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Familie mit Herz 074 - Familienroman

Bienchen – verzweifelt gesucht

Roman um eine Vaterliebe, die alle Grenzen sprengt

Von Nina Jonas

Niemals hat Vera gedacht, dass sie von ihrer Schwester als Alleinerbin eingesetzt wird. Schließlich hat Tina viele Jahre in Amerika gelebt, und der Kontakt ist bereits lange vor ihrem Tod vollständig abgebrochen. Als das „Erbe“ schließlich in Deutschland ankommt, trifft Vera beinahe der Schlag, denn die Hinterlassenschaft besteht aus der zwar bezaubernden, aber quicklebendigen Sabine.

Vera ist alles andere als begeistert, dass sie plötzlich Mutterpflichten übernehmen soll, allerdings stellt sich Bienchen als talentiertes Babymodel und damit als lukrative Einnahmequelle heraus. Die Sache scheint perfekt, als Vera in der jungen Mara eine zuverlässige und pflegeleichte Babysitterin findet. Zu dumm, dass plötzlich Bienchens Vater auf der Suche nach seiner Tochter in Deutschland auftaucht und ungeahnte detektivische Fähigkeiten entwickelt …

„Da ist sie ja, die alte Klatschtante“, murmelte Vera leise vor sich hin, und seufzte.

Kaum hatte sie den Schlüssel in ihre Wohnungstür gesteckt, hatte sich die Tür ihrer Nachbarin geöffnet, und Frau Städel trat auf den Flur. Wie immer hatte sie ein Staubtuch in der Hand und wischte damit an ihrer Klinke herum, aber Vera ließ sich durch ihre angebliche Putzwut nicht täuschen. Frau Städel schwatzte für ihr Leben gerne, und jedes Mal, wenn sie Vera die Treppe heraufkommen hörte, war sie zur Stelle.

„Guten Tag, Frau Städel“, grüßte Vera kühl und schimpfte insgeheim mit dem Schlüssel, weil er im Schloss klemmte und sie daran hinderte, fluchtartig in ihrer Wohnung zu verschwinden.

„Huch!“ Frau Städel drehte sich um und tat so, als hätte sie Vera jetzt erst bemerkt. „Sie sind es, Frau Beck!“

„Na ja, wer sollte es sonst sein?“, fragte Vera und schenkte ihrer Nachbarin ein säuerliches Lächeln. „Schließlich gibt es doch nur unsere beiden Wohnungen hier auf der Etage.“

„Ach, wissen Sie, ich war so in meinen Hausputz vertieft, dass ich Sie gar nicht kommen gehört habe“, behauptete Frau Städel und steckte schnell ihr Staubtuch in die Schürzentasche. „Richtig erschrocken bin ich, als Sie mich von hinten angesprochen haben.“

So eine Schwindlerin! Vera war sich sicher, dass ihre Nachbarin ihr Ohr schon fest an die Tür gepresst hatte, als sie die ersten Schritte auf der Treppe gehört hatte. Sie war froh, als sich der Schlüssel endlich drehen ließ und sie ihre Wohnung betreten konnte.

„Ach, übrigens“, rief Frau Städel und machte einen Schritt auf sie zu. Sie dachte ja gar nicht daran, sich um den kleinen Schwatz bringen zu lassen.

Vera, die schon ihre Einkaufstüten in der kleinen Diele verstaut hatte, drehte sich ungeduldig um. „Ja?“

Frau Städel kam schnell noch ein paar Schritte näher und sah ihre junge Nachbarin mit einem Verschwörerblick an. „Sie hatten eben Besuch!“

„Ja, und?“ Vera zuckte gelangweilt mit den Schultern. Frau Städel hatte mal wieder am Spion gehangen, aber das war ja nichts Neues.

„Eine Dame mit einem Baby auf dem Arm“, raunte Frau Städel bedeutungsvoll. „Sie hat bei Ihnen geklingelt, aber Sie waren ja nicht da. Gott sei Dank war ich gerade dabei, die Treppe zu wischen und konnte ihr sagen, dass Sie nicht zu Hause sind.“

„Na, dann ist es ja gut.“ Vera wollte sich schon in ihre Wohnung zurückziehen, als Frau Städel sie am Arm nahm.

„Es war eine sehr elegante Dame, und richtig Deutsch hat sie auch nicht gesprochen“, flüsterte sie. „Wenn Sie mich fragen, mit der stimmte etwas nicht. Sie hat so gehetzt geguckt.“

„Hm“, machte Vera und versuchte, Frau Städels Finger von ihrem Arm zu lösen. Aber die neugierige Nachbarin hing wie eine Klette an ihr.

