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Gefährliches Verlangen nach dir

PROLOG

„Buonasera!“ Mit ein paar langen Schritten war er bei ihr. Wie groß er war und wie aufregend männlich in seiner perfekt geschnittenen Anzughose und dem oben aufgeknöpften weißen Hemd! Seine schwarzen Schuhe waren ein wenig staubig von der trockenen sizilianischen Erde. Kaum dass er vor ihr stand, umfasste er ihr Gesicht und küsste sie ausgiebig.

Leah schmiegte sich ihm entgegen, sog seinen Duft ein und schloss die Augen. Seit Wochen hatte sie sich auf diesen Moment gefreut. Endlich …

„Aah, da geht es mir gleich viel besser.“ Jaco ließ ihr Gesicht los, ließ die Arme sinken und verschränkte seine Hände mit ihren. „Du siehst wunderschön aus.“ Er musterte sie mit begehrlichem Blick.

„Danke.“

„Ich habe dich vermisst.“

„Ich habe dich auch vermisst“, antwortete Leah, um eine unaufgeregte Stimme bemüht. „Wir haben uns lange nicht gesehen, Jaco.“

„Ja, viel zu lang.“ Er streichelte ihre Wangen und küsste sie wieder. „Aber jetzt bin ich hier und kann es wiedergutmachen.“

Wie er das machen wollte, konnte sie deutlich spüren, als er sie enger an sich zog.

Leah schob ihn behutsam von sich und sah ihm ins Gesicht. „Wie lange bleibst du denn?“

„Ein paar Tage, denke ich“, antwortete Jaco und fuhr mit den Fingern über ihren Kinnbogen – so, als wolle er sich wieder mit ihrem Gesicht vertraut machen.

„Ein paar Tage?“ Leah ließ sich ihre Enttäuschung nicht anmerken.

„Sì.“ Er lächelte dieses Lächeln, mit dem er sicher jeder Frau das Herz brechen konnte. „Also sollten wir das Beste aus der Zeit machen, die wir haben.“

„Ja“, antwortete sie. „Das sollten wir.“

„Gut. Ich spring dann mal unter die Dusche und esse vielleicht einen Happen, und dann hoffe ich, dass wir da weitermachen können, wo wir aufgehört haben.“ Das verwegene Funkeln seiner dunkelbraunen Augen ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wo das sein würde. Wo sie aufgehört hatten. Leah wurde ganz schwummerig bei dem Gedanken an ihre letzte gemeinsame Nacht. An die unglaubliche Nähe und Vertrautheit, an die Leidenschaft, die sie erlebt hatten, bevor Jaco wieder einmal für Wochen aus ihrem Leben verschwunden war. Wie so oft.

Jaco Valentino: groß, dunkelhaarig, unfassbar gut aussehend, charmant, witzig und atemberaubend sexy, kurz: einfach unwiderstehlich. Leahs Schwester Harper hatte sie bei ihrer Hochzeit in Vieri miteinander bekannt gemacht, und Leah hatte es gleich erwischt. So heftig erwischt, dass ihr sofort klar gewesen war, dass dies kein Strohfeuer war.

Als Jaco sie am nächsten Tag gebeten hatte, ihn auf seinem Weingut zu besuchen, hatte sie ohne Umschweife zugesagt. Er hatte das Gut als seine „sizilianische Heimat“ bezeichnet und so voller Stolz davon erzählt, dass sie sich in die Capezzana-Ländereien verliebt hatte, ohne sie je gesehen zu haben. Und ihr war klar gewesen, dass sie sich auch in ihren Besitzer verlieben würde, wenn sie sich nicht sehr in acht nahm.

Capezzana hatte sich als mindestens so schön erwiesen, wie Jaco es beschrieben hatte. Es sah aus wie eine Bilderbuchlandschaft, mit seinen leuchtend grün belaubten Weinbergen vor dem dunklen Bergpanorama. Ganz zu schweigen von dem Palazzo aus dem achtzehnten Jahrhundert.

Und die Tage, die Leah mit Jaco dort verbracht hatten, waren wundervoll gewesen. Sie hatten einander kennengelernt, sich unterhalten, miteinander gelacht und die köstlichen Capezzana-Weine getrunken – was Leah betraf, wahrscheinlich etwas zu viel davon.

