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Geheimnisvolle Seelensucher

Diese Geschichte widme ich meinen beiden unzertrennlichen, einmaligen Söhnen Christian und Matthias.

Ich liebe Euch

und

Ihr werdet immer das Wunder in meinem Leben sein.

Die Autorin

Arlett Stauche

wurde 1970 im Thüringer Wald
geboren und lebt in dem kleinen
Städtchen Gräfenthal.

Sie hat zwei erwachsene Söhne
und

arbeitet als Sekretärin in einem Krankenhaus. Nach ihrem Abitur begann sie ein Studium im Bereich Germanistik und Kunst an der Pädagogischen Hochschule in Erfurt.

Das Schreiben und Malen betreibt sie mit viel
Enthusiasmus in ihrer Freizeit.

Bücher sind ihre Leidenschaft!

≈∞≈ Geheimnisvolle Seelensucher ≈∞≈

≈∞≈ Die Feloidea ≈∞≈

≈∞≈ Das Elend der Meia Saiwalos ≈∞≈

≈∞≈ Katzenwut ≈∞≈

≈∞≈ Die Offenbarung ≈∞≈

≈∞≈ Anpassung ≈∞≈

≈∞≈ Im Käfig gefangen ≈∞≈

≈∞≈ Versteckte Botschaft ≈∞≈

≈∞≈ Die Entführer ≈∞≈

≈∞≈ Auf der Suche ≈∞≈

≈∞≈ Das Wasserkraftwerk ≈∞≈

≈∞≈ Der König aller Metamorphe ≈∞≈

≈∞≈ Dahinrinnende Zeit ≈∞≈

≈∞≈ Abhängigkeiten ≈∞≈

≈∞≈ Grenzen ≈∞≈

≈∞≈ Feinde und Verbündete ≈∞≈

≈∞≈ Auf den Fersen ≈∞≈

≈∞≈ Raserei und Einsamkeit ≈∞≈

≈∞≈ Neue Wege ≈∞≈

≈∞≈ Verfolgung und Verzögerung ≈∞≈

≈∞≈ Die Zurückgebliebenen ≈∞≈

≈∞≈ Hinterhalt ≈∞≈

≈∞≈ Vom Suchen und Finden ≈∞≈

≈∞≈ Die Oldthree ≈∞≈

≈∞≈ Verschmelzung ≈∞≈

≈∞≈ Bezwingende Pläne ≈∞≈

≈∞≈ Heiliges Versprechen ≈∞≈

≈∞≈ Die Feloidea ≈∞≈

Im selben Augenblick, als die Scheinwerfer aufflammten, wusste er, sie war in der Konzerthalle – zwar nicht in seiner unmittelbaren Nähe, aber auch nicht allzu weit entfernt. Adam spürte ein ungewohntes Kribbeln auf seiner erhitzten Haut und sein Herzschlag beschleunigte sich unwillkürlich. Aufgewühlt durchkämmte sein Blick die undurchdringliche Menschenmasse, die sich vor der erhellten Bühne Leib an Leib drängte. Unglücklicherweise konnte er in dem gleißenden Licht der Strahler keine einzelnen Gesichter erkennen. Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen, um mehr Details sehen zu können, aber es gelang ihm einfach nicht. Die Fans johlten, pfiffen und riefen seinen Namen im Chor. Adam lächelte angespannt in die gesichtslose Menge, die den einzigen Menschen verschluckte, nach dem er sein Leben lang gesucht hatte.

Unzählige Male hatte er sich diese Szene, diesen kaum greifbaren Traum, die Begegnung mit diesem Mädchen in seinen Gedanken ausgemalt. Und nun war es endlich so weit! Er spürte sie in jeder Zelle seines Körpers. Seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, er konnte sich nicht konzentrieren, konnte nicht klar denken. Panik ergriff ihn! Was sollte er tun, wenn er sie in diesem Gedränge nicht entdecken konnte? Wenn das Konzert viel zu schnell vorüber war und er sie bis zum Ende nicht gefunden hatte? Doch bevor er ganz und gar in Verzweiflung versank, landete Corvus, sein Rabe, auf seiner Schulter und rettete ihn aus seiner inneren Lähmung. Der Vogel sah ihn prüfend von der Seite an, denn er fühlte die Nervosität seines Meisters.

Normalerweise saß er von Anfang an auf Adams linker Schulter, bevor er die Bühne betrat, aber heute war alles anders. Es schien, als hätte das Tier geahnt, dass an diesem Abend etwas Besonderes geschehen würde. Corvus schlug aufgeregt mit den Schwingen und schüttelte das schwarzweiße Gefieder – er war kein gewöhnlicher Rabe, er war ein Schildrabe, der, typisch für diese Vogelart, eine weiße Brust hatte. Für Adam war er mehr als ein Haustier, er war sein ganz persönlicher Schutzgeist und wichtigster Wegbegleiter, deswegen hatte er seine Rockband „Corvus“ auch nach ihm benannt. Der Rabe krächzte nervös, denn er spürte sie ebenfalls – die Frau, auf die sein Meister sein Leben lang gewartet hatte. Adam fühlte mit aller Intensität ihre aufregende Nähe und vor allem ihre Seele – seine Seelenhälfte …

Es wurde Zeit, diese Frau endlich zu sich zu holen … und das Konzert zu beginnen, das nur Mittel zum Zweck war, um sie ausfindig zu machen. Nur für das geübte Auge des Raben sichtbar, gab Adam dem Vogel ein vertrautes Zeichen. Sein gefiederter Freund stieß sich daraufhin kraftvoll von der Schulter ab und erhob sich majestätisch in die Lüfte.

„Adam! Corvus! Corvus!“, brüllten die Massen aufgeregt. Für tausende Fans war das Auffliegen des Raben der Startschuss für das fiebrig herbeigesehnte Musikevent. Adam nickte seinen Musikern auffordernd zu, die hinter ihm Position bezogen hatten und anfingen, die ersten Akkorde auf ihren Instrumenten zu spielen – das Publikum wurde sofort in den Bann der schottischen Rockklänge gezogen.

Adam Corbet war Bandleader und Sänger der Rockband „Corvus“, und nur seiner Stimme war es zu verdanken, dass ihre Songs wochenlang auf Platz eins der Hitlisten standen.

Radiosender und Fernsehanstalten boten Unsummen, um Adam mit seinen Bandmitgliedern in ihr Programm zu holen: Peter, sein engster Freund, Co-Sänger und Gitarrist, Matthew, der am Schlagzeug sein Revier hatte, und Christian, der Allrounder der Band, was die Instrumente betraf. Adam hatte jedoch immer nur ein Ziel verfolgt – berühmt zu werden, um sie, die eine, zu finden! Sein Ruhm sollte einzig und allein dazu dienen, die Suche nach ihr, seiner wahren Liebe, zu erleichtern. Nach jahrelanger, harter Arbeit hatte er es endlich geschafft, den Durchbruch in der Musikbranche zu erlangen, um hier auf der Bühne zu stehen. Er blickte seinem fliegenden Freund erwartungsvoll hinterher, nahm gedankenverloren das Mikrofon aus der Jeans und konzentrierte sich auf den Vogel und seinen ersten Song.

Corvus schwebte über der bunten, kreischenden und tanzenden Menge hinweg und hielt Ausschau nach langen, schwarz glänzenden Haaren und außergewöhnlich hellgrün schimmernden Augen, die sich aus einem früheren Leben in Adams Gedächtnis und in seine Seele wie ein Tattoo eingebrannt hatten. Immer enger zog der Rabe seine Kreise, mental mit seinem Meister verbunden, der die andere Hälfte seiner Seele spüren konnte und durch die Augen des Vogels nach ihr suchte. Adam war wie in Trance. Zwar sang er routiniert eine seiner Balladen, die die Fans in Entzückung versetzte, jedoch galt seine ganze Aufmerksamkeit dem dunklen Tier. Er konzentrierte sein ganzes Sein auf die Szenerie, die er durch die Augen des Raben sehen konnte: Das Bild einer Menschenmasse, die eng gedrängt, wie ein einziger Leib wogte und ihn daran hinderte, sie zu finden …

Es war genau wie damals!

