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Feurige Küsse in Argentinien

1. KAPITEL

Wie soll ich einen völlig fremden Menschen dazu bringen, mir seine DNA-Probe zu geben?

Im Tank des Mietwagens war kaum noch Benzin. Susannah Clarke hatte zwar gewusst, dass die Hazienda Tierra de Oro ziemlich weit außerhalb des argentinischen Mendozas lag, und auch entsprechend vorgesorgt. Aber hier draußen war alles viel größer, als Susannah es sich vorgestellt hatte.

Auch ihre Ängstlichkeit.

Zu ihrer Rechten blitzen die Sonnenstrahlen zwischen den schneebedeckten Spitzen der Anden hervor, und um sie herum erstreckten sich die fruchtbaren Weiten, auf denen einige der besten Weinsorten der Welt gediehen.

Als Susannah den Highway verließ, bewegte sich der Zeiger der Tankanzeige gegen null. Komm schon, noch ein kleines Stück, flehte sie im Stillen. Sie wollte nicht den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen müssen, um dann an eine Tür zu klopfen und zu verkünden: „Hallo, ich glaube, Sie sind der uneheliche Sohn meines Chefs – hätten Sie vielleicht ein paar Liter Benzin für mich?“

Sie schluckte und nahm den Fuß vom Gaspedal, um Sprit zu sparen. Langsam fuhr sie die Auffahrt entlang, auf die die Schatten von großen Zypressen fielen. Als sie ein Schild sah und nach rechts blickte, entdeckte Susannah vor den malerischen Bergen ein Gebäude. Die Weinkellerei von Tierra de Oro.

Sie fuhr weiter auf das Wohnhaus zu. Zur Abwechslung war sie nicht hierhergereist, um mit dem Winzer darüber zu sprechen, welche Art von Wein in dieser Gegend besonders gut angebaut werden konnte oder wie viele Kisten Wein Hardcastle Enterprises für sein Fünfsternerestaurant benötigte.

Die Auffahrt mündete in einen großen, üppig bepflanzten Garten, der ein hübsches, älteres Haus mit rotem Dach und großen Rundbogenfenstern umgab.

Susannah schaltete den Motor aus und stieg mit klopfendem Herzen aus.

Da hörte sie das Bellen. Laut, bedrohlich. Mit jeder Sekunde schien es näher zu kommen. Und schon jagten zwei große weiße Hunde an der Hausseite hervor und rasten auf sie zu.

Himmel …

Susannah stolperte zurück und zog hektisch am Türgriff. Sie sah sich bereits mit Bisswunden übersät auf der Türschwelle von Amado Alvarez liegen.

Die Autotür ging nicht auf.

„Hilfe!“, rief sie schließlich, als das erste Tier auf sie zusprang, sodass sie auf die Wagentür fiel. Der andere Hund blieb ein paar Schritte weiter entfernt stehen und bellte. Ein heftiger Schmerz durchfuhr Susannahs Ellenbogen, als sie gegen das halb geöffnete Fenster stieß. „Hilfe!“

Die Haustür flog auf, im nächsten Moment kommandierte jemand etwas mit tiefer Stimme. Sofort zogen die Hunde sich zurück, setzten sich und hechelten unschuldig. Susannah rang nach Atem, sie drückte sich an den Wagen und wagte nicht, sich von der Stelle zu rühren.

Ein großer Mann kam die Eingangstreppe herunter. „Bitte entschuldigen Sie die stürmische Begrüßung meiner Hunde.“

Er sprach Spanisch. Natürlich. Er wusste ja nicht, wer sie war. Das dunkelbraune Haar fiel ihm in die Stirn. Er hatte breite Schultern, eine schmale Hüfte und lange, kräftige Beine.

Er sah verdammt gut aus. Susannah wusste, dass er ungefähr dreißig Jahre alt war – so alt wie Tarrant Hardcastles Sohn. Sekundenlang glaubte sie, dass ihr das Herz, das nach der bedrohlichen Situation mit den Hunden schneller schlug, jetzt stehen blieb.

Hastig stieß sie sich vom Wagen ab und streckte die Hand aus. „Zumindest brauchen Sie sich keine Sorge um Einbrecher zu machen.“

Er schenkte ihr ein Lächeln, und sie sah seine strahlend weißen Zähne, die sich von der gebräunten Haut abhoben. Augenblicklich verspürte Susannah ein Kribbeln, das nichts mehr mit Angst zu tun hatte. Sie erwiderte seinen festen Händedruck.

