ihm war gerade nach miesen Aktionen, da er sich selbst mies fühlte und einen höllischen Durst verspürte. Was auch immer sie in ihrem Leben erreichen wollte, sie würde es nicht schaffen, bis sie ihm gab, was er wollte.

Ihre Seele.

»Soll ich deine Reserven aufladen?« Nael sah aus, als wüsste er ganz genau, wie durstig Zer war. Und sein Bruder würde ihm so etwas nicht anbieten, wenn er es nicht auch so meinte. Auch das war ein Grund, warum Zer ihn so sehr schätzte. Nael unterstützte ihn. Was auch geschah. Und wenn Zer abtrünnig werden sollte und Hilfe brauchte, um es mit einer Klinge zu beenden, dann würde Nael handeln, ohne groß Fragen zu stellen.

Also würde Nael auch eine Frau verführen und Zer die Seele des Opfers aufsaugen lassen, um sicherzustellen, dass sein Herr das G2 im Vollbesitz seiner Kräfte verließ. Großer Gott, nicht, dass die Tänzer etwas dagegen gehabt hätten. Verdammt, aus genau diesem Grund waren sie schließlich da und verrenkten sich ausgerechnet auf dieser Tanzfläche. Sie wollten ausgewählt werden, denn es war wie ein Lotteriegewinn für sie. Zer ärgerte sich über das dringende Verlangen, das ihn erfasste, aber es ließ sich nicht vermeiden. Er musste trinken, bald schon sogar, traute sich jedoch nicht zu, den Teil mit dem Verführen selbst zu übernehmen.

Nicht mehr.

»Jepp.« Er nickte heftig mit dem Kopf und wollte noch etwas hinzufügen, um zu zeigen, dass er zu schätzen wusste, was der Bruder für ihn tat, doch ihm fiel nichts sein. Sie wussten beide, dass Zer sich gerade noch so auf den Beinen hielt und ein verdammtes Chaos über ihnen hereinbrechen würde, wenn er nichts dagegen tat.

»Lieferservice ist doch was Wunderbares.« Ein zögerliches, warmes Lächeln umspielte Naels Mundwinkel, doch Zer entging nicht, dass seine Augen kalt blieben. Ihm war klar, dass er bloß den Zuhälter spielte, und auch wenn er es für seinen Herrn tat, musste es ihm einen Stich versetzen. Doch Zer würde einen Weg finden, sich bei seinem Bruder zu revanchieren.

Neben ihm scannte Nael indessen mit prüfendem Blick die tanzende Menge ab, wie eine Hausfrau das Angebot auf dem Markt. Zu alt, zu langweilig, einfach nicht die Richtige. Schließlich fasste er eine Blondine mit Katzenaugen ins Visier, die wirkte, als hätte sie seit der Grundschule nichts Unschuldiges mehr getan. Als Nael ihr sein für ihn typisches breites Lächeln schenkte, segelte sie förmlich quer über die Tanzfläche hinweg auf ihn zu, als würde sie beide ein unsichtbares Band miteinander verbinden. Sie wiegte sich sinnlich in den Hüften, immer im Einklang mit dem hämmernden Beat der Musik. Zer hätte seine unsterbliche Seele darauf verwettet, dass sie das Wummern bis tief in ihre Mitte spürte.

Sie würde genügen.

Nael hatte kein Problem damit, die Frau mit einem Spruch über das Wetter anzuquatschen. Er musterte sie nur kurz und legte ihr dann einen Arm um ihre von einer Korsage eingeschnürten Taille. Als der Bruder ihr schließlich einen langen, feuchten Zungenkuss gab, spürte selbst Zer die plötzliche Erregung bis in seine Zehenspitzen. So intensiv hatte sie es sich nicht vorgestellt.

Sie unterbrach den Kuss lange genug, um zu fragen: »Guckt er zu?«, und deutete dabei auf Zer, der sie seinerseits anstarrte.

»Ja.« Nael bedeckte ihre Lippen mit seinen und fuhr ihr mit den Fingern durchs Haar, um eine Stelle auf ihrer Kopfhaut zu finden, bei deren Berührung sie zu schnurren anfangen würde. »Aber das macht dir doch nichts aus. Komm einfach her und erzähl mir, was du willst.«

Als er sie auf seinen Schoß zog, schlang sie ihre blassen Beine um ihn, als wäre sie unfassbar scharf auf ihn.

»Küss mich«, gab sie zurück, ihre Wangen waren vor Erregung gerötet. Sie duftete nach einem teuren Parfum und noch exklusiveren Lotionen. Eine Konsumgeile also. An den Füßen, die sie hinter dem Rücken seines Bruders gekreuzt hatte, trug sie High Heels mit Zwölf-Zentimeter-Absätzen, mit denen ihr Gang auf einen vorsichtigen, erotischen Shimmy reduziert wurde. Die Riemchen verliefen über Kreuz um ihre Fesseln und schlängelten sich hinauf bis zu ihren Knien. Doch sie reichten definitiv nicht einmal in die Nähe des Saums ihres ultrakurzen Lederminis, der nur bis knapp über ihren Po ging. Nael schob den Rock beiseite. Mit heiserer Stimme flüsterte er eine Frage und bat damit um Erlaubnis, weitergehen zu dürfen.

Keinem der beiden Gefallenen bedeutete diese Frau irgendetwas, sie bot lediglich die Möglichkeit, den Hunger, der sie antrieb, für eine Weile zu mildern. Nael berührte sie, weil Zer es sich selbst nicht mehr zutraute. Er konnte ihr weder die Zuwendung geben noch das Vergnügen bereiten, das sie wollte – und welches ihr im Gegenzug dafür zustand, dass sie sich ihnen hingab, um ihre sexuelle Begierde zu befriedigen. Es dürstete ihn dermaßen nach ihrer Seele, dass er sie vollkommen ausgesaugt hätte.

Doch so eine Art von Killer war er nicht. Noch nicht zumindest.

War Michael bewusst gewesen, wozu er die Gefallenen verdammt hatte? Diese Frage quälte Zer, doch sie hielt ihn nicht davon ab, zu trinken, den Geschmack der Seele dieser Frau einzusaugen, als wäre sie Wasser und er ein Wüstenwanderer kurz vor dem Verdursten. Wasser mit einem schalen Beigeschmack, ja, aber immerhin Wasser. Er spürte, wie die Energie ihn durchströmte, der kranke Freudentaumel des Fühlens ihn erfasste, auch wenn es sich dabei quasi um Emotionen aus zweiter Hand handelte.

