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Erobert von einem Grafen

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1. KAPITEL

Es war mit Abstand die anstrengendste Party, auf der Emma Carmichael jemals gearbeitet hatte.

Den ganzen Abend über war die Atmosphäre steif und leblos geblieben. Daran konnte auch der wunderschöne Ort nichts ändern – ein großes Stadthaus in Chelsea, aufwendig und authentisch restauriert, mit Blick auf den eleganten Sloane Square.

Und Emma wusste genau, warum dieses Fest einfach nicht in Gang kam. Die Leute, denen sie im Vorbeigehen Erfrischungsgetränke von einem Tablett reichte, waren allesamt professionelle Partyteilnehmer, die Gelegenheiten wie diese lediglich nutzten, um mit den Wichtigen und Mächtigen der Londoner Society zusammenzukommen. Sie waren nicht hier, um sich zu amüsieren.

Solche Partys kannte Emma, auch aus der Sicht eines Gastes. In ihren späten Teenagerjahren war sie oft auf Events wie dieses eingeladen gewesen: entweder mit ihren Eltern oder mit Freundinnen aus der privaten Mädchenschule in Cambridge. Allerdings war sie damals noch eine ganz andere Person gewesen als heute – verwöhnt und unbedarft. Diese privilegierten Tage waren mittlerweile längst vorüber. Vergangenheit, genau wie das Leben ihres geliebten Vaters.

Seit sechs Jahren war er nun schon tot, und sie trauerte noch heute um ihn.

Ihr Handy vibrierte, und nachdem sie es unauffällig aus ihrer Tasche gezogen hatte, entdeckte sie eine Kurznachricht von ihrem letzten verbliebenen Kreditgeber, der sie daran erinnerte, dass sie mit ihrer Schlusszahlung im Rückstand war.

Sie bekam Magenschmerzen und steckte das Telefon eilig zurück in ihre Tasche. Trotzdem setzte sie für ihren Boss Jolyon Fitzherbert genau das professionelle Lächeln auf, das er während der Arbeitszeit von seinen Mitarbeitern erwartete.

„Emma, auf ein Wort!“, rief der Mann herrisch am anderen Ende des Raums.

Verdammt. Er hatte sie erwischt.

Sie begegnete dem finsteren Blick ihres Vorgesetzten und schluckte. Er winkte sie zu sich in die Ecke, wo er gerade eine kleine Gruppe von Gästen unterhielt. Dabei stützte er sich mit dem Ellenbogen auf einem kitschigen marmornen Kaminsims ab.

Emma war diesen unsympathischen Draufgängern schon mehrfach begegnet, seit sie vor zwei Monaten für Jolyon zu arbeiten angefangen hatte. Und sie hatte sich an deren geringschätzige Blicke gewöhnt, die ihr auch in diesem Moment zugeworfen wurden, als sie langsam näher kam.

Wenn doch Jolyon die gleiche kühle Distanz zu ihr an den Tag legen würde.

Es wurde immer schwieriger für sie, seinen gierigen Händen und unverschämten Blicken auszuweichen, ganz besonders, wenn sie allein mit ihm war.

Bis jetzt war sie stets höflich und distanziert geblieben, und das schien ihn in Schach zu halten. Aber immer wenn er ein paar Drinks genossen hatte, wurden seine Annäherungsversuche lästiger.

Tapfer kämpfte sie gegen ihre Aversion an, nickte Jolyon respektvoll zu und blieb lächelnd vor ihm stehen. „Wie kann ich Ihnen behilflich sein?“

Seine Augen glänzten, und sein Gesicht war gerötet. „Ich habe Sie hoffentlich nicht gerade eben dabei beobachtet, wie Sie mit Ihrem Handy gespielt haben, obwohl Sie eigentlich damit beschäftigt sein sollten, meine Gäste zu bewirten? Denn das wäre höchst rüde und unprofessionell, meinen Sie nicht?“

Ihre Magenschmerzen wurden stärker. „Ja, ich meine, nein. Ich habe nicht …“ Ihr wurde unangenehm heiß unter den prüfenden Blicken der Anwesenden. „Ich habe nur etwas nachgesehen.“

„Oder sind Sie sich wohl zu fein, um uns Getränke zu bringen?“, erwiderte Jolyon, und seine Stimme triefte vor Sarkasmus.