Ein Bild, das Adam über die Jahrhunderte geprägt hatte, schob sich wieder vor sein inneres Auge. So oft schon hatte er dieses Bild aus der düsteren Einsamkeit seiner Seele heraufbeschworen und Hoffnung und Mut daraus geschöpft. Er brauchte diese Erinnerung, um weitermachen zu können, um nicht der Verzweiflung zu verfallen. Damals, vor ein wenig mehr als dreihundert Jahren, stand er in Schottland hoch oben auf einem abgewetzten Seil, das zwischen einem Kirchturm und einem Rathaus gespannt war und im Wind bedrohlich hin- und herschwankte. Über ihm zogen dunkle Wolken hinweg, ein Sturm braute sich zusammen, und unter ihm drängte sich eine Volksmenge, die mit offenen Mündern und aufgerissenen Augen zu ihm hinaufstarrte. Er, der junge Gaukler in seiner bunten Kleidung, konnte die Spannung, die Furcht und das Verlangen nach dem Schaurig-Schönen in den Blicken der Menschen unter sich fühlen. Junge Frauen mit roten Haaren, langen Röcken und karierten Tüchern um ihren Hälsen himmelten ihn an und gestandene Männer, um deren Hüften Kilts flatterten, zollten ihm Respekt für seinen Todesmut. Adam war zu jener Zeit ein Seiltänzer. Ein Mann, der sein Leben aufs Spiel setzte, um die zu unterhalten, die für wenige Augenblicke ihrem täglichen harten Dasein entfliehen und eine Weile vergessen wollten, was sie nach dem Jahrmarkt wieder erwartete.

So wie er – er brauchte den Abgrund unter sich, um seine allumfassende Trauer für einen kurzen Moment zu verdrängen, um den Schmerz einfach mal hinter sich zu lassen. Ihm war es egal, ob er fiel oder nicht, es wäre ihm sogar recht gewesen, wäre es einfach passiert. Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, was ihn wirklich erwartet hätte, wäre er gefallen. Das fand er erst sehr viel später heraus …

Adam hatte dieses Leben damals gewählt, weil der stetige Tanz am Abgrund sein Innerstes widerspiegelte und als praktischen Nebeneffekt, er so in der Welt herumkam und seine Suche vorantreiben konnte: die Suche nach dem verlorenen Teil seiner Seele. Corvus hatte seinen Meister damals vom anderen Ende des Seils beobachtet und dort in stoischer Ruhe auf ihn gewartet. Im Augenwinkel hatte Adam plötzlich eine Bewegung in der Menschenmenge wahrgenommen, die seine Aufmerksamkeit erregte und seinen Puls beschleunigte. Ein Gefühl, als würden tausend Schmetterlinge auf einmal in seinem Bauch in die Höhe flattern, hatte ihn durchströmt. Dort unten musste seine zweite Seelenhälfte sein! Er spürte sie sofort! Mitten auf dem Seil blieb er stehen und sah hinab in die vielen Gesichter … und da – er entdeckte sie! Das Erste, was ihm an ihr auffiel, waren ihre seidigen schwarzen Haare, die sich aus dem stumpfen roten Einerlei der anderen ungewaschenen und zerzausten Mähnen abhoben. Das Mädchen schritt zügig durch die Menge, aber es umgab sie dabei eine derart zauberhafte Anmut, dass er ihr wie hypnotisiert mit den Augen folgen musste.

Corvus krächzte sein heiseres „Ar Ar“ und das Mädchen war daraufhin stehen geblieben und hatte zu dem Seiltänzer hochgesehen. Ihre faszinierenden grünen Augen verfingen sich in denen von Adam. Er hielt ihren Blick mit seinem fest und versuchte, sie mit seinen Gedanken zu beeinflussen:

Bleib! Warte auf mich! Für einen Moment schien sie seinem Flehen tatsächlich zu folgen, aber dann hatte sie verwirrt geblinzelt und so ihre Verbindung wieder gelöst. Sie war einfach weitergehastet, ohne ihn noch einmal anzusehen.

Das hatte ihn zutiefst getroffen!

Nicht nur, weil es bis dahin noch keinem Menschen je gelungen war, sich aus der Umklammerung seines hypnotischen Blickes zu befreien, sondern vor allem, weil es sie offenbar vollkommen kaltgelassen hatte, ihn zu sehen. Wie konnte das nur sein? Sie war doch ein Teil von ihm und er von ihr! Nicht einmal seine Gabe hatte ihm weitergeholfen.

Adam war damals völlig verstört gewesen!

Das Schicksal hatte ihm als Ausgleich für seinen seelischen Mangel die Macht gegeben, anderen Menschen durch seinen hypnotisierenden Blick seinen Willen aufzwingen zu können. Aber bei ihr schien diese Gabe völlig versagt zu haben. Voller Panik hatte er daraufhin seinem Raben befohlen:

„Corvus, folge ihr! Sie ist es, die ich suche!“

Der Rabe hatte sich sofort von seinem Sitzplatz gestürzt und die unzähligen farblosen Gesichter auf der Suche nach den auffallend hellgrünen Augen überflogen. Aber er hatte das Mädchen nicht wiederfinden können. Sie war weg, spurlos verschwunden. Adam konnte sie auch nicht mehr spüren. Der kostbare Augenblick des Glücks war verstrichen. Er war wieder allein. Trauer und Trostlosigkeit, die schon seit hunderten von Jahren seine Seele gefangen hielten, hatten gesiegt und ihn in das Dunkel zurückgedrängt. Am liebsten hätte er sich vom Seil gestürzt …

Doch er hatte es nicht getan – die Hoffnung hatte ihn immer weitergetrieben, auch wenn sie ihm mehr Schmerz als Freude gebracht hatte. Das Schicksal ließ ihn nicht gehen – gewünscht hätte er es sich ja mehrmals, diese Welt verlassen zu können … einfach aufzugeben …

An diesem Abend würde er aber alles anders machen, er würde dieses Mädchen nicht einfach so ziehen lassen wie damals! Adam blinzelte und hörte, wie Peter, Matthew und Christian ihren Instrumenten rockige Klänge entlockten. Er fand jäh in die Gegenwart zurück. Heute musste er sie finden und, was noch wichtiger war, er musste sie festhalten! Corvus flog knapp über den Köpfen der staunenden Masse hinweg und steuerte auf eine Gruppe Mädchen zu, die fasziniert und verängstigt zugleich auf den sich nähernden Raben hinaufsah. Adam sah durch Corvus’ Augen plötzlich sein wahres Ziel. Sein Augenmerk galt einzig dem schwarzhaarigen Mädchen, das hinter den Teenies stand. Corvus hatte sie gefunden! Sie war es … eindeutig! Nicht wie vor dreihundert Jahren mit langem Kleid und kariertem Plaid, sondern mit dunklem Shirt und ausgewaschener Jeans.

Adam war am Ziel!

Er konnte nicht fassen, dass sie tatsächlich wieder in sein Leben getreten war! Euphorisch lächelte er, als sich der Rabe ohne zu zögern auf ihrer schmalen Schulter niederließ. Die Mädchen um sie herum kreischten, wichen ihr aus und bildeten einen Kreis. Sie jedoch blieb ruhig stehen, keine abwehrende Geste oder ein Zurückzucken waren erkennbar. Sie zeigte keine Angst oder Panik. Kühl blickte sie das Tier an, das auf ihrer Schulter gelandet war. Ihre Augen bohrten sich in die des Vogels. Adam bekam einen Stich ins Herz bei der Intensität ihres Blickes. Doch leider war es kein Ausdruck der Liebe oder des Erkennens, eher schien es so, als ob sie genervt wäre, im Mittelpunkt zu stehen und der Sitzplatz für einen Raben zu sein.

≈∞≈

Kira verzog keine Miene, obwohl sich die Krallen des Vogels schmerzhaft durch ihr dünnes Shirt bohrten. Sie kannte diese Rabenart mit der weißen Brust und dem hellen Band, das das sonst pechschwarze Gefieder um den Hals des Vogels umschloss. Dieser wunderschöne Rabe war ein Corvus Alba, ein Schildrabe. Nur in ihrer geliebten Heimat, im heißen Afrika, flogen diese Tiere umher. Hier, im kühlen Europa und gar so weit nördlich, hatte sie noch nie einen seiner Art gesehen … außer vor dreihundert Jahren in Schottland. Damals hatte sie eine ähnlich verstörende Begegnung gehabt, die sie bis heute nicht losgelassen hatte. Es kam ihr wie ein Déjà-vu vor, hier in der Menschenmenge zu stehen und diesen Sänger zu sehen, der dem Akrobaten von damals so unglaublich ähnlich sah. Es war sehr verwirrend für sie, dass sie überhaupt auf dieses Konzert gegangen war, denn normalerweise hielt sie nichts von Menschenmassen. Und doch stand sie hier – ganz außerhalb der Norm und ihrer Komfortzone.