Die Frau, die in Naels Armen vor Lust zerging, glaubte, sie sei gestorben und befände sich im Himmel, doch sie hatte nicht die geringste Ahnung.

Zer war im Himmel gewesen. Er wusste, was ihr dort wirklich entging und dass jene Glückseligkeit, die Nael über sie brachte, nur ein blasser Abklatsch davon war. Es lohnte sich, für den Himmel zu kämpfen und ihn zu beschützen – auch wenn man dort nicht von seinesgleichen beschützt werden wollte. Was auch immer er dafür tun müsste, er würde Cuthah aufhalten. Einmal in seinem viel zu langen Leben würde er die richtige Entscheidung treffen. Und die entscheidende Schlacht gewinnen.

Bei diesem Rennen galt es, die nächste Seelenverwandte als Erstes ausfindig zu machen. Es ging um alles.

Und wenn Nessa St. James Glück hatte, würden die Gefallenen zuerst bei ihr auftauchen.

2

Über den Tisch aus Teakholz-Imitat hinweg starrte Nessa St. James den Scheißkerl an, der ihr gerade erklärt hatte, er werde ihr Labor schließen und sie damit quasi arbeitslos machen. In ihren Augenwinkeln brannten Tränen, aber, Herrgott, sie würde nicht weinen. Solange sie nicht blinzelte, würden die Tränen vielleicht bleiben, wo sie waren, und sie könnte das Ganze auch so durchstehen. Andererseits … Wenn sie dem Drang zu schluchzen nun nachgäbe, ließe es sich wahrscheinlich rechtfertigen, dem Kerl die Nase einzuschlagen. Denn wenn sie sich unprofessionell verhielt, dann so richtig. Sie würde etwas tun, das sie hinterher total bereute. Der Dekan lächelte sie an und rückte seine Krawatte zurecht, während sie sich auf ihre Atmung konzentrieren musste, da sich eine Panikattacke ankündigte. Die fröhlichen blauen und rosafarbenen Streifen des Binders verliefen haargenau parallel zu den Knöpfen seines weißen Oxford-Hemds, ohne einen auszulassen.

»Ich hab da gerade offenbar etwas nicht ganz verstanden«, sagte sie.

»Wir werden Ihr Labor schließen«, wiederholte der Dekan und ließ seinen Blick von ihrem Kinn weiter hinunter- und danach langsam wieder hinaufwandern. Sie war versucht, den Ausschnitt ihrer weißen Bluse zurechtzuzupfen.

»Weshalb?« Bleib ruhig! Sie hatte viel zu hart dafür geschuftet und stand zu kurz davor, endlich Antworten zu finden, als dass sie jetzt aufgeben wollte.

»Wie lange arbeiten Sie nun schon bei uns?«

»Seit drei Jahren.«

Im nächsten Jahr sollte sie eigentlich eine Professorenstelle bekommen. In ihrem Vorstellungsgespräch hatte er ihr in Aussicht gestellt, dass sie für eine frühzeitige Professur infrage komme und bis zu ihrer Prüfung nicht die vollen sechs Jahre zu warten brauche. Sein Versprechen war einer der Gründe gewesen, warum sie sich schließlich dazu entschlossen hatte, nach M City zu ziehen und diese Stelle anzunehmen, wo sie doch überall auf dieser verdammten Welt hätte arbeiten können. Das wussten sie beide. Warum also drohte er ihr nun?

»Ihre Forschungen sind beeindruckend.« Der Dekan lehnte sich in seinem Stuhl zurück und vergrößerte so den Abstand zwischen ihnen. Seine Frau hatte das Hemd entweder schon zu Beginn ihrer Ehe gekauft oder die Figur ihres Mannes nicht wirklich realistisch eingeschätzt. Die Baumwolle spannte sich über dem wohldefinierten Ansatz einer Plauze. Zu viel Fast Food und zu viel Stress, genetisch war der Mann nicht dafür gemacht, mit dieser Doppelbelastung fertigzuwerden. Die Antwort seines Körpers auf diese Beanspruchung: Er bildete einen Rettungsring.

»Vielen Dank«, antwortete sie zurückhaltend. Auch hier wussten sie beide, dass das stimmte.

»Aus diesem Grund würden wir Ihnen gern eine Stelle als Juniorprofessorin in Professor Markoffs Labor anbieten. Damit würden Sie doch einen großen Schritt machen«, fuhr er sanft fort, und dieses Mal ließ er den Blick definitiv von ihrem Gesicht hinunter zu dem schmalen V, das der Ausschnitt ihrer Bluse frei ließ, schweifen. »Vor allem in Anbetracht ihres misslichen Backgrounds.« Er lehnte sich nach vorn und faltete die Hände auf der Tischplatte, als er die Bombe endlich platzen ließ. Entweder kannte er ihre Vorgeschichte mit Markoff nicht oder sie war ihm schlichtweg egal.

»Wie gesagt, Ihre Verdienste in der Forschung sind natürlich beeindruckend, doch die meisten unserer Geschäftspartner arbeiten lieber mit Menschen zusammen.« Er leckte sich über die Lippen.

»Sie glauben also nicht, dass ich ein Mensch bin.« Ihr Labor, ihre Forschungen bedeuteten ihr so viel. Sie war jeden Tag zur Arbeit erschienen und es kamen tatsächlich Studenten in ihre Vorlesungen. Außerdem wusste sie ganz genau, wie viel Geld die Universität mit ihrem Patent für einen DNA-Test, den man in der Drogerie kaufen konnte, verdient hatte. Man musste lediglich auf ein Stäbchen pinkeln, um herauszufinden, was man war. Doch ganz offensichtlich zählte nun keine dieser Leistungen mehr, und das nur wegen eines zusätzlichen Chromosoms.

Eines Chromosoms, das sie eindeutig als paranormal auswies.

Das Problem war nur, dass sie sich ebenso eindeutig wie ein Mensch fühlte.