„Nein, natürlich nicht.“

Wütend funkelte er sie an. „Solange ich Sie für Ihre Arbeit hier bezahle, erwarte ich auch volle Aufmerksamkeit von Ihnen.“

„Selbstverständlich, Jolyon. Und die bekommen Sie auch“, versicherte Emma ihm, und ihr Lächeln blieb starr, obwohl sie sich gewünscht hätte, der Boden würde sich unter ihr auftun.

Ihm bereitete es offensichtlich Vergnügen, sie vor seinen Gästen zu demütigen. „Wenn das so ist … dann nehme ich noch ein großes Glas Whisky.“

Sie öffnete den Mund, um die Umherstehenden nach ihren Wünschen zu fragen, doch ihr Arbeitgeber entließ sie mit einer ungeduldigen Handbewegung. „Na los! Holen Sie es schon!“

Überrascht von seiner aggressiven Haltung wich sie zurück und tat, wie ihr geheißen.

Dabei wickelte sie ihre lange Silberkette um den Zeigefinger, die sie immer um den Hals trug und die sie an bessere Zeiten erinnerte. An die Zeiten, bevor alles in ihrem Leben den Bach hinuntergegangen war.

Sie atmete durch und ging zu dem Schrank, in dem Jolyon seine Whiskyflaschen hortete. Dann schenkte sie ihm großzügig ein Glas ein, verschüttete dabei ein paar Spritzer und wischte die Flecken sofort mit ihrer Schürze vom dunklen Holz, um eine weitere Predigt zu vermeiden.

Das war die frustrierende Seite dieser Arbeit: Jolyon behandelte sie zutiefst respektlos, und ihr blieb nichts anderes übrig, als sich auf die Zunge zu beißen und es zu ertragen.

Clio Caldwell, die die renommierte Agentur Maids in Chelsea betrieb, hatte diese Stelle als Haushälterin für sie gefunden und Emma vorgewarnt, dass Jolyon ein schwieriger Kunde war. Andererseits zahlte er ausgesprochen gut, also hatte sie beschlossen, sich mit seinen ungerechten Ausbrüchen und schmierigen Annäherungsversuchen abzufinden.

Wenn sie es noch ein bisschen länger bei ihm aushielt, war sie in der Lage, die letzten ausstehenden Schulden ihres Vaters abzuzahlen und dieses ganze leidige Thema hinter sich zu lassen. Erst dann konnte sie ein normales Leben führen.

Was für eine Erleichterung würde das sein.

Aus dem Nichts traf sie der Schmerz um ihren geliebten Vater. Was würde sie darum geben, ihn zurückzuhaben … von ihm stürmisch umarmt zu werden, während er ihr versicherte, dass alles wieder gut werden würde. Während er ihr sagte, dass er sie liebte und dass er es niemals zulassen würde, wenn ihr jemand wehtat.

Aber dafür hatte er nicht vorgesorgt. All die Jahre, die er so liebevoll für sie da gewesen war, hatte er gleichzeitig astronomische Schulden angehäuft. Ihr vertrautes, scheinbar so sicheres Leben hatte sich buchstäblich in Luft aufgelöst, als er starb. Ihre Mutter war vor ihren Augen verfallen, und Emma hatte mit ihrer Trauer und Einsamkeit allein fertigwerden müssen.

Sie umfasste das Whiskyglas so hart, dass ihre Knöchel knackten, während sie zu ihrem Arbeitgeber zurückkehrte. „Bitte schön, Jolyon“, sagte sie betont ruhig.

Er würdigte sie keines Blickes, sondern nahm ihr das Glas aus der ausgestreckten Hand und drehte ihr den Rücken zu. Dann murmelte er etwas in Richtung des Mannes, der neben ihm stand, und der warf Emma daraufhin einen anzüglichen Blick zu und lachte.

Wütend zwang sie sich, diesen offensichtlichen Affront zu ignorieren, und floh in die Küche – ihren Zufluchtsort. Sie wartete, bis sich ihr Herzschlag beruhigt hatte, und seufzte tief.

