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Entführt

Nicole Casper

Nicole Casper

 

Entführt in eine bessere Welt

„Stell dir vor, du wirst entführt, aber dein Leben fängt dadurch erst richtig an.

 

Was würdest Du tun, wenn Du Dich entscheiden könntest?

Altes oder neues Leben?“

Kapitel 1

Es sollte ein ganz besonderer Tag werden. Viele neue Freunde wirst du finden, hatte man mir gesagt. Und ich glaubte fest daran. Denn schließlich war ich ein beliebtes Kind in meiner alten Schule. Zumindest mochten die Lehrer mich. Freunde hatte ich auch. Ein Paar. Nun, vielleicht würde man sie eher Bekannte nennen. Schon gut, ich war nicht beliebt! Aber man ließ mich in Ruhe.

Es sollte also ein ganz besonderer Tag werden. Diese fehlerhafte Behauptung wurde schon in den ersten fünf Minuten niedergeschmettert, in denen ich den neuen Schulhof betrat. Meine Mutter brachte mich mit ihrem alten Chevrolet Malibu von 1979 zur Schule. Die grüne Kiste schepperte mit letzter Kraft, die sie noch aufbringen konnte, über den Asphalt. Mit den lauten Geräuschen zogen wir sämtliche Blicke auf uns. Damit hatte ich eigentlich nie ein Problem gehabt, denn früher stand ich bei unzähligen Auftritten vor einem riesigen Publikum auf einer Bühne und war im Mittelpunkt. Ich hatte schon immer ein schauspielerisches Talent und ich liebte es, in andere Rollen zu schlüpfen. Irgendwann würde ich sicherlich einmal Schauspielerin werden.

Dachte ich jedenfalls.

An diesem Tag sollte mir die Aufmerksamkeit der neuen Mitschüler allerdings zum Verhängnis meines gesamten Schullebens werden. Die Menschen hier in Bradbury, in dieser kleinen, wohlhabenden Stadt, schienen ein ganz anderes Empfinden zu haben, als die Menschen drüben in New York, wo ich gebürtig herkomme. Hier wurde man tatsächlich wahrgenommen. Das konnte sicherlich für den ein oder anderen ein tolles Erlebnis sein, doch nicht für mich. In New York sah man mich nicht. Nein, sie schauten einfach durch mich hindurch. Ich war ein unscheinbarer Teil eines Ganzen, trotz meiner Auftritte auf der Bühne. In Bradbury aber war alles so viel kleiner, voller Bäume und diesen großen Häusern für Reiche mit gepflegten Vorgärten, teuren Autos und so vieles mehr.

Ich wusste gleich, dass ich hier nicht hingehörte. Die Schüler musterten mich und sahen mit Freude zu, wie ich mit tollpatschigen Bewegungen wortwörtlich aus der Tür fiel. Unser Fahrzeug war einfach so alt, dass es ausgerechnet in diesem Moment auseinanderzufallen schien. Natürlich konnte ich mich nicht mehr rechtzeitig festhalten, sondern purzelte in eine riesige Pfütze. Das braun gewordene Wasser haftete in meinen Haaren, in meiner Kleidung, in meinen Schuhen, ja sogar in meinen Ohren.

Wunderbar.

Da auch für meine Mutter der erste Tag ihrer Arbeit begann, hatte sie keine Zeit mehr für mich und ließ mich in diesem furchtbaren Moment alleine zurück. Es war, als würde sie mich im Stich lassen. Mein Herz brannte und weinte zugleich, doch die Tränen konnten die Flammen nicht löschen. Meine Gedanken kreisten in diesem Augenblick nur noch um meine Angst, als ich zusah, wie der Wagen hinter der nächsten Kurve verschwand.

Die Schüler, und ich sah auch einige Lehrer zwischen den vielen Köpfen, schienen nur darauf zu warten, dass ich mich umdrehte, denn in diesem Moment prasselte ein Gelächter auf mich ein. Sie tuschelten untereinander und zeigten mit ihren Fingern auf mich.

Wunderbar.

Ich versuchte, den letzten Hauch von Mut, der ganz tief in meinem Inneren schlummerte, hervor zu kratzen und tapste mit quietschenden Schuhen über den ellenlangen Schulhof bis zum Eingang. Ehe ich dem Gelächter entfliehen konnte, stand ich aus heiterem Himmel vor einer wunderschönen Erscheinung: die russischstämmige Valentina Kolesnikow. Mit ihren wallenden, blonden Haaren glänzte sie im Sonnenschein und schaute auf mich herab. Und das ist bildlich gemeint, denn durch ihre meterhohen High Heels, die sie in allen Variationen trug, war sie fast zwei Köpfe größer als ich. Schwer war das nicht, denn ich war nicht sonderlich hochgewachsen.

Jedenfalls zuckte mein Körper zurück, als sie sich mit ihren treuen Anhängerinnen wie eine Wand vor mich aufbaute. Ihr hämisches Grinsen habe ich bis heute nicht vergessen. Es sollte mir unmissverständlich zu verstehen geben, dass sie mir die letzten Jahre in der Schule zur Hölle machen würde. Und was soll ich sagen?

Ich hatte das Grinsen richtig gedeutet.

Wunderbar.

Sie hob ihre manikürte Hand in die Luft. Sofort blieben ihre drei Anhängerinnen stehen. Um uns herum wurde es verdächtig ruhig.

»Wen haben wir denn hier?«, fragte sie in einem starken, russischen Akzent. Der gesamte Schulhof schien uns zuzuhören. Sämtliche Augen hafteten auf uns. Niemand bewegte sich. Das ganze Szenario erinnerte mich an einen Hollywood Spielfilm. Ich schluckte einmal kräftig in der Hoffnung, meine Angst hinunterspülen zu können. Das half mir jedoch nicht mehr. Bei meinem Versuch, irgendetwas zu antworten – ich wusste allerdings gar nicht, was ich hätte sagen sollen – hielt sie ihre Hand vor mein Gesicht. Die wirren Worte in meinem Kopf blieben mir im Hals stecken.

»Die Neue«, beantwortete sie ihre eigene Frage. Ihre Tonlage schrie nach Verachtung. »Samantha Nolan aus New York«, lachte sie, »fette Qualle. Bist du hässlich. Da brauche ich mir keine Sorgen zu machen.«

Sie schnipste in die Finger, machte kehrt und stöckelte davon. Das Getuschel um mich herum nahm zu. Ich traute meinen Ohren und meinen Augen nicht. Was war gerade passiert?

Mir wurde plötzlich bewusst, dass mir unheimlich kalt war. Meine Lippen zitterten. Dabei sollte es in Kalifornien doch warm sein. Ausgerechnet an diesem Tag musste es so kalt sein wie sonst nie in diesem Bundesstaat, denn ich musste ja unbedingt an diesem Tag in diese Pfütze fallen! Vermutlich war es weniger die Außentemperatur, die mich zum Zittern brachte. Valentina machte mir Angst. Die ganze Schule machte mir Angst. Einfach würde es sicher nicht werden, das ahnte ich bereits.

So sehr ich mich für diesen außerplanmäßigen Auftritt schämte, wollte ich es mir nicht ansehen lassen. Daher ignorierte ich gekonnt die Meute, die mich angaffte und stampfte selbstbewusst in das Gebäude. Es dauerte glücklicherweise nicht besonders lange, bis ich das Sekretariat fand, um mich anzumelden. Auch hier starrten mich die älteren Damen mit einem angewiderten Gesichtsausdruck an. Ich erinnere mich noch an meine Gedanken in diesem Moment, die ich mit meinen wütenden Augen ausdrücken wollte. Das schien keinen nennenswerten Eindruck zu hinterlassen.

Ein Glück, dass auf dieser Schule Uniformpflicht herrschte. Somit konnte ich meine nasse Kleidung zumindest ablegen und musste nicht mehr allzu sehr frieren. Ich durfte die Kleidung im Vorraum des Schulleiters wechseln. Schnell und wenig schockiert stellte ich fest, dass dieser blaue, lange Rock leider gefühlte zehn Nummern zu klein war. Meine Puppen hätten ihn tragen können. Schnaufend rüttelte ich an dem Stoff und hörte wie eine Naht aufplatzte. Vor Schreck hielt ich inne und starrte auf die verschlossene Tür.