»In den Statuten der Universität gibt es keine Regelung, die es Paranormalen verbietet, einen Lehrauftrag anzunehmen.« Sie fühlte sich dazu genötigt, den Dekan an diese Tatsache zu erinnern. »Sie haben vor mir schon andere Paranormale an dieser Universität beschäftigt. Es gibt keine Mitarbeiterrichtlinie der Fakultät, die dagegenspräche.« Das hatte sie nach ihrer unerfreulichen Entdeckung doppelt und dreifach überprüft.

Er blickte selbstgefällig drein. »Sie haben uns diese Information vorenthalten, als wir Sie einstellten.«

»Damals wusste ich es ja auch noch nicht«, blaffte sie ihn an. »Sie können mir glauben, dass es für mich genauso ein Schock war wie für Sie. Bis zu dem DNA-Test habe ich nicht einmal geahnt, dass meine Herkunft irgendwie ungewöhnlich sein könnte. Aber nichts davon beeinflusst meine Arbeit oder hatte Auswirkungen auf das, was ich bereits geleistet habe.«

»Vielleicht könnten wir uns ja anders einigen«, bot er an, wobei ein Lächeln seine Lippen umspielte, das sie noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte. »Wenn es Ihnen gelänge, noch mehr Fördergelder aufzutreiben. Und wenn Sie mehr Einsatz zeigten …«

Oh Mann, sie brauchte eine Dusche. Er schlug doch nicht ernsthaft das vor, was sie gerade vermutete. Sie war zwar kein Monster, aber ebenso auch keine Schönheit.

»Wie gesagt, Professor Markoff möchte unbedingt mit Ihnen zusammenarbeiten.«

Nur über ihre Leiche. Markoff musste man als Ausrutscher bezeichnen, aber damals hatte sie sich einsam gefühlt. Er war an ihr interessiert gewesen und sah nicht schlecht aus, also hatte sie seine Einladung, mit ihm essen zu gehen, angenommen. Leider war der Professor jedoch davon ausgegangen, sie wäre zu weitaus mehr als nur einem Dinner bereit, und schließlich außer sich vor Wut gewesen, als sie seinen Vorschlag, die Nacht mit ihm zu verbringen, abgelehnt hatte. Auf keinen Fall würde sie jetzt in sein Forschungsteam wechseln und zeit ihres Lebens eine Juniorprofessorin bleiben, während er all die Lorbeeren für ihre Forschung einheimste – wie auch immer die Ergebnisse aussehen mochten, die bei ihrem lustigen kleinen Zusammenschluss herauskämen.

»Ich bin nicht daran interessiert, mit Professor Markoff zusammenzuarbeiten.« Sie blinzelte langsam und vorsichtig, doch die Tränen blieben, wo sie waren.

»Wie schade.« Der Dekan zuckte mit den Schultern. »Am besten gehen Sie nach Hause und denken noch einmal darüber nach. Gehen Sie noch einmal all ihre Möglichkeiten durch.«

»Haben Sie meinen neuesten Artikel gelesen? Ich bin die führende Forscherin auf diesem Gebiet und er ist in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift erschienen, die vom gesamten Fachbereich gelesen wird.« Die meisten Fakultätsmitglieder hätten für eine derartige Publicity ihre Seelen an die verdammten Gefallenen verkauft. Sie hatte sechs Monate lang unaufhörlich daran gearbeitet, diesen Artikel fertigzubekommen. Dass er schließlich rezensiert und veröffentlicht worden war, stellte einen Riesenerfolg dar. Sie hatte das Zeug dazu, es auf ihrem Fachgebiet zu etwas zu bringen.

»Die zwölf Stämme Israels.« Er nickte, doch sein Gesichtsausdruck blieb unverändert. Mit den Fingern strich er an der glatten Kante des Tischs entlang. Dann nahm er einen bereits akkurat übereinanderliegenden Stapel Papiere und ordnete ihn noch einmal. »Professor Markoff hat mich darüber ins Bild gesetzt.«

Markoff besaß überhaupt keinen Durchblick, es sei denn, er bekam die Möglichkeit, das wiederzukäuen, was jemand anderes bereits geschrieben hatte. Doch jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, so etwas zu erwähnen.

»Dreizehn«, korrigierte sie ihn und genoss, wie der Dekan vor Unbehagen blinzelte. »Es gibt dreizehn Stämme. Einer von ihnen findet in der Bibel keine Erwähnung, doch es ist mir gelungen, ihn nachzuweisen.«

»Zwölf.« Der Dekan hievte sich aus dem Stuhl hoch. »Jeder weiß, dass es zwölf gibt. Ihre Hypothese ist ein interessantes Hirngespinst, aber ich halte Ihre Forschungsmethoden für äußerst fraglich. Für solche Fantastereien wird niemand Gelder lockermachen.«

»Es ist keineswegs Fantasterei«, konterte sie. »Es ist mir gelungen, die Erbfolge dieser Population anhand der DNA nachzuweisen. Das Siedlungsgebiet passt. Es gibt eine genetische Gemeinsamkeit – und das paranormale Gen. Dieser Stamm besitzt es. Und das ist eine unbestreitbare Tatsache.«

Er blinzelte nachdrücklich. »Können Sie das beweisen? Und haben Sie genügend Fördergelder dazu?«

»Ja.« Und wie sie das beweisen konnte, verflucht noch einmal. Bei den Fördergeldern war sie sich allerdings nicht ganz so sicher. »Das kann ich. Und das werde ich auch.« Zumindest, wenn ihre Hypothese stimmte. Sie versuchte, den nagenden Zweifel zu unterdrücken, der unerwünschterweise in ihr aufstieg. Um ihr Experiment zu beenden, brauchte sie noch etwas Zeit. Doch dann würde sie die Beweise vorlegen können, die der Dekan haben wollte. Und sie wäre dazu in der Lage, sich selbst alle Fragen zu ihrer eigenen unerwarteten Abstammung zu beantworten.

Was sie als neugierige Wissenschaftlerin begonnen hatte, die spannende Herausforderung, eine Entdeckung zu machen und absolutes Neuland zu betreten, war zu einer ziemlich persönlich motivierten Suche geworden. Kein Forscher hatte sich jemals zuvor mit paranormaler DNA befasst. Das Erbgut war schließlich ein Merkmal des Menschen, eine Anleitung, wie dieser sich zusammensetzte. Und Paranormale hatten per Definition nicht menschlich zu sein. Mal abgesehen von Mischlingen wie ihr. Doch das war nicht ihr erster Anhaltspunkt gewesen.

