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Geliebter auf Zeit?

1. KAPITEL

Du weißt ja, dass dir nur noch sechs Wochen bleiben, Declan.“

Declan Knight lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück und verdrehte die Augen. Natürlich wusste er das. Er konnte auf die gut gemeinten Ermahnungen seines jüngeren Bruders Connor verzichten. Genau sechs Wochen blieben ihm noch, um das nötige Kapital aufzutreiben, damit er mit seiner Firma Cavaliere Developments den Zuschlag für das nächste Projekt bekam, auf das er so scharf war wie auf kein anderes.

„Ich weiß es“, antwortete Declan genervt.

„Hey, ich kann nichts dafür, dass Mum diese komische Klausel in ihr Testament aufgenommen hat, dass du erst dein Erbteil erhältst, wenn du verheiratest bist. Konnte ja auch kein Mensch ahnen, dass du in deinem Alter noch Junggeselle sein würdest – ausgerechnet du, eine der besten Partien in ganz Neuseeland.“

Declan schwieg vorwurfsvoll, und sein Bruder am anderen Ende der Leitung merkte, dass er mit seinem Spott zu weit gegangen war.

„Declan? Tut mir leid, Alter. Ich meinte das nicht so. Ich …“

„Ich weiß“, unterbrach ihn Declan schnell. „Ich muss jetzt aber sehen, dass ich loskomme.“ Loskomme, vor allem von den Erinnerungen an Renata, dachte Declan. Renatas Bild stand ihm durch die Bemerkung seines Bruders wieder deutlich vor Augen. Vor acht Jahren hatte er die geliebte Frau verloren, die er hatte heiraten wollen. Und seit acht Jahren beherrschten ihn Schuldgefühle, für ihren tödlichen Kletterunfall mitverantwortlich zu sein. Er hatte gewusst, dass diese Bergtour eigentlich zu gefährlich war, aber er hatte sie nicht davon abgehalten.

„Machst du heute noch Auckland unsicher?“, fragte Connor.

„Nein, ich habe etwas anderes vor. Ich muss zu einer Party. Steve Crenshaw feiert seine Verlobung.“

„Ich glaub es nicht! Doch nicht Buchhalter-Steve, dieser Erbsenzähler?“

„Genau der.“ Mit einem lauten Knack brach der Bleistift entzwei, mit dem Declan während des ganzen Gesprächs gespielt hatte. Sein überkorrekter Chefbuchhalter Steve war tatsächlich im Begriff zu heiraten – und ausgerechnet Gwen Jones, die die beste Freundin von Renata gewesen war und bei jener verhängnisvollen Klettertour um ein Haar selbst ums Leben gekommen wäre. Auch das war ein Grund, warum Declan in letzter Zeit wieder so oft an Renata denken musste.

„Vielleicht solltest du Steve mal fragen, wie man an Frauen rankommt“, lästerte Connor.

„Eine tolle Idee.“ Declan schüttelte den Kopf. Es waren die üblichen Scherze seines jüngsten Bruders.

„Also – dann amüsier dich gut. Und benimm dich anständig. Ciao, Bruderherz.“

Nachdenklich legte Declan auf. So ganz unrecht hatte Connor ja nicht. Nicht, dass er keinen Erfolg bei Frauen hatte. Im Gegenteil. Bei seinem Aussehen und dem Reichtum der Familie Knight brauchte er sich darum keine Sorgen zu machen. Aber sich dauerhaft zu binden war ihm ganz unmöglich. Einmal in seinem Leben war er kurz davor gewesen. Und dann dieser entsetzliche Verlust, der tiefe Narben in seiner Seele hinterlassen hatte. Seitdem konnte ihn nichts dazu bringen, sich je wieder auf ganz und gar auf jemanden einzulassen, denn einen weiteren Verlust konnte er nicht mehr verkraften. Als er Renatas leblosen Körper vor sich liegen sah, wäre er am liebsten selbst gestorben. Danach hatte er seine gesamte Energie auf die Arbeit gelenkt und sich darin buchstäblich vergraben.