»Oh Gott!«, stieß ich panisch aus und suchte nach der Katastrophe, die ich angerichtet hatte. Plötzlich ging die hintere Tür auf. Ich wirbelte herum und erblickte den Schulleiter, der mich mit verblüfften Augen musterte. Die Röte stieg mir in die Wangen. Ich fühlte, wie mein Puls drohte zu explodieren, er pochte regelrecht gegen meine Schläfen. Mein Herz überschlug sich. Ein kindliches Kichern kam mir über die Lippen.

Dieser Moment fühlte sich schier unendlich an. Der Rektor rührte sich genauso wenig wie ich. Bloß seine Augen wanderten von meinen Füßen hinauf, bis sie an der Stelle haften blieben, die ich mit meinen Händen verdecken wollte. Er ließ Gnade walten und nickte kommentarlos. Ich formte mit meinen Lippen ein Dankeschön und pustete aus, als er endlich verschwand. Konnte es noch peinlicher werden?

Nachdem ich noch weitere Uniformen anprobieren musste, die mir durch die Bank weg zu eng waren, quetschte ich mich zum Schluss in die größte hinein. In Bradbury gab es offenbar bloß schlanke Menschen, wenn eine Uniform in der Größe zwischen Medium und Large aus der letzten Ecke und nur mit viel Mühe und Not gefunden werden konnte. Ich war bedient von dieser Schule! Doch diesen Gedanken schob ich rasch zur Seite. Ein positiver Mensch wollte ich sein, also zwang ich mich weiterhin zu einem Lächeln.

Die Sekretärinnen gaben mir meinen Stundenplan und sonstige Informationen, die ich an meine Eltern weitergeben sollte. Mit neuem Mut machte ich mich auf den Weg zu meiner ersten Stunde: Biologie! Sehr gut! Mein Lieblingsfach. Durch den Zwischenstopp im Sekretariat, erschien ich einige Minuten zu spät im Unterricht. Es war mucksmäuschenstill, als ich den Raum betrat. Alle Augen waren auf mich gerichtet. Aus all den Gesichtern stach das von Valentina sofort in mein Blickfeld.

Wunderbar. Ich fragte mich, wofür man mich bestrafen wollte.

»Herrlich, da ist sie ja. Liebe Klasse, begrüßt alle unsere neue Mitschülerin aus New York, Samantha Nolan. Hallo Samantha, schön, dass du da bist.«

Die quirlige Lehrerin war kleiner als ich. Sie hatte graue Haare, die in alle Richtungen abstanden. Voller Freude zeigte sie ihr freundlichstes Lächeln. Wahrscheinlich kannte sie meine Noten bereits. In Biologie machte mir niemand so schnell etwas vor. Ich lächelte meine Angst über Valentina hinweg, obwohl mir das im nächsten Moment nicht mehr so leichtfiel. In allen Ecken drangen Tuscheleien in mein Ohr. Immerzu kam das Wort ‚Qualle‘ darin vor. Schön . . . das hatte sich also bereits überall rundgesprochen.

Ganz toll.

Ganz wunderbar.

»Samantha. Setz dich hier hin.«

Die Lehrerin zeigte mit voller Begeisterung auf den freien Platz neben Valentina. Es wurde immer besser. Langsam glaubte ich daran, dass es ein ganz besonderer Tag werden sollte. Ein ganz besonders schlimmer Tag. Ich grinste angestrengt, als ich mich neben sie setzte. Sie musterte mich abfällig.

»Qualle«, kam ihr Geflüster bei mir an. Mir fiel nichts Besseres ein, als ihr einen bösen Blick zuzuwerfen. Wie Fünfzehnjährige das nun mal tun. Dafür kassierte ich von allen Mädchen um mich herum ein verächtliches Lachen. Langsam dämmerte es mir: hier würde ich wohl keine besonders schöne Zeit verbringen. Dieses Mädchen hatte alle im Griff.

Der Unterricht verlief dagegen ganz angenehm. Wir waren in New York auf dem gleichen Stand. Auf jede Frage wusste ich die Antwort. Es entstand ein regelrechter Wettstreit zwischen Valentina und mir. Die anderen Schüler wussten scheinbar gar nichts oder sie fanden Gefallen an unserem Wissenskampf und meldeten sich daher absichtlich nicht. Am Ende ging ich mit einem Sieg aus der Stunde heraus, da ich letztendlich mehr Fragen beantworten konnte als sie. Im ersten Moment war ich froh, als hätte ich beim Sport eine Medaille gewonnen, doch als ich das Klassenzimmer verließ und die seltsamen Blicke der anderen Schüler auf mir hafteten, ahnte ich die Folgen bereits. Das war wahrscheinlich der dümmste Fehler meines Lebens. Ich kramte nichtsahnend in meinem Schulspint meine Bücher hervor.

Plötzlich ging meine Tür mit einem lauten Scheppern wie von selbst zu. Ich schaffte es im letzten Moment meine Finger herauszuziehen. Natürlich stand Valentina neben mir. Ihr wütendes Gesicht erzeugte eine unangenehme Gänsehaut, die sich über meinen ganzen Körper verteilte. Das war gar nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Ich schluckte nervös und wich einen Schritt von ihr zurück.

»Oh, hallo . . . Valentina, richtig?«

»Halt die Klappe, Qualle!«

Sie schlug mit ihrer Faust gegen den Spint, sodass ein weiterer, lauter Knall den gesamten Flur durchströmte. Ihre treuen Anhängerinnen verzogen ein böses Gesicht. Ein wirklich böses Gesicht, nicht so eins wie das, was ich immer aufsetze, wenn ich wütend aussehen möchte. Das tue ich nämlich ganz offensichtlich nicht.

»Pass mal auf, du Stadtkind! Hier . . .«, sie kreiste mit ihrer Hand durch die Luft, »habe ich das Sagen, ganz alleine ich. Leg dich nicht noch einmal mit mir an. Du wirst an dieser Schule nicht die Stufenbeste werden.«

»Mit dir anlegen?«, wiederholte ich. Ich wusste im ersten Moment nicht, wovon sie sprach. Was hatte ich denn getan?

»Wenn du es noch einmal wagst, dich mit mir im Unterricht zu messen, kannst du deine letzten Tage zählen. Hast du mich verstanden?«

Ich verstand kein einziges Wort. Automatisch setzte mein Kopf zum Nicken an. In meinem Hals formte sich ein Kloß, der mir das Schlucken erschwerte. Noch nie hatte jemand mich bedroht. Was hatte ich ihr denn getan? Ich konnte mir diese Aggressivität nicht erklären. Vielleicht war sie einfach ein böser Mensch.

Ihre Augen funkelten mich tiefschwarz an. Sie fokussierte mein Gesicht. Nach unerträglich langen Minuten, die wahrscheinlich nur wenige Sekunden waren, verzog sie eine seltsame Miene.

»Du bist so hässlich«, flüsterte sie und ging.

Kapitel 2

Wie angewurzelt stehe ich im Supermarkt und verstecke mich hinter den Brotwaren. Durch die kleinen Schlitze zwischen den Verpackungen beobachte ich Valentina. Sie ist immer noch so bildhübsch wie damals. Im Grunde sieht sie sogar noch beeindruckender aus. Ihre kindlichen Gesichtszüge sind markanter geworden, ihre Jeanshose noch enger um ihren perfekten Po geschlungen. Natürlich trägt sie ihre High Heels unter den schönsten Füßen, die ich jemals gesehen habe.

Sie steht an der Fleischtheke. Es ist ganz deutlich erkennbar, dass sie ihre hochnäsige Ader bis heute beibehalten hat. An ihrer herablassenden Körpersprache kann das wirklich jeder sehen. Das bedeutet für mich: Ich muss so lange hinter ihr herschleichen, bis sie den Laden wieder verlassen hat. Dieser Frau darf ich einfach nicht begegnen. Sie würde mir das Leben mit großer Freude erneut zur Hölle machen. Dabei fing ich seit einiger Zeit endlich damit an, sie und die damit verbundenen, schrecklichen vier Jahre meiner Schulzeit zu vergessen.

