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Entfesselt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Prolog
  7. 1
  8. 2
  9. 3
  10. 4
  11. 5
  12. 6
  13. 7
  14. 8
  15. 9
  16. 10
  17. 11
  18. 12
  19. 13
  20. 14
  21. 15
  22. 16
  23. 17
  24. 18
  25. 19
  26. 20
  27. 21

Über dieses Buch

Ein Geheimnis – Tausend Gefahren.
Eine Liebe – Tausend Gefühle.
Amy’s Secret.

Vor Jahren verlor Amy alles: ihre Eltern, ihren Bruder, ihr Zuhause und ihre Zukunft.

Aber was geschah damals wirklich?

Was ist, wenn nichts ist, wie es scheint und Chad gar nicht gestorben ist? Wenn er sich einst schwor, dass es besser sei, seinen Tod zu inszenieren, als seine Schwester in Gefahr zu bringen?

Eine Gefahr, die aber nun unaufhaltsam näherkommt und Chad zu einer Entscheidung zwingt: nimmt er Rache oder beschützt er Amy?

»Entfesselt« ist der dritte Band der spannenden Erotikreihe »Amy´s Secret« der New York Times Bestseller Autorin Lisa Renee Jones.

Über die Autorin

Lisa Renee Jones lebt derzeit in Colorado Springs. Sie veröffentlichte in den USA bereits über 40 Bücher und wurde mehrfach mit dem Genrepreis ausgezeichnet. Ihre Titel erscheinen regelmäßig auf den Bestseller-Listen der New York Times und der USA Today.

LISA RENEE JONES

AMY’S SECRET

Entfesselt

Aus dem amerikanischen Englischen
von Kerstin Fricke

 

Vor sechs Jahren …

Es ist heiß und stickig, und ich bin stinksauer. Ich halte mit meinem Motorrad auf der Landstraße kurz vor New Beanfels, Texas, neben einer Limousine an, während zu meiner Linken die Sonne untergeht. Dann nehme ich den Helm ab, streiche mir die blonden Haarsträhnen aus dem Gesicht, die daran festkleben, und steige von der Maschine. Ich lege den Helm auf den Sitz und stemme die Hände gegen den Bund meiner ausgeblichenen Jeans. Die Türen der Limousine öffnen sich, und zwei bullige Typen in Anzügen steigen aus. Einer der beiden öffnet die hintere Tür, und ich knirsche mit den Zähnen, als Rollin Smith aussteigt, der zweiunddreißigjährige Sohn des Ölmagnaten Sheridan Smith. Er trägt einen teuren Anzug und streckt sich. Wie immer perfekt frisiert – außer wenn meine Mutter ihm gerade mit den Fingern durch das Haar gefahren ist. Die Vorstellung, dass sie mit diesem Mistkerl geschlafen hat, um ihn so dazu zu bringen, die Schulden meines Vaters zu vergessen, ist nur schwer zu ertragen. Sie hatte keine Ahnung, in welcher Sache wir tatsächlich drinstecken. Wie die Schuld wirklich aussieht. Wie groß sie ist, oder womit ich mich einverstanden erklärt habe, um sie verschwinden zu lassen.

Das Arschloch bedenkt mich mit einem arroganten Grinsen, und ich tröste mich über seine Anwesenheit mit einem Tagtraum hinweg, in dem ich seinen widerlichen Schädel gegen das Wagenfenster ramme. Ich spiele das wieder und wieder durch. Ich spüre regelrechte Euphorie, als ich mir vornehme, ihn umzubringen, bevor diese ganze Sache vorbei ist.

»Ich hoffe, das Lächeln bedeutet, dass Sie gute Neuigkeiten für mich haben«, meint er, als er mit seinen Bodyguards, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen, vor mir aufbaut. Er hat keine Ahnung, wie mutig es ist, mir derart nahe zu kommen. Jetzt steht er so dicht vor mir, dass ich ihm die Hände um die Kehle legen könnte. Der widerliche Geruch seines Aftershaves, das ich mehr als einmal an meiner Mutter gerochen habe, steigt mir in die Nase.

»Habe ich gelächelt?«, erwidere ich. »Vermutlich bin ich einfach nur froh, Sie zu sehen. Wo ist Ihr Vater?«

»Ich habe ihm gesagt, dass wir beide uns mal in Ruhe unterhalten müssen. Haben Sie den Zylinder gefunden?«

»Noch nicht«, lüge ich, obwohl ich mehr getan habe, als nur das zu finden, was er will. Jetzt weiß ich auch, worum es sich dabei handelt und warum es Sheridan niemals in die Hände fallen darf.

»Wirklich? Denn ich habe aus einer verlässlichen Quelle gehört, dass Sie ihn längst haben. Soweit ich weiß, ist er sogar schon seit Wochen in Ihrem Besitz, während wir seit Monaten darauf warten.«

Bei seinen Worten gefriert mir das Blut in den Adern, denn wenn das stimmt, kann es nur eines bedeuten: Jemand aus der Elitetruppe aus Schatzjägern, mit denen ich zusammenarbeite, hat mich verraten. Aber ich lasse mir dennoch nichts anmerken. »Eine Quelle muss nicht gleich verlässlich sein, nur weil Sie sie bezahlen, es sei denn, Sie haben Beweise. Und da Sie offenbar keine haben, hat man Sie wohl übers Ohr gehauen.«

»Sie haben uns selbst erzählt, dass Sie eine handfeste Spur hätten. Ein Mann, der vermeintlich besitzt, wohinter wir her sind.«

»Er war eine handfeste Spur, bis er von jemandem umgebracht wurde. Er ist wegen eines gottverdammten Zylinders von der Größe eines Radiergummis gestorben. Aber mir wird so etwas nicht passieren. Ich bin raus aus der Sache.«

Ich rechne damit, dass er flucht oder wütend wird. Aber das tut er nicht, was mich sehr irritiert. Hier stimmt doch was nicht. Er starrt mich einfach nur an, und die Sekunden verstreichen. »Falls Sie Ihre Spielchen mit uns spielen und auf mehr Geld aus sind …«

»Das hier ist keine Verhandlung. Ich steige aus.«

Er starrt mich an, und die Sekunden scheinen sich endlos zu dehnen. »Ich muss die Mitglieder des Konsortiums anrufen, damit sie weitere Geldmittel genehmigen.«

»Von mir aus können Sie den gottverdammten Dagobert Duck anrufen, das ist mir scheißegal. Ich sagte doch schon, dass es hier nicht ums Geld geht.«

»Und dennoch schuldet Ihr Vater uns welches.«

»Nicht mehr.« Ich greife nach der Reisetasche, die ich auf das Motorrad gebunden habe, und schleudere sie auf den Boden. Darin befindet sich die Hälfte meiner Ersparnisse, und ich wünsche mir, dass ich diese Arschlöcher einfach gleich ausgezahlt hätte.

Rollin bedeutet einem seiner Männer, die Tasche aufzuheben, die dieser ihm dann reicht. »Zehn Millionen?«

»Ganz genau. Für mich hat sich die Schatzsuche gelohnt. Aber es ist so, wie ich gesagt habe: Ich bin raus. Meine Familie ist ebenfalls raus aus der Sache. Und halten Sie sich gefälligst von meiner Mutter fern, oder ich lege Sie um.«

Er sieht mich verächtlich an. »Wir haben Ihnen doch gesagt, dass wir Ihr Geld nicht wollen. So leicht kommen Sie uns nicht davon. Es geht das Gerücht, dass Sie diesen Zylinder längst haben. Sie müssen wissen, dass jedes einzelne Mitglied unseres elfköpfigen Konsortiums Sie umbringen würde, um in seinen Besitz zu gelangen, ebenso wie viele andere Leute. Mit anderen Worten: Es ist in Ihrem besten Interesse, ebenso wie in dem Ihrer Familie, allseits bekannt zu machen, dass wir den Zylinder haben.«

Mein Blut wird zu Eis, aber ich halte mich an den einzigen Plan, der funktionieren wird, und leugne weiter. »Verdammt noch mal. Ich habe ihn nicht, und daran werden auch Ihre ganzen Drohungen nichts ändern.«

»Fünfhundert Millionen.«

Und da ist es, das Angebot, das bestätigt, dass ein sterbender Mann mit einem Messer in der Brust die Wahrheit gesagt hat, als er mich um Hilfe anflehte. Dass dieser winzige Zylinder irgendwie genug saubere Energie produziert, um die Welt mit Strom zu versorgen und Sheridan mitsamt der ganzen Ölindustrie zu ruinieren.

