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Entflammt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über dieses Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. 1. Kapitel
  7. 2. Kapitel
  8. 3. Kapitel
  9. 5. Kapitel
  10. 6. Kapitel
  11. 8. Kapitel
  12. 9. Kapitel
  13. 10. Kapitel
  14. 11. Kapitel
  15. 12. Kapitel
  16. 13. Kapitel
  17. 14. Kapitel
  18. 15. Kapitel
  19. 16. Kapitel
  20. 17. Kapitel
  21. 18. Kapitel
  22. 19. Kapitel
  23. 20. Kapitel
  24. 21. Kapitel
  25. Epilog

Über dieses Buch

Ich versinke in seinem Kuss, drehe mich um und presse mich an seine Brust, brenne vor Lust, wie nur er sie in mir auslösen kann, und er ist mein Himmel inmitten der Hölle. Jeder seiner Küsse ist flüssiges Feuer, ein Ausweg, wie ich ihn nirgends sonst finden kann.

Geheimnisse und Lügen. Sie sind überall, verfolgen und quälen Amy. Inmitten des Chaos war Liam ihr Ausweg, ihre Hoffnung und ihre Leidenschaft. Die einzige Person, der sie nach sechs Jahre Einsamkeit vertraute.

Doch auch Liam hat Geheimnisse, die er vor Amy verbirgt und Amy muss sich entscheiden: kämpft sie für die Wahrheit oder streicht sie Liam aus ihrem Leben?

»Entflammt« ist der zweite Band der spannenden Erotikreihe »Amy’s Secret« der New York Times Bestseller Autorin Lisa Renee Jones.

Über die Autorin

Lisa Renee Jones lebt derzeit in Colorado Springs. Sie veröffentlichte in den USA bereits über 40 Bücher und wurde mehrfach mit dem Genrepreis ausgezeichnet. Ihre Titel erscheinen regelmäßig auf den Bestseller-Listen der New York Times und der USA Today.

1. Kapitel

Direkt und ehrlich.

So würde Liam Stone mich wollen, hat er behauptet – aber das ist nicht die Art, mit der er mir begegnet ist. Er hat mich belogen. Er hat mich verletzt. Und trotzdem klammert sich irgendein geisteskranker, dämlicher Teil von mir noch an die Vorstellung, es könne eine logische Erklärung für das Gespräch zwischen ihm und Derek geben, das ich gestern Abend belauscht habe. Derselbe Teil von mir, der Liam als meinen Helden betrachtet hat, den Mann, der bereit war, meinem sprichwörtlichen Godzilla den Kampf anzusagen.

Dabei war er nie wirklich mein Held. Und nach einer schlaflosen Nacht im Cherry Creek Inn habe ich mich der Realität gestellt. Ich darf nicht riskieren, ihm zu trauen – oder sonst irgendjemandem –, bis ich mich mit der Vergangenheit auseinandergesetzt habe, die jemand aus meinem Gedächtnis löschen will. Das bedeutet, ich muss Colorado und meine Identität als Amy Bensen hinter mir lassen und mich nach Texas aufmachen. Genau daran arbeite ich gerade.

Begleitet von einem Windstoß betrete ich das Pfandleihhaus in der Innenstadt von Denver, streiche mir das lange blonde Haar aus dem Gesicht und blicke mich um. Die Vitrinen aus Glas bilden ein T, und dahinter ist niemand zu sehen. Trotzdem spüre ich das allzu vertraute Gefühl, beobachtet zu werden, und würde am liebsten gleich wieder gehen. Laut dem Kerl vom Flohmarkt, der mir für fünfzig Dollar eine billige Ausweisfälschung gemacht hat, kann ich hier eine qualitativ hochwertigere bekommen, die es mir erlauben wird, zu verschwinden. Und genau die brauche ich, denn Liam Stone verfügt über genug Macht und Reichtum, um mich zu jagen und aufzustöbern, wenn ich meine Spuren nicht gründlich verwische.

»Hallo?«, rufe ich und schlinge in der Kälte der Klimaanlage die Arme um meinen Oberkörper. Ich friere in der weißen Shorts und dem roten Tanktop, die ich nach dem katastrophalen Ende des Dinners mit Liam gestern Abend bei Walmart gekauft habe. Es geht mir wirklich gegen den Strich, dass ich nicht zurück in meine Wohnung kann, um meine Sachen zu holen – auch wenn das meiste davon ohnehin Liam gekauft hat. Sobald ich endlich untertauchen kann, werde ich das Geld von meinem New Yorker Konto holen und mich mit ein paar zusätzlichen Basics eindecken, die sich auch anfühlen wie mein Eigentum.

Ich gehe weiter in den Laden und bete, dass der Zwanziger, den ich dem Taxifahrer in die Hand gedrückt habe, reicht, damit er auf mich wartet. »Hallo?«, rufe ich noch einmal, ernte jedoch wieder nur Stille.

Je mehr Sekunden verstreichen, desto unwohler wird mir. Zu guter Letzt beschließe ich, nach dem Taxi zu schauen und mir einen neuen Plan zu überlegen, und wende mich in Richtung Ausgang.

»Señorita.«

Als ich mich umdrehe, sehe ich mich einem untersetzten Mann Mitte fünfzig gegenüber, dessen buschiger Bart genauso grau und drahtig ist wie sein zu langes Haar. »Ich bin auf der Suche nach Roberto«, erkläre ich. Ist dieser schmuddelige Fremde mein Ticket in die Freiheit?

