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Folge deinem Herzen

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1. KAPITEL

John David Turner war ein begeisterter Sänger. Je lauter, desto besser. Er liebte es, wenn sein Gesang das Gebälk über ihm in Schwingungen versetzte und die Wände um ihn herum vibrierten. Er sang immer dann, wenn er zufrieden war, und heute war ein verdammt guter Tag gewesen, auch wenn er sich die Schulter verrenkt hatte, als er den Motor aus Clyde Walters’ 72er Mustang gehoben hatte.

Angesichts seines rauen, verstimmten und dröhnenden Organs gab es allerdings nur einen Ort, an dem er nach Herzenslust singen konnte, und das war unter der Dusche. Dort befand sich J. D. gerade.

Während er spürte, wie das heiße Wasser, das auf seinen Körper prasselte, die Zerrung in seiner Schulter löste, schmetterte er sein Lieblingslied.

„Annabella die Kuh war für ein Rindvieh eine außergewöhnliche Schönheit …“

Er hielt den letzten Ton, bis seine Stimme sich überschlug, ähnlich dem Heulen der Kojoten, das in den Wäldern und Tälern westlich von seinem Anwesen zu hören war. Manchmal, wie jetzt im Frühsommer, antworteten ihm die Kojoten sogar, wenn er diese letzte markerschütternde Silbe sang.

J. D. horchte, ob die Kojoten auch heute reagieren würden.

Alle Fenster seines kleinen Hauses waren geöffnet, um nach der Hitze des Tages die kühle Abendluft hereinzulassen. Seine Autowerkstatt und das Haus befanden sich am Stadtrand von Dancer im Bundesstaat North Dakota, gerade so weit außerhalb, dass nur die Tiere in der Nachbarschaft ihn hören konnten, wenn ihn die Sangeslust ergriff.

Aber anstelle der Kojoten vernahm J. D. in der Stille, die durch die Unterbrechung seiner Darbietung entstanden war, ein energisches Klopfen an der Haustür.

Sein Gesicht verfinsterte sich. Niemand wusste von seinen Gesangsübungen. Niemand. Nur einmal, vor langer Zeit, hatte er in einem Anfall von Wahnsinn einer Frau ein Liebeslied gesungen.

Aber obwohl er sich alle Mühe gab, es zu ignorieren, hörte das Klopfen nicht auf.

Schließlich drehte J. D. das Wasser ab und griff nach einem Handtuch. Seine gute Laune war von einem auf den anderen Augenblick verflogen.

Ob es daran lag, dass er sich an den Vorfall mit dem Liebeslied erinnerte, oder daran, dass man ihm beim Singen erwischt hatte – oder ob die Hartnäckigkeit des Störenfrieds der Grund war, auf jeden Fall war J. D. gereizt, als er mit dem Handtuch um die Hüften durch sein Schlafzimmer stapfte, wo er lauter kleine Pfützen auf dem Teppich hinterließ. Wer zum Teufel wagte es, ihn zu dieser Stunde zu stören?

Vermutlich sein Kumpel Stan, ebenfalls Junggeselle und das zweite Gründungsmitglied des „Wir heiraten nicht, nie und nimmer“-Klubs, auch bekannt unter der Abkürzung WHNNUNK. Stan kam manchmal abends auf ein Bier vorbei, und dann bastelten sie in der Werkstatt bis spät in die Nacht an irgendwelchen alten Autos herum. Wenn Stan der Störenfried war, würde morgen die ganze Stadt wissen, dass J. D. Turner unter der Dusche von schönen Kühen sang.

Nun würde eine solche Nachricht an den meisten Orten für wenig Aufsehen sorgen. In Dancer allerdings gab es einen solchen Mangel an Neuigkeiten, wie unspektakulär sie auch sein mochten, dass auch die trivialste Information über das Privatleben eines Bewohners sich wie ein Buschfeuer verbreitete.

J. D. hatte das Gefühl, dass er sich für eine lange Zeit auf Kuh-Witze einstellen musste. Missmutig riss er die Tür seines Schlafzimmers auf und marschierte in die Diele.