»Gehe ich recht in der Annahme, dass es Ihnen bei der Summe die Sprache verschlagen hat?«, hakt er nach.

»Ich weiß nicht, in welcher Sprache ich es Ihnen noch sagen soll: Ich habe den Zylinder nicht.« Ich wiederhole es auf Spanisch und Französisch. »No lo tengo. Je ne l’ai pas. Soll ich weitermachen?«

Anscheinend findet er meine besserwisserische Antwort nicht besonders unterhaltsam, denn er ignoriert sie und entgegnet: »Achtundvierzig Stunden. Genau hier an dieser Stelle. Entweder bringen Sie mir das Ding, oder Sie zahlen den Preis dafür.« Er wendet sich ab, geht zurück zu seiner Limousine und steigt ohne ein weiteres Wort oder einen Blick zurück wieder ein.

Ich stehe einfach nur da, starre ihm hinterher und fühle mich, als wäre gerade der Teufel persönlich aus der Hölle gekrochen und hätte mir ein Ultimatum gestellt. Wenn der alte Mann die Wahrheit gesagt hat, dann würde ich Sheridan mit dem Aushändigen des Zylinders praktisch den Schlüssel zur Weltherrschaft überreichen. Er könnte damit ganz allein Industrien vernichten und eine neue erschaffen, damit die Welt nur noch von ihm abhängig ist. Oder er könnte eine Quelle für saubere Energie zerstören, die die Welt eines Tages vielleicht retten würde.

Ein Arschloch wie er darf auf keinen Fall derart viel Macht besitzen. Aber wenn man bedenkt, wie viel Geld zwischen der Öl- und der Kohleindustrie und unserer eigenen Regierung hin- und herfließt, fragt man sich, ob das nicht für jeden gilt. Ich setze meinen Helm auf und steige wieder auf mein Motorrad. Mir war immer klar gewesen, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem ich mich zwischen dem Schutz des Zylinders und dem Geld entscheiden musste, und ich hatte längst einen Plan geschmiedet. Es musste doch unter meinen Ressourcen jemanden geben, der einen gefälschten Prototyp herstellen kann, den ich Rollins aushändige, um mir dadurch wenigstens etwas mehr Zeit zu verschaffen. Dann kann ich mich um denjenigen kümmern, der mich aus dem Untergrund verraten hat, und ihn für seine Sünden büßen lassen. Ich hätte mich nie für einen Mann gehalten, der einmal darauf aus sein könnte, Blut zu vergießen, aber an dem Tag, an dem ich Sheridan Smith begegnet bin, hat sich alles geändert. Ich habe mich verändert, und jetzt gibt es kein Zurück mehr.

***

Vier Stunden später befinde ich mich auf der anderen Seite von Austin, Texas, und wieder im Haus meiner Familie in Jasmine Heights, wo ich die Nacht verbringen will. Ich sitze an dem kleinen, eckigen Küchentisch und trinke eine Tasse Kaffee, nachdem mir meine Mutter das gewünschte Bier verweigert hat. Anscheinend hält sie mich trotz meiner vierundzwanzig Jahre noch immer für ein Baby. Ich reibe mir über die Bartstoppeln und versuche, mich an eine Zeit vor fünf Jahren zu erinnern – die Zeit vor dem Untergrund, in der ich diese Person gewesen bin, als die sie mich auch heute noch gern sieht. Lara erscheint im Türrahmen und sieht deutlich jünger aus als achtzehn. Ihr blondes Haar fällt ihr auf die Schultern, und ihre blauen Augen sehen so groß und unschuldig aus wie eh und je. Ich mustere das mir vertraute braune T-Shirt, das sie zu einer Jogginghose trägt, und lache, als sie auf mich zukommt. »He, Schwesterherz, trägst du immer noch mein altes Shirt?«

»In Ägypten hat es mir Glück gebracht«, erwidert sie und setzt sich mir gegenüber an den Tisch. »Ich habe es getragen, als wir dieses Grab gefunden haben, erinnerst du dich?«

»Wie könnte ich das je vergessen? Du hast geschrien, als würde dich jemand angreifen.«

»Es war ja auch aufregend«, meint sie lachend, greift nach meiner Kaffeetasse und trinkt einen Schluck, um dann ihre süße kleine Nase zu rümpfen. »Hast du noch immer keine Haare auf der Brust? Der Kaffee ist so stark, dass er mir ein Loch in den Bauch brennt.«

»Dann trink ihn nicht. Wir wollen ja schließlich nicht, dass du Haare auf der Brust bekommst.«

Sie lacht, wird aber direkt wieder ernst. »Ich bin so froh, dass du zu meiner Abschlussfeier nach Hause kommen konntest.«

»Du weißt doch, dass ich sie um nichts auf der Welt verpassen wollte.«

»Dad fährt direkt danach nach Mexiko.«

»Ich weiß«, bestätige ich, da ich insgeheim dafür gesorgt habe, dass mein Vater das Angebot bekommt, die Ausgrabungsstätte zu übernehmen. Auf diese Weise ist er weit weg von hier, von Ägypten und auch von Sheridan.

»Verschwindest du dann auch sofort wieder?«

»Eigentlich habe ich mit Dad darüber gesprochen, dass wir alle zusammen dort hinfahren könnten.«

Sie reißt ihre großen blauen Augen auf. »Was? Ist das dein Ernst? Du meinst, ich, du, Mom und Dad?«

»Ganz genau.«

»Aber ich dachte, du willst unbedingt, dass ich studiere? Und Mom und Dad waren doch derselben Meinung?«

»Sobald du mit dem Studium angefangen hast, kommst du vier Jahre lang nicht mehr von der Uni weg, und Dad wird auch nicht jünger.«

»Chad! Du hast ihm doch nicht etwa gesagt, dass er alt wird, oder?«

»Er weiß, dass er alt ist, Kleines. Glaube mir, das weiß er ganz genau.«

»Dann hat er zugestimmt und wir fahren alle zusammen?«

»Er hat sich noch nicht entschieden, aber es sieht sehr gut aus.«

Sie springt laut kreischend auf, rennt auf mich zu und umarmt mich, doch ich lege die Arme nur halbherzig um sie, da ich vor Reue und Angst fast außer mir bin. Ich muss dafür sorgen, dass meine Familie in meiner Nähe und in Sicherheit ist. »Chad«, flüstert sie und rückt ein Stück von mir ab, um mir in die Augen zu sehen. »Dieser Mann, der Mom besucht. Er war letzte Woche hier, direkt bevor Dad von seiner letzten Reise zurückgekehrt ist.«

»Du darfst nicht darüber reden«, warne ich sie und würde dem Mistkerl am liebsten den Hintern versohlen, weil er zugelassen hat, dass meine Schwester ihn zusammen mit meiner Mutter beobachten konnte. »Das habe ich dir doch gesagt.«

»Aber Dad weiß Bescheid. Zumindest glaube ich das. Ich habe gehört, wie sie sich gestritten haben.«

»Lass es gut sein. Hast du verstanden?«

»Wieso? Wie könnte ich das auf sich beruhen lassen?«

»Weil ich dir verdammt noch mal sage, dass du das tun sollst.«

Sie wird rot vor Zorn, und mein Handy, das auf dem Tisch liegt, klingelt, bevor ich noch etwas sagen kann. »Ich muss da rangehen«, murmele ich. »Und du musst dich aus Dingen raushalten, wenn ich dir sage, dass du das tun sollst.«

»Manchmal bist du echt ein Arschloch.«

»Aber ein Arschloch, das dich liebt. Geh ins Bett.«

»Ich liebe dich auch, Arschloch«, erwidert sie und rennt aus der Küche.

