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Personzentrierte Beratung & Therapie; Band 13

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Herausgegeben von der Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung e.V., Köln

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Inhalt

Vorwort

Einführung und Gebrauchsanweisung

Ein erstes Focusing

Hinweise zur Durchführung der Focusing-Übungen

Freiraum schaffen – Motive und Ziele beim Lesen des Buches

Vom Sinn, Focusing zu lernen

Was Sie in diesem Buch lernen können und was nicht

Zur Aktualität von Focusing

Überblick über das Buch

Erster Teil: Wissenswertes über Focusing

Eugene Gendlin und Focusing

Gendlins Experiencing-Theorie

Der Focusing-Prozess

Focusing als personzentrierte Intervention

Was ist das Personzentrierte im Focusing?

Focusing und Achtsamkeit

Zur Wirksamkeit von Focusing

Focusing im Kontext empirischer Befunde

Neurowissenschaftliche Gedanken zur Wirksamkeit von Focusing

Zweiter Teil: Focusing zum Ausprobieren

Zu zweit oder allein?

Überblick über das Training

Die Focusing-Haltung

Partnerschaftliches Focusing

Zuhören und Begleiten, im Körper ankommen

Zuhören und Begleiten

Den Körper spüren

Freiraum schaffen (1. Schritt)

Äußerer Freiraum

Beziehungsfreiraum

Innerer Freiraum

Partnerschaftliches Freiraum-Schaffen

Freiraum schaffen allein

Die körperliche Resonanz und ihre Symbolisierung – der Felt Sense und sein Griff (Schritte 2–4)

Den Felt Sense verstehen, auf das Thema anwenden, Fragen stellen (5. Schritt)

Focusing als ganzer Prozess (Schritte 1–6)

Selbstfocusing

Mögliche Hindernisse beim Selbstfocusing mit Lösungsvorschlägen

Selbstfocusing zum Ausprobieren

Der innere Kritiker

Woran der innere Kritiker erkennbar ist

Der Umgang mit dem inneren Kritiker im Focusing

Dritter Teil: Weitere Focusing-Formate und ihre Anwendungen

Thinking at the Edge und Erlebensbezogenes Concept Coaching oder: Wie das Konzept für dieses Buch entstanden ist

Thinking at the Edge (TAE) – „Wo noch Worte fehlen“

Erlebensbezogenes Concept Coaching (ECC)

TAE / ECC zum Ausprobieren

Gruppen-Focusing

Focusing im Kontext von Beratung und Psychotherapie

Focusing in der Beratung

Psychotherapie und Focusing

Vierter Teil: Wo Sie noch mehr über Focusing erfahren können

Wenn Sie noch mehr über Focusing wissen möchten …

Wenn Sie Focusing intensiver lernen möchten …

Basistraining

Focusing-Begleiter

Focusing-Trainerin

Focusing-Berater und Focusing-Therapeutin

Erlebensbezogenes Concept Coaching

Experientielle Beratung und Therapie

Wenn Sie einen professionellen Focusing-Begleiter oder eine Focusing-Therapeutin suchen

Überblick über die Materialien im und zum Buch

Literatur

Sachregister

Vorwort

„Wenn Sie Focusing lernen, werden Sie entdecken, dass Ihr Körper seinen eigenen Weg und seine eigene Antwort auf viele Probleme findet. Ein Therapeut wird beim Focusing nicht benötigt. Sie können es allein oder mit einem Freund, der die Technik kennt, durchführen“ (Gendlin 1981, 21)

Dieses Focusing-Buch ist aus drei Gründen ungewöhnlich:

