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The Secret – Er weiß, wer du wirklich bist

Inhalt

  1. Cover
  2. Weitere Titel der Autorin
  3. Über dieses Buch
  4. Über die Autorin
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Widmung
  8. 1
  9. 2
  10. 3
  11. 4
  12. 5
  13. 6
  14. 7
  15. 8
  16. 9
  17. 10
  18. 11
  19. 12
  20. 13
  21. 14
  22. 15
  23. 16
  24. 17
  25. 18
  26. 19
  27. 20
  28. 21
  29. 22
  30. 23
  31. 24
  32. 25
  33. 26
  34. 27
  35. 28
  36. 29
  37. 30
  38. 31
  39. 32
  40. 33
  41. 34
  42. 35
  43. 36
  44. 37
  45. 38
  46. 39
  47. 40
  48. 41
  49. 42
  50. 43
  51. 44
  52. 45
  53. 46
  54. 47
  55. 48
  56. 49
  57. Danksagung

Weitere Titel der Autorin

The Teacher – Heute wirst du sterben

Über dieses Buch

Kannst du ein Geheimnis bewahren? Sonst musst du sterben …

Die Polizistin Bridget Reid ermittelt verdeckt als Prostituierte. Sie muss mit ansehen, wie zwei junge Frauen und ein Freier grausam ermordet werden. Sie selbst wird entführt und erwacht kurze Zeit später in einem verschlossenen Raum. Erinnerungen an Blut, Schmerz und tödliche Angst suchen sie immer wieder heim. Merkwürdigerweise kennt ihr Entführer ihre intimsten Geheimnisse – Dinge, die sie nie jemandem erzählt hat. Wie kann das sein? Und wie kann sie einer Person entkommen, die alles über sie weiß?

DS Imogen Grey und DS Adrian Miles suchen fieberhaft nach der verschwundenen Bridget und stoßen auf ein grauenvolles Netz von Missbrauch, Mord und Verrat …

Bestialische Morde. Eine entführte Polizistin. Und ein tödliches Geheimnis: Der zweite Fall für das Ermittlerduo Imogen Grey und Adrian Miles.

Über die Autorin

Katerina Diamond wurde 1977 in Weston geboren, wo ihre Eltern im griechischen Viertel ein Fish-and-Chips-Restaurant führten. Sie verbrachte ihre Kindheit in Griechenland. Nach dem Schulabschluss arbeitete sie im Restaurant ihres Onkels und ging auf die Universität in Derby, wo sie ihren Ehemann kennenlernte, mit dem sie zwei Kinder hat. Heute lebt Katerina mit ihrer Familie an der Ostküste von Kent. Sie hat mehrere Drehbücher geschrieben und 2013 den Ramsgate’s-Got-Talent-Schreibwettbewerb gewonnen.

KATERINA DIAMOND

The Secret

Er weiss, wer du wirklich bist

THRILLER

Aus dem Englischen von
Michael Krug

Für meinen Ehemann,
ohne den ich entschieden weniger oft
an Mord denken würde.

1

Die Professionelle
Gegenwart

Bridget hörte Autos auf der nassen Straße unter den Fenstern des denkmalgeschützten viktorianischen Gebäudes vorbeifahren, in dem sie arbeitete. Abends um diese Zeit veränderte sich der Verkehr im Quadrangle von Exeter, Leute, die auf dem Weg von der Arbeit nach Hause waren, wichen Leuten, die etwas Aufregenderes suchten als das, was sie zu Hause hatten. Sie blickte durch ihr Fenster nach unten. Der Regen hatte vorübergehend nachgelassen, die Straßen waren leer, nur ab und zu fuhr ein Fahrzeug vorbei. Die einzigen anderen Geräusche, die Bridget hörte, stammten von ihrer Mitbewohnerin Estelle, die im Zimmer nebenan einen Kunden ›unterhielt‹, wobei das Kopfteil des Bettes gegen die Wand knallte. Bridget starrte auf das beleuchtete Ziffernblatt der Kirchturmuhr und wartete. Ihr Besucher verspätete sich. Er kam sonst nie zu spät.

Es klopfte an der Tür, und bevor Bridget darauf reagieren konnte, stürmte Estelle herein, halb nackt und außer Atem.

»Du musst was für mich tun.«

»Hat so geklungen, als hätte gerade jemand was für dich getan.«

»Sehr witzig.« Estelle rückte ihren BH zurecht und warf ihre Haar-Extensions zurück. »Ich meine, du musst mir einen Gefallen tun.«

»Was für einen Gefallen?« Bridget wollte es eigentlich gar nicht wissen; Estelles ›Gefallen‹ waren in der Regel ziemlich extrem.

»Hitchcock ist bei mir, und er will mehr Zeit. Du musst das Baby für mich übernehmen.«

»Auf keinen Fall, Estelle – der ist dein Problem, nicht meines. Außerdem warte ich gerade auf jemanden.«

»Komm schon, Bridge, bitte! Er macht doch gar nichts, muss nur geknuddelt werden und schläft die ganze Zeit. Ich brauch bloß noch zehn Minuten – höchstens!«

Bridget sah auf die Armbanduhr.

»Na schön, aber nur dieses eine Mal, Estelle – du weißt, das ist überhaupt nicht mein Ding.«

»Dafür bin ich dir echt was schuldig.«

»Und ob.«

Estelle hauchte ihr einen Kuss zu und verschwand. Bridget konnte nicht anders, als weiter aus dem Fenster zu schauen – sie wartete auf Sam. In der Regel gab er ihr Bescheid, wenn er nicht kommen konnte. Die Funkstille machte sie nervös. Exeter wirkte an diesem Abend sonderbar ruhig. Unter der Woche gingen alle früh zu Bett, um sich für einen weiteren harten Arbeitstag zu wappnen, doch an einem Freitag herrschte in der Regel mehr Betrieb. Es fühlte sich definitiv eher nach einem Mittwoch an. Sie beobachtete, wie sich ein Auto näherte und langsamer wurde. Durch den Regen ließ sich nicht erkennen, um welche Marke es sich handelte, daher klammerte sie sich an die Hoffnung, es könnte Sam sein. Aber als der schwarze Wagen mit Allradantrieb auf den verwahrlosten Vorhof rollte, schwand ihre Hoffnung. Bridget beobachtete, wie ein Mann aus dem Auto stieg und durch den Regen zur Eingangstür eilte. Die Klingel läutete – Estelles Klingel. Sie hatten jeweils eine eigene, damit sich jede Frau um ihre eigenen Freier kümmern konnte. Zwei Frauen pro Stockwerk, verteilt auf zwei Etagen mit einer Gemeinschaftsküche und einem Aufenthaltsraum im Erdgeschoss. Das Geräusch ertönte erneut. Es wurde nicht gern gesehen, wenn man beim Läuten der Glocke für jemand anderen die Tür öffnete, trotzdem ging Bridget nach unten durch den Flur und spähte durch den Spion der Eingangstür hinaus. Es war zu dunkel, um den Mann zu erkennen, zudem lag sein Gesicht im Schatten und hinter dem Kragen seines Trenchcoats verborgen. Sie warf einen letzten Blick durch den Spion, bevor sie die Tür schließlich öffnete. Der Mann trat ein und schüttelte seinen Regenschirm ab.

»Wo ist Estelle?«, fragte das Baby.

»Komm mit, Estelle hat mich gebeten, dass ich mich heute um dich kümmere«, erwiderte Bridget nervös und trat vor den Mann. Das Baby kam offenbar direkt aus dem Büro – sie hoffte, er würde unter dem maßgeschneiderten Anzug aus der Savile Row seine eigene Windel tragen, denn es gab Grenzen, die sie nicht überschreiten würde, nicht einmal in Ausübung ihrer Pflicht. Als sie ihn nach oben zu ihrem Zimmer führte, beschlich sie das Gefühl, dass ihn nicht groß interessierte, wer sich um ihn kümmerte, solange es irgendjemand tat. Er gehörte zu den weniger perversen Freiern von Estelle, und das wollte was heißen.

Langsam zog Bridget ihn aus und hängte jedes Teil sorgfältig auf einen Wäscheständer aus Mahagoni. Dann drückte sie ihn aufs Bett und setzte sich neben ihn, zog ihn an sich und schlang die Arme um ihn.

»Ich bin hungrig. Ich brauche Milch.« Er schmiegte sich an sie.

»Oh, äh … ich …«

»Estelle bewahrt sie normalerweise in einer Flasche im Kühlschrank auf. Aber du musst sie wärmen.« Es schien ihn zu verärgern, dass er sie darüber aufklären musste.

»Alles klar, tut mir leid. Warte einfach hier.« Damit eilte sie aus dem Zimmer und verfluchte Estelle innerlich. Das war nicht Teil der Abmachung.

Sie fand die Milch im Kühlschrank und stellte sie in die Mikrowelle. Bridget drückte auf den Knopf und starrte auf die Anzeige mit den roten Ziffern. Als sie bei null angelangten, kam wieder die Uhrzeit, und als sie diese betrachtete, wurde Bridget mit einem Stich im Herzen klar, dass sie eigentlich gerade mit Sam zusammen sein sollte. Die ganze Woche freute sie sich auf die Freitagsbesuche von Sam. Sie fuhren dann immer zum Pub, zum Double Locks, und kuschelten sich dort in eine Ecke. Wieder fing sie an, sich zu sorgen. Es sah ihm nicht ähnlich, sich zu verspäten. Er kam nie zu spät. Das Gefühl kroch ihr unter die Haut – das Gefühl, dass sie, wenn er sich nicht bald meldete, nie wieder von ihm hören würde.