Bildete sie es sich nur ein, oder drückte er ihre Hand auf besondere Weise? Und glänzten seine Augen, weil er sich über sie amüsierte und sich ihr überlegen fühlte?

Für gewöhnlich konnte sie sich auf ihre Menschenkenntnis verlassen. Susannah ahnte, dass dieser Mann es gewöhnt war, seinen Willen durchzusetzen. Seine Gesichtszüge wirkten aristokratisch und vornehm. Und er trat gelassen und selbstbewusst auf.

„Entschuldigt euch bei der Dame.“ Nachdem er mit den Fingern geschnippt hatte, streckten sich die beiden Hunde gehorsam vor Susannah aus.

„Ich bin beeindruckt.“

„Cástor und Pólux benehmen sich sonst sehr gut. Ich weiß nicht, warum sie so aufgeregt sind …“ Er hielt inne und ließ den Blick anmaßend über ihre blaue Jacke bis hinunter zu dem weich fließenden Baumwollrock schweifen. „Vielleicht weiß ich es aber doch.“ Seine Augen schimmerten dunkel. „Kann ich Ihnen helfen?“

„Sind Sie Amado Alvarez?“

„Zu Ihren Diensten.“ Er deutete eine Verbeugung an, was auf Susannah spöttisch wirkte. „Und wer sind Sie?“

„Susannah Clarke.“ Sie atmete tief ein. „Ich … ich würde gern etwas Privates mit Ihnen besprechen.“

Er zog die wohlgeformten Augenbrauen leicht hoch. „Wie interessant. Kommen Sie herein.“

Schweigend führte er sie die breite Treppe hinauf und geleitete Susannah in ein großes Wohnzimmer. Um einen beeindruckenden Kamin standen gemütlich aussehende Sofas.

„Etwas Privates, sagten Sie?“, fragte er und bedeutete ihr, auf einem der Ledersofas Platz zu nehmen. Er setzte sich höflich neben sie, während Susannah beobachtete, wie die Hunde, die ihnen gefolgt waren, sich nun auf den Teppich vor dem Kamin legten.

„Ja.“ Susannah faltete die Hände im Schoß, um sich die Nervosität nicht anmerken zu lassen. „Haben Sie jemals von Tarrant Hardcastle gehört?“

„Nein, sollte ich?“

„Na ja …“ Susannah fühlte sich alles andere als wohl. Wenn sie diese Sache vermasselte, war sie vermutlich ihren Job los. „Ich weiß nicht so recht, wie ich es sagen soll, aber er glaubt, dass er Ihr Vater ist. Und er würde Sie gern treffen.“

Amado kniff die Augen zusammen und lächelte. „Soll das ein Witz sein? Wer hat Sie dazu angestiftet? Tomás?“

Sie atmete tief durch und erklärte ernst: „Ich fürchte, es ist kein Witz. Tarrant glaubt, dass er mit Ihrer Mutter in Manhattan eine Affäre hatte, in den späten Siebzigern …“

Jetzt lachte Amado auf. „Manhattan? In New York?“

„Ja. Sie hat dort Kunst studiert. Jedenfalls glaubt Tarrant, sich daran zu erinnern.“

Er sah sie entgeistert an. „Meine Mutter … soll in New York Kunst studiert haben?“ Er brach in schallendes Gelächter aus. Dann wandte er den Kopf und rief: „Mamá!“

Seine Stimme hallte durch das Haus, und Susannah zuckte zusammen. Gleich wurde eine Frau, die jetzt vermutlich um die fünfzig war und ein ehrbares Leben führte, mit einer Jugendsünde konfrontiert. Wie unangenehm.

„Was ist, Schatz?“, antwortete eine sanfte Stimme.

Susannah stand auf, als Amados Mutter den Raum betrat. Die kleine, rundliche Frau hatte graues Haar, trug eine Brille und offenbar bequeme Schuhe. Bei dem Anblick blinzelte Susannah überrascht. Mrs. Alvarez war das absolute Gegenteil zu Tarrants jetziger Ehefrau, einer ehemaligen Schönheitskönigin.

