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Familie mit Herz 073 - Familienroman

Ein kleines Biest
im Paradies

Jasmin wollte sich dort eigentlich gar nicht wohlfühlen

Von Charlotte Vary

Jasmin, das verwöhnte Prinzesschen der Fischers, kann es nicht fassen: Sie soll die ganzen Sommerferien in Tirol verbringen! In einem kleinen Kuhdorf, wo garantiert nix los ist. Nur Kühe, Berge und frische Luft!

Nein, Jasmin will da nicht hin. Doch alles Schimpfen und Schreien nützt nichts; selbst ihr bühnenreifer Weinkrampf verfehlt diesmal seine Wirkung. Sie muss fahren.

Nach einem letzten bösen Blick auf ihre Eltern sitzt Jasmin im Zug – fest entschlossen, ihrer Gastfamilie viel „Freude“ zu machen. Wollen doch mal sehen, wie schnell die sie wieder nach Hause schicken!

Jasmin Fischer hockte niedergeschlagen auf der niedrigen Steinmauer, die den Hof der Pestalozzi-Schule umgab. Sie hatte die Füße auf den Rahmen ihres Fahrrades gestellt und ihr Gesicht in die Handfläche gestützt. Es war das niedliche Gesicht eines blonden, zierlichen kleinen Mädchens, einer Zehnjährigen, die Sorgen hatte. Dabei war der letzte Schultag vor den großen Sommerferien eben zu Ende gegangen, und sieben Wochen kostbarer Freiheit lagen vor ihr.

Aber das mit der Freiheit war eine zweischneidige Sache. Jasmins Zeugnis war geradezu verheerend ausgefallen: Mathematik mangelhaft, Deutsch ausreichend, und auch sonst zierten es einige Schönheitsfehler. Da konnten die Eins in Sport und die Zwei in Musik nicht mehr viel herausreißen.

Das Schlimmste aber war die Bemerkung, die der Schülerin Fischer einen höchst schwankenden Fleiß und ein zeitweise sogar aufsässiges Betragen bescheinigte. Lehrer konnten ja so gemein sein!

Jasmin starrte finster vor sich hin und überlegte, ob sie überhaupt nach Hause fahren sollte. Papi kam nicht vor spätabends heim, wenn überhaupt. Mami hatte ihren Fitness-Nachmittag. Sie waren sicher beide nicht begierig darauf, das Zeugnis ihrer Tochter sofort kennenzulernen.

„Jasmin! Jasmi-i-in!“

Das war die Stimme ihrer Freundin Tine, die wieder einmal geradezu widerlich gute Zensuren eingeheimst hatte.

Tine schob ihren betagten Drahtesel heran und meinte:

„Fahren wir jetzt endlich heim? Ich hab’ Hunger! Bei uns gibt’s heute Hähnchen und Pommes.“

Jasmin zog den Mund schief.

„Mir ist der Appetit vergangen!“ knurrte sie. „Du hast gut lachen bei deinen Noten! Meine sind eine Katastrophe! Und die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium hab’ ich doch auch verhauen! Sag mal, Tine, warum habe ich so viel Pech?“

Tine, die Intelligenzbestie der Klasse, musterte ihre naive Freundin mit nachsichtigem Spott. Pechvogel? Diese Jasmin hatte vielleicht Nerven! War die einzige Tochter eines wohlhabenden Firmenbesitzers, wohnte in einem noblen Haus mit großem Garten und bekam so ziemlich jeden Wunsch erfüllt. Dazu sah sie noch aus wie eine kleine Märchenprinzessin mit ihren langen blonden Locken, den großen blauen Augen und immer den tollsten modischen Klamotten. Sogar ein eigenes Pferd hatte sie in Samhubers Reitstall stehen. Und so was ließ die Ohren hängen und redete von Unglück!

„Du hältst das für Pech?“ erwiderte Tine kühl und sachlich. „Ich würde sagen, du hättest mehr büffeln müssen!“

„Danke! Wie du mich aufbaust!“, murrte Jasmin, und Tine fuhr etwas tröstlicher fort:

„Mensch, Jasmin, nimm’s doch locker! Im September machst du eine Nachprüfung fürs Gymnasium, und die Sache ist geritzt! Komm jetzt, bevor wir hier Wurzeln schlagen! Jetzt genießen wir erst mal unsere Ferien!“

Sie schwangen sich auf ihre Räder und strampelten los, Tine zu dem Mietshaus, in dem sie mit ihren Eltern und den drei Geschwistern wohnte, und Jasmin zu der vornehmen Villa hinter mannshohen Taxushecken.