Obwohl sie wohl eher von Jaco berauscht gewesen war als vom Alkohol. Nie zuvor war sie einem Mann wie ihm begegnet. In seiner Gegenwart hatte sie das Gefühl, als gäbe der Boden unter ihren Füßen nach, als wäre der Himmel blauer als sonst. Es fühlte sich schwindelerregend gut an.

Aber Leah hatte sich fest vorgenommen, sich nicht davontreiben zu lassen. Denn sie wusste sehr genau, dass man Männern nicht trauen konnte. Die erste Lektion hatte sie bereits von ihrem Vater gelernt, der mit dem Trinken begonnen hatte, als sie ihn am meisten gebraucht hatte. Auch von den anderen Vertretern des männlichen Geschlechts war sie immer wieder enttäuscht worden. Vielleicht trug sie ein wenig Mitschuld daran: Sie neigte zu Kurzschlusshandlungen, wodurch sie sich schon oft in dumme Situationen gebracht hatte. Erst handeln, dann denken – der Satz hätte für sie erfunden sein können. Und offenbar gab es einige Männer, die das allzu gern ausnutzten.

Von dem Bewerbungsgespräch in Marokko, bei dem sie den Typen geohrfeigt hatte, als sie endlich kapiert hatte, worum es bei dieser Bewerbung eigentlich ging, bis zu der dummen Geschichte mit dem Spielsüchtigen in Atlantic City, an den sie all ihr Geld verloren hatte: Sie hatte einen Fehler nach dem anderen gemacht.

Aber ihr Herz hatte sie nur ein einziges Mal verloren. Das war in ihrer Heimatstadt Glenruie in Schottland gewesen. Mit fünfzehn – endlich gesund und fit nach einer jahrelangen schweren Nierenerkrankung – hatte sie sich in den rothaarigen Sam verliebt. Er war der Sohn des Gutsbesitzers gewesen, dem das Craigmore-Anwesen gehört hatte, auf dem ihre gesamte Familie angestellt gewesen war. Leah und Harper hatten im Haus gearbeitet, ihr Vater Angus war der Jagdmeister gewesen.

Das Ganze war furchtbar ausgegangen. Als sie bereits mehrere Monate mit Sam zusammengewesen war, hatte Leah erfahren, dass er bereits verlobt gewesen war – mit einer Adeligen. Und nicht genug damit: Als Hausangestellte hatten Leah und Harper das glückliche Paar bei der Hochzeit bedienen müssen. Nachdem dann nicht ganz unabsichtlich eine Schüssel Suppe im Schoß des Bräutigams gelandet war, hätten sie und ihre Familie fast noch ihre Anstellung verloren.

Damals hatte sie sich geschworen, sich nie wieder in einen Mann zu verlieben. Das war auch der Grund dafür, dass sie sich bemühte, mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben und sich nicht ihren Gefühlen hinzugeben, obwohl es zwischen ihr und Jaco von Anfang an heftig geknistert hatte. Stattdessen versuchte sie zu ergründen, wer dieser gut aussehende Fremde eigentlich war. Versuchte zu verstehen, was für ein Mensch er war, anstatt sich von der Wucht ihres Verlangens nach ihm umwerfen zu lassen.

Ihm schien es ähnlich zu gehen. Er hatte von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Aber gleichzeitig hatte er nie versucht, mehr daraus werden zu lassen. Er war so vorsichtig mit ihr umgegangen, dass es Leah schier wahnsinnig gemacht hatte. Als sie schließlich abgereist waren – er zurück nach New York, sie widerwillig zurück nach Hause zu ihrer Familie – war sie sicher gewesen, dass es das gewesen sei. Als sie sich voneinander verabschiedet hatten, ohne dass ein Wiedersehen auch nur erwähnt worden wäre, hatte sie ihre Enttäuschung heruntergeschluckt und ein strahlendes Lächeln aufgesetzt. Jaco hatte sie damals in seine starken, warmen Arme geschlossen und ganz fest gedrückt. Anschließend war er kurz stehen geblieben und hatte ihr tief in die Augen gesehen, bevor er gegangen war – und ein Stück von Leahs Herzen mitgenommen hatte. Wahrscheinlich, ohne dass er selbst das Geringste davon ahnte.