Sie nahm die Flasche und schüttelte sie, um die Milch durchzumischen. Als sie zu ihrem Zimmer zurückkehrte, öffnete sich die Tür von Estelles Raum, und heraus kam der Mann, den sie alle als Hitchcock bezeichneten. Bridget hatte ihn noch nie zuvor aus der Nähe gesehen – er legte größten Wert auf Diskretion. Sie konnte nur Hitchcocks ungemein dunkle Augen erkennen, die sie geringschätzig, aber auch prüfend anstarrten. Irgendetwas an ihm wirkte vertraut. Bridget war immer davon ausgegangen, er würde Hitchcock genannt, weil er wie der berühmte Regisseur aussah – in diesem Gewerbe benutzte niemand echte Namen. Aber der Mann war groß und schlank, und unter seinem Filzhut lugten dunkle Haare hervor. Er hatte so gar nichts mit dem echten Hitchcock gemein. Rasch wandte er sich ab, und Bridget huschte in ihr Zimmer, wo sie das Baby in einem Strampler und mit dem Daumen im Mund in Embryonalhaltung auf dem Bett vorfand. Sie verdrehte die Augen, als sie auf den Mann zuging. Bridget hörte, wie Estelle und Hitchcock an der Eingangstür stritten, bevor sie zugeworfen wurde. Kurz danach öffnete sich ihre Zimmertür, und Estelle kam herein. Sie wirkte durcheinander, als sie Bridget die Flasche abnahm, sich neben das Baby setzte und begann, das Haar des Mannes zu streicheln.

»Ich kann jetzt übernehmen, er musste weg.«

»Worüber habt ihr gestritten?«

»Er war bloß nicht erfreut darüber, dir über den Weg zu laufen, das ist alles. Ich hab ihm vorher nämlich gesagt, ich sei allein hier, weil ich dachte, du wärst unterwegs. Komm her, Baby.« Sie hob sich den Kopf des Babys auf den Schoß und steckte dem Mann die Flasche in den Mund – er nuckelte enthusiastisch daran. So ungewöhnlich seine Perversion sein mochte, Bridget fand sie im Grunde ziemlich harmlos.

»Dann geh ich duschen«, kündigte Bridget an, bevor sie rasch das Zimmer verließ.

Ihr Warmwasser funktionierte mal wieder nicht, also sammelte Bridget ihren Kram zusammen und ging los, um Dee, die oben wohnte, zu fragen, ob sie bei ihr duschen durfte.

»Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht?«

»Ja, ist schon gut. Ich wollte sowieso gerade ausgehen. Was hältst du davon?« Dee drehte sich schwungvoll in einem offensichtlich geklauten Kleid: blaue Pailletten, tiefer Ausschnitt. Sie war eine notorische Ladendiebin. Einige der Geschenke, die sie Bridget in der Vergangenheit gemacht hatte, bewiesen es. Dee hatte gerade keine Mitbewohnerinnen – frühere Mieterinnen hatten sich immer nach einer anderen Bleibe umgesehen, nachdem sie einige Wochen mit Dee und ihren langen Fingern verbracht hatten.

»Meine Ohrringe, die dir so gefallen, die klassischen mit den blauen Kristallen … also, die würden echt toll zu dem Kleid passen. Sie sind unten in unserem Badezimmer, falls du sie willst.« Bridget lächelte Dee an. Es war immer besser, ihr von sich aus Dinge anzubieten, bevor sie Gelegenheit hatte, sie sich ohnehin zu nehmen.

»Du bist ein Schatz. Vielleicht treffe ich heute Nacht meinen Millionär«, meinte Dee, warf Bridget einen Kuss zu und trat den Weg die Treppe hinunter in den ersten Stock an.

Bridget liebte das Gefühl von warmem Wasser auf der Haut. In diesem Haus zu wohnen fühlte sich schmutzig, fühlte sich rundum falsch an. Sie wünschte, sie könnte zurück nach Hause zu ihrer Familie oder auch nur ihre Mutter anrufen, aber das kam im Augenblick nicht infrage. Zum ersten Mal seit einer Woche wusch sie sich die Haare und konnte den Dreck und das Fett unter den Haarsprayschichten spüren. Schmutziges Haar hielt besser. Estelle würde ihre Mähne mit Lockenwicklern und einem Lockenstab wieder auf Vordermann bringen. In solchen Dingen war Bridget nie gut gewesen. Zum Glück besaß sie von Natur aus ein recht ansprechendes Äußeres. Tatsächlich sah sie ohne Make-up sogar besser aus, aber die Männer, die hierherkamen, interessierten sich nicht für natürliche Schönheit. Sie wollten heiße Künstlichkeit mit Push-up-BHs und falscher Sonnenbräune. Sie wollten den Look eines Hochglanzmodels, nicht das Mädchen von nebenan. Bridget bot in der Regel nur normale Dates an – im Gegensatz zu Estelle, bei der sich alles um die ausgefallenen Wünsche drehte. Damit ließ sich richtig Geld verdienen, dabei lernte man die wichtigen Männer kennen. Bridget hatte noch nicht hinlänglich bewiesen, dass man ihr vertrauen konnte.

Sie drehte das Wasser ab und fuhr sich mit den Fingern durch die Haare, die zwischen ihren Händen quietschten, als sie sich durch die Strähnen arbeitete. Es fühlte sich so gut an, all den Dreck von sich abzuwaschen. Bridget wickelte sich in ein Handtuch und tappte in Dees Wohnzimmer, wo sie mehrere ihrer eigenen Sachen fand, die in den vergangenen Tagen verschwunden waren. Sie nahm es Dee nicht übel, denn sie wusste, die Frau hatte keine Kontrolle darüber. Außerdem bedeuteten Bridget die gestohlenen Habseligkeiten ohnehin nicht das Geringste. Nichts in diesem Leben bedeutete ihr etwas – außer Sam.

Nur in das Handtuch gehüllt ging sie die Treppe hinunter zurück zu ihrer Wohnung. Die Tür stand einen Spalt offen. Irgendetwas stimmte nicht. Bridget presste sich mit dem Rücken an die Wand und spähte durch den Spalt. Sie konnte Dees Fuß sehen. Ihr blauer Lackschuh baumelte von der Ferse. Bridget kauerte sich hin und linste weiter ins Zimmer hinein. Von drinnen hörte sie ein Geräusch. Keine Panik, dachte sie bei sich. Du weißt, was du zu tun hast. Dennoch krampfte sich ihr Magen zusammen, als sie in ihr Zimmer hineinsehen konnte.

Dee lag ausgestreckt auf dem Boden, die Augen weit aufgerissen, das Gesicht in einem Ausdruck von Überraschung erstarrt. Bridget konnte sehen, wie sie sich bewegte, als sie nach Luft rang. Blut sammelte sich unter ihr zu einer Lache, nasses Rot verschmierte ihre Beine. An der Innenseite eines Oberschenkels erblickte Bridget eine über zehn Zentimeter lange Schnittwunde. Die Schlagader war durchtrennt worden; Dee würde innerhalb von wenigen Minuten tot sein. Ein Gedanke schoss Bridget durch den Kopf.

Scheiße. Die wissen, wer ich bin.

Bridget betrat die Wohnung, denn sie wusste, sie musste ihr Telefon holen. Es befand sich kaum zwei Meter entfernt. Dee richtete ihre Augen auf sie und warf ihr einen bangen, einen warnenden Blick zu. Sie beobachtete, wie eine Träne seitlich an Dees Kopf hinabkullerte und auf den Boden fiel, als in ihre Augen eine Leere trat, die Bridget nur allzu gut kannte. Es war nicht die erste Leiche, die sie zu Gesicht bekam, aber es war das erste Mal, dass sie mit ansehen musste, wie jemand starb. Darüber durfte sie sich im Augenblick nicht den Kopf zerbrechen. Konzentrier dich. Was machst du jetzt? Wer immer das getan hatte, hielt sich noch in der Wohnung auf. Sie konnte es nicht riskieren. Du musst Sam warnen. Bridget brauchte ein Telefon. Sam würde wissen, was zu tun war.

2

Die Überlebende
Gegenwart

Zuallererst brauchte Bridget etwas zum Anziehen. Sie lief die Treppen wieder hinauf, bemühte sich, dabei kein Geräusch zu verursachen, denn sie wusste, wer immer Dee das angetan hatte, befand sich noch im Gebäude und tat wahrscheinlich gerade Estelle etwas an.

Hastig sah sie Dees Kleiderschrank durch und griff sich einen schwarzen Hooch-Trainingsanzug aus Velours. Es war das Einzige, was sowohl ihre Oberschenkel als auch ihre Nippel bedeckte. Dann schlich sie wieder die Treppe hinunter. Sie hörte einen Mann mit einem Akzent, den sie nicht ganz einordnen konnte, telefonieren.

»Was soll das heißen, das ist sie nicht? Hier sind zwei Weiber und ein als verficktes Baby verkleideter Kerl … Ja, eine hat schwarze Haare, die andere ist blond. Ich hab dir ja die Bilder geschickt … Tja, dann ist sie wohl nicht hier … Schon gut, schon gut, tut mir leid. Ich wollte nicht respektlos sein. Ich finde sie … Keine Sorge, sie sind alle tot … Nein, niemand hat mich gesehen … Sonst ist definitiv niemand hier … In Ordnung.«

Wieder spähte Bridget durch den Türspalt. Der Mann befand sich in ihrem Schlafzimmer. Seine schattenhafte Gestalt stand von ihr abgewandt. Sie konnte ihr Handy auf dem Beistelltisch sehen, gleich über der Stelle, wo sie all ihre Schuhe verwahrte, aber sie konnte nicht in die Wohnung. Langsam wich sie von der Tür zurück in den Flur. Ihre Atmung ging schnell und unregelmäßig, trotzdem gab sie sich alle Mühe, möglichst still zu sein und gegen nichts zu stoßen.