Als er in seinen Jeans und dem fadenscheinigen, zerknitterten T-Shirt vor mir steht, umwabert ihn Zigarettengestank. »Ich bin Roberto«, verkündet er. Mit zwei Fingern greift er sich eine Strähne meines langen blonden Haars, und es kostet mich große Mühe, nicht vor ihm zurückzuzucken, als er hinzufügt: »Mein Kontakt hat gesagt, Sie wären dunkelhaarig.«

Ich weiche einen Schritt nach hinten und hebe meine billige, übergroße Handtasche vor den Körper – zwischen ihn und mich. »Das war eine Perücke«, sage ich. »Ich hab sie dabei.«

»Für einen schnellen Identitätswechsel«, kommentiert er. »Kluge Mami.«

Was eine »Mami« sein soll, weiß ich nicht, aber nach der grauenhaften Fälschung von seinem Kontakt auf dem Flohmarkt habe ich beschlossen, dass ich eine bessere Tarnung brauche. Im schlimmsten Fall gehe ich immer noch mit meinen Amy-Bensen-Fotos durch.

»Zweitausendfünfhundert Dollar«, sagt er.

Mir fällt die Kinnlade herunter. »Was? Nein, mir hat man gesagt, es kostet fünfhundert.«

»Sie müssen dringend genug verschwinden, dass Sie zwei Haarfarben wollen. Das bedeutet, Sie brauchen die besten Papiere, die ich Ihnen machen kann. Die kosten zweitausendfünfhundert Dollar.«

»Ich hab keine zweitausendfünfhundert Dollar. Was bekomme ich für fünfhundert?«

»Nichts. Man hat Ihnen eine falsche Auskunft gegeben.«

Mir krampft sich der Magen zusammen. »So viel habe ich nicht.«

»Tja, dann«, entgegnet er mit schmal werdenden Lippen, »müssen Sie wohl Ihren Flohmarkt-Ausweis benutzen.« Und schon hat er sich abgewandt und interessiert sich nicht mehr für mich.

»Nein«, schiebe ich rasch hinterher. Die Ausweisfälschung, die sein Kontakt mir heute Vormittag gemacht hat, würde man mir nicht mal im Supermarkt an der Kasse abnehmen, geschweige denn am Flughafen. »Warten Sie.« Er dreht sich zu mir um und hebt fragend eine dunkle Augenbraue. »Ich habe siebenhundert Dollar.«

»Zweitausendfünfhundert.«

Meine Gedanken rasen, während ich ausrechne, wie viel mir zum Überleben bleibt, wenn ich höher gehe. Ich entschließe mich zu einem festen »Tausendfünfhundert Dollar. Das ist alles, was ich habe«.

Gierig gleitet sein Blick an meinem gesamten Körper hinab, dann zurück zu meinem Gesicht, und ich fühle mich besudelt. »Vielleicht können wir einen Handel machen«, schlägt er vor. »Sie geben mir etwas, was ich will. Ich gebe Ihnen etwas, was Sie wollen.«

Mir schlägt das Herz bis zum Hals. Ich will überleben. Ich will antworten. Ich will Amy Bensen verschwinden lassen, aber nicht auf diese Weise. »Nein, ich …«

»Doch«, widerspricht er, und seine Hände landen auf meinen Schultern.

Panik bricht über mich herein und schickt einen Adrenalinstoß durch meine Adern. Ich schlage seine Hände weg. »Nein!«

Unbeeindruckt packt er meine Handgelenke. »Du wirst es genießen, versprochen.«

»Lassen Sie mich los!«, fauche ich. Über meine Kopfhaut zieht ein vertrautes Prickeln, Vorbote eines meiner gefürchteten Flashbacks, die mich völlig außer Gefecht setzen können. »Nein. Nein.« Wie ein Messer schneidet der Schmerz durch meinen Kopf. »Oh Gott. Nicht jetzt.«

»Oh Gott ist richtig«, verspricht er. »Das wirst du wieder und wieder stöhnen.«

In seinen Augen sehe ich, was er vorhat. Er wird mir keinen Ausweis fälschen. Stattdessen wird er mich zu einem Opfer machen, wenn ich es zulasse. Ich habe es so satt, jedermanns Opfer zu sein.

Abrupt reiße ich das Knie hoch und lege all meine Kraft in den Stoß in seine Weichteile. Grunzend krümmt er sich nach vorn und japst vor Schmerzen. Das Prickeln in meinem Kopf wird deutlicher, und hastig stoße ich die Tür auf, um die Flucht zu ergreifen, bevor ich zusammenbreche. Mit einem raschen Blick nach rechts bestätigt sich, dass der Taxifahrer mich im Stich gelassen hat. Blind renne ich los, so schnell ich kann.

Vor meinen Augen tauchen schwarze Punkte auf, und ich haste in ein Diner und steuere geradewegs auf das Toilettenschild zu. Sobald ich auf dem winzigen Örtchen bin, schließe ich mich ein und presse den Rücken an die Tür. Der Schmerz zerreißt meinen Schädel, und mit geballten Fäusten rutsche ich an der Tür nach unten, gerade rechtzeitig. Unvermittelt finde ich mich in der Vergangenheit wieder.

Ich parke meinen Toyota Camry vor dem Haus und stelle mir vor, wie es sein wird, wenn ich in ein paar Monaten auf dem College bin und nicht mehr zu einer bestimmten Uhrzeit zu Hause sein muss. Als mich die heiße texanische Nachtluft empfängt, fällt mir auf, dass auf der Veranda kein Licht brennt. Wie ungemein … seltsam.

Stirnrunzelnd werfe ich die Wagentür zu. Der SUV meiner Eltern steht in der Auffahrt. Da meine Mom mich nicht auf der Veranda erwartet, um mir vorzuhalten, dass ich zehn Minuten zu spät bin, hat sie vielleicht die Migräne eingeholt, gegen die sie sich vorhin noch gewehrt hat. Trotzdem ist mir nicht ganz wohl, und ich halte den Schlüssel in der Hand bereit.

Rasch marschiere ich aufs Haus zu und schleiche – in der Hoffnung, einer Standpauke zu entgehen – auf Zehenspitzen die Verandatreppe hinauf. Die dritte Stufe knarzt laut, und ich erstarre. Verflixt noch mal, das ist alles Danas Schuld. Ich habe ihr schon vor einer halben Stunde gesagt, dass ich aus dem Kino losmuss, aber da hat gerade der Captain des Footballteams mit ihr geredet, in den sie hoffnungslos verknallt ist. Hastig nehme ich die restlichen Stufen, und sobald ich die Veranda erreiche, schließen sich Finger um meinen Oberarm. Ich schnappe nach Luft, und eine große Hand legt sich über meinen Mund. Panisch greife ich danach und versuche, sie wegzuzerren.