  1. Sie können darin nicht nur über Focusing lesen, sondern es auch erleben. Damit das gelingt, gibt es zunächst Informationen über Focusing und dann Anleitungen dazu, wie Sie Focusing in einer Partnerschaft oder auch allein ausprobieren können. Abschließend erfahren Sie etwas über weitere Anwendungsfelder und Weiterbildungsmöglichkeiten.
    Sie können die Buchteile unabhängig voneinander lesen, also nur das Trainingsprogramm durchführen oder sich über Focusing informieren. Im Idealfall lesen Sie das ganze Buch und machen die Übungen zu zweit.
  2. Im Internet gibt es ergänzende Materialien: Sie finden dort drei Videos sowie die Arbeitsblätter und Übungen als PDF-Dokumente, einige Übungen auch als Audio-Dateien zum Download. Außerdem gibt es eine Focusing-Partner-Börse der Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung, mit deren Hilfe Sie eine Person zum Ausprobieren finden können.
  3. Dieses Buch ist ein Ergebnis von angewandtem Focusing: So fing alles mit dem Workshop „Focusing zum Ausprobieren“ im Mai 2014 in München an: Im Regionenrat wurde kurzfristig eine Fortbildung für die GwG-Regionalversammlung der Region Südbayern gesucht. Damals war ich Mitglied des Regionenrates, und es war mir wichtig, Focusing oder andere erlebensaktivierende Methoden bekannter zu machen. So entstand der Workshop „Focusing zum Ausprobieren“. Er war gut besucht und es gelang, an einem Nachmittag Focusing in Partnerschaften auszuprobieren. Daraus entwickelte sich beim Reinhardt Verlag und der GwG die Idee, ein entsprechendes Buch herauszugeben. Meine Entscheidung zum Schreiben ist mit Focusing gefallen. Auch Blockaden und Unsicherheiten im Prozess habe ich mit Focusing bearbeitet.

Im Rahmen der Weiterbildung zur Focusing-Trainerin habe ich das Konzept des Buches mit Hilfe von Focusing konkretisiert und verfeinert. Dieser Prozess wird im dritten Teil des Buches exemplarisch für erlebensbezogene Konzeptentwicklung beschrieben.

Im Text habe ich die weibliche und männliche Form abwechselnd benutzt, um den Lesefluss besonders in langen Sätzen nicht durch Dopplungen zu bremsen. Gemeint sind jeweils beide Geschlechter.

Nach eineinhalb Jahren Arbeit an diesem Buch, ist es mir ein Bedürfnis, mich zu bedanken.

Zunächst danke ich Dagmar Nuding und Michael Barg aus der GwG, weil sie mir als „Neuling“ in der Focusing-Szene zugetraut haben, dieses Buch zu schreiben.

Dankbar bin ich auch für die Begleitung und Ermutigung durch meine Focusing-Lehrer Dieter Müller und Prof. Heinz-Joachim Feuerstein. Für das Ausprobieren der Übungen und die fruchtbaren Diskussionen danke ich den Kolleginnen in der Weiterbildung zur Focusing-Trainerin und den Teilnehmern meines Workshops „Focusing zum Selbermachen“ im Juni 2015.

Für die Möglichkeit und Umsetzung des ersten Workshops „Focusing zum Ausprobieren“ bin ich den damaligen Mitgliedern des Regionenrates Isolde Gietl, Edith Bruns und Monika Schmitt sowie meinem Kollegen Dr. Axel Schweickhardt dankbar.

Ihm danke ich auch besonders für die vielen klärenden Focusing-Erfahrungen in unserer Focusing-Partnerschaft.

Das konkrete Schreiben haben verschiedene Menschen durch Korrekturlesen begleitet: Meine Kolleginnen Barbara Ninnemann-Ohligschläger und Sylvia Hübschen haben mich mit hilfreichen Rückmeldungen zum Manuskript und dem Ausprobieren der Übungen unterstützt. Meinem Vater Leberecht le Coutre bin ich für die genauen und hilfreichen stilistischen Korrekturvorschläge dankbar.

Heinz-Joachim Feuerstein danke ich für die supervisorische und fachliche Begleitung dieses Projektes.

Meine Familie und meine Kolleginnen in der Beratungsstelle haben mir den äußeren Freiraum ermöglicht, der für die Arbeit am Buch notwendig war. Das war eine sehr große Unterstützung.