Der Sänger auf der Bühne, oder besser, der, den sie vor so langer Zeit gesehen hatte, war ihr bis heute immer wieder in ihren Träumen erschienen. Immer wieder hatte sie davon geträumt, wie er hoch oben auf einem Seil stehend ihren Blick mit seinen Augen gefesselt hatte. Sie war damals wie gelähmt stehen geblieben und hatte sich sogar eingebildet, seine Stimme in ihrem Kopf zu hören: Bleib! Warte auf mich! hatte die Stimme sie eindringlich gebeten. Kira hatte all ihre Willenskraft aufbringen müssen, um sich aus diesem Bann wieder zu lösen. Überraschung und Trauer erfassten damals die Augen des Mannes mit den feinen, aber sehr männlichen Gesichtszügen. Und auch heute bemerkte sie denselben Gesichtsausdruck bei diesem Sänger.

Irritiert, aber gleichzeitig auch neugierig, legte sie ihren Kopf schief, weil sie seine Reaktion nicht verstand, denn er sah so unendlich traurig drein.

Als sie ihn vor ein paar Monaten das erste Mal auf einem der unzähligen Konzertplakate gesehen hatte, die in der ganzen Stadt verteilt gewesen waren, hatte sie die Neugier gepackt. Die Melancholie in seinem Blick hatte sie vom ersten Moment an fasziniert – und dann diese Ähnlichkeit mit dem Gaukler von damals. Sein Aussehen war außergewöhnlich, denn er sah wie eine dieser griechischen Götterskulpturen aus, die man in Museen und Schlossgärten bewundern konnte. Er hatte blondes Haar, das ihm eine Spur zu lang auf die Schultern fiel und himmelblaue Augen, die sich geradezu in die Seele hineinzufressen schienen und die auf ausgeprägten Wangenknochen unter dunklen Augenbrauen ruhten. Eine schmale gerade Nase und ein kantiges Kinn prägten das ebenmäßige Gesicht. Sein Dreitagebart gab ihm ein ruchloses, fast gefährliches Aussehen – er war ein sehr ungewöhnlicher, charismatischer Mann. Kira wusste, dass sie ihr außertourliches Verhalten in Schwierigkeiten bringen konnte, aber es war wie ein Zwang gewesen, der sie auf das Konzert geführt hatte. Ihr Verstand hatte dieses Mal keine Chance gegen ihr Herz gehabt – das verunsicherte sie sehr!

Der Rabe auf ihrer Schulter festigte seinen Griff noch stärker, als wollte er sie festhalten und ihr jede Möglichkeit nehmen, ohne ihn zu verschwinden. Ein leises Fauchen drang aus Kiras Kehle. Der Vogel stellte sein Gefieder auf und beäugte sie misstrauisch von der Seite, seinen eroberten Posten verließ er jedoch nicht. Die Fans um sie herum hielten Abstand und beobachteten die beiden neugierig.

Es schien fast so, als konnten sie spüren, dass sich ein fremdartiges Geschöpf unter ihnen befand – aber es war nicht wirklich greifbar für sie, was da vor sich ging. Kira fiel ihnen jetzt auch nur auf, weil der Rabe sie als seinen Sitzplatz auserkoren hatte. Wahrscheinlich waren noch mindestens hundert andere ihrer Art in diesem Stadion, verborgen in der Masse Menschen, unscheinbar und deshalb akzeptiert. Wieder knurrte Kira den Raben leise an. Der legte den Kopf schief und richtete seine schwarzen Perlenaugen auf ihr Gesicht. Ein himmelblaues Leuchten blitzte plötzlich in dem tiefen Schwarz der Vogelaugen auf. Verwundert blinzelte Kira, denn das war etwas, was nur sie konnte – ihre Augenfarbe verändern.

≈∞≈

Adam hatte noch nie so viel Glück und Seligkeit verspürt. Ein Gefühl des Nach-Hause-Kommens erfasste sein Herz. Er war diesem Mädchen durch seinen Schutzgeist Corvus so nah wie möglich gekommen. Durch die Augen des Raben konnte er sogar die zarten Grübchen in ihren Wangen sehen. Ihre Augen waren magisch grün mit vereinzelten goldenen Sprenkeln, bogenförmig zogen sich feine Brauen über ihre tiefschwarz bewimperten Augen, und schneeweiße Zähne blitzten zwischen ihren roten Lippen auf. Wie gern hätte Adam ihren Duft in sich aufgesogen und ihre Wärme gespürt, aber leider war ihm nur der Blick durch Corvus vergönnt. Aber allein das war schon überwältigend!

Doch als er ihren abschätzigen, kühlen Blick sah, hatte er das Gefühl, als würde sich sein Herz schmerzhaft zusammenziehen. Es verletzte ihn, dass sie anscheinend nicht seine Gefühle teilte.

Adam hatte die Bühne Matthew, seinem Schlagzeuger, überlassen, damit er sich ganz und gar auf das Mädchen konzentrieren konnte. Unter rauschendem Beifall beendete Matthew seine rockige Solonummer und Adam zog seine hölzerne Flöte aus dem Gürtel. Dieses Instrument begleitete ihn genau wie Corvus seit seiner Kindheit. Die Massen jubelten begeistert, denn sein mystisches Flötenspiel war ein Markenzeichen der Band. Adam verzichtete heute auf sein übliches Showprogramm und spielte nicht die schwermütigen Songs, die üblicherweise die weiblichen Fans in Tränen ausbrechen ließen. Obwohl er sehr niedergeschlagen war, weil ihn sein Seelenzwilling nicht erkannte, wollte er sich das nicht anmerken lassen.

An diesem Abend erklangen zarte, herzergreifende und leidenschaftliche Melodien in der Konzerthalle – Melodien, die aus einer anderen Welt zu kommen schienen und die von der wahren Liebe erzählten. Ein Raunen ging durch die Menschenmasse. Feuerzeuge leuchteten hier und da auf und schwebten wie Glühwürmchen über den ergriffenen Gesichtern der Fans. Adams Blick war auf die Silhouette der einzigen Frau gerichtet, die ihn interessierte. Vorsichtig hob er den Arm in ihre Richtung und lockte sie leicht mit seinen Fingern, als hätte er Angst, sie zu verschrecken.

≈∞≈

Kira sah den Sänger überrascht an. Meinte er wirklich sie? Oder wollte er nur seinen Raben wieder zu sich rufen? Aber sein Blick war derart intensiv auf sie gerichtet, dass es klar war, dass er tatsächlich sie meinte. Sollte sie seiner Aufforderung, auf die Bühne zu kommen, Folge leisten? Sie sah den Bandleader zweifelnd und verunsichert an.

Plötzlich hatte sie wieder diese Stimme im Kopf – nein, es war mehr ein Gefühl oder sogar die Gewissheit, dass sie zu ihm gehörte. Aber wie konnte das möglich sein? Verunsicherung und Misstrauen erfassten ihre Seele, aber gleichzeitig auch Vertrauen und Sicherheit. Was war bloß los mit ihr? Noch nie hatte sie so widersprüchliche Gefühle empfunden.

Sie musste zu ihm gehen, sie konnte gar nicht anders!

Wie von einem Sog mitgerissen, der von ihm ausging und dem sie sich nicht widersetzen konnte, ging sie durch die Menschenmenge, die bereitwillig den Weg zur Bühne freigab, auf Adam zu. Es gab nur noch sie beide – verbunden mit ihren Augen.

Sie bewegte sich geschmeidig durch die Halle und wirkte dabei auf die umstehenden Menschen wie ein Raubtier, das sich seiner Kraft und Eleganz bewusst war. Vor ihr teilte sich die Menge mit einem Raunen. Das Mädchen schien nichts mehr wahrzunehmen außer den Bandleader auf der Bühne, der sie fasziniert fixierte und auf sie wartete. Selbstbewusst hielt sie den Kopf erhoben und zeigte keinerlei Unterwürfigkeit oder gar Ehrfurcht. Sie tat es augenscheinlich aus Neugier, nicht aufgrund einer Besessenheit, wie sie manche der weiblichen Fans Adam gegenüber zeigten. Vor der Bühne blieb sie stehen und musterte den Sänger unverhohlen, der auf sie herunterlächelte. Adam gab seiner Band ein Zeichen und die wusste sogleich, was nun folgen sollte – ein langes Instrumentalstück, das dramatisch und mitreißend genug war, um die Fans in Ekstase zu versetzen. Ein Song über raue Zeiten, verwegene Landschaften und leidenschaftliche Menschen. Jetzt hatte er Zeit für Kira.