Er hatte Stan erwartet, und so blieb er ruckartig im Dunkeln seines Hausflurs stehen, als er durch die Glasscheibe seiner Haustür die Silhouette einer Frau erblickte, die sich gegen das Licht der untergehenden Sonne abzeichnete.

Die Frau hatte der Tür ihren Rücken zugewandt und blickte über die Flieder-Hecke hinweg in Richtung Stadt. Ihre Arme waren um den Oberkörper geschlungen, um sich vor der kühlen Abendbrise zu schützen. Sie trug einen Rock, der an einer anderen Frau geschäftsmäßig hätte aussehen können. An ihr allerdings betonte der Rock die verführerische Rundung ihrer Hüften und die vollkommene Form ihrer langen Beine.

Auch wenn er sie nur von hinten sehen konnte, wusste J. D., wer sie war.

Ihr blondes Haar schimmerte in den letzten Strahlen der Sonne. Es war zwar zu einem Knoten zusammengesteckt, doch der Wind hatte einige Haarsträhnen befreit, die ihren schlanken Hals umspielten.

Für einen kurzen Augenblick bekam J. D. einen trockenen Mund. Dann band er das Handtuch fester um seine Hüften und trat auf die Tür zu.

Mit jedem Schritt wurde seine Wut größer.

Fünf Jahre. Nicht einmal verabschiedet hatte sie sich. Kein Brief, kein Anruf, keinerlei Erklärung. Und dann erschien sie einfach so wieder in seinem Leben?

Sein Plan sah vor, die Tür zu verriegeln und die Frau klopfen zu lassen, solange sie wollte. Er war einmal in seinem Leben von Elana Smith verzaubert worden, und das war mehr als genug.

Doch zu seiner eigenen Überraschung ließ ihn seine Wut die Tür öffnen und auf die Veranda stürmen.

Entsetzt über seinen eigenen Zorn, der sich über jede Vernunft hinwegsetzte, packte er die Frau an der Schulter, wirbelte sie herum und drückte sie, ohne den Schreck auf ihrem Gesicht zu bemerken, an sich und küsste sie.

Es war kein Begrüßungskuss, es war ein strafender, ein wilder Kuss. Er schmeckte nach betrogener Liebe, nach dem Schmerz, den ihm fünf Jahre zugefügt hatten, in denen er immer wieder nach einer Antwort gesucht hatte. Es war der Kuss eines Mannes, der auf dem Schlachtfeld der Liebe verwundet und durch seine Verletzungen stärker, aber auch kälter geworden war.

Verzweifelt versuchte die Frau, sich aus seinem Griff und von seinen Lippen zu befreien. Er verspürte eine leichte Befriedigung, dass sie gegen seine Kraft nichts ausrichten konnte.

Dann aber drang die Erkenntnis zu ihm durch, dass irgendetwas nicht stimmte. Elana und sich seinen Lippen entziehen? Diese Begrüßung wäre ganz nach ihrem Geschmack gewesen. Sie hätte einen solchen Kuss begierig erwidert, und wahrscheinlich wäre er nunmehr derjenige, der versuchen würde, sie abzuwehren.

Als er so weit mit seinen Überlegungen gekommen war, spürte er den Widerstand der Frau auf einmal dahinschmelzen. Der Kampf war vorüber.

Während er sich noch über diese neuartige Entwicklung der Dinge wunderte, riss die Frau sich von ihm los und schleuderte ihm ihre Handtasche gegen den Schädel.

J. D. taumelte rückwärts und betrachtete sein Gegenüber mit zusammengekniffenen Augen.

„Was fällt Ihnen ein!“ Die Frau vor ihm warf ihm einen wütenden Blick zu und begann dann, ihre Bluse an der Stelle trockenzureiben, an der seine noch feuchte Haut einen Abdruck hinterlassen hatte.

Sie hatte Elanas Gesicht. Herzförmig, feminin und leicht exotisch. Wie gut er sich an diese vertrauten Gesichtszüge erinnerte, die hohen Wangenknochen, die vorwitzige Nase, das leicht spitze Kinn.