Amado erhob sich ebenfalls und gab ihr einen Kuss. „Mamá, das wird dir gefallen. Aber lass mich dich erst vorstellen. Susannah Clarke, das ist meine Mutter, Clara Alvarez.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Clara freundlich und schüttelte Susannahs Hand. Ihre Haut war genauso weich wie ihre Stimme. „Sind Sie weit gereist?“

Sie schluckte. „Ich komme aus New York.“

„Mamá, bist du jemals in New York gewesen?“

Susannah hätte schwören können, dass die ältere Frau sich plötzlich veränderte. Sie verspannte sich, und ihre Miene verhärtete sich. „Nein, nie.“

„Miss Clarke scheint zu glauben, dass du dort in den Siebzigern Kunst studiert hast.“

Clara Alvarez lachte. Es war jedoch kein natürliches Lachen, sondern klang hart und gequält. „Was für ein Unsinn! Ich bin nie weiter als bis nach Buenos Aires gekommen. Wie kommt sie auf so etwas Verrücktes?“

Als sie über den Rand der Brille schaute, las Susannah Misstrauen und Tadel in den blassblauen Augen. Sie zögerte. Es kam ihr unvorstellbar vor, dass Tarrant ein Verhältnis mit dieser … kleinen Frau gehabt haben sollte. Vor dreißig Jahren war sie schon nicht mehr blutjung gewesen. Und Tarrants Ehefrau Samantha war halb so alt wie er, wenn überhaupt.

„Entschuldigen Sie mich, ich muss mich ums Essen kümmern.“ Clara nickte zum Abschied und ging.

„Wissen Sie, was ich meine?“ Amado zog eine Augenbraue hoch. „Es tut mir leid, es zu sagen, aber ich glaube, Sie sind beim falschen Amado Alvarez gelandet.“

Susannah runzelte die Stirn. Alvarez war tatsächlich ein häufig vorkommender Nachname in Andalusien … Konnte es sein, dass die Detektive sich geirrt hatten?

In Tierra de Oro war sie auf jeden Fall richtig. Und sie hatte den Auftrag bekommen, nicht ohne eine DNA-Probe dieses Amado Alvarez zurückzukehren. Außerdem drängte die Zeit. Denn Tarrant Hardcastle lebte schon länger, als seine Ärzte prognostiziert hatten, und wenn er seinen Sohn noch treffen wollte, ehe es zu spät war …

„Die Sache könnte mit einem einfachen Test geklärt werden. Wenn Sie so freundlich wären, mir eine DNA-Probe zu überlassen, könnte ich sie sofort auswerten lassen, und wir wüssten Bescheid.“

Erstaunt sah er sie an. „DNA? Sie wollen mein Blut?“

„Es muss nicht unbedingt Blut sein“, erwiderte sie lächelnd. „Genau genommen wäre ein Abstrich Ihrer Mundschleimhaut am besten.“

Instinktiv presste er sich die Hand an die Wange, als hätte er Angst, jemand könnte ihn verletzen. „Nein.“

In diesem Moment kam Clara wieder in das Wohnzimmer, in Begleitung eines Manns mit silbergrauem Haar, der Susannah anstarrte. Clara flüsterte ihm so schnell etwas auf Spanisch zu, dass Susannah die Worte nicht verstand.

Als spürten sie die plötzliche Anspannung, standen die Hunde auf.

Der ältere Mann schritt auf Susannah zu und nickte ihr kurz zu. „Junge Frau, ich bin Ignacio Alvarez, und Amado ist mein Sohn. Ihre Angelegenheit hier ist beendet. Erlauben Sie mir, Sie zu Ihrem Wagen zu begleiten.“

Dieser Mann hat braune Augen, genau wie Amado, während Tarrant blaue Augen hat. Wenn Tarrant und Clara eine Affäre hatten, müsste Amado doch blaue Augen haben, überlegte Susannah. „Ich … Ich“ Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Wenn sie ohne DNA nach Hause kam, war Tarrant wütend und würde ihr wahrscheinlich kündigen. Oder sie wieder hierher schicken. Oder beides.