„Tschüss! Sehen wir uns mal die nächsten Tage?“, rief Tine ihr nach.

Aber Jasmin schob bereits stumm und mit gesenktem Kopf ihr Rad durchs Gartentor. Sie war jetzt unzugänglich für Freizeitpläne.

Natürlich war nur Sofie zu Hause, die Haushälterin der Fischers.

„Gut, dass du endlich da bist“, begrüßte sie Jasmin. „Das Essen steht schon auf dem Tisch! Wasch dir die Hände, und trödle nicht herum!“

Im Speisezimmer war feines Porzellan aufgedeckt, blaue Stoffservierten lagen da, der Blumenstrauß auf dem Tisch passte genau dazu in den Farben, blauer Rittersporn mit weißen Margeriten. Alles war geschmackvoll, gepflegt, kultiviert.

Aber es schmeckte Jasmin heute nicht, eigentlich schon länger nicht mehr. Sie stocherte lustlos in ihrem Essen herum.

Sofie zog die Brauen hoch, als sie den halbgefüllten Teller wegtrug.

„Kinder sind noch im Wachsen und müssen sich kräftig ernähren“, bemerkte sie missbilligend. „Wofür koche ich eigentlich den halben Tag lang?“

Jasmin zog eine Grimasse und trollte sich in ihr Zimmer. Dort warf sie sich aufs Bett und starrte an die Decke, bis ihr die Tränen kamen.

Was dachten sich ihre Eltern eigentlich? Nie waren sie da, wenn man sie brauchte. Und abends, wenn sie schlafen wollte, hörte sie ihre streitenden Stimmen nebenan im Schlafzimmer. Diese endlosen, gereizten Auseinandersetzungen bis tief in die Nacht hinein! Jasmin musste sich oft die Kissenzipfel in die Ohren stopfen, um es nicht mehr zu hören.

Und dabei sollte sie lernen und sich auf die Schule konzentrieren! Sollte ihre Gedanken beim Lehrstoff haben, wenn sie sich die bittersten Sorgen machte, dass die Eltern sich scheiden ließen!

Jasmin wälzte sich auf den Bauch und heulte in die Polster, verzweifelt wie ein einsamer Kettenhund. Dann kramte sie ihr Zeugnis aus der Schulmappe und betrachtete es noch einmal in der vagen Hoffnung, es könnte vielleicht doch nicht so schlimm sein. Doch es war miserabel, da ließ sich nichts wegdiskutieren.

Aber letztendlich war das nicht allein ihre Schuld. Wer kümmerte sich denn schon um sie? Wer erklärte ihr, was sie nicht begriff? Mami hätte jede Menge Zeit dazu. Außerdem hatte sie in ihrer Jugend eine teure Privatschule besucht und musste sich doch auskennen.

Oh, sie würde Papi und Mami so einiges vorwerfen, wenn sie schimpften, nahm Jasmin sich vor. Nein, sie würde sich nichts gefallen lassen. Trotzig schob sie die Lippen vor, wie ein kleines Menschenkind, das den Aufstand probte.

Und erst einmal hatte sie Ferien und ein Recht auf Erholung.

♥♥♥

Iris Fischer, Jasmins junge und hübsche Mutter, jagte indessen im kurzen weißen Faltenröckchen über den Tennisplatz dem gelben Ball nach. Ihr Partner, Dr. Weißgerber, machte es ihr nicht leicht. Als er sie besiegt hatte, spielend so aus dem Handgelenk, lud er sie zur Versöhnung an die Bar des Clubhauses ein. Es war Zahnarzt, jung und charmant, und Iris ließ sich nicht vergeblich bitten.

