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Für immer in deinen Armen?

1. KAPITEL

Obwohl sie sich seit acht Jahren auf diesen Tag vorbereitet hatte, zitterten Hannah Renault die Knie, als die große Limousine vor dem Palast hielt. Denn seit zwei Jahren hatte sie den Prinzen, genauer gesagt, den König, nicht gesehen.

König Phillip Lindal Augustus Mead stand in seiner prächtigen Galauniform auf der obersten Treppenstufe, umgeben von den Palastangestellten, und sah seiner Braut entgegen. Draußen vor dem Tor drängten sich die Menschen, die einen ersten Blick auf die zukünftige Königin von Morgan Isle werfen wollten.

Und das war sie, Hannah Renault.

Die Wagentür wurde geöffnet, der Chauffeur reichte ihr die behandschuhte Hand, und Hannah stieg aus. Jetzt bloß nicht stolpern, ging ihr sofort durch den Kopf. Nervös strich sie den Rock ihres dunkelblauen Leinenkostüms glatt. Dieses war der Tag, von dem sie seit Langem geträumt hatte. Sie musste unbedingt einen guten Eindruck auf ihren zukünftigen Ehemann machen und, wie es aussah, auch auf die halbe Bevölkerung von Morgan Isle, die ihr bereits begeistert zujubelte.

Obgleich sie sich am liebsten schnell wieder in der Limousine verkrochen hätte, lächelte Hannah der Menge kurz zu und wandte sich dann zur Treppe um. Dabei hielt sie sich sehr gerade und sah dem König ernst entgegen, so wie es von ihr erwartet wurde. In dieser Haltung hatte sie auf die formelle Begrüßung des Königs zu warten. Als er die Stufen herunterkam, hielt sie den Atem an, während von der Menge nur noch ehrfurchtsvolles Geraune zu hören war.

Nur nicht nervös werden, versuchte sie sich Mut zu machen, aber das war leichter gesagt als getan. Ihr war fast schlecht vor Aufregung, und sie atmete tief durch.

In den zwei Jahren war ihr Verlobter irgendwie noch attraktiver geworden, als sie ihn in Erinnerung hatte. Jetzt war er auf der untersten Stufe angelangt, und, wie sie es gelernt hatte, trat Hannah einen Schritt vor und versank dann in einen tiefen Hofknicks. „Eure Hoheit“, sagte sie mit leicht zitternder Stimme und neigte den Kopf.

„My Lady.“ Er reichte ihr die Hand, die sie ergriff und ihn dann erst ansah. Während sie sich aufrichtete, zog er ihre Hand an die Lippen und küsste sie kurz. „Willkommen zu Hause.“

Hannah war vollkommen durcheinander. Hatte er immer schon diese tiefe sexy Stimme gehabt? Und hatte er sie jemals mit seinen rauchgrauen Augen so warm, beinahe zärtlich angesehen?

Mit Mühe konzentrierte sie sich auf das, was die Etikette-Expertin ihr immer und immer wieder gesagt hatte: Sie müssen den Eindruck erwecken, von königlicher Gelassenheit zu sein, dürfen aber keinesfalls kalt wirken. Doch Hannah war schon froh, dass sie sich einigermaßen gerade hielt und nicht ohnmächtig wurde.

Dies war kein Traum, es passierte wirklich. In zwei Wochen würde sie diesen attraktiven und mächtigen Mann heiraten. In zwei Wochen würde sie die Königin von Morgan Isle sein.

Immer bemüht, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie die ganze Situation erregte, ließ sie sich von Phillip die Stufen hinaufführen. Als spüre er, was in ihr vorging, legte er ihr den Arm um die Taille, was ganz sicher nicht der Etikette entsprach, und zog sie kurz fest an sich. „Immer mit der Ruhe. Das Schlimmste ist vorbei“, flüsterte er ihr ins Ohr.

Über seine Rücksicht war sie so gerührt, dass sie fast in Tränen ausgebrochen wäre. Ihn an der Seite zu wissen, selbstbewusst und solide wie ein Fels in der Brandung, tat ihr ungeheuer gut. Wenn er ihr doch nur ein wenig von seinem Selbstvertrauen abgeben könnte.