Aber dieses „Was fällt Ihnen ein!“ in diesem strengen, kühlen Tonfall, das war nicht Elana. Die Frau, die vor ihm stand, war einfach nicht Elana.

J. D. bemerkte, dass ihre Augen unter den dichten, geschwungenen Wimpern eine andere Farbe hatten. Elanas Augen waren blau gewesen. Diese Augen aber waren beinahe violett, wie die Blüte eines Veilchens.

Mit Kontaktlinsen, so wusste J. D., war heutzutage alles möglich, und er betrachtete die Frau eingehender.

Die Wut und Furcht in ihren schönen Augen waren echt. Doch dahinter konnte er die gleiche Sanftheit erkennen, die er an ihren Lippen verspürt hatte.

Und auch die waren bei näherer Betrachtung nicht die von Elana. Deren Mund war groß und sinnlich gewesen. Der Mund dieser Frau war hingegen eher klein, die Lippen waren leicht gewölbt und durch den ausgiebigen Kuss etwas angeschwollen.

J. D. fluchte leise. Er hatte soeben eine vollkommen Fremde bis zur Besinnungslosigkeit geküsst. Und das nur, weil sie im falschen Moment aufgetaucht war.

Die Tatsache, dass er nur mit einem Handtuch bekleidet war, missfiel der Frau vor ihm ganz offensichtlich. Pikiert betrachtete sie zuerst ihn, dann ihre Bluse.

„Sie haben sie ruiniert!“ Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie um Fassung rang. „Das ist eine Seidenbluse.“

„Hab ich mir schon gedacht.“

Die Frau warf ihm einen Blick zu, der zu sagen schien: Was versteht jemand wie Sie schon von Seide? J. D. beeilte sich, den ersten Eindruck, den er auf sie gemacht haben musste, noch zu vertiefen.

„Seide ist immer durchsichtig, wenn sie nass wird“, erklärte er leichthin.

Ihre Augen weiteten sich, und ihr Mund formte ein empörtes O. Dann verschränkte sie errötend die Arme vor der Brust.

„Zu spät. Ich habe schon alles gesehen. Spitzenbesetzt.“

„Oh!“, rief sie entrüstet.

„Versuchen Sie nicht, mich wieder mit der Handtasche zu schlagen!“, warnte er sie.

„Dann hören Sie gefälligst auf, mich so anzuschauen!“

„Wie schaue ich denn?“

Sie suchte nach Worten: „Wie … wie eine Eidechse!“

Obwohl eingeschworener Junggeselle, genoss J. D. es, dass sein Charme seine Wirkung auf das andere Geschlecht üblicherweise nicht verfehlte. Aber eine Eidechse? Am liebsten hätte er sie noch einmal geküsst, auch wenn sie ihn dann bestimmt wieder attackiert hätte.

Stattdessen musterte er sie genauer.

Kein Wunder, dass diese Frau immun gegen seinen Charme war. Durch ihre starke äußere Ähnlichkeit mit Elana war er davon ausgegangen, dass sie auch sonst wie Elana war.

Aber bei näherer Betrachtung war sie das genaue Gegenteil: Ihre Bluse war bis oben hin zugeknöpft, das Haar zu einem strengen Knoten zurückgebunden. Sie trug nur leichtes Make-up, und auf ihren gewölbten Lippen lag ein Ausdruck des Missfallens, der geradezu gouvernantenhaft war.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte J. D. unfreundlich. Diese Frau war zwar nicht Elana, aber sie hatte etwas mit Elana zu tun. Sie musste eine Verwandte sein, vielleicht eine Zwillingsschwester. Nein, eher doch eine jüngere Schwester. Aber wer auch immer sie war, der Grund, aus dem sie hier vor ihm stand, hatte mit Elana zu tun, und das konnte nichts Gutes bedeuteten. Dessen war er sich ganz sicher.