Unzufrieden erhob sich Declan aus seinem Schreibtischsessel und ging ins Bad. Es war nicht das erste Mal, dass er sich zu der Idee beglückwünschte, in dem zu einem Bürohaus umgebauten Altbau im Art-déco-Stil ein komplett eingerichtetes Badezimmer auf seiner Etage erhalten zu haben. Dieses Gebäude war das erste Modernisierungs- und Sanierungsprojekt seines Unternehmens gewesen, und Declan war noch immer stolz darauf, zumal sein Vater ihm prophezeit hatte, dass er es niemals schaffen werde. Hier hatte Declan dann seinen Firmensitz eingerichtet.

Das Gebäude war vor der Sanierung in einem bejammernswerten Zustand gewesen – ein altes, halb verfallenes Mehrfamilienhaus in einer ehemals guten Wohngegend, die sich aber nach und nach immer mehr in ein Gewerbegebiet verwandelt hatte. Es war genau die Herausforderung gewesen, die Declan brauchte, um zum ersten Mal sein Talent und Können unter Beweis zu stellen und sich damit zu empfehlen. Cavaliere Developments hatte sich – ebenfalls vor ziemlich genau acht Jahren – auf die Restaurierung und Umwandlung historischer Altbauten spezialisiert und sich auf diesem Sektor der Baubranche rasch einen Namen gemacht.

Während sich Declan im Bad auszog und seine Sachen auf einen Haufen in die Ecke warf, ging ihm wieder die Frage im Kopf herum, ob er sich mit seinem neuen Projekt, dem Sellers-Bau, nicht zu viel vorgenommen hatte. Der Erwerb des Gebäudes war nicht das Problem. Das Risiko lag vielmehr in der Aufgabe, das einstige Jugendstil-Hotel in ein anspruchsvolles Apartmenthaus umzuwandeln, was einigen finanziellen Aufwand erforderte. Eine entsprechende Kreditaufnahme würde der Aufsichtsrat mit seinem Vater als Vorsitzendem garantiert ablehnen. Wie oft schon hatte Declan es bereut, dass er es nach Renatas Tod zugelassen hatte, dass sein Vater die Kontrolle über Cavaliere Developments erhielt, denn die Arbeit war nach dem tragischen Unglücksfall das Einzige, das ihm, Declan, noch etwas bedeutete. Aus eigener Kraft konnte er das neue Vorhaben aber nur schultern, wenn er an das von der Mutter geerbte Geld kam. Wenn er das schaffte, würde er keinen Aufsichtsrat mehr fürchten müssen und wäre auch nicht mehr von seinem Vater abhängig. Damit wäre er endgültig sein eigener Boss, und er würde sich die Leitung auch nie mehr aus der Hand nehmen lassen.

Gwen Jones klappte ihr Handy zu und trommelte nervös mit den Fingern auf dem Lenkrad ihres Wagens. Sie war fassungslos, wie das geschehen konnte. Sie hatte sich nur widerstrebend auf Steves Vorschlag eingelassen, eine Hypothek auf ihr Haus aufzunehmen. Aber die Vereinbarung hatte eindeutig gelautet, dass die Summe des Kredits nicht mehr als die Kosten für die Hochzeit und ein paar Renovierungsarbeiten in ihrem Haus decken sollte. Jetzt musste sie erfahren, dass Steve Crenshaw eine Summe aufgenommen hatte, die sie niemals würde tilgen können. Und nicht nur das: Wie sie eben erfahren hatte, war ihr sauberer Verlobter Steve außer Landes, und niemand wusste, wo er sich aufhielt. Ihr Bräutigam war weg und mit ihm das gesamte Geld, das sie auf seinen Wunsch hin aufgenommen hatte. Die Kosten für die geplatzte Hochzeit sowie die erste Rate für die Hypothek brachten sie um das einzige wirkliche Zuhause, das sie je gehabt hatte.

