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Familie mit Herz 095 - Familienroman

Komplizierte Familienangelegenheiten

Zwei Väter, eine Mutter – und Kim

Von Sabine Stephan

Im Allgemeinen will's keiner gewesen sein, wenn es darum geht, eine Vaterschaft anzuerkennen. Doch im Fall der kleinen Kim ist es genau umgekehrt: Zwei Männer rechnen zurück zu der Zeit, als sie mit der schönen Fernsehmoderatorin Katja Ravens eine Affäre gehabt hatten – und beide sind sich sicher: Kim ist ihr Kind!

Acht Jahre haben die Feindschaft zwischen Torsten Kräuter und Lars Petersen nicht mindern können, die ursprünglich im Kampf um Katja entbrannte. Und auch jetzt stehen sie sich spinnefeind gegenüber: Doch dieses Mal geht es um Kim ...

»Ich hätte mir ja denken können, dass du hier auch auftauchst!«

Lars Petersen starrte sein Gegenüber feindselig an. In der Rechten hielt er ein Bukett mit weißen Lilien.

Die alte Feindschaft der beiden Männer war sofort wieder entflammt, sogar an diesem schrecklichen Tag, an dem sie gemeinsam eine schöne junge Frau zu Grabe tragen mussten.

Torsten Kräuter schluckte. Natürlich war er Lars Petersen genauso spinnefeind wie der ihm. Aber konnten sie ihre Querelen nicht wenigstens in dieser dunklen Stunde einmal außen vor lassen? Überhaupt – die ganze Sache lag doch schon so lange zurück.

Torsten rechnete sekundenschnell nach. Ja, mindestens acht bis neun Jahre musste es her sein – eine kleine Ewigkeit. Und seitdem waren sie sich nie mehr begegnet, auch Katja hatte er nicht mehr gesehen.

Was ihn, Torsten Kräuter, anbetraf – er hatte inzwischen vieles vergessen, was einst geschehen war, das Gute wie das Schlechte. Nur jetzt, als er seinem alten Erzfeind wieder Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, war plötzlich alles wieder wie früher. Finster blickten sie einander an – es schien fast so, als sei die Zeit stehen geblieben.

»Ich bin der Meinung, wir sollten die Vergangenheit ruhen lassen«, schlug Torsten ruhig vor. »Der Anlass, zu dem wir uns heute zufällig treffen, ist traurig genug. Im Übrigen denke ich, dass ich das gleiche Recht habe wie du, an Katjas Beerdigung teilzunehmen.«

Lars öffnete den Mund zu einer barschen Erwiderung, aber er kam nicht mehr dazu, dem jungen Bankkaufmann, der sein bitterster Rivale gewesen war, eine passende Antwort zu geben.

Die Trauergemeinde wurde aufgefordert, die kleine Friedhofskapelle zu betreten. Die Trauerfeier zu Katja Ravens' Begräbnis begann.

Unwillkürlich zog sich Torsten in den Hintergrund zurück. Zum einen tat er das, weil lange Zeit keine Verbindung mehr zu Katja bestanden hatte und er sich nur als einer der zahlreichen unbekannten Trauergäste sah; zum anderen, weil ihm alles andere als wohl dabei gewesen wäre, ausgerechnet neben Lars Petersen zu sitzen oder zu stehen.

Der junge Architekt schien jedoch ähnliche Gefühle zu hegen. Mit hocherhobenem Haupt und gerötetem Gesicht stolzierte er an Torsten vorbei und drückte sich in eine der hinteren Bänke.

Torsten schenkte den Worten des Predigers wenig Gehör. Seine Gedanken wanderten vielmehr in die Vergangenheit zurück in die Zeit, in der Katja Ravens seine Freundin gewesen war. Er schielte zu Petersen hin.

Ob es ihm ähnlich ging? Bestimmt! Schon allein dieses Zusammentreffen würde ihn dazu beflügeln.

Torsten hatte damals geglaubt, die bekannte Fernsehmoderatorin Katja zu lieben; und er war sicher gewesen, dass Katja ihm ebenfalls Liebe entgegenbrachte. Doch irgendwie hatte ihr Beruf ihnen im Wege gestanden, und sie hatten sich bald, kaum, dass es zwischen ihnen begonnen hatte, auseinandergelebt.