Sie öffnete das Schiebefenster im Gang, zuckte bei dem leisen Geräusch zusammen und rannte die Feuertreppe hinunter. Das Metall war kalt und nass unter ihren Füßen. Sie versuchte bestmöglich, keinen Lärm auf der wackeligen Eisentreppe zu machen. An manchen Stellen war das Metall völlig korrodiert, und sie musste darauf achten, sich nicht daran zu schneiden oder mit dem Fuß zwischen die Stufen zu rutschen. Bridget rannte die Nebenstraße entlang, die parallel zur Rückseite des Gebäudes verlief, und hielt neben einem gelben Streugutbehälter an. Durch das milde Wetter in letzter Zeit musste sie nicht fürchten, man könnte die Kiste in absehbarer Zukunft öffnen.

Bridget klappte den Deckel auf und fasste hinein. Sie wühlte darin herum. Das Geräusch der aneinanderreibenden Steinchen ging ihr durch Mark und Bein. Schließlich spürte sie den Lederriemen ihres Rucksacks zwischen den Fingern und zog kräftig daran. Mit einem Knirschen gab das Streugut nach – lauter, als sie vermutet hatte. Ruckartig schaute sie zurück, um sich zu vergewissern, dass sich niemand in der Nähe befand. Sie war allein. Bridget öffnete den Rucksack und überprüfte den Inhalt. Ein Bündel Banknoten, ein Handy, ein Leatherman-Mehrzweckwerkzeug, ein Notstrom-Akku und ein zweiter Akku für das Telefon. Da der Akku ihres Handys leer war, tauschte sie ihn gegen den Reserveakku aus. Auch der war nicht mehr voll, aber für den Notfall würde es reichen. Und wenn das hier kein Notfall war, was dann. Die einzige im Telefon gespeicherte Nummer war die von Sam. Bridget tippte auf das Display.

Sie landete direkt auf der Mailbox.

»Sam? Hier ist Bridge. Wo um alles in der Welt steckst du? Bist du in Schwierigkeiten? Ein Mann ist im Haus aufgetaucht, während ich oben duschen war. Als ich zurück nach unten in mein Zimmer kam, waren alle tot.« Sie bemühte sich, die Panik aus ihrer Stimme zu verbannen, und flüsterte lediglich eindringlich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. »Gesehen habe ich nur Dees Körper. Die anderen nicht, aber ich konnte den Mann reden hören. Er war hinter mir her … aber ich habe nicht gesehen, wer es war. Ich glaube, er hatte einen leichten Akzent, und er hat nicht jung geklungen. Das ist alles, was ich dir vorläufig sagen kann. Ich gehe jetzt zu unserem Treffpunkt. Bitte sei dort.« Nach einem weiteren prüfenden Blick über die Schulter hielt sie kurz inne und holte tief Luft. Ein Gefühl in ihrer Magengrube verriet ihr, dass sie eine Weile nicht mehr mit ihm sprechen würde. »Ich liebe dich, Sam.«

Bridget legte auf und schwang sich den Rucksack auf den Rücken. Sie ging Richtung Ortsmitte und behielt dabei ein paar Betrunkene an der Straßenecke im Auge. Unwillkürlich fragte sie sich, ob sie wirklich das waren, was sie zu sein schienen. Oder wurde sie von ihnen beobachtet? Sie betrachte die Autos, die am Straßenrand parkten, und hielt Ausschau nach einem über zwanzig Jahre alten Modell, da man solche Fahrzeuge leichter knacken konnte. Es war ein langer Weg zu ihrem üblichen Treffpunkt mit Sam. Sie brauchte einen Wagen.

Ihr Blick fiel auf einen alten Vauxhall Cavalier. Bridget ging dahinter in die Hocke und machte sich an die Arbeit, indem sie ein dünnes Seil aus dem Rucksack hervorholte. Mit einem Auge beobachtete sie weiter die Straße, und sie duckte sich tiefer hinter das Auto, als sie einen Mann in ihre Richtung kommen sah. Ihr blieb nicht viel Zeit. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie einen anderen jüngeren Mann bemerkte, der aus dem Gebäude hinter dem ersten Mann heraustrat. Wenige Fahrzeuge von dort entfernt, wo Bridget kauerte, hielten die beiden auf der Straße inne. Sie konnte das Grollen erhobener Stimmen hören, als die zwei zu streiten begannen.

Worin sie ihre Chance sah.

Rasch knüpfte sie einen Laufknoten in das Nylon-Seil. Dann hebelte sie die Tür mit dem Leatherman einen Spalt auf und schob die Schnur hindurch, bewegte sie mit einer Hand an jedem Ende langsam hin und her, bis sich die Schlaufe um den Kopf des Plastikstifts der Türverriegelung legte. Sie zog an beiden Enden der Schnur, bis sich der Knoten eng um den Plastikstift schloss, dann versetzte sie der Schnur einen Ruck nach oben und entriegelte die Tür.

Bei dem klackenden Laut drehten sich beide Männer um, wenngleich ihre Gesichter in der Dunkelheit blieben. Einen Herzschlag lang herrschte völlige Stille. Bridget wartete einige Sekunden, bis sie sich wieder einander zuwandten, dann öffnete sie vorsichtig die Autotür. Sie griff unter die Lenksäule, schraubte die Abdeckung ab und bemühte sich, ruhig zu bleiben. Du hast das schon tausendmal gemacht. Sie zog den Kabelstrang heraus und entfernte mit dem Messer des Leathermans die Isolierung von den zwei roten Batteriekabeln, legte jeweils zwei Zentimeter der Kupferdrähte frei und verdrillte sie miteinander. Als Nächstes entfernte sie ein Stück der Isolierung des braunen Zündungsdrahts, bevor sie in den Wagen stieg, um den Starter anzulassen. Sobald sie den freigelegten Draht der Zündung mit Batteriestrom versorgte, würden die Männer wissen, wo sie sich befand; ihr blieben nur Sekunden, um sich aus dem Staub zu machen. Sie holte tief Luft und führte die Drähte zusammen. Sobald der Motor ansprang, schaute Bridget durchs Fenster und stellte fest, dass sich die zwei Männer in Bewegung gesetzt hatten. Sie rannten auf das Auto zu, um es zu erreichen, bevor sie davonfahren könnte. Hastig warf sie den Rucksack auf den Sitz neben ihr, parkte aus und drehte das Lenkrad so jäh und hart, dass ihre Hände schmerzten. Sofern die Männer noch Zweifel gehabt hatten, bevor sie das kreischende Durchdrehen der Reifen hörten, waren sie damit auf jeden Fall verflogen. Als Bridget in den Innenspiegel blickte, sah sie gerade noch, wie die beiden in ein Auto sprangen, das bereitstand, um ihr zu folgen.

3

Die Gejagte
Gegenwart

Bridget nahm die Straße, die zur Station St. David führte, und wünschte, sie hätte Sam gesagt, dass sie ihn dort treffen würde, wo es genug Menschen gab, um zwischen ihnen unterzutauchen. In dem Wissen, dass sich die Männer direkt hinter ihr befanden, fuhr sie weiter. Sie sah, wie sie um die Ecke bogen, wenn sie das Ende einer Straße erreichte, und wie ihr Wagen bei der Verfolgungsjagd über die Randsteine holperte. Kurz dachte Bridget an Estelle und daran, was ihr widerfahren sein musste. Ich hätte einen Krankenwagen rufen sollen. Doch sie durfte im Augenblick nicht daran denken, was sie hätte tun sollen – sie musste diesen Männern entkommen. Ihr Blick wanderte unablässig zwischen dem Innenspiegel und der Fahrbahn vor ihr hin und her. Als sie die Bonhay Road hinunterfuhr, fühlte sie sich entsetzlich ungeschützt, weil zu wenig Verkehr herrschte, um darin unterzutauchen.

Und die Männer holten auf. Bridget fuhr über die Brücke in Richtung Cowick. Das Auto würde sie bald loswerden müssen. Um schnell eine große Entfernung zu überwinden, war es geeignet gewesen, aber darüber war sie mittlerweile hinaus. Sie musste nur noch sicherstellen, dass sie nicht in die Hände dieser Kerle geriet, und dafür standen die Chancen zu Fuß besser. Sie näherte sich einigen schmäleren Gassen mit Ziegelsteinhäusern fernab der Hauptstraße. Als sie das Auto ihrer Verfolger bei einem weiteren Blick zurück kurzzeitig nicht sehen konnte, bog sie rasch ab und fuhr in die Einfahrt eines privaten Parkplatzes hinter einer kleinen Häuserzeile, bevor sie den Motor abschaltete. Von der Straße aus würden die Männer den Wagen nicht sehen können – jedenfalls noch nicht. Bridget sprang hinaus und rannte auf den Fluss zu, so schnell sie konnte. Während sie sprintete, hörte sie, wie sich ein Auto näherte. Es waren ihre Verfolger. Sie huschte hinter eine große Mülltonne und wartete, dass sie an ihr vorbeifuhren. Sie hatten die Fahrt deutlich verlangsamt, hielten offensichtlich nach ihr Ausschau. Bridgets Atmung fühlte sich an, als hätte sie den Betrieb eingestellt, während sie neben der Mülltonne kauerte. Sie wartete, bis das Geräusch des Autos verklang. Als Bridget sicher sein konnte, dass sie weg waren, kam sie hinter der Mülltonne hervor und blieb dicht bei den Gebäuden. Sie rannte weiter zum Fluss und nahm die Unterführung zum unteren Bürgersteig, der entlang des Ufers verlief. Hoffentlich würden ihre Verfolger sie von der Straße aus hier unten nicht sehen. Sie hatte völlig vergessen gehabt, dass sie nichts an den Füßen trug. Bridget ignorierte die Schmerzen, die der Asphalt an ihren Sohlen verursachte, als sie sich den Weg zur Cricklepit Bridge bahnte. Sämtliche Straßenlaternen leuchteten, doch sie blieb im Schatten, wann immer es ging, und beschleunigte die Schritte, wenn sie das Licht nicht meiden konnte.

