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Folge deinem Herzen, Ariane

1. KAPITEL

„Na, dann mal ran an den Feind.“ Während sie ihren Weg durch die labyrinthähnlichen Gänge des Schlosses suchte, schaute sich Prinzessin Ariane de Bergeron vorsichtig nach allen Seiten um. Das Herz flatterte ihr wie ein ängstlicher kleiner Kolibri in der Brust. Jeder, der sie so herumschleichen und vor sich hin murmeln sah, musste unweigerlich annehmen, sie sei geistig verwirrt.

Aber war es nicht genau das, was sie wollte? Sollten die Menschen hier sie ruhig für verrückt halten. Es passte in ihre Pläne.

Obwohl die fremde Umgebung mit den reizvollen Hügeln und der üppigen Vegetation sehr an ihre geliebte Heimat erinnerte, durfte sie nie vergessen, dass es Feindesland war. Hier in Vallonien machte sich seit langer Zeit eine Gruppe von Verschwörern dafür stark, das benachbarte St. Michele zu annektieren. Und es sah so aus, als seien sie ihrem Ziel noch nie so nahe gewesen wie im Moment.

Arianes Besuch war auf Wunsch des Prinzen Etienne Kroninberg zustande gekommen. Und nun hoffte Ariane, bei dieser Gelegenheit unauffällig spionieren zu können.

Vor gut sechs Monaten war der Prinz extra nach St. Michele gekommen, um sie in die Oper auszuführen. Natürlich wusste jeder, was dieser offizielle Besuch zu bedeuten hatte. Etienne verfolgte eindeutige Absichten, und König Philippe, Arianes Vater, hatte absolut nichts gegen eine Verbindung der beiden königlichen Familien einzuwenden.

Das königliche Protokoll hatte Ariane gezwungen, Etiennes Einladung zu akzeptieren. Allerdings konnte sie sich kaum etwas Langweiligeres vorstellen als einen Abend in der Oper. Wenn der Prinz diese Musik liebte, musste er ihrer Meinung nach genauso langweilig sein. Im festen Entschluss, wenigstens für sich das Beste aus dem verlorenen Abend zu machen, hatte Ariane eine ganze Truppe von Freunden eingeladen, sie zu begleiten. In der Tat waren es so viele gewesen, dass sie nur wenig Zeit allein mit dem Prinzen verbrachte.

Ariane schmunzelte, als sie sich daran erinnerte, wie der Prinz ihr zugegebenermaßen unmögliches Verhalten aufgenommen hatte. Er musste nicht nur beleidigt, sondern regelrecht wütend gewesen sein, wenn sie an sein finsteres Gesicht und den glühenden Blick dachte. Der arme Mann! Er war offenbar völlig ahnungslos und wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte. Hätte er Ariane zum Bergsteigen oder Gleitfliegen eingeladen, wäre sie auf jeden Fall gewillt gewesen, ihn näher kennenzulernen.

Im Nachhinein gesehen, war sie allerdings froh, dass Etienne nicht so leicht aufgegeben hatte. Natürlich war sie zunächst entschlossen gewesen, seine Einladung nach Vallonien abzusagen, doch jetzt war sie dankbar für die Chance, möglicherweise Informationen über eine geplante Verschwörung gegen St. Michele sammeln zu können.

Während Ariane eine geschwungene Treppe emporstieg, schaute sie zu einer antiken Standuhr auf dem oberen Absatz hinüber. Zwölf Minuten zu spät. Perfekt!

Arianes Großmutter, die Königinwitwe Simone de Bergeron, hatte ihr beigebracht, dass es geradezu unerlässlich war, zu einer Party, deren Ehrengast man war, mit einer angemessenen Verspätung zu erscheinen.

Ihr Name wurde laut angekündigt, während Ariane hoch erhobenen Hauptes in der offenen Tür des Ballsaals stehen blieb. Aller Augen wandten sich ihr zu.