Als sie die oberste Stufe erreicht hatten, war eigentlich vorgesehen, dass Hannah nun die Angestellten begrüßte und „ihrem“ Volk zuwinkte, aber wieder durchbrach Phillip das Protokoll. Er ging mit Hannah direkt auf die große vergoldete Tür zu, stieß sie auf und trat ein. Eine riesige Eingangshalle tat sich vor Hannah auf. Zwei der königlichen Adjutanten folgten ihnen dicht auf den Fersen. Ihre Schritte waren auf dem spiegelnden Marmor gut zu hören. Dann blieb Phillip vor einer schweren geschnitzten Flügeltür aus Mahagoni stehen und drehte sich zu den beiden Adjutanten um.

„Lassen Sie uns ein paar Minuten allein“, sagte er lediglich, öffnete einen Flügel, schob Hannah in den Raum und schloss die Tür hinter sich.

Staunend schaute Hannah sich in dem großen Zimmer um, ganz offensichtlich eine Bibliothek. Auf drei Seiten reichten die Bücherregale bis an die bemalte Decke. Noch nie hatte sie so viele Bücher an einem Ort gesehen, nicht einmal in der Universitätsbibliothek zu Hause. In der Mitte des Raumes stand eine weich gepolsterte rote Ledergarnitur. Phillip führte sie zu einem der Sessel. „Setz dich“, bat er sie.

Erleichtert ließ sie sich in den Sessel fallen und schloss die Augen. Ganz sicher hätten ihre Beine sie keinen Meter weiter getragen.

„Soll ich das Riechsalz holen lassen?“

Erschreckt riss sie die Augen wieder auf. Ob er verärgert war? Hatte sie sich falsch benommen? Doch dann bemerkte sie ein kaum angedeutetes Lächeln. „Danke, nein. Ich glaube, ich habe mich wieder gefangen.“

Auf der anderen Seite des Zimmers befand sich eine kleine Bar, auf die Phillip jetzt zuging. Hannah beobachtete, wie er aus einer Karaffe eine bernsteinfarbene Flüssigkeit in zwei Gläser goss, wieder auf sie zukam und ihr eins der Gläser wortlos in die Hand drückte. „Trink“, sagte er leise, „aber langsam.“

Sie nahm einen kleinen Schluck und spürte, wie ihr die klare Flüssigkeit heiß die Kehle hinunterlief. Keuchend sah sie ihn an, Tränen traten ihr in die Augen. „Entschuldigung“, stieß sie leise hervor, sowie sie wieder Luft bekam.

Er hockte sich neben ihren Sessel, stützte sich auf der Armlehne ab und sah Hannah lächelnd an. „Warum entschuldigst du dich denn?“

„Weil ich einen Fehler gemacht habe.“

„Wieso das denn?“

„Ich hätte doch die Angestellten begrüßen sollen.“

„Das kannst du auch später noch tun.“

„Außerdem hätten wir uns umwenden und den Leuten draußen vor dem Tor zuwinken sollen.“

„Na und? Sie wissen ja nicht, dass das im Protokoll stand.“

„Aber ich will nicht, dass sie mich für snobistisch halten.“

„Und bist du es?“

Die Frage hatte sie nicht erwartet. „Nein … natürlich nicht. Aber …“

„Dann brauchst du dir auch keine Gedanken zu machen.“

„Aber ist es nicht wichtig, dass die Leute mich mögen?“

„Das werden sie ganz sicher“, erwiderte er mit so viel Überzeugung, dass ihr ganz warm ums Herz wurde.

„Und die Presse?“, fing sie wieder an. Die Presse in den Vereinigten Staaten war schon manchmal brutal, aber der hier in Europa sagte man nach, geradezu bösartig zu sein.

Aber auch davon ließ Phillip sich nicht beunruhigen, sondern klopfte nur lächelnd auf seine linke Jackentasche. „Genau da habe ich die. Nämlich in der Tasche. Also, keine Sorge.“

Das war gut zu wissen. Es sah so aus, als habe er alles im Griff. Aber warum auch nicht? Schließlich war er der reichste und mächtigste Mann im Land. Hannah nahm noch einen Schluck. Langsam löste sich der Knoten in ihrem Magen. „Meine Lehrerin bestand auf der Einhaltung des Protokolls. Ganz sicher wird ihr zu Ohren kommen, dass alles anders gelaufen ist.“

„Du hast alles wunderbar gemacht. Und keine Angst, du wirst dich schon daran gewöhnen.“

Das konnte sie nur hoffen.

Beide schwiegen, und Hannah zerbrach sich den Kopf auf der Suche nach einem Gesprächsthema. Seit ihrem sechzehnten Lebensjahr war sie auf diesen Tag vorbereitet worden. Und nun war sie hier, und ihr fiel nichts mehr ein. Wie peinlich.