Sie sahen sich einfach nur an … völlig fasziniert blickte Adam noch immer auf sie herunter, während sie ihn fragend ansah. Keiner von beiden achtete auf die Fans, die inzwischen die ganze Halle rockten, oder auf die Band, die alles aus ihren Instrumenten herausholten.

War er es wirklich – der Gaukler von damals? Aber wie konnte er heute noch leben? Nach dreihundert Jahren. Er war kein Gestaltwandler wie sie, dessen war sie sich gewiss. Keines der üblichen Merkmale deutete darauf hin. Er war einfach zu menschlich. Seine Augen waren himmelblau, nicht schwarzbraun, grün, hellbraun oder fast gelb. Außerdem war er mit einem Meter neunzig sehr groß, sein Körperbau war muskulös, athletisch, aber nicht stämmig, und ein Amulett trug der Fremde ebenfalls nicht. Spontan fasste sie sich an ihr Halsband, das ihr seit Jahrhunderten unentbehrlich war. Er war ganz gewiss kein Metamorph. Aber was war er dann? Bestimmt war er nur ein Nachfahre des Seiltänzers und sah diesem zum Verwechseln ähnlich. Aber was war mit dem Raben? Den hatte sie damals ebenfalls gesehen. Neugierde beherrschte ihre Seele und schwächte ihre übliche Vorsicht. Vielleicht sollte sie es wagen? Dieser Bandleader hatte keine bösen Absichten, das konnte sie deutlich spüren. Kiras Sensibilität und Instinktsicherheit gegenüber den Gemütszuständen der Menschen war ein Vorteil ihrer Art. Ihr sechster Sinn und ihre Feinfühligkeit hatten ihr bis jetzt immer gute Dienste geleistet und diese Gabe sagte ihr jetzt, dass dieser Mann da oben glücklich, ja, geradezu euphorisch war, sie zu sehen trotz seiner seltsamen Melancholie. Kira gab sich einen Ruck und sprang geschmeidig auf die Bühne. Diese Höhe konnte von einem Menschen aus dem Stand eigentlich gar nicht überwunden werden, aber sie hatte dieses Hindernis mit Leichtigkeit und Eleganz bewältigt – so wie es sich für ein Raubkatze gehörte, denn Kira hatte eine Pantherseele, die ihr die Macht verlieh, sich in dieses Raubtier zu verwandeln. Nun stand sie dem Sänger gegenüber und atmete seinen frischen männlichen Duft ein … und versank in seinem liebevollen Blick, mit dem er sie bedachte. Die Welt schien sich nur noch um sie und ihn zu drehen, und nur sie beide ruhten fest und sicher im Rausch der Zeit. Das kam so überraschend für Kira und war so überwältigend, dass sie völlig vergaß, dass sie stets auf der Hut sein und immer alles im Blick haben musste.

„Wo warst du nur die ganzen Jahre?“, flüsterte er ihr zärtlich zu. Seine Stimme klang warm und schmeichelnd. Am liebsten hätte sie geschnurrt, aber das wäre wohl zu viel Preisgabe ihrer Gefühle gewesen. Sie war sehr verwirrt … sie empfand eine irritierende Mischung aus tiefem Vertrauen zu diesem Fremden und Emotionen, die sie bisher nicht gekannt hatte. War das etwa Liebe? Das konnte nicht sein! Und auch er wusste schließlich nicht, wer, oder besser, was sie war. Genauso wenig wie sie seine Seele kannte. Aber stimmte das wirklich? Sie wollte ihn kennenlernen, um diese geheimnisvolle Anziehungskraft zu verstehen, die zwischen ihnen herrschte. Denn nur was man verstand, konnte man bekämpfen! Und gegen diese verstörende Anziehungskraft musste sie sich wehren, dessen war sie sich sicher! Sie war nicht dazu geschaffen, mit einem Menschen befreundet zu sein … eine Beziehung oder Liebschaft lag außerhalb aller Möglichkeiten, denn sie war eine Feloidea, ein katzenartiger Metamorph, wissbegierig und raffiniert … und gefährlich! Ihre zweite Natur als Raubkatze war nun einmal gefährlich … sehr gefährlich!

≈∞≈

Adam versank in Glückseligkeit. Es war wie ein Rausch! Er konnte kaum atmen, so schnell pumpte sein Herz das Blut durch seine Adern … flammende Hitze breitete sich in seinem Körper aus. So fühlte sich also Glück an … sein Lächeln vertiefte sich in seinem Gesicht und er schien von innen her zu leuchten. ‚Glück, Glück, Glück‘, hämmerte sein Puls.

„Ich habe dich gefunden! Nach so langer Zeit endlich gefunden!“ Das Mädchen mit den grünen Augen schaute ihn schweigend an und hielt dabei ihren Kopf leicht schräg. Er konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, was ihn sehr verunsicherte. Warum sagte sie nichts? Sie sah so aus, als lauschte sie nur seiner Stimme, nicht aber seinen Worten.

Plötzlich lächelte sie und die süßen Grübchen vertieften sich in ihren Wangen. „Du hast mich gesucht?“ Ihre samtweiche Stimme überzog seine Haut mit einem Prickeln.

„Ja, weißt du das denn nicht?“ Ungläubig suchte er in ihren Augen nach einer Lüge, aber kein Erkennen oder Verstehen waren darin zu entdecken. Sie wusste es wirklich nicht. Wurde ihr denn die Geschichte nicht erzählt, weitergegeben, wie es seit Generationen üblich war?

Lief sie ahnungslos umher, ganz allein mit ihrer halben Seele, nicht wissend, warum sie sich so zerrissen und einsam fühlte? Oder spürten die Gestaltwandler diese Verzweiflung gar nicht? Hatten diese Last wirklich nur die Meia Saiwalos, die halben Seelen, zu tragen, die in einem menschlichen Körper gefangen waren?

Der Trommelwirbel der Band riss die beiden aus ihrem Traumzustand. Die Fans grölten und pfiffen. Sie wollten noch andere Songs hören, schließlich waren sie auf einem Konzert und hatten gutes Geld dafür bezahlt. Die Mädchen in der ersten Reihe kreischten und schrien und musterten Kira mit bösen Blicken. Sollte die Schwarzhaarige es etwa geschafft haben, ihren Adam, ihren Gott, zu einem Menschen zu erwecken? Wenn die das konnte, vielleicht gab es dann auch für sie noch Hoffnung. Voller Enthusiasmus, Unverständnis und Wut versuchten nun auch sie, die Aufmerksamkeit des Sängers auf sich zu ziehen und von dem Mädchen auf der Bühne abzulenken. Sie kreischten und zappelten wie wild in der ersten Reihe. Aber ihr Idol beachtete sie nicht. Er hatte nur Augen für die Schwarzhaarige.

„Du bleibst doch? Bitte!“, fragte Adam das Mädchen mit flehendem Unterton. „Ich will nicht, dass du wieder spurlos verschwindest wie damals …“

„Wie damals?“, fragte sie verwirrt und ein seltsamer Ausdruck huschte über ihr schönes Gesicht, doch dann gab sie sachlich zurück: „Wir werden sehen. Ich verspreche nichts!

Was ist mit deinem Schildraben?“ Etwas gereizt zeigte sie auf den Raben, der sich noch immer auf ihrer Schulter festklammerte. „Er scheint festgewachsen zu sein.“ Fragend hob sie ihre feinen Augenbrauen und wartete auf eine Antwort.

„Er wird dortbleiben! Nur für alle Fälle!“, grinste Adam provozierend, denn er würde es ihr sicher nicht leicht machen! Nein, das konnte sie vergessen, ihn mit dieser lapidaren Aussage einfach stehenzulassen und womöglich würde sie wieder für alle Zeiten verschwinden.

„Du kannst mit ihm zusammen am Bühneneingang warten, weiter weg würde er dich eh nicht gehen lassen!“ Sie verzog unwillig das Gesicht, wandte sich ab und schritt zum Bühneneingang. Er war erstaunt, dass das Mädchen Corvus als Schildraben identifiziert hatte. Die Mehrzahl der Menschen glaubte, eine riesengroße Elster vor sich zu haben, und Adam klärte sie nie über ihren Irrtum auf. Warum auch?