Ariane wusste, dass ihre Erscheinung ihrer Position entsprach, und fühlte sich entsprechend sicher und selbstbewusst. Die fließende Seide ihres schulterfreien Abendkleides leuchtete in dem gleichen Mitternachtsblau wie ihre Augen. Das üppige goldblonde Haar war hochgesteckt bis auf einige weich fallende Locken, die ihr schmales Gesicht umschmeichelten. Die Juwelen in ihrer Tiara funkelten mit den Diamanten an Hals und Ohrläppchen um die Wette.

Ihr Vater wäre sehr stolz auf sie gewesen.

Eine Welle von Schmerz und Trauer überflutete Ariane, doch sie blinzelte die aufsteigenden Tränen entschlossen zurück. Jetzt war nicht der Augenblick, sich seinen Emotionen hinzugeben. Nicht in einem Saal voller Menschen, die jeden ihrer Schritte mir Argusaugen verfolgten. So zwang sie sich zu einem liebenswürdigen Lächeln und machte sich auf den Weg zu ihren Gastgebern.

„Eure königliche Hoheit“, begrüßte Ariane den König von Vallonien und versank in einem Hofknicks. Es war seine Frau, die ihr spontan eine Hand entgegenstreckte.

„O Ariane“, sagte die Königin warmherzig. „Von dir erwarten wir doch kein derart zeremonielles Benehmen. Das ist Giraud“, stellte sie ihren Gatten vor. „Und ich bestehe darauf, dass du mich Laurette nennst.“

Der König lachte belustigt auf, als er Arianes zweifelndes Gesicht sah. „Besser du tust, was sie sagt. Ich mag die größere Krone haben, aber Laurette ist es, die hier regiert.“

Jetzt lachten sie beide, und Ariane spürte die tiefe Verbundenheit, die zwischen ihnen bestand. Instinktiv wusste sie, dass sie Etiennes Eltern mögen würde. Hoffentlich sind sie nicht in die Intrige gegen St. Michele verwickelt, dachte sie mit klopfendem Herzen.

Laurette wurde plötzlich ernst, ihr Gesichtsausdruck zeigte tiefes Mitgefühl. „Ich war so erschüttert, als ich von dem überraschenden Tod deines Vaters erfahren habe“, sagte sie leise. „König Philippe war ein wundervoller Mann.“

Ariane spürte einen dicken Kloß im Hals. Sie hatte die Trauer um den geliebten Vater längst noch nicht überwunden. „Vielen Dank. Keiner von uns ahnte auch nur im Geringsten, dass Papa Herzprobleme hatte.“

„Gibt es irgendetwas, das wir für dich tun können, solange du unser Gast bist?“ Die freundlichen Worte des Königs rührten an Arianes Herz. Stumm schüttelte sie den Kopf und lächelte dem freundlichen Herrscherpaar dankbar zu.

Und wieder wandelte sich der Ausdruck auf Laurettes lebhaftem Gesicht. Jetzt wirkte sie sichtbar unangenehm berührt.

„Ich muss mich bei dir für meinen Sohn entschuldigen, Ariane. Leider kann ich nicht sagen, was ihn aufgehalten hat. Immer steckt er in irgendeinem Meeting …“

„Ich habe schon einen Suchtrupp losgeschickt“, behauptete Giraud und tätschelte beruhigend die Hand seiner Frau. „Mach dir keine Sorgen, Etienne wird bestimmt bald hier sein.“

„Sicherlich“, stimmte Ariane ihm zu, kam aber nicht umhin, das Geraune in ihrem Rücken zu registrieren. Offenbar unterhielten sich auch die anderen Gäste über die Verspätung des Kronprinzen.

Während sich Ariane kurz darauf unter die anderen Gäste mischte, fiel ihr das unverbindliche Lächeln, das sie für derartige Anlässe bereithielt, zunehmend schwerer. Sie ärgerte sich über Etienne. Wie unhöflich von ihm, sie auf einem Ball, der extra ihr zu Ehren gegeben wurde, einfach sich selbst zu überlassen. Und das, nachdem er es gewesen war, der sie eingeladen hatte. Das war nicht nur arrogant, sondern ausgesprochen herabwürdigend!

Francie, die nicht nur Arianes Zofe, sondern eine ebenso loyale wie treue Freundin für sie war, bekundete ihr Mitgefühl und ihre Missbilligung.