Wie viele Jahre habe ich sie nicht mehr gesehen? Ich kann gar nicht zurück zählen. Als wir die Schule beendet hatten, zog sie mit ihrer Familie zurück nach Russland. Mein Kopf zwang mich dazu, Schadenfreude zu empfinden, als ich erfuhr, dass ein Familienmitglied schwer erkrankte. Aber mein Herz ließ einen solchen bösen Gedanken nicht zu. Ich hatte tatsächlich Mitleid mit ihr.

Jetzt ist sie zurückgekehrt.

Aber wieso?

Wieso konnte sie nicht einfach auf der anderen Seite der Welt bleiben? Ganz weit weg von mir!

Langsam spüre ich Ungeduld in mir aufsteigen. Wie gern würde ich jetzt in Ruhe weiter einkaufen, um mich danach gemütlich mit einer Tüte Chips auf das Sofa kuscheln zu können? Wie kann ich hier gemütlich entlang spazieren, wenn ich weiß, dass dieser Teufel mich jede Sekunde ansprechen und vernichten würde? Das darf ich nicht riskieren.

Ich weiß natürlich, wie lächerlich das ist. Unsere letzte Begegnung ist schon lange her. Wir waren jung. Teenager. Ich muss zurück denken an das, woran ich noch immer glaube: In jedem Menschen steckt ein guter Kern . . .

. . . aber nicht in ihr.

Verflixt!

Ich kann einfach nichts Gutes in ihr erkennen. Noch nicht. Es könnte durchaus sein, dass sie sich mit den Jahren verändert hat. Die High-School ist schon . . . sechszehn Jahre her. So viel Zeit ist vergangen und ich kann ihr trotzdem nicht verzeihen.

Vielleicht bin ich der schlechte Mensch?

Meine Nervosität lässt mich auf die Lippe beißen, als ich zaghaft um die Ecke gucke. In diesem Moment löst sie sich von der Theke und wendet sich davon ab. Ungewollt und äußerst hektisch drehe ich mich im Kreis, um mich wieder hinter dem Brot zu verkriechen. Ein Glück, dass sie mich nicht gesehen hat.

Sie stöckelt Richtung Kasse. Na endlich. Mein Mut hat mich beim Anblick ihres kalten Gesichts sofort verlassen und sich ganz tief in meinem Körper vergraben. Ich warte noch ein paar Minuten, bis sie den Laden verlassen hat, bevor ich meinen Einkauf beenden kann.

Erschöpft von der ganzen Aufregung betrete ich meine Wohnung. Es ist stockdunkel, obwohl Bernd bereits da sein müsste. Ich stolpere über sein Hemd und seine Jeanshose, die auf dem Boden verteilt liegen. Seine Kleidung bildet einen Weg zu unserem Schlafzimmer. Mir bleibt sofort der Atem stehen. Das kann nichts Gutes bedeuten. Nervös hebe ich seine Sachen nacheinander auf und schleiche mich zur Tür. Stille. Mit zittrigen Fingern schiebe ich sie auf und atme durch. Das Zimmer ist leer. Trotzdem habe ich ein ungutes Gefühl im Magen, als ich meinen Weg weiter fortführe. Plötzlich höre ich ihn. Es ist sein seltsam gestelltes Lachen.

»Bernd?«

Es raschelt im Wohnzimmer. Flüsternde Stimmen und hektische Bewegungen dringen in mein Ohr. Da ist sie wieder: Die Angst, ich würde nun etwas ganz Schreckliches sehen müssen. In den letzten Wochen verhielt sich Bernd äußerst zurückhaltend und schweigsam. Seitdem habe ich panische Angst, dass er eine Affäre hat. Tagtäglich versichert er mir, dass meine Gedanken mich täuschen würden. Trotzdem werden meine Beine schneller. Wenn er mir nun doch fremdgehen sollte, will ich es mit eigenen Augen sehen und ihn damit konfrontieren.

Als ich die Tür aufschiebe, sitzt er mit Schweißperlen auf der Stirn in seinem Bademantel auf unserem Sofa. Ihm gegenüber sitzt ein ungefähr zwanzig jähriges Mädchen mit langen, braunen Haaren. Die Unsicherheit in ihrem Gesicht ist unverkennbar. Sie traut sich kaum mir in die Augen zu schauen. Ein gezwungenes Lächeln huscht über ihre Lippen, während sie mit ihren Augen nach Hilfe sucht.

Auf dem Tisch stehen zwei Gläser und eine teure Flasche Rotwein, die ich von meinen Eltern letztes Jahr zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte. Ich beiße mir auf die Zähne, um meine Wut zu unterdrücken.

»Sam, Liebling«, pustet Bernd fröhlich aus, »Samantha, mein Schatz. Du bist ja schon zurück.«

Seine Stimme schreit nach Nervosität. Er breitet seine Arme aus, um von dem sich mir darbietenden Anblick abzulenken. Das macht es nur noch schlimmer.

»Setz dich doch. Setz dich doch!«

Er rutscht zur Seite und klopft mit seiner Hand auf das Leder. Eigentlich will ich mich nicht setzen, aber der Schock lässt meine Beine unkontrolliert dorthin wandern. Das fremde Mädchen beißt sich auf die Lippe. Aus irgendeinem Grund tut selbst sie mir leid.

»Sam, Schatz. Das ist unsere Praktikantin, Rose, aus der Kanzlei.«

Rose zwingt sich erneut zu einem Lächeln. Am liebsten würde sie verschwinden. Zu gern würde ich sie gehen lassen, aber Bernd spricht weiter: »Und . . . du hast einmal erwähnt, dass du gern eine Putzfrau hättest. Erinnerst du dich? Rose würde das gern nebenbei machen, damit sie sich etwas dazu verdienen kann. Verstehst du? Daher ist sie heute hier. Wir haben uns nett unterhalten. Aber jetzt«, er richtet sich auf und reicht ihr förmlich die Hand, »braucht Rose noch eine Nacht, um über mein Angebot nachzudenken. Sie wird sich bei uns melden. Rose, ich danke dir, dass du so spontan vorbeigekommen bist. Wir sehen uns ja morgen wieder, nicht wahr?« Sein seltsam klingendes Lachen hat eine ansteckende Wirkung auf das Mädchen. Auch sie kichert kurz und nickt. Ihre Unsicherheit kann sie allerdings nicht abstreifen. »Komm, ich begleite dich nach draußen«, ergänzt Bernd und schiebt sie förmlich hinaus.

Meine Glieder fangen an zu zittern, als sie mich alleine im Wohnzimmer zurücklassen. Noch immer halte ich seine Kleidung in meinen Händen, die sich wie eine Last anfühlt. Eine unangenehme Leere macht sich in meinem Kopf breit. Ich weiß nicht, was ich hiervon halten soll. Es ist völlig unmöglich die Tatsache, dass er mir mit dieser ‚Praktikantin‘ fremdgegangen ist, abzustreiten. Dennoch spüre ich nicht das Bedürfnis in mir, ihn damit zu konfrontieren. Schließlich ist er mein Mann. Wenn ich der Wahrheit ins Auge blicke, müssen wir uns wohlmöglich trennen und dann bin ich wieder alleine. Dieser Gedanke ruft Übelkeit in mir hervor. Ich liebe Bernd. Und . . . er liebt mich doch auch.

Während ich mich mit meinen wirren Gedanken auseinandersetze, merke ich gar nicht wie die Zeit verstreicht, bis er endlich zurückkehrt.

»Sam«, setzt er sofort und hörbar ungeduldig an, »versteh das nicht falsch, okay? Keine Affäre, kein gar nichts! Das mag alles merkwürdig aussehen. Ja, ich weiß. Liebling. Hm? Das Treffen kam so überraschend, auch für mich. Du weißt ja, dass das nur so aussah als ob . . .« Ein sanftes Lächeln setzt sich über seine Lippen. Er legt seine Hand auf meine Schulter. Sofort dringt eine angenehme Wärme durch das Shirt bis zu meiner Haut. Ich bin mir meinen Gefühlen noch nicht im Klaren. Seine Berührung macht es mir nicht leichter zu wissen, was ich denken soll. Wenn ich in seine attraktiven Augen blicke, die mehr als Selbstbewusstsein und Leidenschaft ausstrahlen, fällt es mir schwer ihm böse zu sein. »Warst du schön einkaufen?«, lenkt er merklich vom Thema ab. »Wirst du uns etwas Leckeres kochen? Nudeln wären toll, ich habe Hunger.«

Gähnend verlässt er den Raum. Anhand der Geräusche vermute ich, dass er sich umziehen geht. Sprachlos bleibe ich auf dem kalten Sofa sitzen. Von dem Chaos meiner Gefühle gelähmt, starre ich vor mich hin. Es ist mein Herz, das mir untersagt ihn zu konfrontieren, obwohl mein Kopf sich dessen so sicher ist, dass er mich hintergeht. Kann es denn wirklich ein Zufall sein, dass ich ihn in diesem Zustand auf unserer Couch erwische?

