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Frau Maier macht Dampf

Jessica Kremser wuchs am Chiemsee auf. Zum Studium der englischen und italienischen Literatur und der Theaterwissenschaften zog es sie nach München, wo sie seitdem lebt. Mit „Frau Maier fischt im Trüben“ gab sie 2012 ihr Debüt als Kriminalschriftstellerin.

Von Jessica Kremser bereits erschienen:

Frau Maier fischt im Trüben (2012)

Frau Maier hört das Gras wachsen (2013)

Frau Maier sieht Gespenster (2015)

Frau Maier wirbelt Staub auf (2018)

Für Frau Maiers (und meine) Freundinnen, die sich gewünscht haben, dass sie ein weiteres Abenteuer erleben darf: Patricia, Betti, Kathrin, Claudia, Bärbel, Isa, Uschi, und alle anderen, die Frau Maier mögen.

Und mit Dank an Jannis, der mich im Stau dazu überredet hat, mir gegen die Langeweile im Auto einen weiteren Band der Reihe auszudenken.

Und natürlich für Vroni, mit der ich die besten Zeiten überhaupt im Wellness-Hotel verbringe!

Inhalt

Erstes Kapitel: Samstag

Zweites Kapitel: Sonntag

Drittes Kapitel: Montag

Viertes Kapitel: Dienstag

Fünftes Kapitel: Mittwoch

Sechstes Kapitel: Donnerstag

Siebtes Kapitel: Freitag

Achtes Kapitel: Samstag

Editorische Notiz

Erstes Kapitel

Samstag

Am Anfang steht der Aufbruch.

Was bedeutet Aufbruch für Sie persönlich?

Ist es eher ein Abschied oder ein Neubeginn?

Ist es eher ein Loslassen oder ein Mitnehmen?

Mit welchem Gepäck machen Sie sich auf den Weg?

Ist es leicht oder wiegt es schwer?

Sind Sie sicher, dass Sie alles benötigen, was Sie mit auf den Weg genommen haben?

Oder könnte man das Eine oder Andere vielleicht auch zurücklassen?

Dr. Vita Wohlleben: „Warum Wellness? Erklärungen für Einsteiger, Kapitel 1: Aufbrechen bedeutet Loslassen“,

Seite 2, Wohlleben-Verlag

Frau Maier starrte auf den kleinen Rollkoffer und ihre Handtasche. Sie überlegte, was sie alles eingepackt hatte. Saubere Wäsche, Zahnbürste, Badeanzug und Badeschlappen, ein Nachthemd.

Sie schüttelte den Kopf.

Nein.

Davon hätte sie definitiv nichts zurücklassen können.

I

Der Zug ratterte und rumpelte durch die Bergtäler.

Obwohl sie natürlich wusste, dass Züge längst mit Strom betrieben wurden, stellte sich Frau Maier vor, wie er auf seiner Fahrt dicke Dampfwolken ausstieß und sich ächzend über die Gleise wälzte. Sie konnte es förmlich sehen, aus der Vogelperspektive: der Zug so klein wie Spielzeug und kaum noch sichtbar unter den dichten, weißen Schwaden, die aus dem Schlot der Lok entwichen. Wie in einem ihrer Lieblingsfilme: Mord im Orientexpress.

Frau Maier musterte ihre Mitreisenden aufmerksam. Wer würde wohl Opfer, wer Täter sein?

Die beiden älteren Damen mit den Wanderstöcken im Gepäck zum Beispiel. Körperlich fit waren sie auf jeden Fall. Konnte man mit Wanderstöcken zuschlagen? Sie betrachtete die festen Eisenspitzen am Ende der Stöcke, die sich tief in den Boden rammen ließen. Vielleicht eher zustechen.

Das junge Mädchen mit den riesigen Kopfhörern auf den Ohren und den halb geschlossenen Augen: Vielleicht hörte sie gar keine Musik, sondern konzentrierte sich auf etwas ganz anderes. Auf den perfekten Augenblick für ein Verbrechen.