Gwen begriff noch immer nicht, wie Steve ihr das hatte antun können. Sie klappte ihr Handy wieder auf und wählte hastig die Nummer ihrer besten Freundin Libby, die ihre Hochzeit organisierte. Insgeheim hoffte Gwen, dass Libby sich nicht meldete, und wirklich erreichte sie auch dieses Mal nur den Anrufbeantworter. Es hatte wenig Zweck, ihr zum wiederholten Mal dieselbe Hiobsbotschaft aufs Band zu sprechen. Zu allem Überfluss stand ihr noch ein weiterer unangenehmer Anruf bevor – bei Cavaliere Developments. Denn der überkorrekte Steve hatte nicht nur ihr Konto, sondern auch das seiner Firma restlos geplündert, bevor er sich absetzte. Auch hier erreichte sie nicht mehr als bei Libby. Selbst auf den Mobilnummern der Firma war nur die Mailbox zu hören.

Gwen war mit ihren Nerven am Ende. Sie fuhr sich mit der Hand durch das lange blonde Haar und versuchte die Magenschmerzen zu ignorieren, die sich ankündigten. Sie wusste nicht, wo ihr der Kopf stand. Eigentlich hätte sie den rund vierzig Gästen absagen müssen, die zur Prewedding Party, dem üblichen Fest kurz vor der Hochzeit, eingeladen waren. Das allein war schon ein Ding der Unmöglichkeit, denn diese Party sollte in wenig mehr als einer Stunde beginnen. Noch wichtiger war es, Declan Knight zu berichten, dass sein Chefbuchhalter mit der Firmenkasse durchgebrannt war. Auch wenn Gwen absolut keine Lust zu einem Zusammentreffen mit Declan hatte, kam sie nicht darum herum. Zu allem Überfluss steckte sie noch in diesem Stau auf dem Highway und es ging nur meterweise voran.

Als sie nun das alte Bürogebäude von Cavaliere Developments endlich erreicht und ihren Kombi geparkt hatte, konnte sie es vor Magenschmerzen kaum noch aushalten. Gwen stieg aus und während sie mit kurzen, schnellen Schritten zum Eingang eilte, kramte sie in ihrer Handtasche nach den Magentabletten. Der Auftritt mit Declan würde unangenehm werden, vor allem, weil ihr Verhältnis zueinander ohnehin angespannt war.

Das Bürogebäude war eines jener Häuser, wie sie in Neuseeland für die Zwanzigerjahre typisch gewesen waren. Der Vorgarten mit seiner Rasenfläche war in einen Parkplatz umgewandelt worden, aber ein Teil der Bepflanzungen hatte man erhalten, und so erfüllte der Duft von Rosen und Gardenien, deren Beete direkt an das Haus grenzten, an diesem Sommerabend die Luft.

Bevor sie die Eingangstür aufstieß, atmete Gwen noch einmal tief durch. Dann stand sie allein in der verlassenen Empfangshalle. „Hallo?“, rief sie in den menschenleeren Raum.

Es konnte kein Zweifel daran bestehen, dass Declan im Haus war. Sie hatte seinen Jaguar neben dem Haus stehen sehen. Ein Modell XK120, Baujahr 1949. Sie wusste alles über dieses Auto. Steve hatte ihr oft genug davon vorgeschwärmt, und sie hatte immer eine gehörige Portion Neid aus seinen begeisterten Schilderungen herausgehört. Jetzt war sie sicher, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Das galt vermutlich nicht nur für den Wagen, sondern für die gesamte Erscheinung von Declan Knight, den eine Aura von Erfolg umgab und der mit seinem langen dunklen Haar, seiner perfekten Figur und seinem unwiderstehlichen Lächeln der Schwarm aller Frauen von Aucklands High Society war.

Gwen hatte Gelegenheit gehabt, verschiedene Seiten an ihm kennenzulernen. Zuerst war da der junge Mann, den Renata als ihren Verlobten vorgestellt hatte. Nach Renatas tragischem Tod hatte Gwen ihn als vom Schmerz überwältigten Freund erlebt. Als Gwen und er sich gegenseitig über den Verlust trösten wollten, waren sie zusammen im Bett gelandet. Das war trotz der überwältigenden Leidenschaft dieser einen Nacht keine glückliche Fügung gewesen. Später hatte Declan Gwen sogar vorgeworfen, ihn verführt zu haben. Jedenfalls hatte er sie seitdem gemieden wie eine Aussätzige.