„Er ist ein Rüpel“, sagte sie leise. „Dir so etwas anzutun!“

Ariane seufzte und tat gar nicht erst so, als wisse sie nicht, von wem Francie sprach. „Schon gut, aber im Grunde genommen, interessiert mich der Prinz ohnehin nicht, wie du weißt.“ Die Worte kamen ihr sehr leicht über die Lippen, sodass man annehmen sollte, sie entsprächen der Wahrheit. Woher dann dieses Gefühl der Unruhe?, fragte Ariane sich selbst.

„Ja, aber die anderen wissen es nicht“, gab Francie zu bedenken. „Und deshalb redet man darüber. Jetzt werden alle denken …“

„Nicht so laut …“, mahnte Ariane, nahm ein Glas Champagner von einem Tablett und nickte dem Diener lächelnd zu, der ihr das Getränk offeriert hatte. Sie schwieg, bis der Mann außer Hörweite war. „Ich weiß sehr genau, was sie denken und sagen“, zischte sie ihrer Zofe leise zu. „Dass ich in einer Zwangslage bin und darum meine Angel nach dem Prinzen auswerfe.“

Vielleicht fühlte sie sich deshalb plötzlich so nervös und unbehaglich. Auf keinen Fall wollte sie das Bild einer verzweifelten Frau auf der Suche nach einem rettenden Notanker abgeben.

Francie platzte fast vor Empörung. „Aber er war es doch, der den ersten Kontakt geknüpft hat!“

Ariane kannte das leicht erregbare Temperament ihrer Zofe. Es hatte immer schon ihren Humor gereizt, und auch jetzt musste sie lächeln. „Wird schon alles in Ordnung kommen“, beruhigte sie ihre Vertraute. „Ich hätte mir nur einen unauffälligeren Empfang gewünscht. Aber das lässt sich ja nun nicht mehr ändern. Vielleicht ist der Prinz überraschend erkrankt oder wegen wichtiger Staatsgeschäfte ins Ausland abberufen worden?“

„Um acht Uhr an einem Samstagabend?“, höhnte Francie. „Für den Prinzen von Vallonien kann es heute keinen wichtigeren Termin geben, als hier im Ballsaal zu erscheinen“, sagte sie arrogant. „Und zwar vor … zwanzig Minuten!“

„Okay, du hast ja recht. Also sind wir uns einig, dass der Prinz ein Egoist und Egozentriker ist.“ Ariane nippte an ihrem Champagner. „Und wenn wir schon von Staatsgeschäften sprechen … was hältst du davon, wenn wir uns einen passenden Kandidaten aussuchen und in ein Gespräch über Politik verwickeln? Deshalb bin ich schließlich hier.“

Francie krauste ihre Nase. „Ich finde Politik schrecklich langweilig. Das weißt du doch.“

Ariane lächelte nachsichtig. „Dann suchst du dir am besten so schnell wie möglich einen netten Tanzpartner.“

Francie wandte sich zum Gehen, blieb dann aber noch einmal stehen und warf Ariane einen warnenden Blick zu. „Sei bitte vorsichtig“, sagte sie mit gedämpfter Stimme.

„Vorsicht ist mein zweiter Name“, behauptete Ariane übermütig. „Außerdem …“ Im Bruchteil einer Sekunde verwandelte sie sich vor den Augen ihrer Zofe von einer souveränen jungen Frau in ein naives Dummchen. „Wenn ich ihnen erst mal die hohlköpfige, harmlose Blondine präsentiere, wird jeder im Schloss nur zu bereit sein, mich mit seinem Insiderwissen zu beeindrucken.“

Den Mund zu einer grimmigen Linie verzogen, schlüpfte Etienne durch eine Seitentür in den Ballsaal. Seine Eltern würden sicher verstimmt über die Verspätung sein. Aber daran konnte er leider nichts ändern. Ein geheimes Treffen mit den Köpfen des Geheimdienstes war eben immer nur dann möglich, wenn alle Welt anderweitig beschäftigt war.