Überzeugt davon, nicht alleine zu sein, schaute sie zurück. Doch sogar die Pubs entlang des Flussufers wirkten verlassen. Sie sehnte sich nach einer Menschenmenge, in der sie untertauchen, sich verstecken könnte wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Bridget fühlte sich, als stünde sie mit einem direkt auf ihr Gesicht gerichteten Spot mitten auf einer Bühne. Als sie nach links schaute, erblickte sie den Kinderspielplatz und verspürte einen Anflug von Erleichterung. Sie rannte darauf zu, kletterte über den Zaun und zwängte sich in das Abenteuerschloss, dankbar dafür, dass sie sich etwas Warmes zum Anziehen mitgenommen hatte. Bleib außer Sicht, zumindest so lange, bis du wieder zu Atem gekommen bist.

Während sie das Flussufer beobachtete, tauchte ein Mann auf dem Weg auf, von dem sie gerade gekommen war. Suchend ließ er den Blick umherwandern – handelte es sich um den Kerl, der Estelle und Dee getötet hatte? War das Baby auch tot? Trug der Freier immer noch seinen Strampelanzug? Bridget erinnerte sich an seinen Ehering und fragte sich, was seine Familie denken würde, wenn man sie darüber benachrichtigte, dass man ihn tot aufgefunden hatte, verkleidet als Baby, umgeben von Prostituierten.

Die Zeit kroch auf die nächste volle Stunde zu. Eine dumpfe Erkenntnis ereilte Bridget: der Rucksack. Sie hatte den Rucksack im Wagen gelassen. Es bestand keine wie auch immer geartete Möglichkeit, es rechtzeitig zum Treffpunkt zu schaffen, und sie musste einen Weg finden, Sam darüber zu informieren.

Danach zu urteilen, wie intensiv der Mann das Flussufer absuchte, musste er es sein – der Typ, der ihre Freundinnen umgebracht hatte. Er war groß und stämmig und hatte einen Bart, aber keine Kopfbehaarung – beinah wie eine Karikatur eines Muskelprotzes auf einem alten Zirkusplakat. Im malerischen Umfeld des Flusses wirkte er völlig fehl am Platz. Er bewegte sich mit bedrohlicher Entschlossenheit, kam dem Spielplatz näher und näher. Bridget saß in dem Schloss aus Holz in der Falle. Wenn er auf die Idee käme, einen Blick hineinzuwerfen, würde er sie auf Anhieb sehen. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als er am Eingang zum Spielplatz innehielt, dann jedoch ging er den Weg zur Brücke weiter und überquerte sie, bevor er auf der anderen Seite erneut stehen blieb. Bridget atmete erleichtert aus. Allerdings würde sie sich aus dem Staub machen müssen, bevor er zurückkäme. Jetzt oder nie. Langsam kletterte sie aus dem Holzschloss. Mit einem Auge behielt sie den Mann im Blick, während sie rasch den Spielplatz überquerte, zurück zum Zaun lief und erst mit einem Bein darüberkletterte, dann mit dem anderen. Dabei verlor Bridget das Gleichgewicht und fiel prompt auf eine zerbrochene Flasche. Die Gegend war beliebt bei desillusionierten Teenagern aus den Wohnsiedlungen – sie hatte schon öfter beobachtet, wie sie hier kleine Flaschen mit Cider in sich hineinschütteten, bevor sie nach der Schule nach Hause gingen. Es lagen überall weggeworfene Flaschen.

»Scheiße!«, fluchte sie lauter, als gut für sie war.

Der Kopf des Mannes fuhr herum. Er machte kehrt und stürmte in Richtung des Parks los. Bridget zog sich am Zaun hoch. Dabei spürte sie, wie sich eine Scherbe in ihre Kniescheibe bohrte, doch sie wusste, sie musste die Schmerzen abschütteln. Wenn dieser Unbekannte sie zu fassen bekäme, wäre diese Scherbe die geringste ihrer Sorgen. Sie konnte fühlen, wie ihr alles Blut aus dem Gesicht wich, während sie so schnell wie möglich auf die Haven Banks Wohnanlage zuhumpelte, doch dann überlegte sie es sich anders – sie blutete und würde eine Spur hinterlassen. Um diese nachtschlafende Zeit herrschte eine so geradezu ohrenbetäubende Stille, dass man in der Anlage selbst den leisesten Atemzug widerhallen hören würde – es handelte sich um eine der besseren Gegenden der Stadt, wo es keine späten Partys, keine in den Korridoren herumlungernden Säufer und keine Dealer geben würde, die ihren Mist verticken wollten. Sie hätte in eine der heruntergekommeneren Gegenden flüchten sollen, wo es einfacher gewesen wäre zu verschwinden. Oder sie hätte in ein Hotel fahren und abtauchen sollen. Was zum Teufel hatte sie sich bloß gedacht?

Bridget sah sich um, verschaffte sich rasch einen Überblick über ihre Umgebung, um zu entscheiden, wo das sicherste Versteck sein könnte. Wo würde er sich am wenigsten hinwagen? Plötzlich wusste sie die Antwort, als sie auf das schwarze Wasser des Flusses starrte. Ihr Treffpunkt mit Sam befand sich ein paar Kilometer den Fluss hinunter. Wenn er nur ein bisschen auf sie wartete, könnte sie es im Wasser dorthin schaffen, sofern sie nicht davor am Ufer das Bewusstsein verlieren würde. Der Mann kam näher und näher – sie musste sofort handeln. Schnell ließ sie sich ins Wasser gleiten und achtete darauf, kein Geräusch zu verursachen, als ihr Körper in die eisige Kälte eintauchte. Atme. Wenn er mitbekäme, wohin sie verschwunden war, würde er ihr folgen. Sie befand sich vollständig im Schatten, als sie sich durch das Wasser bewegte, verborgen unter wuchernder Vegetation, die vom Ufer hing. Bridget war dankbar, dass sie weit und breit keine Schwäne sehen konnte. Die wären im Augenblick das Letzte gewesen, was sie brauchen konnte. Sie hörte den Mann am Telefon, als er sich näherte.

»Sie war hier, ich hab sie gerade gesehen. Ja. Ich weiß, wie wichtig das ist … Bist du sicher? In Ordnung, dann treffen wir uns dort.«

Danach geriet er wieder außer Hörweite. Bridget würde noch einige Minuten lang ausharren müssen, bis sie sicher sein konnte, dass er weg war, denn sobald sie es wagte, sich von dieser Stelle zu entfernen, würde sie wieder ungeschützt und sichtbar sein.

Im Wasser war es kalt, so kalt. Bridget fasste nach unten zu ihrem Knie und tastete nach der Scherbe, die darin steckte. Sie wusste nicht recht, ob sie das Ding herausziehen sollte. Ihr gingen Geschichten durch den Kopf, Berichte darüber, dass Opfer von Stichangriffen am Leben geblieben waren, bis man die Waffe herausgezogen hatte, wodurch sie verbluteten. Und sie konnte sich nicht erinnern, ob irgendwelche wichtigen Adern oder Arterien durch das Knie verliefen. Sam würde wissen, was zu tun wäre. Adrenalin durchströmte Bridget, sie konnte nicht klar denken. Hatte sie Angst, oder war ihr bloß verflucht kalt? Vorerst musste sie sich einfach darauf konzentrieren, zu Sam zu gelangen. Sie musste es zu ihrem Treffpunkt schaffen. Darin bestand ihre einzige Chance.

Sie schob sich am Ufer des Flusses entlang in Richtung des Pubs, in dem Sam hoffentlich auf sie warten würde. Mittlerweile würde das Lokal zwar geschlossen sein, aber es lag abgeschieden genug, dass sie sich keine Sorgen darüber machen müssten, zusammen gesehen zu werden. Vor lauter Kälte wurde Bridgets Atem immer flacher. Von dem Mann hatte sie seit geraumer Zeit nichts mehr gehört. War es vielleicht bereits sicher genug, um sich hinauszuwagen? Am liebsten hätte sie das Gestrüpp am Rand des Wassers einfach losgelassen und wäre mit dem Kopf unter die Oberfläche getaucht. Sich langsam fortzubewegen erwies sich als unheimlich auslaugend. Sie fühlte sich so unglaublich müde. Liegt das an der Unterkühlung? Der Gedanke, sie könnte ertrinken, kam ihr nicht einmal in den Sinn – sie wollte einfach nur ein wenig schlafen. Nur ein kurzes Nickerchen, dann könnte sie sich wieder in Bewegung setzen. Sie bemühte sich, nicht darüber nachzudenken, was sich bei ihr im Wasser befinden mochte. Seit Bridget als Kind eine Dokumentation über Riesentintenfische in der Tiefsee gesehen hatte, fürchtete sie sich vor dunklem Wasser. Sie konnte die Bilder vor sich sehen, als sie blinzelte. Und jedes Blinzeln schien ein wenig länger zu dauern als das davor. Das Einzige, was sie dazu ermutigte, die Augen offen zu halten, war der Gedanke an jenen Tintenfisch aus der Dokumentation mit seinem riesigen roten Kopf und den Tentakeln, die wie nasser Samt durch das Wasser glitten, schwer und zugleich mühelos. In ihren Gedanken standen sie ständig kurz davor, sie zu berühren, während sie sich vorwärtskämpfte, um ihrem Zugriff zu entgehen.

