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Geschöpf der Finsternis

Für meine Leserinnen, deren Enthusiasmus und Unterstützung für meine Bücher ich zutiefst zu schätzen weiß. Ich danke euch!

Und für meinen Mann, den wahren Kompass meines Lebens und bestes Beispiel dafür, dass „und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“ tatsächlich auch außerhalb von Buchseiten existiert. Du wirst immer mein Held sein!

1

Unerkannt bewegte sie sich unter ihnen, nur eine von vielen Pendlerinnen im nachmittäglichen Berufsverkehr, die im frisch gefallenen Februarschnee auf den Bahnhof zutrottete. Niemand schenkte der zierlichen Frau in dem übergroßen Kapuzenanorak, deren Gesicht bis knapp unter die Augen von ihrem Schal verdeckt war, die geringste Beachtung. Sie beobachtete die Fußgängermassen mit regem Interesse. Zu auffällig, das wusste sie, aber daran konnte sie nichts ändern.

Sie fühlte sich unter all den Menschen unwohl und war voller Ungeduld, ihre Beute zu finden.

In ihrem Kopf dröhnte der hämmernde Rhythmus von Rockmusik, die aus den winzigen Kopfhörern eines tragbaren MP3-Players drang. Er gehörte nicht ihr. Er hatte Camden gehört, ihrem achtzehnjährigen Sohn. Ihrem geliebten Cam, der erst seit vier Monaten tot war, ein weiteres Opfer des Unterweltkrieges, in den nun auch Elise aktiv eingegriffen hatte. Camden war der Grund, warum sie nun hier war und durch die überfüllten Straßen von Boston zog, einen Dolch in der Jackentasche und eine weitere titanbeschichtete Klinge in einer Scheide um den Oberschenkel geschnallt.

Mehr denn je war Camden der Grund, warum sie noch lebte.

Sein Tod durfte nicht ungerächt bleiben.

Elise überquerte einen Fußgängerüberweg und ging die Straße hoch, auf den Bahnhof zu. Im Vorübergehen konnte sie die Leute reden sehen. Ihre Lippen bewegten sich stumm, ihre Worte – und viel wichtiger noch, ihre Gedanken – gingen in den aggressiven Texten, kreischenden E-Gitarren und dem pulsierenden Wummern der Bässe, die in ihren Ohren dröhnten und in ihren Knochen vibrierten, unter. Was sie da eigentlich hörte, wusste sie nicht genau, aber das war nebensächlich. Alles, was sie brauchte, war der Lärm. Laut genug und lang genug, um sich in seinem Schutz für ihren Jagdzug in Stellung zu bringen.

Sie betrat das Bahnhofsgebäude, nur eine Person unter vielen im endlosen Fluss der Menge. Das grelle Licht der Neonröhren an der Decke drang nur mühsam bis zu ihren Köpfen hinunter, die Gerüche von Straßendreck, Feuchtigkeit und zu vielen Körpern attackierten durch den Schal hindurch ihre Nase. Elise ließ sich weiter hineintragen und blieb dann in der Mitte des Bahnhofsgebäudes stehen. Prompt teilte sich die wogende Menge um sie, Leute rempelten sie an, die es eilig hatten, zum Zug zu kommen. Im Vorbeigehen starrten sie etliche Passanten wütend an, ihren Mundbewegungen nach riefen sie ihr Obszönitäten zu, weil sie mitten im Weg einfach stehen blieb.

Gott, wie sie es hasste, diesen Menschenmassen so unmittelbar ausgesetzt zu sein. Aber es ging eben nicht anders. Sie nahm einen tiefen Atemzug, um sich zu wappnen. Dann griff sie in die Anoraktasche und stellte die Musik ab. Wie eine Welle überrollte sie die tosende Geräuschkulisse des Bahnhofs, überflutete sie mit dem Lärm von Stimmen, schlurfenden Füßen, Verkehrsgeräuschen, die von der Straße hereinsickerten, und dem metallischen Quietschen und Dröhnen der einfahrenden Züge. Aber all diese Geräusche waren nichts im Vergleich zu den anderen, die jetzt über sie hereinbrachen.

Wüste, boshafte Gedanken, dunkle Absichten, geheime Sünden, offener Hass – all das peitschte heran und ballte sich um sie wie ein schwarzer Sturm; ein ungeheurer Schwall menschlicher Verdorbenheit prasselte auf ihre Sinne ein. Wie immer brachte dieser erste wuchtige Ansturm sie aus dem Gleichgewicht. Schwankend kämpfte Elise gegen das Schwindelgefühl an, das in ihr aufstieg, und nahm dann all ihre Kraft zusammen, um diesem übersinnlichen Angriff standhalten zu können.

So eine Schlampe, ich hoffe die schmeißen sie hochkant raus –

Verdammte Hinterwäldler, die sich Touristen schimpfen, wieso gehen die nicht dahin zurück, wo sie hingehören –

Idiot! Geh mir bloß aus dem Weg, oder ich schlag dich unangespitzt in den Boden –

Sie ist die Schwester meiner Frau, na wenn schon? Sie ist doch die ganze Zeit schon hinter mir her –

Elises Atem ging mit jeder Sekunde schneller, in ihren Schläfen erwachten dröhnende Kopfschmerzen. Die Stimmen in ihrem Kopf vermischten sich zu einem unablässigen, fast ununterscheidbaren Geschwätz, aber sie hielt aus, wappnete sich erneut, als der Zug einfuhr und sich seine Türen öffneten, um eine Flut von Reisenden auf den Bahnsteig zu spülen. Die Menge strömte um Elise herum, neue Stimmen fielen in die Kakofonie ein, die ihr Innerstes zerfetzte.

Diese Loser, die hier rumsitzen und betteln, sollten mal genauso viel Energie darauf verwenden, sich einen verdammten Job zu suchen –

Ich schwöre, wenn dieser Bastard mich noch ein einziges Mal betatscht, bring ich ihn um –

Lauf nur, Herdenvieh, lauf zurück in den Stall! Mein Meister hat recht, ihr seid jämmerliche Kreaturen, die es verdient haben, versklavt zu werden –

Schlagartig öffnete Elise die Augen. Ihr Blut gefror zu Eis, als ihr Verstand diese Worte registrierte. Das war die Stimme, auf die sie gewartet hatte.

Die Beute, die sie jagen wollte.

Sie wusste nicht, wie der Mann hieß oder wie er aussah. Aber sie wusste, was er war: ein Lakai. Ein Wesen, das einmal ein Mensch gewesen war. Sein Menschsein war ihm von dem ausgesaugt worden, den er seinen Meister nannte, einem mächtigen Vampir, dem Anführer der Rogues. Und die Rogues und ihr unseliger Anführer, der das Vampirvolk gespalten und diesen Krieg angezettelt hatte, waren schuld daran, dass Elises einziger Sohn ums Leben gekommen war.

Nachdem sie vor fünf Jahren ihren Mann verloren hatte, war ihr nur noch Camden geblieben. Nur er hatte ihrem Leben noch Sinn und Bedeutung verliehen. Und dann verlor sie auch ihn, und ihr Leben bekam eine neue Bestimmung. Elise hatte einen unerschütterlichen Entschluss gefasst, und dieser war es, worauf sie sich jetzt stützte; der ihren Füßen befahl, Schritt für Schritt durch dieses dichte Gewühl zu tun, auf der Suche nach dem einen, der heute für Camdens Tod bezahlen würde.

Ihr schwirrte der Kopf vom unablässigen Ansturm schmerzhafter, hässlicher Gedanken, aber schließlich schaffte sie es, den Lakaien in der Menge auszumachen. Er stolzierte mehrere Meter vor ihr, eine schwarze Strickmütze auf dem Kopf, sein Körper in eine zerschlissene, ausgeblichene Tarnjacke gehüllt. Feindseligkeit strahlte von ihm ab wie Säure. Seine Verdorbenheit war so vollständig, dass Elise sie schmecken konnte wie die Magensäure, die ihr jetzt im Hals aufstieg. Sie hatte keine andere Wahl, als sich an seine Fersen zu heften und den richtigen Moment abzuwarten, um zum Angriff überzugehen.

Der Lakai verließ das Bahnhofsgebäude und ging in schnellem Schritttempo den Gehsteig entlang. Elise folgte ihm, die Finger fest um den Dolch in ihrer Tasche geschlossen. Draußen im Freien, wo weniger Leute unterwegs waren, hatte das ohrenbetäubende Geplärr ihrer übersinnlichen Wahrnehmung etwas abgenommen, aber die Reizüberflutung im Bahnhof hatte bei ihr Kopfschmerzen ausgelöst, und die waren immer noch da und bohrten sich wie ein stählerner Stachel immer tiefer in ihren Schädel. Elise hielt den Blick fest auf ihre Beute geheftet und wurde schneller, als er in ein Geschäft an der Straße schlüpfte. Sie kam an der Glastür an und spähte an dem aufgemalten FedEx-Logo vorbei, um zu sehen, dass der Lakai dort in der Schalterschlange wartete.