Während des Konzerts sah er immer wieder zum Bühneneingang, um sich zu vergewissern, dass sie noch da war. Dort stand sie … sein Leben, seine andere Seelenhälfte! Er wusste noch nicht einmal ihren Namen, aber er wusste, dass sie sein einziges Lebensglück war! Unwissend und leidenschaftslos, aber interessiert, das hatte er erkannt, als er in ihre grünen Augen gesehen hatte. Aber das würde er ändern, denn auch sie brauchte ihn, das war ihr nur noch nicht bewusst. Corvus fühlte sich sichtlich wohl auf ihrer Schulter. Er hatte sich bequem niedergelassen, sein Gefieder aufgeplustert und die Lider halb geschlossen. Adam hatte den Eindruck, dass er nach und nach näher an ihr Haar gerutscht war. Er grinste die beiden an und das Mädchen lächelte sogar zaghaft zurück. Adam sang das letzte Lied der geforderten Zugabe, eine Liebesballade, und ließ das wunderschöne Gesicht seines Seelenzwillings dabei keine Sekunde aus den Augen. Sie schien geschmeichelt zu sein, war aber gleichzeitig auch sehr misstrauisch. Ihre Mimik sprach Bände. Vorsicht und Zweifel dominierten ihre Gesichtszüge. Als Adam die Ballade beendet hatte, begleiteten tosender Beifall, Pfiffe und „Adam“-Rufe seinen Abgang. Er verabschiedete sich zwar mit der üblichen Dankesrede, aber es war ihm lästig, denn er wollte so schnell wie möglich runter von der Bühne, um sich endlich seinem Mädchen widmen zu können.

Gleich nach seinem letzten Wort, lief er eilig und mit beschwingt federnden Schritten auf sie zu. Übermütig fasste er sie bei der Hand und zog sie mit sich. Sie ließ es geschehen, was aber nur an ihrer Überraschung lag. Corvus hatte seine Pflicht erfüllt, stieß sich von ihrer Schulter ab und flog Richtung Ausgang. Die Band sah Adam überrascht hinterher – erstens, weil er einfach so dieses Mädchen mitnahm, was völlig untypisch für ihn war, und zweitens, weil die Jungs es gewohnt waren, dass er mit ihnen anschließend den erfolgreichen Auftritt feierte.

Als Adam die Treppe mit ihr hinunterlief, fragte sie:

„Wohin gehen wir jetzt?“

„Zu meinem Wohnwagen, damit wir ungestört reden können. Hier laufen viel zu viele Leute herum“, gab er selig lächelnd zur Antwort. Er bemerkte ihre Skepsis und schob noch hinterher: „Keine Sorge, der steht nicht so weit weg, gleich hinter dem Gebäude in einem abgeschirmten Bereich.“

„Darüber mache ich mir keine Sorgen …“, antwortete sie kryptisch. Das verwirrte ihn zwar, aber er war viel zu aufgeregt, als dass er sich noch weitere Gedanken darüber machen wollte. Endlich, als sie den letzten Gang hinter sich gelassen hatten und er die schwere Eisentür aufwuchtete, waren sie im Freien. Kühle frische Luft schlug ihnen entgegen. Eine schmale Wiesenfläche trennte Adam noch von seinem Wohnwagen, der an der gegenüberliegenden Hauswand stand.

„Da ist es, mein Gefährt!“

„Nettes Teil, total Vintage“, entgegnete sie und schaute sich den uralten, aber sehr gepflegten Wohnwagen interessiert an. Belustigt fragte er: „Das hast du nicht erwartet, dass ich in so etwas wohne, oder?“

„Nein, tatsächlich nicht, ich dachte eher an etwas …

Moderneres“, gab sie zu. Adam nickte wissend. Die wenigen Menschen, die seinen Wohnwagen kannten, waren erstaunt darüber, dass er nicht mehr Wert auf modernen Komfort legte, aber für ihn war sein uriges Gefährt eine unerlässliche Rückzugsmöglichkeit aus dem Trubel. Es war so etwas wie eine Heimat – und vor allem konnte er damit unerkannt durch die Städte reisen, denn sein Wohnwagen hatte getönte Scheiben und nichts deutete auf seine Band hin, keine Aufschrift oder dergleichen. Er war gern alleine. Die anderen Bandmitglieder akzeptierten das und zwangen ihm nie ihre Gesellschaft auf. Die drei Musiker wohnten in den Hotels der jeweiligen Stadt, in die sie ihre Tour gerade führte.

Adam schloss die Seitentür seines Fahrzeugs auf und lud Kira mit einer stummen Geste in sein Reich ein. Als sie eingetreten war, lehnte er sich lässig gegen die Wohnwagentür und genoss das Gefühl der Zweisamkeit, das ihn durchflutete wie ein warmer, prickelnder Strom. Völlig fasziniert von ihr, beobachtete er sie, wie sie sich umsah.

Das Mädchen setzte ihren langsamen Inspektionsgang durch seine Domäne fort. Der großzügige Raum war in weißen und beigen Farben gehalten. So hatte er sich einen hellen Gegenpol zu der Düsternis in seinem Inneren geschaffen. Keinem Menschen vor ihr hatte er je solche Einblicke gewährt. Interessiert beäugte sie jedes Detail.

In einer Ecke lehnte eine alte Gitarre an der Wand, über dem Bett prangte das Familienwappen der Corbets, ein Rabe auf weißem Grund. Daneben hingen zwei Schwerter.

„Was sind das für Waffen?“, erklang ihre heisere Stimme und ein Schauer jagte ihm über den Rücken.

„Das sind japanische Schwerter, Waffen der Samurai.“ Er zeigte auf ein etwa siebzig Zentimeter langes glänzendes Schwert, dessen Griff mit roten Seidenbändern umwickelt war. „Das ist ein Katana, das Langschwert der japanischen Krieger. Ich benutze es gern zweihändig, wenn ich es allein führe. Zu ihm gehört dieses zweite Schwert.“

Adam berührte ehrfürchtig die Waffe, die unter dem Langschwert hing und nur dreißig Zentimeter kurz war. „Es ist ein Wakizashi, ein Kurzschwert, das im Gürtel getragen wird. Die beiden bilden ein Paar. Erfahrene Krieger können beide gleichzeitig benutzen.“

„Und, bist du ein erfahrener Krieger?“

Adam grinste stolz. „Ich denke, ja. Ich benutze sie beide, wenn es nötig sein sollte.“

„Woher hast du deine Kenntnisse?“, hakte sie nach und strich sacht über den samtigen Griff des Schwertes.

„Ich habe einige Jahre bei einem Samurailehrer gelebt. Sein Name war Takeda.“

„Interessant. Hast du bei ihm noch andere Sachen gelernt, außer mit Schwertern zu kämpfen?“ Adam fühlte sich mit einem Mal nicht mehr sonderlich wohl. Er war es nicht gewohnt, so viele Einzelheiten aus seinem Leben preiszugeben, vor allem über Dinge zu sprechen, die seines Erachtens nicht so wichtig waren, nicht so existenziell wichtig, wie das, was sich zwischen ihnen beiden gerade abspielte.

Am liebsten wäre er gleich auf den Punkt gekommen und hätte mit ihr über ihr gemeinsames Schicksal gesprochen, aber er wusste, dass er sich gedulden musste, um sie nicht zu verschrecken, auch wenn es ihn viel Geduld kostete. Sie wusste nichts über die wahren Hintergründe ihrer Begegnung, das hatte er vorhin mehr als deutlich gesehen und gespürt. Er musste ehrlich zu ihr sein und nicht überstürzt handeln, um ihr volles Vertrauen zu gewinnen. Aber es war sehr schwer für ihn, nur Small Talk mit ihr zu reden – trotzdem beschloss er, sich erst einmal in die Gegebenheiten zu fügen.