Gwen hatte einen bitteren Geschmack im Mund, als diese Erinnerungen wieder hochkamen. Sie selbst dachte an diese Affäre ebenfalls nur ungern zurück, denn nachträglich war es ihr vorgekommen, als hätte sie ihre beste Freundin betrogen und so ihr Andenken befleckt. Es war so etwas wie Ironie des Schicksals, dass Renata, bevor sie das Seil kappte, damit sie nicht beide in den Abgrund gerissen wurden, sie gebeten hatte, auf Declan achtzugeben. Welch ein schmählicher Verrat war das gewesen, was dann folgte!

Gwen sah sich um. Noch immer war nirgends jemand zu entdecken. Was sie nicht verwundernd sollte, denn die meisten der hier Beschäftigten waren schon zu Hause, um sich für die Party ihres Kollegen Steve umzuziehen. Fast alle wollten kommen – nur eine der beiden Hauptpersonen würde sollte nicht erscheinen: der Bräutigam. Gwen fiel ein, dass sie ihre Aufgabe hier so schnell wie möglich hinter sich bringen musste, um Libby Bescheid zu sagen, dass die Party ausfiel. Oh Gott, dieser Tag war ein einziger Albtraum.

Sie steckte sich noch eine von den Magentabletten in den Mund, bevor sie sich auf die Suche nach Declan machte. Er musste hier sein. Sein Wagen parkte vor der Tür, und die Eingangstür war nicht abgeschlossen. Sie ging an dem verwaisten Empfangstresen vorbei in den Korridor, der zu Declans Privatbüro führte. Auf dem Weg dorthin kam sie an Steves Büro vorbei, und Gwen konnte der Versuchung nicht widerstehen, die angelehnte Tür ein Stück aufzustoßen.

Da drinnen sah alles aus wie sonst. Nicht das Geringste deutete darauf hin, dass der Mann, der hier bis zu seiner Mittagspause noch über seinen Akten gesessen hatte, inzwischen fort war. Gwen zog die Tür energisch zu, als könnte sie damit auch die Tür zu all ihren Sorgen und Nöten zuschlagen.

Vom Ende des Korridors her vernahm sie ein Geräusch. Merkwürdigerweise hörte es sich an, als ob Wasser rauschte. „Hallo?“, rief Gwen noch einmal. „Ist da jemand?“

Sie ging weiter und hörte nun ein Quietschen, als ob jemand über eine feuchte Glasscheibe wischte. Vor der Tür, durch die das Geräusch gekommen war, machte sie halt und legte nach kurzem Zögern das Ohr an die Tür. In diesem Augenblick wurde die Tür von innen mit Schwung geöffnet. Gwen verlor das Gleichgewicht und stolperte. Sie wäre vermutlich der Länge nach hingeschlagen, hätte nicht eine breite Brust ihren Fall aufgehalten. Vor Schreck ließ sie ihre Handtasche fallen und stemmte jetzt die zum Schutz erhobenen Hände gegen den nackten, muskulösen Oberkörper des Mannes, der vor ihr stand. Ein männlichherber, frischer Duft ging von ihm aus.

Gwen blickte in Declans erstauntes Gesicht. Nach acht Jahren konnte sie sich noch immer daran erinnern, wie er sich anfühlte. Plötzlich war ihr, als sei es gestern gewesen, dass sie miteinander geschlafen hatten. Ist er etwa nackt? schoss es ihr in Panik durch den Kopf. Sie wagte es erst nicht, warf dann aber doch einen flüchtigen Blick nach unten und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass Declan sich ein weißes Frotteehandtuch um die Hüften geschlungen hatte. Es kostete sie ein paar Sekunden der Überwindung, die Hände herunterzunehmen und einen Schritt zurückzutreten.