Im nächsten Augenblick werde ich gegen die Wand gedrängt, die Hand ist noch immer über meinem Mund. »Hast du’s drauf angelegt, dass dich jemand schnappt und dir was antut?«

Blinzelnd erkenne ich meinen großen Bruder in der tintenschwarzen Nacht, und er nimmt die Hand von meinem Mund. Ich ziehe eine Grimasse, reiße das Knie nach oben und stoppe Millimeter vor seinen Weichteilen. »Ich sollte dir was antun. Du hast mir eine Scheißangst eingejagt, Chad! Seit wann seid ihr wieder hier, du und Dad?«

Er ignoriert die Frage. »Wenn du etwas Ungewöhnliches siehst, wie zum Beispiel, dass auf der Veranda kein Licht ist, dann stürm nicht einfach mitten hinein und hoff, dass es schon irgendwie gut geht. Dich bloß in deiner Märchenwelt von Dates am Samstagabend und Teenager-Getuschel rumzutreiben hält dich nicht am Leben.«

Augenblicklich bin ich sauer. »Teenager-Getuschel? Hast du das gerade ernsthaft gesagt? Ich will doch mit dir und Dad zu den Ausgrabungen. Ich will die Welt erkunden. Es ist bloß deinem Einfluss auf Dad zu verdanken, dass ich nicht mit euch mitfahren darf – also fang gar nicht erst damit an, Chad.«

Eine blonde Locke fällt ihm in die Stirn, als er den Kopf schüttelt. »Weil ich verdammt noch mal versuche, dafür zu sorgen, dass du das normale Leben lebst, das ich nie hatte.«

Bei seinem rauen Tonfall bekomme ich eine Gänsehaut, und in meinem Bauch ballt sich Furcht zusammen. »Was ist los, Chad?«

Er starrt mich bloß an.

»Chad?«, bohre ich.

Frustriert stößt er sich von der Wand ab und reibt sich das Gesicht. »Gar nichts ist los.« Er deutet auf die Tür. »Lass uns reingehen.«

»Nicht bevor du mir erzählt hast, was hier los ist. Und behaupte nicht, es wäre nichts. Sag mir die Wahrheit.«

»Mit der Wahrheit würdest du nicht klarkommen. Wenn mir dieser Abend eins gezeigt hat, dann das.«

»Das ist unfair. Ich lebe das einzige Leben, das ihr mir ermöglicht. Was verschweigst du mir?«

Ein Klopfen an der Tür reißt mich zurück in die Gegenwart. Ich sitze am Boden, die Beine über die Fliesen gestreckt.

»Chad«, flüstere ich, und es zerreißt mich, wie real er sich angefühlt hat. Nur wenige Monate nach jenem Abend habe ich ihn und jeden anderen Menschen verloren, den ich geliebt habe. Ich presse die Lider zusammen und erinnere mich daran zurück, wie Mom die Tür geöffnet und damit die Unterhaltung beendet hat, mit der Chad nie wieder angefangen hat.

Mit der Wahrheit würdest du nicht klarkommen. Ich kneife die Augen zu und schäme mich, wie recht er hatte. Schäme mich dafür, wie ich mich in den letzten sechs Jahren vor allem versteckt habe, alles verdrängt habe, aus Angst vor dem, was ich herausfinden könnte. Meine Lider heben sich. Das hat jetzt ein Ende.

Ich öffne die Tür und gehe zurück in den Speiseraum, und es ist, als hätte die Erinnerung an Chad etwas in mir verändert. Tief in meinem Inneren weiß ich, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Etwas in mir brennt darauf, dem Gefängnis zu entfliehen, das mein Leben bisher war. Es ist beinahe, als hätte ich die Stelle im Museum instinktiv angetreten, um das Schicksal herauszufordern und mich endlich zum Handeln zu zwingen.

Als ich das Diner verlasse, bin ich bemerkenswert gelassen, was meine beschränkten Reisemöglichkeiten angeht. Ich halte ein Taxi an und weise den Fahrer an, mich zu einer Bank zu bringen. Dort hebe ich das Geld von meinem New Yorker Konto ab und weiß, dass ich damit ein Leuchtsignal über meinen Aufenthaltsort für den Unbekannten aussende, der mich von New York aus verfolgt hat.

Als Nächstes lasse ich mich zu Walmart fahren, wo ich Alltagskleidung, zwei kleine schwarze Koffer, ein paar Hüte, eine Sonnenbrille und eine kosmetische Grundausstattung kaufe. Nachdem ich alles bezahlt habe, gehe ich auf die Toilette und ziehe mir Jeans und ein dunkelblaues T-Shirt an. Die restlichen Einkäufe packe ich in einen der Koffer, der zweite bleibt leer. Schließlich streife ich einen roten Kapuzenpulli über, um sicherzustellen, dass ich an meiner nächsten Station auffalle.

Als das Taxi am Flughafen hält, sind meine Nerven zum Zerreißen gespannt, und ich muss mich zwingen, auszusteigen. Ich habe einen Plan, und er ist gut.

Am Schalter einer Billig-Airline ergattere ich einen Platz in einem Flieger, der in weniger als einer Stunde abhebt. Ich gebe den leeren Koffer auf, um die Reservierung echter wirken zu lassen, den anderen behalte ich bei mir. Sobald ich meine Bordkarte habe, mache ich mich auf den Weg und rufe mir immer wieder in Erinnerung, dass es hier überall Kameras und Sicherheitspersonal gibt. Hier bin ich sicherer als irgendwo sonst.