Christian, ihr Ehemann, hatte ja seit Monaten kaum Zeit für sie. Angeblich gab es bedeutende Meinungsverschiedenheiten mit seinem Schwiegervater. Hans Mareis war ja immer noch Besitzer und leitendes Oberhaupt von „Ideal-Meisterküchen“. Christian, als zweiter Direktor, verlangte mehr Kompetenzen. Er bemäkelte, sein Schwiegervater führe den Betrieb auf altmodische Weise. Dabei müsse man dringend Neuerungen einführen, um die Konkurrenz zu überrunden.

Kurz und gut: Vater und Schwiegersohn verstanden sich nicht mehr. Es gab jeden Tag Streit, und sie, Iris Fischer, stand als Unschuldige zwischen den beiden und musste darunter leiden. Es war scheußlich.

Iris seufzte. Alles ging schief in letzter Zeit. Christian hatte sogar die geplante Ferienreise nach Portugal abgesagt oder wenigstens auf unbestimmte Zeit verschoben wegen der geschäftlichen Schwierigkeiten. Sie musste also den ganzen heißen Sommer in der stickigen Stadt hocken. Jasmin wurde auch von Tag zu Tag unleidlicher und bockiger. Dabei war sie noch nicht einmal in der von allen Eltern gefürchteten Pubertät.

Jasmin, o je! Die hatte doch heute ihren letzten Schultag hinter sich gebracht und musste längst zu Hause sein. Aber Sofie war ja da.

Iris blickte auf ihre Armbanduhr und glitt vom Barhocker.

„Ich muss nach Hause“, sagte sie bedauernd zu Dr. Weißgerber. „Meine Tochter, Sie verstehen!“

Der Zahnarzt und Tennispartner schien enttäuscht.

„Zu schade“, murmelte er und küsste ihr die Hand. „Ich hoffe sehr, wir sehen uns morgen!“

Iris hob die Schultern. „Kann sein, falls Jasmin zum Reiten … Aber jetzt muss ich wirklich weg! Ciao!“ Sie griff nach ihrem Racket und eilte hinaus.

Reichlich nervös, die Schöne!, stellte Fred Weißgerber bei sich fest.

Iris Fischer fand dann ihre Tochter verheult auf ihrem Bett liegend, als sie die Zimmertür einen Spalt weit öffnete.

„Aber Kätzchen, was hast du denn?“, fragte sie ahnungslos.

Jasmin fuhr hoch, ihre nassen Augen funkelten.

„Du, Mami? Endlich! Ich warte schon seit Stunden auf dich! Aber dein doofes Tennis ist dir ja wichtiger als dein eigenes Kind!“

Iris erschrak. „Aber Kätzchen!“, stammelte sie. „Du weißt doch, dass ich jeden Mittwoch meinen Tennisnachmittag habe! Ist denn etwas Besonderes passiert?“

Jasmin blitzte sie böse an. „Ach nö, überhaupt nicht!“, versetzte sie schnippisch. „Bloß, dass wir Zeugnisse gekriegt haben. Ist ja nicht wichtig, was?“

Iris musterte ihre Tochter unsicher. „Ist das deine nicht so gut ausgefallen?“, erkundigte sie sich vage.

Jasmin lächelte höhnisch. „So kann man es auch ausdrücken“, antwortete sie hart. „Da, lies selber! Aber dem Papa zeige ich’s nicht, darauf kannst du Gift nehmen! Und die Idee mit meinem Übertritt ins Gymnasium könnt ihr euch gleich abschminken! Ich bin zu dumm dazu! Außerdem habe ich nicht die geringste Lust!“

Iris griff nach dem zerknitterten, reichlich mit Tränenspuren übersäten Papier, las und murmelte erschrocken:

„O Gott, das ist furchtbar! Aber Mäuschen, wie konnte denn das passieren? Du hättest eben viel fleißiger lernen müssen!“

„Quatsch!“, fauchte Jasmin sie erregt an. „Mathe kapier ich einfach nicht! Da hilft auch kein Büffeln! Das muss man erklärt kriegen! Ich hab’ dir schon vor drei Monaten gesagt, dass ich Nachhilfe brauche, Mami! Aber dich hat das ja nicht im Geringsten interessiert! Du hast ja ganz andere Dinge im Kopf und streitest dich bloß unentwegt mit Papi! Was aus mir wird, das juckt doch keinen hier in diesem Haus! Ich spiele keine Rolle mehr in eurem Leben!“ Jasmin hatte zu schreien begonnen und warf sich nun wieder schluchzend auf ihr Bett.