Für sie war die Küche der angenehmste Raum im ganzen Haus. Hier war sie in netter Gesellschaft, und von hier aus koordinierte sie das Fest. Jahrelang hatte sie gelernt, wie man schwierige Situationen im Job meisterte, deshalb wollte sie heute auch auf keinen Fall aus der Rolle fallen.

Zum Glück hatte Clio von der Agentur ihr am heutigen Abend ihre besten Leute geschickt. Zwei der Kellnerinnen, Sophie und Grace, waren im Verlauf des vergangenen Jahres sogar ihre Freundinnen geworden. Sie hatten schon oft zusammengearbeitet.

Davor war es Emma eher schwergefallen, Freunde zu finden, die mit ihr auf einer Wellenlänge lagen. Der öffentliche Skandal um ihren Vater und seine enormen Schulden hatte sie eine Menge alter Freundschaften gekostet. Das passierte wohl eben, wenn man der Familie eines guten Freundes plötzlich jede Menge Geld schuldete. Zumindest in den Kreisen, in denen sie sich zu dieser Zeit bewegt hatte.

Sophie, eine quirlige Blondine mit einem strahlenden Lächeln und einem blitzgescheiten Verstand, hatte heute Abend eine Schulfreundin mitgebracht: eine niedliche Australierin namens Ashleigh, die für einige Monate England besuchte, und deren kastanienbraunes Haar so sehr glänzte, dass Emma sie immer wieder fasziniert anstarren musste.

Während der kurzen Pausen an diesem Abend waren die vier Frauen wunderbar miteinander ausgekommen. Vor allem, wenn sie sich über das teilweise unmögliche Verhalten der Gäste austauschten.

Trotzdem war Emmas Fröhlichkeit aufgesetzt. Sie erinnerte sich daran, dass sie selbst als junges Mädchen ähnlich dreist und unhöflich gewesen war. Und heute schämte sie sich dafür.

„Hey, ihr Lieben“, sagte sie und stellte sich zu den anderen an den Tresen, wo eifrig frische Kir Royals und Mojitos gemixt wurden.

„Hallo, Emma! Ich habe Ashleigh gerade erzählt, wie viel Spaß die Arbeit auf dem letzten Snowflake-Silvesterball gemacht hat“, sagte Sophie und zwinkerte ihr vergnügt zu. „Wirst du dieses Jahr wieder dort arbeiten? Bitte sag Ja!“

„Hoffentlich, falls Jolyon bereit ist, mir dafür freizugeben. Er will zum Skifahren nach Kanada, also sollte es klappen“, antwortete Emma voller Zuversicht.

Der jährliche Silvesterball war eine höchst beliebte Veranstaltung für die High Society von Chelsea. Im vergangenen Jahr hatten sie und die Mädels noch lange gut gelebt von den köstlichen Resten, die nach dieser exklusiven Veranstaltung übrig geblieben waren. Im Eifer des Gefechts hatte Emma sich sogar vorgestellt, wie schön es wäre, diesen Ball einmal als Gast zu besuchen, statt dort zu arbeiten.

Doch diese Fantasie lag in weiter Ferne, solange sich ihre Finanzen nicht erholt hatten.

„Werdet ihr dort sein?“, wollte Emma wissen, und ihre Kolleginnen nickten.

Grace, eine sehr dünne und trotzdem umwerfend schöne Frau, die warmherzig und gleichzeitig erschreckend pragmatisch war, schenkte ihr ein breites Lächeln. „Ich würde das um nichts in der Welt verpassen wollen. Du solltest es Clio mitteilen, wenn du auch interessiert bist, Ashleigh. Ich weiß, dass sie nach klugen, engagierten Leuten für dieses Event sucht. Dich würde sie sofort nehmen.“

„Ja, vielleicht mache ich das. Zu Weihnachten wollte ich eigentlich zurück zu meiner Familie, aber ich weiß noch nicht, ob ich wirklich schon dafür bereit bin“, gestand die junge Australierin und schob sich verlegen eine Haarsträhne hinters Ohr. „Es würde nicht sehr feierlich enden, wenn ich dauernd versuche, meinem ehemaligen Verlobten auszuweichen.“