„Nun ja, ich habe viele Jahre bei Takeda gelebt und er hat mir sein Wissen über den Schwertkampf, übers Bogenschießen mit dem Langbogen, Jiu-Jitsu … und noch so ein paar Lebensweisheiten weitergegeben“, murmelte er freudlos. „Aber jetzt genug von mir! Du weißt jetzt schon so einiges von mir und ich kenne nicht einmal deinen Namen. Also, wie heißt du?“ Das Mädchen drehte sich um und tat so, als habe sie seine Frage nicht einmal vernommen – sie inspizierte weiter den Wohnraum, ohne zu antworten. Die Vogelstange im hinteren Bereich des Wagens und der aufgeklappte Laptop auf dem Tisch waren jetzt von Interesse für sie. In den Regalen an den Wänden stapelten sich unzählige Bücher und CDs, die sie sich genauestens ansah. Nachdem sie ihre Neugier gestillt hatte, ließ sie sich lässig in einen der Sessel fallen, lehnte sich entspannt zurück und schlug ihre schlanken Beine übereinander. Scheinbar war sie zu dem Ergebnis gelangt, dass Adam ihres Vertrauens würdig war und keine Gefahr für sie bedeutete. Zufrieden lächelte er in sich hinein – er würde also weiterhin ihre Gesellschaft genießen dürfen. Ihr Gesichtsausdruck zeigte ihm, dass sie sich wohlfühlte und sogar glücklich wirkte.

Was sie aber sichtlich auch verwirrte … sie wusste den Grund wirklich nicht, warum sie bei ihm war.

„Wieso warst du so viele Jahre bei Takeda?“, fragte sie schließlich, anstatt ihren Namen zu verraten.

„Ist das jetzt wichtig?“, entgegnete er ungeduldig und rauer als beabsichtigt. Die junge Frau fixierte ihn lauernd mit ihren grünen Augen, die zu glühen schienen. Ihr gefiel sein Ton nicht, das merkte Adam sofort. Er hätte sich ohrfeigen können für seine ewige Ungeduld. „Entschuldige“, ruderte er schnell zurück. „Ich rede nicht gerne über mich – fangen wir einfach von vorne an: Mein Name ist Adam. Adam Corbet. Aber das weißt du ja schon. Und das ist Corvus.“

Er zeigte auf den schwarz-weißen Vogel, der sich auf seiner geliebten Stange räkelte. Unsicher sah Adam Kira von der Seite an, aber sie nahm seine Entschuldigung scheinbar einfach so hin.

„Ja“, gab sie schlicht von sich. „In meiner Heimat gibt es viele von diesen Vögeln, also südlich davon.“

„In deiner Heimat?“

„Ja, Afrika … und mein Name ist Kira. Wieso warst du denn nun bei diesem Takeda?“, stellte sie sich endlich vor, aber trotzdem ließ sie nicht locker. Adam ließ sich ihren Namen auf der Zunge zergehen. „Kira“, flüsterte er ehrfürchtig. „Woher genau kommst du aus Afrika?“, fragte er etwas lauter und schob noch schnell eine Antwort auf ihre Frage nach: „Und was das andere betrifft: Es war wohl so etwas wie ein Selbstfindungstrip bei Takeda.“ Mehr wollte er jetzt nicht dazu sagen. Sie war viel wichtiger …

„Ich komme aus Ägypten, genauer aus Zagazig, der Ort liegt im Nildelta. Ich bin schon ein paar Jährchen nicht mehr dort gewesen.“

Jährchen, dachte Adam schmunzelnd, sicherlich Jahrzehnte!

„Was gibt es da zu grinsen?“, wollte sie misstrauisch wissen.

„Willst du wirklich wissen, warum ich lache?“

„Ja, würde ich sonst fragen?“

„Nun, ich glaube, dass deine sogenannten ‚Jährchen‘ eine größere Zeitspanne umfassen, als Menschen vermuten würden.“ Kira kniff die Augen zusammen.

„‚Menschen vermuten würden‘?“, wiederholte sie gereizt. „Du sagst das so, als wärest du kein Mensch.“

„Genauso wenig, wie du einer bist!“ Adam starrte sie provozierend an.

„Ach so! So etwas hör ich mir nicht an, klar?“, schnappte sie und schnellte aus dem Sessel hoch, um sich mit einer einzigen Bewegung zur Tür zu drehen. Corvus schreckte auf und schlug aufgebracht mit den Flügeln.

„Ar Ar.“ „Du hast recht, mein Freund. Ich sollte nicht mit der Tür ins Haus fallen“, gestand sich Adam leise ein und nickte nervös. Er wollte Kira, die bereits die Klinke in der Hand hielt, am liebsten festhalten, aber er hielt sich zurück, denn das wäre jetzt eine sehr schlechte Idee gewesen.

„Entschuldige! Ich weiß, ich sollte vorsichtiger dabei vorgehen, dich kennenzulernen. Aber versteh doch, ich habe so lange auf dich gewartet! Damals, als ich dich in Schottland gesehen habe, wusste ich es sofort … da fällt es mir schwer, so lange um den heißen Brei herumreden zu müssen. Entschuldige nochmals. Bitte!“

≈∞≈

Kira horchte auf – schon wieder so eine geheimnisvolle Andeutung. Sie rang mit sich. Dieser Typ war ihr suspekt, einerseits fühlte sie sich von ihm angezogen und fand es sehr interessant, mit ihm zu reden, doch andererseits schreckte sie diese ungeduldige und fordernde Art ab, die er an den Tag legte. Aber ihre Wissbegierde gewann gegen ihre widersprüchlichen Gefühle – sie ließ die Türklinke los und setzte sich wieder in das weiche Polster des Sessels.

„Gut, dann lass uns Klartext reden! Du sprichst und ich höre zu. Und dann werde ich eine Entscheidung treffen“, stellte sie ungerührt fest und bedachte ihn mit einem intensiven Blick.

„Eine Entscheidung treffen? Diese Entscheidung ist dir schon längst abgenommen worden!“, entgegnete Adam sarkastisch.

„Ach ja? Das glaube ich kaum! Ich bin mein eigener Herr! Niemand schreibt mir irgendetwas vor!“, gab sie äußerst energisch zurück. „Du machst lauter konfuse Andeutungen.

Ich kann mich nicht entsinnen, dass wir beide uns schon jemals über den Weg gelaufen sind!“

Das hatte gesessen! Adam schwieg und sah sie schockiert an. Das hatte er nicht erwartet. Kira musste ein Fauchen unterdrücken, sie spürte die enorme Wut, die in ihr hochkochte. Sie musste sich zusammenreißen, sonst würde das Tier in ihr hervorbrechen und wer weiß was anstellen.

„1. Mai 1669 ist der Tag, der unsere Leben verbindet“, sagte er leise und verzog bitter den Mund.

„Und wir sind uns in Schottland begegnet, während ich als Seiltänzer durch die Lande zog!“ Unheilvolle Stille herrschte jetzt im Wohnwagen. Man hätte eine Nadel fallen lassen können und die wäre wie ein Donnerschlag in Kiras Ohren gewesen. Sie hatte ihre Augen weit aufgerissen und ihre Lippen waren etwas geöffnet – sie schluckte schwer, immer wieder, und brachte doch kein Wort hervor.

„Ich denke, ich habe ins Schwarze getroffen.“ Adam hielt fragend den Kopf leicht gesenkt und wartete auf eine Reaktion von ihr. Doch sie starrte ihn nur entsetzt an. „Ich weiß, dass das unglaublich ist und du es erstmal sacken lassen musst. Lass dir Zeit, ich habe dafür sehr viele Jahre gebraucht“, meinte er mitfühlend und fügte vorsichtig hinzu: „Ich für meinen Teil habe Hunger. Möchtest du auch etwas?“ Er wollte wieder Normalität in diese verworrene Situation bringen.

„Steak. Steak, wenn du hast?“, räusperte sich Kira überrumpelt und sah ihn verdattert an. Adam hat recht, das hat gesessen, dachte sie. Sie musste erst einmal ihre Gedanken ordnen. Wie war das alles möglich? Er war ein Mensch und sie eine Gestaltwandlerin! Sie war eine Feloidea, ein Katzenwandler, ein Panther! Wie sollten ihre beiden Schicksale miteinander verwoben sein? Sie zerbrach sich den Kopf, kam aber auf keine plausibel klingende Antwort. Es herrschte absolutes Chaos in ihren Gedanken und ihr blieb nichts anderes übrig, als ihm nur zuzusehen, während er das Essen zubereitete. Er leerte seinen Kühlschrank und zog Pfannen und Schüsseln aus dem Schrank.

„Wie möchtest du dein Fleisch?“

Sie war überrascht, dass er danach fragte. Normalerweise setzten Männer voraus, dass Frauen ihr Fleisch gut durchgebraten haben wollten. Aber wenn sich schon die Chance bot:

„Bitte ungewürzt und nur minimal angebraten.“

„Also roh und blutig“, stellte er unumwunden fest.

