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Gehörst du zu einem anderen?

PROLOG

An diesem Tag fuhr Claudia Hathaway nach Austin, um den Tag mit Sally Bennett, ihrer besten Freundin aus College-Zeiten, zu verbringen. Das Programm, das sie sich vorgenommen hatten, war vom Feinsten: Shopping nach Herzenslust, ein paar Straßencafés, Lunch in einem schicken Restaurant, und dann zu einem herrlichen Herzschmerz-Film ins Kino.

„Oh, Claudia, ich finde es so schrecklich, dass du nach Houston ziehst“, klagte Sally, als sie sich zur Begrüßung in den Armen lagen. „Wir werden uns nie wiedersehen.“

Claudia verdrehte die Augen. „Es ist ja nicht das Ende der Welt, Sally. Es sind nur drei Stunden nach Houston.“ Sie drückte ihre Freundin aufmunternd. „Jetzt wohne ich ja auch nicht gerade nebenan. Ich brauche fast eine Stunde nach Hause.“

„Ich weiß, aber es klingt so weit weg.“

„Wir müssen es eben organisieren. Einen Monat komme ich hierher, und den nächsten kommst du zu mir.“ So leid es Claudia tat, aber sie freute sich so auf ihren neuen Job und den Umzug nach Houston, dass es ihr schwerfiel, mit Sally zu trauern. Außerdem war es ja wahr: So weit entfernt lag Houston gar nicht. „Na, komm. Stürzen wir uns ins Schlussverkaufs-Getümmel.“

Sommerschlussverkauf in Austin war jedes Mal unschlagbar, so auch diesmal. Claudia erstand mehrere schicke Hosen, einige Shirts und zwei Jacken, eine in schwarzem Leinen, die andere aus Seide in einem fantastischen Bordeauxton. Sie rechtfertigte diese Ausschweifung damit, dass sie all diese neuen Sachen bei ihrer neuen Arbeit tragen konnte. College-Dozentinnen mussten doch immerhin gut angezogen sein!

Zum Lunch entschieden sie sich für ein neues In-Restaurant direkt am Ufer, mit Blick über den Town Lake. Es war kürzlich im „Texas Monthly“-Magazin besprochen worden und hatte solche Köstlichkeiten wie Krabben im gebackenen Teig zu bieten.

Nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben hatten, wobei Sally schamlos mit dem hübschen Kellner flirtete, kam Sally wieder auf ihr aktuelles Lieblinsthema zurück.

„Ich verstehe einfach nicht, warum du dir nicht in Austin einen Job gesucht hast. Es wäre so schön gewesen, wir beide hier zusammen.“ Ein dramatischer Seufzer folgte.

Claudia seufzte ebenfalls innerlich. Sie liebte Sally wie eine Schwester, aber manchmal strapazierte sie ihre Nerven. Trotzdem war sie ihre beste Freundin und immer für sie da gewesen, wenn sie Unterstützung brauchte, deshalb ließ Claudia sich ihre Ungeduld nicht anmerken.

„Klar, es wäre toll hier zusammen“, erwiderte sie lächelnd. „Leider ist Austin nicht weit genug weg von Morgan Creek. In Austin hätte ich nie Ruhe, es würde immer weitergehen wie zu College-Zeiten. Sonntags würden sie mich zu Hause zum Dinner erwarten. Meine Mutter würde ständig bohren, mit wem ich ausgehe. Und Grandma würde weiter versuchen, mich zur Arbeit in der Firma heranzuziehen.“ Die Firma, das war Hathaway-Backwaren, eines der größten und erfolgreichsten Backwarenunternehmen in Texas und Oklahoma.

„Ich weiß.“ Sally klang immer noch düster.

„Egal wie oft ich versucht habe, ihnen klarzumachen, dass die Geschäftswelt nichts für mich ist – sie werden es nie akzeptieren. Es ist für mich also einfach das Beste, mal ein wenig Abstand zur meiner wohlmeinenden, aber furchtbar anstrengenden Familie zu bekommen.“ Claudia lächelte, um ihre harten Worte etwas abzumildern. Denn sie liebte ihre Familie aufrichtig, so schwierig manche ihrer Mitglieder gelegentlich auch waren. Sie würde sie vermissen.

