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Feentod

 

 

 

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Kathrin Lange: Septembermädchen

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Inge Löhnig: Scherbenparadies

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Susanne Mischke: Nixenjagd

Susanne Mischke: Waldesruh

Susanne Mischke: Zickenjagd

Susanne Mischke: Rosengift

Inhaltsverzeichnis

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

26.

27.

28.

29.

30.

31.

Danksagung

1.

Mit geschlossenen Augen genoss Noraya die wärmenden Strahlen der Maisonne. Wieder einmal war sie mit ihren Gedanken beim Festival. Wann immer ihr das nahende Ereignis in den Sinn kam, schlug ihr Herz schneller. Auf einer so großen Bühne hatte sie bisher noch nie gestanden. Ob sie das überhaupt packen würde? Allein die Vorstellung, in sechs Tagen vor über hundert Zuhörern den ersten Ton ins Mikro zu singen, sorgte dafür, dass sich Übelkeit in ihr ausbreitete. Mit schweißnassen Händen umklammerte sie die Handtasche in ihrem Schoß. Um sich abzulenken, ließ sie den Blick aus dem Fenster wandern. Es war ein wunderschöner Tag.

Die S-Bahn fuhr übers Land – vorbei an einem kleinen Wäldchen, dessen frisches Grün in der tief stehenden Sonne besonders intensiv leuchtete. Wenn es am Wochenende genauso warm und trocken wäre wie heute, dann würde nach dem Konzert alles perfekt sein. Noraya nahm sich vor, jede Stunde auf dem Festival voll auszukosten.

»Wie soll eigentlich das Wetter am Wochenende werden?«, richtete sie das Wort an ihre Freundin Alina, die ihr gegenüber auf der Bank saß und gerade ein neu erworbenes Oberteil aus der Einkaufstüte zog.

»Es wird super!«, antwortete Alina, während sie das Teil in die Tüte zurückstopfte und nach dem nächsten fischte. »Wir werden alle Nächte durchfeiern. Das wird geil!«

»Ich weiß noch nicht, ob ich die ganze Zeit auf dem Festival bleiben kann«, wandte Noraya ein und strich sich eine rötliche Haarsträhne hinters Ohr.

»Wieso? Dein oller Haremswächter ist doch weg.«

»Wir werden sehen«, wiegelte Noraya ab. »Für mich gibt es jetzt nur die Zeit vor dem Konzert. An das, was danach ist, kann ich überhaupt nicht denken. Bin viel zu aufgeregt.«

»Das schaukelst du schon. Hast dich doch noch nie versungen. Und außerdem, wenn du erst mal in deinem super Outfit steckst, klappt alles andere ganz von alleine.« Noraya musste lachen. »Dann solltest du dir auch mal so ein Alles-klappt-von-alleine-Outfit für die Schule zulegen.«

»Oh ja. Besonders ein Physik-Outfit wäre nicht schlecht.«

»Für solche Probleme war dein Matthias doch unschlagbar!«

Alina verdrehte die Augen. »Mein Matthias? Zwischen dem und mir ist nie was gelaufen. Aber du bringst mich auf eine Idee. Vielleicht hat Hagen ja neben seinem umwerfenden Aussehen auch noch Nachhilfequalitäten.« Alina warf schwungvoll ihr Haar zurück. »Du wirst ihn auf dem Festival kennenlernen. Er hat mir versprochen, dass er eine SMS schickt, sobald er auf dem Gelände ist. Der ist so süß!«

Noraya stöhnte innerlich auf. Ihre Freundin schwärmte seit Tagen nur noch von Hagen. Glaubte man Alina, sah dieser Typ nicht nur wahnsinnig gut aus, sondern war in allem, was er tat, unschlagbar und konnte sich mit seinen 18 Jahren einen eigenen Sportwagen leisten. Noraya machte das eher skeptisch. Erst vor ein paar Wochen hatte sich Alina von einem Typen getrennt, der auch ziemlich gut betucht gewesen war. Das hatte ziemlich böse geendet.

Die S-Bahn war zum Stehen gekommen. Etliche Leute strömten herein und füllten den bislang halb leeren Waggon. Neben Alina ließ sich ein kleiner Junge mit Eis nieder, das prompt auf ihre Tüten tropfte.

»Halt die Waffel gerade«, ermahnte ihn seine Mutter, die sich neben Noraya gesetzt hatte und ein weiteres Kind auf dem Schoß hielt. Die S-Bahn fuhr mit einem kleinen Ruckeln wieder an und Norayas Aufmerksamkeit richtete sich auf eine junge Frau mit Kopftuch, die den Gang entlanghastete. Ihr folgten zwei Typen, die ganz offensichtlich angetrunken waren und lauthals rumpöbelten.

»Bleib mal stehen, ich hab dich was gefragt. Der Lappen auf deinem Kopf verstopft dir wohl die Ohren? Ohne den siehst du bestimmt richtig geil aus.«

Die Leute im Abteil hielten in ihren Gesprächen inne und auch Alina starrte zu der jungen Frau. Noraya sah, wie der größere diese grob am Arm packte. Die angstgeweiteten Augen heftete sie Hilfe suchend auf Noraya, deren Herz in einem Affenzahn klopfte. Am liebsten wäre sie aufgesprungen, um irgendwie zu helfen. Aber sie war wie gelähmt und konnte nichts tun, als zu starren. Plötzlich spürte sie Alinas Hand auf ihrem Oberschenkel und riss ihren Blick los. Alina schüttelte stumm den Kopf.

»Nein, nein«, formte sie überdeutlich, aber lautlos mit den Lippen. Noraya sah auch in Alinas Augen die Angst. Die Frau auf dem Nachbarsitz zog das zweite Kind zu sich herüber auf den Schoß. Es begann zu weinen.