Doch zwölf Monate später sahen sie sich wieder. Als Leah erfahren hatte, dass sie und Jaco Taufpaten von Harpers und Vieris Sohn sein würden, war sie fast verrückt geworden vor Aufregung. Und als Jaco ihr dann eine Woche vor der Taufe per SMS geschrieben hatte, wie sehr er sich auf das Wiedersehen freute, hatte ihr ganzer Körper vor Vorfreude gesummt.

Aber ihr war klar gewesen, dass sie einen kühlen Kopf bewahren musste. Die SMS war der einzige Kontakt in einem ganzen Jahr gewesen. Sie hatte keine Ahnung, was er währenddessen gemacht hatte und mit wem er zusammengewesen war. Vielleicht hatte er jetzt eine Freundin – oder gleich mehrere.

Der Versuch, von Harper mehr über ihn zu erfahren, hatte sich als frustrierend fruchtlos erwiesen. Jaco war Vieris ältester Freund, doch es schien, als umgab ihn ein Geheimnis. Leah wusste im Grunde nichts über den Mann, der eine so heftige Wirkung auf sie hatte. Ihr hatte er so einige Informationen über ihr Leben entlockt, aber über sein eigenes gab Jaco so gut wie nichts preis.

Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr fragte sie sich, wer Jaco Valentino wirklich war. Wer sich hinter seiner verlockenden Fassade verbarg.

Doch kaum, dass sie sich im Castello Trevente, in dem ihre Schwester jetzt mit ihrer Familie lebte, wiedergesehen hatten, waren alle Zweifel dahin gewesen – wie weggeblasen vom Ansturm der Gefühle.

Als Jaco sie dann nach der Taufe beiseitegewunken hatte, um ihr zu sagen, dass er ihr einen Vorschlag machen wolle, war sie zu keinem klaren Gedanken mehr fähig gewesen.

Er hatte sie an die Hand genommen und war mit ihr in einen der hohen Räume des Castello Trevente gegangen. Aber sein „Vorschlag“ hatte sie überrascht. Anstatt sie in die Arme zu nehmen und sich auf der Stelle über sie herzumachen, im Stehen an der steinernen Wand des Castellos – was Leah sich immer wieder vorgestellt hatte, seitdem sie ihn kennengelernt hatte – hatte er ihr Arbeit auf seinem Weingut angeboten. Er bräuchte so schnell wie möglich eine Vertriebsleiterin und sei überzeugt, dass sie die Richtige für den Posten sei. Leah hatte sich ihre Überraschung nicht anmerken lassen und die Gelegenheit beim Schopf gepackt. All ihre guten Vorsätze und Bedenken waren dahin gewesen. Sie wollte schon lange aus dem öden Glenruie weg, wo sie geboren und aufgewachsen war. Da kam ihr eine Stelle in Sizilien gerade recht. Die Aussicht, an der Seite von Jaco zu arbeiten und mehr Zeit mit ihm zu verbringen, machte sein Angebot nur noch verlockender.

Also war Leah sofort nach Capezzana gezogen, wo Jaco die ersten Tage bei ihr geblieben war, um ihr alles zu zeigen. Dass das Weingut seine Leidenschaft war, hatte sie sofort daran gesehen, wie seine Augen zu leuchten begannen, wenn er über die Rebsorten sprach, die er anbaute, über die Ernte des Vorjahres und die Qualität seines eigenen Weins.

Er hatte Leah deutlich klargemacht, was Capezzana ihm bedeutete und wie viel Vertrauen er ihr entgegenbrachte, indem er ihr die Stelle gab. Und sie hatte ihm zu verstehen gegeben, dass sie ihn nicht enttäuschen würde. Sie war entschlossen gewesen, hart zu arbeiten, schnell zu lernen und Jaco zu beweisen, dass sie nicht das Dummchen war, für das man sie wegen ihrer törichten Entscheidungen in der Vergangenheit hätte halten können. Sie war fest entschlossen gewesen, ihm zu beweisen, dass sein Vertrauen in sie gerechtfertigt war.