Ausdrücklicher Dank gilt meinen Klienten, die mich an vielen wertvollen Focusing-Erfahrungen und Entwicklungen teilhaben lassen.

Markt Schwaben, im August 2016 Christine le Coutre

Einführung und Gebrauchsanweisung

Vielleicht haben Sie dieses Buch in die Hand genommen, um Focusing auszuprobieren, vielleicht sind Sie einfach nur neugierig.

Dieses Buch soll durch fundierte theoretische Einführung und partnerschaftliches Focusing beim Lesen Focusing erlebbar machen und eine innere Beteiligung ermöglichen, die neugierig und mutig macht zum Ausprobieren.

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https://q-r.to/baf02h

Zur Einstimmung und Einführung können Sie sich ein erstes Video im Internet anschauen.

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Es geht also um die Verbindung von Denken und Fühlen. Focusing kann man nicht ausschließlich theoretisch lernen, deshalb werden Sie im Buch immer wieder Gelegenheit haben, Focusing direkt auszuprobieren und zu erleben.

Spannend sind allerdings auch die Entstehungsgeschichte und der philosophisch-theoretische Hintergrund von Focusing. In meiner Wahrnehmung gewinnt Focusing zunehmend an Aktualität, was sich u. a. im Kontext der neurowissenschaftlichen Diskussionen zum „Bauchgefühl“ und in den sehr verbreiteten Angeboten zur Achtsamkeit zeigt. Auch diesen Zugängen zu Focusing widmet sich ein Teil des Buches.

Ein erstes Focusing

Unabhängig davon, was Ihre Motivation ist, dieses Buch zu lesen und sich mit Focusing zu beschäftigen, ist es hilfreich, zunächst den Kopf frei zu bekommen, damit Sie sich auf das hier Geschriebene einlassen können.

Nehmen Sie sich einen Moment Zeit, bevor es losgeht und machen Sie bitte die folgende kleine Übung als Einstimmung auf dieses Focusing-Buch. Dafür werde ich zunächst einige allgemeine Hinweise zur Durchführung der Übungen in diesem Buch geben.

Hinweise zur Durchführung der Focusing-Übungen

Sie können diese und die anderen Übungen selbst lesen und versuchen, sie parallel dazu durchzuführen.

Nach meiner Erfahrung ist es am einfachsten und wirkungsvollsten Focusing zu lernen, wenn die focusierende Person von einem zweiten Menschen begleitet wird, wenn es also nicht nur eine innere, sondern auch eine äußere Interaktion gibt. Daher rührt mein Vorschlag, die Übungen möglichst zu zweit zu machen. Dabei ist es wichtig, dass Sie die Übungen dann jeweils zwei Mal mit vertauschten Rollen durchführen, damit beide Partner die Übung und die Begleitung erleben können (partnerschaftliches Focusing). Diese Begleitung funktioniert sowohl im unmittelbaren persönlichen Kontakt, per Telefon oder auch per Videogespräch (z. B. Skype).

Die Übungen in diesem Buch sind alle in der Du-Form formuliert. Im Focusing geht es darum, in einen guten Kontakt zu sich selbst, also in einen inneren Dialog zu treten und mit uns selbst sind wir alle per Du.

Leere Zeilen, oder … oder – deuten Sprechpausen an. Sie finden bei den Übungen immer wieder kleine wiederkehrende Bilder.

Die Übungen können Sie über QR-Codes oder im Internet unter wwww.reinhardt-verlag.de abrufen (Zugang auf S. 146) (Im E-Book sind die QR-Codes auf die jeweilige Übung zum Anklicken verlinkt.). Wie schon erwähnt, können Sie diese (Audio-)Übungen auch „offline“ mit einer zweiten Person im Dialog durchführen. Die weiteren Symbole werden nach und nach im Buch eingeführt.

