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Gefährliche Sehnsucht nach deinen Küssen

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1. KAPITEL

Die Zahlen ergaben überhaupt keinen Sinn. Nein, das stimmte nicht ganz. Sie ergaben durchaus Sinn, aber sie erzählten nicht die Geschichte, auf die Elise Johnson gehofft hatte. Sie erzählten ihr nicht, dass sie ein erfolgreiches, blühendes Ballettstudio leitete. Sie erzählten ihr nicht, dass sie diese Woche irgendetwas anderes als Baked Beans und Toast essen könnte. Und was das Schlimmste war: Sie erzählten ihr auch nicht, dass es in naher Zukunft besser werden würde.

Elise stützte ihr Kinn in die Hand und runzelte die Stirn, als die Zahlen vor ihren Augen verschwammen. Vielleicht würde sie die Baked Beans überspringen und gleich zu einer Flasche Wein greifen.

„Wenn du so weitermachst, fängst du noch an zu schielen“, rief Jasmine Bell, Elises beste Freundin und Mitarbeiterin, ihr fröhlich zu, während sie sich die Stulpen von den langen Beinen zog. „Ich fand ja schon immer, dass man das Rechnen den Profis überlassen sollte.“

„Was willst du damit sagen?“ Elise schaute auf und sah Jasmine gespielt beleidigt an.

„Ach, nichts … ich erinnere mich nur, dass du in der Schule mal eine Panikattacke vorgetäuscht hast, um einem Mathetest zu entgehen.“

„Daran war nichts vorgetäuscht.“ Elise klappte die Mappe mit den Beweisstücken ihrer fatalen finanziellen Situation zu und legte sie in die Schublade.

Aus den Augen, aus dem Sinn. „Die Panik war echt.“

„Und als du versucht hast, deinen Nachhilfelehrer dazu zu bringen, die Hausaufgaben für dich zu machen, indem du einmal kurz deinen Busen hast aufblitzen lassen?“

„Da ging es weniger um Mathe als um ihn. Er war echt süß. Unglücklicherweise reichte mein kleiner Busen nicht, um ihn zu überzeugen.“ Sie runzelte die Stirn und schaute an ihrer knabenhaften Figur hinunter. „Seitdem hat sich nicht viel verändert.“

„Das ist der Fluch der Ballerinas.“ Jasmine schlüpfte in ein Paar flacher Schuhe und stopfte ihre zusammengerollten Stulpen in ihre Sporttasche. „Aber dafür hat Gott ja den Push-up-BH erfunden.“

„Da hast du recht.“

Eine flache Brust war der Preis für die wohlgeformten Beine und den Waschbrettbauch, für den Ballerinas bekannt waren – und über die auch Elise dank ihrer Ausbildung und einer kurzen Karriere mit dem Australian Ballett gesegnet war. Sie mochte ihren Körper, aber er war nicht dazu gemacht, Männer durch tiefe Ausschnitte zu beeindrucken.

„Aber mal ehrlich, warum suchst du dir nicht jemanden, der die Buchhaltung für dich übernimmt?“

Elise wollte diese Aufgabe nur zu gerne an jemand anderen abgeben. Jasmine hatte recht, Zahlen waren einfach nicht ihr Ding. Pailletten und Choreografien und Menschen … das war ihr Ding.

„Ja, darum sollte ich mich vermutlich mal kümmern“, murmelte sie. Elise versuchte, so gut es ging, die finanzielle Situation der EJ Ballet School geheim zu halten. Das Letzte, was sie gebrauchen konnte, war, dass Jasmine oder eine der anderen Lehrerinnen sich Gedanken über die Sicherheit ihres Jobs machte … oder über sie.

„Soll ich dir schnell beim Putzen helfen, bevor ich gehe?“

Elise schüttelte den Kopf. „Mach Feierabend und genieße deinen Mann, Jas.“

Winkend verließ ihre Freundin das Studio.

Stille hüllte Elise ein. Ein langer Tag mit Unterricht und Büroarbeit ging zu Ende, und sie fühlte die Erschöpfung bis in ihre Knochen. Morgen war noch Zeit genug, sich über die Zahlen Gedanken zu machen. Heute Abend würde sie es sich mit einem Glas Rotwein und einem Buch auf der Couch gemütlich machen.