Die Fremde fuhr sich unterdessen mit ihrem Ärmel über den Mund, so als wolle sie die letzten Spuren des Kusses verwischen. Dann sah sie sich um, und J. D. konnte ihrem Blick ansehen, was ihr in diesem Augenblick durch den Kopf ging: Sie befand sich auf der Veranda eines fremden Hauses, vor ihr stand ein halbnackter Mann, der sie soeben geküsst hatte, und es gab weit und breit keine Nachbarn, die ihre Hilferufe hätten hören können.

Normalerweise würde J. D. in einem solchen Augenblick versuchen, sein Gegenüber zu beruhigen. Doch diese Dame hier bedeutete Gefahr.

Auch wenn sie wie der harmloseste Mensch der Welt aussah, hatte er in ihrem Kuss doch etwas verspürt, das nicht annähernd so unschuldig war, wie sie sich gab.

Ihr Haar, das die Farbe reifen Weizens hatte, umrahmte ein Gesicht, das so schön war, dass man sie für einen Engel halten konnte. Allerdings hatte man auch Elana für einen Engel halten können.

J. D. bemerkte als Nächstes, wie schlank seine Besucherin war. Elana war zwar auch schlank gewesen, hatte jedoch über stärkere Rundungen verfügt. Immer sexy gekleidet, hatte sie Miniröcke und schwarzes Leder bevorzugt. Die Kleidung, die die Frau vor ihm trug, verstärkte ihre gouvernantenhafte Erscheinung noch. Das Pastellblau erinnerte J. D. an etwas, das OP-Schwestern trugen. Alles an ihr war wie aus dem Ei gepellt.

Elana hatte niemals wie aus dem Ei gepellt gewirkt. Doch auch wenn es sich bei seinem Gegenüber nur um eine schlechte Kopie handelte, umgab sie dennoch ein Hauch von Gefahr.

„Was kann ich für Sie tun?“, wiederholte J. D. seine Frage, diesmal noch etwas kühler.

„Nichts“, antwortete die Frau, „ich habe mich geirrt.“ Damit trat sie unsicher einen Schritt zurück und kehrte ihm dann den Rücken zu, um die Flucht zu ergreifen.

J. D. wusste nicht, ob er erleichtert oder enttäuscht sein sollte, dass er den Grund für ihren Besuch nun nie erfahren würde.

Er nahm an, dass er wohl eher enttäuscht war, zumal er das „Warten Sie!“, das ihm auf der Zunge lag, nur mühsam zurückhalten konnte.

In ihrer Eile stolperte die Blondine davon und geriet auf der Treppe ins Straucheln. Und obwohl J. D. noch reflexartig nach ihr griff, war es zu spät. Sie verlor das Gleichgewicht und schlug mit dem Kopf auf den Stufen auf.

Sofort war er bei ihr. Alle Feindseligkeit, die er empfunden hatte, war verflogen.

Sie dagegen sah ihn benommen an und befahl dann in mattem Tonfall: „Fassen Sie mich nicht an!“

An ihrer Stirn war etwas Haut abgeschürft, und rund um die Wunde schwoll mit beängstigender Geschwindigkeit eine Beule an.

„Lassen Sie mich runter!“, verlangte sie, als er sie hochhob. Sie war so leicht, dass er in seiner lädierten Schulter keinerlei Schmerz verspürte. Warm und angenehm lag sie in seinen Armen.

J. D. ignorierte ihren Protest ebenso wie die Tatsache, dass das Handtuch um seine Hüften gefährlich rutschte, als er sie die Stufen hinauftrug, die Haustür mit dem Fuß aufstieß und in die Küche trat. Dort setzte er sie auf einen Stuhl.

Sofort versuchte sie, wieder aufzustehen.

„Hinsetzen!“, befahl er und korrigierte den Sitz seines Handtuchs.

Sie warf ihm einen trotzigen Blick zu und unternahm einen wackligen Schritt in Richtung Tür, ließ sich dann jedoch widerwillig zurück auf den Stuhl fallen. Daraufhin sah sie sich in der Küche um, die alles in allem nicht den Anschein machte, als würde sie in einer der nächsten Ausgaben von „Schöner wohnen“ erscheinen.