Schließlich erreichte Bridget das Double Locks. Sie krallte die Finger ins Gras der Uferböschung und zog sich mühsam aus dem Wasser. Sie hatte es geschafft. Der Vorteil der extremen Kälte bestand darin, dass sie keine Schmerzen mehr im Knie spürte – oder überhaupt noch Gefühl in den Beinen hatte. Und sie war so unsagbar erschöpft; sie musste sich einen Moment lang ausruhen. Das feuchte Gras war warm und weich im Vergleich zur beißenden Kälte des Wassers. Sie konnte sich kaum noch rühren, und es war so dunkel, dass sie einfach liegen blieb und zum Mond emporstarrte, während Wolken am Himmel vorüberzogen. Schlaf bloß nicht ein. Ihre Lider wurden schwer, und sosehr sie dagegen ankämpfen wollte, ihr Körper übernahm die Kontrolle. Es war an der Zeit, die Augen zu schließen.

4

Der Verräter
Gegenwart

Detective Sergeant Adrian Miles saß im Polizeirevier von Exeter an seinem Schreibtisch und formte Origami-Pekingenten aus Berichtsformularen. Im Augenblick entsprach das dem bestmöglichen Verwendungszweck, der ihm dafür einfiel, denn er würde mit Sicherheit keines der Formulare ausfüllen.

Er schaute hinüber auf den Schreibtisch seiner Partnerin. Detective Sergeant Imogen Grey sollte an diesem Tag wieder bei der Arbeit erscheinen. Adrian hatte ihr angeboten, bei ihr vorbeizufahren und sie abzuholen, aber sie hatte entschieden abgelehnt. Die Frau war unbestreitbar ein Sturkopf und verwahrte sich gegen Hilfe jeder Art. Während ihrer Auszeit hatten sie kaum miteinander gesprochen, nur gelegentlich telefoniert, wobei er ihr von den weniger aufregenden Dingen erzählt hatte, die sich abgespielt hatten, zum Beispiel, dass Detective Inspector Fraser zum neuen amtierenden Detective Chief Inspector geworden war, oder von der Umstrukturierung in der Abteilung. Einer Umstrukturierung, die eine Untersuchung aller Beamten des Reviers umfasst hatte. Das war lustig gewesen.

Imogen Grey betrat den Raum. Ein verhaltenes Lächeln erschien in ihrem Gesicht, als sie ihren Schreibtisch erblickte, den verschiedene Origami-Tiere vollständig in Beschlag genommen hatten.

»Wie ich sehe, warst du fleißig.«

»Ich hab ein Begrüßungskomitee für dich gebastelt.«

»Du bist ziemlich talentiert, Miley. Ich hoffe, es steht nicht jede Figur für jemanden, den du getötet hast, wie in diesem chinesischen Film über das Baby.«

Als mehrere Sekunden verstrichen, verwandelte sich Imogens Grinsen in ein unbehagliches Lächeln, eines der Art, die besagt: Ich will nicht darüber reden. Ihre Augen wirkten stumpf, und Adrian wusste, durch diese Türen zu gehen, musste sie eine Menge Mut gekostet haben. Am liebsten wäre er aufgestanden, um sie zu umarmen, allerdings wollte er nicht ihr Knie in den Schritt bekommen. Also erhob er sich stattdessen nur, um ihr die Hand zu schütteln. Dabei streichelte er mit dem Daumen über ihren Handrücken. Seine Art, zum Ausdruck zu bringen: Ich bin froh, dass du zurück bist. Sie löste sich von ihm und atmete tief durch, bevor sie die Jacke auszog und sich setzte.

»Kann ich dir einen Kaffee holen?«

»Tu das nicht, Miley.«

»Was soll ich nicht tun?«

»Sei nicht … nett zu mir, das ertrage ich nicht.«

»Was denn?« Er setzte seine gekränkteste Miene auf. »Ich bin immer nett zu dir! Du bist die Fiese von uns beiden!«

Darüber dachte sie kurz nach.

»Na schön, dann bitte schwarz mit zwei Stück Zucker.«

Prompt ging Adrian hinüber zur Maschine. Innerhalb von Sekunden hatte er einen dampfenden Becher mit etwas in der Hand, das nach verwässertem Schlamm aussah. Nachdem er daran geschnuppert hatte, entschied er sich dagegen, sich selbst einen Kaffee zu holen. Er warf den Zucker hinein und brachte die Brühe zu Imogen, die gerade eine Akte von Denise Ferguson entgegennahm, der diensthabenden Polizistin am Empfang.

»Wir haben einen Fall!«, verkündete Imogen, nahm den Kaffee entgegen und schnupperte selbst daran, bevor sie ihn auf den Schreibtisch stellte, als wäre es eine Urinprobe. »Ich besorge uns lieber unterwegs Kaffee.«

»Was für einen Fall?«

»Einen Dreifachmord.«

»Oha! Findest du, das ist eine gute Idee?«

»Die können mir nichts tun, Miley, sie sind tot.«

»Schon klar, aber würdest du nicht lieber mit etwas weniger Grausigem anfangen?«

»Ist ja echt süß, wie besorgt du um mich bist«, erwiderte sie sarkastisch. »Aber ich will arbeiten, und ich will die Bösen schnappen, bevor sie uns einholen.«

»Wenn du nur damit klarkommst.«

»Tu ich. Ob du’s glaubst oder nicht, ich hab schon Schlimmeres durchgemacht.«

»Das weiß ich. Trotzdem wünschte ich, du würdest mit mir darüber reden, Imogen. Die Dinge, die du gesagt hast … darüber, was passiert ist, bevor du aus Plymouth hierher versetzt worden bist … Also, ich bin für dich da, falls du reden willst.«

»Miley, bitte lass es gut sein. Fraser wartet am Tatort auf uns.«

»Okay, ich hör ja schon auf. Fahren wir.«

Die Straße unmittelbar vor dem Haus war gesperrt, als sie eintrafen. Adrian parkte einige Straßen weiter in der Nähe der Haftanstalt von Exeter. Er war froh, dass es nicht Nacht war. Die Dunkelheit trug die Geräusche aus dem Gefängnis weiter, und sie trieben wie ein Flüstern durch die Luft. Bei Tageslicht konnte man sich zumindest einreden, diesen Abgründen nicht so nah zu sein. Imogen schaute beinah wie in Trance zu den Fenstern der Haftanstalt hinauf. Adrian meinte, Tränen in ihren Augen auszumachen, als sie auf das bedrückende Bauwerk aus Ziegelsteinen starrte.

»Alles in Ordnung?«, erkundigte er sich und legte ihr eine Hand auf die Schulter. Ihr Kopf schnellte zu ihm herum, und sie sah ihn an. Sofort zog er seine Hand zurück, und sie setzten sich in Richtung des Tatorts in Bewegung.

Als Adrian die Wohnung betrat, wurde ihm sofort klar, dass es sich um eine Art Bordell handelte. Zuerst sah er die blonde junge Frau – ihre Haut wirkte durchscheinend und beinah nass. Es musste sich um eine Art Glitzerpuder handeln, der ihren Körper zum Leuchten bringen sollte, auf ihrer toten Haut jedoch eher wie ein silbriger Film auf verfaultem Fleisch anmutete. Zusammen mit dem kurzen funkelnden blauen Kleid und den rot bestrumpften blassen Beinen ergab sich der Eindruck eines grausigen Superheldinnenkostüms. Adrian musste an die limitierte Ausgabe seiner kampfbereiten Wonder-Woman-Figur denken, und plötzlich fühlte sich seine Kehle wie zugeschnürt an.

Er stieg über den Leichnam hinweg und betrat das Schlafzimmer. Dort lag ein Mann in etwas, das wie ein Strampler für Erwachsene aussah. Aus seinem Hals ragte ein Stielkamm. Die lange Metallspitze am Griffende hatte jemand tief in seine Schlagader gerammt. Rings um die Wunde zeichneten sich mehrere weitere Einstichmale ab. Eine Vision ereilte Adrian: jemand, der in rascher Abfolge mehrfach mit brutaler Gewalt auf den Hals des Mannes einstach. In seiner Laufbahn hatte er genug gesehen, um zu wissen, dass hier nichts auf ein Zögern hinwies. Wer immer die Tat verübt haben mochte, hatte schon davor getötet.

»Irgendwelche Ausweise bei den Leichen?«, erkundigte sich Adrian bei Detective Chief Inspector Fraser.

»Der Wagen des Mannes ist bereits beschlagnahmt. Über das Kennzeichen ist es uns gelungen, ihn zu identifizieren. Er hatte keinen Ausweis bei sich. Sein Name ist Edward Walker. Was die Frauen angeht, glauben wir, dass die da draußen oben gewohnt hat.«

»Es hat noch eine Frau erwischt?«

»Ja, Estelle Jackson. Sie ist im anderen Zimmer. Kein schöner Anblick.«

Adrian folgte Fraser vorbei an der Blonden ins Badezimmer. Unwillkürlich riss er die Hand vor den Mund.