„Der ist an Weihnachten bei deinen Eltern zu Hause?“, fragte Grace entsetzt. „Wow, das ist ziemlich merkwürdig.“

„Ja, ein bisschen schon“, gab Ashleigh zu und trat auf der Stelle. „Aber falls ich hierbleibe, muss ich noch einen neuen Platz zum Wohnen finden. In meiner Pension kann ich bis Anfang Dezember bleiben, deshalb bleibt mir nur ein Monat, um mir was Neues zu suchen.“ Hoffnungsvoll blickte sie in die Runde. „Braucht vielleicht eine von euch eine Mitbewohnerin? Ich schlafe auch auf dem Sofa oder auf dem Boden.“

„Tut mir leid, Süße“, erwiderte Sophie und schüttelte den Kopf. „Wie du weißt, habe ich nur ein winziges Schlafzimmer, und mein Sofa ist unter den ganzen Nähmaterialien praktisch begraben. Außerdem ist es völlig heruntergekommen und klapprig.“

Auch die anderen Mädels lehnten kleinlaut ab.

„Ich kann dir auch nicht helfen, Ashleigh“, sagte Emma bedauernd. „Meine Mutter wohnt bei mir, weil ihr Apartment in Frankreich renoviert wird. Und sie würde nicht damit fertigwerden, wenn jemand auf unserer Couch lebt. In dieser Hinsicht ist sie ziemlich empfindlich.“

„Keine Sorge“, murmelte Ashleigh und wirkte dabei trotzdem ziemlich angespannt. „Ich bin sicher, da ergibt sich noch etwas.“

In dieser Sekunde erschien eine andere Kellnerin und rief aufgeregt: „Emma, die Gäste beklagen sich allmählich darüber, dass die Getränke nicht schnell genug geliefert werden.“

„Alles klar“, erwiderte Emma und schnappte sich ein volles Tablett. Dann eilte sie aus der Küche hinaus. „Bis später, Mädels!“

Während sie sich mit einem professionellen Lächeln auf den Lippen ihren Weg durch die Gästeschar bahnte, bemerkte sie einen großen, dunkel gekleideten Mann am anderen Ende des Raums, der ihr vorher noch nicht aufgefallen war.

Irgendetwas an ihm kam ihr bekannt vor, und das machte sie unruhig. Lag es an seinen breiten Schultern oder an der Art, wie sich sein Haar im Nacken kräuselte? Sein Oberkörper war kräftig und passte perfekt zu den langen, muskulösen Beinen.

Diese Statur erinnerte sie an jemanden, in den sie einmal sehr verliebt gewesen war.

Das Blut schoss ihr mit einem Mal schneller durch die Adern.

Es war Jack Westwood, Earl of Redminster. In diesem Augenblick drehte er sich zur Seite, sodass sie sein Profil erkennen konnte. Und Emma sah ihre Befürchtung bestätigt: Er war es tatsächlich. Jack.

Ihr wurde unerträglich heiß, während sie diesen Mann, den sie seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatte, mit einer Mischung aus Schock und freudiger Erregung anstarrte.

Sie hatte ihn nicht mehr gesehen, seit ihr wundervolles Leben in winzige Einzelteile zersprungen war.

Instinktiv machte sie einen Schritt rückwärts und suchte nach einer Fluchtmöglichkeit, um sich in Ruhe sammeln zu können.

Was machte dieser Kerl überhaupt hier? Er sollte in den Staaten sein und das Multi-Milliarden-Dollar-Imperium leiten, für das er sechs Jahre zuvor England verlassen hatte.

Mit einundzwanzig Jahren war er fest entschlossen gewesen, sich einen Namen außerhalb des aristokratischen Lebens zu machen, in das er hineingeboren worden war. Er wollte sich nicht auf seinem Familiennamen ausruhen, sondern durch harte Arbeit Erfolg haben und der Beste auf seinem Gebiet werden.