Der Dekan seufzte. »Gehen Sie nach Hause, Nessa. Denken Sie über mein Angebot nach; und dann lassen Sie mich wissen, wofür Sie sich entschieden haben. Bitte geben Sie mir in spätestens drei Tagen Bescheid. Liefern Sie mir Fakten und Zusagen für Fördergelder und ich lasse mit mir reden. Ansonsten …« Er zuckte mit den Schultern.

Ansonsten soll man Reisende ja nicht aufhalten. Er hatte sie zwar nicht gefeuert, doch es war mehr als klar, dass sie entweder schnell Geld auftreiben oder eine Degradierung in Kauf nehmen musste. Andernfalls würde sie aus dem Fachbereich gedrängt werden. Sie hatte also exakt drei Tage Zeit, um ihre Karriere zu retten, oder sie würde miterleben, wie alles, wofür sie ihr Leben lang gearbeitet hatte, den Bach runterging. Sie war gezwungen, auf Plan B zurückzugreifen.

Sie verließ den Raum und schaffte es am Sekretariat des Fachbereichs vorbei, bevor sie die Tränen nicht mehr länger zurückhalten konnte. Sie hätte zwar schnurstracks zur Toilette gehen können, doch es widerstrebte ihr, sich heulend in einer der Kabinen einzuschließen, weil ihr Dekan falsch wie eine Schlange war und offensichtlich aus einer Laune heraus beschlossen hatte, ihre Karriere zu zerstören.

Abgesehen davon machte der Campus in der letzten Zeit überhaupt keinen einladenden Eindruck mehr auf sie. Vielleicht bekam sie jetzt schon Paranoia oder es lag daran, dass sie in der vergangenen Woche ungefähr ein halbes Dutzend Mal irgendetwas aus den Augenwinkeln heraus wahrgenommen hatte. Aber sie wurde das Gefühl nicht los, von jemandem verfolgt zu werden.

Obwohl mittlerweile eine ganze Flut an fröhlichen Studenten an ihr vorbeiströmte, hielt sie es immer noch für eine schlechte Idee, sich auf die Toilette zu verdrücken. Die meisten von ihnen waren Pärchen, die Arm in Arm gingen. Nessa konnte zwar nicht sagen, was sie sahen, wenn sie einander in die Augen schauten, jedoch die Lust spüren, wenn sie von ihr umgeben wurde. Im Frühjahr war es auf dem Campus immer besonders extrem, dann schienen ihre Studenten vollauf damit beschäftigt zu sein, ihren natürlichen Bedürfnissen nachzugehen. Möglicherweise stimmte etwas nicht mit ihr, aber mit diesem »Paarungsverhalten« hatte sie selbst nicht viel am Hut. Vielleicht sollte sie sich einen Ruck geben. Jeden Abend allein nach Hause zu gehen war schließlich nichts, worauf man besonders stolz sein konnte. Sie musste sich eine Katze zulegen. Oder vielleicht sogar besser zwei von den Tieren.

Was natürlich nur gehen würde, wenn sie weiterhin ein Gehalt bekäme, von dem sie das Futter bezahlen könnte.

Bei einer Frist von drei Tagen blieb ihr keine große Wahl. Sie würde Plan B umsetzen müssen. Die Genecore Foundation hatte ihr eine eingefrorene DNA-Probe zugesandt und um eine Analyse gebeten. Dabei waren ihr Anomalien aufgefallen, die ihre Neugier geweckt hatten. Zudem war Genecore an einer Zusammenarbeit interessiert und hatte ihr eine Stelle angeboten – eine finanziell gut abgesicherte obendrein –, doch zunächst würde sie die Organisation noch richtig überprüfen müssen. Immerhin wollte sie nicht vom Regen in die Traufe kommen. Aber der Präsident der Foundation schenkte ihrer Arbeit große Beachtung. Also beschloss sie, ihn noch vor ihrer nächsten Vorlesung anzurufen. Sie würde ihm mitteilen, dass sie sehr daran interessiert war, die Stelle in seinem DNA-Projekt anzunehmen.

Mit dem Ellbogen stieß sie die Tür des Vorlesungsgebäudes auf und schlüpfte hinein. Bei jedem ihrer Schritte klackerten ihre Absätze auf dem schwarz-weißen Fußboden, der älter war als sie selbst. Es mochte eitel sein, solche High Heels zu tragen, aber verdammt noch einmal, sie war halt relativ klein. Und wenn sie auf diesem Wege ein paar Zentimeter hinzumogeln konnte, dann tat sie das auch. Außerdem lief sie auf diesen Schuhen anders, war sich ihres Hüftschwungs bewusst und spürte, wie der Stoff ihres Rocks über ihre Haut glitt. Damit fühlte sie sich anders. Selbstbewusster. Und enorm sexy.

Sie war zwar weder verheiratet oder verlobt noch hatte sie Dates, doch es ging auch nichts über die Aufregung, die sie verspürte, wenn sie den Campus betrat. In diesen Momenten wusste sie einfach, dass sie genau hierhergehörte. Sie würde nicht gehen, und schon gar nicht für Professor Markoff arbeiten. Es gab einen Weg, das Problem zu lösen – und genau den würde sie nun einschlagen.

Seufzend klappte sie ihr Handy auf und wählte.

Sie war verdammt gut in dem, was sie tat, und fühlte sich an diesem Ort mittlerweile zu Hause. Auch wenn sie eine gefragte Koryphäe in ihrem Fachbereich gewesen war, als die Universität ihr ein Angebot gemacht hatte, und der stalinistische Architekt, von dem der Campus entworfen worden war, eine Schwäche für den gotischen Stil besessen hatte.

An bedeckten Tagen wie diesem rechnete sie schon fast damit, dass die Wasserspeier zu ihr herunterklettern und ein Gespräch mit ihr anfangen würden, was nur zeigte, wie übermüdet sie eigentlich war. Und an diesem Tag schien es noch schlimmer zu sein als sonst.

Der Anruf wurde angenommen und eine sachliche Stimme teilte ihr mit, sie werde zu ihrem gewünschten Gesprächspartner bei Genecore durchgestellt.