Etienne waren alarmierende Gerüchte über einen Komplott gegenüber St. Michele zu Ohren gekommen. Seine Informanten beim Geheimdienst hatten ihn davon unterrichtet, dass eine oder mehrere Personen aus dem Kabinett seines Vaters im Verdacht standen, die Trauer und Unruhe nach dem Tod König Philippes de Bergeron ausnutzen zu wollen, um die Herrschaft über den benachbarten Zwergstaat an sich zu reißen.

Fakt war, dass nach dem überraschenden Tod des Königs der Thron von St. Michele immer noch verwaist war. Ein altes Gesetz besagte, dass nur ein männlicher Nachfahre als Thronfolger infrage kam, und der war nicht vorhanden.

Natürlich brach deshalb kein Krieg zwischen den beiden Ländern aus. Kein vallonischer Soldat überschritt die Grenze nach St. Michele oder umgekehrt. Nein, dieser Kampf würde vor internationalen Gerichtshöfen ausgefochten. Und das ganz sicher auf eine zivilisierte Art und Weise. Dennoch war es für Etienne ein Akt der Barbarei.

Etienne blieb stehen und lächelte erfreut, als er seine Eltern im Walzertakt an sich vorbeitanzen sah. Seine Mutter hatte gerade erst eine schwere Lungenentzündung überstanden. Sie war sehr lange bettlägerig gewesen, und ihr Mann hatte sich schon ernsthafte Sorgen darüber gemacht, ob sie sich überhaupt noch einmal gänzlich erholen würde. Es war schön, die beiden so beisammen zu sehen.

Langsam ließ Etienne seinen Blick über die Gäste im Ballsaal schweifen. Es bedurfte keiner großen Mühe zu erspähen, wonach er Ausschau hielt. Da stand sie – am Rand der Tanzfläche – umringt von einer Gruppe Menschen. Seine Prinzessin!

Ariane de Bergeron sah einfach umwerfend aus. Etienne spürte, wie sein Herz hart und schmerzhaft gegen die Rippen schlug. Was war nur an dieser Frau, dass allein ihr Anblick ihm bis ins Mark fuhr?

Ihr honigblondes Haar hatte sie zu einer raffinierten Frisur aufgesteckt. Ein paar Locken fielen bis auf die bloßen Schultern herab und umspielten ihr Gesicht, wann immer sie sich bewegte. Die sanft gebogene Nackenlinie und der schlanke Hals verlockten dazu, die Nase gegen die warme milchweiße Haut zu pressen, um dieses betörende Aroma aufzunehmen, das ihr, und nur ihr ganz allein, zu Eigen war.

Etienne ahnte, wonach sie duften würde – nach sonnigen Sommertagen und blühenden Blumenwiesen …

Arianes spontaner Besuch überraschte ihn. Seine Einladung hatte er noch vor dem Tod ihres Vaters ausgesprochen. König Philippe war ebenso an einer Verbindung zwischen ihnen interessiert gewesen wie sein eigener Vater. Doch Etiennes erster Einschätzung nach war Ariane selbst weder von ihm noch von einem möglichen Antrag begeistert gewesen.

Ziemlich frustriert über ihr beleidigendes Benehmen und die schroffe Zurückweisung hatte er sich damals auf den Heimweg gemacht. Doch Etienne war niemand, der so schnell aufgab. Er nahm sich vor, bei günstiger Gelegenheit einen zweiten Vorstoß in Richtung der ebenso widerspenstigen wie attraktiven Prinzessin zu unternehmen. Dann erkrankte seine Mutter ernsthaft, und er war gezwungen gewesen, die königlichen Pflichten seines Vaters zu übernehmen, da der in der kritischen Zeit nicht von der Seite seiner Frau weichen wollte.

Und kurz danach war dann völlig überraschend König Philippe verstorben. Ariane während der Trauerzeit aufzusuchen erschien Etienne nicht angemessen. So war er sehr erstaunt gewesen, als der königliche Gesandte von St. Michele am Hof auftauchte und den Besuch von Prinzessin Ariane ankündigte.

Während Etienne den Ballsaal durchquerte, war ihm sehr wohl bewusst, dass Ariane über seine Verspätung verärgert sein würde. Taktisch gesehen, war es wohl am besten, ihr gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem er sich reuig zu ihren Füßen warf. Etienne schmunzelte heimlich bei dieser bildhaften Vorstellung.