Legen Sie sich bitte in jedem Fall ein Blatt Papier und einen Stift für Notizen bereit.

Freiraum schaffen – Motive und Ziele beim Lesen des Buches

   

Übung 1: Freiraum schaffen und Motive und Ziele beim Lesen des Buches

Achte darauf, dass Du bequem sitzt und sorge dafür, dass Du für etwa 5–10 Minuten nicht gestört wirst.

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Nimm wahr, wie Deine Füße den Boden berühren … geh mit Deiner Aufmerksamkeit zu Deinen Fußsohlen …

Vielleicht kannst Du auch spüren, wo Deine Füße von Strümpfen oder Schuhen berührt werden.

Wandere dann mit Deiner Aufmerksamkeit weiter nach oben und nimm wahr, wo Deine Beine den Stuhl berühren …

… und wo Dein Gesäß den Stuhl berührt …

Nimm all das freundlich wahr, so wie es ist … und wenn Du etwas verändern möchtest, kannst Du das einfach tun.

… Spüre, wo Dein Rücken die Lehne berührt …

… Wo die Arme den Stuhl berühren …

Vielleicht kannst Du Unterschiede in Deinem Körper wahrnehmen: wärmere Stellen und kältere …

Angespannte und eher entspannte Stellen … nimm auch das freundlich und wohlwollend wahr.

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Achte einen Moment auf Deinen Atem – das Einatmen und das Ausatmen … das Heben und Senken der Bauchdecke … und wie sich der Atem in Dir ausbreitet – vielleicht sogar über die Bronchien und Lungen hinaus …

Vergegenwärtige Dir nun, warum Du Dich mit diesem Buch und Focusing beschäftigen möchtest: Vielleicht hast Du einen Tipp bekommen, es zu lesen, … machst gerade eine Ausbildung und im Rahmen dessen möchtest Du Dich auch mit Focusing beschäftigen … vielleicht bist Du einfach nur neugierig auf Focusing als personzentrierte Methode … oder vielleicht beschäftigt Dich im Zusammenhang mit dem Buch etwas ganz anderes …

Nimm all die unterschiedlichen Motive freundlich wahr und achte wieder auf Deine Atmung: – das Einatmen und das Ausatmen … das Heben und Senken der Bauchdecke … und wie sich der Atem in Dir ausbreitet – vielleicht sogar über die Bronchien und Lungen hinaus …

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Vielleicht entsteht in Dir nun ein angenehmer gespürter innerer Freiraum … … vielleicht ist aber auch irgendwo ein kleines oder größeres körperliches Unbehagen spürbar.

Nimm all das freundlich wahr, mit einer Neugierde darauf, was daraus im Laufe des Lesens und Ausprobierens wohl werden kann.

Vielleicht gib es aber auch etwas, das Du tun kannst, um dieses Unbehagen leichter zu machen …

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Geh mit der Aufmerksamkeit noch einmal zur Atmung, zum Einatmen und zum Ausatmen und nimm wahr, wie sich die Atmung in Dir einen guten Raum schafft – eine Art inneren Freiraum.

Genieße diesen Freiraum noch für einen Moment, bevor Du dann in Deinem eigenen Tempo wieder zurück in den Kontakt mit Deiner Umwelt kommst …

Wenn Du möchtest, kannst Du Dir zu dem Erlebten ein paar Stichpunkte machen, bevor Du weiterliest.

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Mit dieser kleinen Übung haben Sie schon die erste Focusing-Erfahrung gemacht: Vielleicht merken Sie, dass es Ihnen gutgetan hat und ein bisschen körperliche Entspannung gebracht hat. Vielleicht ist Ihnen auch klarer geworden, warum Sie sich mit diesem Buch beschäftigen.

Wenn Sie die Übung zu zweit gemacht haben, können Sie sich nun über Ihre Erfahrungen austauschen.