Eine quälende Viertelstunde später gehe ich zum Gate und suche mir einen Platz dicht beim Schalter, damit ich um Hilfe rufen kann, wenn nötig. Ich warte. Und warte. Und warte. Endlich kommt der Aufruf zum Boarding. Jetzt muss ich es genau richtig anstellen. Ich stelle mich in die Schlange, und die Flugbegleiterin scannt mein Ticket und winkt mich durch. Ich gehe zum Eingang und verschwinde in die Gangway, dann trete ich an die Wand und lasse die Nachfolgenden vorbei. Der Kapuzenpulli verschwindet in meiner Tasche, dann hole ich die schwarze Schirmmütze hervor, die ich gekauft habe, und stopfe mein Haar darunter.

Eine Flugbegleiterin kommt um die Biegung der Gangway. »Brauchen Sie Hilfe?«, fragt sie.

»Meine Mutter fliegt auch mit und sollte längst hier sein, ich mache mir Sorgen. Habe ich noch Zeit, sie zu suchen?«

»Sie haben noch etwa drei Minuten. Ist ihre Buchung bestätigt?«

»Ja.«

»Wie ist ihr Name? Dann lasse ich sie über das Interkom ausrufen und sehe auf der Passagierliste nach ihr.«

»Kylie Richardson, und vielen Dank.«

Sie nickt. »Geben Sie mir noch einen Moment, solange das Boarding noch läuft. Wie heißen Sie?«

»Lara«, antworte ich und spreche zum ersten Mal seit sechs Jahren meinen echten Namen aus. Ich erlaube mir nicht, über die Dummheit nachzudenken, ihn hier zu benutzen – in einem Flughafen, in dem man mich mit Sicherheit verfolgt.

»Lara Richardson?«

Brooks. Doch aus Gründen, die über die naheliegende Notwendigkeit der Diskretion hinausgehen, fühlt dieser Name sich nicht länger wie mein eigener an.

»Okay, Ms Richardson. Suchen Sie schon einmal Ihren Platz, und ich finde Ihre Mom.«

Als sie die Gangway entlanggeht, folge ich ihr und spähe um die Ecke. Ich sehe, wie sie auf den Schalter zugeht, wo noch eine andere Frau steht. Der Wartebereich ist leer. Wie an jenem Tag, als ich Liam begegnet bin. Als ich dachte, ich würde keinen Platz mehr kriegen, und stattdessen auf einem Sitz in der ersten Klasse direkt neben ihm gelandet bin. Mittlerweile frage ich mich, ob das Zufall war oder von ihm eingefädelt.

Die Flugbegleiterinnen schauen in die andere Richtung, und ich ergreife die Gelegenheit, zügig den Gatebereich zu verlassen. Dann haste ich beinahe im Laufschritt zum Aufzug und steuere unten den Taxistand an. Dort drücke ich dem Fahrdienstleiter einen Zwanziger in die Hand. »Ich bin auf dem Weg zu einem Hochzeits-Probedinner und spät dran. Ich muss so schnell wie möglich hier los.«

Mit einem Blick auf den Geldschein nickt er. »Kommt sofort, die Dame.« Er hebt den Arm, um ein Taxi heranzuwinken, und hebt meinen Koffer auf.

»Auf den Rücksitz, bitte«, weise ich ihn an. Ich will meine Sachen in Reichweite haben, für den Fall, dass ich schnell verschwinden muss. Nach diesem Flugticket kann ich es mir nicht leisten, noch mehr Geld aus dem Fenster zu werfen.

Gerade als ich ebenfalls auf den Rücksitz schlüpfen will, höre ich: »Amy.«

Beim Klang von Liams tiefer, allzu vertrauter Stimme erstarre ich. Nein. Nein. Nein. Er kann nicht hier sein. Unmöglich.

Doch er ist es, was nur eins bedeuten kann. Er hat jemanden auf mich angesetzt – die Bestätigung dafür, dass er nie bloß ein Fremder war, der mich tief berührt hat. Er ist alles, wovon ich mir wünsche, er wäre es nicht. Ich habe gebetet, dass es nicht so ist.

Als ich herumfahre, sieht Liam in seiner ausgebleichten Jeans und einem Izod-T-Shirt im selben perfekten Aquamarin wie seine Augen wieder einmal aus wie der Inbegriff von »groß, dunkel, gut aussehend«. Und er ist nah. Zu nah.

Er will auf mich zugehen, und ich zische: »Lass das!« Warnend hebe ich die Hand. »Ich schreie wie am Spieß.«

Unsere Blicke treffen sich, und mit verengten Augen hält er mich in seinem Bann. »Lauf zu mir, Amy – nicht vor mir weg.«

Bei diesen Worten erwacht eine leidenschaftliche Erinnerung, in mir an das, was er schon einmal gesagt hat. Und sie tun weh. Es tut so weh. »Ich weiß nicht mal, wer du bist.«

»Du weißt, wer ich bin. Wer bist du?«

»Hey, Lady«, meldet sich der Taxifahrer. »Steigen Sie jetzt ein?«

»Ja«, rufe ich, ohne den Blick von Liam zu lösen. »Ich hab dich gestern Abend mit Derek reden hören.«

»Du weißt nicht, was du da gehört hast.«

Ich hatte gehofft, er würde es abstreiten. Dass er es nicht tut, sagt mehr als tausend Worte, und ich wende mich ab, um in den Wagen zu steigen.

»Lass es«, befiehlt er, doch es liegt der Hauch einer Bitte darin, von der ich mir nicht sicher bin, ob sie real ist. Vielleicht sehne ich sie mir auch nur herbei. »Du brauchst meinen Schutz«, setzt er hinzu.

Ich lache, doch in dem Laut liegt nur Schmerz, keine Freude. »Es war nie dein Schutz, den ich gebraucht habe.« Es war seine Ehrlichkeit, seine Echtheit – die ich mittlerweile bezweifle.

»Du brauchst meinen Schutz«, wiederholt er. »Darüber habe ich mit Derek gesprochen. Wie wir dich beschützen.«

Läuft der Kamerafeed aktiv?, hatte er Derek gefragt. Das hat mit Schutz nichts zu tun. »Lügen schützen mich nicht«, presse ich hervor.