Da half es auch nichts, dass sie sich sagte, die Situation sei ja auch eine andere als die, auf die sie sich eingestellt hatte. Sie war davon ausgegangen, einen Prinzen zu heiraten. Das bedeutete, dass sie in den Jahren als Frau des Thronfolgers Zeit gehabt hätte, sich an die Sitten und Gebräuche am Hofe zu gewöhnen. Da aber die Königin so plötzlich gestorben war und Phillip sofort die Thronfolge hatte antreten müssen, sah nun alles anders aus.

Als König brauchte er eine Frau, die an seiner Seite stand. Noch wichtiger, er brauchte einen Erben, damit die Thronfolge gesichert war. So hatten sich die sechs Monate, die üblicherweise als Vorbereitungszeit für die Hochzeit vorgesehen waren, auf zwei Wochen verkürzt. In zwei Wochen schon sollten sie sich das Jawort geben.

Zwei Wochen.

Schnell stürzte Hannah den Rest ihres Glases hinunter. Oh, das war vielleicht doch etwas zu viel gewesen. Die Tränen traten ihr erneut in die Augen, und sie bekam kaum Luft.

Amüsiert lächelnd nahm Phillip ihr das Glas aus der Hand. „Und, fühlst du dich jetzt besser?“

Sie nickte, aber er glaubte ihr nicht, das konnte sie an seiner Miene ablesen. Und als sie sich in dem Raum umsah, wurde ihr plötzlich klar, dass sie das erste Mal mit Phillip allein war.

Vollkommen allein.

Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen sie sich in der Vergangenheit gesehen hatten, war natürlich immer eine Anstandsperson dabei gewesen, wie es die Etikette vorschrieb. Und obgleich sie die Königin nur wenige Male und dann auch nur sehr kurz getroffen hatte, kannte sie die Gerüchte. Man sagte, sie sei kalt und herzlos.

Aber die Königin war tot, und hier in diesem Raum waren sie allein, und es gab niemanden, der sie daran hindern könnte … ja, was zu tun?

Sofort war sie sich der Gegenwart des Königs nur allzu deutlich bewusst. War es der frische herbe Duft seines Aftershaves? Oder sein Blick, der auf ihr ruhte? Phillip war einfach so … präsent.

Und so nah.

Nur eine kleine Bewegung, und sie könnte ihn am Ärmel berühren. Sie brauchte nur ihre Hand zu heben und könnte ihm über die Wange streichen. Bereits bei der Vorstellung, ihn zu berühren, zitterten ihr die Knie.

„Wenn du weiter so an deiner Unterlippe kaust, bleibt nichts mehr für mich übrig“, meinte er lächelnd, und die grauen Augen funkelten vergnügt.

Oh, mein Gott!

In all den Jahren, in denen sie sich darauf vorbereitet hatte, Kronprinzessin und später Königin dieser kleinen Monarchie zu werden, hatte niemand sie auf eine solche Situation vorbereitet. Sie hatte alles Mögliche gelernt über Blutlinien und Stammbäume und Etikette bei Hofe und königliche Gebräuche, aber nicht, wie sie mit dem König und ihrem künftigen Mann flirten sollte. Zwar war ihr sehr deutlich gemacht worden, dass man von ihr erwartete, einen Thronfolger zur Welt zu bringen. Aber all diese Verhaltensregeln endeten vor der Schlafzimmertür.

In diesem Punkt war sie sowieso vollkommen naiv. Obwohl die Mädchen in der Klasse und später auch die Freundinnen vom College sie für total verrückt erklärten, hatte Hannah sich vorgenommen, sich für ihren Ehemann aufzusparen. Und zwar schon, bevor sie Phillip versprochen worden war.

Deshalb hatten sie sich noch nie geküsst, sich bloß hin und wieder bei der Hand gehalten. Nicht dass sie nicht gewollt hätte. Aber es hätte sich nicht geschickt. Aber hier jetzt in diesem Raum könnte sie keiner davon abhalten.

Dieser Gedanke entsetzte und erregte sie zugleich. Tatsache war, dass sie Phillip kaum kannte. Bisher war ihr das nie so bewusst gewesen wie gerade in diesem Augenblick.

Als er sich leicht vorbeugte, wich sie erschrocken zurück. „Was ist denn, Hannah?“, fragte er leise. „Mache ich dich nervös?“

Sie versuchte, sich zu sammeln, und sah ihn ernst an. „Du bist der König. Das ist schon ziemlich einschüchternd.“

„Ich bin auch nur ein Mann.“

Ja, ja, so wie die Beatles auch nur irgendeine Rockband waren und die Mona Lisa nur irgendein Gemälde.