Tschu-tschuuuuuu, machte der Zug in Frau Maiers Kopf und stieß neue, dicke Dampfwolken aus.

Was war eigentlich mit dem korpulenten Mann ihr gegenüber los? Er wuchtete sich schon zum dritten Mal mit Mühe aus seinem Sitz und ging leicht schwankend den Gang entlang, Richtung Toilette. Durchfall, schwache Blase – oder andere Abgründe?

„… Fahrschein vorzeigen, gnädige Frau, bittedanke!“ Frau Maier wurde aus ihren mörderischen Gedanken gerissen und schaute auf. Gnädige Frau, das gefiel ihr. Sie wühlte in ihrer zu großen Handtasche nach dem Zugticket.

„Nur die Ruhe, nur die Ruhe, ich habe heute nichts mehr vor“, beruhigte sie der schmächtige junge Schaffner mit dem leichten Oberlippenflaum und dem kleinen, goldenen Ohrstecker und freute sich über seinen kleinen Scherz. Frau Maier betrachtete ihn mit leicht schief gelegtem Kopf. Sie stellte sich vor, wie er in der Dämmerung im immer dunkler werdenden Zug durch die Waggons eilte, verstohlene Blicke über seine Schulter werfend, auf der Suche nach …

Ein Räuspern drang an ihre Ohren. Obwohl er nichts mehr vorhatte, wurde der Schaffner nun doch ungeduldig. Sie reichte ihm das Ticket und er warf einen Blick darauf.

„Die schöne Steiermark!“, sagte er. „Viel Vergnügen bei Ihrem Aufenthalt.“

Die gnädige Frau sparte er sich dieses Mal.

Schade, dachte Frau Maier.

II

Noch viel absurder als ihre mörderischen Gedanken war die Tatsache, dass sie überhaupt hier in diesem Zug saß.

Sie, Frau Maier.

In einem Zug, der sie mit jeder ratternden Sekunde weiter weg von ihrem kleinen Haus, der Katze und dem See brachte.

Sie, Frau Maier. Auf dem Weg in den Urlaub. Den ersten Urlaub ihres Lebens.

Wie hatte das passieren können?

Alles hatte mit Elfriede angefangen. Vor einer Woche war sie vom Fahrrad gestürzt und hatte sich das Handgelenk gebrochen. Sofort hatte Frau Maier einen Kuchen gebacken und Elfriede besucht – immerhin war Elfriede Gruber, die die Kauzinger Sparkasse leitete, die einzige Person, die Frau Maier fast schon als Freundin bezeichnete. Innerlich tat sie es jedenfalls. Meine Freundin Elfriede, dachte sie manchmal, und freute sich.

Elfriede hatte einen dicken Gips getragen und ziemlich unglücklich aus der Wäsche geschaut.

„Sechs Wochen krankgeschrieben“, berichtete sie kläglich. „Ich hoffe, die kriegen das hin.“

Die waren Elfriedes Kollegen und Kolleginnen in der Sparkasse. Elfriedes Verhältnis zu ihnen war zwiespältig: Sie mochte sie zwar von Herzen gerne, aber sie traute ihnen leider nicht allzu viel an Sorgfalt und Kompetenz zu.

„Was sollten die denn da nicht schaffen?“, brummte Frau Maier. Doch als sie bemerkte, dass Elfriede wirklich unglücklich aussah, fügte sie hinzu: „Die haben doch von der besten Chefin gelernt!“

Elfriedes Miene hellte sich nur ein winziges Bisschen auf. „Aber das ist ja noch nicht das Schlimmste“, jammerte sie und sagte nichts mehr. Elfriede mochte es gerne, wenn ihr Gegenüber nachhakte.

Frau Maier tat ihr den Gefallen. „Was ist denn das Schlimmste?“, fragte sie geduldig.

„Der Wellnessurlaub“, flüsterte Elfriede und hatte jetzt tatsächlich Tränen in den Augen.