Nachdem sie am letzten Abend vor seiner Abreise zusammen draußen gegessen und der Sonne beim Untergehen zugesehen hatten, war es endlich passiert. Ihr Verlangen nacheinander, das immer stärker geworden war, hatte sich endlich Bahn gebrochen.

Angefangen hatte es mit einem ungestümen Kuss, dann hatten sie sich Sekunden später die Kleider vom Leib gerissen und waren ins Haus gestolpert, ohne voneinander zu lassen, um sich im Schlafzimmer hemmungslos ihrer aufgestauten Sehnsucht nacheinander hinzugeben.

Und so hatte sie angefangen – ihre Beziehung mit Unterbrechungen. Leidenschaftliche Nächte, die sich mit langen Wochen und Monaten abwechselten, in denen Jaco um die Welt reiste.

Als Milliardär, der alles, was er anfasste, in Gold verwandelte, hatte er einen randvollen Terminkalender. Leah hatte sich damit arrangiert, dass sie ihn selten sah. Und sie achteten beide darauf, dass es nicht zu ernst wurde zwischen ihnen, trotz ihrer leidenschaftlichen Liebesbeziehung. Stattdessen bemühten sie sich, jeden Augenblick miteinander zu genießen.

Leah ging es dabei vor allem darum, sich selbst zu schützen. Sie versuchte, Abstand zu wahren, weil sie sich nicht in diesen geheimnisvollen Mann verlieben wollte. Und Jaco … Manchmal fragte sich Leah, ob er einfach zu beschäftigt, zu ruhelos, zu sehr auf seine Karriere fixiert war, um jemals einem anderen Menschen anzugehören.

Doch als Jaco nun wieder vor ihr stand und sie mit seinen dunklen Augen ansah, gab er ihr das Gefühl, der schönste und wertvollste Mensch auf der Welt zu sein. Dass sie alles verkörperte, wonach er sich sehnte.

Die Hoffnung, die zu unterdrücken sie versuchte hatte, keimte wieder auf. Vielleicht konnte das, was sie ihm heute mitteilen würde, doch dazu führen, dass aus ihrer Beziehung etwas Beständigeres würde. Vielleicht würde ein richtiges Paar aus ihnen werden. Eine Familie?

Aber es gab nur einen Weg, das herauszufinden.

„Also, Jaco …“ Leah holte tief Luft. „Da ist etwas, das ich dir sagen muss.“

„Und zwar?“

Bevor sie antworten konnte, summte das Smartphone in seiner Hosentasche. Er fischte es heraus, senkte seinen Blick auf das Display und tippte eine Antwort. Das verfluchte Telefon – sie hasste es. Wochenlang wartete sie auf Jaco, um dann mit diesem dummen Ding um ihn zu konkurrieren. Oder irgendeinem anderen elektronischen Kommunikationsgerät.

Er sah auf. „Sorry, was wolltest du sagen?“

Wieder summte das Telefon. Mit entschuldigender Miene tippte Jaco eine weitere Antwort ein. „Scusa“, sagte er, ohne vom Telefon aufzusehen, „ich muss schnell antworten.“

Natürlich musste er das.

„Hör mal …“ Leah seufzte. „Wie wär’s, wenn ich uns etwas zu essen mache, während du deine Sachen erledigst?“

„Gute Idee. Dann springe ich noch mal unter die Dusche. Geht aber schnell.“ Er lächelte verwegen. „Es sei denn, du leistest mir dabei Gesellschaft. Dann könnte es etwas länger dauern.“

Das Telefon in seiner Hand summte schon wieder. Leah verzog das Gesicht.

„Zehn Minuten.“ Er küsste sie, bevor er sich abwandte und das Telefon an sein Ohr hielt. „Dann gehöre ich wieder ganz dir.“

Leah fragte sich, ob das jemals so sein würde, und ihr Herz zog sich bang zusammen, als sie zusah, wie er sich entfernte.

Aus den zehn Minuten wurden fünfzehn, dann zwanzig. Leah, die auf der Terrasse saß und beobachtete, wie die untergehende Sonne die Schatten der Reben länger werden ließ, schob ihren Teller mit der mittlerweile kalten Pasta beiseite. Gedankenverloren nahm sie ein Stück Brot und warf den Spatzen Krümel hin.