Nun war es an der Zeit, ihren eigenen Arsch zu retten.

Zer fegte durch die Eingangstür des Gebäudes, denn er wusste, dass die Abtrünnigen, die ihm auf den Fersen waren, sich nicht erst die Mühe machen würden, anzuklopfen. Und ihm selbst stand nur ein Trupp von zwei Mann zur Verfügung. Rein. Die Frau schnappen. Wieder raus. Und wenn er schnell handelte, würden auch weniger Menschen dabei verletzt werden – was seine Chancen bei Nessa St. James bestimmt vergrößerte.

Sie war vermutlich genauso zartbesaitet wie die meisten von ihnen.

Er bedeutete Nael und Vkhin, in Position zu gehen. »Sichert den Eingangsbereich.« Nael wirkte, als lechzte er förmlich nach einem anständigen Kampf. Immerhin würde Vkhin ihm dabei Rückendeckung geben, was Zer den Freiraum verschaffte, die gute Professorin zu holen.

Mit seinem Stiefel trat er gegen die innere Tür und wartete dann kurz, denn er hatte die Hände nicht frei, da er in beiden Waffen hielt. Praktischerweise blieb einer der Abtrünnigen stehen und mähte den Wachmann des Campus nieder, bei dem es sich um einen untersetzten, etwas aus der Form geratenen Mann handelte, der in einer Zeitung vom Vortag gelesen hatte. Höchstwahrscheinlich kam er von einem privaten Sicherheitsdienst und war jämmerlich ausgestattet, denn er hatte nicht mal zu seiner Pistole gegriffen, sondern sich gleich geduckt und war wie ein braver Junge in Deckung gegangen, weshalb sich Zer auch nicht weiter um ihn geschert hatte. Doch offensichtlich ließ der Abtrünnige direkt hinter Zer nicht gern jemanden zurück, der Verstärkung rufen könnte, denn er war mit gezücktem Messer über den Schreibtisch des Wachmanns gesprungen. Als Nael und Vkhin schließlich angerannt kamen, schnitten Zers Klingen bereits tief ins Fleisch des mordlustigen Abtrünnigen. Dieser gab einen hohen Schrei von sich, ein wenig Blut spritzte, und schon wurde es auf dem Flur sehr viel ruhiger.

Scheiße! Er musste nun Gas geben.

Zer machte sich ein Bild von der Lage. In dem Raum vor ihnen war eine Stimme zu hören. Jemand sprach flüssig, ruhig und akzentuiert. Bingo!

Zer schlug die Tür ein und platzte in die Vorlesung, ohne auf die in Panik geratenden Studenten im Saal zu achten, die aufschrien und davonrannten. Doch niemand von ihnen war so dumm, in seine Richtung zu laufen. Mit einem schnellen Blick durch den Raum erfasste er, wo sich die anderen Ausgänge befanden. Es gab noch zwei weitere Türen. Gut, denn er würde alle Fluchtwege brauchen, die sich ihm boten.

Als er die Dozentin erblickte, hielt er inne.

Sie war …

Sie war auf zweierlei Art sexy, niemals im Leben konnte es sich bei ihre um eine Bibelexpertin und weltbekannte Genforscherin handeln. Obwohl ihre Kleidung schon passte: eine bis oben hin zugeknöpfte weiße Bluse ohne Verzierungen aus irgendeinem Synthetikmaterial, das wohl noch nicht einmal dann zerknittern würde, wenn er mit seinem Geländewagen darüberführe. Oh Gott, er war ein dreckiger Mistkerl, denn er konnte nicht aufhören, auf ihre Brüste zu starren. Als sie sich mit einer eleganten Bewegung von der Tafel wegdrehte, spannte sich der weiche Stoff über ihren Rundungen – je eine gute, üppige Handvoll, bei deren Anblick er die zuckersüßen Nippel in seinen Mund saugen und mit der Zunge umspielen wollte, bis sie die Selbstbeherrschung verlöre.

Zur Hölle, ja …

Als er schließlich in den Raum stürmte, hörte sie auf zu reden, umklammerte die Kanten des Lesepults und fasste darunter. Ein Panikknopf! Er hätte sein letztes Hemd darauf verwettet, dass unter dem Podium einer angebracht war. Gut. Ein starker Selbsterhaltungstrieb würde ihm den Job sicherlich erleichtern.

Sie starrte ihn an und er stierte zurück, wobei er sich fragte, ob sie auch nur ahnte, wie antörnend es wirkte, als sie sich nervös mit ihrer feuchten Zunge über die Unterlippe fuhr.

Verdammt, sie sah so sexy aus. Und er hätte schwören können, dass es ihr überhaupt nicht bewusst war.

Ihr schokobraunes Haar hatte sie zu einem adretten Knoten geschlungen und einen Bleistift perfekt platziert durch die dicken Strähnen geschoben. Zuckersüß … Ihre blasse Haut ließ erkennen, dass sie viel zu viel Zeit in geschlossenen Räumen verbrachte, zudem konnte er dunkle Augen ausmachen, während er sie von oben bis unten betrachtete. Zwei Arme, zwei Beine, zwei Brüste – sprich, die Standardausstattung für ihre Gattung. Sie war also nichts Besonderes, und er sollte eigentlich nicht dermaßen geil auf sie werden. Dann machte sie den Mund auf. Es hatte nicht den Anschein, als hätte sie die Stimme gehoben, doch er konnte sie klar und deutlich vom anderen Ende des Raums her hören.

»Der Sicherheitsdienst ist alarmiert. Ich rate Ihnen also, verdammt noch mal aus meinem Hörsaal zu verschwinden. Und zwar sofort!« Beim Klang ihrer angenehmen Stimme lief ihm ein Schauer den Rücken hinunter und er bekam dicke Eier.

Sie hatte ja keine Ahnung, wen sie da anlockte, beziehungsweise was. Oder aber es war ihr scheißegal.

Ihr herrlich eisiger Blick sorgte dafür, dass er einen Ständer bekam. Er musste seinen Schwanz dringend wieder unter Kontrolle bringen. »Runter mit dir, Junge«, murmelte er vor sich hin, während er den Hauptgang entlangschritt. Die langsameren Studenten und jene Unglücklichen, die hinter ihren Kommilitonen im Raum feststeckten, versuchten ihm aus dem Weg zu gehen.