Ich reibe mir über das Kinn und nehme den Anruf an. »Jared, Mann, ich brauche dringend deine Hackerkünste.«

»Ich habe dir doch gesagt, dass ich nur den einen Job für den Untergrund mache und danach auf eigene Faust arbeite.«

»Genau. Du bist jetzt anständig geworden, aber wir wissen doch beide, dass das nur eine Farce ist.«

»Ich arbeite nur noch für mich. Ende der Diskussion. Du hast andere Hacker, die für den Untergrund arbeiten.«

»Aber von denen ist keiner so gut wie du. Ich brauche dich und nicht sie.«

»Hör mal, Chad, versteh mich nicht falsch. Dieser eine Job, den ich für dich gemacht habe, hat mir genug Geld eingebracht, um die Chemotherapie meiner Schwester zu bezahlen. Ohne die hätte sie sterben müssen, und ich werde niemals vergessen, was du für mich getan hast. Aber Fakt ist nun einmal, dass nur der sicher ist, der allein arbeitet. Dann kann sich nämlich keiner verplappern und einen auffliegen lassen.«

»Da bin ich ganz deiner Meinung.«

Jared schnaubt. »Du hast für diese Leute eine eigene Abteilung gegründet.«

»Und jetzt verlasse ich sie wieder. Ich sitze in der Scheiße, Mann, richtig tief in der Scheiße. Momentan leite ich einiges in die Wege, um meine Familie zu schützen, aber ich bin mir nicht sicher, ob das, was ich tue, reicht.«

Er schweigt kurz. »Ich brauche mehr Informationen.«

»Sheridan Smith hat ein Konsortium aus elf mächtigen Leuten, mit denen er Geschäfte macht, und ich habe über sie alle belastendes Beweismaterial gesammelt.«

»Sheridan Smith wie der Ölmagnat? Der Sheridan Smith?«

»Genau der.«

Jared pfeift. »Wo bist du da nur reingeraten?«

»Das kann ich dir nicht sagen, ohne dich nicht auch noch in Gefahr zu bringen.«

»Aber du willst, dass ich dir helfe.«

»Ja.«

»Blindes Vertrauen. Ach, was soll’s. Ich bin dabei. Wie schnell brauchst du Hilfe?«

»Am besten gestern.«

»Sag mir, was ich tun soll.«

»Nicht am Telefon.«

»Du weißt, wo du mich finden kannst. Lass dich nicht umbringen, bevor du bei mir warst.«

»Das habe ich nicht vor.«

Wir beenden das Gespräch, und ich stehe auf, gehe in den hinteren Teil des Hauses und mache mir nicht die Mühe, das Licht einzuschalten, als ich auf die Veranda hinaustrete. Ich lehne mich an die Wand und nutze die Dunkelheit wie einen schützenden Umhang. Denk nach, Chad. Überleg dir, wie du aus der Sache wieder rauskommst. Du hast den Zylinder gefunden, was keinem anderen gelungen ist. Dann wirst du doch auch einen Ausweg aus diesem Schlamassel finden. Ich stoße mich von der Wand ab, als ich links von mir aus dem Augenwinkel irgendetwas aufflackern sehe. Eine Taschenlampe vielleicht? Obwohl in mir sämtliche Alarmglocken schrillen, rede ich mir ein, dass das absolut lächerlich ist. Sheridan will den Zylinder. Er wird mich nicht umbringen. Mein nächster Gedanke allerdings lässt Übelkeit in mir aufsteigen und ist so offensichtlich, dass ich mich frage, wieso ich nicht längst darauf gekommen bin. Sheridan könnte versuchen, meine Familie zu benutzen, um mich zum Reden zu bringen.

Als mir das durch den Kopf schießt, schleiche ich die Stufen hinunter, hocke mich hin, ziehe den Jeansstoff an meinem rechten Bein hoch und hole die Glock aus dem Knöchelholster. Damals in Ägypten hat mein Vater darauf bestanden, dass Lara und ich schießen lernen. Ich habe vor, im Schutz der Wand weiterzugehen, und mache einen Schritt nach vorn, erstarre dann aber, als ich ein Knistern und ein Knacken höre. Eine Sekunde später explodiert das Haus, und ich werde durch die Luft geschleudert. Die Zeit scheint stillzustehen, sämtliche Geräusche und die Realität hören auf zu existieren, bis ich so hart auf dem Boden aufpralle, dass ich jeden Knochen in meinem Körper spüre.

Einen Augenblick lang liege ich benommen da und begreife nicht, was gerade passiert ist, doch dann hebe ich den Kopf und sehe, dass das Haus brennt. Meine Gefühle brechen sich Bahn. »Nein, nein!« Panik, Schmerz und Angst durchdringen mich, und schon stehe ich wieder auf den Beinen, renne los und spüre meine Verletzungen nicht, sondern nur lähmende Furcht. Das kann nicht sein. Das darf nicht sein. Ich werde meine Familie nicht verlieren. Das werde ich nicht zulassen. Das kann ich nicht zulassen! Ich stürze die Treppe hinauf und in das brennende Haus hinein.

1

Heute …

Tropf. Tropf. Tropf.

»Scheiße! Scheiße. Scheiße. Scheiße.«

Ich hebe den schmerzenden Kopf, der sich tonnenschwer anfühlt und auf meinem steifen Hals sitzt, und starre die Betonwände des Raums an, der zu meinem Kerker geworden ist. Wo kommt dieses gottverdammte Geräusch her?

Tropf. Tropf.

Mir ist, als würde ich gleich den Verstand verlieren. Ich versuche, meine Hände freizubekommen, die hinter meinem Rücken gefesselt sind, und das Seil schneidet mir in die Haut. »Scheiße!«

Dann lasse ich den Kopf sinken und starre den Boden an.

Tropf. Tropf.

Rote Punkte bestimmen mein Blickfeld, und ich konzentriere mich auf die rote Pfütze unter mir. Blut. Ach ja. Ich blute. Darum ist die Haarsträhne, die mir in die Augen hängt, auch rot und nicht blond.

Mit einem lauten, metallischen Quietschen öffnet sich die Tür. Ich kneife die Augen zusammen und bin bereit zu sterben, hoffe beinahe schon, dass es endlich so weit ist. Wenn Jared getan hat, was er tun sollte, und Lara gerettet hat, ist alles gut. Sie hat es verdient zu leben. Ich nicht. Aber ich werde nicht wie ein Feigling abtreten. Trotzig hebe ich den Kopf und glaube, ich blinzle. Meine Augenlider sind viel zu stark angeschwollen, als dass ich mir sicher sein könnte. Vielleicht bedeutet die Tatsache, dass da eine wunderschöne Brünette vor mir steht – in einem eng anliegenden schwarzen Kleid, das ihre Kurven an genau den richtigen Stellen betont –, dass ich längst gestorben bin. Ihre elfenbeinfarbene Haut und ihre blassblauen Augen würden zu einem Engel passen, daher bin ich möglicherweise tatsächlich im Himmel. Aber, verdammt, mir tut noch immer alles weh, daher scheine ich bekommen zu haben, was ich verdiene. Ich bin in der Hölle, und der Teufel ist eine scharfe Braut, die ihre Spielchen mit mir treibt. Da würden mir doch weitaus schlimmere Albträume einfallen. Mein Leben beispielsweise.

Tropf. Tropf.

Oder auch nicht. Tote bluten nicht, und da ich das definitiv tue, kann das nur bedeuten, dass diese Frau nicht hier ist, um mir im Himmel als meine neue persönliche Assistentin zur Seite zu stehen. Meine Euphorie ebbt ab, und ich grinse die Braut schief an und mustere sie betont lange und ausgiebig, damit sie sich unwohl fühlt und mir endlich den Rest gibt.