Da fiel es Frau Maier siedend heiß wieder ein. Elfriede hatte ja einen Wellnessurlaub bei einem Preisausschreiben gewonnen und sich darüber gefreut wie eine Schneekönigin. Elfriede liebte Wellness und außerdem war sie sehr sparsam (das war eventuell eine Berufskrankheit). Infolgedessen war diese Kombination – ein Wellnessurlaub ganz umsonst – wirklich der perfekte Gewinn für sie.

„Der Urlaub wäre nächste Woche gewesen, alles ist bezahlt …“ Elfriede tastete nach einem Taschentusch und wollte sich schnäuzen. Sie bemerkte, dass das mit einer Gipshand so gut wie unmöglich war, und zog geräuschvoll die Nase hoch.

„Da kann man doch sicher ein Attest einreichen und das Ganze verschieben …“, begann Frau Maier.

„Nein“, unterbrach Elfriede sie. „Kann man nicht, ich habe schon nachgefragt. Der Gewinn verfällt.“

Frau Maier überlegte gerade noch, was sie Tröstendes sagen könnte – da wurde ihr bewusst, dass Elfriede sie schräg von der Seite anschaute und nicht aus den Augen ließ.

Frau Maier hatte sehr gute Antennen für alles, was um sie herum passierte, und in diesem Moment wurde ihr klar, dass das Gespräch gleich noch eine Wendung nehmen würde.

Tatsache.

„Es sei denn …“ Elfriede legte wieder eine ihrer Kunstpausen ein.

Frau Maier ließ einige Sekunden verstreichen, seufzte und gab nach: „Es sei denn?“, fragte sie.

„Es sei denn, es gibt einen Ersatz“, platzte Elfriede heraus und schickte noch ganz schnell hinterher: „Und da dachte ich an Sie.“

„An mich? Aber ich mache doch nie Urlaub!“ Frau Maier war ehrlich verdattert.

„Eben, aber Sie würden doch eigentlich gerne, wenn Sie …“ Elfriede zögerte kurz. „Wenn Sie mehr Rücklagen hätten“, umschrieb sie Frau Maiers Finanzstatus dann diskret. Das stimmte. Wer, wenn nicht Elfriede, hätte besser wissen sollen, wie mager die Erträge auf Frau Maiers Sparkonto waren?

„Aber ich war doch noch nie in einem Wellnesshotel …“, setzte Frau Maier an.

„Sie werden es lieben. Gutes Essen, bequeme Liegestühle, den ganzen Tag im Bademantel – ich glaube, das wird der perfekte Urlaub für Sie.“

Na bravo, dachte Frau Maier. Alles, was ich in Elfriedes Augen will, ist also den ganzen Tag im Bademantel herumliegen und essen.

Sie überlegte kurz. Elfriede hatte recht.

„Das klingt gut, muss ich zugeben“, begann sie langsam, aber als sie Elfriedes hoffnungsfrohes Gesicht sah, beeilte sie sich, hinterherzuschieben: „Aber ich habe doch gerade drei feste Putzstellen, die kann ich nicht hängen lassen.“

Elfriede zuckte mit den Achseln. „Die werden wohl mal eine Woche ohne Sie auskommen.“

Frau Maier überlegte fieberhaft. Elfriede konnte ziemlich hartnäckig sein, das wusste sie. Um dieses Gespräch zu beenden, musste sie jetzt härtere Geschütze auffahren.

„Aber wer nicht eine Woche lang ohne mich auskommt, ist die Katze.“ Frau Maier lehnte sich zufrieden auf dem Sofa zurück. Das sollte sitzen.

„Das übernimmt meine Schwester, die Gerda“, sagte Elfriede sofort wie aus der Pistole geschossen.