Er wusste, was sie in ihm sahen: einen erbarmungslosen, kaltblütigen Killer. Damit hatten sie freilich nicht ganz unrecht und dem Blick seiner Dozentin nach zu urteilen, schätzte sie ihn ebenso ein. Sie löste die Finger vom Pult, griff sich ihren Laptop und eilte geradewegs auf den nächsten Ausgang zu.

Wäre er jemand anderes gewesen, hätte sie es vielleicht geschafft.

Zer machte sich nicht die Mühe, etwas zu erklären, dafür war verdammt noch einmal keine Zeit. Er konnte hören, wie bereits ein weiterer Abtrünniger mit donnernden Schritten den Gang heruntergerannt kam und sich durch die Menge der panisch flüchtenden Studenten vorarbeitete. Dass Nael und Vkhin Gegenstände nach ihm warfen, würde ihn nicht weiter aufhalten. Mal ganz abgesehen davon, dass die Frau Zer sowieso nicht zugehört hätte. Also klemmte er sich sein Messer zwischen die Zähne und stützte sich mit einer Hand ab, um sich über die Sitzreihen zu schwingen, während er die andere Hand an seiner Waffe hatte. Drei Reihen. Zwei. Bingo.

Er schnitt ihr den Weg ab, schlang einen Arm um ihre Taille – oh ja, er war definitiv ein Mistkerl, denn er bemerkte ganz genau, wie ihre Brüste dabei gegen das Leder seines Mantels drückten – und riss sie von den Füßen, wobei er auch die Klinge zwischen seinen Zähnen fallen ließ. Als ihr der Laptop wegrutschte, stieß sie eine Salve von Flüchen in mehreren Sprachen aus, welche von den gesamten nutzlosen Vereinten Nationen nicht hätten übertroffen werden können.

»Verdammt. Noch. Mal. Schnauze. Halten.« Er hievte Nessa hoch und hielt sie fest an sich gepresst. Nur um zu demonstrieren, dass er dazu in der Lage war. »Ich bin auf deiner Seite.«

Sie unterbrach ihr Gefluche, um die Hände zu heben und nach Kräften zu versuchen, ihm die Augen auszukratzen, während sie mit ihren verdammt spitzen Absätzen gegen seine Schienbeine trat. Wieder hatte sie Pech, dass er kein Mensch war. Sie besaß nicht den Hauch einer Chance.

Weil es die einfachste Methode darstellte, ging er mit ihr zu Boden und legte sich mit seinem vollen Gewicht auf sie. Diesem zierlichen Persönchen würde es niemals gelingen, ihn wegzudrücken, selbst wenn Nessa ihr Bestes gab. Es dauerte drei für ihn äußerst angenehme Sekunden – während derer er das Gewicht verlagerte und ihre Beine so weit auseinanderdrückte, wie es ihr enger Bleistiftrock zuließ – bis sie aufgab. Nessa rang nach Luft, vermutete er zumindest, denn den meisten Menschen war es am wichtigsten, am Leben zu bleiben, und dazu musste man nun mal atmen.

Mit ihren braunen Augen starrte sie zu ihm herauf. »Wenn Sie der Gute sind«, fragte sie, »wer spielt hier dann den Bösen?«

Genetik war berechenbar. Der Kerl aber, der sie auf die nicht allzu sauberen Bodenfliesen ihres Hörsaals drückte, war absolut unberechenbar.

Die Wissenschaftlerin in ihr ordnete ihn ein, machte seine Abstammung aus und spekulierte über mögliche Ahnen. Seine Haut war zu dunkel für einen Südländer und seine Wangenknochen passten nicht zu einer Herkunft aus dem Nahen Osten. Er mochte Israeli sein; dem Waffenarsenal nach zu urteilen, das er bei sich trug, gehörte er dem Mossad an. Die Frau in ihr indes war sich seiner Gegenwart unerwarteterweise nur allzu bewusst. Er hatte etwas Dunkles an sich, seine harten Gesichtszüge bildeten das Gegenstück zu einem noch gestählteren Körper. Das Haar trug er allerdings zu kurz geschnitten, um wirklich abschätzen zu können, wie es natürlich fiel. Aber mit diesen Wangenknochen hätte ihn jede New Yorker Modelagentur garantiert sofort unter Vertrag genommen, zumindest solange der Booker ihm nicht richtig in die Augen sähe, die irgendwie unmenschlich wirkten. Sie schienen vor Intensität regelrecht zu leuchten, und die Iris schimmerte tiefschwarz, was von den kleinen Narben ablenkte, die an den Seiten seiner Wangen verliefen, als hätte das Leben ihm ein für alle Welt sichtbares Warnsignal ins Gesicht tätowiert. Dieser Mann besaß eine dunkle Aura, etwas Wildes. Und verdammt, da lag doch ein gieriges Funkeln in seinen Augen.

Er war mit Sicherheit kein Mensch und definitiv eine Nummer zu groß für sie, obwohl sie selbst ein zusätzliches Chromosom besaß.

Noch einmal betrachtete sie ihn. Ja, dieser Teint und diese markanten Züge verrieten ihr alles, was sie wissen musste. Sie konnte ihm seinen Gencode förmlich vom Gesicht ablesen.

»Dämon«, entschied sie. »Gefallener Engel.« Also war er garantiert nicht zur Universität gekommen, um sich ihre Einführung in die Genetik anzuhören oder mit ihr ihren neuesten Aufsatz über das vierte Buch Mose zu besprechen. Linien und Muster. Beziehungen. Alles stand sauber und ordentlich niedergeschrieben. Dabei war das Ganze im echten Leben wahrscheinlich ein höllisches Durcheinander und leicht inzestuös obendrein. Den meist abwesenden Gesichtsausdrücken ihrer Studenten nach zu urteilen, fanden nicht besonders viele Menschen diese Thematik spannend. So gar nicht, weshalb sie einmal mehr ein ziemlicher Freak zu sein schien. Aber das erklärte immer noch nicht, warum der Gefallene aufgetaucht war und sie so grob behandelte.