„Ich habe schon lange auf diesen Tag hingelebt“, sagte sie und hoffte, dass ihre Stimme einigermaßen gelassen klang.

„Gut. Dann werde ich mich bemühen, dich nicht zu enttäuschen.“ Er betrachtete sie eindringlich, und wieder fragte sich Hannah, was er denn zu finden hoffte. Was ging in ihm vor, wenn er sie ansah? War er wie sie tief in seinem Herzen sicher, dass sie sehr gut zusammenpassten? Freute er sich wie sie auf die gemeinsame Zukunft?

Zwar hatten ihre Eltern darauf bestanden, dass sie erst mit achtzehn die endgültige Entscheidung fällte. Aber als sie ihm das erste Mal begegnet war, da hatte sie sofort gewusst, dass sie eines Tages seine Frau sein würde. Hatte auch er das damals bereits gefühlt?

Bei all der sorgfältigen Planung und den vielen Vorbereitungen mussten sie doch geradezu eine Bilderbuchehe führen.

„Du bist schön.“ Zärtlich strich Phillip ihr über die Wange, und Hannah spürte die Berührung bis in die Zehenspitzen. „Findest du es nicht seltsam, dass wir in zwei Wochen heiraten und uns bisher noch nicht einmal geküsst haben?“

„Eigentlich schon.“ Sie lachte leise. „Aber bei den Anstandswauwaus war das ja kaum möglich.“

Wieder kam er näher, und ihr Puls raste wie verrückt. „Aber hier sind wir allein.“

„Hm“, machte sie und lächelte. „Dann ist das jetzt wohl deine Gelegenheit.“

„Allerdings.“ Er legte ihr die Hand in den Nacken und zog sie näher an sich heran. „Das vermute ich auch.“

Vielleicht schickte es sich nicht, aber als Hannah Phillips Hand im Nacken fühlte, kam sie ihm bereitwillig entgegen. Seit sie sechzehn gewesen war, hatte sie davon geträumt, ihn zu küssen, und nun war es endlich so weit! Kein Wunder, dass sie sofort nachgab.

Als sie die Augen schloss, spürte sie nur noch seinen Atem, und dann berührten sich ihre Lippen …

In diesem Augenblick flog die Tür auf, und Hannah fuhr erschreckt hoch.

Phillip seufzte leise. Natürlich, Sophie! Das musste ja kommen. Er stand auf und stellte sich neben seine Verlobte. Hannah war rot geworden, aus Verlegenheit, vielleicht auch aus Erregung. Ein bisschen war es wohl beides. „Hannah, du erinnerst dich doch sicher noch an meine Schwester, Prinzessin Sophie?“

„Ja, natürlich.“ Hannah machte einen makellosen Hofknicks. „Eure Hoheit, ich freue mich, Sie wiederzusehen.“

„Mein Bruder hat dir bestimmt schon gesagt, dass ich mir aus dem ganzen Titelklimbim nichts mache.“ Sophie schüttelte Hannah kräftig die Hand. „Ab jetzt bin ich nur ganz einfach Sophie für dich, einverstanden?“

Hannah nickte und biss sich wieder verlegen auf die Lippe. Irgendwie fand Phillip diese Geste sehr charmant, ja, sexy. Vor allem, wenn er sich vorstellte, dass er diese Lippen jetzt küssen würde, wäre Sophie nicht so höchst unpassend hereingeplatzt.

„Ich wollte euch nur mitteilen, dass das Empfangskomitee sich jetzt in der Halle aufgestellt hat.“ Dann lächelte sie. „Ich meine nur, falls ihr bereit seid, es zu begrüßen.“

Phillip schaute Hannah fragend an. „Wie ist es?“

„Kann ich mich irgendwo frisch machen? Ich glaube, ich muss meine Lippen nachziehen.“

„Natürlich.“ Er zeigte auf eine kleine Seitentür. „Hier entlang.“

„Bin gleich wieder zurück.“

„Du brauchst dich nicht zu beeilen.“

Als er ihr mit Blicken folgte, fiel ihm auf, wie sicher und graziös sie sich bewegte, obgleich die Situation sie ganz offensichtlich einschüchterte. Waren wirklich schon zwei Jahre vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten? Wenn ja, hatte er das nur sich selbst zuzuschreiben. Seit dem Tod des Vaters hatte er einfach keine Zeit gehabt, um an die Heirat auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Außerdem hatte die Hochzeit eigentlich erst in frühestens einem Jahr stattfinden sollen. Aber auch in einem Jahr hätte er sicher genauso viel gegen diese Ehe einzuwenden wie jetzt.