»So ein beknacktes Kopftuch ist doch was für Omas«, pöbelten die Typen weiter und der kleinere riss der jungen Frau das Tuch herunter.

»Lassen Sie das bitte«, ertönte die Stimme der Bedrängten.

Noraya konnte deutlich ihre Panik hören. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was werden die Typen als Nächstes tun? Die Frau schlagen? Oder ein Messer ziehen? Man muss die Polizei verständigen, entschied sie, zückte ihr Handy und tippte die 110.

»Nora!«, zischte Alina. »Das bringt doch nix.«

Noraya hielt inne und räusperte sich. Ihr Mund fühlte sich an wie ein Staubtuch. Sie suchte nach Worten, die sie den Typen entgegenschreien konnte. Aber die Angst verschloss nicht nur ihren Mund, sie hatte auch ihr Denken lahmgelegt. Als ein älterer Herr über die Köpfe der anderen Fahrgäste hinwegbrüllte, zuckte sie zusammen.

»Wird nun endlich einer von den starken Herren hier im Waggon aufstehen und der Dame einen Platz anbieten? Die Polizei ist informiert. Beim nächsten Halt sind die Burschen fällig!«

Noraya hielt die Luft an. Im Abteil war es mucksmäuschenstill geworden. Noraya betete, dass sein Eingreifen die Schläger nicht noch mehr anstachelte.

»Kommen Sie«, meldete sich nach einer gefühlten Ewigkeit ein kräftiger Typ zu Wort und winkte die junge Frau zu sich heran.

»Vielen, vielen Dank«, schluchzte sie und stolperte, das zinnfarbene Kopftuch fest umklammert, ihrem Retter entgegen. Ihr langer, schwarz glänzender Zopf fiel schwer über ihre rechte Schulter. Als sie an ihrem Platz vorbeiging, konnte Noraya das tränenüberströmtes Gesicht der Frau erkennen. Sie spürte, wie auch ihre eigenen Lippen leicht zitterten.

Die S-Bahn bremste und Noraya stellte erleichtert fest, dass die zwei Typen sich an die Tür gelehnt hatten und den anderen Fahrgästen keine Beachtung mehr schenkten. Nur beim Aussteigen rief der kleine Dicke noch einmal laut in den Wagen hinein: »Tschüss, du eingebildete Puppe, bis zum nächsten Treffen!«

»Boa, sind das Arschlöcher!« Alina hatte als Erste ihre Sprache wiedergefunden. Während die S-Bahn anfuhr, sah Noraya mit großen Augen den Kerlen hinterher, die jetzt auf dem Bahnsteig standen und rauchten.

»Ich verstehe aber ehrlich gesagt nicht, warum so eine junge Frau wie die ein Kopftuch anzieht. Sieht erstens doof aus und damit macht die sich auch automatisch zur Zielscheibe für solche Idioten.« Alina fuhr sich mit der Hand durch die Haare und lockerte sie auf.

»Wenn meine Mutter keine Deutsche wäre, dann müsste ich auch mit Kopftuch rumrennen«, gab Noraya zu bedenken.

»Das wäre ja das Letzte!«, wetterte Alina los. »Reicht eh schon, wie dein Vater dich immerzu gängelt. Der tut ja grad so, als ob du noch ein Kleinkind bist.« Alina konnte sich andauernd über Norayas Vater aufregen und fand es äußerst gemein, dass die Freundin am Wochenende fast nie mit ihr ausgehen, geschweige denn bei ihr übernachten durfte. Noraya war es sogar verboten, sich bei Facebook oder irgendeinem anderen sozialen Netzwerk anzumelden, und ein Handy hatte sie sich erst vor einem Jahr kaufen dürfen. Vom eigenen Ersparten.

»Und du nimmst das auch noch so hin. Ich würde meinem Alten viel mehr Kontra geben«, fuhr Alina fort.

»Bei dir ist das doch was ganz anderes. Deine Eltern sind beide Deutsche. Mein Vater stammt aus einem ganz anderen Kulturkreis. In Tunesien müssen die Väter besonders auf die Ehre ihrer unverheirateten Töchter achten. Das habe ich dir aber schon tausendmal erklärt, Alina«, entgegnete Noraya lustlos. »Immer wieder führen wir diese blöden Diskussionen. Das bringst doch nichts«, beendete sie das Thema, während sie am Hauptbahnhof ausstiegen.

Die junge Frau mit dem Kopftuch verließ mit ihnen die S-Bahn. Sie wirkte immer noch ziemlich verstört und auch Noraya saß der Schreck von eben noch in den Gliedern. Was, fragte sie sich, wäre passiert, wenn niemand eingegriffen hätte?

»Da vorne kommt dein Bus«, riss Alina sie aus ihren Gedanken. Hastig verabschiedete sich Noraya von der Freundin, die ihr einen Kuss auf die Wange drückte und ihr ein »Bis Montag« hinterherrief.

Im Gegensatz zu Alina, deren Eltern eine Wohnung direkt in der Innenstadt besaßen, wohnte Noraya in einem kleinen Vorort im Westen der Stadt. Das Reihenhaus lag so weit außerhalb, dass es praktisch unmöglich war, von hier aus abends noch in die Stadt zu kommen. Aber das war für Noraya sowieso selten ein Thema. Daheim angekommen, kramte sie ihren Schlüsselbund aus der Handtasche. Schon beim Eintreten nahm ihr Vater sie in Empfang.

2.

Wo bist du denn gewesen?«, fragte Herr Al Ibi umgehend, als sein Blick auf die zwei Einkaufstüten fiel.