Im Folgenden werde ich kurz erläutern, was diese Übung mit Focusing zu tun hat: Focusing bezieht den Körper mit ein, deshalb ist es wichtig, zu Beginn in Kontakt mit dem Körper zu kommen. Damit etwas Neues entstehen kann, neue frische Gedanken oder auch Klarheit gefunden werden können, brauchen wir einen inneren Freiraum, also einen guten Abstand zu Themen oder Problemen, die uns gerade beschäftigen. Als Sie sich auf Focusing-Art mit Ihrer Motivation für dieses Buch beschäftigt haben, konnten Sie vielleicht auch eine kleine körperliche Resonanz spüren: ein Grummeln im Bauch, Aufregung in der Körpermitte oder auch irgendwie körperlich gefühltes Unwohlsein. Wahrscheinlich ist Ihnen noch nicht klar, was das alles mit Focusing und Ihrer Motivation für dieses Buch zu tun hat. Und dennoch kennen Sie vielleicht solche oder ähnliche körperliche Resonanzen aus Ihrem Alltag: Entscheidungen werden aus dem Bauch heraus gefällt, ich habe Schmetterlinge im Bauch, wenn ich mich frisch verliebt habe, oder einen Kloß im Hals vor einer Prüfung oder einfach nur ein unklares unbehagliches Gefühl vor einer größeren Aufgabe. Dieses oft zunächst unklare körperliche Spüren ist das, worauf wir uns im Focusing beziehen, indem wir uns mit unserer Aufmerksamkeit genau dorthin wenden und in eine Art inneren Kontakt treten. Damit hilft Focusing auf die eigene Person zu fokussieren: im Focusing nehmen wir uns selbst in den Fokus. Das ist ein sehr spannender und interessanter Prozess.

Vom Sinn, Focusing zu lernen

Focusing dient der Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme. Das war schon eine der Grundideen von Gendlin und so heißt sein erstes Focusing- Buch auch „Focusing: Selbsthilfe bei der Lösung persönlicher Probleme“ (Gendlin 1981, Erstausgabe 1978). Focusing soll für jeden nutzbar sein und Klarheit ermöglichen. Allein dafür ist es schon lohnenswert, Focusing zu lernen.

Dieses Buch stellt alles, was dafür nötig ist, zur Verfügung.

Aber auch für Fachleute wie Berater, Psychotherapeutinnen oder Coaches, ist es sinnvoll und hilfreich, Focusing zu lernen, ohne dies sofort als Methode im professionellen Setting zu nutzen.

So kann mit Hilfe von Focusing eigenes professionelles Handeln immer wieder auf Stimmigkeit überprüft werden, in stockenden Beratungs- oder Therapiesituationen kann das eigene körperliche Spüren (Focusing) genutzt werden, um nächste Schritte zu finden oder auch das professionelle Handeln auf Focusing-Art kollegial zu reflektieren. Im beruflichen Alltag sind wir immer wieder mit neuen Situationen konfrontiert, die wir bisher noch nicht genau so erlebt haben. Wir können dann nicht unbedingt auf bekannte Muster zurückgreifen, auf Routinen, sondern sind gefordert, neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Das logische Denken und der Griff zu bekannten Routinen und Verhaltensmustern helfen dann nicht unbedingt weiter. Focusing bietet eine Möglichkeit, das implizite Wissen zu nutzen, um damit neue, frische Handlungsmöglichkeiten zu entdecken.

Im Kontext von personzentrierten Weiterbildungen nach Rogers geht es immer auch um die Auseinandersetzung mit und das Einnehmen der personzentrierten Haltung. Mit Hilfe von Focusing kann diese gut erlebbar und gefestigt werden. Focusing ist von einer grundsätzlich empathischen, akzeptierenden und präsenten Grundhaltung geprägt. Es unterstützt auch die Anwendung der personzentrierten Kernvariablen auf die eigene Person, um Veränderungs- und Wachstumsprozesse anzustoßen.

Darüber hinaus bietet Focusing eine gute Möglichkeit, Achtsamkeit zu praktizieren und im Umgang mit sich selbst zu etablieren (Bundschuh-Müller 2006).