„’tschuldigung“, sagte jemand hinter ihr und schreckte sie mit dem Klang einer realen Stimme statt des Summens gedachter Worte auf, das ihr immer noch den Kopf füllte. „Gehen Sie da jetzt rein oder nicht?“

Während er sprach, drückte der Mann hinter ihr gegen die Tür und hielt sie ihr erwartungsvoll auf. Sie hatte nicht vorgehabt, hineinzugehen, aber jetzt sah alle Welt sie an – auch der Lakai, und wenn sie sich weigerte, würde sie nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Also schlenderte Elise in die hell erleuchtete FedEx-Niederlassung und betrachtete mit demonstrativem Interesse die genormten Versandkisten, die im Schaufenster ausgestellt waren.

Von ihrem Standpunkt am Rand des Raumes sah sie zu, wie der Lakai abwartete, bis er an die Reihe kam. Er war nervös und hatte Gewalt im Sinn, in Gedanken beschimpfte er die Kunden vor ihm in der Schlange. Schließlich trat er an den Schalter und überhörte den Gruß des Angestellten.

„Ich will was abholen, ein Päckchen für Raines.“

Der Angestellte gab etwas in seinen Computer ein und zögerte. „Einen Moment, bitte.“ Er ging in einen Raum im hinteren Bereich der Filiale und kam schon wenig später kopfschüttelnd zurück. „Tut mir leid, ist noch nicht angekommen.“

Der Lakai strahlte eine Welle heißer Wut aus, die sich wie ein Schraubstock um Elises Schläfen presste. „Was soll das heißen, ist noch nicht angekommen?“

„Gestern Abend hat ein Schneesturm große Teile von New York lahmgelegt, deshalb haben sich viele der heutigen Sendungen verspätet …

„Dieser Scheißladen gibt einem doch eine Garantie“, knurrte der Lakai.

„Tut er auch. Wir können Ihnen Ihr Geld zurückerstatten, aber dazu müssen Sie ein Antragsformular ausfüllen …

„Dein Formular kannste dir sonst wo reinstecken, Idiot! Ich brauch dieses Päckchen, und zwar dalli!“

Mein Herr wird mir den Arsch aufreißen, wenn ich nicht mit dieser Lieferung zurückkomme, und wenn ich wegen dir Ärger kriege, Bürschchen, dann komm ich wieder und reiß dir deine gottverdammte Lunge raus!

Von der Bösartigkeit dieser unausgesprochenen Drohung stockte Elise der Atem. Sie wusste, dass die Lakaien nur dafür lebten, denen zu dienen, die sie erschaffen hatten, aber es war immer ein entsetzlicher Schock für sie, zu hören, wie tief ihre Loyalität ging. Ihrer Spezies war nichts heilig. Leben, ob es sich dabei um Menschen handelte oder um Angehörige des Stammes, bedeuteten ihnen nichts. Lakaien waren fast so schlimm wie Rogues, die blutdürstige, kriminelle Splittergruppe des Vampirvolkes.

Der Lakai lehnte sich über den Schalter, die Fäuste neben sich auf den Schaltertresen gestemmt. „Ich brauch dieses Päckchen, Arschloch. Vorher geh ich hier nicht weg.“

Der Angestellte wich zurück, seine Miene war ängstlich geworden. Hektisch griff er nach dem Telefon. „Hören Sie mal, wie ich Ihnen schon erklärt habe, kann ich Ihnen da nicht weiterhelfen. Sie werden einfach morgen wiederkommen müssen. Und jetzt sollten Sie besser gehen, bevor ich die Polizei rufe.“

Du unnützes Stück Scheiße, knurrte der Lakai innerlich. Ich komm morgen wieder, oh ja, das werd ich. Warte nur, bis ich wiederkomme!

„Gibt es ein Problem, Joey?“ Mit geschäftsmäßiger Miene kam ein älterer Mann aus einem der hinteren Räume.

„Ich habe versucht, dem Herrn zu erklären, dass seine Lieferung wegen des Sturms verspätet ist, aber er hört einfach nicht auf. Wo soll ich’s denn herzaubern, soll ich’s mir vielleicht aus dem A–“

„Mein Herr?“ Der Filialleiter fiel seinem Angestellten ins Wort und fixierte den Lakaien mit einem ernsten Blick. „Ich möchte Sie nun höflichst bitten, zu gehen, oder ich werde die Polizei rufen, um Sie hinauszubegleiten.“

Was der Lakai knurrte, war unverständlich, aber bösartig. Er knallte die Faust auf den Schalter, fuhr auf dem Absatz herum und stapfte davon. Als er sich der Tür näherte, an der Elise stand, stieß er an einen Warenständer. Klebebandrollen und luftgepolsterte Versandtaschen ergossen sich auf den Boden. Obwohl Elise einen Schritt zurücktrat, kam der Lakai mit zu viel Schwung auf sie zu. Mit leeren, unmenschlichen Augen starrte er auf sie herunter.

„Aus dem Weg, du Kuh!“

Kaum hatte sie sich bewegt, da pflügte er auch schon an ihr vorbei und auf die Tür zu, die er mit solcher Wucht aufstieß, dass die Scheiben gefährlich klirrten.

„Arschloch“, murmelte einer der Kunden in der Schlange, als der Lakai endlich gegangen war.

Elise spürte, wie sich sofort eine Welle der Erleichterung unter den anderen Kunden ausbreitete. Ein Teil von ihr war auch erleichtert, froh darüber, dass niemand zu Schaden gekommen war. Sie hätte gern noch einen Augenblick in der momentan wohltuend beruhigten Atmosphäre des Ladens gewartet, aber diesen Luxus konnte sie sich nicht leisten. Der Lakai stürmte jetzt über die Straße, und die Dämmerung brach um diese Jahreszeit früh herein.

Ihr blieb höchstens eine halbe Stunde, bevor es dunkel wurde und die Rogues auf Nahrungssuche aus ihren Löchern kamen. Das, was sie tat, war tagsüber schon gefährlich, aber in der Nacht kam es praktisch einem Selbstmord gleich. Einem Lakaien konnte sie beikommen, ihn mit Heimlichkeit und Stahl töten – was sie auch schon des Öfteren getan hatte. Aber wie jeder andere Mensch, ob Frau oder Mann, hatte sie gegen die übernatürliche Kraft der blutsüchtigen Rogues keine Chance.

Elise wappnete sich innerlich gegen das, was sie tun musste, schlüpfte aus der Tür und folgte dem Lakaien die Straße hinauf. Er war wütend, seine Bewegungen abgehackt, im Vorbeigehen rempelte er andere Passanten an und knurrte ihnen Obszönitäten zu. Ein Bombardement mentaler Schmerzen erfüllte ihren Kopf, als sich neue Stimmen dem Höllenlärm zugesellten, der schon in ihrem Kopf dröhnte. Aber Elise hielt weiter Schritt mit ihrer Beute, blieb immer einige Meter hinter ihm, die Augen durch das leise Schneegestöber fest auf seinen bulligen Rücken in der hellgrünen Jacke geheftet. Er bog nach links um ein Eckgebäude und ging in eine schmale Gasse hinein. Jetzt beeilte sich Elise, entschlossen, ihn nicht zu verlieren.

Auf halber Höhe der kleinen Seitenstraße riss er eine verbeulte Stahltür auf und verschwand. Sie schlich sich an das fensterlose Metallviereck heran. Trotz der kühlen Luft schwitzten ihre Handflächen. Seine gewalttätigen Gedanken erfüllten ihren Kopf – mörderische Gedanken, an all die grauenvollen Dinge, die er aus Loyalität zu seinem Herrn und Meister tun würde.

Elise griff in die Jackentasche und zog den Dolch heraus. Sie hielt ihn eng an sich gedrückt, die Klinge einsatzbereit gezückt, aber hinter einer Falte ihres Anoraks verborgen. Mit der freien Hand packte sie den Riegel und zog die unverschlossene Tür auf. Schneeflocken wirbelten ihr voran in den dämmrigen Vorraum, in dem es nach Schimmel und altem Zigarettenrauch stank. Der Lakai stand neben einer Reihe von Briefschlitzen, die Schulter an die Wand gelehnt, während er ein Handy aufklappte, wie sie es alle trugen – die Direktverbindung der Lakaien zu ihrem vampirischen Herrn und Meister.

„Mach die verdammte Tür zu, Schlampe!“, blaffte er, die seelenlosen Augen glitzerten. Er runzelte die Stirn, als sich Elise mit schneller, tödlicher Zielstrebigkeit auf ihn zubewegte. „Was zum Teufel ist …“

Sie trieb ihm den Dolch tief in die Brust. Das Überraschungsmoment war immer einer ihrer größten Vorteile. Seine Wut traf sie wie ein körperlicher Schlag und stieß sie nach hinten, und seine Bösartigkeit drang in sie ein wie Säure, verbrannte ihre Sinne. Elise kämpfte sich durch den psychischen Schmerz und kam wieder so weit zu Bewusstsein, um ihm erneut einen Stoß mit der Klinge zu versetzen. Auf ihrer Hand war plötzlich eine nasse Hitze, sein Blut quoll ihr entgegen, aber sie beachtete es nicht.

Der Lakai keuchte und spuckte, versuchte sie zu packen und fiel schließlich gegen sie. Seine Wunde war tödlich, er verlor so viel Blut, dass sich Elise von dem Anblick und Geruch fast der Magen umdrehte. Sie wand sich unter dem schweren, noch halb stehenden Körper hervor und trat rasch zur Seite, als er ohne Stütze zusammensackte und auf den Boden fiel. Ihr Atem ging keuchend, ihr Herz raste, ihr Kopf platzte fast vor Qual, als das wilde Sperrfeuer seiner Wut in ihrem Kopf nachhallte.