Elise schnappte sich den Besen und fing an, das Studio zu fegen. Sie sollte das alles nicht so schwernehmen. Jeder wusste, dass kleine Firmen in den ersten fünf Jahren Probleme hatten, und ihre Schule wurde nächsten Monat erst drei. Sie könnte es noch schaffen, das Ruder herumzureißen.

Sie musste es schaffen. Ihre Mutter brauchte Medikamente und Behandlungen, und sie war die Einzige, die dafür sorgen konnte, dass sie beides bekam.

Ein lautes Scheppern ließ Elise zusammenzucken.

„Bist du das, Jas?“ Ihre Stimme hallte von den verspiegelten Wänden wider.

Als sie keine Antwort bekam, ging sie in den Vorraum. Ihre Nackenhaare richteten sich auf. Irgendjemand war hier. Sie packte den Besen mit beiden Händen.

„Hallo?“, rief sie.

Eine große Gestalt stand an der Rezeption. Ein Mann. Sein gut gebauter Körper steckte in einer engen Jeans und einem makellosen weißen Hemd. Das schokobraune Haar war kurz geschnitten. Sie hätte diesen Körper überall wiedererkannt, aber es war sein Duft nach honigsüßem Holz und Zimt, der sie sofort in die Vergangenheit zurückversetzte.

„Col?“

Es gibt zwei Möglichkeiten, wie es laufen könnte, dachte Col. Und keine davon war gut. Zum einen könnte Elise ihm mit der flachen Hand eine Ohrfeige versetzen, wie sie es schon einmal getan hatte. Damals, als er ihr gesagt hatte, dass er gehen würde. Zum anderen könnte sie so sehr über ihn hinweg sein, dass sein Überraschungsbesuch bei ihr nichts auslösen würde.

War es möglich, dass sie ihn vergessen hatte? Die Frage plagte Col Hillam, als er seinen Mietwagen durch das Gewerbegebiet im Norden von Melbourne lenkte und schließlich auf den Parkplatz des Ballettstudios fuhr. Er stellte das Auto ein paar Plätze neben dem einzigen anderen Wagen ab, ließ seinen Blazer auf dem Beifahrersitz liegen und stieg aus. Die Sonne ging gerade unter, und der Himmel erstrahlte in Rot- und Goldtönen. Er hatte vergessen, wie wunderschön Australien im Sommer war. Die Hitze prickelte auf der Haut, und ein Schweißtropfen rann über Cols verspannten Nacken. Er wischte den Tropfen fort und rieb über seine schmerzenden Muskeln.

Kies knirschte unter seinen Schuhen, als er den Parkplatz überquerte und die Eingangstür zum Studio so schwungvoll öffnete, dass sie gegen die Wand stieß. Wenn er geplant hatte, Elise zu überraschen, hatte er sich gerade verraten.

Fotos und mädchenhafte Dekoration in allen möglichen Rosatönen zierten die Wände. Ein Bild zeigte Elise mit einem riesigen Blumenstrauß in der Hand neben ihrer Mutter. In seiner Kehle bildete sich ein Kloß.

Er hatte nicht angerufen, um seinen Besuch anzukündigen. Er hatte ja noch nicht mal seinen Koffer ausgepackt. Eine Dusche im Hotel war alles, was er sich erlaubt hatte, bevor er wieder losgefahren war. Und jetzt spürte er mehr Nervosität, als ihm lieb war. Er hatte keine Probleme, mit den mächtigsten Geschäftsleuten der Welt zu verhandeln, aber die Aussicht auf den Zorn einer zierlichen Ballerina ließ ihm die Nerven flattern.

„Col?“ Sein Name in ihrer süßen, rauen Stimme ließ Hitze in ihm aufsteigen.

Er drehte sich um. Sie trug die Haare kürzer, sodass sie ihr auf die Schultern fielen, aber das Licht fing sich noch genauso in den zarten goldenen Strähnen wie früher. Ihre Augen schimmerten in dem Grau, von dem er so lange geträumt hatte. Und die Intensität ihres Blicks hatte über die Jahre nicht nachgelassen. Er spürte etwas wie Erleichterung.