Wenn es nach ihm ginge, würde er nie heiraten. Bei dem Gedanken, sein ganzes Leben an eine Frau gekettet zu sein, fühlte er sich eingeengt. Aber er hatte eine Pflicht seinem Land gegenüber. Seine Verantwortung als König nahm er ernst. Und anders als sein Vater, von dem Phillip seine rastlose Natur in Bezug auf Frauen geerbt hatte, hegte er die feste Absicht, seiner Frau, solange es ihm möglich war, treu zu sein.

„Du hast ja wirklich keine Zeit verschwendet“, meinte seine Schwester. „Allerdings würde ich dir raten, in Zukunft die Tür abzuschließen.“

Er sah sie warnend an.

„Bloß gut, dass das Bad nur von hier Zugang hat“, fuhr Sophie lächelnd fort. „Wer weiß, vielleicht würde deine Verlobte sonst ja noch das Weite suchen.“

Er zog verärgert die Augenbrauen zusammen. „Hast du nichts Besseres zu tun?“

Sophie zwinkerte ihm vergnügt zu. Seit sie sprechen konnte, hatte sie ihren großen Spaß daran, den älteren Bruder zu piesacken. „Deine Zukünftige ist ziemlich hübsch.“

„Ja, ziemlich.“ So hübsch, wie ein König es von seiner zukünftigen Frau erwarten konnte. Als seine Mutter das erste Mal von einer arrangierten Ehe gesprochen hatte, hatte er die Idee als vollkommen überholt zurückgewiesen. Da seine Mutter jedoch Nein nicht als Antwort gelten ließ, hatte er sich schließlich bereit erklärt, in die USA zu fliegen und sich das Mädchen einmal anzusehen, das sie für ihn ausgesucht hatte.

Dabei war ihm gleich aufgefallen, dass Hannah bereits mit sechzehn ein großes Potenzial erkennen ließ. Trotz der acht Jahre Altersunterschied fand er sie sehr attraktiv. Und er konnte sehen, dass auch sie von ihm beeindruckt war. Da ihm klar war, dass seine Mutter nicht nachgeben würde, erklärte er sich mit der arrangierten Ehe einverstanden. Verschiedene Treffen wurden vereinbart, und er warb offiziell um Hannah.

Mit achtzehn hatte sie sich zu einer bildhübschen jungen Frau entwickelt, die dazu noch sehr gescheit war. Und beide merkten, dass sie nicht mehr nur neugierig aufeinander waren, sondern körperlich stark voneinander angezogen wurden.

Sie verkörperte alles, was ein König sich in Bezug auf seine Königin wünschen konnte. Und noch entzückte ihn ihre Unschuld und ihr Bemühen, ihm zu gefallen. Leider aber langweilte er sich sehr schnell, und so würde er sicher auch ihrer sehr bald überdrüssig werden.

„Glaubst du, dass sie auch nur den leisesten Schimmer hat, was hier auf sie zukommt?“, riss Sophie ihn aus seinen Gedanken.

„Vielleicht den leisesten“, meinte er. Denn er wusste, theoretisch hatte sie sich nur begrenzt vorbereiten können. Das meiste musste Hannah in der Praxis lernen.

„Noch was anderes, Phillip. Da ich hier endlich mal allein mit dir allein bin, muss ich mit dir unbedingt etwas besprechen.“

Er ahnte, worauf sie anspielte, und schüttelte abwehrend den Kopf. „Wenn es das ist, was ich vermute, dann …“

„Aber er ist unser Bruder. Du solltest ihn wenigstens anhören.“

„Halbbruder“, widersprach er mit Nachdruck. Ein illegitimer Sohn des Vaters. „Ich bin ihm nichts schuldig.“

„Was er vorschlägt, könnte die Stabilität des Reiches für viele Generationen sichern.“

„Und ihm sehr nützen.“

Sie sah ihn an, als sei er nicht recht gescheit. „Du sagst das so, als sei es eine schlechte Sache.“

„Ich traue ihm nicht.“

„Wenn du Sorgen hast, dass er nach der Krone strebt, dann irrst du dich. Darum geht es ihm überhaupt nicht.“

Stimmt. In diesem Punkt war sein Halbbruder Ethan Rafferty wie Sophie. Auch sie hatte den größten Teil ihrer fünfundzwanzig Lebensjahre damit verbracht, sich über die starren Regeln der Monarchie lustig zu machen. Aber Ethan war ein Mann, und wenn Phillip etwas passierte, war er der Nächste in der Thronfolge.