Der Lakai schlug um sich und zischte, als der Tod ihn überwältigte. Dann, endlich, gab er Ruhe.

Endlich Ruhe.

Mit zitternden Fingern nahm Elise sein Handy an sich, das neben ihr auf dem Boden lag, und ließ es in die Jackentasche gleiten. Der Mord hatte sie erschöpft, die vereinte psychische und physische Anstrengung war fast mehr, als sie ertragen konnte. Jedes Mal fiel es ihr schwerer, jedes Mal dauerte es länger, bis sie sich wieder davon erholt hatte. Sie fragte sich, ob sie eines Tages so tief in diesen Abgrund hinuntergleiten würde, dass sie überhaupt nicht mehr herausfand. Vermutlich würde es tatsächlich einmal so weit kommen, dachte sie, aber heute noch nicht. Und solange sie noch einen Atemzug im Körper hatte und der Schmerz ihres Verlustes noch in ihrem Herzen lebendig war, würde sie weiterkämpfen.

„Für Camden“, flüsterte sie und starrte auf den toten Lakaien herunter, während sie den MP3-Player einschaltete, um sich auf ihren Rückweg durch die Stadt nach Hause vorzubereiten. Musik dröhnte und wummerte durch die winzigen Kopfhörer und blendete die Gabe aus, die ihr die Macht gab, die dunkelsten Geheimnisse der menschlichen Seele hören zu können.

Für heute hatte sie genug gehört.

Ihre düstere Mission des Tages beendet, drehte sich Elise um und floh vom Schauplatz des blutigen Gemetzels, das sie angerichtet hatte.

2

Die schwache winterliche Brise führte den Geruch von Blut mit sich. Er war schwach, frisch, ein kupfriges Prickeln in der Nase des Vampirkriegers, der geräuschlos vom Dach eines verdüsterten Gebäudes zum nächsten sprang. Schneeflocken umwirbelten ihn wie schwebende weiße Ascheflocken und breiteten einen Teppich über die Stadt, die sich sechs Stockwerke unter ihm erstreckte.

Tegan kauerte sich am Dachrand nieder und schaute auf das Straßen- und Gassengewirr hinunter, das von geschäftigem Leben pulsierte. Als Mitglied des Ordens – einer kleinen Elitetruppe von Stammesvampiren, die sich dem Kampf gegen ihre verseuchten Brüder, die Rogues, widmeten – war es Tegans allnächtliche Mission, seinen Feinden den Tod zu bringen. Das war etwas, das er mit kalter Effizienz betrieb, eine Fähigkeit, die er in den über sieben Jahrhunderten seiner Existenz zur Perfektion gebracht hatte. Aber tief in seinem Inneren blieb er doch ein Stammesvampir, und es gab keinen Angehörigen seiner Spezies, der den Ruf von frischem menschlichem Blut ignorieren konnte.

Er kräuselte die Lippen und sog die kalte Luft durch die Zähne. Sein Zahnfleisch prickelte, ein Schmerz, der ankündigte, dass sich seine Eckzähne zu Fangzähnen ausfuhren. Seine Sicht schärfte sich übernatürlich, als sich die Pupillen seiner grünen Augen zu dünnen, vertikalen Schlitzen verengten. Der Jagdtrieb – der Urtrieb nach Nahrung – stieg rasch in ihm empor. Es war eine automatische Reaktion, die selbst er mit seiner eisernen Selbstbeherrschung nicht unterdrücken konnte.

Umso schlimmer für ihn als Angehörigen der ersten Vampirgeneration, die auf Erden gezeugt worden war. Die Triebe der Gen-Eins-Vampire – physischer, sexueller oder sonstiger Natur – brannten am stärksten.

Tegan schlich an der Dachkante entlang und sprang dann auf das Dach des niedrigeren Nachbargebäudes hinunter, seine Augen fest auf die Bewegungen der Menschen unten auf der Straße gerichtet, und suchte nach dem verletzten Schaf der Herde. Aber er durchkämmte die Menge nicht nur um seiner eigenen Bedürfnisse willen. Man brauchte nur einen Menschen mit einer offenen Fleischwunde zu finden, und konnte sichergehen, dass sich alle Rogues im Umkreis einer Meile einstellten.

Als er sich nun der Quelle des Blutgeruchs näherte, erkannte er plötzlich, dass der Geruch etwas Abgestandenes an sich hatte. Das Blut war gar nicht frisch, sondern schon mehrere Minuten alt.

Tegan folgte dem metallischen Geruch, und plötzlich fiel sein Blick auf eine kleine, zierliche Gestalt in einem langen Kapuzenanorak, die die Hauptgeschäftsstraße hinaufeilte, am Bahnhof vorbei. Ihr Gang hatte etwas Nervöses, als wollte sie um keinen Preis bemerkt werden, und den Kopf hielt sie tief gesenkt. Jetzt löste sich die Gestalt aus einer Gruppe Passanten und huschte in eine leere Seitenstraße hinein.

„Was zum Teufel hast du wohl angestellt?“, murmelte Tegan und nahm die Verfolgung auf.

Ob es ein Mann oder eine Frau war, ließ sich unter dem langen, gesteppten Anorak nicht erkennen. Wie auch immer, dieser Mensch da unten würde gleich sehr unliebsame Gesellschaft bekommen.

Tegan sah den Rogue einen Augenblick, bevor er aus seinem Versteck hervorgekrochen kam, neben einem Müllcontainer einige Meter vor dem Menschen. Was da unten gesprochen wurde, konnte er nicht hören, aber der drohende Gang und die gelb glühenden Augen des Vampirs deuteten darauf hin, dass er kurz davor stand, den Menschen anzugreifen – und dass er offenbar plante, sich vorher noch etwas mit seiner Beute zu amüsieren. Jetzt kamen von hinten noch zwei weitere Rogues um die Ecke und kreisten ihr Opfer ein.

„Verdammt“, knurrte Tegan und rieb sich das Kinn.

Für den noblen Ehrbegriff des Stammes, der verlangte, dass sich seine Spezies den Menschen gegenüber, die mit ihnen diesen Planeten bewohnten, als unbesungene Helden betätigte, hatte er nie viel übriggehabt. Selbst als Halbmensch, wie auch alle anderen Stammesvampire, hatte Tegan den Ehrgeiz, den Helden zu spielen, schon vor langer Zeit aufgegeben. Dafür hatte er schon zu viel Blutvergießen, zu viel sinnloses Morden und tragische Verluste auf beiden Seiten mit angesehen.

Sein Ziel, jetzt und in den letzten fünfhundert Jahren – seit die einzige Frau, die er je geliebt hatte, brutal gefoltert und ermordet worden war –, war recht einfach: so viele Rogues auszulöschen wie nur irgend möglich oder bei dem Versuch zu sterben. Was zuerst kam, war ihm herzlich egal.

Aber es gab einen alten Teil seines Selbst, der beim Gedanken an schlimme Ungerechtigkeiten, wie sie dort unten auf der Straße eben im Gange waren, immer noch aufbegehrte.

Der Mensch im blutbefleckten Anorak wurde umzingelt. Wie Haie, die ihre Beute einkreisten, kamen die Rogues immer näher heran. Plötzlich hob sich der Kopf unter der Kapuze, fuhr herum und bemerkte die Bedrohung von hinten. Aber es war schon zu spät. Gegen einen Blutsauger in voller Blutgier hatte kein Mensch eine Chance, geschweige denn gegen drei von ihnen.

Mit einem Fluch sprang Tegan auf ein niedrigeres Flachdach über der Gasse und brachte sich in Stellung.

Gerade in dem Moment, als der vorderste Rogue den Menschen ansprang.

Tegan hörte ein scharfes Atemholen – der Schreckenslaut klang eindeutig weiblich. Der Rogue packte die Frau vorne an der Kapuze, schleuderte sie auf den schneebedeckten Asphalt und heulte in wilder Belustigung auf, als sie hart auf dem Boden aufschlug.

„Lieber Himmel“, zischte Tegan und zog eine mächtige Klinge aus der Scheide an seiner Hüfte.

Mit einem gewaltigen Satz sprang er von der Dachkante und landete geschmeidig und tief geduckt auf dem Boden. Die beiden Rogues, die ihm am nächsten standen, trennten sich, einer ging in Deckung, der andere stieß einen Warnschrei aus. Tegan brachte ihn zum Schweigen, indem er dem Blutsauger die titanbeschichtete Stahlklinge über die Kehle zog.

Einige Meter vor ihm in der Gasse lag die Frau auf dem Bauch und versuchte verzweifelt, ihrem Angreifer davonzukriechen. Überrascht bemerkte Tegan, dass auch sie eine Waffe hatte, aber der Rogue bemerkte es ebenfalls und trat sie ihr aus der Hand. Er rammte ihr seinen schweren Stiefel in den Rücken und nagelte sie mit seinem Absatz auf dem Boden fest.

Sofort war Tegan auf ihm. Er riss den Rogue von der Frau herunter, schleuderte den wild aufknurrenden Vampir gegen die Wand des Backsteingebäudes und hielt ihn dort, den Unterarm unter das Kinn des Blutsaugers gerammt.