„Ellie.“

„Elise“, korrigierte sie ihn. Ihre Stimme klang wachsam. „Ich werde schon seit langer Zeit nur noch Elise genannt.“

„Für mich warst du immer Ellie.“

Sie schürzte die Lippen. „Du kannst einen Hund eine Katze nennen, aber er wird trotzdem immer ein Hund bleiben.“

„Klingt, als hätte jemand seine tägliche Dosis Konfuzius gehabt.“

Ihre Augen verengten sich, als sie die Arme vor der Brust verschränkte. „Was bringt dich nach Melbourne?“

Ihr Misstrauen traf ihn tief. Einst waren sie einander so nah wie Geschwister gewesen, obwohl er so viel mehr von ihr gewollt hatte. Dann war ihre Verbindung vor fünf Jahren abgerissen. Jetzt war er hier, weil er seinen Vater beerdigen musste, einen gewalttätigen Versager.

„Geschäfte.“

„Schön, dass sich nichts geändert hat.“ Ihre Miene wurde weicher, aber ihre verschränkten Arme bildeten weiter eine Barriere zwischen ihnen. „Nur Arbeit und kein Spaß – Col, der Langweiler.“

„Ich habe dieser Tage keine Zeit für Spaß.“

„Aber du hast Zeit, eine alte Bekannte zu besuchen?“ Sie lehnt sich gegen die pinkfarbene Couch, die den Vorraum dominierte. Er musste all seine Willenskraft aufbringen, um seinen Blick nicht über Ellies schlanke Beine in den rosafarbenen Leggings und den kniehohen Stulpen gleiten zu lassen. Sie sah aus wie ein Traum.

„Ich denke gerne, dass wir mehr sind als nur Bekannte, Ellie.“ Freunde, vielleicht. Oder Liebende?

Sie zuckte mit den Schultern und schob sich eine lose Haarsträhne hinter das Ohr. Mit ihrem Schweigen zwang sie ihn, die Unterhaltung fortzuführen – ein Trick, den er selbst ihr einst beigebracht hatte. Damals, als er mehr als nur ein Bekannter für sie gewesen war.

„Ehrlich gesagt bin ich mit einem Angebot hier.“

Ihre Augenbrauen schossen nach oben. „Erzähl mir nicht, dass es in Amerika keine Prominenten mehr gibt, mit denen du schlafen kannst.“

„Eifersüchtig?“ Er genoss es, zu sehen, wie ihre Wangen sich rosa färbten.

„Nein, nur genervt, dass du hier bist und mich belästigt und nicht sie.“ Sie versuchte, gelangweilt auszusehen, doch ihre Muskeln waren angespannt, ihr Körper in Alarmbereitschaft.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass dein Studio eine finanziell schwierige Zeit durchmacht.“ Er räusperte sich und zog unbewusst an den Manschetten seines Hemdes. „Und ich habe eine Lösung, von der wir beide profitieren könnten.“

„Ach ja?“

„Ja.“ Er nickte. „Ich würde dich gerne engagieren.“

Sie wurde blass. „Du willst Ballettunterricht nehmen?“

„Mein Gott, nein!“ Ein herzhaftes Lachen brach aus ihm heraus. Es fühlte sich gut an. Im Moment brauchte er dringend etwas, worüber er lachen konnte.

„Kein Grund, sich zu schämen. Männliche Balletttänzer können trotzdem sehr maskulin sein.“ Sie neigte den Kopf und musterte ihn. „Oder hast du Angst, dass ich deine Leggings ausstopfen müsste?“

„Du weißt verdammt gut, dass ich keine Polsterung nötig hätte.“

Ihr Blick glitt über ihn, als wollte sie ihn von Kopf bis Fuß betrachten, doch dann wandte sie ihre Augen ab.