Als der Prinz neben Ariane auftauchte, erstarb jedes Gespräch um sie herum.

„Eure Hoheit.“ Etienne vollführte eine tiefe Verbeugung, die sein Bedauern über sein unverzeihliches Benehmen ausdrücken sollte. Als er sich aufrichtete, traf sein Blick auf leuchtend blaue Augen, in deren Tiefe ein seltsames Licht glomm. „Bitte, vergeben Sie mir.“ Er küsste Ariane ganz leicht erst auf die eine, dann auf die andere Wange. Ihre Haut fühlte sich warm und samtig unter seinen Lippen an. „Ich hoffe, Sie glauben mir, wenn ich Ihnen versichere, dass mein verspätetes Erscheinen leider unvermeidlich war. Darf ich mich nochmals dafür entschuldigen?“

Er hatte sich geirrt. Ihr Aroma hatte nichts mit Sommersonnentagen und duftenden Wildblumen zu tun. Stattdessen roch sie nach sternenklaren Nächten – kühl und sauber gewaschen vom frischen Regen.

Ariane hob die Brauen und schaute irritiert um sich. „Sind Sie denn jetzt erst gekommen …?“, fragte sie mit milder Verblüffung.

Zwei Männer, die direkt neben ihr standen, taten ihr Bestes, diese geschickte Retourkutsche nicht mit einem despektierlichen Lachen zu quittieren.

Touché!, dachte auch Etienne anerkennend. Ariane hatte absolut das Recht, ihn auf diese Weise abzukanzeln. Dabei war ihr Lächeln bezaubernd und gerade dazu gemacht, jedem Mann in diesem Saal den Kopf zu verdrehen.

„Ich habe mich so gut mit diesen netten Geistlichen hier unterhalten, dass mir Ihre Abwesenheit gar nicht aufgefallen ist“, erklärte sie mit süßer Stimme.

Ihre Antwort ließ ihn die Stirn runzeln. „Geistlichen?“ Ihre Gesprächspartner hatten sich Ariane doch sicherlich vorgestellt?

„Ja“, bestätigte sie sonnig. „Sie haben mir so viel Interessantes von Ihrem wundervollen Land erzählt.“

„Prinzessin …“ Etienne fühlte sich nun doch bemüßigt, seinen Gast aufzuklären. „Lord Hecht ist unser Innenminister, und Lord Bartelow ist stellvertretender Außenhandelsminister.“ Da Ariane ihren Irrtum immer noch nicht recht zu begreifen schien, versuchte Etienne es erneut. „Diese Männer helfen meinem Vater sozusagen dabei, unser Land zu regieren.“

„Ach so …“ Arianes glockenhelles Lachen entlockte den beiden älteren Politikern ein nachsichtiges Schmunzeln. „Verzeihen Sie mir den Irrtum, meine Herren, aber Ihre Ernsthaftigkeit und Ihre distinguierte Art … wie konnte ich nur so dumm sein?“

Wieder lachte sie. Laut und ansteckend, worauf die Herren bereitwillig mit einstimmten. Dem schnellen Blick, den sie miteinander tauschten, konnte Etienne unschwer entnehmen, dass sie die junge Prinzessin für ebenso naiv wie reizend hielten.

Das brachte Etienne zum ersten Mal auf den Gedanken, dass Arianes Benehmen irgendwie irritierend war. Auch für ihn selbst. Bei ihrer ersten Begegnung hatte sie einen ganz anderen Eindruck auf ihn gemacht …

Während Lord Hecht sich bemühte, der attraktiven ausländischen Prinzessin seinen Plan bezüglich einer Erweiterung natürlicher Schutzräume für wild lebende Tiere zu erläutern, wandte sich Ariane plötzlich zur Seite, um eine vorbeigehende Dame am Arm festzuhalten.

„Ich muss einfach wissen, woher Sie dieses zauberhafte Kleid haben!“, zwitscherte sie zur Verblüffung aller. „Dieser Stoff hat einen geradezu traumhaften Fall.“ Die drei Männer waren einfach sprachlos, während die fremde Ballbesucherin sich nur zu bereitwillig auf eine Diskussion über Stoffe und angesagte Modedesigner einließ.