Sie schloss die Finger um seine Handgelenke und zog daran. Er ließ sie gewähren – vermutlich, weil es ihn amüsierte, diesen Scheißkerl. Ihr Versuch, sich freizukämpfen, endete damit, dass sie nicht mehr schaffte, als die Ärmel seines ledernen Staubmantels hochzuschieben, wodurch dunkle, tintenähnliche Male sichtbar wurden, die wie Bänder um seine breiten Handgelenke verliefen. Wenn sich ein Dämon und ein Mensch miteinander verbündeten, wurde ihnen diese Vereinigung in Form solcher Wirbel, schwarzer Stigmen, die sich bis über die Unterarme zogen, buchstäblich auf die Haut geschrieben. Es hieß, je größer der Wunsch, den man äußerte, desto dicker und dunkler seien die entsprechenden Zeichen. Nessa glaubte nicht daran, dass die Male des Gefallenen eine Laune der Natur waren, was hieß, dass er ein Bündnis geschlossen hatte. Es musste Gründe gegeben haben, sich diese Kunstwerke zuzuziehen.

Er bewegte sich auf ihr und Nessa sog begierig Luft ein, bevor sein Gewicht schließlich wieder vollends auf ihr ruhte. »Na, gefällt dir, was du siehst, Doc?«

Das tat es, doch sie war nicht dumm. Das Ganze entwickelte sich zu einem richtig schlechten Tag. Er hatte sämtliche Teilnehmer ihres Seminars traumatisiert, hielt sie am Boden fest und den Geräuschen nach zu urteilen, die von draußen in den Hörsaal drangen, war er nicht allein. In der Entfernung krachten allerdings Schüsse. Es bestand also Hoffnung, dass der Sicherheitsdienst auf dem Campus sie möglicherweise doch noch retten kommen würde.

Oh mein Gott … Vielleicht war sie an diesem Morgen ja gar nicht aufgewacht. Vielleicht gehörten sowohl die schreckliche Unterredung im Büro des Dekans als auch diese unvorstellbare Unterbrechung ihrer Vorlesung zum selben Albtraum. Vielleicht würde sie daraus hochschrecken, wenn sie sich nur fest genug konzentrierte. Doch zu ihrem Leidwesen konnte man sie zwar durchaus als verzweifelt bezeichnen, nicht aber als verrückt, und der mehr als hundert Kilo schwere Mann auf ihr erwies sich ganz und gar nicht als Traumgebilde.

»Gehen Sie runter von mir.« Sie glaubte nicht, dass er sich zurückziehen würde, was sie aber dennoch nicht davon abhielt, zu protestieren. Er hatte kein Recht, so etwas zu tun, einfach in den Hörsaal spaziert zu kommen und sie dermaßen grob anzupacken. Ihre Seele gehörte ihm schließlich nicht und würde es auch niemals.

Sie versuchte, die Schauder der Angst, die das Geschrei draußen auf dem Flur in ihr auslöste, zu verdrängen. Zunächst galt es, sich freizukämpfen. Dann konnte sie in Panik verfallen.

»Du bist doch der Doc, oder?« Er musterte ihr Gesicht, als erwartete er, der Einfachheit halber einen Namen und eine Nummer daraufgestempelt zu finden.

Sie überlegte kurz, ob sie sich weigern sollte, seine Frage zu beantworten. Wurden Soldaten nicht darauf trainiert, sich genauso zu verhalten und nicht mehr als ihren Dienstgrad und ihre Nummer zu verraten, wenn sie dem Feind in die Hände fielen? Plötzlich spürte sie, wie der Gefallene langsam mit einem seiner großen Daumen über ihr Schlüsselbein strich. Es war eine kleine, wie zufällig ausgeführte Geste, derer er sich selbst gar nicht gewahr zu sein schien. Nur dass Nessa ihm das nicht abnahm, vor allem, da er dabei die ganze Zeit über nicht den Blick von ihrem Gesicht abwandte.

Er wusste genau, was er da machte. Unwillig registrierte sie, dass sie ein warmes Prickeln im Unterleib verspürte, und verbuchte es als Warnung. Oh Mann, wie bescheuert musste man sein?! Er hatte sie gejagt und niedergerungen, und dennoch konnte sie sich nicht dagegen wehren, so zu reagieren, spürte die angenehme Wärme und die Schwere seines stattlichen Körpers.

»Nenn mir deinen Namen«, verlangte er, wobei er noch mehr Gewicht auf sie verlagerte. Abermals rang sie nach Atem, als die Luft aus ihren Lungen gepresst wurde. Er tat ihr nicht weh, noch nicht zumindest, doch die Botschaft war eindeutig. Ihr Angreifer machte hier die Ansagen und sie sollte nach seiner Pfeife tanzen.

Als er schließlich auch noch nach ihrem heruntergefallenen Laptop griff, musste sie gegen die in ihr aufsteigende Panik ankämpfen. Hatte sie an ein Back-up gedacht? Was, wenn die Software nicht wie vorgesehen alles automatisch gesichert hatte? Sie würde diesem miesen Schwein unter keinen Umständen ihre Daten überlassen.

»Nessa St. James«, antwortete sie schnell, und ihre Atmung normalisierte sich wieder, als sie sah, wie er seine große Hand von dem Titangehäuse ihres Laptops zurückzog. Die Back-up-Software lief zu neunundneunzig Prozent fehlerfrei, doch sie wollte es nicht auf das eine Prozent ankommen lassen. Diese Sonderfälle waren immer eine haarige Angelegenheit.

»Nessa St. James.«

»Hab ich doch gesagt«, blaffte sie ihn an, denn sie wollte sich ihre Furcht nicht anmerken lassen. Sie hatte genug davon, verängstigt zu sein. Genug davon, vor ihren Problemen davonzulaufen, auch wenn der momentane Fall mindestens doppelt so schwer war wie sie. So, wie es sich anfühlte, maß er über eins achtzig und brachte gut neunzig Kilo auf die Waage. »Wenn Sie mich aufstehen lassen, hole ich mein Portemonnaie und zeig Ihnen meinen Ausweis.«

Er verzog seinen sinnlichen Mund zu einem fiesen Grinsen. »Ich bin aber noch nicht bereit, dich aufstehen zu lassen, Baby«, gab er zurück, wobei jedes der harmlosen Worte wie das versauteste Versprechen überhaupt klang. Schändlicherweise spürte sie, wie sie unerwartet feucht wurde. Sie konnte sich doch unmöglich zu diesem Neandertaler hingezogen fühlen.