»Ich habe dich nicht belogen.«

Ich knirsche mit den Zähnen, als ich mich dabei ertappe, wie ich mir wünsche, dass er mir einen guten Grund für das Mitgehörte liefert. Es gibt keinen, rufe ich mir in Erinnerung, wie schon letzte Nacht unzählige Male. Ihm gegenüber hatte ich die Deckung fallen lassen, und das kann ich nicht noch einmal riskieren. Nicht nachdem meine Familie tot ist und ich als Nächste auf der Liste stehen könnte.

»Ich kann das mit dir nicht«, erkläre ich und schlüpfe auf den Rücksitz.

»Ich finde dich«, entgegnet er, und aus seinen Worten spricht absolute Überzeugung – sie sind ein Versprechen.

»Du kannst es ja versuchen.« Mit rasendem Herzen ziehe ich die Tür zu, verriegle sie und weise den Fahrer an: »Los – fahren Sie!«

Ruckartig schießt das Taxi los, und Liam hämmert aufs Dach. »Mach auf, Amy, verflucht!« Der jederzeit beherrschte Mann, den ich kennengelernt habe, ist wie ausgewechselt. Er rennt neben uns her und beugt sich in mein Blickfeld. »Tu das nicht, Amy. Halt sofort an!«

»Haben wir ein Problem, Lady?«, erkundigt sich der Fahrer.

»Fahren Sie, dann kriegen wir keins!«

Er drückt aufs Gas und lässt Liam hinter sich, und seine Abwesenheit ist Erleichterung und Tiefschlag zugleich. Als ich mich umdrehe, sehe ich ihn hinter uns herrennen. Rennen. Liam war verzweifelt meinetwegen. Es war in seinen Augen zu sehen, an seinem Handeln zu spüren. In seiner Stimme zu hören. Und ich sehne mich ebenso verzweifelt nach ihm – dem Mann, von dem ich geglaubt habe, er hätte meine ewige Verdammnis zur Einsamkeit beendet.

Aber ich weiß nicht, warum er so verzweifelt ist. Genauso wenig, wie ich weiß, warum ich gejagt werde oder wie er womöglich in diese Jagd verstrickt ist. Ich weiß nur, dass er es sein könnte.

Und in diesem Augenblick wird mir klar, warum ich sechs Jahre habe ins Land gehen lassen, bevor ich mich auf die Suche nach Antworten gemacht habe. Nicht zu wissen, wem ich trauen kann, oder wie ich lebensnotwendige Informationen in Erfahrung bringen kann, ohne umzukommen, ist entsetzlich.

Doch die Unwissenheit war bloß eine Fassade von Sicherheit – und das kommt nicht länger infrage.

Ich finde dich. Liams Worte hallen in meinem Kopf wider. Und das wird er, wenn ich ihm Gelegenheit dazu gebe. Meine Fingernägel bohren sich in meine Handflächen. Wenn ich Liam jemals wiedersehe, dann muss es meine Entscheidung sein.

Als wir auf den Highway fahren, setze ich mich aufrechter hin und denke an die Nachricht am JFK-Flughafen in New York zurück.

Sei clever. Trenne jegliche Verbindung zu deiner Vergangenheit. Und halte dich dieses Mal von Museen fern. Sei klug.

Eine vertraute Ruhe gleitet durch mich hindurch, wie nach dem Verlassen des Diners heute Morgen. Ich bin wieder in der »Zone«, ein Geisteszustand, den ich vor Jahren entdeckt habe, um den Erinnerungen an das Feuer zu entgehen, das meine Welt zerstört hat. Erst denken, Amy. Erst denken, dann handeln.

Ich widerstehe dem Drang, den Taxifahrer gleich die nächste Ausfahrt nehmen zu lassen; das wäre zu vorhersehbar. »Fahren Sie hier ab«, weise ich ihn einige Meilen weiter an und krame Bargeld aus meiner Handtasche.

Wir fahren auf den Zubringer zu. »Links oder rechts?«, will der Fahrer wissen.

Mein Blick fällt auf eine Raststätte, und mir kommt eine Idee. »Geradeaus«, antworte ich und stopfe mein Haar gewissenhaft unter die Schirmmütze. Als er an der roten Ampel vor uns hält, öffne ich meine Tür und werfe ihm das Geld nach vorn.

Durch meine Adern schießt Adrenalin angesichts der Gefahr, in der ich mich im Freien befinde, und hastig hänge ich mir die Handtasche über die Schulter und ziehe den Koffer hinter mir her über die Straße. Dieser neue Plan ist viel besser als der ursprüngliche, der vorsah, über die Kleinanzeigen im Internet einen billigen Gebrauchtwagen zu kaufen und damit über die Staatsgrenze zu verschwinden.

In der Raststätte steuere ich schnurstracks die Hintertür an, die zu den Zapfsäulen für die Sattelschlepper führt. So gefährlich es auch sein mag, ich halte mein Geld zusammen und trampe. Denn länger als unbedingt notwendig in der Stadt zu bleiben ist genauso gefährlich.