Das war typisch für Jaco. Er war ständig beschäftigt, war immer gerade dabei, irgendein Geschäft klarzumachen oder ein anderes anzubahnen. Ständig ließ er sie warten. Obwohl sie hier alle Hände voll zu tun hatte und ihre Arbeit liebte, fühlte sich Leah in Capezzana immer ein wenig in der Schwebe, weil sie ständig auf Jacos Rückkehr wartete.

Aber nun war er hier. Und heute würde sie seine volle Aufmerksamkeit bekommen. Sie hatte keine Ahnung, wie er es aufnehmen würde, dass er Vater wurde. Sie hatte es selbst noch nicht ganz begriffen.

Mit einem tiefen Seufzer erhob sie sich und ging hinein. Außer dem Surren des Deckenventilators war nichts zu hören. Als sie sich fragte, ob Jaco noch in seinem Schlafzimmer war, sah sie ihn unwillkürlich nackt unter der Dusche vor sich, sah, wie er sie anlächelte, stellte sich vor, wie er sie in die Arme nahm und mit ihr schlief.

An der Schlafzimmertür angekommen hielt sie inne. Sie hörte Jacos Stimme. Sicher etwas Geschäftliches, wie beinahe immer. Leah drückte die Klinke herunter und öffnete die Tür einen Spaltbreit, bevor sie unwillkürlich innehielt. Nein, das war nichts Geschäftliches.

Sie sah ihn mit dem Rücken zu sich mit einem Laptop auf den Knien auf dem Bett sitzen. Er führte ein Videogespräch mit einer Frau mit schwarzen Haaren und dunklen Augen. Eine echte Schönheit.

Ein Schreck fuhr Leah in die Glieder. Die beiden redeten leise auf Sizilianisch miteinander. Jacos Stimme war kaum zu hören, aber sein Ton war zärtlich – wie der eines Liebhabers.

Heftig pochenden Herzens versuchte Lea, zu verstehen, worüber die beiden redeten. Sie verstand das Sizilianische nicht besonders gut, aber Jaco schien der Frau zu sagen, dass sie sich keine Sorgen machen solle und dass schon alles gut werden würde.

Lo prometto, Francesca.“ Ich verspreche es.

Die Verabschiedung der beiden räumte den letzten Zweifel aus. Starr vor Schreck sah Leah zu, wie die Frau ihre Lippen mit zwei Fingern berührte, Jaco einen Kuss zuhauchte und zärtlich lächelnd erklärte, dass sie ihn liebte.

Als sie Jacos Antwort hörte, ging die Welt für Leah unter.

„Anch’io ti amo …“ Ich liebe dich auch.

Tränen stiegen ihr in die Augen; sie wandte sich ab. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Wie hatte sie nur so dumm sein können? Wie hatte sie denken können, dass ihre Beziehung zu Jaco eine Zukunft haben könnte? Wieso hatte sie sich wieder von einem Mann an der Nase herumführen lassen? Und dieses Mal war es so viel schlimmer, so viel schmerzhafter als je zuvor!

Sie flüchtete auf die Terrasse, lief die Stufen hinunter, die in den Garten führten, und rannte durch den Bogengang in der Eibenhecke auf das Weinfeld hinaus. Sie lief immer weiter durch die Reihen von Reben, sie rannte, bis ihre Lungen schmerzten, ohne zu wissen, wo sie hin wollte. Sie wollte einfach nur weg.

1. KAPITEL

Ein Jahr später.

„Nein!“ Jaco starrte seinen Freund ungläubig an.

„Doch.“ Beschwörend sah Vieri ihn an. „Ich würde dir das nicht erzählen, wenn es nur ein Gerücht wäre. Eigentlich sollte ich dir nichts davon sagen. Aber ich fand, dass du ein Recht darauf hast, es zu wissen. Du bist Vater. Du hast einen Sohn.“

„Nein!“, wiederholte Jaco und schlug mit der Faust auf den Tresen.

Vieri nahm seinen Drink, sah Jaco an und wartete schweigend darauf, dass der erste Schreck seines Freundes sich legte.

„Und wie kommst du darauf, dass das Kind von mir ist?“, hakte Jaco nach.