»Zur Hölle damit, was Sie nicht sind.« Sie konzentrierte sich auf den Lärm vor dem Hörsaal. Das Knallen war nun lauter geworden, doch sie vermochte nicht zu sagen, ob der Sicherheitsdienst die Angelegenheit im Griff hatte.

Schließlich rollte er sich doch auf die Seite und zog sie mit sich, sodass sein Körper ihr Deckung bot, während er mit einer geschmeidigen Bewegung auf die Füße kam, sich hinhockte und ihr eine seiner Pranken entgegenstreckte.

»Zer.« Offenbar hielt er dieses Grunzen für eine angemessene Art, sich vorzustellen. Doch niemand hatte jemals behauptet, die Gefallenen besäßen gute Manieren. Da sich Nessa unwohl dabei fühlte, flach auf dem Rücken zu liegen und zu ihm aufzuschauen, setzte sie sich hin, wobei er sie nicht aus den Augen ließ. Seinem Blick nach zu urteilen, betrachtete er sie als Beute.

»Also, Zer, warum sind Sie hier?« Mit einer Handbewegung deutete sie auf das Durcheinander im Hörsaal. »Wenn Sie an meinem Seminar teilnehmen wollten, wäre es auch möglich gewesen, in meine Sprechstunde zu kommen.« Dort hätte sie ihn dazu gebracht, höflich zu fragen. Nein … Löschen. Sie hätte ihn dazu gebracht, zu betteln. Vermutlich bot niemand diesem Zer die Stirn, doch sie würde es drauf ankommen lassen.

Mit prüfendem Blick taxierte er die eingetretene Tür. »Wir müssen hier raus.«

Zumindest darin waren sie sich einmal einig. Sie dachte an ihre verhunzte Vorlesung und beschloss, dass sie für diesen Nachmittag genug von seinem Alphamännchen-Scheiß hatte. Er sollte es hinter sich bringen und sie töten oder sie verdammt noch einmal endlich gehen lassen.

»Das sehe ich genauso«, entgegnete sie und stand auf, ohne seine Hand zu ergreifen. »Ich bin hier fertig. Und Sie sind es auch. Ich schlage also vor, dass Sie als Erster durch die Tür nach draußen gehen, die Sie demoliert haben, und dem Sicherheitsdienst erklären, welchen bestimmt sehr guten Grund Sie dafür hatten, sich wie ein Neandertaler aufzuführen. In der Zwischenzeit werde ich den anderen Ausgang nehmen und sehen, ob sich dieser Tag noch irgendwie retten lässt.«

»Nein«, antwortete er mit seiner tiefen, rauen Brummstimme. »Das kann ich nicht zulassen, Baby.«

Na schön, sie würde sich auf sein Spiel einlassen. »Warum nicht?«

Anscheinend machte es ihn fertig, Erklärungen liefern zu müssen. Offenbar war er kein Freund vieler Worte oder aber er hatte einfach keine Lust, welche für sie zu verschwenden.

»Komm mit mir mit«, befahl er.

Sie überlegte, aus welchem Grund sie mit ihm hinausgehen sollte, doch ihr fiel keiner ein. »Nein.«

Als er nach ihr packte, wich sie zurück.

»Hör mir zu«, begann er und sie gewann den Eindruck, dass er es nur ein Mal erklären würde, da er ihr nicht wie ein Typ vorkam, mit dem man verhandeln konnte. Nein, er würde sich nehmen, was er wollte, und wenn sie ihm nicht Einhalt gebot, würde er auch noch glauben, er sei im Recht. »Du musst mit mir kommen. Jetzt sofort.«

Verdammt, wo blieben bloß die Wachmänner? Sie waren doch da, um sie zu beschützen. Sobald das alles vorüber wäre, würde sie sich wegen dieser Sache an den Dekan wenden.

Sie zuckte zusammen. Der Gefallene zog seine Hand zurück und verschränkte die Arme vor der breiten Brust, wobei sich die weiche Baumwolle seines schwarzen T-Shirts über die unfassbar austrainierten Muskeln spannte. Ihr unerwünschter Begleiter war wirklich gut gebaut.

»Du weißt, was ich bin, nicht wahr?«, fragte der Kerl.

»Sie meinen, abgesehen von einem unliebsamen Eindringling, der meine Nachmittagsvorlesung unterbrochen hat?« Als er sie mit einem eisigen Blick bedachte, beschloss Nessa, dass es wohl besser war, nachzugeben. »Sie sind ein Dämon.« Sie zuckte mit den Schultern und schätzte die Entfernung zur Tür ab. Sie würde es nicht hinausschaffen, bevor er sie einholte. Leider … »Sie sind einer der Gefallenen.«

Er nickte, als wäre sie eine besonders begabte Studentin. Nessa konzentrierte sich auf ihre Wahrnehmung und lauschte angestrengt. Die Geräusche, welche die panisch flüchtenden Studenten gemacht hatten, waren verstummt, aber eigentlich hätte sie die dumpf klingenden Schritte der Wachmänner, die mit ihren Stiefeln durch die Eingangshalle kamen, hören müssen.

Stattdessen herrschte Totenstille, das konnte kein gutes Zeichen sein.

»Weißt du, was das Dämonenbündnis ist?« Er sah sie an wie ein Fremder, der einem Kind Süßigkeiten anbot. »Hast du von der Gefälligkeit gehört?«

Die von Dämonen erfüllten Wünsche waren legendär. Dabei konnte es sich um irgendeinen beliebigen handeln. Doch es gab einen Haken. Man musste bereit sein, dem Mistkerl, der einem den Gefallen tat, seine Seele zu leihen. Im Leben bekam man eben nichts umsonst. »Hast du je darüber nachgedacht?« Seine Stimme klang geheimnisvoll, angenehm rau, versprach handfesten Sex und Befriedigung. Schnell musste sie sich in Erinnerung rufen, dass es nicht in ihrem Interesse lag, ein Bündnis mit einem Dämonen einzugehen. Unter gar keinen Umständen. Immerhin hatte sie verdammt hart gearbeitet, um dahin zu kommen, wo sie nun war, und zwar ohne jemandem etwas schuldig zu sein. »Hast du dir schon einmal überlegt, worum du bitten würdest, wenn du die Chance dazu hättest?«

»Ich passe«,

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