„Papá, ich bin entsetzt.“ Amado trat zwischen seinen Vater und Susannah. „Diese junge Frau irrt sich vielleicht, aber sie ist den ganzen Weg von New York hierher gekommen. Und wir haben ihr nicht einmal eine Erfrischung angeboten.“

Susannah schaute von einem Mann zum anderen. Amado war groß, mindestens einen Meter achtzig – so wie Tarrant –, wohingegen Ignacio ziemlich klein war. Trotzdem …

„Mein Sohn, ich finde wirklich, dass …“

Amado hob die Hand und wandte sich an Susannah. „Darf ich Ihnen eine Kleinigkeit zu essen und einen Kaffee anbieten? Oder würden Sie lieber ein Glas Wein trinken?“

„Ich bin Weineinkäuferin für Hardcastle Enterprises“, erwiderte Susannah spontan. Vielleicht konnte sie das Ganze zu einer Geschäftsreise machen und auf die heikle, persönliche Angelegenheit später zurückkommen. „Deshalb würde ich gern Ihren Wein probieren. Vielleicht kann ich bei Ihnen etwas für unser Restaurant bestellen.“

„Wunderbar. Mamá, bittest du Rosa, etwas für unseren Gast zuzubereiten und uns eine Flasche des 2004er Malbecs zu öffnen?“

Susannah entging nicht, wie finster Ignacio sie musterte. Sie wandte schnell den Blick ab. Es war ja auch kein Wunder, dass er wenig begeistert reagierte, wenn jemand unterstellte, dass sein Sohn vielleicht gar nicht sein Sohn war.

Clara hatte den Raum bereits wieder verlassen, wodurch Susannah sich jedoch nicht wohler fühlte. Sie zwang sich, professionell zu bleiben, und fragte lächelnd: „Welche Sorten bauen Sie auf Tierra de Oro an?“

„Vor allem Cabernet Sauvignon und Malbec, aber da unser Anbaugebiet relativ hoch liegt, experimentieren wir laufend mit neuen Sorten.“ Amado wirkte inzwischen wieder völlig gelassen. „Lassen Sie uns nach draußen gehen, dann zeige ich es Ihnen.“

Er führte sie an Ignacio vorbei und hinaus auf eine Terrasse, von der aus Susannah den südlichen Teil des Anwesens überblickte. In schnurgeraden Reihen erstreckten sich die Weinstöcke über das Land bis hin ins Vorgebirge der majestätischen Anden.

„Was für ein besonderer Ort.“ Sie hatte die Worte versehentlich laut ausgesprochen, ohne nachzudenken. Doch die Stimmung hier draußen überwältigte sie einfach. Das Licht war faszinierend, es war hell und gleichzeitig sehr weich.

Ruhig schaute Amado über das Land. „Ja, es ist etwas Besonderes. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben.“

Susannah erschrak. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass Amado vielleicht das Recht verlor, dieses Anwesen zu betreiben, wenn sich herausstellte, dass er nicht Ignacios Sohn war. „Wie lange lebt Ihre Familie schon hier?“

„Schon immer.“ Er lächelte stolz. „Jedenfalls kommt es mir so vor. Der erste Alvarez ist 1868 aus Cádiz hier hergekommen und hat eine Einheimische geheiratet. Seitdem leben wir hier.“

„Ich verstehe, warum. Es ist sehr schön hier.“ Susannah hatte noch nie länger als drei Jahre an einem Ort gelebt. Und daran trugen ihre Eltern, die als Missionare arbeiteten, inzwischen keine Schuld mehr. Seit sie erwachsen war, wechselte Susannah alle paar Jahre den Wohnort.

„Seit damals hat sich natürlich viel verändert, aber wir tun unser Bestes, um das Land zu hegen und zu pflegen.“

„Haben Sie schon immer Wein angebaut?“, fragte sie und bemühte sich, ihm zu zeigen, dass sie ihn als Alvarez ansah.

„Es hat immer ein paar hundert Weinstöcke gegeben, hauptsächlich aber zum Eigenbedarf. Doch das meiste hiervon …“ Er machte eine ausholende Handbewegung. „Fast alles, was Sie sehen, ist in den letzten zehn, fünfzehn Jahren gepflanzt worden, nachdem ich meinen Vater davon überzeugen konnte, von Viehwirtschaft auf Weinanbau umzustellen.“

Hinter ihnen wurde die Tür geöffnet, und eine kleine, weißhaarige Frau trat mit einem Tablett zu ihnen, auf dem Weingläser und ein paar Gebäckstücke angerichtet waren.

„Vielen Dank, Rosa.“ Amado nahm ihr das Tablett ab und stellte es auf die Steinmauer, die die Terrasse umgab. Susannah lächelte Rosa zu – erntete jedoch nur einen eisigen Blick.