Sally lächelte schief. „Man sollte meinen, du kennst deine Großmutter inzwischen. Sie hat eben einen starken Willen.“

„Ich liebe Grandma, aber sie ist so was von stur, und sie weiß genau, wie sie anderen ein schlechtes Gewissen machen kann, bis man schließlich kapituliert.“ Aus dem Augenwinkel sah Claudia den Kellner mit ihren Drinks herankommen. „Lass uns von etwas Lustigerem reden.“

Für den Rest des Essens erwähnten sie Claudias bevorstehenden Umzug nicht mehr. Stattdessen gingen sie ihre gemeinsamen Freunde durch, besprachen Sallys – in ihren Worten: nicht existentes – Liebesleben und planten einen gemeinsamen Urlaub für den nächsten Sommer.

„Ich habe zu viel gegessen“, stöhnte Claudia schließlich. „Aber es war sooo lecker.“

„Als ob du dir Sorgen machen müsstest“, bemerkte Sally mit einem neidischen Blick auf Claudias Figur.

Claudia wusste, dass sie Glück hatte. Sie schien die Sorte Stoffwechsel zu haben, bei der man alles essen konnte, ohne ein Gramm zuzulegen. Während die arme Sally sich jeden Bissen zweimal überlegen musste.

Wie Sally einmal bemerkt hatte: „Schon der Geruch von Kohlehydraten bringt mir zwei Pfund mehr auf die Waage!“

Während der Kellner die Rechnung addierte, ging Claudia rasch noch einmal zu den Waschräumen. Als sie um die letzte Ecke bog, hätte ein Mann sie fast umgerannt, der ihr mit schnellen Schritten entgegenkam.

„Hoppla“, rief er und fing sie gerade noch auf. „Entschuldigung. Ich hätte gucken sollen, wo ich hinlaufe.“

Noch ganz durcheinander, entfuhr es Claudia: „Allerdings.“ Sofort tat es ihr leid, immerhin war es ebenso ihre Schuld gewesen. Sie fügte schnell hinzu: „Gleichfalls Entschuldigung. Ich habe auch nicht aufgepasst.“ Dabei sah sie ihn zum ersten Mal an.

Er hatte einfach etwas unglaublich Gewinnendes, Anziehendes. Nicht gut aussehend. Gewinnend. Ein freundliches, offenes Gesicht, dunkle Augen, dichtes, dunkles Haar, das ihm in Locken in die Stirn fiel – und das netteste Lächeln der Welt. Wow, dachte Claudia. Jetzt war sie erst richtig durcheinander.

„Tja“, sagte er.

„Tja“, erwiderte sie.

Sie lachten beide.

„Ich wollte zu ‚Damen‘.“ Claudia krümmte sich innerlich. Ich wollte zu ‚Damen‘. Wie um alles in der Welt konnte sie diesen Satz von sich geben?

Der Fremde grinste. „Ich kam gerade von ‚Herren‘.“

Und dann fiel ihr einfach nichts mehr ein, was sie sagen konnte. Sie stand da und wünschte sich, sie wäre hundertmal schlagfertiger, geistreicher und souveräner. Bis ihr bewusst wurde, dass sie ihn anstarrte.

Ihr wurde ganz heiß im Gesicht vor Verlegenheit, und sie dankte allen Göttern, dass sie in einer schlecht beleuchteten Ecke standen. Sie wäre gestorben, wenn er gesehen hätte, wie sie über und über rot geworden war.

„Ja, tut mir leid, dass ich nicht aufgepasst habe“, sagte sie noch einmal. Oh Gott. Konnte man sich noch dümmer benehmen?

Sie drückte ihre Handtasche an sich und eilte weiter zu den Waschräumen, ohne sich noch einmal umzusehen.

Heiliger Bimbam.

John Renzo fühlte sich, als hätte ein Vorschlaghammer seine Brust getroffen. Sie war umwerfend. So umwerfend, dass er gestottert hatte wie ein Dreizehnjähriger vor seiner ersten großen Liebe.