So sehr ich es mir vornehme ihn in die Pflicht zu nehmen das Ganze ausführlicher zu erklären, so sehr ich mir den Mut zuspreche, den ich dazu brauche, um überhaupt eine einzige Silbe auszusprechen . . . ich kann es nicht. Ich will mich nicht mit ihm streiten und erneut das Thema ansprechen, das bereits Teller zerbrechen ließ! Bernd ist die Liebe meines Lebens. Wieso sollte ich mir unsere Beziehung zerstören, wenn er mir doch schon versprochen hat, mich niemals zu betrügen? Und wenn ich der Wahrheit ins Gesicht blicke weiß ich auch, dass ich mit ihm mehr als Glück hatte. Ein Mann seiner Klasse gibt sich wohl eher selten mit einer solch langweiligen Erscheinung, wie ich eine bin, ab. Nun hält unsere Beziehung schon sehr lange. Wenn er mich nicht lieben würde, hätte er sich doch sicher bereits von mir getrennt.

Mein Kopf kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Zu meiner Erleichterung kommt Bernd zurück, in Jogginghose und Shirt. Mit einer Flasche Bier in der Hand. Offenbar ist ihm bewusst, dass er keine weiteren Konsequenzen zu fürchten hat.

»Und weißt du schon, was du kochst?«, fragt er in einer solchen Gelassenheit, dass ich allmählich doch glaube, wütend zu werden.

Paralysiert verharre ich in meiner Position und starre vor mich hin. Meine Finger zucken durch den Drang mit ihm zu reden, doch gehemmt durch meine Angst, schweige ich. Seine selbstbewusste Aura lässt meinen Mut im Keim ersticken. Während er es sich auf der Couch gemütlich macht, koche ich ihm seine Nudeln. Ein ungewolltes Seufzen huscht über meine Lippen. Ich befinde mich in einem Gefühlsdilemma. Es macht mich wütend, dass ich mich nicht in der Lage sehe, meine Befürchtungen kundzutun. Ich habe ein Recht darauf meine Gedanken zu offenbaren und von ihm eine vernünftige Erklärung zu verlangen. Ich habe ein Recht darauf die Wahrheit zu kennen! Aber vielleicht fürchte ich mich auch einfach zu sehr davor. Was, wenn ich mit meiner Vermutung richtigliege? Was wird dann aus mir? Er wird schnell eine neue Frau finden, wohingegen ich allein bleiben werde.

Während die Nudeln im Salzwasser blubbern, schaue ich von der Küche aus zu ihm rüber.

Eingeschlafen.

Wunderbar.

Wie von Geisterhand verdrehen sich meine Augen, als ich das Wasser wieder abstelle. Normalerweise hätte ich die Nudeln selbst verschlungen, aber mir ist der Appetit vergangen. Ich zwinge mich dazu, jegliche selbstausgedachten Bilder über das mögliche Szenario vor meiner Ankunft auszublenden. Es fällt mir schwer zu glauben, dass er mir treu ist. Wieso sollte er das auch sein? Er kann sich jederzeit von mir trennen. Eine neue Frau braucht er nicht einmal zu suchen. Sie laufen ihm reihenweise nach. Wieso bleibt er mit mir zusammen? Ich kann es mir nicht anders erklären: Er wird mich wohl tatsächlich lieben. Ja, das wird es sein. Schon in der Schule stand er an meiner Seite und verteidigte mich ritterlich. Er war der Einzige, der wirklich zu mir hielt. Noch immer bewundere ich Bernd und im Grunde bin ich doch froh, dass er an meiner Seite ist. Es macht mich traurig, dass ich mit Zweifeln leben muss.

Abgesehen davon hätte ich ihm gern mein Herz über die Begegnung mit Valentina ausgeschüttet. Gern würde ich ihn bitten, mit mir fortzuziehen. Ich möchte nicht den Rest meines Lebens in Angst leben müssen. Morgen spreche ich ihn darauf an!

Kapitel 3

Wir kamen aus dem Schwimmunterricht zurück in die Sammelumkleide. Als wäre der Unterricht an sich nicht demütigend genug gewesen, musste ich mit Schrecken feststellen, dass meine Kleidung nicht mehr in meiner Tasche lag. Panisch durchwühlte ich meine ganzen Sachen und musste mich der Erkenntnis stellen, dass sie mir jemand geklaut hatte. Wer das gewesen sein könnte, war mir auf der Stelle klar. Die anderen Mädchen kicherten auffällig. Ich drehte mich genervt um und schaute sie an. Ihre ertappten Gesichter wurden rot. Sie wandten sich, kreischend vor Lachen, von mir ab.

»Wer hat meine Sachen geklaut?«, fragte ich in die Runde hinein. Niemand antwortete mir. »Valentina, gib mir meine Sachen wieder!«

Kaum waren diese Worte über meine Lippen gekommen, hielt ich den Atem an. Kam das wirklich von mir? Hatte ich es tatsächlich gewagt, Valentina öffentlich zu beschuldigen, mir meine Kleidung weggenommen zu haben? Sofort staute sich Speichel in meinem Mund und formte sich zu einem Kloß. Valentina stand mit dem Rücken zu mir gekehrt. Sie versteifte bei meinen Worten. Mit aggressiver Miene drehte sie sich um und kam mir näher.

»Wieso glaubst du, fette Qualle, dass ich deine Sachen habe? Die will niemand haben. Nicht einmal du willst sie haben. Sprich nicht mit mir. Du widerst mich an.«

Nach ihrer erniedrigenden Rede, verschwand sie aus der Umkleide. Der Rest der Mädchen verharrte verblüfft in ihren stehengebliebenen Bewegungen und gaffte mich an. Vermutlich entdeckten sie meine angesammelte Flut von Tränen bereits und warteten nur darauf, dass ich sie endlich zeigte.

Ich biss mir angespannt auf die Zähne.

Nicht hier.

Nicht jetzt.

Nicht hier.

Aber es war zu spät. Die Tränen kullerten aus meinen Augen. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also, ließ ich mich bloß auf die Bank fallen. Die Mädchen um mich herum schauten sich gegenseitig an, bis sich eine von ihnen zu mir beugte. Mir graute es vor ihren Beleidigungen. Entgegen meinen Befürchtungen, hielt sie mir bloß ihr Shirt entgegen. Ihre liebe Geste rührte mich erneut zu Tränen. Ich war froh, als die Mädchen mich alleine ließen, sonst hätte ich mich wohlmöglich nicht mehr beruhigt.

Tropfend betrat ich das Klassenzimmer zum Sprachunterricht. Ich hatte keine Zeit mehr, mir meine Haare zu föhnen, weil ich mehr damit beschäftigt war, mich zu beruhigen. Der Lehrer schaute mich verblüfft an. Er machte keine Anstalten mich zur Rede zu stellen, damit er den Grund für meinen Auftritt erfuhr. Möglicherweise hatte man ihn bereits informiert, was geschehen war. Einige Lehrer schienen mit Valentina unter einem Hut zu stecken. Wahrscheinlich waren ihre Eltern sehr einflussreiche Menschen, anders konnte ich es mir nicht erklären. Die gesamte Klasse kicherte bei meinem Anblick . . . eine nasse Qualle. Auch ich hatte das verstanden.