Katja war jung und schön, alleinstehend und ungebunden gewesen, sie hatte ihren Beruf mehr als alles andere geliebt. Männer, so hatte Torsten schnell herausgefunden, hatten in ihrem Leben, das überwiegend von ihrem Beruf bestimmt gewesen war, eine untergeordnete Rolle gespielt.

Dasselbe hatte zuvor Lars Petersen erfahren müssen. Er war vor Torsten Katjas Geliebter gewesen. Die beiden Männer hatten sich zwangsweise kennengelernt. Lars hatte Torsten seinen Hass offen gezeigt, weil er ja hatte annehmen müssen, dass dieser ihm die Freundin ausgespannt hatte. Katja war lachend über alles hinweggegangen. Sie hatte Torsten beruhigt. Torsten hörte noch heute ihre schöne Altstimme, die so unbeschwert hatte lachen können.

»Das mit Lars ist schon lange vorbei, er hat es nur nicht einsehen wollen. Du hast ihn zwar abgelöst, Torsten, aber es ist nicht deine Schuld. Wenn einer Schuld hat, dann ich. Ich habe das Verhältnis zu ihm beendet und erwarte Verständnis von ihm.«

Dasselbe Verständnis hatte sie nur Wochen später von Torsten erwartet, als sie ihn unbekümmert wieder fortgeschickt hatte. Torsten war monatelang mit einem dicken Kopf und Trauer im Herzen herumgelaufen, bis er begriffen hatte, dass man eine Frau wie Katja eben nicht besitzen konnte.

Heute war Torsten längst darüber hinweg. Er hatte ja Anja, die er bald heiraten würde, und seinen kleinen Felix, dem er ein liebevoller Papa sein wollte. Es war eine reine Gefühlsduselei von ihm gewesen, Katja nach diesen vielen Jahren das letzte Geleit zu geben. Aber Anja hatte ihn geradezu dazu gedrängt. Sie hatte in der Zeitung von Katjas tödlichem Verkehrsunfall gelesen und Torsten erst darauf aufmerksam gemacht.

»Ich finde, du solltest hingehen, Torsten«, hatte sie sanft gesagt. »Schließlich hat sie dir einmal etwas bedeutet.«

Anja, diese einfühlsame, wunderbare Frau! Sie würde staunen, wenn er ihr heute Abend von der Beerdigung berichtete, besonders aber von seinem Zusammentreffen mit Lars. Torsten hatte Anja natürlich von seiner früheren Liaison erzählt. Auch Anja hatte das als Vergangenheit abgehakt. Sie hatte es verständlich gefunden, dass ihr Verlobter mit seinen sechsunddreißig Jahren Beziehungen gehabt hatte.

♥♥♥

Die Trauergemeinde stimmte ein letztes Lied an. Man erhob sich und schritt langsam hinter dem Sarg ins Freie.

Torsten hatte es vermeiden wollen, aber plötzlich war er doch wieder an Lars' Seite, als man zu der offenen Grabstätte ging.

Unendlich viele Menschen waren zur Beisetzung gekommen, denn schließlich war Katja sehr bekannt gewesen. Und ausgerechnet er und Lars mussten nebeneinander hergehen!

Lars bedachte seinen ehemaligen Widersacher gleich wieder mit finsteren Blicken.

Bestimmt lässt er gleich eine seiner üblichen Bemerkungen los, wenn er nur eine Gelegenheit dazu findet, dachte Torsten und fand es schon beinahe lächerlich, dass die alte Eifersucht aufeinander plötzlich wieder da war und sie beide anscheinend nichts dagegen unternehmen konnten. Wenn er ehrlich war, hegte er nämlich dieselben scheußlichen Gefühle für Lars Petersen wie er offenbar für ihn.

Plötzlich wurde ihm bewusst, wie sehr er und Lars sich äußerlich glichen. Sie waren tatsächlich der gleiche Typ Mann. Beide waren sie hochgewachsen, von kräftiger Statur und dunkelblond.