»Mit Alina shoppen.« Noraya gab sich keine Mühe, den genervten Ton in ihrer Stimme zu verbergen.

»Man wird doch wohl noch fragen dürfen«, schoss ihr Vater zurück und Noraya verkniff sich jedes weitere Wort. Nicht, dass Papa auch noch wissen wollte, wo sie zum Shoppen gewesen war. Frankfurt am Main war für ihn ein Synonym für Drogen, Mädchenhändler und Schwerverbrecher. Und seine 16-jährige Tochter hatte dort seiner Meinung nach rein gar nichts verloren.

Auf dem Bett, über das eine blaue Tagesdecke geworfen war, breitete Noraya ihre neusten Schätze aus. Beim Anblick der schwarzen Hose und des halb transparenten grün gemusterten Oberteils spürte sie ein heißes Stechen direkt in der Magengegend. Oh Gott, stöhnte sie. Wenn ich mich bei jeder Kleinigkeit so aufrege, bin ich Ende dieser Woche ein nervliches Wrack. Dieses Mal hatte der bloße Anblick des Outfits genügt, das sie zu ihrem großen Auftritt anziehen würde. Alina hatte die Klamotten zielsicher ausgesucht. Und wie immer hatte sie die perfekte Wahl getroffen. Alina war einfach die beste Shoppingbegleitung, die man sich vorstellen konnte. Und dazu hatte sie auch noch einen absoluten Riecher für Schnäppchen, was bei Norayas mickrigem Taschengeld auch nötig war. Schnell packte Noraya die neuen Errungenschaften in den Kleiderschrank. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um den großen Auftritt. Was, wenn mir die Stimme versagt? Oder ich meinen Einsatz verpasse? Als sie sich haarklein ausmalte, wie sie vor aller Augen über den Bühnenrand stolperte, verließ sie schnurstracks ihr Zimmer, setzte sich unten im Wohnzimmer ans Klavier und begann zu üben. Das beste Mittel gegen Lampenfieber sei üben, üben und nochmals üben, wie ihre Gesangslehrerin Korinna immer sagte. Und tatsächlich. Schon während der Atemübungen spürte Noraya, wie sich ihr Puls normalisierte, und nach über einer Stunde intensiven Übens fühlte sie sich so unerschütterlich wie ein Fels in der Brandung. Ihr kam das jedes Mal wie Zauberei vor. Als würden sich die gesungenen Töne in ihre Körperzellen einnisten und dort die Prozesse, die durch die Aufregung in Gang gesetzt worden waren, stoppen.

Später, beim gemeinsamen Abendessen, auf das Norayas Vater immer bestand, berichtete sie von dem Vorfall mit den zwei besoffenen Typen. Dabei vermied sie tunlichst zu erwähnen, dass sich die unschöne Geschichte in der S-Bahn zugetragen hatte.

»Hat die Frau geweint?«, wollte Helia wissen. Noraya nickte ihrer kleinen Schwester zu.

»Sie hatte total Panik. Die Typen waren ja betrunken und voll aggressiv. Erst dieser mutige Mann hat sich getraut, etwas zu sagen.«

»Da sieht man wieder einmal, was Alkohol aus einem Menschen machen kann«, setzte Norayas Vater zu einer Belehrung an und die Schwestern warfen sich vielsagende Blicke zu. Denn auch hier war ihr Vater strenger als andere Väter. Ging es nach ihm, würden junge Menschen erst mit einundzwanzig Jahren den ersten Tropfen Alkohol trinken. Seine Überzeugung ging so weit, dass er manchmal sogar fremde Jugendliche maßregelte, wenn er sah, dass sie Bierflaschen mit sich trugen. Noraya fand das jedes Mal oberpeinlich.

»Wann hast du eigentlich Gesangsstunde?«, wechselte ihre Mutter das Thema.

»Montagabend. Dieses Mal machen wir eine Doppelstunde«, antwortete Noraya.

»In Ordnung.« Frau Al Ibi lächelte ihre Tochter verschmitzt an. Denn in Wirklichkeit bedeutete das Stichwort »Doppelstunde« etwas anderes. Es bildete sozusagen den Code für »Bandprobe«. Ihr Vater hatte keinen Schimmer, dass Noraya ihre Gesangskünste nicht nur im Unterricht und bei gelegentlichen kleinen Konzerten erprobte, sondern seit über einem Jahr auch in einer richtigen Band sang. Niemals hätte Herr Al Ibi das geduldet.

Noraya fiel das Versteckspiel vor ihrem Vater nicht immer leicht. Die ständigen kleinen Notlügen belasteten sie stark. Besonders spürte sie den Druck, wenn sie Helia belügen musste. Aber die Gefahr war zu groß, dass ihre kleine Schwester sich irgendwann einmal verplapperte.

Die Stimme ihres Vaters riss sie aus ihren Gedanken: »Wann singst du uns wieder einmal etwas vor, Noraya?«

»Wenn Jared kommt. Dann kann er mich am Klavier begleiten.«

Noraya war froh, dass sie nun bei einem unverfänglichen Thema gelandet waren. Ihr Vater liebte es, wenn seine Kinder musizierten. Er selbst hatte nie ein Instrument gelernt und das zutiefst bedauert. Deshalb hatte er darauf bestanden, dass sich all seine Kinder ein Musikinstrument aussuchten. Anfangs hatte Noraya es mit Gitarre versucht. Aber als sie sich dann ab und zu singend begleitet hatte, war die Leidenschaft für den Gesang in ihr entflammt. Auch Norayas Eltern war die wunderschöne Stimme ihrer Tochter sofort aufgefallen und so hatte Vater Al Ibi ihr kurzerhand eine Gesangslehrerin gesucht. Was Besseres hätte Noraya gar nicht passieren können! Und dafür war sie ihrem Vater, trotz allem, sehr dankbar.