Ferner kann Focusing zur Psychohygiene eingesetzt werden, indem es hilft, einen guten Abstand zu den in Beratung und Therapie gehörten Geschichten oder Problemen herzustellen, damit die helfende Person sich auf ihr eigenes Erleben und ihre Ressourcen besinnen kann.

Partnerschaftliches Focusing hat noch einen weiteren wichtigen gesundheitsförderlichen Effekt für Beraterinnen und Therapeuten. In diesen (und anderen) helfenden Berufen schenken wir in der Regel unsere ungeteilte Aufmerksamkeit den Hilfesuchenden, damit sie unterstützt werden können, gute Wege und Lösungen für ihre eigenen Probleme und Themen zu finden. Im partnerschaftlichen Focusing schenkt mir ein Kollege oder eine andere zweite Person eine Zeit ungeteilter Aufmerksamkeit und schafft einen Rahmen für mich, in dem ich gut mit mir selbst in Kontakt kommen kann. Das ist für mein Bedürfnis nach ungeteilter Aufmerksamkeit und Persönlichkeitsentwicklung ausgesprochen hilfreich.

Um für mich selbst diese gerade beschriebenen verschiedenen Ziele zu erreichen, pflege ich seit einigen Jahren eine regelmäßige kollegiale Focusing-Partnerschaft, die einen Baustein meiner professionellen Qualitätssicherung bildet.

Was Sie in diesem Buch lernen können und was nicht

Dieses Buch vermittelt das nötige Wissen für eine solche Focusing-Partnerschaft zum Finden eigener Klarheit und Entlastung im persönlichen und professionellen Kontext. Die vorgeschlagenen Übungen sind dabei eine unerlässliche Hilfe. Eine Focusing-Partnerschaft zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass beide Personen Focusing kennen und es einen besonderen Kontrakt miteinander gibt.

Auf die Details der Focusing-Partnerschaften gehe ich im Kapitel „Partnerschaftliches Focusing“ im zweiten Teil „Focusing zum Ausprobieren“ näher ein.

Deshalb ist es die grundsätzliche Idee, dieses Buch zu zweit zu lesen und Focusing miteinander als „Partner“ zu lernen. Ein solcher Partner könnte eine Bekannte, ein Kollege von Ihnen sein oder auch eine Ihnen bisher unbekannte Person. Einen entsprechenden Lese- oder Focusing-Partner bzw. eine -Partnerin können Sie auch im Internet über die Focusing-Plattform der Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung finden (Näheres s. S. 60).

Das Buch ist so konzipiert, dass Sie den größten Teil der praktischen Übungen mit Hilfe der Audiodateien allein durchführen können. Sie erleben dann die Seite des Focusierenden, allerdings nicht das auch sehr eindrückliche Begleiten eines Focusing-Prozesses. Es hat sich gezeigt, dass Focusing-Prozesse, die von einer zweiten Person begleitet werden, in der Regel tiefer gehen als Selbstfocusing-Prozesse.

Sie erlernen und erleben Focusing als Selbsthilfe-Methode zum Finden von Klarheit bei persönlichen oder beruflichen Fragestellungen.

Das Buch befähigt nicht, Focusing als Methode im therapeutischen oder beraterischen Setting mit Menschen anzuwenden, die Focusing nicht kennen. Um Focusing als Methode für Beratung oder Therapie zu lernen, stehen Ausbildungen an verschiedenen Ausbildungsinstituten zu Verfügung.

Im Kapitel „Wenn Sie Focusing intensiver lernen möchten“ finden Sie Informationen über entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten.