„Ich will keinen Ballettunterricht.“ Er schüttelte den Kopf und fragte sich, warum um alles in der Welt ein erwachsener Mann Ballett lernen sollte. „Aber ich brauche den Rat von jemandem, der sein ganzes Leben lang aufgetreten ist.“

„Was soll das heißen?“

„Das ist eine lange Geschichte, aber ich habe eine sehr wichtige Veranstaltung und brauche deinen Rat als Expertin.“ Er schenkte ihr sein charmantestes Grinsen und betete, dass es den gewünschten Effekt hätte. Damals hatte er sie mit seinem Lächeln öfter als einmal überzeugen können. „Im Gegenzug löse ich deine finanziellen Probleme.“

Sie drückte sich von der Couch ab und kam auf ihn zu. Obwohl er anderthalb Köpfe größer war als sie, hielt sie sich mit der Anmut einer Königin – trotz der geballten Fäuste und der zum Streit bereiten Lippen.

War er wirklich nach fünf Jahren des Schweigens hierhergekommen, um sie um Hilfe zu bitten und sich als Ritter in schimmernder Rüstung zu präsentierten? Unmöglich. So eingebildet konnte niemand sein. Vielleicht hatten die kalten Winter in New York seine Gehirnzellen eingefroren. Trotzdem konnte Elise den Blick nicht von ihm wenden … das hatte sie noch nie gekonnt. Col Hillam war wie eine Droge; eine sehr unterhaltsame, dumme, gefährliche Droge.

Seitdem sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er kräftiger geworden. Einst ein schlaksiger junger Kerl, hatte er nun breite Schultern, über denen sich das weiße Hemd spannte. Sie erhaschte einen Blick auf dunkle Haare, als er seine Hemdsärmel aufkrempelte und seine muskulösen Unterarme freilegte. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu lange darauf zu starren.

Er war nicht mehr der junge Mann, an den sie sich erinnerte. Trotz seines flapsigen Tons versprachen seine energischen Lippen und die wachsamen blauen Augen Ärger. Er war mit einem bestimmten Ziel im Kopf hierhergekommen, und sie würde Schwierigkeiten haben, sich ihm zu widersetzen.

„Warum sollte ich dir helfen?“

„Weil du ein gutes Herz und einen Sinn für Wohltätigkeit hast?“ Da war das eingebildete Grinsen wieder. Ganz eindeutig hatte er sich in seiner Zeit als Firmenchef daran gewöhnt, seinen Willen durchzusetzen.

„Warum ich?“, fragte sie.

„Weil du die Einzige bist, die mich gut genug kennt.“ Er fuhr sich mit der Hand durch die dunklen Haare.

Jede seiner Bewegungen strahlte sexuelle Energie und Männlichkeit aus. Es war kein Wunder, dass das Bild von ihm in intimer Umarmung mit einer gewissen Technologie-Erbin überall in den Medien zu sehen gewesen war. Nicht, dass sie seinen Werdegang interessiert verfolgt hätte, aber …

„Wenn das stimmen sollte, mache ich mir Sorgen um dich.“ Sie konnte nicht anders. Ein kleiner Teil von ihr wollte ihm wehtun.

Als er sie verlassen hatte, war ihr Leben auseinandergebrochen. Sicher, er war nicht Schuld an den tragischen Ereignissen, die sich kurz danach zugetragen hatten. Aber mit ihm hatte alles angefangen. Es war leicht gewesen, ihm die Schuld zu geben, als er sich auf der anderen Seite der Welt befunden hatte. Doch jetzt stand er nur wenige Zentimeter vor ihr, und sie hatte Mühe, die Kontrolle zu behalten.

„Autsch.“ Ein finsterer Ausdruck huschte über sein Gesicht, aber so leicht war er nicht zu treffen. „Die Lady hat eine scharfe Zunge.“

„Die Lady hat auch einen guten Bullshit-Detektor.“ Sie hob den Kopf und verengte die Augen. „Du verschweigst mir etwas.“

Sie atmete tief durch. Ein verbaler Schlagabtausch mit Col war so etwas wie ein mentales Vorspiel. Er musste sie nicht berühren, er musste nur seine Worte wie warmen Honig über sie gießen. Sie straffte die Schultern. Sie hatte sich geschworen, nie zu vergessen, wie er sie verlassen hatte, und das bedeutete, auf Distanz zu bleiben. Sie brauchte die schmerzhafte Erinnerung, um sich zu schützen. Nie wieder würde sie sich so verletzlich machen. Nie mehr.