3.

Bevor Nora kommt, muss ich mal was loswerden!« Gereons Stimme drang durch die angelehnte Tür nach draußen in das Treppenhaus. Noraya blieb überrascht stehen.

»Mich käst es gewaltig an, dass sich unsere Probenzeiten fast immer nach Nora richten. Eigentlich hätten wir ja alle, wie verabredet, gestern Abend Zeit zum Proben gehabt. Und mir hätte das auch tausendmal besser in den Kram gepasst als heute. Aber bei Nora war ja wieder irgendetwas.« Noraya spürte, wie ihr das Blut heiß ins Gesicht schoss. Sie atmete flach und blieb, wo sie war.

»Ich finde es einfach ätzend, dass hier immer nach Noras Pfeife getanzt wird.«

»Na ja. Das klingt jetzt aber bisschen übertrieben«, hörte sie Vale sagen.

»Ich finde, da ist schon was dran«, hielt Chris dagegen und Noraya spürte, wie der Druck hinter ihren Augen immer stärker wurde. Jetzt bloß nicht losheulen!

»Die häufigsten Terminprobleme gibt es definitiv wegen Nora. Erinnere dich mal. Sogar ein Angebot zu einem Auftritt mussten wir ablehnen, weil sie nicht konnte.«

»Stimmt. Aber im Nachhinein hat sich doch rausgestellt, dass wir es so oder so nicht gemacht hätten, wegen der schlechten Bezahlung.«

»Egal. Es hätte ja auch ein Spitzen-Gig sein können.«

Norayas Mund fühlte sich trocken an. Sie lehnte sich gegen die Wand, um sich zu sammeln. Gereon und Chris so über sie reden zu hören, tat weh.

Sie war drauf und dran, still und heimlich zu verschwinden, da mischte sich Anton ein: »Ich find’s ehrlich gesagt total scheiße, dass wir über Nora reden. Sie kommt bestimmt gleich und dann können wir die Sache mit ihr zusammen klären.«

»Bin schon da.« Als hätte sie nur auf ihr Stichwort gewartete, öffnete Noraya die Tür. Ihre Knie zitterten.

»’tschuldigung«, nuschelte Gereon. Er legte seine Sticks ab und trat einen Schritt auf Noraya zu.

Am Türrahmen Halt suchend, stotterte sie los. »Ich, ich … Es tut mir leid, dass es bei mir gestern nicht ging. Gereon, wenn du vorher gesagt hättest, dass dir der heutige Termin nicht in den Kram passt, hätten wir bestimmt einen anderen gefunden.«

»Mensch Nora. Am Freitag ist unser Konzert! Viel Zeit bleibt da nicht mehr.« Gereon verschränke die Arme vor der Brust und Noraya wusste nichts zu antworten. Ob die mich überhaupt weiter in der Band haben wollen? Der Gedanke legte sich wie eine enge Manschette um ihre Kehle.

»Gereon meint außerdem was Generelles«, versuchte Chris zu vermitteln. »Auch für uns ist es manchmal schwierig, die Bandtreffen mit anderen Terminen unter einen Hut zu kriegen. Aber für uns geht die Band, wenn möglich, immer vor. Und bei dir, so kommt es jedenfalls manchmal rüber, ist das anscheinend nicht der Fall. Dir ist zum Beispiel der Geburtstag deines Vaters so wichtig, dass du sogar ein Auftrittsangebot sausen lassen würdest. That’s the thing!« Noraya räusperte sich.

»Also mir ist die Band auch wichtig. Sehr wichtig sogar! Stimmt schon, dass ich öfter nicht kann. Das tut mir leid. Ehrlich! Ich werde versuchen, das zu ändern.« Noraya sah in die Gesichter der anderen und stellte erleichtert fest, dass keiner ihrem Blick auswich.

Vale trat neben sie und legte ihr brüderlich einen Arm auf die Schulter. »Wenn Nora uns das verspricht, dann meint sie das auch so. Die Sache ist ja auch die, dass bei ihr daheim viel Wert auf Familienfeste gelegt wird. Mehr als bei uns.«

Noraya erschrak. Bevor der enge Freund ihres Bruders noch mehr über ihre Familiensituation ausplaudern konnte, fiel sie ihm schnell ins Wort: »Natürlich werde ich mich bemühen. Das verspreche ich. Kommt nicht mehr vor, dass wegen mir ein Auftritt nicht klappt.« Die anderen sollten sich auf keinen Fall dazu gezwungen fühlen, immer Rücksicht auf sie zu nehmen. Reichte schon, dass ihre Freundschaft mit Alina ständig damit belastet war.

»Okay, lasst uns endlich mit dem wichtigen Teil des Abends beginnen«, sagte Vale abschließend und griff nach der E-Gitarre. Es dauerte zum Glück nur ein paar Takte, bis Noraya den kleinen Kloß im Hals, der noch vom Streit übrig geblieben war, aus sich rausgesungen hatte.

Als sie eine halbe Stunde später an ihrem Lieblingssong arbeiteten, war ihre Stimme wieder völlig frei.

»Können wir den Refrain noch mal machen«, bat Chris, während er schon ein paar Takte auf seinem Bass durchfingerte.

»Spielen wir doch gleich den ganzen Song noch einmal von vorne«, schlug Vale vor.

»Das Luftschiff hat die Fee gebaut, wir tanzen auf nackten Sohlen. Die Wolken berühren unsere Haut, sie hat es so befohlen.« Mit Inbrunst sang Noraya ihren Song Feentod ins Mikro und schloss dabei die Augen. Sie liebte das Lied nicht nur wegen der genialen Melodie, sondern auch, weil ihr der Text aus der Seele sprach. Vale hatte ihn geschrieben, nachdem ihn seine Ex verlassen hatte.