»Süße, du wirst weitaus mehr als Stilettos und scharfe Beine brauchen, um mich zum Reden zu bringen, aber stöhnen könnte ich durchaus noch. Vielleicht sollten wir es mal damit versuchen.«

Sie holt ein Messer hinter dem Rücken hervor. »Ah«, murmele ich. »Du stehst auf Messerspiele, was? Das macht die Sache gleich interessanter.«

»Ja, Chad«, säuselt sie mit einer Stimme, die ebenso sexy ist wie ihre Beine. »Sehr interessant sogar.« Sie tritt mit dem Messer in der Hand genau dorthin, wo ich sie haben will. Schön dicht steht sie jetzt vor mir, drückt mir den Stahl gegen den Kiefer, und mein Fünftagebart schützt mich ein wenig, was ihr aber sicher nicht klar ist. Sie sieht mich an, und ihre Augen sind kalt, blau und undurchschaubar. Es ist die Art von Augen, bei denen ein Mann eine Frau vögeln will, bis sie nach mehr verlangt, nur um zu beweisen, dass er es draufhat. Ich warte darauf, dass mich die Klinge verletzt. Ich hoffe es, doch es passiert nicht.

»Zieh dich aus, Süße«, verlange ich im Befehlston, um sie aus der Fassung zu bringen, ihr unter die Haut zu gehen und dafür zu sorgen, dass ich und nicht etwa sie diese Pokerpartie gewinne. »Dann schenke ich dir auch meine volle Aufmerksamkeit. Und ich werde demjenigen, der uns durch die Kamera da rechts beobachtet, eine Show liefern, die er so schnell nicht vergessen wird.«

Sie ist offensichtlich nicht eingeschüchtert, legt mir die Hände auf die Schultern und hält die Klinge weiterhin fest, und ich will gerade einen anzüglichen Kommentar über ihre Brüste machen, als sie ein Knie zwischen meine schiebt und mir mit genau kalkuliertem Druck zwischen die Beine presst. »Habe ich jetzt deine Aufmerksamkeit?«, zischt sie.

»Netter Versuch«, erwidere ich coolund versuche, mir nicht anmerken zu lassen, dass ich gerade ziemlich von den Socken bin, »aber mir wären deine Hand oder andere Körperteile an dieser Stelle lieber. Ich könnte mir vorstellen, dass dir das ebenfalls gefällt.«

Ein frustriertes Geräusch dringt aus ihrer Kehle und klingt so sexy, dass ich beinahe eine Erektion bekommen hätte – wäre da nicht die Tatsache, dass sie mir die Eier fast in den Bauch drückt. »Das hier ist kein Spiel«, stößt sie hervor und nimmt zum Glück das Knie weg. Aber ihre Finger und der Messergriff bleiben auf meinen Schultern. »Sheridan braucht dich zwar lebend, um das zu bekommen, was er haben will«, fährt sie fort, »aber du unterschätzt ihn, wenn du glaubst, er würde davor zurückschrecken, dich um einige Körperteile zu erleichtern.«

Als sie das Arschloch erwähnt, das mich hier festhält, werde ich mit einem Schlag wieder ernst. Ich beiße die Zähne zusammen und spanne die Schultermuskeln an. »Dein Boss kennt die Regeln meiner Organisation. Wenn ich irgendwo in der Nähe der Leute auftauche, die ihm das besorgen können, was er haben will, und nicht den Anschein erwecke, zu einhundert Prozent fit zu sein, dann werden sie mir nicht länger vertrauen. Der fragliche Gegenstand wird schneller von der Bildfläche verschwinden, als ich dich dazu bringen könnte, meinen Namen zu schreien, und das wäre verdammt schnell, Baby.«

»Es gibt immer Mittel und Wege, dir wehzutun, ohne dass man es dir ansehen kann, und das weißt du ebenso gut wie er. Er wird dich schon zum Reden bringen.« Sie beugt sich vor und drückt eine Wange an meine, wobei mir ein süßer Blumenduft in die Nase steigt und ihr langes braunes Haar über meine Haut streicht. Dann flüstert sie: »Ich kann nicht zulassen, dass du ihm sagst, wo das ist, was er sucht.«

Sie rückt von mir ab und lässt die Hand mit der Klinge sinken. Blut, mein Blut, benetzt ihre Wange, und ich spüre ihre Anspannung wie einen Schlag in die Magengrube. Diese Frau wirkt entschlossen und sogar sehr wütend, und um meines Überlebens willen muss ich darauf hoffen, dass sie entsprechend ihrer Worte handeln und sicherstellen wird, dass ich nicht rede. Was nur eine Frage offenlässt: Was wird sie tun, um dafür zu sorgen, dass ich den Mund halte? Als ich das denke, betrachte ich das Messer in ihrer Hand mit neu gewonnenem Respekt.

»Er wird mich nicht zum Reden bringen«, verspreche ich ihr. »Das hat er bereits versucht.«

»Du bist gut«, entgegnet sie, »aber ich kann dir versichern, dass du nicht so gut bist.« Sie wartet nicht auf eine Reaktion, sondern geht um mich herum, sodass ich sie nicht mehr sehen kann. Dann legt sie mir erneut die Hände auf die Schultern und ich wehre mich nicht. Das wäre sinnlos, und ich bin kein Freund davon, unnötig Energie zu verschwenden. Stattdessen wappne ich mich für die Klinge, da ich fest davon überzeugt bin, dass sie jeden Augenblick meine Haut durchbohren wird. Ich fühle mich ruhig, spüre fast schon einen gewissen Frieden in mir. Ich habe in meinem Leben schon sehr viel Mist gebaut. Irgendwie scheint mir das die richtige Art zu gehen zu sein – dass ich sterbe, um ein Geheimnis zu beschützen, das ich gar nicht erst hätte lüften sollen. Ein Geheimnis, das die Welt sowohl zerstören als auch retten könnte. Aber ich will nicht derjenige sein, der diese Entscheidung trifft.

Nein, das will ich auf gar keinen Fall.

Es geht für mich in Ordnung, dass ich sterbe, um dieses Geheimnis zu bewahren, doch als mir das durch den Kopf schießt, sehe ich auf einmal Laras Gesicht vor meinem inneren Auge, und die Unschuld in ihrem Blick zerreißt mir das Herz. Ich habe Jared eine Nachricht hinterlassen und ihn gebeten, sie zu beschützen. Aber ich weiß nicht mit Sicherheit, ob er sie rechtzeitig erreicht hat, und selbst wenn es diesmal gut geht, muss ich mich fragen, wie lange das so bleiben wird. Ich habe Mist gebaut, und jetzt weiß Sheridan, dass sie noch am Leben ist. Er wird es auf sie abgesehen haben, da er davon ausgehen muss, dass sie von dem Geheimnis weiß. Und auch andere werden hinter ihr her sein. Ich bin der Einzige, der sie beschützen kann, auch wenn sie nicht einmal ahnt, dass ich noch am Leben bin.

Mein Kampfgeist kehrt wieder zurück, und ich versuche, über die Schulter zu sehen. »Jetzt sei nicht so feige! Sieh mir ins Gesicht, wenn du vorhast, dieses Messer zu benutzen.« In der Sekunde, in der ich diese Forderung stelle, erschüttert eine laute Explosion die Decke über uns und bestätigt meine Vermutung, dass ich in einem Keller festgehalten werde. Kurz blitzt es auf, und schon sind meine Füße von Rauch eingehüllt, der rasch den ganzen Raum vernebelt.

Die Frau schüttelt meine Schultern und schreit: »Was hast du getan? Was hast du getan?« Dabei wissen wir doch beide, dass gerade eine Rauchbombe hochgegangen ist. Da meine Hände gefesselt sind, kann nur sie die geworfen haben. Aber ich muss ihr zugutehalten, dass ihre Schauspielkünste nicht zu verachten sind. Sie tritt vor mich, packt mein ziemlich langes blondes Haar und zerrt meinen Kopf zur Seite. »Was hast du getan?«

Ich starre sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Rache ist süß, du Schlampe«, verspreche ich ihr, und im nächsten Augenblick hat der Rauch sie und mich verschluckt.

Sie lässt meine Haare los, legt mir die Hände auf die Knie, und mir ist klar, dass sie jetzt vor mir hockt. »Was zum …?«, beginne ich, rede dann aber nicht weiter, als sie erst mein linkes und dann mein rechtes Bein losschneidet.