»Was um alles in der Welt …«

»Großer Gott.« Imogen stand plötzlich neben ihm.

Adrian wollte sich vor sie stellen, um ihr den Anblick zu ersparen, doch er wusste, das wäre vermessen gewesen. Stattdessen musterte er sie nur, um zu sehen, wie sie damit zurechtkam. Sofern sie erschüttert war, verbarg sie es gut, allerdings konnte er sehen, wie flach ihre Atmung ging.

Die Frau lag in der Badewanne, das Gesicht von Blut verkrustet, der Bauch aufgeschlitzt. Ihre Eingeweide quollen auf ihren Schoß. Die Augen standen weit offen, was vielleicht am verstörendsten aussah. Wie bei einem dieser Gemälde, bei denen die Augen einem durch den Raum folgten, wohin man auch ging. Offensichtlich hatte sie irgendwann versucht aufzustehen. Der Duschvorhang lag auf dem Boden, Handabrücke der Verzweiflung übersäten die Fliesen.

»Laut Gerichtsmediziner hat sie noch gelebt, als … das da … passiert ist. Sie ist in der Nacht verblutet. Vermutlich hat sie versucht, sich aufzurappeln, und dabei … sind diese Teile da herausgeflutscht.« Fraser würgte unwillkürlich, als er die Worte aussprach, und er wandte sich ab, um die Frau nicht mehr ansehen zu müssen. In all der Zeit, die Adrian den Mann mittlerweile kannte, hatte er bei Fraser noch nie eine solche Reaktion an einem Tatort erlebt.

»Warum hat man das speziell mit ihr, nicht aber mit den anderen gemacht?« Adrian löste den Blick von Imogen, die ihrerseits weiter auf die Leiche starrte.

»Na ja, sie war offensichtlich das Hauptziel des Angriffs oder zumindest nah dran. Nach ihren Verletzungen zu urteilen, wurde sie gefoltert. Ich vermute, der Täter war hinter Informationen über etwas oder jemanden her. Hier wohnt noch eine andere Frau, Bridget Ford. Soweit wir das sagen können, fehlt von ihr jede Spur«, verriet Fraser.

»Wissen wir, wie sie aussieht?«, warf Imogen ein, ohne den Blick von Estelles Leichnam zu lösen.

»Ja, es gibt ein paar Fotos von ihnen zusammen, und die Handtasche dieser Ford ist noch im Badezimmer. Die Jungs sehen gerade oben nach. Anscheinend hat hier das Warmwasser nicht funktioniert. Daher glauben wir, dass Ford nach oben gegangen ist, um zu duschen, und als sie zurückgekommen ist, hat sie das alles hier vorgefunden.«

»Und wir haben keine Ahnung, was danach mit ihr passiert ist?«, fragte Adrian.

»Nein.«

»Meinen Sie, dass sie entkommen ist?«, meldete sich Imogen zu Wort.

»Oder sie war darin verstrickt. Ich meine, warum hat sie nicht die Polizei angerufen?«, gab Fraser zu bedenken.

»Oder sie könnte auch irgendwo anders tot herumliegen«, schlug Imogen vor.

»Tja, bis wir etwas Gegenteiliges wissen, gilt sie als Verdächtige, würde ich sagen«, entschied Fraser.

»Was ist mit der Unschuldsvermutung? Gibt’s die nicht mehr?« Imogen schien verärgert zu sein. Schnaubend stapfte sie aus der Wohnung.

Adrian seufzte. Sogar ihm fiel es schwer, die junge Frau in der Badewanne anzusehen. Er ging hinaus, folgte Imogen und lächelte bei dem vertrauten Anblick, wie sie an einer Zigarette sog.

»Hey«, sagte er.

»Hey.« Sie kramte das Zigarettenpäckchen hervor und bot ihm eine an.

»Ich hab aufgehört.«

»Klar hast du das.« Sie hielt ihm das Päckchen weiter hin, und er nahm sich eine Zigarette. Es fühlte sich nicht nach dem richtigen Zeitpunkt an, um mit ihr zu diskutieren.

»Geht’s dir gut?«

»Ich dachte, das Thema hätten wir abgehakt, Miley. Frag mich bloß nicht noch mal, ob’s mir gut geht, ich warne dich.«

»Also, mir geht’s nicht gut«, erwiderte er freimütig und zündete sich die Zigarette an, »deshalb dachte ich mir, dir vielleicht auch nicht.«

Sie wandte sich ihm mit einem versöhnlichen Lächeln zu und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Miley, es geht mir gut, aber ich will mir die arme Frau in der Badewanne wirklich nicht noch mal ansehen. Wir sollten uns mit den Nachbarn unterhalten.«

»Kein Problem.«

Nach Stunden voll nutzlosen Auskünften von den Nachbarn fuhr Imogen mit Adrian zurück zum Revier. Es freute sie, seine vertraute Gestalt wieder auf dem Beifahrersitz zu haben. Solches Vertrauen wie zu ihm hatte Imogen seit langer Zeit zu niemandem mehr gefasst – so, wie sie ihre alte Truppe in Plymouth verlassen hatte, war sie tatsächlich davon ausgegangen, nie wieder jemandem auf diese Weise vertrauen zu können. Sie schluckte schwer und berührte verstohlen ihren Bauch. Die Narbe dort konnte sie immer noch fühlen. Adrian sah zu ihr herüber und lächelte sie an. Sie ertappte sich dabei, unwillkürlich zurückzugrinsen. Adrian war einer der Guten. Sie freute sich darauf, mit ihm in moralische Abgründe vorzudringen, so verrückt sich das anhören mochte.

Und apropos moralische Abgründe: Kaum hatten sie das Revier betreten, verspürte Imogen einen üblen Geschmack im Mund, als sie sah, wer auf ihrem Stuhl saß und zweifellos darauf wartete, mit ihr zu reden. Genau die Person, von der sie gedacht hatte, sie hätte sie hinter sich gelassen.

5

Der Fall
Gegenwart

Imogens ehemaliger Partner bei der Polizei, Detective Inspector Sam Brown, war unbestreitbar hartnäckig. Vor ihrer Versetzung nach Exeter hatte Imogen mit ihm in Plymouth zusammengearbeitet. Sie war eigens auf die andere Seite des Bezirks gezogen, um von ihm wegzukommen. Nach allem, was sich ereignet hatte, war es unausweichlich gewesen, Plymouth zu verlassen. Wie konnte er plötzlich hier sein? Und schon an ihrem ersten Tag zurück bei der Arbeit wurde sie mit diesem scheinheiligen Schleimbeutel konfrontiert, der sie in eine der grauenhaftesten Situationen manövriert hatte, mit denen sie sich je hatte auseinandersetzen müssen. Er verkörperte den Grund für ihre Probleme, Vertrauen zu jemandem zu fassen. Früher waren sie Freunde gewesen – richtige Freunde –, doch dann hatte er sie verraten. Und er war zumindest teilweise für die riesige Narbe auf ihrem Körper verantwortlich. Zusammen mit der Schussverletzung, die sie in Exeter erlitten hatte, als sie den Fall des Lehrers untersucht hatte, gab das allmählich eine hübsche Sammlung.

»Geht es …«, setzte Adrian an. Doch er verstummte, ohne den Satz zu vollenden, besann sich offensichtlich eines Besseren.

»Ich bin froh, dass du den Gedanken nicht zu Ende geführt hast, Miley«, sagte sie und fühlte sich bereit, jedem eine zu verpassen, der sie fragte, ob es ihr gut gehe.

»Was haben Sie hier verloren?«, fragte Adrian Sam quer durch den Raum.

»Ich muss mit euch beiden reden.«

»Sicher nicht jetzt, also komm ein anderes Mal wieder.« Imogen knallte ihre Tasche auf den Schreibtisch und zeigte auf den Mann, der die Unverschämtheit besaß, auf ihrem Stuhl zu sitzen.

Fraser kam mit einem breiten Lächeln im Gesicht herüber. Er war schon immer ein hoffnungsloser Fall gewesen, wenn es darum ging, soziale Spannungen zu erkennen.

»Mir ist gerade klar geworden, dass Sie beide Brown und Grey heißen und Partner waren. Braun und Grau. Das ist ziemlich lustig.« Fraser lachte.

»Können wir unter vier Augen reden?«, fragte Sam.

»Nein, könnt ihr auf keinen Fall«, warf Adrian ein.

»Jetzt kriegen Sie sich wieder ein, mit Ihnen muss ich auch noch reden, Detective«, sagte Sam in Adrians Richtung.

»Sie sollten seiner Aufforderung nachkommen. Es geht um den Mordfall«, erklärte Fraser.

»Eine Frau mit aus dem Leib hängenden Gedärmen … hätte mir denken können, dass du was damit zu tun hast.« Imogen schnaubte verächtlich.

»Bitte«, flehte Sam sie förmlich an. »Ich habe wichtige Informationen zu eurem Dreifachmord.«

»Na schön«, lenkte Imogen ein.

Gefolgt von Adrian und Sam ging sie in ein angrenzendes Büro. Adrian schlug die Tür zu, und Imogen stand mit vor der Brust verschränkten Armen da. Sie war sich der neugierigen Augen überall im Revier bewusst, die durch die große Glasscheibe starrten und unverhohlen festzustellen versuchten, worum es bei der Unterhaltung ging.