Ob Katja ihre Liebhaber immer nach gewissen Kriterien ausgewählt hat?, fragte er sich unwillkürlich.

Dann fand er sich selbst scheußlich, dass er so hässlich über die tote Katja dachte, und gab sich Mühe, Lars zu übersehen und sich auf die Bestattungszeremonie zu konzentrieren. Er hörte der Grabrede des Pastors zu, anschließend der des Fernsehintendanten, lauschte dem Posaunenchor und blickte in all die von Trauer erfüllten fremden Gesichter im großen Umkreis.

Plötzlich durchfuhr es ihn wie ein Blitz.

»Wer ist denn das?«, fragte er fassungslos.

Unmittelbar neben dem offenen Grab, in das gerade der Sarg hinabgelassen wurde, stand eine ältere Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt. Dieses Mädchen hatte Torstens Aufmerksamkeit erregt, denn es hätte Katja in Miniaturausgabe sein können.

Die Frau und das Kind gingen als Erste auf die Grabstätte zu, warfen Blumen auf den Sarg, falteten die Hände und sprachen ein Gebet.

Das kleine Mädchen machte der älteren Frau jede Geste nach. Mit unnatürlich geweiteten Augen starrte es vor sich hin, die feinen Lippen fest aufeinandergepresst.

Nun wurde es von der Frau zur Seite gezogen, und andere Trauergäste schritten zum Grab.

Lars' Blick war dem Torstens gefolgt, weil Torsten ihn völlig überrascht am Arm gestreift und auf dieses kleine Mädchen gewiesen hatte.

»Keine Ahnung ...«, murmelte Lars. Er war genauso überrascht und gefesselt vom Anblick des Mädchens. »Keine Ahnung, wer das ist.«

Er fühlte sich merkwürdig berührt und schielte zu seinem Nachbarn hinüber.

»Katja«, flüsterte Torsten.

Nur dieses eine Wort, diesen Namen, mehr nicht.

Beide wussten sie vom anderen, welcher Gedanke ihn durchzuckt hatte.

Die Beisetzung war zu Ende, die Trauergemeinde löste sich auf. Nur der engste Kreis der Angehörigen setzte sich gesammelt in Bewegung, wohl um in einem Restaurant noch zusammenzusitzen.

Torsten beobachtete das mit stillem Widerwillen. Er hatte solche Zusammenkünfte nach einer Beerdigung immer als abscheulich empfunden.

Lars Petersen blieb hartnäckig an seiner Seite, obwohl es doch jetzt an der Zeit gewesen wäre, dass er sich endlich absetzte.

Der führt etwas im Schilde, dachte Torsten, und er beschloss, wachsam zu sein.

Lars Petersen kam wenig später direkt zur Sache.

Er straffte seine Schultern und verkündete: »Ich muss wissen, wer dieses Kind ist.«

»Ich auch«, sagte Torsten entschlossen.

Ihm war klar, dass sie beide denselben Verdacht hegten.

Gemeinsam gingen sie zielstrebig auf die ältere Frau zu, die sich inzwischen in Bewegung gesetzt hatte und dabei das Kind noch immer fest an der Hand hielt.

Allein hätte keiner von ihnen diesen Mut besessen, es vielleicht auch als Pietätlosigkeit angesehen. Gemeinsam fühlten sie sich jedoch stark genug, und wenigstens für diesen Augenblick vergaßen sie ihre Streitigkeiten. Oder vielleicht wollte auch einer dem anderen zuvorkommen und vermeiden, dass der andere etwas herausfand, ohne dass er selbst davon erfuhr.

♥♥♥

Torsten und Lars mussten sich sputen, denn die ältere Dame hatte fast schon das Friedhofstor erreicht und würde gewiss jeden Moment in einem der Autos auf dem Friedhofsparkplatz verschwinden.

»Bitte verzeihen Sie, wenn ich Sie einfach so anspreche«, sagte Torsten, als er neben der Dame angekommen war. Er reichte ihr die Hand und stellte sich kurz vor. Er ärgerte sich, dass Lars Petersen es in derselben Sekunde auf der anderen Seite der Frau ihm nachtat.