Ich trete aus der Tür und sehe mich nach dem am wenigsten nach Serienkiller aussehenden Menschen um. Ein bärtiger Mann in Jeans und Cowboyhemd kommt mir entgegen, fängt die Tür auf und bleibt ein paar Schritte von mir entfernt stehen. »Brauchst du Hilfe, Kleines?«

Das Ganze fühlt sich schon jetzt wie eine miese Idee an. »Nein, ich komme zurecht.«

Er kneift die Augen zusammen und mustert mich zwischen tiefen Falten viel zu lange von oben bis unten. »Soll ich dich mitnehmen?«

»Sie gehört zu mir.«

Als ich aufschaue, entdecke ich eine dünne Rothaarige um die fünfzig in Cowboystiefeln. Neben mir bleibt sie stehen. »Bist du so weit, können wir weiter?«

Ihr Blick ist der Inbegriff mütterlicher Autorität, und mir wird eng ums Herz, als ich an meine eigene Mutter zurückdenke. »Ja«, antworte ich ohne das leiseste Zögern. »Wir können.«

Sie deutet auf einen großen roten Sattelschlepper, und ich schließe mich ihr an. »Ich bin Shell, Süße. Ich würde ja fragen, wovor du wegläufst, aber die Lüge erspare ich dir. Ich bin mit meinem Mann Roy unterwegs. Wenn du willst, kannst du gern mitkommen. Wohin soll’s denn gehen?«

»Weg von hier«, sage ich. »Das ist im Augenblick alles, was zählt.«

In ihre Augen schleicht sich Traurigkeit, die sie rasch zügelt – aber ich sehe sie. Ich spüre sie. Oh, wie ich sie spüre.

»Wen haben wir denn da?«, erkundigt sich ein fröhlich wirkender grauhaariger Mann mit Bierbauch, als wir an den blitzsauberen roten Truck herantreten.

»Das ist …«, beginnt Shell und schaut fragend zu mir herüber.

»Amy«, antworte ich und klammere mich an den Namen, der das Einzige ist, was ich über sechs Jahre hinweg behalten konnte.

»Hi Amy, ich bin Roy. Weißt du, wie viele Trucker man braucht, um einen Sattelschlepper zu betanken?«

»Äh, nein. Wie viele?«

»Keinen. Wir lassen das unsere Frauen erledigen.«

Mir entwischt ein Lachen, und Shell schnaubt. »Mir macht er sicher keine Vorschriften, Süße.«

Zehn Minuten später sitze ich am Beifahrerfenster des Sattelschleppers, Shell auf der Bank zwischen Roy und mir, und das Lachen ist mir vergangen. Als Roy auf den Zubringer fährt, breitet sich ein bedrückendes Gefühl in meiner Brust aus. Denver hinter mir zu lassen, bedaure ich nicht, dafür umso mehr die Trennung von Liam. Ich sehne mich noch immer nach meinem Godzilla-Töter – und aus genau diesem Grund muss ich reichlich Abstand zwischen uns bringen.

Ich habe keine Ahnung, vor wem ich fliehe oder ob man mich tot oder lebendig will. Ich weiß bloß, dass ich Feinde habe, und dass es Zeit wird, herauszufinden, wieso. Und das werde ich tun, indem ich meine eigene Heldin bin. Eine Heldin, die meiner Familie alle Ehre macht, so wie sie es verdient hat.

2. Kapitel

Silver City, New Mexico
15.000 Einwohner

»Wo zum Teufel ist Amy?«

Ich haste gerade rechtzeitig durch die Hintertür des »The

Dive« in die Küche, um die Frage unseres kahlköpfigen, meistens mies gelaunten Kochs zu hören. »Hier bin ich«, antworte ich schnell und hänge meinen schwarzen Rucksack an einen der Garderobenhaken neben der Tür. »Bereit für meine Schicht.«

»Du bist zu spät«, murrt George.

Ich nehme die Haarspange, die außen an meinem Rucksack klemmt, und werfe einen Blick auf die Uhr, während ich mir das Haar in einem Knoten am Hinterkopf befestige. Um genau zu sein, bin ich zwei Minuten zu früh. Aber ich lege mich nicht mit ihm an, so wie ich schon seit acht Wochen nichts tue, womit ich Aufmerksamkeit auf mich ziehen könnte. »Sorry«, murmle ich, und meine blondierte Kollegin Katy – die im Gegensatz zu meinen zwei Wochen bereits drei Jahre hier ist –, wirft mir einen freundlich mitfühlenden Blick zu.

Ich ringe mir ein kleines Lächeln ab, bevor ich den Blick abwende und mir eine Schürze schnappe, die ich mir vor das rosa Uniformkleid binde, das hier alle Kellnerinnen zu weißen Sneakers tragen. Es ist nicht so, als wüsste ich Katys Mitgefühl nicht zu schätzen. Ich mag sie sogar ziemlich gern, wenn man bedenkt, wie kurz ich erst hier bin, aber ich habe keine Ahnung, ob wir außer diesem Diner irgendetwas gemeinsam haben. Und ich werde es auch nie erfahren.

Höchstens eine Woche bleibe ich noch hier; dann suche ich mir einen Trucker, der einigermaßen vertrauenswürdig scheint, und verschwinde. Das ist meine einzige Option, bis ich genug Geld und einen gut ausgefeilten Plan habe, mit dem ich zurück nach Texas kann, ohne unter der Erde zu landen.

George dreht einen Burger auf dem riesigen Grill um, der das Zentrum der Küche bildet. »Wenn ihr zwei so weit seid, dann ab an die Arbeit und verbreitet mal ein bisschen verfluchte Feiertagsstimmung unter den Gästen. Bis Thanksgiving steht Truthahn auf dem Speiseplan.«

»Es ist erst Halloween«, entfährt es mir. Ich bin noch nicht bereit für dieses Familienfest. Nicht dieses Jahr. Wie schon in den letzten sechs Jahren nicht.

»Dicht genug dran für Truthahnbraten«, grummelt George. »Den hab ich im Sonderangebot gekriegt, also seht zu, dass ihr den unter die Leute bringt. An die Arbeit jetzt. Für euch ist das hier keine Halloween-Party.«

»Wer braucht schon Kostüme und Partys?«, gibt Katy zurück. »Wir haben doch jeden Abend ein Ungeheuer in der Küche.«

Finster starrt George sie an. »Jedenfalls werd ich zum Ungeheuer, wenn ich nachher noch Truthahn übrig habe.«

Katy kommt zu mir. »Da sind ja die Besoffenen im Gastraum noch netter«, murrt sie, als wir aus der Küche hinter den langen Tresen treten, wo die Gäste auch sitzen können. Außerdem haben wir rote Sitzecken oder einfache Tische.