»Und dann ruf ich laut in den Tag hinein: Mit dir kann alles so einfach sein. Bist wie Sommerluft, so warm und weich, wie ein Regenbogen bunt. Bist wie Meeresduft, so verheißungsvoll. Bist wie eine Melodie. Alles bist du, nur eines nie. Lebst bloß in meiner Fantasie, bloß in meiner Fantasie«, sang Noraya weiter. »Bist ein Wunschkonzert, was nur einer hört. Bist ein Traum ohne Gestalt. Bist jemand, der ewige Liebe schwört, denn alles bist du, nur eines nie. Lebst nur in meiner Fantasie und das Herz der Fee ist kalt.«

»Super! Vielleicht kannst du am Ende noch deine flache Hand aufs Herz legen?«, schlug Vale ihr mit leuchtenden Augen vor.

»Meinst du so?« Noraya sang die letzten Takte des Songs und verbildlichte das kalte Herz, indem sie mit der flachen Hand dreimal gegen ihre Brust schlug.

»Jep«, rief Vale grinsend. »Das kommt gut.«

»Aber wir performen uns bitte nicht zu Tode«, wandte Gereon ein. »Große Bühne hin oder her. Engelhauch bleibt Engelhauch. Musik ohne Schnickschnack.«

»Keine Angst. Wir sind authentisch. Auch mit Herzschlag«, lachte Chris und zwinkerte Noraya zu. Sie lachte zurück und fühlte sich unendlich gut. Gott sei Dank verstanden sie sich alle wieder miteinander und der hässliche Streit war vergessen. Zu ihrem Erstaunen stellte Noraya fest, dass sich während der Probe kein bisschen die immer schwelende Aufregung eingestellt hatte, die sie seit Tagen übermannte, wenn sie auch nur an das nahende Konzert dachte. Im Gegenteil. Zum ersten Mal freute sie sich, auf einer großen Bühne zeigen zu können, was sie draufhatte.

»Noch was Organisatorisches«, meldete sich Vale wieder zu Wort.

»Chris hat nur am Donnerstag ab 20 Uhr Zeit für unsere letzte Probe hier. Wie sieht das bei euch aus?«

»Geht klar«, nickte Anton, der mit seinen 15 Jahren der Jüngste von ihnen war.

»Von mir aus auch«, stimmte Gereon zu und alle schauten auf Noraya, die sich auf die Lippe biss.

Nicht schon wieder. Bitte nicht schon wieder, dachte sie verzweifelt, sagte aber laut: »Klar. Lässt sich einrichten.« Draußen hielt Vale Noraya auf. Forschend sah er ihr ins Gesicht und fragte: »Geht das wirklich klar am Donnerstagabend?«

»Ich werde mir schon was einfallen lassen«, versuchte sie, möglichst gelassen zu klingen.

»Ruf mich an, wenn es Probleme gibt«, bot Vale an und verabschiedete sich mit einem freundschaftlichen Kuss auf die Wange.

Noraya lächelte ihn dankbar an. »Jetzt muss ich mich aber sputen. Komme eh schon später nach Hause als geplant!« Während Noraya mit schnellen Schritten die Straße hinunterlief, überlegte sie fieberhaft, welche Ausrede sie am Donnerstagabend benutzen könnte, um aus dem Haus zu kommen. Aber ihr wollte einfach nichts einfallen. Eine erneute Gesangsstunde konnte sie nicht erfinden und »Lernen bei Alina« ging auch nicht. Wenn es später als neun wird, hole ich dich bei Alina ab, hörte sie schon die übliche Leier ihres Vaters. Je mehr sich Noraya den Kopf nach einer Ausrede zerbrach, desto schneller verflüchtigte sich ihr gutes Gefühl im Hinblick auf den großen Auftritt. Die vertraute Angst, eines Tages aufzufliegen, schob sich wie eine schwere Gewitterwolke vor all ihre Gedanken und Gefühle. Manchmal kam es Noraya vor, als ob das Leben für sie nur kurze Momente ungetrübter Freude parat hielt.

»Wie machen wir das eigentlich morgen«, überlegte Alina laut. »Kommst du vorher bei mir vorbei oder treffen wir uns direkt beim Festival?«

»Lass uns doch um halb drei am Haupteingang treffen«, schlug Noraya vor.

»Und denk dran, eine Taschenlampe einzustecken. Nachts ist es dort zappenduster.«

»Ja, Mutti. Und an meine Zahnbürste, zwei frische Unterhosen und das lebensnotwendige Kuscheltier werde ich auch denken.«

»Ich mein ja nur«, schmollte Alina und schob sich eine Traube in den Mund. »Du warst ja noch nie in deinem Leben auf so einem Festival.«

Noraya wollte widersprechen. Schließlich war sie im letzten Jahr sehr wohl einen Nachmittag lang auf dem Festival gewesen. Doch ihr Protest ging im Lärm einer Horde Fünftklässler unter, die der Pausengong aus der Schule trieb. Es war das Ende der sechsten Stunde und die zwei Freundinnen hatten gerade eine gemütliche Freistunde in der Sonne verbracht.

Obwohl in den folgenden zwei Stunden Norayas Lieblingsfach Musik auf dem Stundenplan stand, konnte sie sich einfach nicht konzentrieren. Immer wieder schweiften ihre Gedanken ab. Gleich zwei Dinge beschäftigten sie: Zum einen wusste sie immer noch nicht, wie sie an diesem Abend zur Probe gehen sollte, ohne dass ihr Vater Verdacht schöpfte. Zum anderen machte sich wieder die Aufregung vor dem großen Auftritt breit. Bis zum Konzert waren es jetzt nur noch – sie rechnete nach – 28 Stunden und elf Minuten.