„Sie trug ein elegantes Kostüm. Ich vermute, es war von Chanel. Ich hab’ so was nämlich schon mal in der Zeitung gesehen, und unter den Fotos stand dick und deutlich der Name Cha…“

„Warum haben Sie der Frau denn nicht gleich in den Kragen geguckt, Frau Städel?“, fragte Vera und machte sich nun endgültig von ihrer Nachbarin los. „Sie hätten sich bloß das Etikett ansehen müssen.“

„Na, hören Sie mal!“ Frau Städel zog ein beleidigtes Gesicht.

„Also gut, dann halten wir es eben so: Wenn sie noch einmal auftaucht, schaue ich ihr in den Kragen und sage Ihnen dann Bescheid“, versprach Vera mit einem liebenswürdigen Lächeln und machte ihrer verdutzten Nachbarin die Tür vor der Nase zu.

Draußen grummelte Frau Städel noch leise vor sich hin und zog sich dann in ihre Wohnung zurück. Das hatte man nun davon, wenn man als nette Nachbarin darauf aufpasste, was auf der Etage vor sich ging. Man wurde einfach draußen vor der Tür stehen gelassen.

♥♥♥

Als Vera am nächsten Morgen aufwachte, hatte sie ihre geheimnisvolle Besucherin schon wieder vergessen. Sie gähnte und freute sich auf einen schönen Sonntagnachmittag mit ihrem Freund Oliver, der heute endlich einmal Zeit für sie hatte.

Oliver war Werbefotograf und die meiste Zeit irgendwo in der Weltgeschichte unterwegs. Mal war er in Marokko und fotografierte Bademoden, dann wieder war er in den Alpen und machte Aufnahmen für Molkereiprodukte, und in zwei Wochen wollte er seinen ersten Werbefilm drehen, in dem es um Babynahrung ging. Vera war sehr stolz auf ihn.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Vera beschloss, endlich aufzustehen. Zum Frühstücken war es schon zu spät, aber einen kleinen Mittagsimbiss wollte sie sich gönnen, ehe sie sich mit Oliver traf. Schließlich wollte sie sich nicht wie ausgehungert auf das Abendessen stürzen, zu dem er sie eingeladen hatte.

Mit einem Lächeln der Vorfreude stieg sie aus dem Bett und trottete erst einmal in ihr Badezimmer, um sich ihrer Schönheitspflege zu widmen. Erst gestern hatte sie ein winziges Fältchen zwischen ihren Augenbrauen entdeckt, und hatte sich plötzlich mit Schrecken daran erinnert, dass Oliver zwei Jahre jünger war als sie. Und ob ihm wohl auffallen würde, dass sie im letzten Monat dreihundert Gramm zugenommen hatte? Vera biss sich besorgt auf die Unterlippe. Sie musste unbedingt dafür sorgen, dass die dreihundert überflüssigen Gramm wieder verschwanden. Ob sie vielleicht doch besser auf ihren Mittagsimbiss verzichten sollte?

Nachdem sie geduscht hatte und gerade auf der Waage stand, um sich die Bescherung anzusehen, klingelte es an ihrer Wohnungstür. Vera seufzte unwillig und griff nach ihrem Morgenmantel, der neben ihr an einem Haken hing. Wenn das wieder Frau Städel war, die sich eine Tasse Zucker ausborgen wollte, würde sie ihr sagen, was sie von diesen Besuchen am Sonntagmorgen hielt. Ungeduldig schlüpfte sie in ihre Pantoffeln, warf sich den Morgenmantel über und lief zur Tür. Sie öffnete und blieb wie erstarrt stehen. Draußen stand die Besucherin, von der ihr Frau Städel am Vortag erzählt hatte. Sie hatte ein Baby auf dem Arm und lächelte Vera unsicher an.

„Verzeihung, sind Sie Frau Beck? Vera Beck?“, fragte die Fremde.

Vera schluckte und spürte, wie ihr ein plötzlicher Schauer über den Rücken lief. Die Dame sprach deutsch mit einem amerikanischen Akzent.