Und nach allem, was sie der Presse entnehmen konnte, war er dabei höchst erfolgreich gewesen. Eigentlich hatte sie niemals daran gezweifelt. Dieser Mann strahlte einfach mit jeder Pore Intelligenz und Entschlossenheit aus.

In den Zeitungen hatte sie gelesen, dass sein Großvater kürzlich verstorben war, und sie hatte schon befürchtet, dass er deswegen nach England zurückkehren könnte. Nun hatte sie ihre Antwort.

Wie üblich war er umgeben von kichernden, wunderschönen Frauen, die ihn anhimmelten, als wäre er der schönste Mann auf Erden. So war es schon immer gewesen.

Als Emma ihm im zarten Alter von zwölf Jahren zum ersten Mal begegnet war, wurde er schon von Mädchen umschwärmt. Clare – Jacks Schwester und Emmas beste Freundin von der exklusiven Privatschule – hatte ihren Bruder deswegen oft ausgelacht. Aber Emma hatte immer gewusst, dass Clare ihren Bruder innig liebte und sein anziehendes Charisma bewunderte.

Emma selbst hatte Jahre damit verbracht, sich gegen das Gefühl zu wehren, dass dieser Kerl sie nicht leiden konnte. Und ihr größtes Problem dabei war, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, weshalb er sie eigentlich ablehnte.

Während sie Jack nun anstarrte, lehnte sich eine Frau eng an ihn, legte ihm eine Hand auf die Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

Emma fühlte sich, als würde jemand ihr Herz in einer Faust zerquetschen.

War er etwa mit dieser Dame zusammen hergekommen? Bei der Vorstellung wurde ihr sofort übel.

Vorsichtig machte sie ein paar Schritte zur Seite und hoffte inständig, er würde sich nicht umdrehen – und sie in dieser Schürze von Maids in Chelsea erwischen, während sie Drinks servierte.

„Hey, du! Steh da nicht rum und glotz in die Gegend, sondern bring mir mal was zu trinken!“, rief einer von Jolyons unangenehmen Freunden.

Mit hochrotem Gesicht kam Emma auf die Gruppe zu und betete, dass Jack sie nicht entdeckte, der ein Stück abseits stand.

Unglücklicherweise passte sie beim Gehen nicht auf, und in der nächsten Sekunde war es passiert. Sie war der Begleiterin des Mannes, der sie herbeigerufen hatte, auf ihren glitzernden, spitzen Schuh getreten.

Die Dame kreischte laut auf und schlug um sich, wobei sie Emma das Tablett mit den Getränken aus der Hand stieß. Die teuren Kristallgläser landeten samt Inhalt auf dem beigen Teppich, den Jolyon erst eine Woche zuvor hatte verlegen lassen.

Für einen kurzen Moment verstummten alle Gäste und blickten zu ihr herüber, dann machte sich ein amüsiertes Raunen breit. Rasch kniete Emma nieder, um zu verhindern, dass jemand aus Versehen in die Gläser trat. Sie spürte, wie die klebrige Flüssigkeit aus dem Teppich in ihre Strumpfhose und in ihren Rock sickerte.

Jetzt brauchte bloß noch ihr Arbeitgeber auf dieses Desaster aufmerksam zu werden, und die Katastrophe war perfekt.

Ratlos blickte sie auf und sah direkt in Jacks bemerkenswert stahlblaue Augen, die ihre Wirkung auf sie niemals verfehlt hatten.

Jack Westwood starrte sie genauso fassungslos an, wie sie ihn wenige Momente zuvor beobachtet hatte.

Mit klopfendem Herzen beendete sie den Blickkontakt und sammelte mit zitternden Händen die Glasscherben ein. Danach stand sie auf und bahnte sich eilig den Weg zurück in die rettende Küche.

„Entschuldigung, Entschuldigung“, murmelte sie unterwegs und drängelte sich an den Gästen vorbei.

Hoffentlich hat er mich nicht erkannt, schoss es ihr durch den Kopf. Hoffentlich nicht!

Die erste Person, die ihr in der Küche begegnete, war Grace.

„Oh mein Gott, Emma! Was ist passiert?“

Sofort war ihre Freundin bei ihr und nahm ihr das Tablett mit dem zerbrochenen Glas ab.