Frau Maier legte den Kopf etwas schief, kniff ihre Augen zusammen und betrachtete die Elfriede aufmerksam. Die rutschte ein wenig unruhig in ihrem Sessel herum. „Ja gut, ich gebe es zu, ich habe das schon alles organisiert. Ich möchte halt nicht, dass dieser Urlaub verfällt. Es ist doch schon alles bezahlt. Das wäre doch zum Fenster herausgeworfenes Geld!“

Zum Fenster herausgeworfenes Geld war für Elfriede Gruber das, was für andere Menschen der Antichrist war. Frau Maier seufzte: „Apropos Gerda. Haben Sie die eigentlich schon gefragt, ob sie Lust auf Wellness hätte?“

„Die bekommt von Thermalwasser Hautausschlag.“

„Vielleicht bekomme ich das auch, ich war ja noch nie im Thermalwasser …“, setzte Frau Maier an, während Elfriede gleichzeitig murmelte: „Jaja, ich dachte mir schon, dass Sie sich nicht trauen.“

Frau Maier verstummte mitten im Satz. Hatte sie da gerade richtig gehört? Dieses Mal musste Elfriede keine Kunstpause einlegen, um auf die Nachfrage zu warten.

„Dass ich mich nicht traue?“, wiederholte Frau Maier.

„Na ja, Sie waren doch noch nie im Urlaub, schon gar nicht im Wellnessurlaub. Da ist es doch nur verständlich …“ Elfriede kam ins Stottern.

Frau Maier setzte sich kerzengerade hin. „Soweit ich weiß, fahren Tausende von Rentnern aus ganz Deutschland regelmäßig in den Wellnessurlaub. Da werde ich das wohl auch schaffen“, sagte sie spitz. „Wo ist denn das Hotel?“

Mit einem triumphierenden Lächeln griff Elfriede nach drei Prospekten, die sie vorsorglich schon in ihrer Reichweite platziert hatte. Und Frau Maier hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie gerade ein wenig ausgetrickst worden war.

III

„Für Sie noch einen Kaffee?“

Frau Maier schaute auf. Die Service-Mitarbeiterin mit dem rumpeligen Wagen, der randvoll mit Snacks und Getränken beladen war, hielt einen Pappbecher hoch.

Frau Maier seufzte. So sehr sie Kaffee liebte, sie konnte nicht noch einmal fast drei Euro für diese unglaublich geschmacklose schwarze Brühe ausgeben.

„Nein, danke“, erwiderte sie mit einem freundlichen Lächeln.

Eine halbe Stunde später fuhr der Zug in den Endbahnhof ein. Von hier würde sie von einem Shuttle abgeholt und ins Hotel gebracht werden.

Ihr Herz schlug plötzlich schneller und ihr Mund war ganz trocken. Jetzt hätte sie doch gerne einen Schluck schwarzer Brühe gehabt.

Als sie die Bahnhofshalle durchquerte, kam sie sich winzig klein vor, ein Gefühl in ihrem Inneren wurde dagegen immer riesiger: Das Gefühl, völlig fehl am Platz zu sein. Was tat sie hier? So weit weg vom See, von der Katze und von …

Sie wurde rot, obwohl sie niemand beobachtete.

Und von Andreas.

Verzagt ging sie weiter und zog den Rollkoffer, den Elfriede ihr geliehen hatte, hinter sich her. Mit dem anderen Arm hielt sie ihre alte Handtasche fest an sich gedrückt.

Als sie auf den Bahnhofsvorplatz heraustrat, erspähte sie mit ihren Adleraugen zum Glück sofort einen Mann, der ein Schild mit der Aufschrift Steirische Oase trug. So hieß ihr Hotel.

Frau Maier ging erleichtert auf ihn zu. Sie wusste nicht, was sie gemacht hätte, wenn sie noch länger hier alleine und verloren hätte herumstehen müssen. Vielleicht hätte sie sogar ein bisschen geweint. Und Frau Maier weinte fast nie.

IV

Als der Fahrer ihren Koffer verstaut hatte und sie losfuhren, fragte er freundlich. „Für Sie geht es also in die Steirische Oase. Wieso haben Sie sich für dieses Hotel entschieden?“

„Das war eigentlich … Zufall“, log Frau Maier elegant, denn sie erinnerte sich haargenau an den Moment, in dem sie sich ganz bewusst für die Steirische Oase entschieden hatte.