Als sie sich vorbeugt und wieder aufsteht, rät mir mein Instinkt zwar, ebenfalls aufzustehen, aber ich beschließe, nichts zu unternehmen, was sie irritieren könnte, bevor sie auch meine Arme befreit hat. Sie legt mir eine Hand auf die Schulter, als wäre sie besorgt, mich im Rauch zu verlieren. Meine Freiheit ist schon so nah, dass ich sie schmecken kann, und Adrenalin jagt wie flüssiges Feuer durch meine Adern. Sie packt meinen rechten Unterarm, und ich spanne die Muskeln im ganzen Körper an, während ich darauf warte, dass sie meine Fesseln durchschneidet. Stattdessen wird jedoch eine neue Plastikfessel um meine Handgelenke gelegt, und ich weiß instinktiv, dass diese auch mit ihrem Arm verbunden ist.

»Denk nicht mal daran«, knurre ich und setze meine gesamte Energie daran, den Stuhl zu verrücken, der sich jedoch kaum bewegt. Die alte Fessel an meinen Armen erschlafft, und schon stehe ich auf den Beinen und merke sofort, dass mein Arm mit dem ihren verbunden ist. Lautstark fluchend, weil ich meine neue Fessel nicht sehen kann, versuche ich, die Frau zu packen. Ich zerre sie mit aller Kraft an mich und greife nach dem Messer, nur um zu hören, wie der Stahl klappernd auf dem Betonboden aufkommt, was ich durch all den Rauch aber nicht erkennen kann.

»Hexe«, murmele ich, da ich mich jetzt nicht mehr losschneiden kann. Ich lege der Frau eine Hand an den Hinterkopf und ziehe sie an mich, bis ich meine Lippen an ihr Ohr drücken kann. »Du hast gerade einen Fehler gemacht, den du noch bereuen wirst.«

Sie krallt sich in mein T-Shirt. »Ich kann nicht riskieren, dass du mich hier zurücklässt«, zischt sie wütend. »Er bringt mich um, wenn ich dich verliere.«

»Sei dir mal nicht so sicher, dass ich das nicht tun werde«, erwidere ich, lasse sie los und ziehe sie zur Tür, die ich aufreiße. Sheridan will meinen Tod nicht. Ich vermute eher, dass er vorhat, mich zusammen mit dieser Frau fliehen zu lassen, und vermutlich soll sie mich dann verführen und so dazu bringen, ihn zu seinem Schatz zu bringen. Anscheinend hält er mich für saudämlich.

Ich bleibe im Türrahmen stehen und rücke gerade weit genug vor, um das zu erkennen, was ich bei meiner Ankunft nicht sehen konnte, da man mir die Augen verbunden hatte. Wir befinden uns in einer Art unfertigem Bürogebäude und offenbar in einem fensterlosen Keller. »Hier lang«, sagt die Frau und geht an mir vorbei.

Ich bleibe störrisch stehen, sodass sie nach hinten ruckt, während ich wissen will: »Wieso tust du jetzt nicht mehr so, als würde ich dich zwingen, mir zu helfen?«

Sie wischt sich die langen braunen Haarsträhnen aus den Augen. »Hier draußen gibt es keine Kameras, und was immer ich deiner Meinung nach vorhabe – du irrst dich. Ich versuche nur, am Leben zu bleiben.«

»Und mich vom Reden abzuhalten«, füge ich mit emotionsloser Stimme hinzu und glaube ebenso wenig an ihre Geschichte wie an den Weihnachtsmann. »Wie viele Männer sind auf dem Weg bis zum Ausgang postiert?«

»Zehn im Lagerhaus und weitere zehn im Labor, aber die Explosion sollte die Tür zwischen ihnen und uns blockiert haben. Ich bin mir aber nicht sicher, da ich improvisieren musste.«

Ich starre sie fragend an. »Du musstest improvisieren? Heißt das etwa, du hast das allein durchgezogen?«

»Ja. Und ich habe nicht im Voraus geplant. Dafür war keine Zeit, nachdem ich herausgefunden hatte, was sie vorhaben.« Sie wartet nicht, bis ich ihr die Frage stelle, deren Antwort ich eigentlich gar nicht hören will, und fährt fort: »Über die Feuertreppe und den Notausgang erreichen wir die Seitenstraße, aber wir müssen uns beeilen. Sie werden Verstärkung rufen, und die wird auf demselben Weg reinkommen, den wir nehmen wollen.«

»In welcher Stadt befinden wir uns?«

Sie ignoriert meine Frage und beharrt: »Wir müssen weiter«, wobei sie zunehmend gehetzt wirkt.

»In welcher Stadt sind wir?«, will ich erneut und mit unnachgiebiger Stimme wissen.

»In Austin. Von hier aus …«

» … leitet Sheridan sein Ölimperium. Ich weiß.« Die Stadt liegt in der Nähe meiner Heimat, aber weit weg von Denver, wo man mich entführt hat. »In welchem Teil von Austin?«

»In der Innenstadt«, antwortet sie und zieht mich den Gang hinunter. »Und jetzt schnell! Wenn wir auf den Gang kommen, nehmen wir die Treppe und gehen dann nach links zum Ausgang. Die Tür auf der rechten Seite ist sicher blockiert. Dahinter liegt das eigentliche Lagerhaus.«

»Was erwartet uns vor der Tür?«

»Eine Seitenstraße, aber wir sind ganz in der Nähe der Seventh Street. Und da dieser Ausgang der einzige Weg ist, auf dem wir nach draußen gelangen können, habe ich eine Heidenangst vor dem, was uns dort vielleicht erwartet. Jemand könnte Hilfe gerufen haben, die möglicherweise längst eingetroffen ist.«

»Ich bin sehr gut darin, Probleme zu bewältigen, und das solltest du dir merken, da du für mich auch in diese Kategorie fällst.« Ich bleibe vor dem Ausgang stehen, drehe mich um und sehe ihr in die Augen. »Mir fallen bestimmt zwanzig Möglichkeiten ein, wie die nächsten fünf Minuten ablaufen könnten, und bei neunzehn davon verlierst du dein Leben. In achtzehn dieser Fälle bin ich es, der dich umlegt.«

»Dann musst du meine Leiche wegschleifen.«

»Das ist ein gutes Training, Süße. Wie sagt Clint doch so schön? ›Make my day.‹«

Sie scheint die Clint-Eastwood-Bemerkung nicht witzig zu finden, und obwohl ihr Blick wütend wirkt, sehe ich auch ein Aufflackern von Furcht tief in ihren blauen Augen. Es ist die Art von Furcht, die ich in meinen Albträumen in Laras Augen sehe. Vielleicht ist Sheridan doch gar nicht so dumm, wenn man bedenkt, dass mich der Verrat einer Frau überhaupt erst hierhergebracht hat. Und diese hier ist clever. »Legst du mich einmal rein«, murmele ich, »dann bin ich ein Idiot. Aber bevor dir das ein zweites Mal gelingt, töte ich dich.«

»Ich will dich doch gar nicht reinlegen …«

»Spar dir die Worte. Ich will sie nicht hören.« Frustriert und entschlossen, diese Frau so bald wie möglich von meinem Arm loszubekommen, reiße ich die Tür auf und schleiche vorwärts, um mich auf dem Flur umzusehen. Wie erwartet dringt unter einer Tür auf der linken Seite Rauch hervor. Aber es ist nicht sehr viel, und das sagt mir, dass Sheridans Leute den Brand gelöscht haben, bevor er zu groß werden konnte … oder dass all das hier nur eine Falle ist.

Erneut steigt Wut in mir auf, und ich zerre die Frau hinter mir her, halte auf den Ausgang zu und überlege mir bereits, wie ich sie in der nächsten Viertelstunde loswerden kann. Nur wenige Sekunden später sind wir an der Tür und dann auch schon in der Seitenstraße. Es ist keine Menschenseele zu sehen, wie auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums nach Ladenschluss. Wir sind die Einzigen hier.