„Verschwinde!“, rief er der Frau zu, die gerade wieder mühsam auf die Füße kam. „Lauf!“

Sie warf einen angstvollen Blick über die Schulter, und zum ersten Mal konnte Tegan ihr Gesicht sehen, und ein riesiges, veilchenfarbenes Augenpaar. Die Frau starrte ihn über ihren dunklen Strickschal hinweg an, dem es kaum gelang, ihre zarte Schönheit zu verbergen.

Ach du Scheiße!

Er kannte sie.

Sie war nicht einfach irgendeine Menschenfrau. Sie war eine Stammesgefährtin, eine junge Witwe aus einem der Dunklen Häfen, den Vampirreservaten der Stadt. Tegan kannte sie nicht näher. Er hatte sie schon einige Monate nicht gesehen, nicht seit der Nacht, als er sie vom Hauptquartier der Stammeskrieger nach Hause gebracht hatte. Da hatte sie gerade erfahren, dass ihr einziger Sohn zum Rogue mutiert war.

Damals hatte er sie zum letzten Mal gesehen, aber gedacht hatte er seither öfter an sie.

Elise.

Was zur Hölle machte sie hier?

Tegans ausdrucksloser Blick hielt Elise gebannt, der Moment schien sich in die Ewigkeit auszudehnen. Sie sah ein erkennendes Aufblitzen im Blick des Stammeskriegers, fühlte, wie kalte Wut in ihm aufstieg und über die Entfernung auf sie einströmte.

„Tegan“, flüsterte sie, erstaunt zu sehen, dass er es war, der da zu ihrer Rettung kam. Sie hatte den furchterregenden Krieger zum ersten Mal in der Zeit getroffen, als ihr Sohn verschwand. Tegan hatte sie vom Hauptquartier der Stammeskrieger nach Hause begleitet, nachdem sie erfahren hatte, dass Camden zum Rogue geworden war. Er war freundlich zu ihr gewesen, auf der nächtlichen Fahrt zu ihrem Dunklen Hafen, und obwohl sie den Krieger in den vier Monaten, die seither vergangen waren, nicht gesehen hatte, hatte sie sein unerwartetes Mitgefühl nicht vergessen.

Aber davon war momentan nichts zu spüren. Die Kampfeswut hatte sein Gesicht transformiert: Es zeigte die typischen Züge eines Stammesvampirs, mit glänzenden Fangzähnen und wilden Augen, die nicht länger ihre übliche smaragdgrüne Farbe hatten, sondern von hellem, glühendem Bernsteingelb überschwemmt waren und in seinem Schädel brannten wie Zwillingsflammen.

„Lauf!“, rief er wieder, das tiefe, unirdische Knurren seiner Stimme schnitt durch die Musik, die aus ihrem Kopfhörer plärrte. „Verschwinde hier – sofort!“

Diese momentane Unaufmerksamkeit kam ihn teuer zu stehen. Der Rogue, den er vor sich an die Wand gedrückt hielt, verdrehte seinen riesigen Schädel. Sein Maul klaffte, von den riesigen Fangzähnen troff der Speichel, und dann verbiss er sich in Tegans Unterarm, zerfetzte das muskulöse Fleisch des Kriegers. Dieser gab keinen Laut von sich, zeigte weder Schmerz noch Wut, sondern riss nur mit kalter, unerbittlicher Effizienz den anderen Arm hoch und bohrte dem Rogue die Klinge in den Hals. Der verseuchte Vampir fiel leblos zu Boden, seine Leiche begann, sich von innen heraus zu zersetzen, als das Titan seinen verdorbenen Blutkreislauf vergiftete.

Tegan fuhr blitzschnell herum, sein Atem ging keuchend und bildete Wolken in der kalten Luft. „Verdammt noch mal, Frau – lauf!“, brüllte er, gerade als sich der übrig gebliebene Rogue in einem erneuten Angriff auf ihn stürzte.

Und Elise lief los.

Sie schoss aus der Gasse auf die Straße hinaus, rannte so schnell ihre Beine sie trugen. Ihre kleine Mietwohnung war nicht weit entfernt, nur ein paar Häuserblocks hinter dem Bahnhof, aber jetzt kam ihr die Entfernung endlos vor. Sie war erschöpft von den Torturen, die sie an diesem Tag durchgemacht hatte, und zitterte von der Gewalt, die sie gerade in der Gasse miterlebt hatte.

Sie machte sich auch Sorgen um Tegan, obwohl sie sicher war, dass er ihre Besorgnis nicht nötig hatte. Er war ein Ordenskrieger. Wenn man seinem Ruf Glauben schenken konnte, wahrscheinlich der tödlichste von allen. Eine Killermaschine, wie alle sagten, die seinen Namen kannten. Nachdem sie ihn eben in Aktion gesehen hatte, zweifelte Elise keine Sekunde daran.

Nun, da man sie allein in der Stadt entdeckt hatte, konnte sie nur hoffen, dass der Krieger kein Interesse an dem zeigte, was sie tat. Sie konnte nicht erlauben, dass man sie zurück in den Dunklen Hafen brachte, nicht einmal einem so furchterregenden Mann wie Tegan.

Elise rannte den letzten Block zu ihrer Wohnung entlang und die Betontreppe hinauf. Der Haupteingang war normalerweise abgeschlossen, aber vor fünf Wochen hatte jemand das Schloss aufgebrochen, und der Hauswart hatte es noch nicht geschafft, es zu reparieren. Elise drückte die Tür auf, rannte den Korridor entlang zu ihrer Wohnung. Sie schloss den extrastarken Riegel auf, der auf ganzer Breite an die Tür angeschraubt war, schlüpfte hinein und machte sofort alle Lichter an.

Als Nächstes waren Stereoanlage und Fernseher an der Reihe. Beide waren nicht auf einen speziellen Sender eingestellt, liefen aber mit voller Lautstärke. Elise zog die Kopfhörer ihres MP3-Players ab und legte das Gerät auf die angeschlagene gelbe Küchenablage, zusammen mit dem Handy des toten Lakaien. Ihren ruinierten Anorak warf sie neben ihrem Crosstrainer auf den Boden. Als das Licht der nackten Glühbirne, die von der Decke des Wohnschlafzimmers baumelte, die dunkelroten Blutflecken des Lakaien beleuchtete, drehte sich ihr fast der Magen um. Sie hatte es auch an den Händen, ihre Finger waren klebrig von Blut.

Immer noch dröhnte ihr Kopf von der bösen Migräne, die sich stets einstellte, wenn sie ihre Gabe über längere Zeit benutzte. Die Kopfschmerzen waren aber noch nicht so schlimm, wie sie schon bald sein würden. Sie hatte noch Zeit, um sich zu säubern und zu versuchen, ins Bett zu kommen, bevor der schlimmste Anfall über sie hereinbrechen würde.

Elise schleppte sich ins Badezimmer und drehte die Dusche an. Mit zitternden Fingern schnallte sie die Lederscheide von ihrem Oberschenkel und legte sie aufs Waschbecken. Die Scheide war leer. Sie hatte die Titanklinge im Schnee verloren, als der Rogue sie ihr aus der Hand getreten hatte. Aber sie hatte andere. Ein Großteil des Geldes, mit dem sie ihren Dunklen Hafen verlassen hatte, war in Waffen und Trainingsausrüstung geflossen – Dinge, von denen sie nie etwas hatte wissen wollen, die sie jetzt aber als Notwendigkeit betrachtete.

Oh Gott, wie drastisch sich ihr Leben in den letzten vier Monaten verändert hatte.

Nie wieder würde sie in ihr altes Leben, ihr altes Ich zurückkehren können. Tief in ihrem Herzen wusste sie, dass es kein Zurück mehr gab. Die Person, die sie gewesen war, solange sie im Schutz des Stammes gelebt hatte, war verschwunden – tot, so wie ihr geliebter Gefährte und ihr Sohn. Der Schmerz über diese beiden Verluste war zu einem Hochofen geworden, der ihr altes Leben verschlungen und verbrannt hatte wie Zunder. Jetzt war sie der Phönix, der sich aus der Asche erhoben hatte.

Elise sah zum beschlagenen Spiegel auf, in ihren eigenen, gehetzten Blick. Wangen und Kinn waren blutverschmiert, an ihrer Stirn klebte eine Matschkruste – sie sah aus, als trüge sie Kriegsbemalung. In den erschöpften Augen, die sie aus dem Spiegel anstarrten, lag ein wildes Glitzern.

Gott, wie müde sie war. So müde. Aber solange sie noch konnte, würde sie weiterkämpfen. Solange ihr Herz immer noch nach Rache schrie, würde sie ihre Gabe einsetzen, die so lange ihre größte Schwäche gewesen war. Sie würde alle Schwierigkeiten ertragen, jedes Risiko eingehen. Selbst ihre unsterbliche Seele würde sie verkaufen, wenn es sein musste. Was auch immer nötig war, um Gerechtigkeit zu erfahren.

3

Tegan wischte seine blutverschmierte Klinge an der Jacke des toten Rogue ab und beobachtete müßig, wie sich die letzte Leiche in der Gasse in kürzester Zeit auflöste. Diese postmortale Aufräumarbeit hatte Tegan seinen Titanwaffen zu verdanken. Das Metall wirkte sich auf die verseuchte Zellstruktur von Stammesvampiren, die zu Rogues mutiert waren, wie giftige Säure aus. Die drei Leichen zersetzten sich im Schnee, von Fleisch, Knochen und Kleidern blieben auf dem makellosen Weiß nur dunkle Ascheflecken übrig.