Auf einer Skala von eins bis zehn würde er ihr zwanzig geben. Sie war einfach perfekt. Das kurze blonde Haar, die großen blauen Augen, hochgewachsen, schlank, mit Kurven genau an den richtigen Stellen.

Und dieser Mund!

Ein runder Schmollmund, genau die Art, die er gern küsste. John betrachtete sich dabei als Kenner. Man konnte sagen, er hatte dieses Gebiet auf dem College geradezu studiert.

Sie sah aus wie Meg Ryan.

Vielleicht war sie Meg Ryan!

Er lachte über sich selbst. Sie war zu jung für Meg Ryan. Er schätzte ihr Alter auf etwa achtundzwanzig. Höchstens dreißig. Genau richtig für seine vierunddreißig.

Immer noch ganz in Gedanken an die perfekte Frau, die er fast umgerannt hätte, kehrte er zu seinen Freunden an den Tisch zurück.

„Hey, wir dachten schon, du bist reingefallen!“

Der Witzbold war Matt Zelinsky, Kameramann bei der Filmgesellschaft, für die John arbeitete.

„Ha, ha“, machte John, während er sich wieder setzte. „Habt ihr schon bestellt?“

„Noch nicht.“ Jason Webb, ein Freund von Matt, der erst kürzlich zu ihrer Runde gestoßen war, leckte das Salz von seiner Margarita.

In dem Moment beugte sich die Bedienung, ein hübsches junges Mädchen mit roter Lockenmähne, zu ihnen herunter. „Schon gewählt?“

Während die übrigen drei mit der Bedienung flirteten und ihre Bestellungen nannten, hielt John Ausschau nach der Meg-Ryan-Doppelgängerin. Er konnte sie nirgends entdecken.

„Gewählt, Sir?“, fragte die Bedienung.

John grinste. „Halten Sie mich für einen Sir?“

Sie lachte. „Ich muss alle mit ‚Sir‘ anreden.“

„Auch die Mädchen?“, neckte John sie. Dann erbarmte er sich und sagte: „Ich nehme Hühnchen-Quesadillas.“

Er gab dem Mädchen die Karte zurück, und plötzlich sah er sie. Sie musste gerade erst zurückgekommen sein und setzte sich zu einer hübschen Brünetten an den Tisch.

Nur mit halbem Ohr hörte er seinen Freunden zu, während er verstohlen die blonde Frau beobachtete und sich fragte, ob er den Mut haben würde, sie noch einmal anzusprechen. Er war fast so weit, aufzustehen und zu ihr hinüberzugehen, als die beiden Frauen sich erhoben, ihre Sachen nahmen und gingen.

Verdammt.

„John, hallo. Bist du taub? Ich hab dich was gefragt.“

Verwirrt blickte John in die Runde, murmelte schnell eine Entschuldigung, schob seinen Stuhl zurück und lief der Blonden hinterher. Die überraschten Ausrufe seiner Freunde ignorierte er.

Als er zum Ausgang kam, waren die beiden Frauen schon weg. John eilte ins Freie. Da waren sie, auf dem Parkplatz. Er erreichte sie, als sie gerade in einen Jeep stiegen, die Blonde auf der Fahrerseite. Ihre Augen wurden groß, als sie ihn sah.

„Bitte, keine Angst. Ich bin kein Aufreißer.“ Er lächelte verlegen. „Aber es stimmt, ich bin Ihnen nachgelaufen.“

Jetzt lächelte sie auch. „Tatsächlich?“

Bildete er sich das nur ein, oder wirkte sie erfreut?

„Ja, ich, also …“ Einfach Augen zu und durch. Was hatte er schon zu verlieren? „Ich weiß, Sie kennen mich gar nicht, aber ich bin ein netter Kerl. Wenn Sie Zweifel haben, könnten meine Freunde da drin für mich bürgen.“

Jetzt lächelte auch die Freundin der Blonden.