Emma klammerte sich an den Arbeitstresen und schnappte nach Luft, ehe sie sich zu ihrer Freundin umdrehte.

„Emma? Geht es dir gut? Du bist weiß wie die Wand“, rief Sophie erschrocken. „Hat jemand etwas Blödes zu dir gesagt? Waren die Gäste gemein oder unhöflich? Hat sich jemand beschwert?“

Es war offensichtlich, dass Sophie auf diesem Gebiet selbst reichlich Erfahrung gemacht hatte.

„Nein, nein, nichts dergleichen“, beruhigte Emma sie schnell. Sie wollte souverän bleiben, aber das schien angesichts der unverhofften Begegnung mit Jack absolut unmöglich. „Da war nur jemand, den ich lange nicht mehr gesehen habe“, versuchte sie zu erklären.

Diese Wirkung hatte Jack leider schon immer auf sie gehabt. Ihr Verstand löste sich in seiner Gegenwart auf, und ihre Emotionen gewannen Überhand. Sechs Jahre lang hatte sie seine tiefe Stimme nicht mehr gehört und sein umwerfendes Lächeln nicht mehr gesehen … seinen einzigartigen Duft nicht mehr eingeatmet, der so viel Sehnsucht in ihr auslöste.

„Ich hatte bloß nicht erwartet, ihn hier zu sehen, das ist alles. Darauf war ich überhaupt nicht gefasst. Es hat mich kalt erwischt“, versuchte sie zu erklären und bemühte sich erfolglos um ein Lächeln.

Doch die Freundinnen gaben sich mit diesen vagen Begründungen nicht zufrieden. Kein Wunder, so wie Emma immer noch zitterte …

„Wenn du ihn sagst, nehme ich an, wir sprechen von einem Exfreund?“, mutmaßte Ashleigh.

Emma nickte und wich ihrem Blick aus, weil sie ihren Freundinnen auf keinen Fall beichten wollte, was wirklich zwischen ihr und Jack vorgefallen war. Heute Abend musste sie unbedingt dazu in der Lage sein, ihre Arbeit gut zu machen, ansonsten würde sie gefeuert werden. Außerdem wollte sie nicht über Jack sprechen, sonst könnte es leicht passieren, dass sie die Fassung verlor.

„Schon gut, ich komme klar“, sagte sie. „Aber ich habe da draußen ein ganzes Tablett mit Getränken fallen lassen. Es hat den hellen Teppich erwischt, das cremefarbene Sofa und auch die Klamotten einiger Gäste, die nicht gerade begeistert reagiert haben.“ Ihr Lachen klang gequält.

„Keine Sorge, Emma, wir machen das schon“, beschwichtigte Grace sie und tätschelte ihren Arm. „Sophie, du holst bitte einen Wischer und Putzmittel, ja?“

„Alles klar“, rief Sophie und machte sich an die Arbeit.

„Ashleigh?“

„Ich bringe sofort ein neues Tablett mit Getränken raus und flirte außerdem mit den Typen, die du besudelt hast“, versprach Ashleigh und strahlte zuerst Emma, dann Grace an.

„Großartig“, stimmte Grace zu. „Emma, du setzt dich jetzt hin und hältst den Kopf zwischen deine Knie, bis wieder etwas Farbe in dein Gesicht zurückgekehrt ist.“

„Aber …“

Doch Emmas Protest wurde durch Grace abgeschnitten, die den Kopf ihrer Freundin sanft nach vorn drückte, bis Emma auf ihrem Küchenstuhl die gewünschte Position einnahm.

Im Grunde war sie erleichtert, dass sich jemand in dieser unwirklichen Situation um sie kümmerte, auch wenn sie ihren Freundinnen eigentlich keine Umstände machen wollte. Nach einer Weile ging es ihr wieder besser, und sie wollte zurück auf die Party gehen, um ihren Dienst zu beenden.

Sophie kam zurück in die Küche.

„Du siehst schon um einiges erholter aus“, sagte sie.