»Ich hoffe, damit liegst du richtig«, entgegne ich und muss innehalten, als die Gerüche von Pommes und gebratenem Speck sich vermischen wie faule Eier. Plötzlich krampft sich mein Magen zusammen, bevor eine unangenehme Woge hindurchläuft.

»Aber du gewöhnst dich schon noch an ihn, versprochen.« Als Katy herüberschaut, zieht sie die Augenbrauen zusammen. »Alles in Ordnung?«

»Ich hab meine Vitamintablette auf leeren Magen geschluckt – hätte es wissen sollen.« So sehr ich all die Lügen in meinem Leben auch verabscheue, geht mir diese doch leicht von den Lippen. Schon kommen die beiden Kellnerinnen auf uns zu, deren Schicht jetzt endet, und das folgende Gespräch bekomme ich kaum mit.

Ich bin mit den Gedanken woanders, in Liams Hotelzimmer, wo wir damals wütenden, leidenschaftlichen, ungeschützten Sex hatten. Ich kann nicht schwanger sein. Acht Wochen, drei Städte, eine Periode und ein negativer Test sagen, dass ich es nicht bin. Aber meine Blutung war kaum mehr als ein paar Tropfen.

Als ich mich schließlich zu meinem ersten Tisch aufmache, steigt mir erneut Speckgeruch in die Nase, und mein Magen verknotet sich. Nicht schwanger, ich wiederhole, nicht schwanger. Das ist unmöglich. Stimmt’s?

Genauso unmöglich wie auf der Flucht in einem Diner am Highway zu arbeiten, und doch geschieht genau das gerade. Das reicht mir, um zu beschließen, dass ich in der Essenspause heute Abend einen zweiten Test mache. Bis dahin hoffe ich auf eine Menge Kundschaft, die meine Gedanken von dem Moment ablenkt, in dem ich auf diese feine rosa Linie warten werde.

***

Knappe vier Stunden später bin ich auf dem Weg zur Durchreiche hinter dem Tresen, um meine letzte Bestellung vor der Pause weiterzugeben. Gott sei Dank hat sich mein Unwohlsein gelegt, was auch immer es war, aber ich will trotzdem sichergehen. Wahrscheinlich liegt es einfach am Schlafmangel, der Sorge und den ständigen Flashbacks, die ich ohne im Augenblick unerschwingliche Akupunktur nicht kontrollieren kann. Aber das kriege ich noch hin. Ich bin dabei, einen Plan auszuarbeiten, wie ich mich in Texas einrichten kann. Ich muss mich sammeln und dann voll auf der Höhe sein, wenn ich mich mit der Vergangenheit befasse.

»Ich glaube, heute Abend sind hier sämtliche Besoffenen der Stadt versammelt«, beschwert sich Katy, als sie sich zu mir gesellt, um auf ihren nächsten Bon zu warten. »Den ganzen Abend über werde ich schon betatscht und angebaggert, und das sind bloß die Frauen.«

»Wem sagst du das.« Aber diesen Job werde ich nicht ewig machen. Er ist bloß Mittel zum Zweck, um unter dem Radar zu bleiben und Reserven aufzubauen.

Katy klopft auf ihre Schürzentasche. »Wenigstens geben sie gutes Trinkgeld.«

Zustimmend nicke ich. »Ich werde heute womöglich noch meinen Rekord knacken. Und ich kann jeden Dollar gebrauchen, den ich verdiene.«

»Da bist du nicht die Einzige.« Ihr Blick flackert über meine Schulter, und amüsiert verzieht sie den Mund. »Und Süße, ich hab da so eine Ahnung, dass deine Trinkgeldbilanz gleich noch besser wird. Auf dem Weg hierher hat ein Kerl um einen Platz in deinem Bereich gebeten, der echt nach Kohle aussieht – und so heiß, dass man ihn am liebsten abschlecken würde. Nichts für ungut, aber ich hab versucht, ihn mir unter den Nagel zu reißen.« Sie schaut auf ihr üppiges Dekolleté hinab. »Aber die Mädels haben mich im Stich gelassen. Schätze, er steht eher auf Natur.«

Ich erstarre. Liam kann unmöglich hier sein. Das ist einfach … unmöglich. Aber »unmöglich« ist kein Wort, das jemals auf ihn zutrifft.

»Nächste Bestellung«, blafft George und schiebt zwei Teller in die Durchreiche.

Den Blick starr auf das Essen gerichtet, beschwöre ich mich, nicht durchzudrehen. Ich habe immer wieder den Standort gewechselt und alles bar bezahlt. Habe mir für die Arbeit kleine Diner gesucht, die beim Papierkram meine klägliche Ausrede »Armes Mädchen hat sein Portemonnaie verloren« haben gelten lassen. Ich verspreche immer, mir sofort einen neuen Ausweis zu besorgen, und schreibe dann irgendeine ausgedachte Sozialversicherungsnummer auf. Selbst die Anrufe in Texas bei meinen Recherchen über meine Vergangenheit habe ich von Prepaid-Handys aus gemacht, die ich mit texanischen Nummern bestellt und mit einem bar gekauften Geschenkgutschein bezahlt habe. Ich habe mich klug verhalten. Ich bin unaufspürbar.

»Träumst du hier rum, oder machst du jetzt mal deinen Job?«, meckert George und reißt mich abrupt in die Gegenwart zurück.

Rasch schnappe ich mir meine Bestellung und drehe mich um, doch jede Gelegenheit, nach dem Mann zu suchen, von dem Katy gesprochen hat, ist dahin, als eine Gruppe von Leuten hereinkommt und mir den Blick auf den restlichen Gastraum versperrt.

Als ich meinem Gast das Essen auf den Tisch stelle, überkommt mich das Gefühl, beobachtet zu werden. Nein – mich überkommt das Gefühl, von ihm beobachtet zu werden.

»Kann ich Ketchup haben?«, fragt mein Gast.