„Drei Hotels gibt es zur Auswahl.“

Elfriede Gruber drückte Frau Maier die drei Prospekte in die Hand. „Eines ist an der Ostsee, da ist halt die Anfahrt weit, aber dafür hat man die gute Meeresluft. Eines ist in der Eifel, da soll es ja auch sehr schön sein. Und das dritte ist in Österreich. In der Steiermark.“

Frau Maier nahm die Prospekte entgegen. Ihr war nicht entgangen, dass Elfriede über das dritte Hotel in Österreich gar nichts Näheres gesagt hatte. Sie blätterte eine Weile.

„Das in der Steiermark sieht schön aus“, stellte sie dann beiläufig fest.

„Ja, schon …“ Elfriede unterbrach sich und Frau Maier hatte den Eindruck, dass sie dieses Mal ausnahmsweise keine Kunstpause machte, sondern wirklich zögerte. Sie wurde sofort neugierig. Bei ihr funktionierte die Neugier auf Knopfdruck: Sobald Frau Maier das Gefühl hatte, dass jemand etwas nicht sagen wollte, wollte sie es unbedingt erst recht wissen.

„Kennen Sie das Hotel?“, fragte sie.

Elfriede nickte. „Ja, ich war schon zweimal dort und normalerweise hätte ich es Ihnen auch unbedingt empfohlen, aber …“

Wieder machte sie eine Pause und Frau Maier war jetzt wirklich endgültig gespannt: „Aber?“, fragte sie ungeduldig – und hatte für einen ganz kurzen Moment den Eindruck, dass ein leichtes Lächeln über Elfriedes Gesicht huschte.

„Letztes Jahr hat das Hotel meinen dort gebuchten Urlaub storniert, angeblich wegen technischer Probleme im Wellnessbereich“, antwortete Elfriede. „Allerdings habe ich im Internet ganz andere Dinge gelesen. Dass der Hoteldirektor spurlos verschwunden ist und dass man sich von dunklen Machenschaften erzählt …“

„Dunkle Machenschaften?“ Frau Maiers Herz schlug schneller.

Das klang gut.

Sie gab Elfriede die Ostsee und die Eifel zurück und packte die Steiermark sorgfältig in ihre Handtasche. Als sie aufblickte, entdeckte sie das breite Grinsen auf Elfriedes Gesicht: „Ich wusste, dass Sie da nicht widerstehen können!“

Frau Maier musste lachen. „Ich bin wohl ziemlich leicht zu durchschauen“, sagte sie.

„Nur in dieser einen Sache“, erwiderte Elfriede. „In allen anderen Dingen sind Sie ziemlich undurchschaubar.“

Frau Maier musterte sie und fragte sich, ob Elfriede diese Bemerkung wohl auch lustig gemeint hatte. Aber sie sah so aus, als hätte sie es genau so gemeint, wie sie es gesagt hatte.

V

Als sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, und die Landschaft immer grüner und hügeliger wurde, spähte Frau Maier verstohlen in ihre Handtasche. Da lag es.

Das Smartphone.

Sie, die noch nicht einmal ein Festnetztelefon in ihrem Haus am See hatte. Sie, die keinen Computer hatte.

Sie hatte jetzt ein Smartphone.

Schuld daran war Andreas … Sie hatte ihn kennengelernt, als sie wieder einmal über eine Leiche gestolpert und daraufhin in Schwierigkeiten geraten war. Er schrieb die Dorfgeschichte von Kauzing und wohnte in dem wunderschönen, alten Pfarrhof direkt am See. Und nicht nur der Pfarrhof war schön …

Andreas hatte blaue Augen und Lachfalten und … Frau Maier wurde wieder rot und schaute angestrengt aus dem Fenster.

Sie hatte all ihren Mut zusammengenommen und ihn tatsächlich gefragt, ob er sich vielleicht auch ein Zimmer in der Steirischen Oase buchen wollte. Ob sie vielleicht gemeinsam dorthin fahren wollten. Es war ihr unendlich schwergefallen, sich das zu trauen.

Und er hatte abgelehnt.

„Mein Enkel ist gerade einmal drei Monate alt und ich habe der Bine doch versprochen, sie jetzt wirklich zu unterstützen“, hatte er entschuldigend gesagt.