So bekam sie auch einen Überblick über den buchstäblich umwerfenden Mann, der da vor ihr stand: breite Schultern, bis zu denen das noch feuchte schwarze Haar in Strähnen herunterhing, ein starker Hals und ein markantes Gesicht mit Augen von einem so tiefen Dunkelgrau, dass sie fast schwarz wirkten.

Declan hatte sie im Reflex am Oberarm gepackt, um sie am Fallen zu hindern. Jetzt, da er sah, wen er da hielt, ließ er rasch los. „Was treibst du denn hier?“, fragte er nicht gerade freundlich.

„Hallo, guten Tag. Ja, es freut mich auch, dich zu sehen“, antwortete Gwen gereizt. Sie rieb sich den Arm, da er nicht gerade sanft zugegriffen hatte. „Ich bin gekommen, um dir etwas mitzuteilen. Es ist wichtig.“

„Warte vorn in der Halle auf mich. Ich bin in einer Minute da.“

Gwen hob ihre Handtasche auf. Dann wandte sie sich wortlos um und machte sich auf den Weg zum Empfang. Das Herz hämmerte ihr in der Brust, und ihr schwirrte der Kopf. Wieder stellte sie fest, wie wenig sie sich in der Gewalt hatte, wenn Declan auch nur in der Nähe war. Aber jetzt konnte sie sich keine Schwäche erlauben.

Sie schloss die Augen und zählte in Gedanken bis zehn, wobei sie bewusst tief ein- und ausatmete. Es war ihre persönliche Methode, um sich zu beruhigen und auf das Wesentliche zu konzentrieren – einfach, aber effektiv. Sie hatte sich diesen Trick schon damals zugelegt, als sie im Alter von neun Jahren aus Italien nach Neuseeland gekommen war, und nachdem sie ihn perfektioniert hatte, hatte er sich durchweg bewährt.

Sie hatte diese kleine Hilfe schon als Kind gebraucht, weil ihre kapriziöse Mutter anderes im Kopf hatte, als sich um eine Neunjährige zu kümmern, auch wenn es ihr eigenes Kind war. Statt ihren bisherigen Lebensstil als Jetsetterin aufzugeben, verabschiedete sie sich lieber von ihrer Tochter und brachte sie bei einer älteren Tante in Auckland unter, die alles andere als begeistert von dieser Lösung war. Den strengen, ja abweisenden Blick, mit dem sie empfangen wurde, würde Gwen nie vergessen. Das war ihr Start in der neuen Heimat gewesen: allein gelassen, verwirrt, von der eigenen Mutter zurückgewiesen und in einem neuen Zuhause, wo man sie auf Schritt und Tritt spüren ließ, dass sie nur widerwillig geduldet war.

„Wenn du Steve suchst, der ist nicht hier.“

Gwen fuhr herum. Sie hatte nicht lange in der Eingangshalle gewartet. Declan hatte sich offenbar nicht einmal die Zeit genommen, sich richtig abzutrocknen. Sein Baumwollhemd klebte an seinem noch feuchten Oberkörper. Gwen wandte den Blick davon ab und sah ihm tapfer in die Augen. Auch wenn sie sich schon so lange kannten und in derselben Branche arbeiteten, hatten sie stets beide darauf geachtet, sich gegenseitig möglichst aus dem Weg zu gehen. Wenn sie sich einmal nicht ausweichen konnten, behandelten sie sich mit jener unverbindlichen Höflichkeit, mit der man einem flüchtigen Bekannten begegnet.

„Ich weiß, dass er nicht hier ist.“ Ihre eigene Stimme kam ihr fremd und gekünstelt vor.

„Weswegen bist du dann hier? Doch hoffentlich nicht, um mit mir ein sogenanntes ‚klärendes Gespräch‘ zu führen, bevor du in den Stand der Ehe trittst.“

„Um Himmels willen, nein!“ Gwen wunderte sich, wie er auf eine derart absurde Idee kommen konnte. Seine Zurückweisung nach jener Nacht, in der sie sich hatten trösten wollen, war deutlich und demütigend genug gewesen. So etwas wollte sie bestimmt kein zweites Mal erleben.