Durch die Worte unseres Lehrers wurde endlich von mir abgelenkt:

»So, ihr Lieben. Ich hatte es bereits vor einiger Zeit angekündigt: In der kommenden Woche werdet ihr eure Eltern, ihr könnt euch aussuchen wen von beiden, bei der Arbeit begleiten. Danach werdet ihr einen Aufsatz schreiben. Bedenkt, dass diese Arbeit sehr wichtig für eure Abschlussnote ist. Ich wünsche euch viel Spaß dabei. Packt nun bitte eure Hausaufgaben aus.«

In freudiger Erwartung sah ich dieser Aufgabe entgegen. Recherchieren und die Dinge selbst in die Hand nehmen waren meine besten Stärken. Außerdem lag eine Woche vor mir, die ich ohne Valentina verbringen durfte. Das konnte nur herrlich werden. Mein Vater war Richter, das war ein besonders interessanter und angesehener Job. Natürlich entschied ich mich also dazu, ihn zu begleiten. Das würde sicher spannend werden mit den ganzen durchgedrehten Verbrechern und ihre Straftaten.

». . . Und dann willst du mich begleiten?«, fragte mein Vater. »Den ganzen Tag etwa?«

»Eine ganze Woche«, gab ich begeistert zurück, »also, nächste Woche schon. Von Montag bis Freitag. Das wird ganz bestimmt mein bester Aufsatz. Ich werde sicher die beste Note aus der Klasse bekommen. Am Ende sollen die Eltern für einen Vormittag in die Schule kommen und aus ihrem Job erzählen. Wenn du dir dafür frei nehmen könntest, wäre das wohl der schönste Tag meines Lebens an dieser Schule. Die anderen werden blass vor Neid.«

»Ach Schätzchen« Er klopfte mit seiner Handfläche auf meinen Kopf. Nachdem er einen kräftigen Schluck Kaffee genommen hatte, ließ er meinen Traum zerplatzen: »Du weißt doch, wie viel ich zu tun habe. Das werde ich zeitlich nicht schaffen. Schreib lieber über die Arbeit deiner Mutter.«

»Aber Dad, es soll ein spannender Aufsatz sein, über einen interessanten Job. Ich muss einige Seiten damit füllen können. Es ist wichtig für meine Abschlussnote.«

»Deine Mutter hat einen tollen Job. Ich bin mir sicher, dass du damit auch die beste Note erreichen kannst.«

Meine Mutter bereitete in diesem Moment das Abendessen vor. Sie stand hinter uns und schälte Kartoffeln. Mit einem verdutzten Gesicht wandte sie sich uns zu.

»Ich bin Kindergärtnerin, Carl. Lass sie doch bei dir zugucken. Das stört sicher niemanden. Sie kann sich ja als neue Praktikantin ausgeben.«

»Das geht wirklich nicht. Tut mir leid, Schätzchen.«

Ein liebloser Kuss auf meinem Kopf, sollte mich wohl freudig stimmen. Er setzte sich zeitunglesend an den Esstisch. Für ihn war die Diskussion damit beendet. Meine Mutter stand noch immer mit dem Messer in der Hand in meine Richtung gedreht. Sie pustete aus. Ich sendete flehende Signale mit meinen Augen in ihre Richtung. Diese schien sie sofort verstanden zu haben, denn sie nickte.

»Ich bin in meinem Zimmer«, sagte ich, damit die beiden sich in Ruhe noch einmal darüber unterhalten konnten. Mein Vater schaute nicht auf, als hätte ich gar nichts gesagt. Ich rannte die Treppe hinauf und setzte mich in den Flur hinter das Treppengitter, um sie zu belauschen.

»Carl, na komm, nimm sie mit. Das ist ihr wichtig.«

»Olivia, versteh doch!« Seine Stimme klang plötzlich rau. Mit einem lauten Knall setzte er seine Tasse ab. »Ich kann sie wirklich nicht mitnehmen. Das Thema ist durch!«

»Nun stell dich nicht so an«, gab meine Mutter mit sanfter Stimme zurück. Dann ergänzte sie: »Du hast mich auch schon einmal mitgenommen. Erinnerst du dich? Es war ein lustiger Tag oder nicht? Wieso nimmst du unsere Kleine denn nicht mit? Nur eine Woche . . . Und wenn es nur ein Tag ist. Das reicht vollkommen.«

Ruckartig stand mein Vater auf. Er schlug mit der Faust auf den Tisch, das konnte ich bis zu mir hören. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mich erschreckt hatte.

»Sie ist mir peinlich, okay? Du wolltest es hören, hier hast du es. Sie ist mir vor meinen Kollegen schrecklich peinlich! Wenn einer sie sieht, nimmt mich niemand mehr ernst. Es ist mir sehr wichtig, wie man über mich denkt. Was man über mich sagt oder über meine Familie! Hier geht es um meine Karriere! Sieh dir das Mädchen mal an!«

»Sie ist unsere Tochter, Carl«, flehte meine Mutter.

»Dessen bin ich mir durchaus bewusst, Olivia. Und genau deshalb kann ich sie nicht mitnehmen. Sie rollt von einem Speckröllchen ins nächste! Diese blasse Haut, ihre furchtbaren, orangenen Haare. Wo hat sie nur diese Farbe her? Olivia, sie werden über uns sprechen. Schlecht über uns sprechen und das will ich unter keinen Umständen riskieren. So, da hast du es. Na ganz toll, jetzt hast du Tränen in den Augen und ich den Ärger. Wieso bohrst du auch ständig nach, nachdem ich dir schon eine Antwort gegeben habe? Es ist immer wieder dasselbe. Hör auf zu heulen, Olivia . . .«

Er redete in einem Strang weiter, obwohl meine Mutter gar nichts mehr erwiderte. Es war, als hätte er sich in Rage geredet und Freude daran gefunden, meine Mutter zu verletzen.

In Tränen ausgebrochen, warf ich mich auf mein Bett. Das konnte ich mir nicht mehr länger anhören. Wie konnte er nur so über mich reden? Über seine eigene Tochter. Und ich dachte wirklich, dass er mich liebhatte, so wie ich war. Aber er schämte sich für mich. So sehr, dass er sich nicht einmal traute, mich seinen Kollegen vorzustellen. Noch nie in meinem Leben fühlte ich mich so ungeliebt wie in dieser Nacht.

Kapitel 4

Es ist sechs Uhr in der Früh. Bernd schnarcht neben mir so laut, dass ich nicht mehr schlafen kann. In einer halben Stunde muss ich aufstehen. Im Winter sind meine Patienten am laufenden Band krank, das bedeutet überfüllte Wartezimmer.

Ich seufze auf, weil mir ins Gedächtnis springt, dass ich mit Bernd über unseren Umzug sprechen muss. Auch wenn es ihm lächerlich vorkommen wird, zu gern würde ich zurück nach New York gehen. Das wollte ich bereits vor Jahren getan haben. Wieso bin ich hiergeblieben? Wegen meines Vaters. ‚Den Studienplatz hast du sicher, Schätzchen. Dann kannst du in unserer Nähe bleiben. Toll, was? Danach eröffnest du deine eigene Praxis. Hör mal Schätzchen, ich habe eine perfekte Praxis für dich gefunden. Sie wird so lange untervermietet, bis du mit dem Studium fertig bist. Toll was? Dann verdienst du dein eigenes Geld und du leitest eine Kinderarztpraxis in so jungen Jahren. Damit machst du deinen Daddy stolz.‘

Wunderbar.

Ich hätte nein sagen können. Ich hätte wegziehen und mein eigenes Leben gestalten können. Aus irgendeinem Grund konnte ich es nicht. So sehr ich mir auch einrede, dass ich meinen Vater hasse, liebe ich ihn ja doch. Allerdings kann ich mir nicht erklären, wieso. Schließlich hasst er mich. Seine Augen blitzen jedes Mal, wenn er mich sieht. Er hätte froh sein können, wenn ich weggegangen wäre.

Immerhin kann er stolz sein, dass seine Tochter Ärztin geworden ist, mit einer eigenen Praxis und dass sie einen Mann geheiratet hat, der in seiner Kanzlei als Rechtsanwalt angestellt ist. Das kann sich alles sehen lassen. Nur ich, ich kann mich nicht sehen lassen. Viele Leute aus dem Umfeld meines Vaters kennen meinen Namen, meinen Lebenslauf, eigentlich alles über mich. Aber niemand von ihnen weiß, wer ich wirklich bin. Keiner von ihnen hat mich je gesehen. Genug davon!

Ich stehe auf.