„Aber Jasmin! So spricht man doch nicht mit seinen Eltern!“, erwiderte Iris entrüstet und doch ohne jede Überzeugungskraft. „Kind, wie du mich nervst! Du weißt doch, welch große Sorgen Papa momentan im Betrieb hat, von den meinigen ganz zu schweigen! Jetzt schiebst du uns auch noch die Schuld an deinem Versagen in der Schule zu! Das ist unfair! Du machst es dir ja sehr bequem! Aber du wirst dich während der Ferien auf deinen Hosenboden setzen und alles nachholen, was du versäumt hast! Tine wird dir helfen! Das werden wir ja sehen!“

„In Portugal, Mami?“, warf Jasmin frech und sarkastisch hin. „Kann ich mir nicht vorstellen!“

Iris’ Lippen wurden schmal. „Portugal ist gestrichen“, erwiderte sie kühl. „Wir bleiben zu Hause.“

Jasmin stöhnte zornig auf. Auch das noch!

Christian Fischer kam erst spätabends nach Hause, als seine Tochter bereits schlief. Er war so erschöpft und zerstreut, dass Iris Jasmins katastrophale Zensuren gar nicht zu erwähnen wagte.

„Ist unser Kätzchen schon im Bett?“, fragte Christian seine Frau geistesabwesend.

Iris’ Miene war bitter. „Dein geliebtes Kätzchen zeigt in letzter Zeit nur mehr die Krallen“, versetzte sie aggressiv. „Wirklich Christian, es ist kein Auskommen mehr mit Jasmin! Sie ist frech und widerspenstig. Aber du hast sie ja immer nach Strich und Faden verwöhnt. Sie weiß genau, dass sie sich alles erlauben kann, dein Goldstück!“

Christian hielt sich gequält die Ohren zu.

„Bitte, Iris, komm du mir nicht auch noch mit Klagen!“, verlangte er gereizt. „Du wirst doch wohl noch mit einer Zehnjährigen Herr werden! Andere Frauen müssen mit einer Herde Kinder fertigwerden und gehen nebenbei noch arbeiten. Übrigens, wenn ihr euch auf die Nerven fallt, dann schick doch Jasmin in ein Kinderferienlager! Oder gib sie ein paar Wochen zu meiner Schwester! Da lernt sie Disziplin und muss sich anpassen. Aber bleib mir bitte vom Leib mit euren lächerlichen Querelen! Ich hab’ wahrhaftig andere Probleme am Hals.“

„Nie unterstützt du mich bei der Erziehung!“, grollte Iris. „Immer muss ich den Buhmann spielen, und wenn Jasmin nicht spurt, dann kriege ich den Schwarzen Peter zugeschoben! Habt mich doch beide gern!“

Iris lief aus dem Zimmer und knallte mit der Tür. Aber der Gedanke, Jasmin irgendwo in die Ferien zu schicken, hakte sich in ihr fest. Vielleicht tat ihnen beiden eine Trennung gut. Außerdem konnte es nur nützlich sein, wenn Jasmin der Pulverfass-Atmosphäre ihres Elternhauses für eine Weile entrückt wurde.

Iris wusste auch schon, wohin sie ihre Tochter geben wollte, in eine Gegend, wo es Ruhe, gute Luft und eine verhältnismäßig unberührte Natur gab. In ein Ferienlager wollte sie Jasmin nicht stecken. Das erschien ihr denn doch zu herzlos. Ihr verwöhntes Prinzesslein in einem Campingzelt ohne Komfort, o nein! Auch Christians Schwester war nicht das Richtige. Irene Fischer hatte kein Verständnis für Kinder und würde in ihrer Neugier nur alle pikanten Einzelheiten der Fischer’schen Ehe aus der Kleinen herauslocken.

Nein, gleich morgen wollte Iris Familie Brunntaler anrufen und um ein Ferienquartier für ihre Tochter bitten.

♥♥♥

Die Pension „Edelweiß“ lag wunderbar in einem der schönsten Hochtäler Tirols an einem Steilhang.

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