Die Bine war seine Tochter und jedes Mal, wenn Andreas sie erwähnte, gab das Frau Maier einen Stich. Und seit Jonas auf der Welt war, war das noch schlimmer geworden.

Es war ungerecht, das wusste Frau Maier. Es war absolut kindisch, mit seiner Familie konkurrieren zu wollen. Aber darum ging es auch nicht. Sie war nicht eifersüchtig, weil sie seine Zuneigung teilen musste. Sie spürte einen tiefen Schmerz, eine Trauer, dass sie selbst keine Kinder und Enkelkinder hatte. Und manchmal hatte sie den Eindruck, dass die Traurigkeit auch deswegen so groß war, weil sie noch nie jemandem davon erzählt hatte. In dem Moment, in dem Andreas den gemeinsamen Urlaub abgelehnt hatte, hatte sie sich so verloren, einsam und niemandem zugehörig gefühlt wie noch nie zuvor.

„Schön ist sie, die Steiermark, oder?“

Die Stimme des Shuttle-Fahrers drang an Frau Maiers Ohr und sie wandte sich ihm zu. „Sehr schön“, stimmte sie zu, obwohl sie überhaupt nichts von der Landschaft wahrgenommen hatte. Zusammenreißen, sagte sie sich. Wie so oft in ihrem Leben.

Keine Schwäche zeigen!

Was half gegen Traurigkeit und Unruhe? Neben dem Putzen – das gerade im Moment unmöglich war – war das eindeutig das Schnüffeln.

„Sie kennen ja als Fahrer bestimmt alle Hotels in der Gegend“, begann sie.

„Natürlich, ich kenne jedes und jeden, der dort arbeitet.“ Er lachte zufrieden.

Frau Maier beschloss, sofort zur Sache zu kommen. „Eigenartige Geschichte, das mit dem Hoteldirektor der Steirischen Oase, was denken Sie?“, fragte sie – so beiläufig, als wüsste darüber selbstverständlich jeder Bescheid.

Der Fahrer musterte sie ganz kurz von der Seite. Dann siegte sein Wunsch, sich wichtig zu machen. Genauso hatte Frau Maier ihn eingeschätzt. Sie lehnte sich bequemer in ihren Autositz zurück und lächelte zufrieden.

„Eine schlimme Geschichte“, bestätigte er. „Und es gab ja überhaupt keine Anzeichen dafür, dass er vielleicht aus seinem Leben raus wollte. Er hat so eine tolle Frau, zwei erwachsene Kinder. Seine Frau ist jetzt am Boden zerstört, das können Sie mir glauben.“

Frau Maier spielte die nächste Karte: „Ich habe ja gelesen, dass es vielleicht Mord war“, behauptete sie im Brustton der Überzeugung.

Der Fahrer stutzte. „Wo haben Sie das denn gelesen?“, wollte er wissen.

Frau Maier zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde. „Im Internet“, antwortete sie dann. Wirklich praktisch, dieses Internet, dachte sie. Da sollte ihr erst einmal jemand beweisen, dass sie das dort nicht gelesen hatte.

„Die Polizei hat natürlich ermittelt“, bestätigte der Fahrer, „aber die Ermittlungen wurden ziemlich schnell eingestellt. Und es war hier in der Presse so gut wie nichts darüber zu lesen. Wahrscheinlich aus Respekt vor der Familie. Man kennt sich ja schließlich.“

„Und wie geht es jetzt mit dem Hotel weiter?“

„Der Bruder des ehemaligen Direktors hat Gott sei Dank übernommen. So bleibt es wenigstens in der Familie.“

Frau Maier nickte nachdenklich und schaute wieder aus dem Fenster. Sie begann, sich ein bisschen mehr auf den Aufenthalt im Hotel zu freuen.

VI

Die Eingangshalle der Steirischen Oase erschien ihr riesengroß und sie musste sich Mühe geben, sich nicht augenblicklich wieder eingeschüchtert zu fühlen. Du bist Gast hier, es wurde alles bezahlt, der Kunde ist König, redete sie sich innerlich gut zu.