Tegan stieß einen Fluch aus, seine Sinne vibrierten immer noch von der Hitze des Kampfes. Seine kampfgeschärften Augen fielen auf das Messer, das Elise bei dem Rogueangriff verloren hatte. Tegan ging hinüber, um die Waffe zu holen.

„Lieber Himmel“, murmelte er, als er die Klinge vom Schnee aufhob. Das war kein mickriger Dolch, den eine Frau zu ihrem Schutz mit sich herumtragen mochte, sondern eine professionelle Waffe. Über fünfzehn Zentimeter lang, mit eingeschliffenen Zacken am oberen Ende der Spitze, und wenn er sich nicht täuschte, war das Metall kein einfacher Karbidstahl, sondern roguefressendes Titan.

Was wieder die Frage aufkommen ließ: Was zum Teufel hatte eine Frau aus den Dunklen Häfen allein, blutbespritzt und mit professionellen Waffen ausgerüstet auf der Straße zu suchen?

Tegan hob den Kopf und witterte, suchte ihren Duft. Er brauchte nicht lange, um ihn zu finden. Seine Sinne waren von der akuten Genauigkeit eines Raubtiers, und der Kampf schärfte sie noch mehr, ließ sie aufleuchten wie Laserstrahlen. Er sog ihren Duft von Heidekraut und Rosen in seine Lungen und ließ sich von ihm tiefer in die Stadt führen.

Die Duftspur verflüchtigte sich bei einer heruntergekommenen Mietskaserne in einem der desolateren Viertel der Stadt, wo die Wohnungen billig waren. Kein Ort, an dem man erwarten konnte, eine Frau aus guter Familie wie Elise zu finden, die in einem Dunklen Hafen aufgewachsen war. Aber ohne jeden Zweifel war sie hier in diesem graffitiüberzogenen Schandfleck aus Ziegeln und Waschbeton, da war er sich ganz sicher.

Er schlich die Treppe hinauf und runzelte die Stirn beim Anblick der schwachen Haustür mit dem aufgebrochenen Schloss. In der Vorhalle scharrten seine Stiefel auf abgetretener, fleckenübersäter Auslegeware, die nach Urin, Dreck und jahrzehntelanger Vernachlässigung stank. Linker Hand führte eine ausgetretene Holztreppe hinauf, aber Elises Duft kam von der Tür am Ende des Korridors im Erdgeschoss.

Tegan ging auf die Wohnungstür zu. Das Wummern von Musik vibrierte in Boden und Wänden, auch einen Fernseher konnte er hören. Es war ein ohrenbetäubendes Bombardement von Hintergrundlärm, der lauter zu werden schien, je mehr er sich Elises Wohnung näherte. Er klopfte an die Tür und wartete.

Nichts geschah.

Wieder klopfte er, schlug hart mit den Knöcheln gegen das schartige Metall. Nichts. Vermutlich konnte sie bei dem Krach in ihrer Wohnung auch gar nichts hören.

Vielleicht sollte er gar nicht hier sein, sich nicht in die Angelegenheiten dieser Frau verwickeln lassen, was auch immer es war, das sie an diesen üblen Ort gebracht hatte. Tegan wusste, dass es ihr seit dem Verschwinden und dem Tod ihres Sohnes ausgesprochen dreckig gegangen war. Camden war von Elises eigenem Schwager Sterling Chase getötet worden, als der Junge in voll ausgebrochenem Blutrausch vor dem Dunklen Hafen aufgetaucht war. Soweit Tegan das mitbekommen hatte, war Camden eben dabei gewesen, Elise anzugreifen, als Chase ihn mit ein paar Titangeschossen niedermähte – direkt vor ihren Augen.

Nur Gott allein konnte wissen, was es in der Frau ausgelöst hatte, den Tod ihres Sohnes mit ansehen zu müssen.

Aber das ging ihn nichts an.

Verdammt, es war nicht sein Problem. Also, warum stand er hier in dieser stinkenden Mietskaserne mit seinem Schwanz in der Hand, und wartete darauf, dass sie kam und ihn reinließ?

Tegan besah sich die zahlreichen Schlösser an der Wohnungstür. Zumindest die funktionierten offenbar, und sie hatte auch die Geistesgegenwart besessen, sie von innen abzuschließen. Aber für einen Stammesvampir von Tegans Macht und Abstammung dauerte es nur zwei Sekunden, sie mit bloßer Willenskraft zu öffnen.

Er schlüpfte in die Wohnung und schloss die Tür wieder hinter sich. Von der Dezibelstärke in der kleinen Einzimmerwohnung platzte ihm fast der Kopf. Stirnrunzelnd sah er sich um, nahm die seltsame Einrichtung in sich auf. Die einzige Möblierung bestand aus einem Futon und einem Bücherregal, in dem eine hochwertige Stereoanlage und ein kleiner Flachbildschirmfernseher standen – beide waren eingeschaltet und plärrten in voller Lautstärke.

Neben dem Futon, in einem Teil des Raumes, wo man normalerweise eine Essecke vermuten würde, standen zwei Fitnessgeräte: ein Stepper und ein Crosstrainer. Daneben lag Elises blutgetränkter Anorak auf dem Boden, und auf dem ramponierten gelben Küchenblock lagen ein Handy und ein MP3-Player. Elises Einrichtungsstil mochte einiges zu wünschen übrig lassen, aber was Tegan am meisten wunderte, war die Wahl ihrer Wandverkleidung.

An allen vier Wänden der Einzimmerwohnung waren unbeholfen akustische Dämmplatten aus Schaumgummi angenagelt – Schallisolierung. Unmengen von dem Zeug bedeckten jeden Quadratzentimeter der Wände, Fenster und sogar die Innenseite der Zimmertür.

„Was zum Teu…“

Im Raum nebenan wurde mit einem abrupten metallischen Quietschen die Dusche abgestellt. Tegan drehte sich zur Tür, die sich einen Augenblick später öffnete. Elise zog einen dicken, weißen Frotteebademantel um sich, als sie den Kopf hob und ihm in die Augen sah. Sie keuchte überrascht auf, fuhr sich mit einer zarten Hand an den Hals.

„Tegan.“ Ihre Stimme war im Höllenlärm der Musik und dem Geplärr des Fernsehers fast nicht zu hören. Sie machte keine Anstalten, sie leiser zu drehen, sondern kam einfach aus dem Badezimmer heraus und blieb in der größtmöglichen Entfernung zu ihm stehen, die in dem engen Zimmer möglich war. „Was machen Sie hier?“

„Das Gleiche könnte ich dich fragen.“ Tegan ließ den Blick in ihrem armseligen Quartier umherschweifen, wenn auch nur, um sie in ihrem praktisch nackten Zustand nicht anzusehen. „Was für eine miese Wohnung du hast. Wer ist dein Innenarchitekt?“

Sie antwortete ihm nicht. Ihre blassen, amethystfarbenen Augen waren unablässig auf ihn gerichtet. So als traute sie ihm nicht, als machte es sie nervös, mit ihm allein zu sein. Wer konnte ihr das verdenken?

Tegan war sich darüber im Klaren, dass die meisten Bewohner der Dunklen Häfen wenig für die Mitglieder des Ordens übrighatten. Die behütete Klasse der Zivilisten, der auch Elise angehörte, hatte ihn schon oft als eiskalten Killer bezeichnet – nicht, dass ihm das etwas ausgemacht hätte, schließlich beruhte sein persönlicher Ruf auf Tatsachen. Aber während ihn nicht die Bohne interessierte, was andere von ihm dachten, ärgerte es ihn doch, dass Elise ihn nun so ängstlich ansah. Als er ihr zuletzt begegnet war, war er ihr gegenüber einfach nur freundlich gewesen, hatte der jungen Witwe Achtung gezollt, aus Respekt vor dem, was sie gerade durchmachte. Dass sie außerdem noch eine atemberaubende Schönheit war, zerbrechlich wie eine Eisblume, hatte durchaus auch damit zu tun.

Etwas von dieser Zerbrechlichkeit hatte sie nun abgelegt, bemerkte Tegan, dem nicht entging, dass die Muskeln an ihren nackten Waden und Armen inzwischen ausgeprägter waren. Ihr Gesicht war immer noch wunderschön, aber nicht mehr so voll, wie er es in Erinnerung hatte. In ihren Augen lag immer noch dieselbe lebhafte Intelligenz, aber sie hatten aufgehört zu strahlen. Die dunklen Ringe unter ihren üppigen Wimpern unterstrichen nur ihre Erschöpfung.

Und ihr Haar … du lieber Himmel, sie hatte sich ihre lange blonde Mähne abgeschnitten. Von der Kaskade von gesponnenem Gold, die ihr früher bis zu den Hüften gefallen war, war nur noch ein stacheliger Schopf übrig geblieben, der ihr in elfenhafter Unordnung um den Kopf stand und das schmale Oval ihres Gesichtes einrahmte.

Sie sah immer noch absolut umwerfend aus, aber auf eine völlig andere Art, als sich Tegan je hätte vorstellen können.

„Du hast da was in der Gasse liegen lassen.“ Er hielt ihr das gefährliche Jagdmesser entgegen. Als sie Anstalten machte, es ihm abzunehmen, zog er es aus ihrer Reichweite. „Was hast du heute Nacht da draußen gemacht, Elise?“

Sie schüttelte den Kopf und sagte etwas, zu leise, als dass er es in dem Höllenkrach, der ihre Wohnung erfüllte, hätte hören können. Ungeduldig schaltete Tegan mit einem mentalen Befehl die Stereoanlage ab und sah schon den Fernseher an, um auch ihn zum Verstummen zu bringen.