»Kommt schon, Leute, bitte setzt euch hin.«

»Ich bleibe lieber stehen.«

»Hör mal, ich habe nicht vor, mich wieder und wieder zu entschuldigen, aber es gibt ein paar Dinge, mit denen du nicht vertraut bist. Ich habe heute früh die Erlaubnis erhalten, euch einzuweihen, nachdem all diese Scheiße passiert ist.«

»Erlaubnis? Wovon redest du da?«

»Imogen, ich habe in Plymouth verdeckt ermittelt. Ich habe die Abteilung untersucht. Du hattest einen völlig falschen Eindruck.«

»Ich wiederhole: Wovon redest du?«

»Ich weiß, du bist wegen dem, was passiert ist, wütend auf mich. Aber es gibt so viel, was du nicht weißt. Ich bin sicher, nach allem anderen, was in letzter Zeit hier passiert ist, kannst du nachvollziehen, wovon ich rede.« Er schaute von Imogen zu Adrian. »Ich habe von Harry Morris gehört. Dem Fall des Lehrers.«

Adrian schüttelte den Kopf. »Darüber reden wir jetzt nicht, Detective Inspector Brown. Der Fall ist abgeschlossen. Erledigt. Kommen Sie endlich zur Sache.«

Sam hob die Hände, eine Geste höhnischer Kapitulation.

»In Plymouth sind verschiedene Dinge passiert, Imogen. Dinge, von denen du nichts gewusst hast, Dinge, die schon damals gelaufen sind und noch immer laufen. Eine ganze Welt, die wir damals nicht aufdecken konnten. Ich musste da mitten hinein, um herauszufinden, wer dazugehört hat. Daran habe ich das ganze letzte Jahr gearbeitet.«

»Also hast du auch gegen mich ermittelt? Während ich dort war?«

»Ein bisschen, ja. Wir mussten herausfinden, wer darin verstrickt war.«

»Verstrickt worin?«

»In Großbritannien halten sich ständig mindestens viertausend Menschen auf, die Opfer von Menschenhandel sind. Wir hatten aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass es bei der Polizei von Plymouth Personen gab, die nicht nur in diese Machenschaften verwickelt waren, sondern daran aktiv mitgewirkt haben.«

»Ist das dein Ernst?«

»Frauen und Kinder, die illegal ins Land geschafft und in die Sklaverei, Prostitution oder an die Pornoindustrie verkauft werden. Wir kennen immer noch nicht alle Einzelheiten. Ist ziemlich schwierig, diese Untersuchung am Laufen zu halten, ohne dass unsere Tarnung auffliegt und ein Haufen Unschuldiger getötet wird. Es ist eine heikle Situation.«

»Was hat das mit unserem Mordfall zu tun?«, wollte Adrian wissen.

»Diese Frauen, die ihr gefunden habt … Die verschwundene Frau ist eine verdeckte Ermittlerin. Ihr Name ist Detective Sergeant Bridget Reid. Ford ist ein Pseudonym. Die letzten sechs Monate hat sie als Prostituierte in diesem Bordell gearbeitet.«

»Sie hat als Prostituierte gearbeitet?«

»Nicht wirklich. Ihre Freier waren alle getürkt. Jedenfalls war sie in der Nacht, als die anderen Frauen getötet wurden, vor Ort, aber es ist ihr gelungen abzuhauen. Sie hat mir eine Nachricht hinterlassen. Ich habe sie bereits an Detective Chief Inspector Fraser übergeben, und er geht ihr nach.«

»Hat sie den Mörder gesehen?«

»Ihren Worten zufolge nicht. Ich habe den Kontakt zu ihr verloren. Ich sollte mich mit ihr bei dem Pub unten an den Schleusen treffen, nur ist sie nie aufgetaucht.«

»Glaubst du, sie ist tot?«, fragte Imogen.

Ein merkwürdiger Ausdruck huschte über Sams Gesicht. »Ich weiß es nicht. Bitte, ihr müsst sie finden. Ich kann nicht selbst nach ihr suchen, dadurch würde meine Tarnung auffliegen.«

»Und das wollen wir doch nicht, oder?« Adrian starrte Sam durchdringend an. »Wir werden alles brauchen, was Sie über ihren Einsatz haben.«

»Ist alles schon hier.« Sam sah besorgter aus, als Imogen ihn je zuvor erlebt hatte.

»Ist sie schlau?«, fragte Imogen.

»Ist sie. Und sie ist wichtig, okay? Dieses Verhalten sieht ihr nicht ähnlich. Wenn sie nicht aufgetaucht ist, dann deshalb, weil sie nicht konnte.«

»Ist sie Ihre Freundin?«, wollte Adrian mit hochgezogenen Augenbrauen von Sam wissen, der nickte.

»Ja. Und eine gute Polizistin.«

»Warum ich? Wie kommst du darauf, dass ich dir nach allem, was du getan hast, helfen werde?«, fragte Imogen und baute sich vor ihrem früheren Partner auf.

»Weil das, was du zu wissen glaubst, nie wirklich passiert ist, Imogen! Ich hab immer und immer wieder versucht, dich davor zu warnen, von bestimmten Dingen die Finger zu lassen, aber du konntest einfach nicht anders, oder?«

»Tja, ich bin Ermittlerin, und irgendwie ist das mein Job.«

»Du hast keine Vorstellung, welche Ausmaße dieser Fall hat, Imogen. Jeder Name führt zu einem anderen Namen, und es braucht Zeit herauszufinden, wer genau was macht. Wir wussten nicht, ob es eine echte Spur war oder nicht; wir haben lange gebraucht, um es festzustellen.«

»Du hättest es mir schon damals sagen können!« Imogen drängte Tränen zurück. »Du hättest es mir sagen können, als ich noch in Plymouth war!«

»Ich hab versucht, es dir zu sagen. Deshalb habe ich mich gemeldet, als man zusätzliche Polizisten für die Operation angefordert hat. Ich wollte auf dich aufpassen, aber das hast du ja nicht zugelassen. Wir waren mal Freunde – ich hätte gedacht, du würdest mich wenigstens ausreden lassen.«

»Können Sie ihr wirklich einen Vorwurf daraus machen?«, warf Miles ein.

»Ich schwöre dir, es war nicht klar, wem ich vertrauen konnte, Imogen – bis du in der Nacht angegriffen worden bist, war ich nicht sicher, ob du dazugehörst oder nicht.«

»Du hast nicht gewusst, ob ich in den Handel mit Frauen und Kindern verwickelt war? Ich denke, das sagt alles darüber aus, wie nah wir uns in Wirklichkeit gestanden haben. Du und Stanton waren die Einzigen, die gewusst haben, wohin ich in der Nacht wollte.« Sie schäumte vor Wut. »Und hör auf, meinen verfluchten Namen zu sagen!«

»Passen Sie auf, wir werden Detective Sergeant Reid finden«, ergriff Miles das Wort.

»Bridget. Ihr Name ist Bridget.«

»Okay. Wir suchen bereits nach ihr. Wir werden besonders vorsichtig sein, wenn wir sie aufgreifen, und wir geben Ihnen sofort Bescheid«, versprach Miles. »Aber Sie können nicht mit ermitteln. Sie werden darauf vertrauen müssen, dass wir unser Bestes geben.«

»Lass mich dir eine Frage stellen«, wandte sich Imogen an Sam.

»In Ordnung, aber unter Umständen kann ich sie nicht beantworten. Das sind immer noch laufende Ermittlungen.«

»Du ermittelst immer noch innerhalb der Polizei?«

»Ja.«

»Gegen Leute vom Revier in Plymouth? Und vom Revier in Exeter?«

»Das ist eine große Sache – es wäre naiv zu glauben, die könnten das ohne Hilfe von innen abwickeln. Auf jeden Fall passiert es unmittelbar vor eurer Nase, und es wird nichts dagegen unternommen. Entweder sind alle in eurem Revier dämlich, oder jemand weiß etwas und vertuscht es.«

»Und du hast keine Ahnung, wer?«

»Tut mir leid, nein.« Er näherte sich Imogen, und sie spürte, wie auch Adrian zu ihr trat wie ein Wachhund. »Vorläufig wäre es gut, weiter so zu tun, als würdest du mich hassen. Ob du’s glaubst oder nicht, das ist ziemlich gut für meine Tarnung.«

»Ich hasse dich immer noch, Sam. Daran hat sich nichts geändert. Du kannst sagen, was du willst, aber du warst der Einzige, der mich auf diese Weise verraten konnte.« Kurz verstummte sie und schaute zu Adrian, bevor sie fortfuhr. Es war ihr sichtlich unangenehm, diese Dinge über sich preiszugeben. Sie senkte die Stimme. »Du warst der Einzige, dem ich erzählt habe, dass ich schwanger war, und die wussten es, Sam, sie wussten es, bevor sie zugestochen haben. Deshalb wusste ich, dass du es warst.«

Sams Züge veränderten sich. Er sah aufrichtig verwirrt aus, allerdings vermochte sie nicht abzuschätzen, ob es echt war oder nicht. Imogen schlug ihm ins Gesicht. Sie konnte spüren, wie Adrian sie stumm anfeuerte. Sam hielt sich die Wange. Sein Gesicht lief vor Wut rot an.

»Findet Bridget, das ist alles, was mich interessiert.«

»Werden wir.«

Als Brown das Büro verließ, rieb er sich immer noch das Gesicht. Sobald er sich außer Hör- und Sichtweite befand, wandte sich Imogen ihrem Kollegen zu.