„Ja, … wenn du es so sagen willst …“, stammelte Kira verwundert darüber, dass er so direkt war und ihre Vorlieben ohne einen blöden Kommentar hinnahm.

„Ich verstehe schon, warum du es blutig willst, ich wundere mich überhaupt nicht, keine Sorge“, sagte er beiläufig. Kira sah auf und bemerkte, dass er sie beobachtete. Sein Blick war ihr unangenehm.

„Warum solltest du dich wundern?“

„Nun ja, dass so eine zarte Frau wie du blutiges Fleisch mag. Ich weiß, dass du ein Metamorph bist – eine Feloidea.“

≈∞≈

Adam hatte diesen Satz beiläufig, als würde er über das Wetter plaudern, zu der Wand hinter seinem Herd gesagt. Er wagte nicht, sich umzudrehen und sie anzusehen. Sein Körper war angespannt wie eine Stahlfeder, während er auf ihre Reaktion wartete. Es herrschte unheilvolle Stille, dann stieß sie hörbar die angehaltene Luft aus ihren Lungen und fragte lauernd: „Was soll das sein, ein Metamorph?“

Er ließ resigniert den Kopf hängen. Sie vertraute ihm einfach nicht. Es würde schwerer werden als gedacht. Aber was hatte er denn auch erwartet?

Sie hatte jahrhundertelang ihr Wesen verleugnet und niemals den Menschen ihr wahres Ich gezeigt. Immer musste sie sich anpassen und sich unauffällig unter den Menschen bewegen. Nur in der Finsternis der Nacht lebte sie irgendwo in der Wildnis ihre wahre Natur aus, so malte er es sich zumindest aus.

„Okay, ich erkläre es dir.“ Er spielte ihr Spiel mit. Was blieb ihm auch sonst übrig? Ab jetzt würde er geduldig sein und würde von nun an alles richtig machen. Sein und ihr Glück hing davon ab, sie zu überzeugen und ihr Vertrauen und ihre Liebe zu gewinnen. Er legte das blutige Fleisch auf einen Teller und verzierte den Rand mit gebratenem Speck. Sich selbst hatte er ein Spiegelei auf Schinkentoast gemacht und dazu einen Salat. Mit den Tellern und Besteck trat er an den Tisch und stellte das Geschirr darauf ab. Dann setzte er sich ihr gegenüber und begann wortlos zu essen. Einen kurzen Augenblick beobachtete Kira ihren Tischnachbarn, dann begann sie ebenfalls zu essen. Adam registrierte ihre Bemühungen, sich zu beherrschen und vorsichtig über das Fleisch herzumachen. Aber in den Momenten, in denen sie sich unbeobachtet wähnte, schlang sie ihre Bissen gierig hinunter. Adam lächelte. Sie versuchte noch immer, ihn zu täuschen. Er war kurz davor, ihr das zu sagen, aber er ließ es sein – nicht, dass sie wieder abhauen wollte. Nachdem er seinen Teller geleert hatte, lehnte er sich zurück und räusperte sich.

„Hast du schon einmal von Atlantis gehört?“

„Atlantis, natürlich! Die Insel, die untergegangen ist, weil die Menschen hochmütig und raffgierig geworden waren bei all dem Reichtum, den sie angehäuft hatten. Aber was hat das mit diesen Metamorphen zu tun?“

„Du wirst schon sehen, was das mit den Gestaltwandlern zu tun hat, also hör zu: Atlantis gab es wirklich. Es hieß jedoch anders. Zu Atlantis ist es geworden, weil viele hunderte Generationen die Geschichte weitergegeben haben und der wahre Name verloren ging. Ursprünglich nannte sich die Insel Atla Antissa. Ich erzähle dir die Geschichte, so wie sie mir an meinem fünfzehnten Geburtstag erzählt worden ist.“

≈∞≈

Kira lehnte sich nach vorne, um kein Wort zu verpassen. Obwohl sie ihm noch immer vormachen wollte, sie wäre ein ganz normales Mädchen, interessierte sie die Metamorphen- und Atlantisstory brennend. Ob sie wahr war oder nicht, würde Kira selbst später entscheiden. Leichtgläubig war sie jedenfalls nicht!

Vor allem war sie erpicht darauf, zu erfahren, woher er wissen konnte, was eine Feloidea war und wie er sie überhaupt identifizieren konnte. Würde sie erst dieses Geheimnis kennen, das er ihr so bereitwillig preisgab, würde sie ihn wahrscheinlich töten, denn niemand außerhalb der Gestaltwandlergilden durfte von ihrer Existenz wissen. Was würde das sonst für Kreise nach sich ziehen, was für Gefahren?

Sie würde ihn aushorchen, wer noch davon wusste und dann würde sie alle Mitwisser aufspüren! So zuwider es ihr auch war, gezwungen zu sein, so handeln zu müssen. Leider würde diese Begegnung nicht bei einer flüchtigen Bekanntschaft bleiben, so wie sie anfangs gedacht hatte – nein, leider musste sie das Problem, Adam, aus der Welt schaffen, denn das verlangte ihr Gildenkodex.

Wäre sie doch nie auf dieses Konzert gegangen! Trauer schlich sich in ihr Herz. Sie hatte einen Fehler begangen, denn sie mochte diesen jungen Mann sehr – irgendwie, zwar für sie unbegreiflich, warum, aber es war so.

Er hatte ja gar keine Ahnung, in welche Gefahr er sich gebracht hatte mit seinem Wissen …

≈∞≈ Das Elend der Meia Saiwalos ≈∞≈

„Einst lebte auf der Insel namens Atla Antissa, draußen im Atlantik, das Volk der Saiwalos, das im Gegensatz zu den Atlantern friedlich und nicht der Gier und Habsucht verfallen war“, begann er ohne Umschweife.

Adam hatte Kiras innerlichen Kampf nicht wahrgenommen und bemerkte nur ihr Interesse an seiner Geschichte, die so viele Meia Saiwalos als Ursprung ihres Unglücks teilten.

„Es waren glückliche Menschen, nicht, weil sie Gold und Edelsteine besaßen wie die Atlanter, nein, ihr Reichtum war die allumfassende Liebe. Denn diese Menschen teilten sich eine Seele und einen Körper.“

Kira machte große Augen und unterbrach ihn: „Echt? Das habe ich ja noch nie gehört …“

Adam sah ihr deutlich an, dass sie sich wohl fragte, was er hier gerade für merkwürdige Dinge erzählte.

„Ich hoffe, du wirst mich verstehen …“, antwortete er verunsichert. Wie sollte er ihr begreiflich machen können, dass das alles unglaublich wichtig für sie beide war?

Er musste weitererzählen, trotz einer leisen Hoffnungslosigkeit, die in ihm aufkam. So musste sich damals seine Mutter auch gefühlt haben, als sie ihm diese unglaubliche Story erzählt hatte und er sie mehr als einmal dafür ausgelacht hatte. Aber diese Dringlichkeit, die er jetzt verspürte, zerriss ihn fast. Eilig nahm er den Faden wieder auf.

„Die Atlanter und auch die Saiwalos erhielten einen göttlichen Funken von den Göttern, damit sie sich behaupten konnten auf hoher See, abgeschottet vom Rest der Welt und dem Festland. Die Atlanter nutzten diese Gabe, um als riesige Seemacht viele Teile Europas, einige Inseln und sogar Ägypten zu erobern. Sie waren mächtig, stolz und hochmütig, doch ihr größter Fehler war, dass sie die Götter verhöhnten. Sie zeigten keinerlei Dankbarkeit für das Geschenk der Götter. Die Saiwalos dagegen waren friedlich und bescheiden, aber eine gewisse Ignoranz stahl sich in ihre Gemüter. Auch sie wurden bestraft für die Taten ihrer Landsleute, weil sie nie versucht hatten, sie aufzuhalten oder sie von ihrer Gier abzubringen. Sie ließen es einfach geschehen, denn sie waren ja vollkommen und waren sich selbst genug. Eines Tages, die Götter hatten das Volk von Atlantis mehrmals gewarnt, aber keine Veränderung war eingetreten, waren sie so erzürnt über den Hochmut der Atlanter und die Gleichgültigkeit der Saiwalos, dass sie einen schrecklichen Sturm schickten. Die Bestrafungen der Atlanter waren einerseits ihre verheerende Niederlage gegen ihre Feinde und der Verlust ihrer göttlichen Macht und andererseits der Verlust ihres Hab und Gutes. Die Saiwalos traf ein anderes Schicksal. Als das gesamte Volk zusammen am Strand ein Fest feierte, schickten die Götter Blitze zu ihnen hinab, die die Körper der Saiwalos trafen, ihre Seelen spalteten und die gebrochenen Seelen aus den Körpern hinauskatapultierten.“

Adam stockte, nahm eine Wasserflasche und trank mit großen Zügen daraus. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an. Kira beobachtete ihn dabei mit einem undefinierbaren Blick. Sie sagte nichts dazu, aber Adam sah ihr an, dass sie das alles nur für ein Märchen hielt, das ihr die Zeit vertrieb.