»Neeeeeeeein, aaaaaahhhh«, schreit einer meiner Patienten. Ein Junge, der von seiner Mutter in mein Untersuchungszimmer geschoben wird. Er weiß genau, was auf ihn zukommen wird. Ich hole die Spritze hervor. Für einen kurzen Moment verstecke ich sie in meiner Kitteltasche. Neben mir liegt ein riesiges, buntes Kuscheltier. Was genau dieses Wesen darstellen soll, weiß ich nicht. Ich hatte es mir mal vor Jahren für die Praxis gekauft.

»Hallo kleiner Jake«, mime ich eine tiefe Stimme nach. Mit meiner Hand bewege ich den Mund des Kuscheltieres. Der Junge schaut das Tier an. Um seine Augen herum glitzert es durch seine Tränen. Sein Atem ist ungleichmäßig. »Bist du heute hier, um mich zu besuchen?«

Jake weiß nicht, was er sagen soll. Er verstummt. Sein Schreien hört endlich auf.

»Guck mal, Jake. Ich habe hier ein paar Bonbons für dich. Die bekommst du nachher, wenn du heute lieb zu mir bist. Willst du lieb zu mir sein?«

Ein ängstliches Nicken zeigt er mir als Antwort. Unauffällig schielt er auf die Bonbons. Es fällt ihm schwer sich zu freuen, trotzdem erhellt sich sein Gesicht. Sehr gut. Ich hebe mit dem Kuscheltier ein Überraschungsei aus einer Kiste hervor.

»Das hier kannst du jetzt schon haben.«

Mit dem Kuscheltier überreiche ich ihm das Ei und warte, bis er anfängt es auszupacken. Seine Mutter hilft ihm dabei. Derweil rutsche ich an seine Seite, um ihn für die Spritze vorzubereiten. Es scheint alles zu funktionieren, denn Jake merkt gar nicht, wie ich die Spritze in seinen winzigen Arm schiebe. Als aber die Flüssigkeit durch seine Adern fließt, zuckt er plötzlich. Er sieht die Spritze und schreit auf. Mit voller Wucht reißt er sich von mir los, sodass die Nadel in die Luft fliegt. Auf einmal geht alles rasend schnell: Der Kleine rennt durch das Zimmer, die Mutter hinterher. Es entsteht ein wildes Geschrei. Die Nadel verfehlt knapp mein Bein, als sie hinunterfällt. Auf dem Boden geht sie zu Bruch.

Es dauert vierzig Minuten, bis wir es schaffen, den Kleinen zu impfen und sie endlich aus meiner Praxis verschwinden. Ich schwitze, das Wartezimmer ist überfüllt, die Eltern sind sichtlich genervt und die Kinder schreien.

Der Tag kann nur noch besser werden.

Auf dem Weg nach Hause nehme ich mir vor etwas zu backen. Das brauche ich jetzt, um Kraft für das Gespräch mit Bernd zu gewinnen. Mir fällt ein, dass ich am Vortag vergessen hatte Mehl zu kaufen. Ich hatte es mir nicht auf die Einkaufsliste geschrieben. Im ersten Moment hadere ich mit mir, ob ich es wirklich noch einmal riskieren sollte, in den Supermarkt zu fahren. Die Vorstellung, dass ich Valentina dort begegnen könnte, macht mir riesige Angst. Es ist absurd, dass mich die Furcht nach all den Jahren noch immer verfolgt. Ich rede mir ein, dass die Begegnung reiner Zufall gewesen sein könnte. Es ist doch eher unwahrscheinlich, sie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen dort anzutreffen. Also, wage ich es.

Ich traue meinem selbst eingeredeten Mut nicht und schaue panisch um jede Ecke, bevor ich einen Schritt weitergehe. Für die Leute um mich herum muss das verrückt aussehen. Das macht mir nichts mehr aus. Die Leute reden sowieso schlecht über mich. In der Hinsicht hatte mein Vater recht, denn sie reden immer schlecht, wenn man äußerlich nicht dem Schönheitsideal entspricht.

Nach einer Weile vergesse ich meine Bedenken über eine Begegnung mit dem Teufel. Aus dem einfachen Grund eine Packung Mehl zu kaufen, hat sich eine Sucht entwickelt, meinen Wagen mit ungesunden Leckereien zu füllen. Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, aber Bernd kommt spät nach Hause. Ich werde mich einsam fühlen und ich werde es dann bereuen, nichts mehr im Haus zu haben.

»Samantha Nolan aus New York«, höre ich eine russische Stimme dicht hinter mir. Mein Körper versteift sich. Ich schlucke meine Angst hinunter und wende mich ihr zu. Wieso habe ich aufgehört mir Sorgen zu machen? Wäre ich achtsamer gewesen, hätte ich sie gesehen. Dann hätte ich mich verstecken können.

Verflixt!

Zu meiner Überraschung lächelt sie mich freundlich an. Vielleicht geht meine Hoffnung in Erfüllung und sie hat sich verändert.

»Oh, hallo. Ähm . . . Valentina?«, spiele ich die Überraschte.

»Wie sie leibt und lebt. Wie geht es dir?«, antwortet sie.

»Och . . . ähm . . . ganz wunderbar. Wie kommt es, dass du wieder hier bist?«

»Mein Vater.« Sie verdreht die Augen. »Du weißt ja, wie das ist. Er macht Geschäfte hier. Familientradition. Ich habe gehört, du leitest eine eigene Praxis. In deinem Alter. Das wundert mich nicht. Dein Vater ist sehr einflussreich.«

»Nun ja«, räuspere ich mich verteidigend, »Biologie war ja meine größte Stärke. Das Studium passte hervorragend zu meinen Leistungen.«

»Was du nicht sagst.«

Mit einem gelangweilten Blick schweift sie über meinen Einkaufswagen. Ich versuche, meinen Körper davor zu stellen, damit sie meine ungesunden Einkäufe nicht sieht. Das macht es nicht wirklich besser.

»Gibst du eine Party? Wie schön. Ich nehme an, dass du alleine feiern wirst. Habe ich recht? Hast du jemals versucht, deine Pfunde loszuwerden? Du siehst immer noch aus wie eine Qualle. Nun ja, ich muss los. Es war mal wieder amüsant dich zu sehen. Von nun an begegnen wir uns hier vermutlich öfter.«

Ihr herablassendes Kichern dröhnt in meinen Ohren. Der Klang ihrer Stimme lässt all die Erinnerungen wieder in mein Bewusstsein, die ich mit viel Mühe verdrängen musste. Sie ist zurück. Wie sie leibt und lebt. Damit hat sie recht. Und sie hat sich nicht verändert. Sowohl äußerlich wie innerlich, ist sie immer noch dieselbe unausstehlich hübsche und zugleich gemeine Person, die ich kenne. Ich muss unbedingt mit Bernd sprechen, wir müssen von hier fortziehen.

So schnell wie möglich!

Mein Einkaufswagen ist gut gefüllt. Obwohl mir ihre Bemerkung ein noch größeres, schlechtes Gewissen verursacht hat, steuere ich die Kasse an. Ich freue mich schon darauf, meinen Kummer auf der Couch zu verdrängen. Mit hungrigem Magen ist das nicht so leicht. Ich weiß, dass ich gesünder essen sollte. Aber es fällt mir schwer, auf all die Leckereien zu verzichten. Besonders an den Abenden, an denen ich alleine zu Hause bin. Bernd kommt oft sehr spät nach Hause.

Während ich an der Kasse warte, sehe ich Valentina in einen Bugatti Veyron in schwarzblau einsteigen. Das ist wohl eines der teuersten Autos, das ich jemals gesehen habe. Hier in Bradbury fahren viele Menschen Luxusautos und haben riesige Häuser. Selbst meine Mutter musste sich geschlagen geben und nach so vielen Jahren ihre alte Kiste gegen ein neues Auto umtauschen. Aber solch ein teurer Wagen ist selbst hier eher selten. Ob es wohl ihr gehört oder ob sie es von ihrem Vater ausgeliehen hat? Soll mir egal sein. Es ist schon dunkel draußen. Es wird Zeit, dass ich nach Hause komme, sonst schaffe ich es nicht mehr zu backen, bevor Bernd kommt.