„Also, ich dachte, vielleicht könnte ich Sie mal anrufen. Wir könnten einen Kaffee trinken oder ins Kino gehen.“

Ihr Lächeln wurde bedauernd. „Tut mir leid, aber ich glaube nicht.“

John war überrascht, wie hart ihn die Enttäuschung traf.

„Ich wohne nämlich nicht in Austin“, setzte sie hinzu.

„Oh.“

„Ich bin nur zu Besuch hier.“

Er nickte. „So ein Pech.“

„Aber danke. Das … das war nett.“

Immer noch lächelnd, drehte sie den Zündschlüssel.

„Einen Moment“, rief er und griff in die Brusttasche seines Shirts. Er zog eine seiner Visitenkarten heraus und reichte sie ihr. „Wenn Sie mal wiederkommen und Lust dazu haben, hier ist meine Nummer.“

Sie sagte nichts, aber sie steckte die Karte in ihre Brieftasche. Und fuhr mit einem Winken davon.

John stand da und blickte ihr nach, bis der Jeep außer Sichtweite war. Dann kehrte er gedankenverloren ins Restaurant zurück.

1. KAPITEL

Einen Monat später

„Du willst dich trennen?“ Fassungslos stand Allison Carruthers, Johns Freundin, mit der er das ganze letzte Jahr zusammengelebt hatte, vor ihm. „Und ich dachte, wir würden …“ Ihre Stimme versagte.

John wusste, was sie gedacht hatte. Dass sie sicher irgendwann einmal heiraten würden. Wie konnte er es ihr erklären, ohne alles noch schlimmer zu machen?

Er wünschte, er hätte ihr klarmachen können, wie ihr Hang zum Negativen, ihre Art, immer das Schlimmste zu erwarten, ihn mit der Zeit zermürbte. Aber bei seinem einzigen Versuch, mit ihr darüber zu reden, hatte sie ihn einfach nicht verstanden. Sie hatte behauptet, das Problem läge bei ihm, und in einer Beziehung müsse nun einmal einer von beiden vorausschauend und vernünftig sein.

Wenn er sie wirklich lieben würde, dann hätte er sich mit diesem Charakterzug von ihr vielleicht abfinden können. Aber der springende Punkt war, dass er sich jetzt endlich eingestand: Er liebte sie nicht.

„Es tut mir leid, Allison. Ich kann verstehen, wenn du mich jetzt hasst. Du hast einen Besseren verdient.“ Er wollte ihr wenigstens ihren Stolz lassen.

„Ich hätte wissen sollen, dass das passiert. Es ist so typisch. Männer sind solche Egoisten. Wahrscheinlich habe ich dein Ego nicht genug gestreichelt, stimmt’s?“

Widerspruchslos ließ John ihren Zorn über sich ergehen. „Dann packe ich morgen meine Sachen.“

Sie schüttelte den Kopf. Ihre Miene hatte sich versteinert. „Nein. Gleich.“

John nickte. Er hatte so einen schnellen Schnitt gewollt. Aber er hatte gefürchtet, ihr noch mehr wehzutun, wenn er nach dieser Eröffnung gleich auf der Stelle seine Sachen packte.

Er ging in das Schlafzimmer, das sie die letzten neun Monate geteilt hatten, zog den Schrank auf und hob seinen Koffer auf das ungemachte Bett. Achtlos riss er seine Kleidung von den Bügeln und stopfte sie irgendwie in den Koffer. Als Nächstes kam der Inhalt seiner beiden Schubladen: Unterwäsche, Socken, T-Shirts. Schon bald war klar, dass das nicht alles in einen Koffer passte. Ach was, Müllsäcke taten es jetzt auch.

Auf dem Weg in die Küche blieb John abrupt stehen, als sein Blick auf Allison fiel. Sie stand am Wohnzimmerfenster und hatte ihm mit zuckenden Schultern den Rücken gekehrt. Sie weinte.

Er verfluchte sich innerlich und fühlte sich wie ein elender Schuft. „Allison“, sagte er sanft und trat zu ihr. Als er sie an der Schulter berührte, entwand sie sich ihm.

„Fass mich nicht an“, stieß sie hervor.