Als sie nach Unterrichtsschluss endlich im Bus nach Hause fuhr, beschloss Noraya, Vale wegen ihres Terminproblems zu kontaktieren. Schließlich hatte er ihr explizit seine Hilfe angeboten und sie war inzwischen verzweifelt genug, um darauf zurückzukommen. An diesem letzten Probentermin war nicht zu rütteln.

Vale musste einfach eine Idee haben, wie sie dorthin kommen konnte, ohne dass ihr Vater einen Tobsuchtsanfall bekam. Eilig tippte sie eine SOS-SMS. Nur kurze Zeit später kam die Antwort: Mir wird etwas einfallen. Ich melde mich. LG V.

Noraya atmete auf. Vale hatte meistens gute Ideen, was ihre Situation betraf.

Und tatsächlich. Noch ehe Noraya zu Hause in ihre Pantoffeln geschlüpft war, läutete das Telefon.

»Hallo Valentino«, hörte Noraya ihren Vater mit freudigem Erstaunen ins Telefon rufen. »Jared kommt erst in drei Wochen zu Besuch.« Dann herrschte einen Moment Stille.

Nur ab und an drang ein »Aha« oder ein »Ja, was kann man da nur machen« aus der Küche. Noraya verharrte still im Flur, um mitzuhören. Was hatte Vale vor?

»Noraya müsste jeden Augenblick nach Hause kommen.«

Das war ihr Stichwort. Noraya ließ die Haustür noch einmal laut klappen und rief laut »Ich bin’s« ins Haus hinein.

»Noraya. Valentino braucht dringend Hilfe. Jalla, Jalla! Komm mal her.« Noraya eilte in die Küche und nahm den Hörer entgegen.

»Von mir aus kannst du heute Abend dort einspringen«, raunte ihr Vater ihr zu. »Aber nur, wenn Valentino dich anschließend nach Hause bringt!«

Noraya nickte, bemüht, nicht zu erfreut zu wirken.

»Hallo«, begrüßte sie Vale und lauschte dann in Ruhe seinen Ausführungen.

»Du wirst heute Abend auf einer Benefizveranstaltung im Jugendzentrum helfen. Karten abreißen.«

»Was ist das denn für eine Veranstaltung?«

»Ein Konzert zugunsten der Erdbebenopfer in der Türkei. Das findet heute tatsächlich statt. Erfunden ist nur, dass nicht du die Karten abreißen wirst, sondern Mara«, antwortete Vale und lachte leise.

»Ja, das kann ich schon machen. Hoffe nur, dass es nicht zu lange dauert. Ich habe ja am nächsten Morgen Schule«, flunkerte Noraya weiter und erntete dafür prompt einen bestätigenden Blick ihres Vaters.

Kaum hatte sie das Telefonat beendet, spürte sie, wie alle Anspannung von ihr abfiel. Noraya nahm sich vor, ihm ganz bald einmal ein kleines Dankeschön zukommen zu lassen. Vielleicht würde er sich über zwei Kinokarten freuen?

Die abendliche Probe verlief reibungslos. Sobald sie die ersten Töne gesungen hatte, fühlte Noraya sich völlig frei von Angst. Nur ein kleines Zucken schoss ihr noch durch den Körper, wenn sie an Freitagnachmittag dachte. Ganz klar, sie empfand Vorfreude. Die spiegelte sich offensichtlich auch auf ihrem Gesicht wider.

»Unsere Nora strahlt heute wie ein Honigkuchenpferd!«, fand Chris und Gereon meinte feixend: »Hat ja auch allen Grund dazu. Schließlich darf sie morgen mit uns vier Prachtkerlen auf der großen Bühne stehen.«

»Hallo?«, fuhr ihm Vale über den Mund. »Ohne Nora wäre Engelhauch nur ein Bengelhauch.« Anton nickte bestätigend und lächelte Noraya an, die sich wieder einmal pudelwohl fühlte zwischen ihren Jungs.

Bevor sie sich trennten, verabredeten sie noch, wann und wo sie sich auf dem Festival treffen würden. Um 16 Uhr 30 stand der Soundcheck an.

»Achtet darauf, dass ihr rechtzeitig da seid«, ermahnte Vale sie alle. Und zu Chris und Gereon gewandt fügte er hinzu: »Heute Abend wird auf keinen Fall gesoffen, Amigos!«

»Logo«, kam die prompte Antwort.

»Übernachtest du eigentlich auf dem Festivalgelände?« fragte Vale, als er Noraya nach Hause fuhr.

»Ja. Zum ersten Mal. Und ich freue mich tierisch drauf.«

»Das kann ich mir vorstellen. Dort ist wirklich eine ganz besondere Stimmung. Mara und ich können leider erst von Samstag auf Sonntag unser Zelt aufschlagen. Freitagabend sind wir bei ihren Eltern eingeladen.«

»Das ist ja super!«, freute sich Noraya, die wusste, wie wichtig es Vale war, von Maras Familie akzeptiert zu werden. »Ich bin mir sicher, Maras Eltern werden dich lieben«, sagte sie und meinte es so. Vale war für sie wie ein zweiter großer Bruder.

»Ja, nur schade, dass wir morgen nicht alle gemeinsam einen draufmachen können«, bedauerte Vale.

Noraya nickte. Zu gerne hätte sie nach dem Auftritt mit der Band und deren Freunden bis in die Puppen gefeiert. Aber auch Gereon und Chris hatten bereits angekündigt, dass sie im Anschlus nach Frankfurt fahren würden, zu einer Megaparty im Studentenwohnheim, und Anton musste im Anschluss an das Konzert zum 70. Geburtstag seines Opas.