Allerdings bin ich mir sicher, dass die Auseinandersetzung mit Focusing und das Erlernen von partnerschaftlichem Focusing oder auch Selbstfocusing einen positiven Effekt auf Ihr berufliches Handeln haben werden. Einigen Studien von Sachse (nach Hendricks 2001) zu Folge hat die Fähigkeit der unterstützenden Person, Focusing selbst anzuwenden und die entsprechende Theorie zu kennen, einen positiven Effekt auf das Erleben der Klientinnen. Solche Therapeuten seien nämlich eher in der Lage, sowohl den Inhalt als auch den inneren Entwicklungsprozess ihrer Klientinnen empathisch zu begleiten. Sachse nennt diese Fähigkeit Prozess-Empathie.

Zur Aktualität von Focusing

Umgangssprachlich ausgedrückt kann mit Focusing eine Verbindung zwischen Bauchgefühl und Denken hergestellt werden und damit das Bauchgefühl, das Herz ernstgenommen werden. Diese besondere Bezugnahme auf den Körper setzt eine achtsame Selbstwahrnehmung voraus.

Weitere Informationen zu diesem Zusammenhang finden Sie im Kapitel „Focusing und Achtsamkeit“.

Inzwischen finden sich solche Gedanken auch in anderen Disziplinen, in der Populärwissenschaft und in den Medien. Die Themen Denken und Fühlen sowie Achtsamkeit erfreuen sich großer Aktualität. So gibt es unzählige Achtsamkeits-Trainings und -Bücher: Erwähnt seien hier exemplarisch drei Publikationen:

„Achtsamkeit für Anfänger“ (Jon Kabat-Zinn 2013),

„Wie der Kopf dem Bauch beim Denken hilft“ (Kast 2007),

„Der Darm-IQ. Wie das Bauchhirn unser körperliches und seelisches Wohlbefinden steuert“ (Vollmer 2014).

Auch beschäftigen sich zurzeit deutsche Musiker mit der Verbindung zwischen Bauch / Herz und Kopf. So heißt der Refrain des Liedes „Bauch und Kopf“ von Mark Forster (2015):

„Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt zu Bauch nein
und zwischen den Beiden steh ich
zwischen den beiden steh ich
Bauch sagt zu Kopf ja, doch Kopf sagt nein
dann schüttelt er sich
zwischen den Beiden steh ich
zwischen den Beiden steh ich
und weiß nicht“

Und in einem anderen aktuellen Lied von Joris (2015) „Herz über Kopf“ heißt es am Ende der ersten Strophe und im Refrain:

„der Zug ist abgefahr‘n die Zeit verschenkt
fühlt sich so richtig an, doch ist so falsch
und immer wenn es Zeit wird zu geh‘n
vergess‘ ich was mal war und bleibe steh‘n
das Herz sagt bleib
der Kopf schreit geh
Herz über Kopf“

Im Focusing ist es entscheidend für das Gefühlte, für das, wofür es noch keine Worte gibt, die richtigen Worte zu finden. Beim Focusing bekommen wir Kontakt zu dem impliziten Wissen, zu allem was wir über eine Situation irgendwie wissen, ohne es sagen zu können, zur Intuition.

Auch damit, eine Sprache für das Gefühlte zu finden, beschäftigt sich ein aktuelles Lied von Tim Bendzko (2011) „Wenn Worte meine Sprache wären“. Dort heißt es im Refrain:

„Mir fehlen die Worte ich
hab die Worte nicht
dir zu sagen was ich fühl‘
ich bin ohne Worte ich
finde die Worte nicht
ich hab keine Worte für dich“

Betrachtet man solche Liedtexte, die sich übrigens gerade gut verkaufen und ständig im Radio zu hören sind, als Spiegel dessen, womit sich die Menschen beschäftigen, steht Focusing ganz oben auf der Interessenliste. Solche Situationen, in denen ein Gefühl vorherrschend ist, und nicht ausgedrückt werden kann, was gemeint oder gespürt wird, sind alltäglich. Focusing ist also in aller Munde.