Er wusste, dass er jetzt nur noch schnell gehen konnte. Er wandte sich ab, lief in die Küche und holte zwei Müllsäcke. Zurück im Schlafzimmer, sammelte er seine restlichen Habseligkeiten ein, löste den Apartment-Schlüssel von seinem Schlüsselbund und legte ihn auf den Nachttisch. Mit dem Koffer in der einen Hand und den Müllsäcken in der anderen trat er wieder ins Wohnzimmer.

Allison stand immer noch am Fenster. Als sie ihn hörte, drehte sie sich um. Ihre Tränen waren getrocknet, aber ihr Gesicht war fleckig. Sie gab sich alle Mühe, eine gleichgültige Miene aufzusetzen, doch ihre Augen verrieten sie. John sah die Trauer in ihnen und fühlte sich noch elender. Sie hatten trotz allem schöne Zeiten miteinander verbracht, und es tat ihm weh, sie so unglücklich zu machen.

„Ich rufe dich an, wenn ich weiß, wo ich wohne, okay?“, sagte er.

„Nicht nötig.“

„Al…“

„Geh schon, John.“

Er seufzte. „Soll ich dir jetzt gleich einen Scheck schreiben, meinen Anteil an dieser Monatsmiete?“

Sie biss sich auf die Lippen.

John erkannte, dass sie hin- und hergerissen war zwischen dem Wunsch, ihn zum Teufel zu schicken, und der Notwendigkeit, praktisch zu denken. Er stellte seine Siebensachen ab und zog sein Scheckheft heraus. Er wollte es ihr so leicht machen, wie er konnte. Er trug eine großzügige Summe ein und legte den Scheck aufs Regal.

„Mein Schlüssel ist auf dem Nachttisch“, sagte er und bückte sich wieder nach seinen Habseligkeiten.

„Gut.“

Gern hätte John noch irgendetwas gesagt. Schließlich brachte er nur ein „Pass auf dich auf, Al“ heraus. Dann ging er leise zur Tür.

Claudia sah lächelnd zu, wie die Studenten ihres Seminars „Marketing 2, Verkaufsgrundlagen“ geräuschvoll aus dem Raum strömten. Als der letzte Student verschwunden war, lehnte sie sich erleichtert auf ihrem Stuhl zurück. Obwohl sie jetzt schon fast einen Monat am Bayou City College unterrichtete, fühlte sie sich immer noch als blutige Anfängerin. Wie lange würde es wohl dauern, bis sie sich als echte Professorin empfand?

Professor Hathaway.

Jedes Mal, wenn Studenten sie Professor Hathaway nannten, hätte Claudia fast fröhlich gelacht. Manchmal konnte sie es kaum glauben, dass sie tatsächlich hier war. Sie genoss alles in vollen Zügen – Houston, diesen wunderbaren College-Job und dass man sie für ihre eigenen Verdienste schätzte und nicht, weil sie eine Hathaway war.

Hier am College wusste niemand, dass sie zur Hathaway-Backwarendynastie gehörte, und so sollte es auch bleiben. Sie wollte als sie selbst respektiert werden und nicht, weil ihre Familie reich und mächtig war.

Menschen, die kein Geld hatten, dachten immer, Reiche hätten ein sorgloses Leben. Ja, es war schön, sich keine Sorgen darüber machen zu müssen, was die Dinge kosteten, und eine gesicherte, komfortable Existenz zu haben. Aber der Reichtum hatte auch seine Schattenseiten. Man wusste nie, ob Menschen einen für das mochten, was man war, oder weil sie sich Vorteile von einem erhofften.

Claudia hatte ein paar schlechte Erfahrungen gemacht, und sie wollte nichts ähnliches mehr erleben. Deshalb hielt sie ihre Herkunft nach Möglichkeit verborgen.

„So nachdenklich?“

Claudia schreckte hoch. Sie war so in ihre Gedanken versunken gewesen, dass sie niemanden hereinkommen gehört hatte. „Hi, Philip.“

Philip Larkin, der Personalbeauftragte am College, stand lächelnd vor ihr. „Hast du einen Augenblick Zeit für mich?“

„Klar.“ An seinem hoffnungsvollen Gesichtsausdruck erkannte Claudia, dass Philip sie sicher ein weiteres Mal einladen wollte. Vergangenen Montag hatte sie am Ende zugesagt, und am Mittwoch (jetzt war Freitag) waren sie nach ihrem Unterricht in einen Film und anschließend Pizza essen gegangen.