Während der Abend weiter fortschritt, registrierte Etienne mit wachsendem Erstaunen, dass Ariane immer wieder interessierte Fragen über die politische Einstellung und Orientierung der verschiedensten Gäste stellte, nur um hinterher frivole und unsinnige Kommentare abzugeben, die sie nicht besonders intelligent erscheinen ließen.

Etienne wusste langsam nicht mehr, was er von ihrem seltsamen Verhalten denken sollte. Vielleicht war Ariane doch nicht die Frau, für die er sie gehalten hatte?

Als Kronprinz von Vallonien, und damit Anwärter auf den königlichen Thron, war Etienne von frühester Jugend an bewusst gewesen, dass er die Frau, die er eines Tages heiraten würde, nicht einfach nach Lust und Laune wählen konnte. Bereits seit einigen Jahren berieten der König und seine engsten Vertrauten sich in diesem Punkt. Natürlich konnte es keinem Mann gefallen, sich die zukünftige Ehefrau vom Vater und politischen Beratern aussuchen zu lassen, doch wenn man königlichen Geblüts war, blieb einem kaum eine Wahl.

Was Etienne selbst über Ariane de Bergeron in Erfahrung gebracht hatte, nachdem ihr Name in dieser Sache gefallen war, ließ ihn dann doch zuversichtlich hoffen, dass sie die perfekte Ehefrau, Gefährtin, Mutter seiner Kinder und zukünftige Königin von Vallonien sein könnte.

Sie war gut erzogen, gebildet, souverän. Diese Frau an der Seite zu haben würde jeden Mann stolz machen. Und sie war schön. Auf eine provozierende Art, die die primitivsten Instinkte in einem Mann herausforderte. Daran gab es jedenfalls keinen Zweifel, wie Etienne sich eingestehen musste, während er dicht neben Ariane stand.

Außerdem war sie, wie er, aus königlichem Geblüt. Eine de Bergeron, und damit Mitglied einer alten, sehr angesehenen Adelslinie. Sie hatte in der Schweiz studiert, einen akademischen Grad in Politikwissenschaft erworben und war auf dem internationalen Parkett zu Hause.

Inzwischen hatten sich noch mehr Frauen zu seinem schönen Gast gesellt, und Etienne runzelte die Stirn, während er ihrem lebhaften Gespräch zuhörte. Hatte Ariane all ihre Fähigkeiten nur erworben, um sich vor ihren Geschlechtsgenossinnen als Expertin in Fragen Mode und Schönheit zur Schau zu stellen?

Dieser Abend erschien ihm von Minute zu Minute bizarrer.

Wollte er seinen Informanten glauben, so hatte Ariane de Bergeron ein beachtlich kluges Köpfchen auf den reizenden Schultern, aber ging Etienne nach seinem eigenen Augenschein, musste er langsam annehmen, dass diesem hübschen Kopf das Wichtigste fehlte – Hirn.

„Himmel!“, rief Ariane gerade mit exaltierter Stimme aus. „Es ist einfach unerträglich heiß hier, finden Sie nicht?“ Sie schaute Beifall heischend um sich und bedachte Etienne mit einem flirrenden Lächeln, so, als erwarte sie vom ihm eine prompte Lösung ihres Problems.

„Wenn Sie mich einen Augenblick entschuldigen würden …“, murmelte Etienne und schaute in die erwartungsvolle Runde. „Ich lasse die Türen zur Terrasse öffnen und besorge der Prinzessin ein erfrischendes Getränk.“

Die Frauen strahlten ihn hingebungsvoll an, während die Männer verlegen und mitfühlend den Blick senkten. Normalerweise war es nicht Etiennes Aufgabe, sich um Anliegen dieser Art zu kümmern. An jedem anderen Abend hätte er, ohne zu zögern, den im Hintergrund wartenden Dienstboten einen Wink gegeben, damit sie die Wünsche seines Gastes erfüllten.