„Der 2004er Malbec ist einer unserer meistverkauften Weine. Er ist mehrfach ausgezeichnet worden und hat uns internationale Anerkennung eingebracht. Mal sehen, was Sie davon halten“, erklärte Amado stolz und reichte ihr ein Glas.

Sie bewunderte die dunkelrote Farbe des Weins, die sich leuchtend gegen die weißen Bergspitzen und den blassblauen Himmel abhob. Das Bouquet war jung, fruchtig – vielleicht schon ein wenig zu sehr für ihren Geschmack. Dann nippte Susannah. Sie trank nur einen winzigen Schluck, gerade so viel, dass ihre Geschmacksknospen reagierten.

Amado sah sie erwartungsvoll an.

„Köstlich.“ Das war nicht gelogen. Es war ein kräftiger, fantastischer Wein.

„Finde ich auch. Es ist okay, wenn man stolz auf sein Produkt ist, oder?“

„Auf jeden Fall“, meinte sie und erwiderte sein Lächeln. Nachdem sie das vollmundige, warme Aroma erneut gekostet hatte, das von dem sonnenverwöhnten Boden in dieser umwerfenden Landschaft zeugte, fragte Susannah: „Wie viele Kisten können Sie mir verkaufen?“

Amado warf den Kopf zurück und lachte, sodass Susannah nicht anders konnte, als seinen gebräunten Hals und die kräftigen Muskeln zu betrachten. „Sie kommen gleich zur Sache, was? Ich habe ja schon gehört, dass Amerikaner keine Zeit verschwenden.“

Irritiert blinzelte sie. War ihr professionelles Interesse am Wein unter diesen Umständen unpassend? Sie war sich jedoch sicher, dass Tarrant den Wein für das Fünfsternerestaurant in Manhattan erwerben wollte. „Sind Sie an keinem Verkauf interessiert?“

„Doch, doch, natürlich. Wein zu verkaufen ist mein Geschäft.“ Seine Miene verriet, wie sehr ihn das Gespräch amüsierte.

„Warum lachen Sie mich dann aus?“

„Sie sind so ernst.“ Er hob den Teller. „Probieren Sie Rosas Alfajores.“

Höflich nahm Susannah sich eine der Blätterteigtaschen, die, wie sie nach dem ersten Bissen feststellte, mit Karamell gefüllt waren. Lecker.

Amados Blick ruhte auf ihrem Mund. „Rosa ist die beste Köchin in ganz Mendoza.“

„Das glaube ich gern. Wie viel kann ich Ihnen hiervon abkaufen?“

Wieder lachte er, und Susannah war erleichtert, dass er diesmal mit ihr und nicht über sie lachte. Aber es wurde Zeit, dass sie wieder auf den eigentlichen Grund ihres Besuches zurückkam. „Ihre Eltern wirken nicht besonders erfreut.“

„Ja“, stimmte er ihr zu.

Mutig fügte sie hinzu: „Als wüssten sie etwas.“ Sie zögerte und wartete, bis er seine eigenen Schlüsse gezogen hatte.

Doch Amado blickte nur schweigend zu den Bergen.

„Sie haben versucht, mich so schnell wie möglich loszuwerden, weil sie nicht wollten, dass Sie sich anhören, was ich zu sagen habe.“ Sie schaute ihn geradeheraus an. „Das wissen Sie, oder?“

„Ich muss zugeben, dass sie sich merkwürdig verhalten haben.“

Amado Alvarez war sich seiner Sache offenbar immer sicher. Vermutlich schwankte er nie in seiner Meinung und war nie unsicher. Susannah sah ihm an, dass er ihr am liebsten gesagt hätte, wie sehr sie sich täuschte. Aber das konnte er nicht.

Amado beobachtete, wie der Sommerwind mit Susannahs langem, dunklen Haar und dem weiten Rock ihres Kleides spielte. Die hübsche Susannah war offenbar peinlich berührt, weil sie in seine Privatsphäre hatte eindringen müssen. Und sie wirkte entsprechend nervös. Wozu sie auch allen Grund hatte.