Es war ein schöner Abend gewesen. Philip war sehr nett, geistreich und einfühlsam. Er sah auch gut aus mit seinem dichten braunen Haar und den blauen Augen. Und zu alledem war er ein aufmerksamer Zuhörer, statt ständig von sich zu reden, wie so viele Männer es taten.

Trotz all dieser Vorzüge war Claudia sich nicht sicher, ob sie wieder mit Philip ausgehen wollte. Sie hatte sich eingeredet, es läge daran, dass er ein Kollege war, und auch noch aus der Personalabteilung.

Aber die Wahrheit war, dass sie sich einfach nicht von ihm angezogen fühlte. Es war wirklich verhext, denn zu allen anderen guten Eigenschaften war er intelligent und ein offenbar durch und durch anständiger Kerl.

Was ist los mit dir?, fragte sie sich. Denkst du vielleicht, gut aussehende, anständige Männer mit festen Jobs wachsen auf den Bäumen?

Fast musste sie lachen, denn genau so hätten ihre großen Schwestern sich ausgedrückt. Während ihre Mutter sich natürlich vor allem für Philips Herkunft interessiert hätte.

„Morgen Abend feiert meine Cousine ihren Dreißigsten“, sagte Philip jetzt. „Sie hat ein paar Freunde eingeladen. Möchtest du vielleicht mitkommen zu der Party?“

Mechanisch griff Claudia nach einer Büroklammer.

Philip lehnte an ihrer Tischkante, wie immer tadellos gekleidet in fleckenlosen Slippern, Hemd und Krawatte. „Es wird eine ganz bunte Mischung“, fuhr er fort. „Sicher interessant. Jennifer arbeitet für einen lokalen Fernsehsender, sie ist Programmkoordinatorin.“ Er grinste. „Mit ihren eigenen Worten, zuständig für die Drecksarbeit.“

Claudia spielte mit der Büroklammer und sah ihn nicht an. „Weißt du, Philip, lauter fremde Leute …“

„Ich verspreche, es wird dir gefallen. Jennifers Bruder John ist Dokumentarfilmer, er war die letzten sechs Jahre in Austin und zieht gerade wieder nach Houston. Er wird auch kaum jemanden kennen, also bist du nicht die Einzige.“

„Ich weiß nicht …“

„Komm schon. Es wird prima, du wirst die Leute mögen, besonders Jennifer. Sie ist ein Schatz.“

„Also …“ Claudia gab sich einen Ruck. Schließlich standen die Männer ja nicht gerade zu Dutzenden Schlange, um mit ihr auszugehen. Und Philips Einladung anzunehmen, hieß auch nicht, dass sie ihn gleich heiraten musste. Außerdem hörte sich die Party wirklich interessant an. „Gut“, sagte sie endlich. „Überredet.“

„Fein. Dann hole ich dich um sieben ab.“

Philip strahlte den ganzen Weg über. Sie hatte zugesagt! Er wusste nicht, was er getan hätte, wenn sie weiter ablehnend geblieben wäre. Er wusste nur, dass er nicht aufgeben würde, wenn es um Claudia ging. Seit Emily hatte ihm keine Frau mehr etwas bedeutet. Aber vor einem Monat, als Claudia an das College gekommen war, hatte sich alles geändert.

Vom ersten Augenblick an wusste er, dass sie etwas Besonderes war und dass sie ihm wichtig werden würde. Das hätte er niemandem eingestanden, nicht einmal John, aber so war es. Er hatte nie an Liebe auf den ersten Blick geglaubt. Er war der Überzeugung, dass Liebe Zeit brauchte, dass es wichtig war, zuerst befreundet zu sein. Dass wahre Liebe nicht auf körperlicher Anziehung, sondern auf gemeinsamen Interessen und Vorstellungen beruhte.