„Leah hat Harper gesagt, dass du der Vater bist. Ich wüsste nicht, warum sie lügen sollte. Zumal sie ja offenbar nichts mit dir zu tun haben will und weit davon entfernt ist, etwaige Ansprüche auf Unterhalt zu stellen.“

„Und wie alt ist dieses Kind jetzt?“

„Drei Monate.“

„Drei Monate.“ Jaco stöhnte frustriert.

„Ja“, antwortete Vieri und fügte zögernd hinzu: „Passt das in etwa?“

„Ob das passt?“, wiederholte Jaco wütend. „Glaub mir, Vieri, das passt gerade überhaupt nicht.“ Er stand so schwungvoll auf, dass sein Barhocker ins Wanken geriet.

„Beruhige dich, Jaco.“ Vieri legte ihm beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. „Klar, dass das erst einmal ein Schock ist, aber so schlimm ist es nun auch wieder nicht.“

„Ach nein?“ Jaco funkelte ihn wütend an. „Woher willst du das wissen?“

„Ich habe einen Sohn, und er ist das Beste, was mir je passiert ist. Abgesehen von Harper natürlich.“

„Das ist schön für dich und deine kleine glückliche Familie.“

„Jaco!“

„Vieri, du hast keine Ahnung, was für eine Katastrophe das ist.“ Niemand wusste das. Jaco hatte nicht einmal seinen ältesten Freund Vieri eingeweiht in das Geheimnis, das gerade sein ganzes Leben bestimmte – es war viel zu gefährlich. Und durch das, was er gerade erfahren hatte, wurde alles noch viel riskanter.

Vieri zuckte mit den Schultern. „Nimm es, wie du willst. Aber lass es nicht an mir aus.“

„Tut mir leid.“ Jaco seufzte. „Wo sind sie denn jetzt, Leah und dieser angebliche Sohn?“

„Das weiß ich nicht.“

„Komm schon, Viero. Lüg mich nicht an.“

Nun stand auch Vieri auf. „Ich mag es nicht, als Lügner bezeichnet zu werden. Vor allem, wenn ich nur versuche, dir zu helfen.“

„Mir zu helfen?“

„Ja. Ich hätte dir nichts davon sagen müssen. Ich mache das hinter Harpers Rücken, und das tue ich ungern. Aber ich fand eben, dass du ein Recht hast, es zu wissen.“

„Weiß Harper, wo Leah ist?“

„Nein, sie weiß es nicht.“ Vieri funkelte ihn an. „Und komm bloß nicht auf die Idee, sie deswegen zu grillen. Sie hat selbst erst vor Kurzem von dem Kind erfahren. Leah hat das alles für sich behalten.“

Die beiden Sizilianer stierten einander feindselig an, bis Vieri Jaco noch einmal seine Hand auf die Schulter legte. „Komm, setzen wir uns wieder und trinken noch einen.“ Er bedeutete dem Mann an der Bar, ihnen nachzuschenken. „Du hattest also absolut keine Ahnung?“

Jaco machte ein gequältes Gesicht, nahm aber das Glas entgegen, das Vieri ihm hinhielt, und setzte sich wieder.

„Wann hast du denn Leah zum letzten Mal gesehen?“

„Das ist ewig her.“ Jaco fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Vielleicht letzten August? Ja, kurz vor der Lese. Da hat sie mir gesagt, dass sie kündigt.“

„Hat sie gesagt, warum?“

„Nein. Sie ist direkt nach meiner Rückkehr nach Capezzana stundenlang verschwunden, und als ich sie endlich gefunden habe, war sie total komisch. Weil es schon so spät war, dachte ich, es wäre das Beste, sie erst einmal in Ruhe zu lassen und sie am nächsten Morgen zur Besinnung zu bringen, aber da hatte sie schon gepackt und war über alle Berge.“

„Und hast du versucht, herauszukriegen, wo sie ist?“

„Nein, Vieri, das habe ich nicht versucht.“ Er funkelte seinen Freund wütend an. „Sie hat mir ziemlich deutlich zu verstehen gegeben, dass es vorbei ist. Mit dem Job, mit mir …“