Focusing kann einen wichtigen Beitrag in der Gesellschaft und in der Fachwelt leisten, damit Menschen friedvoll und achtsam mit sich, den Mitmenschen und der Welt umgehen können. Denn auch darum geht es ja beim Focusing: Um eine achtsame, wertschätzende und akzeptierende Haltung mir selbst, meinen Mitmenschen und meinem Lebensraum gegenüber, damit die gesellschaftliche Entwicklung dem Leben zugewandt von statten gehen kann. Focusing ist nicht nur eine Technik, sondern eine Haltung, eine Lebenseinstellung. Wenn viele Menschen im Sinne der humanistischen Grundidee darauf achten würden, was bzw. wie unser Leben und unsere Persönlichkeiten erhalten werden und sich weiterentwickeln können, wäre das ein wichtiger Beitrag für eine friedvolle gesellschaftliche Entwicklung.

Gendlin wie auch Rogers haben versucht, mit ihren Ansätzen und Ideen auch gesellschaftlich und politisch wirksam zu sein. Eine von Gendlins Ideen war es, das Hilfreiche der Psychotherapie jedem zur Verfügung zu stellen, damit jeder es anwenden kann. Auch deshalb hielt er bis vor kurzem unermüdlich Vorträge und Workshops, um Focusing „unter die Leute“ zu bringen. Zahlreiche dieser Veranstaltungen finden sich auch auf youtube.

Rogers hat die therapeutische Landschaft revolutioniert und bereichert. Personzentrierte Psychotherapeuten und Beraterinnen gibt es weltweit in großer Zahl und seine Variablen der therapeutischen Beziehung (Empathie, Akzeptanz und Kongruenz) sind sowohl empirisch als wirksam belegt als auch in anderen Therapieschulen etabliert. Außerdem hat er sich noch im hohen Alter für den Weltfrieden engagiert, indem er versucht hat, Menschen in den Dialog zu bringen: Beispielsweise hat er zwischen Schwarzen und Weißen vermittelt, um Rassendiskriminierung zu verringern und verschiedene Parteien im damaligen Ostblock ins Gespräch gebracht, um den Eisernen Vorhang durchlässiger zu machen.

Überblick über das Buch

Der erste Teil Wissenswertes über Focusing erläutert Focusing. Sie finden hier Informationen über Eugene Gendlin, die theoretische, philosophische Fundierung von Focusing, seinen Bezug zum Personzentrierten Ansatz und zur Achtsamkeit sowie Befunde zur Wirksamkeit von Focusing aus empirischen Studien und den Neurowissenschaften. Dieser Teil soll dazu beitragen, Focusing als fundierte Methode wahrnehmen zu können.

Im zweiten Teil Focusing zum Ausprobieren finden Sie eine Art Trainingsprogramm mit zahlreichen Anregungen, den Focusing-Prozess auszuprobieren und so zu lernen, dass Sie ihn in Focusing-Partnerschaften nutzen können. Diesen Teil können Sie auch ohne die Kenntnisse aus dem ersten Teil lesen und anwenden. Sinnvoll ist es, das Trainingsprogramm zu zweit in einer Focusing-Partnerschaft zu bearbeiten. Sollte Ihnen ein solcher Partner allerdings nicht zur Verfügung stehen oder Sie entscheiden sich dafür, Focusing allein zu lernen, ist dies auch mit Hilfe der entsprechenden Audiodateien und Arbeitsblätter möglich.

Im dritten Teil Weitere Focusing-Formate und Anwendungen gebe ich einen kurzen Überblick über zusätzliche Möglichkeiten, Focusing anzuwenden, wie beispielsweise „Thinking at the Edge“ bzw. „Erlebensbezogenes Concept Coaching“, Gruppen-Focusing, sowie Focusing in Therapie und Beratung. Erlebensbezogenes Concept Coaching können Sie mit Hilfe eines Leitfadens ausprobieren.

Im vierten Teil Wo Sie noch mehr über Focusing erfahren können finden Sie einen Überblick über die Focusing-Community. Hier werden auch die verschiedenen Ausbildungsmöglichkeiten kurz dargestellt.

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