„Mir geht es auch wieder gut“, bestätigte Emma sofort. „Ich bin bereit, mich wieder in die Höhle des Löwen zu wagen.“

„Du kannst genauso gern hier in der Küche bleiben und alles von hier aus organisieren“, schlug Sophie vor. „Wir kriegen das da draußen schon hin mit den Gästen.“

Seufzend nahm Emma das lieb gemeinte Angebot zur Kenntnis, aber sie wusste auch, dass sie sich nicht vor der Wahrheit verstecken konnte.

„Danke, aber ich kann mich ja wohl kaum den ganzen Abend hier verstecken. Jolyon erwartet mich da draußen bei seinen Gästen, damit ich ein Auge auf den Ablauf des Abends habe. Dafür bezahlt er mich schließlich.“

Inständig hoffte Emma, sie würde überzeugender klingen, als sie sich fühlte.

„Okay, aber dann machen wir zumindest etwas mit deinen Haaren“, verlangte Sophie und streckte schon die Hände aus. „Wir nehmen dir erst einmal diese strenge Spange raus. Damit schreckst du bloß die Männer ab!“

Bereitwillig ließ Emma zu, dass ihre Freundin die Haarspange entfernte. Dann schüttelte sie leicht den Kopf, und ihr Haar fiel ihr locker um die Schultern.

„Du hast eine so tolle blonde Mähne“, schwärmte Sophie. „Du färbst sie gar nicht, oder?“

Verlegen nickte Emma. „Ich könnte mir momentan niemals leisten, regelmäßig zum Friseur zu gehen.“ Sie dachte daran, wie viel Geld sie in ihrer unbeschwerten Jugend für Frisuren rausgeworfen hatte, und was sie heute alles mit diesem Geld anstellen könnte. Mehr Abendkurse besuchen zum Beispiel, und mehr Studienmaterialien bezahlen …

Ihre Prioritäten hatten sich im Laufe der Zeit definitiv geändert.

Die Tür zur Küche flog auf, und Emma zuckte heftig zusammen, als sie Jolyon Fitzherbert auf sich zukommen sah. „Emma! Was ist hier eigentlich los? Wieso schmollen Sie, wenn Sie eigentlich da draußen dafür sorgen sollten, dass meine Party reibungslos verläuft? Und was haben Sie sich dabei gedacht, mit Ihren Drinks meinen neuen Teppich zu versauen?“

Hilflos hob sie eine Hand. „Ich habe lediglich die Vorräte hier überprüft, mich mit meinen Kolleginnen abgesprochen und bin natürlich gleich wieder draußen bei Ihnen“, erklärte sie in einem Ton, der selbst für ihre eigenen Ohren etwas zu schrill klang.

Ihr Vorgesetzter kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Kommen Sie jetzt mit!“, befahl er und machte unbeholfen auf dem Absatz kehrt, was ihr zeigte, wie betrunken er schon war.

Beschwichtigend legte Sophie Emma die Hand auf den Arm, doch die winkte nur müde ab.

„Schon gut, ich komme mit ihm klar“, murmelte Emma. „Ihr sorgt dafür, dass hier alles glatt läuft, solange ich da draußen bin, okay?“

Ihre Freundin nickte ihr beruhigend zu. „Kein Problem.“

Gehorsam lief Emma Jolyon nach und schluckte, als er die Tür zu seinem Arbeitszimmer öffnete. In diesen Raum wurde man für gewöhnlich nur beordert, wenn es wirklich große Schwierigkeiten gab. Ihm gefiel es nämlich, dort in seinem Ledersessel hinter dem riesigen Eichenschreibtisch zu sitzen und seine Angestellten nach Strich und Faden runterzumachen.

Entschuldigend hob sie beide Hände. „Jolyon, es tut mir ehrlich leid wegen der verschütteten Getränke. Es war ein Unfall, und ich verspreche, es wird nicht wieder passieren.“

Noch bevor er seinen Schreibtisch erreicht hatte, drehte er sich schwankend zu Emma um und starrte sie an. Inzwischen hatte er schon deutlich einen über den Durst getrunken.

„Was gedenkst du zu tun, um mich dafür zu entschädigen?“, lallte er.

Ihr gefiel der Ausdruck in seinen geröteten Augen nicht.

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