Ich staple meine Einkäufe auf meinen Armen. Mit einem wackeligen Turm und zittrigen Knien, begebe ich mich zu meinem Auto. Meinem verdienten Feierabend fiebere ich regelrecht entgegen. Ich zwinge mich langsam zu gehen, damit der Turm nicht über mir zusammenbricht. Nur noch ein paar Meter die Zähne zusammenbeißen. Gleich habe ich diesen schrecklichen Tag endlich hinter mich gebracht und kann ihn auf dem Sofa mit meiner Wolldecke ausklingen lassen. Um mich herum werden all meine süßen Verführungen verteilt liegen, sodass ich nur noch meine Hand danach ausstrecken muss.

Herrlich.

Ich werde mir irgendeine romantische Liebeskomödie angucken. Das wird toll. Ich freue mich darauf.

Als ich endlich im Wagen sitze, seufze ich auf. Das war wirklich ein anstrengender Tag. Jetzt fällt die Last von mir ab und ich habe das Gefühl, erschöpft zu sein. Die ständige Angst, Valentina erneut zu begegnen, macht es mir nicht leichter. Ich muss wirklich dringend mit Bernd sprechen. Vielleicht heute noch!

Als ich den Schlüssel einstecke, zucke ich vor Schreck zusammen. Etwas Kaltes berührt mich im Nacken. Das Klicken einer Pistole tönt auf.

Kapitel 5

Meine Muskeln zucken zusammen. Ein undefinierbares Quietschen kommt aus meinem Mund. Da sitzt jemand in meinem Auto! Hinter mir! Mit einer Waffe, die er an meinen Nacken presst. Sofort schwitzen meine Hände, die ich festumklammert am Lenkrad halte.

»Fahr los!«, befiehlt eine tiefe Männerstimme hinter mir.

Mein Herz überschlägt sich, meine Finger fangen an zu zittern, während ich sie vom Lenkrad hebe, um den Schlüssel zu drehen.

»Wohin?«, frage ich. Der Fremde hinter mir schweigt. Na gut, dann werde ich einfach losfahren. Ich fühle, dass sich das kalte Metall fester in meine Haut bohrt. Wieso? Wieso denn? Ich fahre ja schon. Ich bete, dass er mich nicht tötet, dabei glaube ich nicht einmal an Gott. Aber lieber Gott, bitte lass ihn mich nicht töten.

»Nach rechts!«

Seine Stimme reißt mich aus meinen angsterfüllten Gedanken. Ich fahre nach rechts. Alles um mich herum verschwimmt vor meinen Augen. Mein Körper wird fremdgesteuert, ich kann keinen Einfluss mehr nehmen. Bei meinen Versuchen aus dem Rückspiegel etwas zu erkennen, werde ich enttäuscht. Der Fremde hat sich gut getarnt.

Wir fahren etliche Minuten durch die Gegend, bis ich die Orientierung verloren habe. Der Mann hinter mir stöhnt bei jeder Kurve leise auf. Fast so, als hätte er Schmerzen.

»Ok, anhalten!«, sagt er plötzlich. Seine Stimme klingt angespannt.

Ich halte an.

Jetzt bringt er mich um!

Ein weicher Stoff berührt von hinten meinen Mund und meine Nase. Chloroform, das rieche ich sofo. . .

Es fällt mir schwer meine Augen zu öffnen. Meine Zunge klebt in meinem Mund, mein Körper wird durch die Schwerkraft auf den Boden gepresst. Ich fühle mich schwerfällig, irgendetwas muss über mich gefahren sein. Für einen kurzen Moment begreife ich nicht, was passiert ist. Wo bin ich eigentlich?

Endlich haben sich meine Lieder zu einem kleinen Schlitz geöffnet. Da es dunkel um mich herum ist, weiß ich trotzdem nicht, wo ich gerade bin. In meinem Bett kann ich nicht liegen, denn unter mir drückt sich der kalte, harte Boden in meine Beine. Ich muss wohl schon eine Weile hier liegen, weil meine rechte Seite höllisch schmerzt. Langsam drücke ich mich hoch, um die Druckstellen zu befreien, das tut gut.

Aber wo bin ich?

Plötzlich erinnere ich mich an den Supermarkt und an den Mann, der mir eine Pistole in den Nacken presste. Oh mein Gott . . . ich bin entführt worden! Ich liege in irgendeinem Keller von irgendeinem Fremden, der mich entführt hat!

Ich wurde entführt!

Panik steigt in mir auf. Darauf habe ich als junges Mädchen regelrecht gewartet. Mein Vater war als Richter manchmal ganz schön hart zu den Verurteilten. Ich rechnete damit, dass mich eines Tages einer entführen und quälen würde. Aber heute bin ich eine erwachsene Frau. Man bringt mich eigentlich nicht mehr mit meinem Vater in Verbindung. Den Kontakt zu ihm habe ich vor langer Zeit, so gut es mir möglich ist, auf das Minimalste eingeschränkt.

Möglicherweise will sich einer der Verurteilten an meinem Vater rächen. Einer, der aus dem Gefängnis nun rausgekommen ist und mich quälen wird. Einer, der all die Jahre in seiner Zelle einen Plan schmieden konnte, wie er mich finden und entführen könnte.

Noch immer benommen von dem Chloroform, will ich mich auf meine wackeligen Beine stellen. Meine Augen haben sich langsam an die Dunkelheit gewöhnt. Ich sehe mich um. Der Raum ist ziemlich klein, ein Keller kann es eigentlich nicht sein. Vielleicht eine leere Abstellkammer. Um mich herum ist es sehr kalt. Das kommt aus dem Fenster direkt über mir, das offensteht. Zu schade, dass es so winzig ist. Da passe ich niemals hindurch, nicht einmal mein Kopf.

Meine Beine sind puddingweich, sodass ich mich an der Wand festhalten muss. Ich stelle mich auf Zehenspitzen, damit ich aus dem Fenster gucken kann. Tatsächlich sehe ich einige Meter von mir entfernt einen Wintergarten, der hell erleuchtet ist. Zwei Gestalten stehen eng umschlungen im Raum und küssen sich. Ich frage mich, ob dieser Wintergarten zu diesem Gebäude hier gehört, ob diese männliche Person vielleicht der Mann aus dem Auto ist?

Leider kann ich sein Gesicht nicht erkennen. Also, versuche ich, mich noch fester nach oben zu drücken, meine Zehen schmerzen schon. Das Gemäuer scheint mit diesem Raum hier in Verbindung zu stehen, stelle ich fest. Dann verliere ich das Gleichgewicht und ich falle zu Boden. Mit letzter Kraft will ich mich erneut aufstellen und gucke in die Dunkelheit hinein. Die zwei Personen sind verschwunden, das Licht ist aus. Ich beiße verzweifelt auf meine Wange und suche auf der anderen Seite nach einer Menschenseele. Das Einzige, was ich sehen kann, sind ungepflegte Hecken, die mit Dornen übersäht sind.

Plötzlich höre ich, wie die Türklinke hinter mir gedrückt wird und ich lasse mich freiwillig fallen. Ganz langsam schiebt jemand die Tür auf, die einen protestierenden Ton von sich gibt. Im Schatten erscheint eine Person. Das grelle Licht hinter ihm blendet mich. Meine Augen formen winzige Schlitze, durch die ich das Nötigste noch sehen kann. Meine Hand halte ich schützend vors Gesicht.

Die Gestalt kommt auf mich zu. Ich rutschte zurück und stoße an die Wand hinter mir. Ein Tablett wird auf den Boden gelegt und mir zugeschoben.

»Iss!«, befiehlt die mir bekannte Männerstimme aus dem Auto. Leider habe ich nicht besonders lange das Vergnügen mit ihm, sodass ich weiterhin im Ungewissen bleiben muss.

Kapitel 6

 

Meine Erschöpfung hat mich ungewollt in den Schlaf getrieben. Durch unbekannte und aufgebrachte Stimmen werde ich geweckt. Ich bin völlig durcheinander und brauche einen kurzen Moment, um meine Lage zu verstehen. Ein Gefühl für die Zeit habe ich komplett verloren.

Es sind bloß Wortfetzen, die ich wahrnehme. Einen Zusammenhang kann ich noch nicht feststellen. Doch dann erklingt diese unverkennbare Stimme. Dieser russische Akzent, der das Blut in meinen Adern erfrieren lässt. Sie ist es! Und sie kommt näher.