Declan holte eine Krawatte heraus, die aufgerollt in seiner Hosentasche steckte, klappte den Hemdkragen hoch und begann, sie sich zu binden.

„Steve ist weg“, erklärte Gwen unvermittelt.

„Ja, ich weiß. Er ist nach Hause gegangen und zieht sich vermutlich für seine Party um, und ich treffe ihn in einer halben Stunde. Wo ist das Problem?“

Gwens Blick verharrte noch bei Declans Händen, deren Berührung sie einst so sehr genossen hatte. Es waren kräftige Hände, die Arbeit gewohnt waren, denn Declan war immer ein Mann der Praxis gewesen, dem es mehr Freude machte, bei der Ausführung seiner Projekte selbst Hand anzulegen, als nur am Schreibtisch zu sitzen.

„Steve ist ganz sicher nicht zu Hause. Und du wirst ihn auch so schnell nicht wiedersehen. Er ist wahrscheinlich schon außer Landes.“

„Was? Wovon redest du?“

„Steve ist weg“, wiederholte sie. „Weg! Mit deinem Geld und mit meinem.“

„Das ist doch nicht dein Ernst, oder?“ Er starrte sie ungläubig an. Ihre Miene verriet ihm jedoch, dass dies kein Scherz war. „Was soll das heißen? Woher weißt du das?“

Gwen konnte die Tränen kaum zurückhalten. „Er hat mir eine Nachricht auf die Mailbox gesprochen. Ich war geschäftlich in Clevedon Valley unterwegs. Dieser Feigling wusste das. Und er wusste auch, dass dort ein Funk-loch ist. Als ich zurückkam und die Nachricht abhörte, war es schon zu spät, um etwas zu unternehmen.“

„Warum hat er dich dann überhaupt benachrichtigt?“

Gwen klang noch immer der kaum unterdrückte Triumph in Steves Stimme in den Ohren, mit dem er ihr auf die Mailbox gesprochen hatte. Ganz eindeutig hatte er ihr zu verstehen geben wollen, dass sein Coup von langer Hand geplant war. Er wusste von ihrer und Declans kurzen Affäre und wollte sie beide seine Überlegenheit spüren lassen. Neidzerfressen, wie er war, hatte er Declan immer gehasst, weil Declan alles verkörperte, was er selbst anstrebte. Und Gwen hasste er ebenfalls, weil er glaubte, Declan begehre sie immer noch.

„Was spielt das jetzt noch für eine Rolle?“, antwortete sie endlich. „Tatsache ist, dass er es getan hat. Und dass er mit meinem Geld und dem Geld deiner Firma getürmt ist.“

Declan stieß einen Fluch zwischen den Zähnen hervor und schaltete auf dem nächststehenden Schreibtisch den Computer ein, um ihn mit seinem Passwort hochzufahren. Es dauerte eine Weile, bis er sich bei seiner Bank eingeloggt und die Kontostände aufgerufen hatte. Dann hielt er einen Moment lang inne.

„Diesem Schwein dreh ich den Hals um!“, sagte er leise mit Unheil verkündender Stimme.

„Da sind noch andere vor dir dran“, bemerkte Gwen trocken. „Ich würde an deiner Stelle als Erstes lieber die Polizei benachrichtigen. Mich musst du jetzt leider entschuldigen. Ich habe noch ein paar Partygäste, die ich wieder nach Hause schicken muss.“

Sie drehte sich nun auf dem Absatz um und ging zur Tür. Halb erwartete sie noch, dass er sie zurückrufen würde. Vielleicht, um ihr noch etwas zu sagen. Aber er tat es nicht.