Hinter einem langen Tresen wuselten mehrere Empfangsdamen in Tracht herum, die sich alle sehr beschäftigt gaben. Am anderen Ende der Halle konnte sie eine mit Holz vertäfelte Bar erkennen. Auf den Hockern davor hielten sich einige Gestalten in weißen Bademänteln und Badeschlappen an bereits halb oder ganz geleerten Bier- und Weingläsern fest.

Frau Maier schaute auf die Uhr über dem Tresen. Kurz vor halb fünf. „Das nenne ich Wellness, sauber“, murmelte sie.

Entlang der Halle standen grüne, lange Gräser, die Schilf ähnelten, in hohen weißen Vasen, umgeben von runden, grauen Steinen, auf denen vereinzelte Buddha-Figuren saßen. Sie bildeten einen eigenartigen Kontrast zu den Empfangsdamen im Dirndl und den Gästen im Bademantel.

Nach dem Einchecken führte ein netter, junger Mann, der nach Frau Maiers Einschätzung noch nicht volljährig sein konnte, sie zu ihrem Zimmer. Er erinnerte sie an den Seppi, den Lehrling im Kauzinger Supermarkt, den sie so ins Herz geschlossen hatte. Frau Maier schenkte ihm ein extra herzliches Lächeln und drückte ihm zwei Euro in die Hand.

Als sie alleine in ihrem Zimmer war und sich umschaute, schlug ihr Herz wieder schneller – aber dieses Mal vor Freude. Ein paar Sonnenstrahlen krochen in diesem Augenblick durch das große Fenster in den Raum und verweilten auf dem blütenweiß und frisch bezogenen Bett, das unheimlich gemütlich aussah.

Ein Fernseher am Bett. Ein Tischchen mit Obstkorb und Wasser vor dem Fenster. Ein flauschiger Bademantel. Ein blitzsauberes, modernes Bad und ein Balkon. Alles nur für sie alleine.

Frau Maier trat auf den Balkon hinaus und ließ den Blick über die grüne Landschaft schweifen. Sie atmete tief ein und aus. Die Luft schmeckte wunderbar.

Sie, Frau Maier, machte tatsächlich Urlaub!

Sie ging zurück in ihr Zimmer und packte ihren Koffer aus. Sorgfältig verstaute sie die wenigen mitgebrachten Sachen im Kleiderschrank. Sie zog das Buch aus der Handtasche, das Elfriede ihr geschenkt hatte: Warum Wellness? Erklärungen für Einsteiger von Dr. Vita Wohlleben. Zum wiederholten Mal grübelte Frau Maier, ob die Autorin wirklich so heißen konnte. Konnte es ein Zufall sein, dass jemand, der ein Buch über Wellness schrieb, Dr. Vita Wohlleben hieß? Oder hatte Vita Wohlleben gedacht: „Hm, welches Thema passt denn am besten zu meinem Namen? Ah, wunderbar, ich schreibe über Wellness.“

Frau Maier öffnete das Buch und las den Text über die Autorin auf der Innenseite des Umschlags durch. Doch daraus wurde nicht einmal ersichtlich, worin Dr. Vita Wohlleben ihren Doktor gemacht hatte und ob dieser Titel echt war – geschweige denn, ob der Name echt war. Und zwar der Vor- und der Nachname.

Sie klappte es wieder zu. Es war türkisfarben eingebunden und rund um die Titelseite rankten sich Blumen und Pflanzen.

Frau Maier legte das Buch auf ihr Nachtkästchen. Es sah dort wirklich ziemlich dekorativ aus. Immerhin.

Um das Hotel zu erkunden, musste sie sich unbedingt angemessen kleiden, das hatte die Elfriede ihr mehrmals eingeschärft. Und angemessen bedeutete in dieser Welt: Bademantel. Frau Maier zögerte. Der Bademantel sah wirklich kuschelig aus. Er war auf jeden Fall besser in Schuss als ihr alter, schon etwas abgewetzter zu Hause. Aber es war und blieb eben ein Bademantel. Frau Maier konnte gewisse Vorbehalte, sich darin fremden Menschen zu zeigen, nicht abschütteln.