»Ich habe da vorn an der Straße geparkt«, sagt die Frau und deutet nach rechts. Ich gehe nach links. »Mein Wagen«, protestiert sie und stolpert in ihren hochhackigen Schuhen, als sie versucht, mit mir Schritt zu halten.

»Der ist garantiert verwanzt.«

»Nein. Ich sagte doch, dass Sheridan mich nicht geschickt hat.«

»Arbeitest du für ihn?«

»Ja.«

Ich sehe sie nicht an. »Und du weißt, wonach er sucht?«

»Ja, aber …«

»Dann ist dein Wagen auch verwanzt«, falle ich ihr ins Wort, gehe um die Straßenecke und sehe mich um. Es ist Nacht, alle Geschäfte sind geschlossen, und die Straßen sind menschenleer.

»Hier wird man uns bemerken.« Sie hebt unsere miteinander verbundenen Hände hoch. »Sieh uns doch nur an.«

»Zieh die Schuhe aus«, verlange ich.

»Was? Ich brauche …«

»Ich habe keine Zeit, mich mit dir zu streiten.« Ich lege die Hände um ihre schmale Taille, hebe sie hoch, kicke ihr die Schuhe von den Füßen und hebe sie dann auf. »Wir müssen schnell auf die andere Seite des Highways«, sage ich zu ihr und drücke ihr die Schuhe in die Hand.

»Da liegt East Austin. Dort ist es gefährlich und …«

Ich setze mich in Bewegung und lasse ihr keine andere Wahl als mitzugehen, während ich gegen meine eingeschränkte Wahrnehmung ankämpfe. Mein linkes Auge ist fast vollständig zugeschwollen. Ein Grund mehr, aus dem wir meiner Meinung nach gar nicht schnell genug am I-35-Highway sein können. Mit einer miesen Gegend komme ich klar, solange ich Sheridan dadurch entkommen kann.

Wir erreichen den Highway, und ich sorge dafür, dass wir schnell auf die andere Seite kommen und uns möglichst weit von Sheridans Lagerhaus entfernen, indem wir den Hügel in Richtung des angrenzenden Viertels hinaufsteigen.

»Das hier ist Ganggebiet«, warnt mich die Frau. »Es ist gefährlich. Kannst du denn überhaupt was sehen? Dein Auge …«

»Ich bin auch sehr gefährlich«, knurre ich sie an, »und dein Boss ist das Äquivalent eines Obermackers dieser sogenannten Gangs.«

»Er ist nicht mein Boss. Na ja, vielleicht doch. Die Sache ist kompliziert. Aber das mit diesem Viertel ist mein Ernst. Wir können da nicht einfach reinspazieren, das wäre nicht einmal am helllichten Tag möglich.«

»Du hast recht, es ist nicht sicher, aber es ist der beste Ort, an dem man mit einer an sich gefesselten Frau untertauchen kann, ohne dass jeder, der uns sieht, gleich die Bullen ruft.« Ich werfe ihr einen erbosten Blick zu. »Daher schlage ich vor, dass du leise bist, damit wir nicht unnötig Aufmerksamkeit erregen.« Wir sind oben auf dem Hügel angekommen, und ich entdecke das Piñata-Geschäft, das schon hier war, bevor ich überhaupt alt genug war, um zum Feiern nach Austin zu fahren, und das gleichzeitig die Markierung für das Gangviertel darstellt. Alles jenseits dieser Markierung ist ihr Territorium, und da kann es jederzeit krachen. Wir gehen näher heran, und ein Mexikaner von Mitte vierzig schließt gerade das Tor vor dem Bereich, in dem allerlei farbenfrohes Getier herumbaumelt.

Er bleibt dort stehen, mustert uns im Näherkommen misstrauisch, und als wir auf der anderen Seite des Tors stehen bleiben, begutachtet er mich mit aufmerksamem Blick. Zweifellos fällt ihm mein zerschundenes Gesicht auf, bevor er die Frau neben mir betrachtet, die noch immer mein Blut auf ihrer Wange hat. Nach einem kurzen Blick auf unsere Fessel sieht er erneut mich an, dann wieder sie und erneut die Plastikfessel. Er schnaubt und wendet sich dann an mich.

»Que chingados paso?«, will er wissen, was in etwa bedeutet: »Was zum Teufel ist denn passiert?«

Da ich bereits eine Idee habe, wie ich das Ganze erklären kann, antworte ich auf Spanisch, erläutere kurz und übertrieben unsere missliche Lage und bitte um Hilfe. Er hört mir gebannt zu, reißt die Augen auf und sieht mich mitfühlend an, bevor er sich uns leise vorstellt, uns hereinbittet und das Tor wieder aufzieht. Die Frau sieht mich an, und das Licht der Straßenlaterne spiegelt sich in ihren ausdrucksstarken Augen. »Was hast du zu ihm gesagt?«

»Willst du das wirklich wissen?«

»Ja«, antwortet sie entschlossen und gibt mir dadurch auch zu verstehen, dass sie kein Spanisch spricht – oder tatsächlich eine sehr gute Schauspielerin ist.

»Dein Pech«, entgegne ich und bedeute ihr weiterzugehen. Als sie sich nicht rührt, packe ich ihren Arm und zerre sie mit mir, entschuldige mich bei »Hugo« und erkläre ihm kurz, es wäre ihr peinlich. Ich bleibe vor Hugo stehen, der sich ein Grinsen kaum verkneifen kann, als er das Tor wieder schließt und dann vorausgeht.

»Das ist gefährlich«, sagt die Frau, als Hugo vor dem Eingang eines baufälligen Hauses stehen bleibt.

»Er ist längst nicht so gefährlich wie ich«, verspreche ich ihr und folge Hugo in einen Raum, den man zu einem Geschäft mit einem Ladentresen und einer Registrierkasse umgebaut hat. Danach erreichen wir eine Küche im Stil der Siebzigerjahre, deren Wände die Farbe von Erbrochenem haben. Zusammen mit der Frau bleibe ich in der Tür stehen, während Hugo eine Schublade aufzieht und eine Schere herausnimmt. Er reicht sie mir und sagt, dass wir das Gästeschlafzimmer und das Bad am Ende des Flurs benutzen dürfen, um uns zu waschen und frisch zu machen.

»Telefon?«, fragt er auf Englisch.

»Nein«, erwidere ich schnell und rechne schon damit, dass die Frau mir widerspricht, aber sie ist so klug, es nicht zu tun.

Der Mann bedenkt mich mit einem vielsagenden Blick und nickt mir zu. Ich danke ihm, nehme den Verbandskasten entgegen, den er mir reicht, und dränge die Frau, mir voraus zu der Tür auf der rechten Seite zu gehen. Sie öffnet sie, und ich folge ihr in das kleine Schlafzimmer, das einfach, aber sauber ist und aus dem eine weitere Tür ins Bad führt. Ich schließe uns ein und werfe ihre Schuhe zusammen mit dem Verbandskasten auf das Doppelbett, das von einer mexikanischen, in Regenbogenfarben gehaltenen Tagedecke bedeckt ist. Die Frau greift nach dem Plastik, das unsere Arme miteinander verbindet, als wollte sie verhindern, dass ich es durchschneide.