Doch heute Abend schweiften seine Gedanken in so viele verschiedene Richtungen ab, dass ihm das Protokoll ebenso gleichgültig war wie die neugierigen Blicke der Umstehenden. Nachdem er einen Diener angewiesen hatte, die Terrassentüren zu öffnen, durchquerte er den Ballsaal auf der Suche nach dem nächstbesten Kellner mit einem Tablett in der Hand.

Dabei fiel Etiennes Blick zufällig auf seine Mutter, die einen ziemlich erschöpften Eindruck machte. Sofort änderte er die Richtung und ging zu ihr hinüber.

„Geht es dir gut, Mutter?“, fragte er besorgt. „Du siehst etwas müde aus.“

Laurette schenkte ihrem Sohn ein schwaches Lächeln. „Ich glaube, ich habe heute Abend einfach zu viel Spaß gehabt, das ist alles.“

„Wo ist Vater? Er sollte dich in deine Gemächer bringen.“ Etienne schaute suchend um sich. „Oder möchtest du, dass ich dich nach oben begleite?“

„Nein, nein“, wehrte seine Mutter hastig ab. „Geh du nur zurück zu Prinzessin Ariane. Sorgst du auch dafür, dass sie einen vergnüglichen Abend hat? Hast du sie schon zum Tanzen aufgefordert?“

Etienne hörte den leichten Vorwurf in ihrer Stimme und lächelte amüsiert. „Ja, das habe ich. So, wie mindestens ein Dutzend anderer Männer. Leider haben wir alle einen Korb von ihr bekommen.“

Laurette machte ein schockiertes Gesicht. „Aber sie muss tanzen!“, sagte sie energisch. „Und zwar mit dir! Was sollen denn die Leute sagen? Sieh zu, dass du diese widerspenstige junge Dame auf die Tanzfläche bekommst, mein Sohn“, befahl sie und wedelte Etienne mit einer Handbewegung fort.

„Ja, Mutter“, murmelte er trügerisch folgsam und salutierte spöttisch.

„Lass das!“, forderte die Königin. „Ich versuche keineswegs, dich zu bemuttern. Ich wünschte nur …“

„Ich weiß genau, was du dir wünschst“, unterbrach ihr Sohn sie liebevoll. „Du möchtest, dass Prinzessin Arianes Besuch hier ein voller Erfolg wird. Und ich wünsche mir nichts anderes.“

Laurette ließ ihren Blick über die Gäste schweifen, bis sie Ariane am anderen Ende des Ballsaales entdeckte. „Sie ist sicher verstimmt. Wenn du nur pünktlich …“

„Mutter, vertrau mir. Ich werde alles in Ordnung bringen.“

Laurette seufzte. „Ich weiß, mein Lieber, das tust du doch immer.“

In diesem Moment gesellte sich ihr Mann zu ihnen und schlug seinem Sohn von hinten jovial auf den Rücken. „Eine ausgesprochen zauberhafte Frau, die uns mit ihrem Besuch beehrt, nicht wahr, Sohn? Meine Informanten haben nicht übertrieben. Ariane de Bergeron ist tatsächlich nicht nur wunderschön, sondern erfrischend selbstbewusst, humorvoll und gebildet. Sie ist einfach perfekt für dich. Lass sie dir bloß nicht durch die Finger schlüpfen.“

„Habe ich nicht vor.“

Nein, das hatte er tatsächlich nicht vorgehabt. Doch nach einigen Stunden in Arianes Gesellschaft war Etienne sich seiner Sache plötzlich nicht mehr so sicher.

Giraud Kroninbergs graue Augen nahmen einen weichen Ausdruck an, als sein Blick auf seiner Frau ruhte. „Ich befürchte, du wirst für den Rest des Abends allein die Gastgeberpflichten übernehmen müssen“, informierte er Etienne. „Ich werde mich jetzt mit meiner reizenden Frau zurückziehen. Sie mag sich vielleicht schon besser fühlen, aber in meinen Augen ist sie noch längst nicht so stark, wie sie behauptet.“

Seine fürsorgliche Haltung rührte an Etiennes Herz. Wie sehr wünschte er sich, eines Tages mit jemandem in der gleichen Liebe verbunden zu sein, die seine Eltern füreinander empfanden.

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