„Nein!“ Elise schüttelte den Kopf, verzog schmerzerfüllt das Gesicht und presste die Hände an die Schläfen. „Warten Sie – lassen Sie es an, bitte. Ich brauche … der Lärm tut mir gut.“

Tegan sah sie finster an. Seine Skepsis stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber er ließ den Fernseher an. „Was ist heute Nacht mit dir passiert, Elise?“

Sie blinzelte, ihr Blick verschloss sich, schweigend senkte sie den Kopf.

„Hat dir jemand da draußen wehgetan? Bist du angegriffen worden, noch bevor die Rogues dich in der Gasse entdeckt haben?“

Ihre Antwort ließ lang auf sich warten. „Nein. Ich bin nicht angegriffen worden.“

„Willst du mir erklären, wie all das Blut auf deinen Anorak gekommen ist? Oder warum du in einer Gegend wohnst, wo du es für nötig befindest, diese Art von Ausrüstung mit dir rumzutragen?“

Sie vergrub das Gesicht in den Händen, ihre Stimme war ein raues Flüstern. „Ich will überhaupt nichts erklären. Bitte, Tegan. Ich wünschte, Sie wären nicht hergekommen. Bitte … Sie müssen jetzt gehen.“

Er stieß ein unfreundliches Lachen aus. „Ich hab dir eben deinen kleinen Arsch gerettet, Frau. Da ist es doch nicht zu viel verlangt, dass du mir erklärst, warum das nötig war.“

„Es war ein Fehler. Ich hatte nicht vor, im Dunklen draußen unterwegs zu sein. Ich weiß, wie gefährlich das ist.“ Sie sah auf und zuckte mit einer schmalen Schulter. „Es hat alles nur … etwas länger gedauert als erwartet.“

Was hat länger gedauert?“, fragte er. Ihm gefiel nicht, welche Richtung das Gespräch nahm. „Wir reden hier nicht von einem Einkaufsbummel oder einem Kaffeekränzchen mit Freundinnen, oder?“

Tegans Blick schweifte zurück zur Küchenablage, zu dem ihm wohlvertrauten Modell des Handys, das dort lag. Er runzelte die Stirn, ein Verdacht regte sich in ihm, als er hinging und es aufhob. Von diesen Dingern hatte er in der letzten Zeit eine Menge gesehen. Es war eines dieser Kartenhandys, wie sie von Menschen benutzt wurden, die für die Rogues arbeiteten. Er drehte es um und deaktivierte den eingebauten GPS-Chip.

Tegan wusste, wenn er das Handy mit ins Techniklabor des Hauptquartiers nahm, würde Gideon herausfinden, dass es nur eine einzige, mehrfach verschlüsselte Nummer enthielt, der Code unmöglich zu knacken. Dieses spezielle Handy war mit menschlichem Blut bespritzt. Demselben Zeug, das auch die Vorderseite von Elises Anorak durchtränkte.

„Wo hast du das her, Elise?“

„Ich denke, das wissen Sie“, erwiderte sie, ihre Stimme ruhig, aber trotzig.

Er drehte sich um, um sie anzusehen. „Du hast es einem Lakaien abgenommen? Ganz allein? Du lieber Himmel … wie?“

Sie zuckte mit den Schultern und rieb sich eine Schläfe, als hätte sie Schmerzen. „Ich habe ihn vom Bahnhof aus verfolgt, und als sich eine Gelegenheit bot, habe ich ihn getötet.“

Tegan war ein Mann, den so leicht nichts überraschte. Aber diese Worte aus dem Mund dieser zierlichen jungen Frau trafen ihn mit der Wucht eines Ziegelsteins. „Das kann doch nicht dein Ernst sein.“

Aber es war ihr Ernst. Der Blick, den sie ihm zuwarf, ließ daran keinerlei Zweifel bestehen.

Hinter ihr auf dem Fernsehbildschirm blitzte eine Live-Nachrichtenübertragung auf. Ein Reporter kam ins Bild und berichtete, dass man vor wenigen Minuten das Opfer einer Messerstecherei aufgefunden hatte: „… das Opfer wurde nur zwei Häuserblocks hinter dem Bahnhof gefunden. Die Behörden sprechen mittlerweile von einer Mordserie …

Als die Reportage weiterging und Elise ihn über den Raum hinweg ruhig ansah, begann Tegan zu begreifen, und das Blut in seinen Adern wurde kalt.

„Du?“, fragte er, doch die Antwort wusste er bereits, so unglaublich sie auch war.

Als Elise nicht antwortete, ging Tegan mit wenigen Schritten zu einer Truhe hinüber, die neben dem Futon auf dem Boden stand. Er riss sie auf und fluchte, als sein Blick das umfangreiche Waffenarsenal erfasste: Messer, Handfeuerwaffen und Munition. Vieles davon war noch brandneu, aber die meisten Stücke trugen offensichtliche Gebrauchsspuren.

„Wie lange, Elise? Wann hast du diesen Wahnsinn angefangen?“

Sie starrte ihn an, ihr schmales Kinn entschlossen vorgereckt. „Die Rogues haben meinen Sohn auf dem Gewissen. Sie haben mir alles genommen, was ich je geliebt habe“, sagte sie schließlich. „Ich konnte nicht einfach herumsitzen und nichts tun. Ich werde nicht einfach nur herumsitzen.“

Tegan hörte die Entschlossenheit in ihrer Stimme, aber deshalb war er nicht weniger wütend über das, was hier vorging. „Wie viele?“

Der von heute Abend war mit Sicherheit nicht der Erste gewesen.

Für eine sehr lange Zeit sagte sie nichts. Dann ging sie langsam hinüber zum Bücherregal und kniete sich hin, um einen Plastikcontainer mit Deckel vom untersten Regalbrett hervorzuziehen. Ihren Blick auf Tegan gerichtet, nahm sie den Deckel ab und legte ihn auf den Boden.

In der Plastiktruhe waren die Handys von Lakaien.

Mindestens ein Dutzend von den Dingern.

Tegan ließ sich schwer auf den Futon fallen und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Heiliger Strohsack, Frau. Hast du deinen verdammten Verstand verloren?“

Elise fuhr sich mit der Handfläche über die Stirn, versuchte, das schmerzhafte Pulsieren zu lindern, das in ihrem Kopf anschwoll. Der Migräneanfall kam jetzt schnell, und es war einer von den wirklich üblen. Sie schloss die Augen und hoffte, das Schlimmste abwenden zu können. Schlimm genug, dass sie heute Abend entdeckt worden war; sie brauchte jetzt nicht auch noch die Demütigung eines psychischen Zusammenbruchs, der sie völlig außer Gefecht setzen würde. Ganz zu schweigen davon, dass in ihrem Wohnzimmer ein Stammeskrieger saß, mit dem sie fertig werden musste.

„Hast du auch nur eine Ahnung davon, was du da eigentlich machst?“ Tegans Stimme, obwohl ruhig und außer einer Spur von Ungläubigkeit völlig ausdruckslos, dröhnte in Elises Kopf wie ein Kanonenschuss. Mit der Schachtel voller Handys begann er im hinteren Teil der kleinen Wohnung auf und ab zu gehen. Der Klang seiner schweren Stiefel auf dem schmuddeligen Teppichboden knirschte in ihren Ohren. „Was um alles in der Welt hast du vor, Frau – willst du dich unbedingt umbringen lassen?“

„Das verstehen Sie nicht“, murmelte sie durch das Trommeln des Schmerzes hinter ihren Augen. „Das … können Sie einfach nicht verstehen.“

„Dann erklär’s mir.“ Die Worte waren kurz angebunden und scharf. Der Befehl eines mächtigen Mannes, der Gehorsam gewohnt war.

Langsam richtete sich Elise aus der knienden Position neben dem Regal auf und ging in die andere Zimmerecke hinüber. Jeder Schritt kostete sie Mühe, was sie ihm gegenüber mit aller Kraft zu verbergen versuchte. Erleichterung kam erst, als sie sich mit dem Rücken an die Wand lehnen konnte, um den Halt zu finden, den sie dringend brauchte. Sie sackte gegen die schallisolierte Gipskartonplatte und wünschte sich, Tegan wäre fort, damit sie ungestört zusammenbrechen konnte.

„Das geht nur mich etwas an“, sagte sie und wusste, dass er vermutlich hören konnte, wie schwer ihr inzwischen das Atmen fiel. „Es ist was Persönliches.“

„Verfickt und zugenäht, Elise. Das ist Selbstmord.“

Sie verzog das Gesicht, an obszöne Sprache war sie nicht gewöhnt. Quentin hatte in ihrer Gegenwart nie etwas Kräftigeres geäußert als ein gelegentliches Verdammt, und selbst das nur in außergewöhnlichen Fällen, wenn er frustriert war, über die Agentur oder die restriktive Politik der Dunklen Häfen. Er war in jeder Hinsicht ein perfekter Gentleman gewesen und von sanftem Charakter, obwohl sie wusste, dass er als Stammesvampir über unermessliche Kraft verfügte.