„Hmm.“ Vieri betrachtete sein Glas. „Ihr hattet also etwas miteinander.“

„Wir waren ein paar Monate zusammen, aber es war nichts Ernstes.“

„Aber es hatte ernste Folgen.“

Jaco seufzte tief. „Ich muss sie finden, Vieri. Und zwar sofort. Wenn Harper weiß, wo sie ist … auch wenn sie nur eine vage Ahnung hat …“

„Vergiss es, Jaco“, erwiderte Vieri fest. „Sie weiß es nicht, wo Leah steckt.“

„Dann muss ich sie wohl selbst finden.“ Jaco stand auf und wandte sich zum Gehen, hielt aber an der Tür inne und ging noch einmal zurück, um Vieri in die Arme zu nehmen und zu drücken. „Danke, Vieri. Ich weiß, dass du dich für mich in eine schwierige Situation gebracht hat, und ich weiß das zu schätzen.“

Vieri klopfte ihm auf den Rücken. „Schon gut. Ich hoffe, du kriegst das alles geregelt.“

„Das hoffe ich auch“, antwortete Jaco und ging.

Leah schrak aus dem Schlaf auf. Von der Tür her hörte sie ein leises Kratzen. Mit heftig klopfendem Herzen stand sie auf und sah zu dem Bettchen hinüber, in dem Gabriel friedlich schlummerte. Dann schlich sie in das Wohnzimmer des Apartments, in dem sie seit ein paar Monaten lebte.

Das Geräusch kam von jenseits der Tür. Leah lauschte und hörte mit Entsetzen ein leises Flüstern männlicher Stimmen.

Um Gottes Willen! Einbrecher.

Sie wollte ins Schlafzimmer zurückgehen, wo ihr Telefon auf dem Nachttisch lag, aber es war zu spät. Die Männer hatten bereits die Wohnung gestürmt.

Leah schrie auf, doch einer der Eindringlinge hielt ihr von hinten den Mund zu und zog sie an sich. Um sich zu befreien, trat sie aus und schlug um sich, bis der Angreifer ihre Arme mit eisernem Griff an ihren Oberkörper drückte.

Panik ergriff sie, und der Wille, ihr Baby in Sicherheit zu bringen, löschte jeden anderen Gedanken aus. Irgendwie würde sie diese Verbrecher loswerden. Irgendwie würde sie hier herauskommen.

Sie schienen zu zweit zu sein. Während der eine sie festhielt, schloss der andere die Tür, ging zum Fenster und zog den Vorhang ein paar Zentimeter beiseite, um hinauszusehen. Schließlich schaltete der Mann das Licht ein und blieb vor ihr stehen.

Jaco.

Leah starrte ihn ungläubig an.

Etwas wie Erleichterung machte sich in ihr breit, doch das Gefühl hielt nicht lange an. Sein angespannter Gesichtsausdruck und sein Blick, der kalt und entschlossen wirkte, weckten die schlimmsten Ängste in ihr.

Er musste von Gabriel erfahren haben. Und war hergekommen, um ihn sich zu holen.

„Ja, das ist sie“, sagte Jaco auf Italienisch zu dem Grobian, der ihr noch immer den Mund zuhielt. „Der Junge ist sicher da drin“, fuhr er fort und nickte in Richtung der Schlafzimmertür.

Leah wand sich, doch der eiserne Griff des Mannes um ihren Oberkörper verfestigte sich.

„Versuch nicht, dich zu wehren, Leah.“ Jaco wandte sich ihr zu und sah ihr in die Augen. Und dieser durchdringende, eisige Blick aus seinen vertrauten Augen war Leah so unheimlich, dass sie meinte, das Herz würde ihr stehen bleiben. „Ihr kommt mit uns, du und das Baby.“

Leah funkelte ihn an. Auf keinen Fall würde er sie irgendwohin mitnehmen.

„Ich werde Cesare anweisen, seine Hand von deinem Mund zu nehmen, wenn du mir versprichst, vernünftig zu sein.“ Er musterte sie mit kaltem Blick. „Kann ich mich auf dich verlassen?“

Leah nickte, worauf Jaco seinem Begleiter nach kurzem Zögern bedeutete, sie loszulassen.

Leah schrie, so laut sie nur konnte.

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