„Lass uns morgen etwas zusammen trinken gehen und über die geschäftliche Seite der Angelegenheit sprechen. Dann erzähle ich dir die Einzelheiten.“

Mit Col etwas trinken zu gehen war eine schlechte Idee. Sie hatte sowieso schon ein loses Mundwerk, und es wurde nicht besser, wenn Alkohol ins Spiel kam. Genau so waren sie beim ersten Mal zusammen im Bett gelandet.

„Nein.“

„Das bewundere ich so an dir, Elise.“ Er streckte die Hand aus und berührte ihr Haar, strich eine Strähne mit der Fingerspitze zurück. „Du bist so entschlossen.“

„Ich brauche deine Bewunderung nicht.“ Ihre Wangen glühten. Wie konnte es sein, dass ein vermeintliches Kompliment bei ihm so verächtlich klang? „Aber du hast recht, Col, und dank dieses Charakterzuges kann ich dir ganz einfach sagen, dass du dir dein Angebot sonst wo hinschieben kannst.“

„Du kennst mein Angebot doch noch gar nicht.“ Um seine Mundwinkel zuckt es.

„Lies es mir von den Lippen ab, Col.“ Sie stand nah genug, um sich an ihn zu schmiegen, und musste den Wunsch danach mit aller Macht unterdrücken. „Vergiss es.“

Der Mann würde nicht so schnell aufgeben, aber sie würde nicht zulassen, dass er für irgendetwas bezahlte. Sie brauchte vielleicht das Geld, aber ihre Würde brauchte sie mehr.

„Ich akzeptiere kein Nein als Antwort.“ Seine großen Hände strichen über ihre Arme nach oben und blieben auf ihren Schultern liegen.

Ein Schauer überlief sie, als seine Finger ihre nackte Haut berührten. Schnell packte sie seine Handgelenke und schob seine Hände fort. „Gut, denn ich werde dir nicht noch einmal antworten.“

„Du weißt, dass ich sehr stur sein kann, wenn ich will.“

Sie wusste es. Nicht nur, weil sie wusste, dass man eine berufliche Position wie seine nicht ohne sehr viel Hartnäckigkeit erreichte, bevor man dreißig war. Sie wusste es auch aus eigener Erfahrung: Jahrelang hatte er sie gewollt, damals, als sie jünger waren. Nur einmal hatte sie nachgegeben … und das hatte gereicht, um ihr Leben aus der Bahn zu werfen. Ja, das klang ein wenig dramatisch, aber an dem Tag, an dem er gegangen war, war für sie die Welt in tausend Teile zersplittert. Ein Teil von ihr wollte jemandem die Schuld dafür geben, und er war der passende Kandidat.

„Col, es braucht mehr als ein paar Wiederholungen, um mich zu überzeugen.“ Sie griff nach ihrer Handtasche und schlang sie sich über die Schulter.

„Du willst mich doch nicht etwa ermutigen, Elise?“

Ihr Name brach wie ein Knurren aus der Tiefe seiner Kehle und bestürmte ihre Sinne. Sie fühlte sich von der gutturalen Männlichkeit angezogen, die immer dicht unter der Oberfläche brodelte, wenn er etwas verfolgte, was er unbedingt haben wollte. Das war der einzige Riss in seiner öffentlichen Fassade, und sie fand diesen Riss so aufregend wie nichts anderes.

„Ich habe dich nicht ermutigt.“

Kurz öffnete er den Mund, überlegte es sich dann aber anders. Er streckte den Arm nach ihr aus und wartete geduldig, während sie ganz langsam an ihm vorbeiging, ohne ihn zu berühren.

„Wir sollten diese Unterhaltung bei ein paar Drinks fortführen.“

Er stand ganz nah hinter ihr. Und sie sehnte sich nach seiner Berührung so sehr, wie sie sich davor fürchtete. Alarmsirenen schrillten in ihr auf, während sie sich selber immer wieder stumm vorsagte: Gib nicht nach! Gib nicht nach!