»Ich glaube ihm«, sagte Adrian, ließ sich auf die Tischkante nieder und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich weiß, du hasst ihn, Imogen, und ich habe immer noch keine Ahnung, was dir in Plymouth passiert ist, aber wenn Brown etwas über diese Ermittlungen weiß, sind wir es uns schuldig, der Sache nachzugehen. Nach allem, was vor ein paar Wochen passiert ist … Wir müssen uns damit befassen.«

»Ich weiß. Sehe ich genauso.« Imogen trat gegen den Stuhl.

6

Nur ein Junge
Zehn Jahre alt

Ich versuche wirklich angestrengt, mich auf das Gesicht in der Tapete zu konzentrieren. Wenn ich lang genug hinschaue, sehe ich das Gesicht eines mürrischen alten Mannes. Mit gerunzelter Stirn starrt er mich an. Das Muster ist eigentlich echt mädchenhaft, aber ich sehe immer den alten Mann. Manchmal tue ich so, als wäre der alte Mann Gott, und ich bete zu ihm. Ich sage zwar beten, aber in Wirklichkeit rassle ich eine Liste von Fragen herunter und warte darauf, dass sich sein Gesichtsausdruck ändert. Natürlich ändert er sich nie, und meine Fragen bleiben unbeantwortet, lungern weiter in meinem Kopf herum.

Es ist das Zimmer meiner Schwester, aber sie ist nicht mehr hier. Meine Ma lässt es für den Fall unverändert, dass sie zurückkommt, nur wird sie nicht zurückkommen. Von dort kommt man nicht zurück. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich an den Himmel glaube – oder an die Hölle, wenn wir schon dabei sind. Allerdings rede ich mir gern ein, dass es den Himmel gibt, dass sie dort ist und sich mit Eiscreme und Schokolade vollstopft. Pistazieneis hatte sie am liebsten, und manchmal hat Baba einen großen Bottich davon gekauft, nur für sie.

Seit meine Schwester gestorben ist, weint meine Ma viel. Ist wohl verständlich, aber wenn ich das Zimmer betrete, trocknet sie sich die Augen ab und lächelt mich an, als könnte ihr Lächeln ihre Verzweiflung verbergen. Ich bin vielleicht jung, aber ich bin nicht dumm. Sie redet nicht über meine Schwester, und wir sollen es auch nicht tun, aber ich tue es trotzdem. Ich komme hierher und rede mit Gott über sie.

Meine Ma kocht Lamm zum Abendessen; sie muss Dad in irgendeiner Weise verärgert haben, weil normalerweise gibt es Lamm nur an Sonntagen. Heute ist Dienstag. In vier Tagen werde ich elf Jahre alt, also ist das vielleicht auch ein verfrühtes Geburtstagsessen. Mein Magen rumort. Ich kann die Leere darin spüren. Seit dem Frühstück gestern habe ich nichts mehr gegessen. Ich sollte zurück in mein Zimmer, bevor ich hier drin erwischt werde. Ich soll nämlich nicht hier sein. Wenn mein Vater mich ertappt, muss ich wahrscheinlich ohne Abendessen auskommen. An einem gewöhnlichen Tag würde ich es vielleicht riskieren, weil ich mich gern in diesem Zimmer aufhalte – lieber, als ich das Essen mag, das meine Ma normalerweise zubereitet. Aber der Geruch von diesem Lamm – der lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Zurück in meinem eigenen Zimmer fühle ich mich allein, und der Geruch des Essens ist nicht annähernd so stark wie im Zimmer meiner Schwester, das nur wenige Schritte von der Küche entfernt liegt. Hier drin kann ich meine Schwester nicht fühlen. Ich nehme mir das Buch, das auf meinem Bett liegt. Es ist das Lieblingsbuch meines Vaters, deshalb bin ich angewiesen worden, es zu lesen. Anscheinend soll es mich auf die Zeit vorbereiten, wenn ich älter bin. Ihm ist wichtig, dass ich nicht schwach bin. Jeden Tag gibt er mir einen Abschnitt zum Lernen auf, und ich muss ihn vor dem Abendessen aufsagen, erst dann darf ich essen. Gestern war ich nicht in der Stimmung, aber das Lamm riecht so gut, da will ich heute nicht wieder trotzig sein. Bis zu einem gewissen Grad gefällt es meinem Vater, wenn ich ihm die Stirn biete. Ich sehe, wie sich seine Mundwinkel nach oben verziehen, wenn er denkt, ich würde nicht hinschauen, deshalb bringe ich manchmal das Opfer, obwohl ich am Verhungern bin, damit er mich mag. Es gefällt mir, wenn er mich mag.

Beim Abendessen sage ich den Abschnitt auf, den er mir zum Lernen aufgegeben hat. Er scheint enttäuscht darüber zu sein, dass ich nicht länger durchhalten konnte, enttäuscht darüber, dass ich die Worte wirklich gelernt habe. Egal, was ich tue, mir kommt es vor, als wäre ich immer eine Enttäuschung. An manchen Tagen glaube ich, dass sich alles um die Worte dreht, die ich auswendig lernen soll, an manchen Tagen glaube ich, er will, dass ich ihm trotze, und an anderen Tagen glaube ich, er will, dass ich verhungere. Den Versuch, aus meinem Vater schlau zu werden, habe ich schon vor langer Zeit aufgegeben. Bald wird er sich eine andere Bestrafung als das Auswendiglernen ausdenken, da ich anscheinend immer besser darin werde, mir die Worte zu merken. Kommt wohl daher, dass ich älter werde. Er kann mich nicht mehr überlisten. Ich frage mich, was ich als Nächstes werde tun müssen.

Meine Mutter ist während des ganzen Abendessens still. Sie ist oft still. Ihr Gesicht hat sich verändert, seit meine Schwester gestorben ist. Ich weiß nicht, ob ihr Gesicht nur deshalb für immer anders aussieht, weil sie so viel weint. Und dünn ist sie geworden – manchmal wird ihr auch nicht erlaubt zu essen.

Das Lamm schmeckt köstlich, und kaum bin ich fertig, will ich mehr. Wenn ich älter bin, will ich Koch werden, damit ich selbst kochen kann. Allerdings glaubt mein Vater nicht, dass man damit gut verdienen kann. Er will, dass ich Geschäftsmann werde. Ich habe den Begriff »Geschäftsmann« nie wirklich verstanden – eigentlich ist doch jede Arbeit ein Geschäft, also muss jeder, der eine Arbeit hat, ein Geschäftsmann sein. Ich verstehe viele solche Dinge nicht wirklich. Mein Vater ist Geschäftsmann. Er trägt einen Anzug, und er verdient Geld. Manchmal öffne ich zu Hause eine Schublade und finde darin ein dickes Bündel Geldscheine, die von einem Gummiband zusammengehalten werden. Einmal habe ich zwanzigtausend Pfund unten im Kleiderschrank meiner Eltern gefunden. Mein Vater redet vor meiner Mutter nicht viel über die Arbeit. Hin und wieder erwähnt er vielleicht, dass er einen guten oder einen schlechten Tag hatte, aber er nennt nie mehr Einzelheiten als das. Er hat mir versprochen, wenn ich älter bin, nimmt er mich zur Arbeit mit, um mir zu zeigen, wie man gutes Geld verdient, weil niemand arm sein will.

Nach dem Abendessen geht mein Vater in der Regel aus. Manchmal riecht er merkwürdig, wenn er zurück nach Hause kommt. Ich weiß nicht genau, was dieser Geruch ist, aber er scheint mir eine Mischung aus Rauch und Whisky zu sein. Ich kann nicht verstehen, warum jemand Whisky trinkt; ich finde, er schmeckt grässlich. Einmal hat mein Vater den Getränkeschrank offen gelassen. Er besitzt eine Menge Whisky aus aller Welt. Er sammelt Whisky. Er hat mir mal erzählt, dass eine der Whisky-Flaschen so viel kostet wie unser Haus. Allerdings wollte er mir nicht verraten, welche. Ich betrachte die Sammlung und versuche herauszufinden, welche es sein könnte, aber die Flaschen sehen alle gleich aus, und wenn ich den Verschluss aufschraube und daran schnuppere, riecht keine besonders angenehm. Aber ich habe schon ein paar Schlucke getrunken, und es war ein grauenhafter Spülwassergeschmack, den ich einfach nur noch aus dem Mund bekommen wollte. Im Hals gebrannt hat es auch.

Nach dem Abendessen fange ich in meinem Zimmer an, den nächsten Abschnitt zu lernen. Für den Fall, dass meine Eltern streiten, gehe ich meist so früh wie möglich nach oben, weil sie mich gern als Spielball dafür benutzen: Deine Mutter packt dich in Watte, wie soll je ein Mann aus dir werden? Wenn ich nicht dabei bin, enden die Streitigkeiten normalerweise viel schneller. Wenn sie nicht darüber streiten, welche Fehler und Schwächen der andere hat, dann über meine Schwester und wessen Schuld es war, dass sie gestorben ist. Im Großen und Ganzen herrscht in meiner Familie Einigkeit darüber, dass es meine Schuld war.

Bevor ich den Absatz auch nur einmal durchgelesen habe, öffnet sich meine Zimmertür, und der Kopf meines Vaters taucht auf. Er fordert mich auf, meine Schuhe anzuziehen und mit ihm zu kommen. Ich bin aufgeregt, nervös. Manchmal, wenn mein Vater von seinen nächtlichen Ausflügen nach Hause kommt, sind seine Knöchel blutig. Ich habe schon gesehen, wie er meine Mutter kräftig geschlagen hat, aber nie so fest, dass seine Hände geblutet hätten. Also muss es an etwas anderem liegen.

Im Auto reden wir nicht. Er schaltet laute Musik ein.

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