Tegan war ein roher, tödlicher Kontrast zu ihrem toten Gefährten – er war einer von denen, die sie als Mündel der Dunklen Häfen schon von klein auf zu fürchten gelernt hatte. Quentin und die Agentur, die mächtige Verwaltungsinstitution des Stammes, für die er gearbeitet hatte, betrachteten den Orden als gefährliche, unberechenbare, paramilitärische Einheit. Für viele Bewohner der Dunklen Häfen waren die Krieger schlichtweg eine Rotte roher Schlägertypen, die mit einem Fuß noch im Mittelalter standen und ihren Zweck als Verteidiger des Vampirvolkes schon längst überlebt hatten. Sie kannten keine Gnade; manche sagten auch, die Stammeskrieger dachten, dass sie über dem Gesetz ständen. Obwohl Tegan ihr heute Abend das Leben gerettet hatte, konnte sich Elise nicht des Gefühls erwehren, dass sie sich vor ihm in Acht nehmen musste. Als liefe in ihrer Wohnung ein wildes Tier frei herum.

Sie sah zu, wie er seine riesigen Pranken in die Schachtel voller Lakaienhandys grub und hörte das Klappern von Plastik und das Scharren von poliertem Metall, als er ihre Kollektion inspizierte.

„Die GPS-Chips sind schon alle deaktiviert.“ Er warf ihr einen zweifelnden Blick zu. „Du weißt, wie man die ausschaltet?“

Sie nickte schwach. „Ich habe einen Sohn im Teenageralter“, erwiderte sie und verzog das Gesicht, sobald die Worte ihren Mund verlassen hatten. Gott, es kam immer noch automatisch, noch immer dachte sie an ihn, als sei er am Leben. Besonders in Momenten wie diesem, wenn ihr Körper von der Wucht ihrer übersinnlichen Wahrnehmung erschöpft und geschwächt war. „Ich hatte einen Sohn im Teenageralter“, berichtigte sie ruhig. „Camden hatte es nicht gern, wenn ich kontrollieren konnte, wohin er ging, also hat er meistens das GPS an seinem Handy abgeschaltet, wenn er ausging. Ich habe gelernt, wie ich es wieder aktivieren konnte, aber er hat es immer gemerkt und wieder abgeschaltet.“

Tegan machte ein Geräusch hinten in der Kehle, tief und unbestimmt. „Wenn du diese Ortungsgeräte nicht abgestellt hättest, stünden die Chancen gut, dass du inzwischen tot wärst. Extrem gut – todsicher. Derjenige, der die Lakaien gemacht hat, die du gejagt hast, hätte dich gefunden. Und wozu er fähig ist, willst du lieber nicht wissen.“

„Ich habe keine Angst vor dem Tod …

„Tod“, knurrte Tegan und fiel ihr mit einem scharfen Fluch ins Wort. „Der Tod wäre das kleinste deiner Probleme, Frau, das kannst du mir glauben. Vielleicht hattest du Glück mit ein paar unvorsichtigen Lakaien, aber wir sind im Krieg, und du legst dich hier mit Leuten an, die ein paar Nummern zu groß für dich sind. Was heute Abend passiert ist, sollte dir Beweis genug sein.“

„Was heute Abend passiert ist, war ein Fehler, den ich in Zukunft nicht mehr machen werde. Ich bin zu spät am Nachmittag ausgegangen und habe zu lange gebraucht. Nächstes Mal werde ich sichergehen, dass ich vor Einbruch der Dunkelheit fertig und zu Hause bin.“

„Nächstes Mal.“ Tegan bedachte sie mit einem finsteren Blick. „Lieber Himmel, das meinst du wirklich ernst.“

Für einen langen Augenblick starrte der Krieger sie nur an. Seine unbewegten smaragdgrünen Augen verrieten nichts, die Furchen jahrelanger Selbstbeherrschung in seinem Gesicht gaben nichts von seinen Gedanken und Gefühlen preis. Schließlich schüttelte er den struppigen Kopf und drehte sich um, um die Kollektion der Lakaienhandys aufzusammeln. Als er sie in seine Manteltaschen stopfte, ließen seine abgehackten Bewegungen ein beeindruckendes Sortiment von Waffen aufblitzen, die er unter den Falten seines schwarzen Ledermantels trug.

„Was haben Sie vor?“, fragte Elise, als auch das letzte Lakaienhandy in einer seiner tiefen Innentaschen verschwand. „Sie werden mich doch nicht ausliefern, oder?“

„Das sollte ich allerdings, verdammt noch mal.“ Sein harter Blick streifte sie verächtlich. „Aber was du tust, geht mich nichts an, solange du mir nicht in die Quere kommst. Und erwarte nicht, dass dir der Orden auch nächstes Mal zu Hilfe eilt, wenn dir die Situation über den Kopf wächst.“

„Das werde ich nicht. Ich meine, ich … erwarte nichts.“ Sie sah zu, wie er auf die Tür zuging, und spürte eine Welle der Erleichterung darüber, dass sie bald allein sein würde, um gegen die Flutwelle von Schmerz anzukämpfen, die allmählich zu einem Brüllen anschwoll. Als der Krieger die Tür öffnete und in den heruntergekommenen Hausflur hinaustrat, nahm Elise alles zusammen, was noch von ihrer Stimme übrig war. „Tegan, ich danke Ihnen. Das hier ist nur … etwas, das ich tun muss.“

Sie verstummte und dachte an Camden, und all die anderen Jugendlichen aus den Dunklen Häfen, die dem Gift der Rogues verfallen waren und ihr Leben verloren hatten. Selbst Quentins Leben war durch einen Stammesvampir abgekürzt worden, der zum Rogue mutiert war und ihn angefallen hatte, als er gerade mit der Aufsicht der Agentur beschäftigt war.

Elise konnte keines der verlorenen Leben zurückbringen, das wusste sie. Aber jeden Tag, den sie auf der Jagd war, jeder Lakai, den sie eliminierte, bedeutete eine Waffe weniger im Arsenal der Rogues. Der Schmerz, den sie bei dieser Aufgabe ertragen musste, war nichts im Vergleich dazu, was ihr Sohn und seine Freunde hatten erdulden müssen. Der eigentliche Tod bestand für sie darin, zu einem untätigen Leben im Schutz der Dunklen Häfen verdammt zu sein und nichts zu tun, während sich die Straßen vom Blut der Unschuldigen röteten.

Das war es, was sie nicht ertragen konnte.

„Es ist mir wichtig, Tegan. Ich habe ein Versprechen gegeben. Und ich habe vor, es zu halten.“

Er blieb stehen und warf einen ausdruckslosen Blick über die Schulter. „Es ist deine Beerdigung“, sagte er und zog die Wohnungstür hinter sich zu.

4

Tegan warf das letzte von Elises Jagdsouvenirs in einen abgelegenen Abschnitt des Charles River und sah zu, wie sich das dunkle Wasser kräuselte, als das Handy in der Brühe versank. Wie all die anderen, die er und die anderen Krieger auf ihren Patrouillen konfisziert hatten, würden die verschlüsselten Handys dem Orden nichts nützen. Und er würde sie garantiert nicht bei Elise lassen, deaktivierte GPS-Chips hin oder her.

Himmel, er konnte nicht glauben, was sich diese Frau geleistet hatte. Noch unglaublicher war, dass ihre verrückte Vendetta schon Wochen, wenn nicht Monate dauerte. Offensichtlich hatte ihr Schwager keine Ahnung davon, oder der ehemalige Musteragent der Dunklen Häfen hätte der Sache schnell ein Ende bereitet. Jeder Angehörige des Ordens wusste, dass Sterling Chase einst tiefere Gefühle für die Witwe seines Bruders gehegt hatte – und daran hatte sich seither vermutlich nichts geändert. Nicht, dass es Tegan etwas anging. Genauso wenig wie die Tatsache, dass sich Elise offensichtlich den Tod wünschte.

Tegan rammte die Hände in die Taschen seines offen stehenden Ledermantels und ging zur Straße zurück, sein Atem verließ seine Lippen in einer Dampfwolke. Wieder einmal schneite es in Boston. Ein stürmischer Vorhang feiner weißer Flocken fiel auf die Stadt herunter, die schon seit Wochen in eisiger Winterstarre lag. Der Winter in diesem Jahr war ungewöhnlich kalt. Tegan wusste, dass die Lufttemperatur weit unter Null lag, aber er spürte die Kälte nicht. Er konnte sich kaum daran erinnern, wann er sich das letzte Mal in irgendeiner Weise körperlich unwohl gefühlt hatte. Das letzte Mal, dass er Freude empfunden hatte, war sogar noch länger her.

Zur Hölle, wann war es gewesen, dass er das letzte Mal auch nur irgendetwas empfunden hatte?

Er erinnerte sich an Schmerz.

Und an Verlust, die Wut, die ihn einst verzehrt hatte … vor langer, langer Zeit.

Er erinnerte sich an Sorcha und wie sehr er sie geliebt hatte. Daran, wie süß und unschuldig sie gewesen war, und wie unendlich sie ihm vertraut hatte; darauf, dass sie bei ihm in Sicherheit war, dass er sie beschützte.

Gott, wie sehr er sie im Stich gelassen hatte! Er würde nie vergessen, was ihr angetan worden war, wie grausam man sie misshandelt hatte. Um den Schlag zu überleben, den ihr Tod ihm versetzt hatte, hatte er gelernt, seinen Kummer und seine rohe Wut von sich abzuspalten. Aber vergessen konnte er nie, und er würde niemals vergeben.