Ich bringe ein abgehacktes Nicken zustande und wende mich ab, doch nach ein paar Schritten bleibe ich wie angewurzelt stehen, den Blick gebannt auf die Eckbank ganz hinten gerichtet. Wo Liam es sich bequem gemacht hat, cool wie eh und je in Jeans und einem anthrazitfarbenen Pullover, dessen Ärmel bis zu den Ellbogen hochgeschoben sind.

Das geschieht gerade nicht wirklich. Es darf nicht geschehen, nicht jetzt, nicht so. Ich weiß genauso wenig wie bei meiner Flucht aus Denver, ob er der Jäger ist und ich die Beute.

Und doch verspüre ich nicht den Drang zu fliehen. Da ist nur der Drang, zu ihm zu gehen, ihn zu berühren und mich wieder in ihm zu verlieren. Da ist Erleichterung, dass er hier ist und ich nicht allein bin. Und diese Reaktion sollte mir Angst einjagen. Liam ist meine Schwäche – nicht die Stärke, als die ich ihn einmal wahrgenommen habe.

Ich schlucke schwer und gehe auf ihn zu. Aufmerksam folgt er mir mit diesen durchdringenden Augen, und je näher ich komme, desto heißer wird sein Blick. Und zu meinem Entsetzen spüre ich sofort eine antwortende Glut in meinem Körper, eine Warnung, dass ich ihn nicht berühren kann, ohne mich dabei zu verlieren. Solche Macht hat er über mich.

Sobald ich seinen Tisch erreicht habe, dreht er sich zu mir, umfasst sachte, aber unnachgiebig mein Handgelenk und zieht mich zu sich. Meine nackten Beine pressen sich an den Jeansstoff über seinen Knien. Die Glut flackert zu einem Feuer auf, und ich fühle mich schwach und verzehre mich nach diesem Mann wie nie zuvor.

»Wie hast du mich gefunden?«, will ich wissen. Irgendwie ist meine Hand auf seiner Schulter gelandet, aber ich stoße ihn nicht weg. Warum nicht?

»Genauso, wie es jemand anders tun wird, wenn du so weitermachst. CB-Funk reicht weit, und Trucker mögen Geld. Und verflucht noch mal, Amy, was, wenn dich einer von denen vergewaltigt hätte? Oder schlimmer noch, dich umgebracht?«

»Glaubst du, darüber hätte ich mir keine Sorgen gemacht?«, schleudere ich ihm entgegen und bin wütend, dass meine Unsichtbarkeit nichts weiter als eine Fassade war, die er mit seinem Geld zunichtegemacht hat. »Ich hab getan, was ich tun musste.«

»Du hast die Flucht ergriffen, als du mich mit Derek hast reden hören. Ich hab die Aufnahmen der Überwachungskameras gesehen. Was ich nicht weiß, ist, was für Schlüsse du aus unserer Unterhaltung gezogen hast. Ich habe mir nichts vorzuwerfen außer meinem Versuch, dich zu beschützen.«

»Ich kann dir nicht trauen, Liam. Ich traue dir nicht.«

»Du glaubst, ich wäre in das verwickelt, wovor du wegläufst, stimmt’s?«

»Ich weiß nicht, was ich glaube.«

»Wäre ich hier an einem öffentlichen Ort bei dir, wenn ich vorhätte, dir etwas anzutun? Dann hätte ich auch warten können, bis du allein bist, und dich dann in die Ecke treiben.«

»In Denver hattest du auch keine Angst davor, mit mir gesehen zu werden.«

»Ganz genau.« Er legt mir eine Hand an die Hüfte, und es ist eine besitzergreifende Geste, bei der mein Herz zu rasen beginnt. »Weil ich nichts zu verbergen habe. Und du hast nichts von mir zu befürchten. Ich würde dir niemals wehtun.«

Nicht von ihm. Es gibt so viele Möglichkeiten, das zu interpretieren. »Liam …«

»Weißt du, wie gut es tut, meinen Namen wieder aus deinem Mund zu hören?« Sein Tonfall ist rau, bewegt. Und mich berührt diese Emotionalität, die ich an ihm wahrnehme.

»Lass mich los«, flüstere ich und rede mir ein, ich würde es ernst meinen, dabei klinge ich nicht einmal in meinen eigenen Ohren überzeugend.

»Was muss ich tun, damit du mir glaubst, dass ich derjenige bin, in dessen Arme du laufen solltest, nicht der, vor dem du wegläufst? Sag es mir, und ich tue es.«

»Nichts wird mich überzeugen, dass du mein Held bist, der mich in Sicherheit bringt. Du hast eine Kamera in meinen Laptop eingebaut.«

»Ich habe die Kamera nicht eingebaut. Ich habe die gefunden, die dein ›Arbeitgeber‹ installiert hat.«

Bei der unerwarteten Antwort blinzle ich. Gefunden? »Warum hast du überhaupt nach einer Kamera gesucht, wenn du nicht wusstest, dass sie da ist?«

»Weil das mit deinem neuen Boss von vorne bis hinten nicht gestimmt hat.«

»Du hast versprochen, ich könnte dir sagen, was los ist, wenn ich so weit bin. Also hast du entweder in der Hinsicht gelogen, oder du lügst jetzt.«

»Du konntest mir nichts erzählen, wovon du nicht wusstest, dass es überhaupt ein Problem ist. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich dich beschütze, Amy. Weder damals noch heute.« Sein Tonfall wird leiser. »Lass uns hier verschwinden, bevor dich noch jemand aufspürt.«

Wenn es doch bloß so einfach wäre. Wenn ich doch bloß Ja sagen könnte. »Und wenn ich Nein sage? Verschwindest du dann?«

»Sag nicht Nein.«

»Aber wenn doch«, beharre ich, »lässt du mich dann gehen?«

»Direkt und ehrlich, Baby, komme, was wolle. Deshalb: Nein, im Augenblick nicht. Nicht, solange ich mir Sorgen um deine Sicherheit mache. Ich lasse dich nicht gehen.«

»A

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