»Soll ich noch kurz mit an die Tür kommen?« Vale hatte den Kombi direkt vor Norayas Haustür zum Stehen gebracht.

»Nein danke. Das passt schon so«, wehrte Noraya verlegen ab. Das Theater, das sie wegen einer läppischen Probe vor ihrem Vater aufführen musste, war ihr so schon unangenehm genug.

»Vielen Dank, Vale. Und bis morgen Nachmittag!«, rief sie ihm nach, während die Beifahrertür hinter ihr zuschlug. Gedankenversunken angelte sie ihren Haustürschlüssel aus der Tasche und erschrak fast zu Tode, als plötzlich aus der Dunkelheit eine schwarze Gestalt auf sie zutrat.

»Mann, hast du mich erschreckt«, stöhnte sie auf, als sie ihren Vater erkannte. Er trug einen dunklen Mantel, den sie bisher noch nie an ihm gesehen hatte.

»Was ist denn morgen Nachmittag?« Seine Stimme klang lauernd und Noraya spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.

»Nix. Verlängertes Wochenende eben.«

»Aber du hast dich doch bei Valentino verabschiedet und …«

»Papa!«, fiel Noraya ihrem Vater ins Wort. Sein Kontrollwahn machte sie langsam wahnsinnig. »Morgen bekomme ich von Valentino mein Honorar für den Job, den ich heute gemacht habe.«

»Aber das war doch eine Benefizveranstaltung!«

»Ja«, gab Noraya zu und fabulierte weiter: »Ich bekomme ja auch nur 15 Euro Aufwandsentschädigung. Immerhin habe ich dort über zwei Stunden gehockt.«

»Das ist ja nun keine anstrengende Arbeit gewesen, meine liebe Tochter«, lachte ihr Vater und öffnete endlich die Haustür. Noraya fröstelte bereits unter ihrer dünnen Jeansjacke. Auch wenn es für die Jahreszeit tagsüber schon ziemlich warm war, wurde es am Abend noch empfindlich kalt. Sie nahm sich vor, für das Wochenende auf jeden Fall ihre warme Jacke einzupacken.

Als sie später in ihrem Bett lag und noch einmal alle Songtexte im Geiste durchging, erfasste sie erneut dieses prickelnde Gefühl. Sie musste sich sanft in die Faust beißen, um nicht laut aufzuschreien – so sehr machte sich die Vorfreude auf einmal in ihr breit. In Gedanken stand sie schon auf der großen Freilichtbühne, ließ ihren Blick über das versammelte Publikum schweifen und setzte zum ersten Song an. Noch 19 Stunden und 25 Minuten. Dann ging ihr Traum endlich in Erfüllung.

4.

Noraya war offensichtlich nicht die Einzige, die aufs Konzert wollte. Am Fuße des Festivalplatzes drängelte sich eine ganze Horde junger Leute, mit riesigen Rucksäcken auf dem Rücken und Isomatten unterm Arm. Noraya zwängte sich mit all ihrem Gepäck durch die Menschenmenge, stellte sich etwas abseits der Haltestelle und legte den Kopf in den Nacken. Sie schaute hinauf zu der Erhöhung, wo die alte Zitadelle über der Stadt thronte. An diesem geschichtsträchtigen Ort, dessen weitläufiges Gelände von einer mächtigen Mauer umschlossen war, hatten einst schon die Römer ihre Zelte aufgeschlagen. Heute fand hier mehr oder weniger mitten in der Stadt und schon seit einigen Jahren dieses einzigartige Festival statt. Von Freitag bis Pfingstmontag campten auf dem teilweise parkähnlichem Gelände junge Leute aus der ganzen Republik und hatten, neben lockerem Dauerfeiern und vielen kulinarischen Angeboten, die Wahl zwischen dem Besuch von Theatervorstellungen, Kabarett, Gespächsforen, Workshops oder Livekonzerten.

Auf dem Weg den Berg hinauf schnappte Noraya zufällig ein Gespräch zwischen zwei Festivalbesucherinnen auf. Als sie den Namen Engelhauch hörte, blieb sie wie angewurzelt stehen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Nicht schon wieder aufregen!, schwor sie sich ein, als plötzlich eine bekannte Stimme hinter ihr ertönte: »Nora!« Gott sei Dank, Alina war da und legte ihr freundschaftlich den Arm um die Schulter.

Feierlich deutete sie auf die alte Wehranlage und sagte: »Nora. Von jetzt an wird nur noch gelacht und durchgefeiert. Ohne Sperrstunde und ohne deinen tunesischen Bluthund!« Dann griff sie in ihre beutelartige Handtasche und holte eine kleine Flasche Sekt heraus.

»Die köpfen wir, sobald wir am Zelt sind.«

»Wo ist das ganze Zeug überhaupt?«, wunderte sich Noraya, weil sie sah, dass Alina nur einen kleinen Rucksack und ihre Handtasche dabeihatte.

»Mein Paps bringt alles zum Zeltplatz. Er meinte, dann müssen wir nicht so viel schleppen. Er hat das Zelt auch schon aufgebaut.«

»Super«, freute sich Noraya und wieder einmal wurde ihr schmerzlich bewusst, in welch unterschiedlichen Welten Alina und sie doch lebten. Ihr eigener Vater wäre niemals auf so eine Idee gekommen!

Alina schnappte sich Norayas Schlafsack und die beiden Mädchen schritten weiter den steilen Fußweg zum Festivalgelände hinauf. Alina lotste Noraya auf direktem Wege zum Zeltplatz. Gleich unterhalb des hohen Walls, auf dem das Festivalgelände war, befand sich eine Grünanlage der Stadt, die für das verlängerte Wochenende zu einem Zeltplatz umfunktioniert worden war.