Der Raum war nur spärlich möbliert: ein Tisch mit Resopal-Oberfläche, Stühle mit Metallrahmen und weinroten Kunststoff-Polstern. Das Geschirr der letzten drei oder vier Tage war in der Spüle gestapelt. Missbilligend blieb ihr Blick an dem Motor hängen, den J. D. auf der Arbeitsplatte auseinander genommen hatte.

Beauford, sein Hund, eine freundliche Mischung aus Jagdhund und Basset, hatte bis zu diesem Zeitpunkt unter dem Tisch geschlafen. Er nutzte nun die Gelegenheit, um sich auf seine kurzen Beine zu erheben, den kräftigen, schwarz, weiß und braun gefleckten Körper zu strecken und anschließend seinen riesigen Kopf in den Schoß der Besucherin plumpsen zu lassen. Dort schnüffelte er unhöflich und blinzelte dann ergeben mit seinen traurigen braunen Augen.

Erschrocken nahm die Frau die Arme von ihrer Bluse und schubste den Kopf des Hundes von ihrem Schoß. „Mistvieh!“, stieß sie hervor.

Nun war J. D. ein geduldiger Mensch, und er wusste, dass Beauford zu Mundgeruch neigte, aber deshalb war er noch lange kein Mistvieh. Allmählich hatte er die Nase voll.

Er hielt eine Hand mit drei ausgestreckten Fingern vor ihr Gesicht: „Wie viele?“ Sobald er sichergestellt hatte, dass ihr nichts fehlte, würde er Fräulein Etepetete hinauswerfen. Selber Mistvieh!

„Drei.“ Sie warf ihm einen ungnädigen Blick zu und bedeckte mit den Armen wieder die durchsichtige Stelle auf ihrer Bluse.

„Welches Datum ist heute?“

„Der 28. Juni.“

„Wann ist Ihr Geburtstag?“

„Und woher wollen Sie wissen, ob die Antwort stimmt?“

Da hatte sie recht. Und die Tatsache, dass sie zu einer solchen Überlegung fähig war, zeigte, dass mit ihrem Kopf offenbar alles in Ordnung war. Er konnte sie also beruhigt nach Hause schicken.

Andererseits schien sie ihm genau der Typ zu sein, der einen wegen einer Gehirnerschütterung oder ähnlichem verklagte, und so ging er widerstrebend zum Kühlschrank, nahm einen Beutel mit tiefgefrorenen Erbsen aus dem Tiefkühlfach und hielt ihn auf die Beule an ihrer Stirn. Sie schloss kurz die Augen, dann versuchte sie wieder aufzustehen.

„Immer mit der Ruhe“, ermahnte er sie und drückte ihre Schulter mit einem Finger wieder nach unten, „ich tue Ihnen doch nichts.“

„Und warum haben Sie das vorhin getan?“, wollte sie wissen.

Einen Augenblick lang glaubte er, sie beschuldigte ihn, sie die Stufen hinuntergestoßen zu haben. „Was habe ich denn getan?“, fragte er spitz.

„Sie haben mich geküsst!“

„Ach so, das.“ Er zuckte die Schultern, so als habe der Vorfall nichts zu bedeuten, obwohl er in Wahrheit noch immer den süßen Geschmack ihrer Lippen in seinem Mund schmeckte. „Ich dachte, Sie seien jemand anders.“

Sie schwieg, und in den Tiefen ihrer veilchenblauen Augen war abzulesen, dass sie in diesem Augenblick erkannte, welche leidenschaftliche Beziehung zwischen ihm und ihrer Doppelgängerin bestanden haben musste.

„Sie sind Jed Turner, oder?“

Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Nur Elana hatte ihn Jed genannt. Ansonsten war er für alle J. D.