Nach über fünfhundert Jahren, die er nun schon Rogues abschlachtete, war ihm noch nicht annähernd gelungen, diese alte Rechnung zu begleichen.

Etwas von demselben Kummer hatte er heute Abend in Elises Augen gesehen. Etwas, das sie mehr geliebt hatte als ihr Leben, war ihr genommen worden, und sie wollte Gerechtigkeit. Was sie bekommen würde, war der Tod. Wenn ihr Umgang mit den Rogues und deren menschlichen, mental gesteuerten Sklaven sie nicht umbrachte, würde es die Schwäche ihres Körpers tun. Elise hatte versucht, ihre Erschöpfung vor ihm zu verbergen, aber sie war Tegan trotzdem nicht entgangen. Die Abgespanntheit, die er in ihr sah, ging tiefer als reine körperliche Erschöpfung, obwohl er mit einem Blick auf ihre ausgezehrte Gestalt sehen konnte, dass sie sich vernachlässigte, seit sie ihren Dunklen Hafen verlassen hatte – vielleicht auch schon länger. Und was sollte die Schallisolierung, die sie an die Wände ihrer Behausung genagelt hatte?

Scheiße. Kann mir doch egal sein.

Es ging ihn wirklich überhaupt nichts an, erinnerte er sich, als er auf das geheime Hauptquartier des Ordens zutrottete, das etwas außerhalb der Stadt lag. Das alte, aus Ziegeln und Kalksteinblöcken erbaute Herrenhaus und die umliegenden weitläufigen Ländereien waren von einem hohen, elektrischen Sicherheitszaun und einem massiven Eisentor umgeben, die mit Kameras und Bewegungsmeldern ausgerüstet waren. Es hatte noch nie jemand auch nur annähernd geschafft, dort einzubrechen.

Nur sehr wenige Angehörige der Vampirbevölkerung wussten, wo genau sich dieser Ort befand. Und diejenigen, die ihn kannten, waren sich im Klaren darüber, dass das Anwesen im Besitz des Ordens war, und klug genug, sich fernzuhalten, es sei denn, sie bekamen eine direkte Einladung. Was die Menschen anging, waren die vierzehntausend Volt völlig ausreichend, um Neugierige fernzuhalten. Die von der dümmeren Sorte kamen nach dem Kontakt mit der Einzäunung entweder halb gegrillt wieder zu sich oder hatten einen monstermäßigen Kater, nachdem die Krieger ihnen das Gedächtnis gesäubert hatten – keine dieser Optionen war besonders angenehm, allerdings waren beide äußerst effektiv.

Tegan tippte seinen Zugangscode in den verborgenen Ziffernblock der Schließanlage neben dem Tor und schlüpfte hinein, als die schweren eisernen Torflügel sich teilten, um ihn durchzulassen.

Sobald er im Inneren war, verließ er die lange, asphaltierte Auffahrt und ging querfeldein durch das bewaldete Grundstück. Etwa siebzig Meter vor ihm konnte er durch das schneebedeckte Fichtendickicht schwach die Lichter des Anwesens sehen. Obwohl sich das wahre Hauptquartier der Krieger unterirdisch, unter dem neogotischen Prachtbau befand, war es durchaus üblich, dass einer oder mehrere Krieger und ihre Gefährtinnen das Haus abends für Abendessen oder gesellige Anlässe benutzten.

Aber wer auch immer heute Abend dort war, hatte alles andere als angenehmen Zeitvertreib im Sinn.

Als sich Tegan dem Gebäude näherte, hörte er ein wildes, animalisches Brüllen, gefolgt vom Geräusch splitternden Glases.

„Was zum …

Wieder ertönte ein lautes Krachen, noch ungestümer als das erste Mal. Das Geräusch kam offenbar aus dem opulenten Foyer des Herrenhauses. Es klang, als schlüge dort jemand – oder etwas – alles kurz und klein. Tegan sprang die Marmortreppe zum Haupteingang hinauf und drückte gegen das verwitterte, schwarz lackierte Holz, eine Klinge in der Faust. Als er hineinging, knirschten seine Stiefel auf einem Teppich von Porzellan- und Glasscherben.

„Du lieber Himmel“, murmelte er und sah sich nach dem Verursacher der Zerstörung um.

An eine antike Kredenz in der Mitte des gefliesten Foyers gelehnt stand ein Krieger, seine vernarbten, olivbraunen Hände auf die mit Schnitzereien verzierten Kanten des Möbelstücks gestützt, als ob das allein ihn aufrecht hielt. Er war völlig durchnässt, sein Oberkörper nackt und er trug nur eine lose, graue Baumwolltrainingshose, die aussah, als wäre er eben erst hastig hineingefahren. Sein dunkler Kopf hing tief herunter, lange, espressofarbene Haarsträhnen hingen ihm übers Gesicht, glatt und glänzend vor Nässe. Die Dermaglyphen, die sich über seine nackte Brust und Schultern zogen, waren von intensiver Farbe, das komplizierte Muster der Stammeszeichen pulsierte wütend auf seiner Haut.

Tegan ließ seine Waffe sinken und hielt die Klinge mit der Hand verdeckt, bis er sie wieder in die Scheide gesteckt hatte. „Alles klar, Rio?“

Der Krieger stieß ein tiefes, kehliges Knurren aus, weniger Begrüßung als ein Nachbeben seines Wutanfalls. Wasser rann an ihm herunter und sammelte sich zu einer Pfütze um seine nackten Füße und die verstreuten Scherben einer unbezahlbaren Limoges-Schüssel, die er eben von der Kredenz gefegt hatte. Die Oberfläche des Mahagonischrankes war von Glasscherben bedeckt; den Spiegel im vergoldeten Stuckrahmen, der über der Kredenz an der Wand hing, hatten die blutigen Fingerknöchel von Rios rechter Hand in Stücke geschmettert.

„So spät noch am Umdekorieren, alter Junge?“ Tegan ging näher an ihn heran, die Augen fest auf den wutverkrampften, muskulösen Körper des Kriegers gerichtet. „Wenn es dich tröstet, für diesen französischen Schickimickischeiß hatte ich auch noch nie was übrig.“

Rio stieß einen rauen, bebenden Atemzug aus und warf dann den Kopf herum, um Tegan anzusehen. In seinen topasfarbenen Augen lag immer noch ein bernsteingelber Schimmer, ihr Licht fuhr durch den dunklen Vorhang seines Haares und strahlte die Hitze des Wahnsinns ab, der nach wie vor in ihm brodelte. Zwischen seinen geöffneten Lippen schimmerte der knochenweiße Glanz seiner voll ausgefahrenen Fangzähne, als er die Luft durch die Zähne sog.

Tegan wusste, dass es nicht Blutgier war, die die wilde Seite des Kriegers ausgelöst hatte. Es war Wut. Und Gewissensbisse. Ihr metallischer Geschmack erfüllte die Luft, strahlte in heißen Wellen von Rio ab.

„Ich hätte sie töten können“, keuchte er mit einer heiseren, gequälten Stimme, die so gar nichts mit dem üblichen weichen Bariton des Spaniers gemein hatte. „Ich musste da sofort raus, pronto. Irgendwie bin ich plötzlich … ausgetickt, verdammt noch mal.“ Mit einem raubtierhaften Zischen holte er keuchend Luft. „Scheiße, Tegan … ich wollte – musste – jemandem wehtun.“

Jeder andere wäre von diesen Worten wohl beunruhigt gewesen, doch Tegan beobachtete Rio nur ruhig, betrachtete mit zusammengekniffenen Augen die von Brandnarben und Splitterwunden verunstaltete linke Seite von Rios Gesicht, die zwischen den nassen Haarsträhnen hervorschimmerte. Es war nicht viel übrig von dem gut aussehenden, kultivierten Mann, der einst das entspannteste Mitglied des Ordens gewesen war, immer einen Scherz oder ein Lächeln auf den Lippen. Die Explosion, die er im letzten Sommer knapp überlebt hatte, hatte ihm sein gutes Aussehen für immer genommen, und die Enthüllung, dass es seine eigene Stammesgefährtin Eva gewesen war, die ihn verraten und in den tödlichen Hinterhalt gelockt hatte, hatte ihm den Rest gegeben.

Madre de Dios“, flüsterte Rio heiser. „Keiner sollte in meiner Nähe sein. Ich verliere meinen verdammten Verstand! Was, wenn ich … Cristo, was, wenn ich ihr etwas antue? Tegan, was, wenn ich ihr wehtue?“

Tegans Sinne wurden auf der Stelle in Alarmbereitschaft versetzt. Der Krieger redete nicht von Eva. Sie hatte sich selbst gerichtet, an dem Tag, als ihr Verrat entdeckt worden war. Die einzige andere Frau, mit der Rio jetzt regelmäßigen Kontakt hatte, war Tess, Dantes Gefährtin. Seit ihrer Ankunft im Hauptquartier vor einigen Monaten hatte Tess mit Rio gearbeitet. Sie setzte ihre Gabe der heilenden Berührung ein, um seinen zerschmetterten Körper zu heilen, so gut sie konnte, und versuchte, ihm zu helfen, sich von den körperlichen und seelischen Blessuren zu erholen, die er bei seinem Unfall davongetragen hatte.

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