„Ich bin Diana Kelly, eine Freundin ihrer Schwester Tina“, erklärte die Dame in dem braunen Kostüm. „Bitte, kann ich hereinkommen, Frau Beck? Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.“

Vera brachte kein Wort heraus, sie konnte nur nicken und trat zurück, damit Diana Kelly hereinkommen konnte. Tina! Verwirrt musste sie sich eingestehen, dass sie ihre Schwester ganz vergessen hatte. Aber war das ein Wunder? Schließlich hatte sich Tina seit Jahren nicht mehr gemeldet. Nach dem Tod der Eltern war sie nach Amerika verschwunden und hatte nichts mehr von sich hören lassen. Vera hatte noch nicht einmal ihre Adresse. Voller Unruhe führte sie Diana Kelly ins Wohnzimmer und bot ihr einen Platz an.

„Was ist denn passiert?“, fragte sie leise. „Irgendetwas muss doch geschehen sein, sonst hätte Tina Sie bestimmt nicht zu mir geschickt. Wir haben schon seit Jahren den Kontakt zueinander verloren.“

Diana Kelly lächelte traurig und setzte das Baby neben sich auf ein Sofakissen.

„Tina hatte einen Autounfall, Vera. Sie ist mit überhöhter Geschwindigkeit die Küstenstraße entlanggefahren und hat sich in einer Kurve überschlagen. Der Wagen ist die Klippen hinuntergestürzt.“ Diana ergriff Veras Hand. „Wenn es Ihnen ein Trost ist, sie muss sofort tot gewesen sein. Sie hat nicht gelitten.“

„Mein Gott“, hauchte Vera. Sie war totenblass geworden.

Tina und sie hatten sich zwar nie besonders nahegestanden, aber eine Schwester war eben doch eine Schwester. Mühsam kämpfte sie mit den Tränen.

„Nun habe ich gar keine Familie mehr“, flüsterte sie. „Nur ein paar sehr entfernte Onkel und Tanten, aber die zählen nicht.“

Das Gesicht von Diana Kelly hellte sich auf, und sie tätschelte Veras eiskalte Hand.

„Dass Sie gar keine Familie mehr haben, würde ich nicht sagen. An jenem Unglückstag war Sabinchen nämlich bei mir. Sie hatte leichtes Fieber, und deshalb wollte Tina sie nicht mitnehmen.“

Vera wischte sich die Tränen mit dem Ärmel ihres Morgenmantels ab und blinzelte.

„Sabinchen?“, fragte sie verständnislos.

Diana nahm das Baby wieder auf ihren Schoß und legte ihm einen Finger unter das Kinn, damit Vera es besser anschauen konnte.

„Darf ich vorstellen, Vera, das ist Ihre kleine Nichte“, sagte sie.

Sabinchen zog ein Mäulchen und drehte ihr winziges Kinn hin und her, um den unbequemen Finger wieder loszuwerden.

„Meine Nichte?“ Veras Augen wurden riesengroß, und dann spürte sie, wie sie wütend auf Tina wurde.

Diese kleine Egoistin hatte ihr Leben lang nur an sich gedacht. Erst war sie bei Nacht und Nebel verschwunden und hatte nie mehr etwas von sich hören lassen, und jetzt musste sie feststellen, dass sie ihr nicht einmal mitgeteilt hatte, dass sie, Vera, Tante geworden war. Wirklich, Tina war eine großartige Schwester gewesen, dachte sie voller Empörung.

„Ja, Sabine ist Ihre Nichte, aber sie wird von allen nur Bienchen genannt“, erklärte Diana und strich dem kleinen Mädchen über die kurzen blonden Härchen, die tatsächlich an den weichen Pelz einer Biene erinnerten. „Wollen Sie sie nicht einmal halten?“, fragte sie eifrig und setzte die Kleine auf Veras Knie.

Da saß Bienchen also und schaute ihre neue Tante mit ernsten Augen an, dann verzog sie das Gesicht und begann jämmerlich zu weinen. Hier war sie nicht willkommen, das spürte sie. Verzweifelt drehte sie sich zu Diana um und streckte ihr die Ärmchen entgegen.

Vera fühlte sich unbehaglich. Sie hob das Baby mit spitzen Fingern auf und gab es Diana entschlossen zurück.

„Hier, nehmen Sie sie wieder. Sie fühlt sich bei Ihnen anscheinend wohler als bei mir. Das ist ja auch kein Wunder, schließlich bin ich eine Fremde für das Kind.“

Sobald sie sich wieder sicher in Dianas Armen fühlte, schluchzte Bienchen noch einmal auf und kuschelte das Köpfchen zufrieden an deren Hals.