Valentina Kolesnikow steht hinter dieser Tür und diskutiert mit dem Mann aus dem Auto. Sie brüllen sich an, als würden sie sich seit Jahren kennen. Was macht sie bloß hier? Steckt sie etwa hinter alle dem? Irritiert krabbele ich über den Boden zur Tür, damit ich sie besser verstehen kann.

»Du bist ein Feigling!«, brüllt sie den Fremden an. Ein seltsames Gepolter ertönt. Ich schrecke zurück.

»Nenn mich nicht noch einmal so, Valentina! Sonst bist du eine tote Frau!«, droht er.

»Du tust mir weh«, keift sie. »Hör auf damit. Hilf mir hoch!«

Seine Worte klingen dumpf. Offenbar entfernt er sich von ihr. Ich kann seine Antwort nicht mehr verstehen.

»Fahr zur Hölle, du Feigling!«, schreit sie dagegen hysterisch. Russische Worte, die ihn vermutlich zur Hölle schicken sollen, sprudeln über ihre Lippen, bevor sie sich aufrichtet und davon stöckelt. Von jetzt auf gleich ist es ruhig. Unheimlich ruhig.

Panisch rutsche ich zurück zu der hinteren Wand. Mein Körper fühlt sich hilflos und schwach an. Ich stelle fest, dass das Brot verschwunden ist. Jetzt fühle ich mich unbehaglich. Jemand war hier in diesem Raum, während ich geschlafen habe und ich habe davon gar nichts gemerkt. Ich frage mich, wann ich hier wohl wieder rauskomme und was ich hier überhaupt soll?

Plötzlich nähern sich mir wieder Schritte. Es sind mehrere. Auch Valentinas High Heels kann ich hören. Panik steigt in mir auf. Oh mein Gott, was passiert jetzt?

Die Tür schlägt mit Schwung auf und prallt gegen die Betonwand. Eine breite Gestalt steht im Türrahmen, hinter dieser taucht Valentina auf. Ihren Körper erkenne ich trotz Dunkelheit sofort. Beide haben ihre Hände an die Hüften gestemmt.

»Siehst du, Alessandro? Er hat sie hergebracht ohne dich zu informieren. Lässt sie weiterleben, gibt ihr etwas zu Essen und . . .«, Valentina scheint mich in diesem Moment zu erkennen. Sie stockt und starrt mich für einen kurzen Augenblick irritiert an. Ich kann endlich in ihr Gesicht schauen und sogar ihre Gedanken um sie kreisen sehen. Ein Hauch von Hoffnung schimmert in mir auf. Statt mich jedoch zu retten, spricht sie weiter: »Und bringt uns alle in Gefahr. Alessandro . . . dein Sohn! Dein Sohn bringt uns alle in Gefahr.« Sie schaut mir tief in die Augen und ergänzt zynisch: »Wir sollten sie auf der Stelle töten!«

Ich schrecke zurück.

Mich töten?

Jetzt weiß ich mit Sicherheit: Dieser Mensch trägt keinen guten Kern in sich. Ich kann mir nicht erklären, was hier überhaupt geschieht, wer diese Menschen sind, wieso Valentina hier ist und solch furchtbare Dinge von sich gibt. Das hätte ich ihr beim besten Willen nicht zugetraut. Ich will bloß nach Hause!

Ängstlich schüttle ich meinen Kopf. Mehr kann ich in diesem Moment einfach nicht tun. Valentinas Grinsen wird breiter. Sie nickt mir siegessicher zu. In ihren Augen hat sie den Kampf gewonnen. Einen Kampf, dessen Anlass ich nicht mal kenne.

Die adipöse Person neben ihr dreht sich halb zu ihr um. Im Licht erkenne ich einen älteren Mann, der wie ein gefährlicher Krimineller aus dem Fernsehen aussieht. Sein Gesicht ist mit vernarbten Kratern übersäht. Tief blaue Ränder zieren seine Augen. Er sieht erschöpft und verbraucht aus. Doch seine Miene zeigt eine seltsame Gelassenheit, die seinem Alter zu trotzen scheint. Seine Lippe ist leicht schief, als er mit einem starken, italienischen Akzent ruft: »Antonio, mein Junge. Komm her. Sofort.« Eine erdrückende Stille macht sich um uns herum breit. Ungeduldig wackelt Valentina mit ihrem Fuß. »Subito!«, brüllt er noch einmal mit Nachdruck. Nicht nur ich, auch Valentina zuckt zusammen. Er klingt nach einem sehr gefährlichen Mann. Einflussreich und sicherlich auch skrupellos.

Antonio lässt nicht lange auf sich warten. Auch wenn ich ihn nicht richtig erkennen kann, wirkt er schockiert. Sein Blick wechselt zwischen mir und den beiden hin und her.

»Valentina!«, faucht er. Lieblos schiebt er sie zur Seite und stellt sich vor seinen Vater. »Lass es mich erklären, Aless.«

Es muss der Fremde aus dem Auto sein! Seine Körperhaltung ist mehr als angespannt, dennoch spricht er seine Wörter mit Bedacht. Ruhig und mit dieser mir bekannten, tiefen Stimme.

»Töte sie«, befiehlt sein Vater nüchtern, »jetzt sofort.«

Ein panischer Schrei platzt aus mir heraus, der niemand zu stören scheint.

»Paolo von den Calimeros hat mich angeschossen«, erklärt Antonio. Die Stimmung verdunkelt sich auf der Stelle. Die dicke Gestalt dreht sich ihm zu. Eine plötzliche Besorgnis zeichnet sich in seinen Augen ab. Er legt seine Hände auf Antonios Schultern.

»Sie haben geschossen meinen Jungen?«, wiederholt er. In seinem Gesicht funkelt der pure Hass. Antonio löst sich von ihm.

»Nichts passiert, Aless. So schnell kriegen die mich nicht klein. Mir geht es gut. Sie waren zu viele, ich hatte keine Chance. Ich konnte Paolo noch eine Lektion erteilen, der kleine Tonto. Aber Aless, die haben sich vermehrt. So viele neue Gesichter. Früher konnte ich es mit allen gleichzeitig aufnehmen, das geht nun nicht mehr. Es sind fast doppelt so viele. Eine spanische Invasion. Temuti ist in Gefahr. Wir sind ihnen bei Weitem nicht mehr gewachsen. Ich konnte mich in letzter Minute davor retten, nicht getötet zu werden. Da kam mir das offenstehende Auto von ihr gerade recht.« Er zeigt auf mich ohne mich anzuschauen und senkt direkt danach den Kopf. »Ich hatte keine Kraft . . .«

»Komm her, Junge«, unterbricht ihn Alessandro. Mit seinen scheinbar viel zu kurzen Armen nimmt er Antonio, der mindestens zwei Köpfe größer, aber nur halb so viel Umfang vorzuweisen hat, in den Arm und drückt ihn fest an sich. Im ersten Moment hätte man glauben können, dass es eine väterlich, liebgemeinte Geste wäre. Dieser Schein erlischt schon in dem Moment, als er ergänzt: »Hast du erledigt deinen Job vorher?«

Genervt macht sich Antonio von ihm frei.

»Natürlich, sonst wäre ich nicht zurückgekommen.«

Alessandro wendet sich mir zu. Sein Gesicht verschwindet im Schatten. Vermutlich mustert er mich in diesem Moment.

»Du hättest die Donna hier sollen töten sofort. Jetzt, sie ist eine Gefahr, wie unsere schöne Valentina hat schon gesagt.«

»Er hat sich nicht getraut sie zu töten, weil er ein Feigling ist«, wirft Valentina hinter den beiden ein. Sie hält ihre Arme überkreuzt vor ihrer Brust. Ungeduldig läuft sie auf und ab. Ganz offensichtlich kann sie es nicht abwarten, mich sterben zu sehen. Unfassbar, dass sie mich wirklich so sehr hasst.

»Halt die Klappe, Miststück«, zischt Antonio in ihre Richtung und stößt sie an die Wand. Dann wendet er sich wieder seinem Vater zu. Irgendwie empfinde ich Sympathie für ihn. Immerhin haben wir die gleiche Abneigung ihr gegenüber.

»Aless!&

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