Zielstrebig marschierte Alina voran, nachdem sie das Kassenhäuschen des Zeltplatzes passiert hatten. Sie schien genau zu wissen, wo sie ihr Zelt aufschlagen würden. Und tatsächlich. Nicht weit vom Eingang, unter einer großen Kastanie, winkte ihnen Alinas Vater zu. Ein hochgewachsener sportlicher Mann, der auch optisch das genaue Gegenteil von Norayas Vater war. Matthias Jordan war groß und schlank und trug eigentlich immer coole Klamotten, während Eliah Al Ibi mehr rund als groß war und immer in braunen Anzughosen rumlief. Wie immer war er bestens gelaunt und voller Eifer, seiner Tochter jeden Wunsch von den Augen abzulesen.

»Ich hoffe, euch gefällt das Plätzchen hier?«, fragte er und deutete auf das kleine Dreimannzelt, das schon fix und fertig aufgebaut vor ihm stand und auf seine neuen Bewohnerinnen wartete. »Von hier habt ihr es nicht weit zum seitlichen Festivaleingang.« Dann fiel sein Blick auf Norayas Schaumstoff-Isomatte und eine Sorgenfalte bildete sich auf seiner Stirn. »Willst du darauf etwa drei Nächte schlafen? Soll ich dir nicht auch lieber noch eine Luftmatratze bringen?«

»Das ist ganz lieb von Ihnen. Aber ich kann auf der Matte gut schlafen. Außerdem bleibe ich nur zwei Nächte hier.«

»Ach nö«, maulte Alina und Noraya konnte den mitleidigen Blick von Herrn Jordan förmlich spüren.

»Mir reichen zwei Nächte vollkommen«, beeilte sie sich, die beiden zu beruhigen. Und das entsprach auch der Wahrheit. Sie hatte sich für diese Variante entschieden, weil sie die Freiheit, die ihr die Mutter hinter dem Rücken des Vaters eingeräumt hatte, nicht ausreizen wollte. Man konnte nie wissen! Am Ende kam ihr Vater auf die Idee, schon einen Tag früher heimzukehren.

»Bleibt dann Kati wenigstens alle Nächte, Alina? Bei aller Liebe. Mir ist nicht wohl dabei, wenn du die letzte Nacht alleine im Zelt schläfst.«

Noraya erstarrte. Was hatte Herr Jordan da eben gesagt? Kati war auch mit von der Partie? Mit offenem Mund starrte sie Alina an, die lässig antworte: »Keine Sorge, Paps. Kati bleibt bis Montag.«

»Kati?« Noraya war immer noch wie versteinert, als Herr Jordan sich ein paar Minuten später verabschiedet hatte.

»Klar Kati. Habe ich dir doch schon gesagt, dass sie auch mit dabei ist«, wiegelte Alina ab.

Doch Noraya war nicht so einfach zu beruhigen. »Das höre ich zum ersten Mal!«

»Quatsch. Kati und ich haben das doch quasi schon beim letzten Festival ausgemacht. Hier habe ich sie vor genau einem Jahr kennengelernt. Und ihr zwei lernt euch jetzt auch endlich einmal besser kennen!«

Noraya schüttelte ungläubig den Kopf. Sie war völlig perplex. So perplex, dass sie für einen Augenblick sogar das immer näher rückende Konzert vergaß. »Ich wüsste es hundertprozentig, wenn du mir davon erzählt hättest. Weil ich dir dann nämlich gesagt hätte, dass ich darauf keinen Bock habe!«

»Jetzt krieg dich mal ein. Kati ist ’ne ganz Nette.«

»Aber ich kenn sie kaum. Und ich habe jetzt wirklich den Kopf mit anderen Sachen voll, als ausgerechnet Kati besser kennenzulernen. Gleich stehe ich da oben auf der großen Bühne. Vor all den Leuten! Wenn ich daran denke, wird mir ganz schlecht.« Noraya spürte, wie der Ärger ihr auf den ohnehin schon angegriffenen Magen schlug. Auf Alinas eigenmächtige Einfälle konnte sie echt verzichten.

»Aber mit deinem Auftritt hat doch Kati nix zu tun. Die kommt sowieso erst viel später. Reg dich also ab und ruh dich lieber noch ein bisschen aus, bevor es ernst wird.«

»Na toll!«, schmollte Noraya und verschwand im Zelt. Sie musste sich erst einmal sammeln. Ihr war klar, dass sie jetzt sowieso nichts mehr ändern konnte, und so versuchte sie, den Ärger herunterzuschlucken. Vielleicht war Kati ja auch wirklich nett.

»Hey, hältst du jetzt da drinnen dein Mittagsschläfchen?«

Gegen ihren Willen musste Noraya lachen und streckte wieder ihren Kopf aus dem Zelt. »Wenigstens hast du es mit deiner Überraschung geschafft, dass ich jetzt nicht mehr an das Konzert denke.«

»Bist du so aufgeregt?« Alina half Noraya durch die niedrige Öffnung.

»Klar«, gab sie zu und Alina nahm sie in den Arm.

»Das wird ganz toll!«, versprach sie. Als sie einige Momente später nebeneinander im Gras lagen und sich die Sonne aufs Gesicht scheinen ließen, war der Ärger schon wieder verraucht.

Die Zeit bis zum Soundcheck verging wie im Flug. Alina hatte sich alleine über den Sekt hergemacht, weil Noraya ihrem Vorsatz treu blieb, vor dem Auftritt keinen Tropfen zu trinken. Sie wollte so wach wie möglich sein. Alina hingegen merkte man den Alkohol an.

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