„Möchtest du auch etwas trinken?“, fragte er und hielt ihr eine ungeöffnete Flasche entgegen. Sie schüttelte den Kopf und er erzählte weiter:

Die abgetrennten Seelenhälften fanden den Weg nicht mehr zurück zu ihrem anderen Teil, denn der Sturm riss sie unbarmherzig mit sich fort. Sie schwebten schutzlos und einsam durch die rauen Lüfte, bis der Sturmwind sie an irgendwelche Kontinente, tausende Kilometer weiter weg, getragen hatte. Die Einsamkeit trieb sie dazu, die dort lebenden Tiere als Wirt einzunehmen. Die schutzlosen Seelen erkannten vor allem in den Raubtieren ihre Chance, wieder in einem Körper wohnen zu können, der stark war und sich verteidigen konnte. Sie wählten die Bären, Wölfe und Großkatzen, selten suchte eine Seele ein sanftes Tier aus. In den Raubtieren fanden sie eine mutige Tierseele, an die sie sich klammern konnten und setzten somit ihrer Einsamkeit ein Ende.“ Adam sah sie eindringlich an und wartete auf ihre Reaktion.

„Du denkst also, dass man so zu einem Gestaltwandler wird?“, fragte Kira ungläubig und lachte herablassend.

Sie schüttelte vehement den Kopf. „So ein Blödsinn!“

Er konnte aus ihrer Stimmlage mehr als deutlich heraushören, dass sie es wohl besser wusste. Sie hatte sich verraten, ohne es zu wissen. „Ach, meinst du …?“, fragte er daher betont ruhig und beobachtete sie genau.

„So eine komische Theorie habe ich ja noch nie gehört über Metamorphe … und man hört darüber so einiges“,

antwortete sie immer noch in demselben Tonfall. Adams Chance war gekommen und er ergriff sie sofort:

„Hm, dafür, dass du dich angeblich nicht auskennst mit Metamorphen, scheinst du aber ziemlich gut Bescheid zu wissen – nach deiner Reaktion zu urteilen“, stellte er trocken fest. Ihre Gesichtszüge gefroren augenblicklich, als sie ihren Fehler erkannte. „Kira, ich bitte dich, mach mir nichts vor! Ich weiß es, also lass die Spielchen!“

Sie durchbohrte ihn mit ihrem Blick und schien fieberhaft nachzudenken, wie sie aus dieser verfahrenen Situation wieder herauskommen konnte, aber je länger sie schwieg, umso unwahrscheinlicher wurde es, etwas Vernünftiges dagegensetzen zu können. Schließlich gab sie nach: „Okay, ja, du hast gewonnen, aber das ist nichts Gutes – zumindest nicht für dich …“ Adam musste grinsen bei ihrem ernsten Blick und erwiderte: „Glaub mir, das ist mir jetzt auch schon egal!“

„Trotzdem“, erwiderte sie vehement, „deine Story hinkt, würde ich behaupten. Ich hatte eine Mutter und einen Vater. Ich bin nicht herumgeschwebt und an irgendwelchen Ufern angekommen, daran würde ich mich ja wohl erinnern!“ Sie lachte sarkastisch.

„Nein, sie hinkt nicht!“, erwiderte er geduldig. „Ich erzähle dir nachher, warum. Vorher muss ich dir noch erklären, was eine Meia Saiwalo ist … wer ich bin.“

Sie zuckte gleichgültig mit den Schultern und machte eine Geste, die ihn aufforderte, dass er fortfahren sollte.

„Okay, also …“ Adam ging über dieses zur Schau gestellte Desinteresse hinweg, denn er kaufte ihr diese Nummer sowieso nicht ab.

„Die Seelen, die in den menschlichen Körpern der Meia Saiwalos zurückgeblieben waren, kämpften ums Überleben auf der untergehenden Insel. Der Sturm wütete dort und die Erde bebte. Sie wurde überspült von einer riesigen Welle und versank schließlich im Meer. Diejenigen, die es schafften, sich in ein fremdes Land zu retten, waren dort einsam und bekümmert, auch wenn sie in Gruppen strandeten. Sie fühlten sich zerrissen und elend. Halbe Seelen sind zur Dunkelheit und Trauer verdammt und so begannen sie, überall nach ihrer zweiten Hälfte zu suchen, denn ohne sie war kein lebenswertes Dasein mehr möglich. Der Seele im Tierkörper erging es dabei nicht so beklagenswert, weil sie die Tierseele hatte, an die sie sich klammern konnte und so vergaß sie mit der Zeit ihre zweite Hälfte. Aber die zurückgebliebene Seelenhälfte in dem menschlichen Körper konnte kein Glück mehr finden. Das Einzige, was ihr noch Hoffnung gab, war der göttliche Funke, der ihr geblieben war, denn er schenkte ihr Zeit und Unsterblichkeit. Ein kostbares Geschenk, wenn man Jahrhunderte damit verbringen muss, seinen Zwilling zu suchen. Die Metamorphe und die Meias, die danach geboren wurden, wurden zwar erwachsen, aber dann blieb die Zeit für sie stehen. Sie alterten nicht und konnten auch nicht sterben, zumindest nicht durch ihre eigene Hand. Als ich das begriffen hatte, dass ich nicht älter werde, habe ich mich auf die Suche nach dir gemacht, so wie hunderte von anderen Saiwalos euch auch suchen. Und manche von uns haben sicher bereits ihren anderen Teil gefunden. Es muss also noch mehr Metamorphe geben, die mit ihren Menschen zusammenleben. Hast du das nie gesehen? Vielleicht sogar bei deinen Eltern?“

Kira sah ihn nachdenklich an. „Ich weiß es nicht, ich habe keine Eltern mehr. Ich bin mit sechs Jahren zu meiner Tante gekommen und bei ihr aufgewachsen. Meine Mutter war auch eine Feloidea, daran kann ich mich noch erinnern, und mein Vater …? Von ihm wurde nie gesprochen. Ich kannte ihn nicht.“ Sie runzelte die Stirn. „Du meinst, mein Vater war eine Meia Saiwalo?“

„Nein, dein Vater muss ein Mensch gewesen sein. Nur Menschen und Metamorphe können einen Metamorph zeugen. Aber deine Mutter hätte dich nie verlassen. Das tun Metamorphe mit ihren Kindern nicht – nicht, bevor sie das Erwachsenenalter erreicht haben. Da du aber bei deiner Tante aufgewachsen bist, denke ich, deine Mutter hat nie ihre Meia getroffen. Sie wäre dann bei dir geblieben, mit oder ohne Meia. So besteht nur die Wahrscheinlichkeit, dass sie und ihre Meia einen gewaltsamen Tod gestorben sind, bei dem sie geköpft oder verbrannt wurden. Denn passiert so etwas, sterben beide Seelen zum gleichen Zeitpunkt, egal in welchen Ländern sie sich gerade befinden – wenn ihre Seelenhälfte irgendwo auf der Welt zu Tode kommt, sterben sie in derselben Sekunde“, erklärte Adam. Kira fixierte ihn schweigend. Erst Corvus schaffte es, sie aus ihrer Erstarrung zu reißen, als er sein heiseres „Ar Ar Ar“ ertönen ließ. Sie blinzelte und blickte auf ihre Hände, die sie fest verschlungen in ihrem Schoß hielt. Dann hob sie ihren Kopf und fragte rau: „Glaubst du etwa tatsächlich an solch einen Unsinn?“

„Daran muss ich nicht glauben, ich weiß es! Oder willst du leugnen, dass du am 1. Mai 1669 geboren wurdest. Es ist auch mein Geburtstag. Du trägst die andere Hälfte meiner Seele in dir – oder wenn du so willst, ich trage die Hälfte deiner Seele in mir“, stieß er wütend hervor.

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