Was war das überhaupt für eine verrückte Geschichte? Natürlich sollte er sie sofort als unglaubwürdig abtun. Schließlich besaß er eine Geburtsurkunde, auf der Clara und Ignacio als seine Eltern vermerkt waren. Ignacio hatte sie ihm eigenhändig übergeben und viel Wert darauf gelegt, dass Amado sie sicher verwahrte.

Warum hatten seine Eltern sich Susannah gegenüber bloß so merkwürdig verhalten? Sogar bei unausstehlichen Gästen, die zu viel Wein tranken, blieben seine Eltern sonst immer höflich und freundlich. Was ging hier vor?

Amado trat näher an Susannah heran, bis er ihren leichten blumigen Duft wahrnahm, der gut zu ihrem zurückhaltenden, geschäftsmäßigen Auftreten passte. „Warum haben Sie diesen merkwürdigen Auftrag übernommen?“

„Tarrant Hardcastle ist mein Chef. Ich bin für seine Firma oft auf Reisen, normalerweise auf der Suche nach Wein. Vermutlich hat es mich getroffen, weil ich sieben Sprachen spreche, unter anderem Spanisch. Tarrants Tochter Fiona wäre auch gekommen, aber niemand wusste, ob Sie Englisch sprechen.“

„Das tue ich“, erwiderte er auf Englisch.

„Sehr schön.“ Sie lächelte. „Dann hätte man mich gar nicht zu schicken brauchen, aber jetzt bin ich hier.“ Während sie seinem Blick auswich, zuckte sie die Schultern. „Ich liebe meinen Job, und ich würde ihn gern behalten.“

„Und dafür brauchen Sie mein Blut.“ Er hatte nicht die Absicht, sich darauf einzulassen. Allerdings war sie in dieser Angelegenheit so ernst, dass er nicht widerstehen konnte, Susannah ein wenig herauszufordern.

„Wie ich schon sagte, ein kleiner Abstrich genügt.“

Amado kam auf einmal eine Idee. „Könnten Sie ihn sich mit einem Kuss holen?“

Sie riss die Augen auf und errötete. Niedlich, fand Amado.

Leider riss sie sich jedoch genauso schnell wieder zusammen. „Sie meinen, ich soll Ihnen eine Probe entnehmen?“

Die Vorstellung, von ihr geküsst zu werden, erregte ihn. „Darauf könnte ich mich vielleicht einlassen. Natürlich nur, wenn Sie wollen.“

„Ich glaube, das wäre nicht sehr wissenschaftlich. Meine DNA würde sich mit Ihrer vermischen.“

„Umso besser.“ Amado blickte wie gebannt auf ihre Lippen, bis sie den Mund öffnete und kurz lachte. Allerdings klang es gekünstelt. Gut, dachte er, also mache ich sie nervös. „Ich bin bereit. Sie können sich Ihre Probe sofort holen.“

Sie kniff die hübschen Augen zusammen. „Meine Freundin hat mich vor den argentinischen Männern gewarnt.“

„Ach ja?“ Langsam ließ er seinen Blick über ihr Gesicht und den Hals gleiten und bewunderte den sinnlichen Schwung ihrer Lippen und ihr stolzes Kinn.

„Sie meinte, die wären ziemlich arrogant und selbstherrlich.“

Amado war versucht, mit Ja, und? zu antworten, unterließ es aber. Der Versuchung, ihre festen Brüste und die schmale Taille zu betrachten, konnte er jedoch nicht widerstehen.

Unter seinem Blick zuckte sie kaum merklich zusammen, womit sie sein Verlangen hingegen nur schürte. Fasziniert sah er auf ihre langen, schlanken Beine, als ihr der Rock im Wind an die Hüfte gepresste wurde.

„Mich hat noch nie eine schöne Frau nach meiner DNA gefragt. Ich wäge nur alle meine Möglichkeiten ab.“ Amado hob den Blick wieder und verbarg nicht, wie sehr er ihren Anblick genoss.

Ihr züchtiges und zurückhaltendes Verhalten weckte in ihm den Wunsch, sie nackt und atemlos vor Lust zu erleben. Amado stellte sich vor, diese Frau zu verführen, damit sie die DNA und alles vergaß, was mit dieser verrückten Geschichte zusammenhing. „Wie kommt Ihr Chef eigentlich darauf, dass ausgerechnet ich sein Sohn sein soll?“

„Er hat vor einigen Monaten einen Detektiv engagiert und ihm alles über die Mütter erzählt, auch wann sie ihre Kinder zur Welt gebracht haben.“

„Soll das heißen, dieser Mann hat mehrere Kinder, die er noch nie getroffen hat?“, fragte er entsetzt.