„Es gibt keine Unterhaltung, die fortgeführt werden müsste, Col.“

„Ach komm, ich gebe dir ein paar Cocktails aus, und dann kannst du darüber nachdenken, wohin ich mir mein Angebot stecken soll.“ Er folgte ihr aus dem Studio in die laue Sommernacht hinaus.

Die Versuchung rollte sich in ihrem Magen zusammen wie eine Schlange, die zum Schlag bereit war. Ihre sonst so bewundernswerte Disziplin hatte sich bei Col schon immer in nichts aufgelöst. Irgendwie schaffte er es, dass sie alles vergaß, was sie zu tun hatte. Sogar alles, woran sie glaubte.

„Wir sehen uns morgen.“ Mit seinem Daumen strich er so sanft über ihre Wange, dass sie glaubte, es sich nur eingebildet zu haben.

Bevor sie protestieren konnte, war er schon verschwunden. Sie ballte die Hände zu Fäusten und atmete ein paar Mal tief durch, bevor sie zu ihrem Wagen ging. Er hatte aber auch Nerven, einfach zurückzukommen und so zu tun, als hätte sein Verschwinden damals kein großes, klaffendes Loch in ihrem Leben hinterlassen. Und in ihrem Herzen.

Ihr Handy vibrierte in ihrer Tasche, und Elise wühlte sich durch das Chaos an Papieren und Schminksachen, um es zu finden. „Hallo?“

„Elise Johnson?“ Die männliche Stimme war ihr unbekannt. „Ich rufe von der Victoria Bank an. Haben Sie einen Moment Zeit?“

2. KAPITEL

Um die drei Frauen herum tobte das Leben in dem Café, als stünde die Welt nicht gerade vor dem Untergang. Menschen lachten, Sonnenschein fiel durch die hohen Fenster, und das fröhliche Klappern von Tassen zerrte an Elises Nerven. Vielleicht war eine dritte Tasse Kaffee keine gute Idee für jemanden, der bereits hibbeliger war als ein junger Welpe. Trotzdem, zu viel Kaffee zu trinken war immer noch besser als sich mit Erdnussbutter-Schoko-Eiscreme vollzustopfen, und danach war ihr eigentlich sehr.

Der Bankmanager, der sie am Vorabend angerufen hatte, hatte sie sehr höflich darauf hingewiesen, dass sie Gefahr lief, ihren Kredit für die EJ Ballet School gekündigt zu bekommen. Er hatte sie gebeten, in die Bank zu kommen, damit sie gemeinsam die möglichen Optionen besprechen könnten. Doch Elise wusste auch ohne diese Besprechung, dass sie ihr Studio würde schließen müssen, wenn sie nicht irgendwie ihre Einnahmen steigerte. Doch wie sollte sie dann ihre Mutter unterstützen?

Die letzten vierundzwanzig Stunden waren einfach zu verrückt gewesen. Elise hatte sich abwechselnd eingeredet, dass alles gut werden würde und dass sie sich auf das Schlimmste gefasst machen musste. Nach einer schlaflosen Nacht fühlte sie sich jetzt erbärmlich.

„Ellie?“ Jasmine wedelte mit der Hand vor ihrem Gesicht herum. „Bist du noch bei uns?“

„Col hat mich gestern besucht.“ Sie hatte nicht vorgehabt, ihren Freundinnen davon zu erzählen – oder überhaupt irgendjemandem. Aber die Worte schlüpften einfach aus ihr heraus.

„Wow.“ Missy, ihre zweite gute Freundin und Mitarbeiterin, betrachtete sie mit aufgerissenen Augen. „Das ist eine Überraschung.“

„Ich weiß.“

Missy spielte mit ihrer Tasse. „Das ist schon ganz schön lange her, oder?“

„Fünf Jahre.“ Sie nickte. Seitdem hatte sie kein Wort von Col gehört … „Er will mich engagieren … oder so in der Art.“

„Aber wofür?“, fragte Jasmine.