Und das war für Phillip vollkommen inakzeptabel.

„Ich will darüber nicht sprechen“, sagte er energisch. „Schluss. Aus.“

Vor Frust war ihr die Röte in die Wangen gestiegen. „Verdammt noch mal, nun sei doch nicht immer so stur!“

Das musste ausgerechnet sie sagen! „Da bin ich wohl nicht der Einzige, liebe Sophie.“

Die Tür öffnete sich, und Hannah kam herein. Dankbar für die Unterbrechung ging Phillip auf sie zu. „Geht es dir besser?“

„Ja, danke. Ich glaube, ich bin jetzt in der Lage, das zu tun, was von mir erwartet wird. Tut mir leid, dass ich mich so habe gehen lassen.“

„Hast du das?“, fragte Sophie. „Ich bin sicher, keiner hat was gemerkt.“

Hannah blickte ihre zukünftige Schwägerin dankbar an.

„Das tut gut.“

Phillip trat neben sie und bot ihr den Arm. „Soll ich dich begleiten?“

Nach einem Blick auf die Tür schüttelte sie den Kopf. „Nett, dass du das anbietest, aber ich glaube, in diesem Fall ist es wichtig, dass ich das allein schaffe.“

„Wie du willst.“ Er öffnete die Tür für sie und beobachtete voller Stolz, wie sie gerade aufgerichtet und mit sicherem Schritt in die Halle trat.

Sophie stellte sich neben den Bruder und flüsterte: „Beeindruckend.“

„Allerdings.“

„Glaubst du, dass sie damit jetzt zurechtkommt?“

Er nickte. „Ja, davon bin ich überzeugt.“

„Ich auch. Nun stellt sich nur die entscheidende Frage, Eure Hoheit: Wirst auch du mit ihr zurechtkommen?“

2. KAPITEL

Es stellte sich heraus, dass dieser Tag der anstrengendste, schwierigste und gleichzeitig aufregendste in Hannahs bisherigem Leben sein sollte. Nachdem sie die Begrüßung der Palastangestellten und des engsten Stabes, was fast eine Stunde dauerte, hinter sich gebracht hatte, gingen Phillip und sie zu einem Essen, das ihr zu Ehren gegeben wurde. Nach dem Essen, bei dem sie vor Nervosität kaum etwas zu sich nehmen konnte, wurde sie verschiedenen Staatsbeamten und deren Frauen vorgestellt. Der Kopf schwirrte ihr, und schon jetzt wusste Hannah, dass sie sich die Namen nie würde merken können.

Dem folgten Fotoaufnahmen im Garten und eine kurze Pressekonferenz. Phillip und Hannah wurden mit Fragen bombardiert, die im Wesentlichen Hannahs Herkunft und ihre Erziehung betrafen. Wie sie sich fühle als kommende Königin, wollte man wissen, ob schon Pläne wegen der Hochzeit veröffentlicht werden dürften. Aber auch das Thema der Feierlichkeiten zum 500-jährigen Bestehen der Monarchie wurde angesprochen.

Neben dem König zu stehen und seine Aura von Selbstbewusstsein und Überlegenheit zu spüren war für Hannah ebenso faszinierend wie einschüchternd. Er war der mächtigste Mann im Staat, und er war sich seiner Bestimmung voll bewusst. Und nicht das erste Mal an diesem Tag musste sie sich fragen, ob sie denn hier wirklich am rechten Platz sei. Trotz der Jahre der Vorbereitung überwältigte sie die Situation. Allerdings war ihr zur selben Zeit bewusst, wie stolz ihr Vater auf sie gewesen wäre, wenn er sie hier hätte sehen können. Und nur das zählte.

Auch ein weiteres anstrengendes Essen ließ sie über sich ergehen. Wieder wurde sie mit einer Unzahl von Namen und Gesichtern konfrontiert, die sie nie wiedererkennen würde. Allerdings war eine Frau darunter, die ihr an diesem Tag schon einmal aufgefallen war, und zwar im Wesentlichen deshalb, weil sie sich von ihr beobachtet gefühlt hatte.

Die Frau war höchstens ein oder zwei Jahre älter als Hannah, hatte dunkles Haar, sah sehr gut aus und hatte die ...

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