In der Lobby konnte man sich doch wohl auch normal bekleidet bewegen, überlegte sie. Sie würde sich erst einmal dort genauer umschauen und noch ein wenig Mut für den Bademantel sammeln.

VII

Langsam ging Frau Maier durch die weitläufige Hotellobby, vorbei an der ihr bereits bekannten, mit Holz vertäfelten Bar und den Buddhas, die es offenbar kein bisschen aus der Ruhe brachte, den ganzen Tag lang ziemlich viele Badelatschen und Bierbäuche zu sehen.

Frau Maier beneidete die Buddhas: Von der für sie selbst eigentlich ebenfalls typischen Gelassenheit spürte sie in diesem Moment nämlich leider herzlich wenig. Sie kam sich schon wieder völlig fehl am Platz vor und bildete sich ein, dass alle Menschen ihr mitleidige Blicke zuwarfen. Schau mal, die rundliche Omi – ganz alleine, schien die Frau mit dem Cappuccino zu flüstern. Ja, und noch nicht mal im Bademantel, wo gibt’s denn so was?, raunte der Mann mit dem Weißbierglas zurück.

Frau Maier zog ihre Strickjacke enger um sich, senkte den Kopf und ging schneller. Sie wollte sich verstecken, irgendwohin verschwinden, nur weg aus dieser großen, weiten Halle, wo sie so leichte Beute für alle Beobachter war.

Am Ende der Halle entdeckte sie eine Tür mit der Aufschrift Beauty-Shop. Auch, wenn es zu Frau Maiers Schulzeiten in Kauzing noch keinen Englischunterricht gegeben hatte, verstand sie genug, um den Ausweg dankbar anzunehmen: Schnell öffnete sie die Tür und betrat den kleinen Laden.

„Grüß Gott“, schallte ihr sofort eine freundliche Stimme entgegen. Die Verkäuferin lächelte sie erfreut an. Wahrscheinlich war ihr langweilig. Frau Maier schaute sich um. In den Regalen stapelten sich Tiegel und Dosen, dazwischen standen Fläschchen und Flakons. Es roch ziemlich aufdringlich nach Rosenblättern und irgendwo im Hintergrund dudelte eine Panflöte.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“, fragte die eifrige Verkäuferin.

„Ich … äh … ich schaue nur“, antwortete Frau Maier unsicher. Sie konnte ja schlecht sagen: „Nein, ich wollte nur aus der großen Hotellobby flüchten.“

„Haben Sie schon unsere fesche Bademode entdeckt?“, säuselte die Verkäuferin mit der Panflöte um die Wette. Mist, ihr war offensichtlich wirklich langweilig.

„Nein, ich äh …“

„Schauen Sie doch mal durch, die Badeanzüge sind gerade erst reingekommen.“ Sie kam einen Schritt näher und fügte in vertraulichem Tonfall hinzu: „Lange wird die Auswahl nicht so groß sein wie jetzt. Unsere Damen kaufen die Bademode ja sehr gerne.“

Unsere Damen?, dachte Frau Maier verwirrt. Welche Damen meinte sie wohl?

„Dieses Modell kommt bei unseren Damen besonders gut an.“ Sie zeigte auf einen Badeanzug mit breiten Trägern und einem relativ tiefen Rückenausschnitt. Frau Maier dämmerte, dass mit unseren Damen die weiblichen Hotelgäste gemeint waren – also auch sie.

Sie nickte brav. „Ja, der ist wirklich …“

Die Verkäuferin (laut Namensschild Moni) zog einen anderen Badeanzug heraus. „Diese Farbe ist topaktuell. Meergrün.“

Der Grünton war wirklich schön, das musste Frau Maier zugeben. Wunderschön sogar. Sie dachte an den ausgeleierten, alten Badeanzug, den sie dabeihatte, und schluckte.

Vorsichtig warf sie einen Blick auf das Preisschild und erschrak.

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