»Nimm die Hand da weg, oder ich verletze dich«, warne ich sie, während mir ärgerlicherweise noch immer Blut die Wange herunterläuft. »Wir haben nicht viel Zeit und können nicht noch länger gefesselt hier herumlaufen.«

»Du musst in meiner Nähe bleiben.«

»Sagt außer Sheridan wer?«

»Ich.« Ihre Stimme schwankt. »Ich sage das.«

Ich kneife die Augen zusammen oder bilde mir zumindest ein, ich würde es tun. Doch ich spüre das linke Augenlid nicht, und, verdammt noch mal, mir tropft Blut auf den Arm. »Was springt für dich dabei raus?«

»Ich habe es dir doch gesagt. Ich will nicht, dass er bekommt, worauf er aus ist. Und woher weißt du, dass der Mann, der uns hilft, nicht nur Zeit schinden will, damit er die Polizei oder irgendeine Gang rufen kann?«

Ich ignoriere ihre Frage und unterdrücke den Drang, ihr ebenfalls einige zu stellen. »Nimm deine Hand da weg.«

»Du blutest wieder, und zwar ziemlich heftig.«

»Nimm die Hand weg.«

»Bitte«, flüstert sie. »Lass mich nicht zurück. Ich habe darauf gebaut, dass du mir hilfst, als du Sheridans Forderungen mit nichts als Schweigen beantwortet hast. Er ist kein Mensch, der vergisst und vergibt, und ich weiß nicht, wie ich mir eine neue Identität zulegen und untertauchen kann. Ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll.«

Die Verzweiflung in ihrer Stimme ärgert mich. Sie erinnert mich an diese Schlampe Meg, die mir die verängstigte Jungfrau in Nöten vorgespielt hat und doch nichts als Sheridans Marionette war. Bei diesem Gedanken werde ich noch zorniger. Ich greife unter ihrem Arm hindurch, packe ihren Ellbogen und verdrehe unsere Arme, sodass sie die Fessel loslassen muss. Ohne innezuhalten schneide ich das Plastik durch, das uns miteinander verbindet, und entferne danach noch die Schlinge an ihrem Arm und die drei an meinem. Damit die Frau die Schere ja nicht in die Finger bekommt und ich meine einzige Waffe nicht verliere, stopfe ich sie in meine Hosentasche.

Ich stütze die Hände rechts und links neben ihrem Kopf an die Wand und starre in ihre himmelblauen Augen, in denen ihre Angst deutlich erkennbar ist, auch wenn sie versucht, diese durch ein trotziges Recken des Kinns zu verbergen. Ihr Versuch, mutig zu sein, ist mein Untergang, da sie mich dadurch an meine kleine freche Schwester erinnert. Lara ist ganz anders als diese Frau, die vielleicht fünfundzwanzig und somit fünf Jahre jünger ist als ich. In ihren Augen sehe ich Erfahrung und Geheimnisse, wo bei Lara nichts als Unschuld und Wahrheit ist, aber das alles scheint ohne Bedeutung zu sein. Diese Frau, diese Fremde, die vielleicht sogar meine Feindin ist, bringt mich dennoch dazu, an meine Schwester zu denken. Aber das ist ein gefährlicher Weg, den ich gar nicht erst einschlagen darf.

»Du bist im Wald und von Wölfen umgeben, und selbst wenn du glaubst, du wärst eine von uns, ist dem nicht so. Wir würden dich alle bei lebendigem Leib verschlingen. Verschwinde aus meinem Wald, bevor ich noch derjenige bin, zu dessen Hauptmahlzeit du wirst.«

Bei diesen Worten rücke ich von ihr ab, wische mir das Blut aus dem Gesicht und nehme den Verbandskasten vom Bett. Ich mache einen Schritt in Richtung Bad, als mir auf einmal aufgeht, dass die Frau verwanzt oder mit einem GPS-Sender ausgestattet sein könnte. »Ha, sie hat Angst. Dass ich nicht lache«, murmele ich wütend und ärgere mich über mich selbst, dass ich so gutgläubig bin.

Im nächsten Augenblick habe ich mich schon wieder zu ihr umgedreht, ihr Handgelenk gepackt und schleife sie zu der Tür, hinter der ich das Badezimmer vermute. Zwar befinden sich darin nur eine Toilette und ein Waschbecken, aber mehr brauche ich auch nicht.

Ich zerre die Frau vor mich, schiebe sie vor das Waschbecken und den Spiegel und trete hinter sie. Meine Hände befinden sich auf Höhe ihrer schmalen Taille, und mir fallen ihre kurvigen, aber schlanken Hüften und der runde und perfekte Hintern auf. Vermutlich sind das zwei der Gründe, aus denen Sheridan sie für diesen Job ausgewählt hat.

Bei diesem Gedanken lodert meine Wut noch heißer auf, und als sich unsere Blicke im Spiegel kreuzen, sehe ich eine Panik in ihren Augen, die unmöglich gespielt sein kann. Das ist gut. Genau das habe ich beabsichtigt. »Was hast du vor?«, will sie wissen.

»Ich ziehe die Essenszeit vor.«

Sie versucht, sich umzudrehen, aber ich habe das vorausgesehen, stelle mich dicht hinter sie und drücke meine Oberschenkel von außen gegen ihre Beine. Um sie noch fester gegen das Waschbecken zu drücken, presse ich meinen Schritt gegen ihren weichen, runden Hintern. Mein Penis reagiert sofort, fast so, als wäre das seine Belohnung. Er wird augenblicklich steif, da es anscheinend nur meinem Gehirn nicht egal ist, dass diese Frau lediglich genau das macht, was Sheridan ihr aufgetragen hat.

»Lass mich los«, verlangt sie.

»Gerade nebenan wolltest du genau das Gegenteil.«

»Ich habe dich gebeten, mich nicht zurückzulassen, aber nicht, mich gegen ein Waschbecken zu drücken.«

Wieder versucht sie, sich mir zu entwinden, und der Reißverschluss meiner Hose drückt sich fast schon schmerzhaft gegen meine Erektion. »Das reicht«, stoße ich hervor. »Ich muss mich vergewissern, dass du nicht verwanzt bist.«

Sie erstarrt, sieht mir im Spiegel erneut in die Augen, und ihr dunkelbraunes Haar fällt ihr in die Stirn. »Verwanzt? Nein! Nein, ich habe keinen Sender oder etwas Derartiges.«

»Entschuldige, aber dein Wort reicht mir leider nicht.«

»Was hast du vor?«, fragt sie erneut, und die Angst ist nun außer in ihren Augen auch in ihrer heiseren, zittrigen Stimme.

»Ich werde mich vergewissern, und dazu bieten sich mir zwei Möglichkeiten.« Ich drehe sie zu mir um, drücke sofort wieder die Beine wie einen Schraubstock gegen ihre und lege ihr die Hände an die Taille, wo ich absichtlich die Finger anspanne. »Ich kann dich durchsuchen, und zwar gründlich und sehr intensiv.« Ich halte kurz inne, damit die Worte die gewünschte Wirkung entfalten können, und die Luft zwischen uns scheint etwas zu schnell dicker zu werden, »oder du ziehst dich freiwillig aus und beweist mir, dass du sauber bist.«

Sie öffnet die Lippen und keucht lautlos auf. »Das kann nicht dein Ernst sein.«

»Und ob das mein Ernst ist. Ich bin der Wolf, der dem Reh gleich die Kehle aufreißen wird, Süße, und wir müssen die Sache schnell über die Bühne bringen. Also entscheide dich. Was soll es sein?«

»Sheridan hätte mich niemals verwanzt. Ihm wäre klar gewesen, dass du danach suchen würdest.«

»Natürlich weiß er das. Hierbei geht es einzig und allein darum, dass du dich ausziehst. Er will, dass wir zusammen im Bett landen. Und wenn du mir das anbieten solltest, werde ich auch nicht Nein sagen, aber ich werde der sein, der zuletzt lacht, das kann ich dir versichern.«

»Ich biete dir überhaupt nichts an.« Sie stemmt die Hände gegen meine Brust. »Lass mich hier raus.«

»Kein Problem«, erwidere ich und tue zweifellos das Gegenteil von dem, was sie erwartet hat. Ich lasse sie frei und rücke einige Zentimeter von ihr ab, soweit es in dem kleinen Bad eben möglich ist. Aber wir sind einander immer noch nahe, und ich kann diesen verdammten Blumenduft auf ihrer Haut riechen. Sie umklammert den Rand des Waschbeckens hinter sich und atmet schnell und schwer, geht jedoch nicht hinaus. Natürlich tut sie das nicht. Sie arbeitet für Sheridan. Selbst wenn sie gehen möchte, kann sie es nicht tun.