„Es hat irgendetwas mit einem Auftritt zu tun, aber was genau, hat er nicht verraten.“ Laut ausgesprochen klang es noch lächerlicher als in ihrem Kopf … wenn das überhaupt möglich war. „Er hat angeboten, mich dafür zu bezahlen.“

„Was für ein Auftritt?“ Missy beugte sich vor. Ihre türkisfarbenen Augen funkelten neugierig. Jasmine stieß ihr mit dem Ellbogen in die Rippen.

„Wie ich schon sagte, ich weiß es nicht.“

Jasmine schüttelte den Kopf. „Das klingt suspekt. Du denkst doch nicht darüber nach, oder?“

„Anfangs nicht“, gab Elise zu.

„Aber?“

„Aber jetzt vielleicht doch.“ Sie seufzte. „Ich weiß es nicht.“

„Das ist keine gute Idee“, sagte Jasmine, und Missy verdrehte die Augen.

„Das weiß ich.“

„Aber?“

„Aber …“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Das Studio steckt gerade in einer schwierigen Phase.“

Missy riss die Augen auf. „Du hättest etwas sagen sollen.“

„Es ist keine große Sache, Missy.“

„Wenn du daran denkst, dich von Col engagieren zu lassen, dann muss es ernst sein“, wandte Jasmine ein.

„Tja, es geht um meine Familie … mein Leben.“ Wie sollte sie ihre Mutter unterstützen, die vollkommen am Ende war?

„Du hast Besseres verdient.“ Jasmine schnaubte frustriert. „Wir finden einen Weg, das Geld für das Studio zusammenzukriegen. Wir könnten eine Spendensammlung organisieren …“

Missy nickte zustimmend. „Alles, was nötig ist.“

„Es ist ein wenig schlimmer, als dass eine Spendensammlung helfen könnte.“ Nun war sie raus, die Wahrheit. „Versprecht mir, den anderen Lehrern nichts darüber zu sagen.“

Die Mädchen nickten und sagten gemeinsam: „Versprochen.“

Elise schaute auf die Uhr. Sie hatte noch genau drei Stunden, um ihre Würde zu vergessen und zu überlegen, wie sie Col sagen sollte, dass sie sich sein Angebot überlegen würde … ohne überhaupt zu wissen, worum es ging. Wie jämmerlich war das bitte? Ihre Wangen glühten, wenn sie nur daran dachte. Sie sollte das nicht tun.

Und doch hatte er es wieder einmal geschafft, sie in die verletzliche Position zu bringen. Ganz eindeutig war seine Anziehungskraft noch genauso stark wie früher.

Sie schloss die Augen und schob den Gedanken beiseite. Sie tat es nur des Geldes wegen. Die Tatsache, dass sie Col wollte, seitdem sie alt genug gewesen war, das Prinzip der Lust zu begreifen, hatte damit gar nichts zu tun.

Oh Gott, warum hatte sie daran denken müssen? Ein unangenehmes Gefühl breitet sich zwischen ihren Beinen aus, und Elise verlagerte ihr Gewicht auf dem harten Kaffeehausstuhl. Sie würde nicht daran denken, mit Col zu schlafen, sie würde nicht daran denken, mit Col …

„Ich will gar nicht wissen, was du gerade denkst.“ Jasmine seufzte.

„Ich schon“, warf Missy zwinkernd ein.

„Ich denke nicht an ihn.“

„Wie schon gesagt, ich will es nicht wissen.“ Jasmine schüttelte den Kopf. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass du uns wegen des Studios nichts gesagt hast. Wie ist es dazu gekommen?“

„Ich wünschte, ich hätte darauf eine einfache Antwort.“

„Finanzen sind nicht kompliziert, Ellie. Was erzählst du uns nicht?“

Wie könnte sie ihren besten Freundinnen erzählen, dass ihre Mutter ihre Ersparnisse bei Pferdewetten verspielt hatte? Dann waren da noch die laufenden Kosten für die Medikamente ihrer Mutter, die nicht mehr arbeiten konnte … Noch dazu hatte die Wirtschaftskrise auch ihr Studio erreicht und dazu geführt, dass eine ganze Reihe von Schülerinnen und Schülern nicht mehr kamen.

„Lasst uns einfach sagen, dass eine Menge schiefgelaufen ist“,

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