»Torsten Kräuter. Ich bin ein alter Freund der Verstorbenen.«

»Lars Petersen. Ich war mit Katja befreundet.«

Die Frau war stehen geblieben. Erstaunt schaute sie die beiden ihr unbekannten jungen Männer an.

»So? Aha.« Sie überlegte kurz und fuhr dann fort: »Ich bin Doris Ravens, Katjas Tante. Was kann ich für Sie tun?«

Das kleine Mädchen starrte die beiden fremden Männer an, mit großen blauen Augen, Katjas blauen Augen, verständnislos und stumm.

Torstens Herz klopfte ihm plötzlich bis zum Hals, und er musste sich kurz räuspern, damit seine Stimme ihm gehorchte.

»Bitte, Frau Ravens, sagen Sie mir, ob dieses kleine Mädchen Katjas Tochter ist. Es ist sehr wichtig für mich.«

»Auch für mich«, ließ sich Lars Petersen vernehmen.

Seine Stimme klang nicht weniger gehetzt als Torstens. Sein Blick wanderte zwischen dem Kind und Doris Ravens hin und her.

»Der Grund Ihrer Frage ist mir zwar ein Rätsel, aber warum sollte ich sie nicht beantworten? Ja, Kim ist die Tochter meiner verstorbenen Nichte.«

Frau Ravens verhehlte nicht, dass das merkwürdige Benehmen dieser beiden Fremden sie äußerst verblüffte.

»Oh, gütiger Herr im Himmel«, entfuhr es Torsten, und Lars krächzte: »Herrgott noch mal!«

Sie starrten sich plötzlich misstrauisch an.

»Können Sie mir bitte erklären, was Sie an dieser Tatsache so erstaunt?«

»Nein, nicht jetzt und nicht hier«, stieß Torsten heftig hervor und schoss einen warnenden Blick auf Lars ab. »Ich glaube, ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen, Frau Ravens, was Sie unbedingt wissen müssen. Geben Sie mir Ihre Adresse, Ihre Telefonnummer? Ich möchte Sie möglichst bald einmal besuchen und Ihnen dann alles erklären.«

»Wir werden Sie beide aufsuchen«, mischte sich Lars ein. »Es betrifft das Kind. Und es geht uns beide etwas an, Herrn Kräuter genauso wie mich.«

»Wir möchten Sie jetzt nicht länger aufhalten, Frau Ravens. Ich würde gerne schon morgen bei Ihnen vorbeikommen, ist Ihnen das recht?«

»Wir würden gerne gemeinsam kommen.«

Lars dachte nicht daran, Torsten Kräuter den Vorrang zu geben.

»Ich verstehe das alles zwar noch immer nicht, aber morgen kann ich es mir einrichten.« Doris Ravens nannte ihre Anschrift. »Kommen Sie morgen Nachmittag gegen fünf. Und nun entschuldigen Sie uns bitte.«

Sie zog die kleine Kim mit sich fort.

Torsten und Lars starrten hinter Doris Ravens und dem Kind her.

»Sie ist meine Tochter!«, stöhnte Lars plötzlich auf. »Du meine Güte, ich bin Vater! Seit mindestens acht Jahren bin ich Vater und weiß es nicht einmal!«

»Wieso bist du der Vater der kleinen Kim?« Torsten richtete sich zu seiner vollen Größe auf und straffte die Schultern. Er funkelte Lars Petersen zornig an. »Du bringst da einiges durcheinander, Lars. Ich bin der Vater der Kleinen, ich allein!«

»Das werden wir ja sehen!« Lars rechnete eifrig nach, laut, damit Torsten es mitbekam und sich überzeugen ließ. »Ich war vor dir mit Katja zusammen.« Er nahm wie ein kleiner Junge die Finger zu Hilfe. »Das Kind muss acht Jahre alt sein.«

»Das werden wir morgen erfahren.« Torsten rechnete ebenso eilig nach. »Acht Jahre kommt genau hin. Kim kann nur von mir sein. Ich allein bin ihr Vater! Es kann gar nicht anders sein.

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