„John“, verbesserte er sie. „Oder J. D. – J. D. Turner.“

„Ich bin Tally Smith. Ich glaube, Sie haben meine ältere Schwester gekannt. Elana.“

J. D. schwieg, während er den Beutel mit Erbsen weiterhin an ihre Schläfe hielt. Er hatte nicht die Absicht, ihr die Angelegenheit besonders leicht zu machen.

„Ich kannte sie flüchtig“, antwortete er schließlich knapp. Seine Stimme verriet keine Gefühlsregung.

Die Frau vor ihm holte tief Luft, zögerte erneut und zwang sich dann zu sagen: „Sie ist tot.“

Nur drei Worte. Langsam wurde er sich ihrer Bedeutung bewusst. Und erkannte zugleich, dass Elana für ihn schon vor langer Zeit gestorben war.

Er wusste nicht, was er sagen sollte. Dass es ihm leid tat? Er war sich nicht einmal sicher, ob das der Wahrheit entsprach. J. D. war erleichtert, als das Telefon klingelte und ihm Zeit gab, darüber nachzudenken. Er ergriff Tally Smiths Hand, die klein, zart und warm war, und legte sie um den Beutel mit Tiefkühlerbsen. Dann ging er zum Telefon.

„Mrs Saddlechild? Ja, den habe ich fertig. Zehn Dollar. Ich bringe ihn Ihnen morgen vorbei. Keine Ursache.“ Er legte den Hörer auf und wünschte, es sei ein längerer Anruf gewesen, Clyde zum Beispiel, der sich nach dem Mustang erkundigen wollte.

Er wandte sich wieder der Frau in seiner Küche zu. Tally Smith, Elanas kleine Schwester. Sie sah aus wie Mitte zwanzig. Elana war so alt gewesen wie er, und er war mittlerweile dreißig.

Sie war aufgestanden und bewegte sich mit unsicheren Schritten auf die Tür zu. Die Erbsen hielt sie immer noch gehorsam an die Stirn gedrückt.

„Wann ist sie gestorben?“, fragte er zögernd.

Ihre Augen waren blind vor Schmerz, und er spürte, dass dieser Schmerz nichts mit der Beule auf ihrer Stirn zu tun hatte.

„Vor fast einem Jahr.“

„Und warum erzählen Sie mir das? Warum jetzt?“

„Ich weiß nicht“, antwortete sie.

Irgendetwas in ihrer Stimme ließ ihn aufhorchen. Es erinnerte ihn an Elanas Stimme, die etwas Geheimnisvolles gehabt hatte.

„Sind Sie aus Saskatchewan?“, fragte er.

Sie nickte.

„Sie haben einen weiten Weg gemacht, um mir die Nachricht zu überbringen.“

Tally sah ihn scharf an, und J. D. erkannte, dass sie ihm etwas verheimlichte. Ein flaues Gefühl regte sich in seinem Magen.

„Ja, ich habe einen weiten Weg gemacht“, antwortete sie steif, doch unter ihrer Angespanntheit konnte J. D. zugleich Erschöpfung erkennen. Der Hund trottete unterdessen hinter ihr her, als sei sie seine beste Freundin. Sie betrachtete Beauford mit Abscheu, und das bisschen Sympathie, das J. D. für sie empfunden hatte, verflog auf der Stelle wieder. Was für ein kaltherziger Mensch musste man eigentlich sein, um Beauford nicht zu mögen?

J. D. folgte ihr nach draußen und hielt den Hund vor der Treppe zurück. Diesmal bewältigte die Blondine die Stufen ohne weitere Zwischenfälle. J. D. bemerkte den kleinen grauen Nissan mit dem kanadischen Nummernschild, der vor dem Haus auf sie wartete.

„Sie hätten anrufen sollen“, sagte er frostig.

Niemand legt einen so langen Weg zurück, nur um eine schlechte Nachricht zu überbringen, dachte J. D. Er hatte sich vor fünf Jahren mit einer Smith eingelassen und konnte von Glück reden, dass er lebend aus der Angelegenheit herausgekommen war. Noch einmal würde ihm das nicht passieren, auch wenn dieses Exemplar vom Temperament her das genaue Gegenteil von Elana zu sein schien.

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