Vera schaute die beiden unsicher an. War diese Diana Kelly nur gekommen, um ihr ihre Nichte vorzustellen, oder hatte sie noch etwas anderes im Sinn? So, wie es aussah, würde sich Diana wohl weiter um die kleine Sabine kümmern. Das war ja auch ganz richtig so, schließlich war sie Tinas Freundin gewesen. Aber wenn sie gekommen war, um sie, Vera, um finanzielle Unterstützung zu bitten, damit sie das Baby aufziehen konnte, hatte sie den weiten Weg von Amerika hierher umsonst gemacht. Hier gab es kein Geld zu holen: als Sekretärin verdiente Vera schließlich kein Vermögen. Die magere Summe, über die sie monatlich verfügen konnte, konnte sie unmöglich noch mit jemandem teilen.

Diana räusperte sich verlegen. Sie fühlte sich genauso unbehaglich wie Vera. Aber es half alles nichts, sie war aus einem ganz bestimmten Grund mit der kleinen Sabine nach Deutschland gekommen. Sie musste das Versprechen, das sie ihrer verstorbenen Freundin gegeben hatte, einlösen.

Mit der freien Hand zog sie einen Brief aus ihrer Handtasche und reichte ihn Vera mit einem Seufzer.

„Das ist ein Brief Ihrer Schwester, Vera. Er ist sozusagen ihr Testament. Sie hat ihn zwei Monate vor ihrem Unfall geschrieben und mich gebeten, ihn Ihnen persönlich zu überbringen, wenn ihr etwas passieren sollte.“

Veras Finger begannen zu zittern, als sie nach dem Umschlag griff. Wenn das Tinas Testament war, konnte das nur bedeuten, dass ihre Schwester ihr etwas hinterlassen hatte. Mit klopfendem Herzen riss sie das Kuvert auf und zog das Schreiben heraus. Wie viel es wohl war? Oder handelte es sich um etwas anderes? Ein Haus vielleicht? Wertpapiere?

Während Veras Augen die Zeilen überflogen, die Tina ihr geschrieben hatte, drückte Diana die kleine Sabine an sich und streichelte ihr seidenweiches Haar. Sie wusste, was in dem Brief stand, Tina hatte es ihr gesagt.

Vera hatte zu Ende gelesen. Nun ließ sie den Brief sinken und starrte Diana fassungslos an.

„Das kann ich nicht“, platzte sie heraus. „Ich kann Sabine nicht zu mir nehmen. Was hat sich meine Schwester bloß dabei gedacht?“

„Nun, Sie sind schließlich die einzige lebende Verwandte der Kleinen“, erklärte Diana.

Vera wurde blass und dann wieder rot. Wütend zerknüllte sie den Brief ihrer Schwester und stand auf.

„Die einzige Verwandte? So ein Unsinn! Wo ein Kind ist, da ist auch ein Vater. Der wäre doch viel besser geeignet, sich um Sabine zu kümmern! Was habe ich mit der Sache zu tun? Ich wusste ja bis heute nicht einmal, dass ich überhaupt eine Nichte habe!“

„Der Vater hat sich aus dem Staub gemacht“, erklärte Diana Kelly und zuckte mit den Schultern. „So hat es mir Tina jedenfalls erzählt. Ich selbst habe ihn nicht kennen gelernt, aber nachdem, was sie mir über ihn erzählt hat, wäre er der letzte, der sich um das Kind kümmern sollte.“ Sie griff noch einmal in ihre Tasche und reichte Vera einen weiteren Umschlag. „Hier sind die Papiere, die Sie brauchen werden. Bienchens Geburtsurkunde ist auch dabei.“

Vera kniff trotzig die Lippen zusammen und warf den Umschlag auf ein Tischchen. Sie dachte ja nicht daran, sich das Kind ihrer Schwester aufhalsen zu lassen. Überhaupt, was sollte sie mit der Kleinen anfangen? Wo sollte sie sie unterbringen, wenn sie zur Arbeit gehen musste? Das war wieder einmal typisch Tina! Erst setzte sie ein Kind in die Welt, und am Ende musste jemand anders für es sorgen.

Bienchen schlief und wusste nichts von dem, was um sie herum vorging. Sie lag in Dianas schützenden Armen und hatte keine Ahnung, dass sie diesen lieb gewordenen Platz schon bald für immer verlassen musste.

♥♥♥

„Was sagst du da, du hast ein Baby?“ Oliver Hansen, Veras Freund, hatte sein Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt und schnitzelte Zwiebeln in eine Pfanne. „Gib’s zu, Vera, du willst mich nur zum Narren halten!“

„Ach, ja?

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