Sie nickte. „Es ist eine etwas heikle Situation. Ich habe den Detektiv nicht kennengelernt, ich weiß nur, dass er Sie hier aufgespürt hat. Vielleicht hofft Tarrant einfach nur, dass er den Richtigen erwischt hat.“

„Ich kann nicht der Richtige sein“, erklärte Amado fest. Es war einfach unmöglich!

Sie zuckte die Schultern und lächelte zaghaft – womit sie wieder den Wunsch in ihm hervorrief, diese sinnlichen Lippen zu küssen. „Es scheint wirklich unwahrscheinlich zu sein. Und jetzt bin ich hier, weil es mein Auftrag ist.“

„Machen Sie immer das, was man Ihnen sagt?“

„Es kommt darauf an, wer mich fragt und wie sehr ich demjenigen vertraue“, entgegnete sie prompt.

Er glaubte ihr. Und ihre ehrliche Antwort machte Susannah für ihn noch attraktiver. Er sah ihr tief in die Augen und fragte, ohne lange zu überlegen: „Wie wäre es denn, wenn ich Ihnen eine DNA-Probe gebe – nur um zu beweisen, dass Sie unrecht haben, versteht sich. Und Sie verbringen im Gegenzug die Nacht mit mir?“

2. KAPITEL

Susannah war perplex. Schließlich zwang sie sich zu lachen. „So kann man natürlich auch zu einer DNA-Probe kommen. Allerdings bezweifle ich, dass Ihre Eltern damit einverstanden wären.“

Plötzlich marschierte Ignacio Alvarez zu ihnen auf die Terrasse, als hätte er gelauscht. Susannah überlegte bestürzt, dass er es wahrscheinlich wirklich getan hatte. Denn Clara folgte ihm und zupfte nervös an seiner Jacke.

Kühl und gelassen hob Amado die Flasche. „Möchtet ihr mit uns ein Glas Wein trinken?“

Ignacio sah ihn grimmig an. „Amado, wir müssen dringend etwas mit dir besprechen.“

„Ich kann mir nichts Dringenderes vorstellen, als Miss Clarke zu unterhalten. Du hast doch gehört, sie kauft Wein für eine große New Yorker Firma. Und wir wollen unsere Weine sowieso in die Staaten exportieren. Das könnte die Chance sein, auf die wir gewartet haben.“

Er zwinkerte Susannah unbemerkt zu. Sie freute sich im Stillen, weil es ihr gelang, einen unbeteiligten Gesichtsausdruck zu wahren.

„Sie ist unangekündigt hier aufgetaucht. Es wurde kein Termin vereinbart.“ Ignacio warf ihr einen misstrauischen Blick zu.

Sie wusste, dass Tarrants Mitarbeiter lange versucht hatten, einen Termin zu bekommen. Doch die Anrufe waren ignoriert worden. Vermutlich von Ignacio. Deshalb hatte sie das Anwesen unangemeldet betreten.

Ihre Neugier nahm zu, und sie blickte zu Clara, die nun beinah ängstlich wirkte.

„Dad, warum ist dir Susannahs Besuch so unangenehm? Du glaubst doch wohl nicht diese verrückte Geschichte, dass ich der uneheliche Sohn ihres Chefs bin, oder?“ Amado lächelte, als wäre das alles ein guter Witz.

Ignacios Miene verdüsterte sich noch mehr. „Natürlich nicht“, murmelte er. „Das ist absolut lächerlich. Ich möchte nicht, dass solch eine unverschämte Anschuldigung unseren guten Ruf zerstört.“

„Wenn es nichts gibt, worüber man reden kann, gibt es auch keine Gerüchte. Und es gibt nichts zu besprechen?“ Amado betrachtete seinen Vater herausfordernd. Offensichtlich machte das Verhalten seiner Eltern ihn misstrauisch.

„Sie muss gehen, Amado“, mischte Clara sich mit leiser Stimme in das Gespräch. „Es ist das Beste. Wir wollen doch nicht, dass die Leute reden.“ Sie rang die Hände.

„Habt ihr beide den Verstand verloren? Natürlich wollen wir, dass die Leute reden. Tierra de Oro soll in aller Munde sein.

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