Fünf Minuten später legte Declan entnervt den Hörer auf. Noch immer kochte er vor Wut. Bei der Polizei hatte man ihm gesagt, dass es momentan für ihn wenig zu tun gebe, und ihn gebeten, am nächsten Morgen zur Aufnahme einer formellen Anzeige zu kommen. Ärgerlich trommelte er mit den Fingern auf der Schreibtischplatte und überlegte, was zu tun war. Der Streich, den ihm sein Hauptbuchhalter gespielt hatte, konnte Cavaliere Developments das Genick brechen und seine Mitarbeiter den Job kosten. Eigentlich musste er als Nächstes umgehend den Aufsichtsrat benachrichtigen. Hatte Declan die Strafanzeige einmal gestellt, würde die Polizei ohnehin bei dessen Mitgliedern vorstellig werden.

Wütend schlug er mit der Hand auf den Schreibtisch. „Verdammt noch mal!“ Er war so nah daran gewesen, bei Cavaliere Developments endlich das Zepter zu übernehmen, und jetzt musste so etwas passieren! Dass ausgerechnet Gwen ihm die Hiobsbotschaft überbracht hatte, war symptomatisch. Der Name Gwen Jones stand anscheinend für alles, was in den letzten acht Jahren seines Lebens schiefgelaufen war.

Aber es war nicht nur das, was ihn ärgerte. Noch mehr störte ihn, auch wenn er sich das nur ungern eingestand, dass ihn die Begegnung mit Gwen nicht kalt gelassen hatte. Ihr unversehens wieder gegenüberzustehen, wenn auch nur für wenige Augenblicke, hatte größere Wirkung auf ihn gehabt, als er wahrhaben wollte. Auch vorher schon, wenn Steve mit seiner bevorstehenden Hochzeit angegeben hatte, war Declan der Gedanke unerträglich gewesen, dass dieser Mann – überhaupt irgendein anderer Mann – sich Gwen nähern durfte. Dabei war Declan sich selbstverständlich bewusst, dass er nicht den geringsten Anspruch auf Gwen hatte. Und hätte man ihn danach gefragt, hätte er es versichert, er wolle es auch gar nicht anders.

An diesem Punkt seiner Überlegungen begann sich plötzlich eine Idee in seinem Kopf zu formen. Es war ein Gedanke, der so grotesk war, dass es sich eigentlich gar nicht lohnte, ihn auch nur für eine Sekunde weiter zu verfolgen. Doch ob Declan wollte oder nicht, die Idee nahm allmählich immer mehr Gestalt an. Der Plan war so verrückt, dass er vielleicht gerade deswegen funktionieren konnte.

Und wenn er funktionierte, wäre nicht nur ihm, sondern auch Gwen geholfen.

Gwen parkte ihren Kombi in der Tiefgarage des Apartmenthauses, in dem Libby wohnte. Es lag direkt dem Strand gegenüber an der Uferstraße. Gwen nahm den Lift und fuhr hinauf. Vor Libbys Wohnungstür meldeten sich prompt ihre Magenschmerzen zurück. Nach dem Geräuschpegel drinnen zu urteilen, war es Libby nicht gelungen, die Party abzusagen. Gwen fragte sich, ob ihre Freundin die Nachricht überhaupt erhalten hatte. Nachdem sie geläutet hatte, wandte sie sich ab und versuchte sich zu beruhigen, indem sie zum großen Fenster am Ende des Korridors sah, das einen wundervollen Ausblick auf den Hafen von Auckland bot. Aber in ihrem gegenwärtigen Zustand hatte Gwen keinen Sinn für die Schönheit des Panoramas.

Die Tür öffnete sich. „Gwen, da bist du endlich!“ Libby musste fast schreien, um das Stimmengewirr der Gäste zu übertönen, die sich in ihrem Apartment drängten. Sie nahm Gwens Arm und zog sie herein. „Wo hast du Steve gelassen?“

„Libby, hast du meine Nachricht nicht bekommen? Ich muss unbedingt einen Augenblick mit dir allein reden.“

„Allein? Wie stellst du dir das vor?“, fragte Libby und deutete mit einer Armbewegung auf die Menschenmenge, die sie umgab.

„Libby, wirklich! Es ist wichtig.“ Gwen wollte ihre Freundin am Arm festhalten und beiseitenehmen. Aber da läutete es wieder an der Tür.

Libby entschlüpfte ihrem Griff.

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