Aber Claudia hatte seine lang gehegten Überzeugungen über den Haufen geworfen. Philip konnte es immer noch nicht glauben, dass er sich so schnell und so gründlich verliebt hatte.

Er konnte es nicht erwarten, sie John und Jennifer vorzustellen. Er wollte ihre Reaktionen sehen. John würde sicher sofort verstehen, was Claudia so Besonderes an sich hatte.

Und wenn Jennifer Claudia nicht mochte? Würde das etwas ändern?

Philip fuhr aus seinen Gedanken hoch, als Sarah Frost, seine Assistentin, ihn ansprach.

„Entschuldige, ich habe gar nicht zugehört“, entgegnete er.

„Ich sagte, der Chef hat eine Versammlung einberufen.“ Sarahs dunkle Augen blickten besorgt.

Philip runzelte die Stirn. „Was ist passiert?“, fragte er, obwohl er es im Grunde wusste.

Sarah sah sich um und senkte die Stimme. „Ich glaube, es geht um Professor Tate.“

Philip fluchte leise. Das hatte ihm heute noch gefehlt. Vor einer Woche war Jeffrey Tate von einer Studentin der sexuellen Belästigung bezichtigt worden. Tate schwor seine Unschuld. Die Eltern des Mädchens drohten mit einer Anzeige, falls Tate nicht gefeuert würde. Und der Chef hatte Angst, bei einem Rauswurf würde Tate selbst Klage einreichen, das wusste Philip.

„Okay“, sagte er resigniert. „Druckst du bitte alle Daten über Professor Tates Gehaltszahlungen und Zuschläge aus? Ich bereite mich wohl besser auf alles vor.“

Alle Gedanken an Claudia wurden verdrängt, während Philip in sein Büro eilte.

Nachdem Philip gegangen war, räumte Claudia langsam ihre Papiere zusammen. Sie hatte heute ihren BWL-Kurs eine unangekündigte Klausur schreiben lassen, die sie an diesem Abend noch korrigieren musste. Außerdem musste sie das Marketing-Seminar für morgen vorbereiten. Und der Kühlschrank zu Hause war leer, also sollte sie auf dem Heimweg noch beim Supermarkt vorbeifahren. Sie seufzte. Wenn sie das alles noch schaffen wollte, dann legte sie jetzt besser einen Zahn zu.

Claudia hatte insgesamt achtzehn Wochenstunden Seminare abzuhalten. Mit der Vorbereitung, den Korrekturarbeiten, Sonderprojekten und anderen Pflichten war das eine ganz schöne Leistung für eine Professorin im ersten Jahr. Aber Claudia beklagte sich nicht. Das Unterrichten machte ihr Freude, und sie spürte, dass sie einen guten Kontakt zu ihren Studenten hatte.

Rasch packte sie alles ein, schulterte die dicke Tasche und verließ das Gebäude. Auf dem Parkplatz prallte ihr die September-Nachmittagshitze entgegen, und im Inneren ihres Jeeps empfing sie die reinste Sauna. Sie schob die Tasche auf den Rücksitz und streifte ihre braune Leinenjacke ab, sodass das weiße Tanktop darunter zum Vorschein kam.

Während ihr Lieblings-Rocksender dröhnte – und sie, leicht daneben, mitsang – lenkte sie den Jeep in den dichten Verkehr auf den Southwest-Freeway Richtung Süden, heimwärts zu ihrer Eigentumswohnung.

Ihre Familie in Morgan Creek, der texanischen Kleinstadt, in der Hathaway-Backwaren seinen Hauptsitz hatte, konnte nicht verstehen, warum Claudia in einer Stadt wie Houston leben wollte. Aber Claudia liebte die City.

Es stimmte schon, es wimmelte von Menschen, es war das halbe Jahr über heiß und schwül, und der Verkehr konnte schrecklich nervig sein. Aber die City strahlte so viel Energie aus, war aufregend und gab einem das Gefühl, alles erreichen zu können, wenn man sich nur hineinkniete. Und die Läden, die Theater, Restaurants und Museen waren fantastisch.

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