Sie sagt nichts. Steht einfach reglos da. Ich mache eine übertriebene Geste in Richtung Tür. »Tu dir keinen Zwang an. Du bist auf dich allein gestellt.«

Sie sieht mich unschlüssig an, und die Blutspur auf ihrer Wange bildet einen starken Kontrast zu ihrer wunderschönen porzellanfarbenen Haut. Verdammt noch mal, wieso fällt mir so etwas überhaupt auf? Ich ärgere mich gleichzeitig über mich selbst und über sie, lege ihr die Hände an die Taille, und schiebe sie zur Seite. Danach trete ich vor das Waschbecken, nehme das Handtuch vom Haken und drehe den Wasserhahn auf.

»Was machst du da?«, fragt sie.

Ich werfe ihr einen Seitenblick zu. »Die Frage wird langsam langweilig, aber wenn du es unbedingt wissen musst: Ich werde mich waschen, damit ich von hier verschwinden kann. Und damit das klar ist: Ich werde dich nicht mitnehmen.«

»Wenn du glaubst, dass ich verwanzt bin, warum verschwindest du dann nicht direkt?«

»Weil das bedeuten würde, dass Sheridan diesen Fluchtversuch geplant hat und uns einfach nur im Auge behalten will. In diesem Fall hätte ich deutlich mehr Zeit und nicht etwa weniger.«

»Dann sollte dir klar sein, dass Letzteres der Fall ist. Ich bin nicht verwanzt. Ich trage auch keinen GPS-Sender bei mir.« Sie nimmt meinen Arm, und ich drehe mich zu ihr um, während sie mir versichert: »Und ich bin auch nicht die Hure, für die du mich zu halten scheinst. Daher werde ich mich auch nicht ausziehen, um es dir zu beweisen.«

Sie klingt ziemlich überzeugend, und die Verzweiflung in ihren Augen scheint echt zu sein, aber warum sollte es auch anders sein? Sheridan zu enttäuschen ist etwas, für das man einen hohen Preis bezahlen muss. Im Verhörraum hat sie außerdem einen überaus zähen Eindruck gemacht. »Wie du willst«, sage ich, nehme ihre Hand von meinem Arm, drehe mich wieder zum Waschbecken um und beuge mich vor, um mir das Gesicht zu waschen. Sie rührt sich nicht und sagt keinen Ton, und obwohl ich mir bewusst bin, dass sie dort steht, und jeden ihrer Atemzüge registriere, ignoriere ich sie. Mit der Seife, die auf dem Waschbecken liegt, reinige ich meine Arme und mein Gesicht, wobei die Wunde auf meiner Wange wieder zu bluten beginnt. »Scheiße«, murmele ich, drehe das Wasser ab und greife nach dem Verbandskasten, während mir durch den Kopf schießt, dass die Wunde eigentlich genäht werden müsste, was unter diesen Umständen jedoch nicht möglich ist.

»Warum bist du noch hier?«, will ich von der Frau wissen und nehme zwei Pflaster aus dem Verbandskasten.

»Ich weiß nicht, wo ich hingehen soll.«

»Weg von mir«, erkläre ich und versorge die Wunde.

»Ich habe dir doch gerade gesagt, dass ich nicht weiß, wo ich hingehen soll.«

»Und doch hast du vor der Kamera verdammt selbstsicher gewirkt.«

»Mir haben die Hände gezittert, und ich hatte eine Heidenangst.«

»Tja, dann hast du aber eine gute Show abgeliefert, Süße.«

»Das lag bloß am Adrenalin. Inzwischen hat mich die Realität wieder eingeholt.«

»Hör auf mit dem Gejammer. Du hast es so aussehen lassen, als hätte ich dich entführt.«

»Für den Fall, dass man mich erwischt, aber er lässt sich nicht so leicht hinters Licht führen. Bitte. Ich brauche Hilfe. Ich werde … alles tun, was du von mir verlangst, um dir zu beweisen, dass ich dich nicht verarsche. Durchsuch mich. Das ist immer noch besser, als mich auszuziehen. Glaube ich. Hoffe ich. Bringen wir’s einfach hinter uns.«

Das ist die Einladung, auf die ich gewartet habe. Ich packe ihr rechtes Handgelenk, ziehe sie wieder vor mich zum Waschbecken und drücke die Beine erneut an ihre. Sie krallt die Finger in mein T-Shirt und senkt den Blick.

»Sieh mich an«, verlange ich, da ich unbedingt herausfinden muss, warum ich mein Blut bei dieser Frau nicht wie gewohnt zu Eis werden lassen kann.

Sie schlägt die Augen auf, reckt das Kinn, und ich mustere sie, wobei ich mir ins Gedächtnis rufe, dass ich das Ganze unbedingt für sie möglichst unangenehm gestalten muss. Doch dann ist da dieser verletzliche, erschütterte Ausdruck in ihren Augen. Die Frau, die mich verraten hat, redete mir ein, sie wäre Sheridans Opfer, aber nicht ein einziges Mal hat sie mich auf diese Weise angesehen.

Ich gehe vor ihr in die Knie, lege die Hände um ihre schlanken Fesseln, verweile dort für einen Moment und ermahne mich, dass ich sie wie eine Feindin behandeln muss. Sie soll sich bei der Durchsuchung unwohl fühlen, aber ich muss immer wieder an meine Schwester denken, deren Leben auf den Kopf gestellt wurde, ohne dass sie etwas dafür konnte. Der Gedanke, diese Frau könnte ebenso ein Opfer sein wie Lara, gefällt mir nicht.

Mit einem lauten Stoßseufzer lasse ich die Hände über ihre Beine nach oben zum Rand ihrer halterlosen Strümpfe gleiten, wo ich am Spitzenrand nach einem verborgenen elektrischen Gerät suche. Danach widme ich mich ihren Hüften, und sie saugt die Luft ein, als ich mit den Fingern zwischen ihren Beinen hindurchfahre. Sie trägt einen String, und auch wenn ihr Hintern noch so verlockend ist, geht es hierbei nicht um Sex oder erzwungene Anmache. Wenn ich mit Sicherheit wüsste, dass sie tatsächlich für Sheridan arbeitet, sähe die Sache ganz anders aus.

Ich versuche, uns beiden nicht die Zeit zu lassen, darüber nachzudenken, wie übergriffig das auf sie wirken muss, wenn sie wirklich unschuldig ist. Dann stehe ich auf und drehe sie erneut zum Spiegel um. Sie lässt den Kopf sinken, sodass ihr das lange, seidige braune Haar ins Gesicht fällt. Ich ziehe ihr die schwarze Seidenbluse aus dem Rock, schiebe die Finger darunter und taste geschickt ihre schmale Taille, ihre Rippen und die Seiten ihrer Brüste ab. Nach kurzem Zögern tue ich, was getan werden muss, und durchsuche das offensichtlichste Versteck für eine Wanze oder einen Rekorder, indem ich ihre Brüste umfange. Als ich dort nichts als sanfte, weiche Rundungen spüre, schiebe ich die Körbchen herunter und vergewissere mich, dass auch darin nichts versteckt ist. Sie keucht. Verdammt, ich glaube fast, ich tue es auch, und als ich die Hände dort wegnehme, schiebe ich sie in ihr Haar, teile es und sehe mir ihren Nacken an.

Zu guter Letzt drehe ich sie zu mir um und stemme die Hände rechts und links von ihr gegen das Waschbecken. Sie hat den Kopf noch immer gesenkt und macht ganz und gar nicht den Anschein einer Verführerin, aber vielleicht versucht sie auch gerade, ihr Ziel auf diese Weise zu erreichen, und verarscht mich. Aber sie ist definitiv nicht verwanzt, und ich höre mich sagen: »Ich musste das tun.«

Sie hebt ruckartig den Kopf, sieht mir in die Augen und wird rot. »Ich weiß«, flüstert sie und räuspert sich dann leise. »Das ist mir klar. Danke, dass du nicht …«

»Lass es. Bedank dich nicht, denn ich werde mich im Handumdrehen gegen dich wenden, sobald du mir auch nur den leisesten Grund dafür gibst. Ich traue dir nicht.«

»Ich traue dir auch nicht.«

»Das solltest du auch nicht. Wie heißt du eigentlich?«

»Gia Hudson.«

»Ist das dein richtiger Name?«

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